Walther von der Vogelweide

Ludwig Uhland · Kapitel 9 von 12

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Walther von der Vogelweide

Siebenter Abschnitt. Walthers Kunst und Kunstgenossen. Nithart. Der Meissner. Reinmar. Walthers Standpunkt in der Geschichte der deutschen Dichtkunst.

S i e b e n t e r A b s c h n i t t .

 

Walthers Kunst und Kunstgenossen. Nithart.

Der Meissner. Reinmar. Walthers Standpunkt

in der Geschichte der deutschen Dichtkunst.

 

Wie sehr Walther von der Vogelweide seiner Kunst wegen von den

Zeitgenossen geschätzt war, beweist nicht bloß die Gunst, der er sich von den

angesehensten Fürsten, zumal demjenigen, der, auch dem Geiste nach, vor allen

glänzte, von Kaiser Friedrich II., zu erfreuen hatte; auch die gleichzeitigen

Meister des Gesanges zollen ihm hohe Achtung.

 

Dem gepriesenen W o l f r a m von E s c h e n b a c h ist er wohl bekannt, wie

wir bereits aus einer Stelle des P a r c i f a l ersehen haben, in welcher ein jetzt

verlorenes Lied von ihm angeführt ist. Im T i t u r e l , woselbst Walther als einer

der h o h e n M e i s t e r genannt wird[53], und im W i l h e l m v o n O r l e a n s

des R u d o l f von E m s [54] ist gleichfalls auf Aussprüche von ihm Bezug

genommen. Der Rolle, die er im Kriege auf Wartburg spielt, haben wir erwähnt.

 

Meister G o t t f r i e d von S t r a ß b u r g , der selbst als ein feiner

Hauptschmidt güldene Gedichte wirkte[55], hat in der Stelle seines T r i s t a n ,

welche von den deutschen Dichtern handelt, auch den unsrigen verherrlicht. Die

Liederdichter vergleicht er mit Nachtigallen, die ihre süße Sommerweise singen.

Wer aber, fragt er, soll dieser Nachtigallen Panier jetzt tragen, seit die von

H a g e n a u [56] verstummt ist? wer soll die lebende Schaar führen und weisen?

Ihre Meisterin kann es wohl, die v o n d e r Vo g e l w e i d e. Hei! wie die über Heide mir hoher Stimme schallet! was Wunders sie stellet! wie spähe (kunstvoll)

sie organieret! wie sie ihren Sang wandelieret! Die soll der andern Leiterin seyn,

die weiß wohl, wo man suchen soll der Minne Melodie. (T r i s t a n , v.

G r o o t e ' s Ausg. V. 4750 ff.)

 

Auch die Späteren erkennen Walthers Meisterschaft an. Insbesondere rühmt

noch ein Meistergesang des vierzehnten Jahrhunderts seine schönen und reinen

Töne[57].

 

Von einer Handschrift, welche mit den Singweisen seiner Lieder ausgestattet

war, sind nur noch traurige Ueberreste vorhanden[58]. Aber der innere Wohllaut

seiner Gesänge, der sich in schönen und manigfaltigen Formen ausdrückt,

welchen man oft ihre Singweise anzuhören meint, giebt den Lobpreisungen

Gottfrieds von Straßburg und dem Zeugnisse des Meisterliedes volle

Glaubwürdigkeit.

 

Das Gepräge der Meisterschaft erkennen wir an den Liedern unsres Dichters

vornemlich in dem Einklange von Inhalt und Form. Der Gegenstand ist durch

die Form harmonisch begrenzt und die Form ist durch den Gegenstand

vollständig ausgefüllt. Für das bloße Spiel mit Formen ist Walther zu

gedankenreich. Eben darum sind auch seine Formen in der Manigfaltigkeit

einfach.

