Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein

Grundsatz der Diätetik.

 

Auf Gemächlichkeit muß die Diätetik nicht berechnet werden; denn diese

Schonung seiner Kräfte und Gefühle ist Verzärtelung, d. i. sie hat Schwäche und

Kraftlosigkeit zur Folge und ein allmähliches Erlöschen der Lebenskraft, aus

Mangel der Übung; sowie eine Erschöpfung derselben durch zu häufigen und

starken Gebrauch derselben. Der Stoizismus, als Prinzip der Diätetik (sustine et

abstine), gehört also nicht bloß zur praktischen Philosophie als Tugendlehre,

sondern auch zu ihr als Heilkunde. Diese ist alsdann philosophisch, wenn bloß

die Macht der Vernunft im Menschen, über seine sinnlichen Gefühle durch einen

sich selbst gegebenen Grundsatz Meister zu sein, die Lebensweise bestimmt.

Dagegen, wenn sie diese Empfindungen zu erregen oder abzuwehren die Hilfe

außer sich in körperlichen Mitteln (der Apotheke, oder der Chirurgie) sucht, sie

bloß empirisch und mechanisch ist.

Die Wärme, der Schlaf, die sorgfältige Pflege des nicht Kranken sind solche

Verwöhnungen der Gemächlichkeit.

1) Ich kann, der Erfahrung an mir selbst gemäß, der Vorschrift nicht

beistimmen: »man soll Kopf und Füße warm halten«(3). Ich finde es dagegen

geratener beide kalt zu halten (wozu die Russen auch die Brust zählen); gerade

der Sorgfalt wegen, um mich nicht zu verkälten. – Es ist freilich gemächlicher

im laulichen Wasser sich die Füße zu waschen, als es zur Winterszeit mit

beinahe eiskaltem zu thun; dafür aber entgeht man dem Übel der Erschlaffung

der Blutgefäße in so weit vom Herzen entlegenen Teilen, welches im Alter oft

eine nicht mehr zu hebende Krankheit der Füße nach sich zieht. – Den Bauch,

vornehmlich bei kalter Witterung, warm zu halten, möchte eher zur diätetischen

Vorschrift statt der Gemächlichkeit gehören; weil er Gedärme in sich schließt,

die einen langen Gang hindurch einen nicht flüssigen Stoff forttreiben sollen,

wozu der sogenannte Schmachtriemen (ein breites, den Unterleib haltendes und

die Muskeln desselben unterstützendes Band) bei Alten, aber eigentlich nicht der

Wärme wegen, gehört.

2) Lange oder (wiederholentlich, durch Mittagsruhe) viel schlafen ist freilich ebensoviel Ersparnis am Ungemache, was überhaupt das Leben im Wachen

unvermeidlich bei sich führt, und es ist wunderlich genug sich ein langes Leben

zu wünschen, um es größtenteils zu verschlafen. Aber das, worauf es hier

eigentlich ankömmt, dieses vermeinte Mittel des langen Lebens, die

Gemächlichkeit, widerspricht sich in seiner Absicht selbst. Denn das wechselnde

Erwachen und wieder Einschlummern in langen Winternächten ist für das ganze

Nervensystem lähmend, zermalmend und in täuschender Ruhe krafterschöpfend:

mithin die Gemächlichkeit hier eine Ursache der Verkürzung des Lebens. – Das

Bett ist das Nest einer Menge von Krankheiten.

3) Im Alter sich zu pflegen oder pflegen zu lassen, bloß um seine Kräfte,

durch die Vermeidung der Ungemächlichkeit (z. B. des Ausgehens in

schlimmem Wetter) oder überhaupt die Übertragung der Arbeit an andere, die

man selbst verrichten könnte, zu schonen, so aber das Leben zu verlängern, diese

Sorgfalt bewirkt gerade das Widerspiel, nämlich das frühe Altwerden und

Verkürzung des Lebens. – – Auch daß sehr alt gewordene mehrenteils

verehelichte(4) Personen gewesen wären, möchte schwer zu beweisen sein(5). –

In einigen Familien ist das Altwerden erblich, und die Paarung in einer solchen

kann wohl einen Familienschlag dieser Art begründen. Es ist auch kein übles

politisches Prinzip zu Beförderung der Ehen, das gepaarte Leben als ein langes

Leben anzupreisen; obgleich die Erfahrung immer verhältnisweise nur wenig

Beispiele davon an die Hand gibt, von solchen, die nebeneinander vorzüglich alt

geworden sind; aber die Frage ist hier nur vom physiologischen Grunde des

Altwerdens, – wie es die Natur verfügt, nicht vom politischen, wie die

Konvenienz des Staats die öffentliche Meinung seiner Absicht gemäß gestimmt

zu sein verlangt.

Übrigens ist das Philosophieren, ohne darum eben Philosoph zu sein, auch

ein Mittel der Abwehrung mancher unangenehmer Gefühle, und doch zugleich

Agitation des Gemüts, welches in seine Beschäftigung ein Interesse bringt, das

von äußern Zufälligkeiten unabhängig und ebendarum, obgleich nur als Spiel,

dennoch kräftig und inniglich ist und die Lebenskraft nicht stocken läßt.

Dagegen Philosophie, die ihr Interesse am Ganzen des Endzwecks der Vernunft

– der eine absolute Einheit ist – hat, ein Gefühl der Kraft bei sich führt, welches

die körperlichen Schwächen des Alters in gewissem Maße durch vernünftige

Schätzung des Werts des Lebens wohl vergüten kann. – Aber neu sich

eröffnende Aussichten zur Erweiterung seiner Erkenntnisse, wenn sie auch

gerade nicht zur Philosophie gehörten, leisten doch auch ebendasselbe, oder

etwas dem Ähnliches; und, sofern der Mathematiker hieran ein unmittelbares Interesse (nicht als an einem Werkzeuge zu anderer Absicht) nimmt, so ist er

insofern auch Philosoph und genießt die Wohlthätigkeit einer solchen

Erregungsart seiner Kräfte in einem verjüngten und ohne Erschöpfung

verlängerten Leben.

Aber auch bloße Tändeleien in einem sorgenfreien Zustande leisten, als

Surrogate, bei eingeschränkten Köpfen fast ebendasselbe, und, die mit

Nichtsthun immer vollauf zu thun haben, werden gemeiniglich auch alt. – Ein

sehr bejahrter Mann fand dabei ein großes Interesse, daß die vielen Stutzuhren in

seinem Zimmer immer nacheinander, keine mit der andern zugleich, schlagen

mußten; welches ihn und den Uhrmacher den Tag über genug beschäftigte, und

dem letztern zu verdienen gab. Ein anderer fand in der Abfütterung und Kur

seiner Sangvögel hinreichende Beschäftigung, um die Zeit zwischen seiner

eigenen Abfütterung und dem Schlaf auszufüllen. Eine alte begüterte Frau fand

diese Ausfüllung am Spinnrade, unter dabei eingemischten unbedeutenden

Gesprächen, und klagte daher in ihrem sehr hohen Alter, gleich als über den

Verlust einer guten Gesellschaft, daß, da sie nunmehr den Faden zwischen den

Fingern nicht mehr fühlen konnte, sie für Langerweile zu sterben Gefahr liefe.

Doch, damit mein Diskurs über das lange Leben Ihnen nicht auch

Langeweile mache und ebendadurch gefährlich werde, will ich der

Sprachseligkeit, die man als einen Fehler des Alters zu belächeln, wenngleich

nicht zu schelten pflegt, hiemit Grenzen setzen.