Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein

Denkgeschäft – Alter.

 

Krankhafte Zufälle, in Ansehung deren das Gemüt das Vermögen besitzt, des

Gefühls derselben durch den bloßen standhaften Willen des Menschen, als einer

Obermacht des vernünftigen Tieres, Meister werden zu können, sind alle von der

spastischen (krampfhaften) Art: man kann aber nicht umgekehrt sagen, daß alle

von dieser Art durch den bloßen festen Vorsatz gehemmet oder gehoben werden

können. – Denn einige derselben sind von der Beschaffenheit, daß die Versuche

sie der Kraft des Vorsatzes zu unterwerfen, das krampfhafte Leiden vielmehr

noch verstärken: wie es der Fall mit mir selber ist, da diejenige Krankheit,

welche vor etwa einem Jahr in der Kopenhagener Zeitung als »epidemischer, mit

Kopfbedrückung verbundener Katarrh« beschrieben wurde(13) (bei mir aber

wohl ein Jahr älter aber doch von ähnlicher Empfindung ist) mich für eigene

Kopfarbeiten gleichsam desorganisiert, wenigstens geschwächt und stumpf

gemacht hat, und, da sich diese Bedrückung auf die natürliche Schwäche des

Alters geworfen hat, wohl nicht anders als mit dem Leben zugleich aufhören

wird.

Die krankhafte Beschaffenheit des Patienten, die das Denken, insofern es ein

Festhalten eines Begriffs – der Einheit des Bewußtseins verbundener

Vorstellungen – ist, begleitet und erschwert, bringt das Gefühl eines spastischen

Zustandes des Organs des Denkens (des Gehirns) als eines Drucks hervor, der

zwar das Denken und Nachdenken selbst ingleichen das Gedächtnis in Ansehung

des ehedem Gedachten eigentlich nicht schwächt, aber im Vortrage (dem

mündlichen oder schriftlichen) das feste Zusammenhalten der Vorstellungen in

ihrer Zeitfolge wider Zerstreuung sichern soll, und bewirkt selbst einen

unwillkürlichen spastischen Zustand des Gehirns, als ein Unvermögen, bei dem

Wechsel der aufeinander folgenden Vorstellungen die Einheit des Bewußtseins

derselben zu erhalten. Daher begegnet es mir, daß, wenn ich, wie es in jeder

Rede jederzeit geschieht, zuerst zu dem, was ich sagen will, den Hörer oder

Leser vorbereite, ihm den Gegenstand, wohin ich gehen will, in der Aussicht,

dann ihn auch auf das, wovon ich ausgegangen bin, zurückgewiesen habe – ohne welche zwei Hinweisungen kein Zusammenhang der Rede stattfindet – und ich

nun das letztere mit dem ersteren verknüpfen soll, ich auf einmal meinen

Zuhörer, oder stillschweigend mich selbst, fragen muß: Wo war ich doch?

Wovon ging ich aus? Welcher Fehler nicht sowohl ein Fehler des Geistes, noch

des Gedächtnisses allein, sondern der Geistesgegenwart (im Verknüpfen), d. i.

unwillkürliche Zerstreuung, und ein sehr peinigender Fehler ist, dem man zwar

in Schriften – zumal den philosophischen, weil man da nicht immer so leicht

zurücksehen kann, von wo man ausging – mühsam vorbeugen, aber mit aller

Mühe nie völlig vergüten kann.

Mit dem Mathematiker, der seine Begriffe, oder die Stellvertreter derselben

(Größen- und Zahlenzeichen), in der Anschauung vor sich hinstellen und, daß,

soweit er gegangen ist, alles richtig sei, versichert sein kann, ist es anders

bewandt als mit dem Arbeiter im Fache der, vornehmlich reinen, Philosophie

(Logik und Metaphysik), der seinen Gegenstand in der Luft vor sich schwebend

erhalten muß, und ihn nicht bloß teilweise, sondern jederzeit zugleich in einem

Ganzen des Systems (d. r. V.), sich darstellen und prüfen muß. Daher es eben

nicht zu verwundern ist, wenn ein Metaphysiker eher invalid wird als der

Studierende in einem anderen Fache, ingleichen als Geschäftsphilosophen;

indessen daß es doch einige derer geben muß, die sich jenem ganz widmen, weil

ohne Metaphysik überhaupt es gar keine Philosophie geben könnte.

Hieraus ist auch zu erklären, wie jemand für sein Alter gesund zu sein sich

rühmen kann, ob er zwar in Ansehung gewisser ihm obliegenden Geschäfte sich

in die Krankenliste müßte einschreiben lassen. Denn, weil das Unvermögen

zugleich den Gebrauch und mit diesem auch den Verbrauch und die Erschöpfung

der Lebenskraft abhält, und er gleichsam nur in einer niedrigeren Stufe (als

vegetierendes Wesen) zu leben gesteht, nämlich essen, sehen und schlafen zu

können, was für seine animalische Existenz gesund, für die bürgerliche (zu

öffentlichen Geschäften verpflichtete) Existenz aber krank, d. i. invalid, heißt: so

widerspricht sich dieser Kandidat des Todes hiemit gar nicht.

Dahin führt die Kunst das menschliche Leben zu verlängern: daß man

endlich unter den Lebenden nur so geduldet wird, welches eben nicht die

ergötzlichste Lage ist(14).

Hieran aber habe ich selber schuld. Denn warum will ich auch der

hinanstrebenden jüngeren Welt nicht Platz machen und um zu leben mir den

gewöhnten Genuß des Lebens schmälern: warum ein schwächliches Leben durch

Entsagungen in ungewöhnliche Länge ziehen, die Sterbelisten, in denen doch auf

den Zuschnitt der von Natur schwächeren und ihre mutmaßliche Lebensdauer mit gerechnet ist, durch mein Beispiel in Verwirrung bringen, und das alles, was

man sonst Schicksal nannte (dem man sich demütig und andächtig unterwarf),

dem eigenen festen Vorsatze unterwerfen; welcher doch schwerlich zur

allgemeinen diätetischen Regel, nach welcher die Vernunft unmittelbar Heilkraft

ausübt, aufgenommen werden und die therapeutische Formeln der Offizin jemals

verdrängen wird?