 

Es ist eine ansehnliche Stufenleiter von Tönen, auf der er sich vom

einfachsten Volksliede bis zu jenen großartigen Königsweisen erhebt. Nach

Abzug Desjenigen, was sich der Unächtheit verdächtig macht, kann man in

seinen Gedichten noch immer etliche und achtzig verschiedene Töne zählen. Er

führt uns durch den hohen, den niedern und den mittlern Sang (I 105b). Er singt,

wie ein Andrer von ihm meldet, was er will, des Kurzen und des Langen viel (I

113b). Aber stets geht der Inhalt gleichen Schrittes mit der Form und schon der

äussre Bau seiner Gedichte läßt auf ihren Gegenstand schließen. Der fröhlichen

Weise des Volkslieds entspricht die Lebensfrische des Inhalts und die volleren,

gezogenen Töne sind in Uebereinstimmung mit der Würde der Person, an die

das Lied gerichtet ist, mit der Wichtigkeit des Gegenstandes, mit der Fülle der Gedanken. Die Spiele der Reimkunst sind ihm zwar nicht unbekannt, doch

bedient er sich ihrer mäßig und versteht sie scherzhaft anzuwenden[59]. Er hat zu

gewissen Formen Vorlieben und kehrt häufig zu ihnen zurück, aber auch hierin

verfährt er nach richtigem Ermessen. Die Betrachtung und die bildnerische

Darstellung lieben Stetigkeit, die Leidenschaft, die Empfindung den Wechsel der

Formen. Wir haben es bei seinen Minneliedern schön gefunden, wenn es das

Erscheinen einer herrlichen Frau in derselben Weise darstellt, worin er sonst die

Könige feiert. Jene Gesänge vom ersten Auftreten Friedrichs II. bis wo der

Dichter das Lehen empfängt, sind alle in gleicher oder verwandter Form

gedichtet, sie treten dadurch in näheren Zusammenhang und bilden

gewissermaßen ein episches Ganzes. Eben die Einfachheit der Formen macht sie

geeignet, vielfacherem Inhalte zu dienen. Selbst die großartigsten, und gerade

diese wiederholt Walther am oftesten, sind nicht vielfach verschlungen, fast

kunstlos folgt sich in drei langhingezogenen Zeilen der dreimalige Reimschlag.

Es ist der volle Wellenzug eines anschwellenden Stromes.

 

Walthers Gedichte bilden großentheils nur e i n e Strophe. Der Bau eines

solchen Gesätzes ist aber genugsam in sich gegliedert, um für eine vollständige

Darstellung auszureichen. Man darf Gesätze, die in derselben Weise über

denselben Gegenstand gedichtet sind, darum noch keineswegs als Theile e i n e s

Gedichtes betrachten, Sie können sich auf einander beziehen, eines kann aus

dem andern entsprungen seyn, und doch jedes dabei seine Selbstständigkeit

behaupten, wie etwa bei einer Reihe von Sonetten über den nemlichen

Gegenstand. Unser Meister setzt seine Gedichte nicht zusammen, er schafft sie

von innen heraus. Eben diese lebendige Entfaltung des Gedankens, des Bildes,

sichert dem Gedichte seine Selbstständigkeit und bedingt seine Begrenzung. Ist

der Gedanke dargelegt, das Bild hingestellt, so ist auch das Gedicht

abgeschlossen. Bedarf ja doch gerade der kräftigste Gedanke, das klarste Bild,

zu seiner vollständigen Erscheinung am wenigsten der Ausführlichkeit.

 

In einem Theile von Walthers Gedichten findet sich die Grundform,

keineswegs aber die überkünstliche Verwicklung des spätern

meistersängerischen Strophenbaues. Ebenso ist die prunkende Gelehrsamkeit und der überladene Bilderschmuck der späteren Dichter ihm fremd. Er ist mehr

gestaltend, als bilderreich.

 

Wenn F r a u e n l o b (st. 1317) in seinem Liederstreite mit R e g e n b o g sich

selbst als den Meister Aller rühmt, die je gesungen und noch singen, als einen

Koch der Kunst und einen Vergolder des Sanges der alten Meister, R e i n m a r s ,

E s c h i l b a c h s und des v o n d e r Vo g e l w e i d e, die neben kunstreicher

Straße den schmalen Steig gefahren seyen (M a n . II 214b f.), so wird uns dieses

nicht abhalten, den unvergoldeten Sang und den schmalen Naturpfad jener

älteren Dichter vorzuziehen. Wir werden auf R e g e n b o g s Seite treten, der, als

erklärter Kämpfe der letzteren, behauptet: die Kunst Walthers und der Andern

stehe noch immer frisch belaubt und bewähre die Kraft ihrer Wurzeln (E b d .

