Von der Macht des Gemüts, durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein
Von der Hypochondrie.
Die Schwäche, sich seinen krankhaften Gefühlen überhaupt, ohne ein
bestimmtes Objekt, mutlos zu überlassen – mithin ohne den Versuch zu machen,
über sie durch die Vernunft Meister zu werden – die Grillenkrankheit
(hypochondria vaga(6)), welche gar keinen bestimmten Sitz im Körper hat und
ein Geschöpf der Einbildungskraft ist und daher auch die dichtende heißen
könnte – wo der Patient alle Krankheiten, von denen er in Büchern liest, an sich
zu bemerken glaubt, – ist das gerade Widerspiel jenes Vermögens des Gemüts
über seine krankhaften Gefühle Meister zu sein, nämlich Verzagtheit, über Übel,
welche Menschen zustoßen könnten, zu brüten, ohne, wenn sie kämen, ihnen
widerstehen zu können; eine Art von Wahnsinn, welchem freilich wohl irgend
ein Krankheitsstoff (Blähung oder Verstopfung) zum Grunde liegen mag, der
aber nicht unmittelbar, wie er den Sinn affiziert, gefühlt, sondern als
bevorstehendes Übel von der dichtenden Einbildungskraft vorgespiegelt wird;
wo dann der Selbstquäler (Heautontimorumenos), statt sich selbst zu ermannen,
vergeblich die Hilfe des Arztes aufruft; weil nur er selbst, durch die Diätetik
seines Gedankenspiels, belästigende Vorstellungen, die sich unwillkührlich
einfinden, und zwar von Übeln, wider die sich doch nichts veranstalten ließe,
wenn sie sich wirklich einstellten, aufheben kann. – Von dem, der mit dieser
Krankheit behaftet, und solange er es ist, kann man nicht verlangen, er solle
seiner krankhaften Gefühle durch den bloßen Vorsatz Meister werden. Denn,
wenn er dieses könnte, so wäre er nicht hypochondrisch. Ein vernünftiger
Mensch statuiert keine solche Hypochondrie: sondern, wenn ihm
Beängstigungen anwandeln, die in Grillen, d. i. selbst ausgedachte Übel,
ausschlagen wollen, so fragt er sich, ob ein Objekt derselben da sei. Findet er
keines, welches gegründete Ursache zu dieser Beängstigung abgeben kann, oder
sieht er ein, daß, wenn auch gleich ein solches wirklich wäre, doch dabei nichts
zu thun möglich sei, um seine Wirkung abzuwenden, so geht er mit diesem
Anspruche seines inneren Gefühls zur Tagesordnung, d. i. er läßt seine
Beklommenheit (welche alsdann bloß topisch ist) an ihrer Stelle liegen (als ob sie ihn nichts anginge) und richtet seine Aufmerksamkeit auf die Geschäfte, mit
denen er zu thun hat.
Ich habe wegen meiner flachen und engen Brust, die für die Bewegung des
Herzens und der Lunge wenig Spielraum läßt, eine natürliche Anlage zur
Hypochondrie, welche in früheren Jahren bis an den Überdruß des Lebens
grenzte. Aber die Überlegung, daß die Ursache dieser Herzbeklemmung
vielleicht bloß mechanisch und nicht zu heben sei, brachte es bald dahin, daß ich
mich an sie gar nicht kehrte, und während dessen, daß ich mich in der Brust
beklommen fühlte, im Kopfe doch Ruhe und Heiterkeit herrschte, die sich auch
in der Gesellschaft, nicht nach abwechselnden Launen (wie Hypochondrische
pflegen), sondern absichtlich und natürlich mitzuteilen nicht ermangelte. Und da
man des Lebens mehr froh wird durch das, was man im freien Gebrauch
desselben thut, als was man genießt, so können Geistesarbeiten eine andere Art
von befördertem Lebensgefühl den Hemmungen entgegensetzen, welche bloß
den Körper angehen. Die Beklemmung ist mir geblieben; denn ihre Ursache liegt
in meinem körperlichen Bau. Aber über ihren Einfluß auf meine Gedanken und
Handlungen bin ich Meister geworden, durch Abkehrung der Aufmerksamkeit
von diesem Gefühle, als ob es mich gar nicht anginge(7).