215b); übereinstimmend mit dem M a r n e r , der ebenfalls Walthern von der

Vogelweide an die Spitze der hingegangenen Sangesmeister stellt, aus deren

Garten er, unwillkührlich, Blumen lesen müsse (II 173a).

 

Walther selbst ist sich seiner Meisterschaft bewußt. Er spricht von seinem

w e r t h e n S a n g e (I 118a) Er klagt, daß man ihn so arm lasse bei r e i c h e r

K u n s t (I 131a). Er spricht es aus, daß die Frau, von der er singe, durch seinen

Sang geehrt werde; daß nicht leicht Jemand sie besser loben könne; daß, wenn er

seinen Sang lasse, Alle, die sie jetzt loben, dann sie schelten werden; daß sie todt

sey, wenn sie ihn tödte (I 123b 124b). Ein schöner Stolz aber ist es, wenn er

zugleich sich dessen rühmt, daß sein Gesang tausend Herzen froh gemacht.

 

Rührend ist folgende Aeusserung:

Uns hat der Winter kalt und andre Noth

Viel gethan zu Leide.

Ich wähnte, daß ich nimmer Blumen roth

Sähe an grüner Heide.

Doch schadt' es guten Leuten, wäre ich todt,

Die nach Freuden ringen

Und die gerne tanzen und springen.

(I 138b)

Die Kunst ist Walthern eine hohe Sache. Darum entrüstet er sich denn auch

vielfältig gegen die Verderber und Entwürdiger derselben. Die Fuge, die

Höfischkeit, das höfische, hofeliche Singen stellt er dem Unfuge, der

Dörperheit[60], dem unhofelichen Singen, die Meister den Schnarrenzern

gegenüber. Die Worte: h ö f i s c h , h ö f l i c h , hatten aber dazumal einen andern

und höheren Sinn, als wie sie heutzutage genommen werden. Sie bedeuteten die

edlere Bildung, die feinere Sitte, wie sie an den Höfen gesangliebender Fürsten

blühte.

 

Ungefüge Töne, so klagt er, haben das hofeliche Singen zu Hofe verdrungen,

seine Würde liegt darnieder, Frau Unfuge hat gesiegt. Die das rechte Singen

stören, deren ist jetzt ungleich mehr, denn die es gerne hören. Wer will noch

harfen bei der Mühle, wo der Stein so rauschend umgeht und das Rad so manche

Unweise hat? Die so freventlich schallen, sie thun wie die Frösche in einem See,

denen ihr Schreien so wohl behagt, daß die Nachtigall davon verzagt, so sie

gerne mehr sänge. Wer doch die Unfuge von den B u r g e n stiesse! Bei den

B a u e r n möchte sie wohl seyn, von denen ist sie hergekommen (I 112).

 

Das Letztere deutet merklich darauf hin, was unter diesem ungefügen Sange

hauptsächlich zu verstehen sey. Es scheint damals in den ritterlichen Gesang die

Gattung von Liedern eingedrungen zu seyn, welche man unter dem Namen der

N i t h a r t e begreift, Darstellungen aus dem Dorfleben, Schwänke mit den

Bauern, derb und rüstig, aber auch manchmal sehr ungezogen und schmutzig.

Den Eingang des Liedes macht häufig eine Beschreibung des Frühlings. Mit dem

Frühling rühren sich Freude und Muthwill, und so folgt nun im Liede allerlei

ländliche Lustbarkeit, Tanz und Schlägerei.

 

Von der angegebenen Art sind nicht blos die meisten Lieder, welche unter dem Namen des Herrn N i t h a r t auf uns gekommen sind, auch viele andre,

ritterliche Sänger haben in derselben Weise gedichtet. Der Schauplatz von

Nitharts Darstellungen ist die Umgegend von Wien. Einige seiner Lieder

betreffen den Fürsten F r i e d r i c h in O s t e r l a n d , (Friedrich den Streitbaren,)

von dessen milder Gabe ihm ein silbervoller Schrein geworden (M a n . II 72a).

Der Bischof E b e r h a r d , an den er sich gleichfalls wendet (II 79a), ist ohne

Zweifel der Erzbischof von Salzburg dieses Namens, der von 1200 bis 1246 auf

dem erzbischöflichen Stuhle saß[61]. Auch erzählt Nithart von einem Zuge über

Meer, den er mit Kaiser Friedrich gemacht und auf dem ein heidnischer Pfeil ihn

verwundet[62].

 

Schon durch diese Anzeigen, denen sich weitere beifügen ließen, wird Nithart

der Zeit und dem Orte nach, wenn gleich als jüngerer Zeitgenosse, unsrem

Dichter nahe gerückt. Es sind aber auch Spuren vorhanden, daß Nithart auf

Walthers Gedichte in derjenigen Weise angespielt, die wir Parodie nennen und

die vielleicht unter dem früher erwähnten Ve r k e h r e n des Gesanges begriffen

ist.

 

Die mehrfache Anspielung ist in nachstehendem Liede Nitharts, dessen Name

schon auf Schlimmes deutet, kaum zu verkennen:

Sie fragen: wer sie sey, die Säldenreiche,

Der ich so hofelichen habe gesungen?

Sie wohnt in deutschen Landen sicherliche,

Das sag' ich den Alten und den Jungen.

Sie ist in einem Kreise, der ich diene,

Von dem Po bis auf den Sand,

Von Elsasse bis Ungerland,

In d e r Enge ich sie fand,

Sie ist noch zwischen Paris und Wiene.

(II 73a)

S ä l d e n r e i c h e , Heilbringende, Wonnereiche. S a n d , Meeresufer.

 

Man erinnere sich hiebei derjenigen Stellen, worin Walther von seiner

Länderkunde spricht, und seines zuvor (Abschnitt V) ausgehobenen Gedichtes:

Sie fragen und fragen aber all zu viel

Von meiner Frauen, wer sie sey?

(I 122a)

Ergötzlich ist auch sonst der Spott, den jene derberen Dichter mit dem Minnesang und dessen Ueberzartheit treiben. Ein solcher, G e d r u t , macht sich

über den Minnesänger W a c h s m u t von K ü n z i n g e n lustig: Herr Wachsmut

minne seine Fraue über tausend Meilen, dennoch sey sie ihm gar zu nahe; es

thäte ihm so sanft, wenn er sie auf einem hohen Thurme schauen und von ihrer

Hand ein Ringlein empfangen sollte, das küßt' er tausendmal, läg' er aber bei der

Wohlgethanen mit ihrem rothen Munde, nimmer würd' er sie berühren (P f .

H d s . 357 Bl. 24b). Derselbe[63] äussert: wär' es denen Ernst, die sich also um

Minne härmen, in Jahresfrist lägen sie todt; sie seyen zu feist bei der Noth, von

der sie klagen (E b d . ).

 

In Beziehung auf Walthern von der Vogelweide wird, außer dem schon eher

genannten S t o l l e , noch eines Herrn Vo l k n a n t (in der P f . H d s . 357 heißt

er W i c m a n ), als eines solchen gedacht, der den Meistern ihre meisterlichen

Sprüche treten (P f . H d s . i r r e n) wolle. Walther und Volknant werden

verglichen. Jener ist das Korn, dieser die Spreu; singet Volknant e i n s , so singet

Walther d r e i ; sie gleichen sich wie der Mond und ein gewisser runder Theil des

menschlichen Körpers. Herr Walther singet was er will, des Kurzen und des

Langen viel, so mehret er der Welt ihr Spiel; Volknant jagt wie ein falscher

Leithund nach Wahne (I 113). Das Lied, welches diese Vergleichungen anstellt,

in einer von Walthers Weisen gedichtet, ist gleich andern, welche nicht ihm

angehören, aber auf ihn Bezug haben, unter die seinigen gekommen.

 

Von dem Verfalle der Kunst, den schon unser Dichter beklagt, zeugen auch,

durch eigenes Beispiel, die Gedichte des T a n h u s e r , der, wie Nithart, in

Friedrichs des Streitbaren Dienste war; meist Tanzreihen, zum Theil in Nitharts

Geschmacke, mit allerlei Gelehrsamkeit überladen und durch widerliche

Sprachmengerei aus dem Französischen verunstaltet[64]. Anklänge aus Walthers

Liedern sind auch in diesen Gedichten unverkennbar[65]. T a n h u s e r überlebte

den Fürsten Friedrich und beklagt dessen Tod mit der drolligen Aeusserung: wer

nun Thoren (Hofnarren), so gut halte, als Er gethan? (M a n . II 69a)

 

Freundlich sind die Verhältnisse der Kunstgenossenschaft, in welchen Walther

mit dem M i s s e n e r , Meißner, stand. Daß er unter dieser Benennung einen der meißnischen Markgrafen verstehe, ist nicht bloß aus dem Liede, worin er den

Meißner zu den Fürsten zählt, welche die Zurückkunft des Kaisers nach dessen

Krönung treulich erwartet (I 103b), sondern mehr noch aus dem äusserlich

untergeordneten Verhältnisse zu schließen, in welches Walther auch da, wo er

von dem Meißner als einem Dichter spricht, sich zu demselben stellt. Daß

sodann unter den Markgrafen von Meissen, welche in Walthers Zeit fallen,

H e i n r i c h der E r l a u c h t e gemeint sey, dafür stimmt theils das Zeugniß

T a n h u s e r s , welcher, unter offenbarer Beziehung auf jenes Lied unsres

Dichters, H e i n r i c h den M i s s e n e r aufführt (II 64b f.)[66], theils der

Umstand, daß der Markgraf Heinrich von Meissen selbst unter den

Minnesängern erscheint. Er war von mütterlicher Seite Enkelsohn Hermanns von

Thüringen, befand sich in seiner frühesten Jugend am Hofe von Oesterreich und

vermählte sich 1234, sechszehn Jahre alt, mit Constantia, der Schwester

Friedrichs des Streitbaren. Die meißnische Chronik meldet von seiner

Prachtliebe und seinem ritterlichen Hofhalt[67].

 

Walther hat den Meißner im Liede gelobt, er darf nun erwarten, daß derselbe

ihm w a n d l e , W a n d e l s R e c h t b i e t e, d. h. das Lob erwidre. Für alles

Andre, was er sonst dem Meissner gedient, will er diesem den Lohn erlassen, nur

auf das Lob verzichtet er nicht. Wird ihm das nicht, so will er auch seines

zurücknehmen, zu Hof und an der Straße (I 136). Der Künstlertrotz, womit er

hier auf seinem Sängerrechte besteht, soll wie es scheint, nur beweisen, wie hoch

er eine Erwiderung von diesem Fürsten anschlagen würde.

 

Besser zufrieden zeigt er sich, als ihm der Meißner aus Franken ein Lied

mitgebracht hat:

Mir hat ein Lied von Franken

Der stolze Meissener gebracht,

Das fährt von Ludewige.

Ich kann es ihm nicht danken

So wohl, als er mein hat gedacht,

Als daß ich tief ihm neige.

Könnt' ich, was Jemand Gutes kann,

Das theilte ich mit dem werthen Mann,

Der mir so hoher Ehren gann;

Gott müsse auch ihm die seinen immer mehren!

Zu fließe ihm alles Segens Fluß,

Nichts Wildes meide seinen Schuß,

Sein's Hundes Lauf, sein's Hornes Duß

Erhalle ihm und erschalle ihm wohl nach Ehren!

(I 111a)

L u d e w i g e , es ist noch unerrathen, wer dieser Ludewig sey. g a n n , gönnt. D u ß , Getöse, Schall.

 

Daß Walther den Tod R e i n m a r s im Liede betrauert, ist bereits erwähnt

worden. Reinmar der Alte, den Walther am Hofe zu Wien kennen gelernt haben

mochte, ist ein trefflicher Minnesänger, berühmt unter den älteren Meistern.

Seine zahlreichen Lieder sind einfach und innig, sie athmen eine sanfte

Schwermuth. Er hat, wie er einmal singt, die Minne noch stets in bleicher Farbe

gesehen (M a n . I 66a). Auch äussert er, es werde Mancher ihn nach seinem

Tode klagen, der jetzt leicht seiner entbehrte (I 71a). Unser Dichter scheint nicht

in völlig gutem Vernehmen mit ihm gestanden zu seyn, doch beklagt er, selbst

schon am Ziele seiner Jahre, den Tod desselben auf eine würdige Weise.

 

Zwei Gesätze Walthers sind dieser Klage gewidmet. In dem einen versichert

er: wenn Reinmar nichts gesungen hätte, als die eine Rede: »So wohl dir, Weib,

wie rein dein Name!« so hätt' er verdient, daß alle Frauen stets für seine Seele

bitten würden[68].

 

Das andre lautet so:

Fürwahr, Reinmar, du reuest mich[69] Vieles härter, denn ich dich,

Ob du lebtest und ich wär' erstorben.

Ich will's bei meinen Treuen sagen:

Dich selben wollt' ich wenig klagen,

Ich klage dein' edle Kunst, daß sie ist verdorben.

Du konntest all der Welte Freuden mehren,

So du's zu guten Dingen wolltest kehren.

Mich reuet dein wohlredender Mund und dein viel süßer

Sang,

Daß die verdorben sind bei meinen Zeiten.

Daß du nicht eine Weile mochtest beiten!

So leistet' ich dir Geselleschaft, mein Singen ist nicht

lang.

Deine Seele müsse wohl nun fahren, deine Zunge habe Dank!

(I 105a)

r e u e s t , schmerzest. d u ' s , du sie, die Kunst. b e i t e n , warten. i s t n i c h t l a n g, währt nicht

mehr lange.

 

Die Beziehungen, worin wir unsern Dichter zu den vorgenannten Kunstgenossen gefunden, die achtungsvollen Aeusserungen, welche wir von

gleichzeitigen und späteren Meistern über ihn vernommen, führen auf die Frage:

welches die Stelle sey, die derselbe in der Geschichte der deutschen Dichtkunst

überhaupt einnehme?

Der innere Werth, die Menge und Manigfaltigkeit seiner Lieder, die Länge

und die poetische Wichtigkeit des Zeitraums, in welchem er gesungen, müssen

ihm schon auf den ersten Anblick eine bedeutende Stelle sichern. Sein

dichterisches Wirken umfaßt vollkommen die glänzendste Zeit der altdeutschen

Liederkunst. Er reicht hinauf in die erste Blüthe des Minnesangs im letzten

Viertel des zwölften Jahrhunderts, er reicht hinunter in den Uebergang dieser

Dichtungsweise zur Betrachtung und zum Lehrhaften gegen die Mitte des

dreizehnten; ja er selbst erscheint als Derjenige, der zuerst das jugendlich

spielende Lied zu Männlichkeit gekräftigt. Aus der Blüthe der Phantasie und der

Empfindung reist ihm die Frucht des Gedankens, die Formen des Minnelieds

dehnt er aus, damit sie vermögend seyen, die Sache des Vaterlandes, die

Angelegenheiten des Reiches und der Kirche, zu fassen. Wenn er gleich über den

Zerfall des Minnesanges Klage führt, so hat doch gewiß er selbst, nur in andrem

Sinne, zerstörend auf denselben gewirkt. Je mehr die Wichtigkeit des Stoffes

sich geltend machte, um so merklicher mußte das zartere Spiel der Poesie

erliegen, und wenn in Walthers Liedern noch der Ernst des Gedankens überall

mit Poesie getränkt und umkleidet ist, so tritt dagegen bei seinen Nachfolgern

immer mehr die Betrachtung in einseitiger Trockenheit und prosaischer Blöße

hervor.

 

Soll die Fortbildung der Dichtkunst nach den bedeutendsten Meistern

bezeichnet werden, so grenzt Walther in aufsteigender Reihe zunächst an

R e i n m a r den A l t e n , in absteigender an R e i n m a r von Z w e t e r . Der

Erstere lebt noch ganz in den Empfindungen und dem Tönereichthum des

Minnesanges, der Letztere, fast nur noch in e i n e m streng gemessenen Tone

dichtend, hat sich völlig der Betrachtung und der Lehre zugewendet; und in

demselben Verhältniß, in welchem Walther den Erstern an Kraft und Reichthum

der Gedanken übertrifft, zeichnet er sich vor dem Letztern durch Farbenglanz und manigfaltige Anmuth der Behandlung aus.

 

Wie häufig Walthers Lieder nachgeahmt wurden, kann schon die flüchtigste

Ansicht der alten Liedersammlungen ergeben[70]. Daß er von der Singschule

unter die zwölf Altmeister des Gesanges, die Stifter der Kunst, gezählt wurde, ist

gleich Eingangs berichtet worden.

 

M e i s t e r hieß zu Walthers Zeiten Jeder, der sich der Ausübung irgend einer

Kunst mit Auszeichnung widmete. M e i s t e r hiessen daher auch unter den

Dichtern vorzugsweise diejenigen, welche die Sangeskunst zu ihrer eigentlichen

Beschäftigung gemacht hatten. Diejenigen dagegen, welche den Gesang weniger

ausschließlich und fruchtbar treiben, denen zugleich schon durch ihren Stand ein

anderwärtiger Hauptberuf angewiesen war, Fürsten und Ritter, wurden mit ihren

fürstlichen oder adelichen Namen bezeichnet, obgleich ihre Kunst dem Wesen

nach dieselbe war. Es ist hienach leicht zu erachten, daß Walther von

Gleichzeitigen und Späteren als M e i s t e r benannt wird. Wenn übrigens der

Truchseß von S i n g e n b e r g ihn: »unsres Sanges Meister« nennt (P f . H d s .

357 Bl. 20b) und wenn derselbe Dichter (M a n . I 154a), sowie der M a r n e r (I

173a) und ein Ungenannter in der P f . H d s . 350: »mein Meister« von ihm

sprechen, so kann hieraus, nach der Sprache der Zeit, kein Verhältniß des

persönlichen Unterrichts gefolgert werden. Es heißt nicht mehr, als wenn im

T i t u r e l (Cap. 6 Str. 632) gesagt wird: »mein Herr Walther.« Am wenigsten

aber darf aus dem Meisternamen überhaupt auf damaliges Bestehen einer

förmlichen Dichtergilde geschlossen werden.

 

Zwar liegt es in der Natur der Sache, daß eine so ausgebildete Dichtkunst, wie

die deutsche in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts, eine Dichtkunst,

die mit wirklichem Gesang und begleitendem Saitenspiel innig verschwistert

war, nicht wild wachsend sich verbreitete, sondern durch Unterricht

fortgepflanzt wurde. Davon giebt unser Dichter klares Zeugniß, wenn er meldet,

daß er in Oesterreich singen und sagen gelernt habe. Zugleich weisen seine

Lieder nicht blos im Allgemeinen durch ihren wohl abgemessenen Bau, sondern

auch durch einzelne nähere Andeutungen, auf Kunstregel und Kunstgebrauch, z.

B. wenn er von dreierlei Art des Sanges spricht, wenn er die Meister den Schnarrenzern gegenüberstellt, wenn er Wandels Recht begehrt. Nirgends aber,

weder bei ihm, noch bei den andern Dichtern seiner Zeit, findet sich der Beweis,

daß unter den S a n g e s m e i s t e r n des dreizehnten Jahrunderts zunftmäßige

Genossenschaften sich gebildet hatten, wie sie unter den M e i s t e r s ä n g e r n

der späteren Jahrhunderte bestanden.

 

Gleichwohl ist zwischen beiden unläugbar ein geschichtlicher

Zusammenhang[71]. Es sind verschiedene Stufen einer stetigen Entwicklung und

Ausbildung, Entartung und Erstarrung des deutschen Gesanges. Die Regel

wurde stets enger gezogen und der Geist entschwand. In der Singschule der

Handwerker war es der Form nach auf mühsame Künstlichkeit, dem Inhalt nach

auf nützliche Erbauung angelegt. Aber auch in diesem Zustande vergaß die

Kunst ihres Ursprungs nicht. Die Meister dieser Singschulen erhielten, wie

billig, das Gedächtniß ihrer geschichtlichen Verbindung mit jenen alten

Meistern. Walther wird mit Eschenbach, Ofterdingen, Klinsor, Reinmar u. A. zu

den Stiftern der Kunst gezählt und einige nach ihm benannte Töne (der l a n g e ,

der ü b e r g ü l d t e , der K r e u z t o n Walthers von der Vogelweide), laufen in

den Töneverzeichnissen der Schule fort. Das Kolmarer Meistergesangbuch

enthält Gedichte von ihm nebst Meisterliedern vom Ende des sechszehnten

Jahrhunderts.

 

Bis zu diesem Verhallen seiner Töne sind wir dem künstlerischen Wirken des

Dichter gefolgt. Wenn aber seine Wirksamkeit, sofern er sie durch den I n h a l t

der Lieder ausübte, vollständiger gewürdigt werden soll, so ist es nöthig, auf den

Schauplatz der politischen Bewegungen zurückzukehren.