Walther von der Vogelweide
Achter Abschnitt. Friedrich II. und die Päbste. Erzbischof Engelbert von Köln. Die Kreuzzüge. Walthers Kreuzfahrt.
A c h t e r A b s c h n i t t .
Friedrich II. und die Päbste. Erzbischof Engelbert
von Köln. Die Kreuzzüge. Walthers
Kreuzfahrt.
Zweierlei Angelegenheiten, unter sich in genauer Verbindung, bewegten jetzt
die Welt: Friedrichs II. Kampf mit den Päbsten und die Wiedereroberung des
heiligen Grabes.
Als zwischen Philipp und Otto die Königswahl streitig war, hatte Innocenz III.
sich nicht gescheut, den deutschen Fürsten zu erklären, daß die Entscheidung
dieses Wahlstreits, wie die Besetzung des deutschen Thrones überhaupt, dem
päbstlichen Stuhle zustehe, weil das Reich durch die Päbste von den Griechen
auf die Deutschen gebracht sey und der neue König die Kaiserkrone vom Pabst
allein erhalte. Der ernstliche Widerspruch der Fürsten bewirkte die Zurücknahme
dieses übereilten Wortes, aber das Benehmen des römischen Hofs war
gleichwohl beständig von der Absicht geleitet, eine päbstliche Weltherrschaft zu
begründen, der das Kaiserthum als ein von ihr abhängiges Lehen untergeordnet
wäre.
Wenn das Banner der Freiheit nicht auf Friedrichs Seite weht, wo er die
aufstrebende Kraft der oberitalischen Freistaaten bekämpft oder den weltlichen
Arm zur Vertilgung der Ketzer herleiht, so gebührt ihm dagegen die dankbare
Anerkennung der Nachwelt in seinem rastlosen Ringen gegen jene Anmaßungen
der Priesterherrschaft. Das Mühselige und Gefahrvolle seiner Laufbahn ist in einem Liede des gleichzeitigen Dichters, B r u d e r W e r n e r, durch ein
schauerlich schönes Bild bezeichnet, wenn Friedrich einem Manne verglichen
wird, der im Walde geht, während ein Wolf hinter ihm her schleicht, stets
begierig, wenn der Mann straucheln oder fallen würde, sich über ihn
herzustürzen (M a n . II 165b).
Die Kreuzzüge, deren oberste Leitung in den Händen des Pabstes lag, waren
diesem ein bedeutendes Mittel zu Erreichung jener großen Zwecke. Er war hier
das Oberhaupt einer geistlich-weltlichen Vereinigung aller christlichen Könige
und Völker.
Seit der Eroberung Jerusalems durch Saladin im Jahr 1188 waren die heiligen
Orte unter der Gewalt der Unglaubigen. Die Kreuzpredigt war unermüdlich, das
Abendland zu erregen. Als Friedrich II. im Jahr 1215 zu Aachen gekrönt wurde,
ließ er sich, den Anforderungen der Zeit entsprechend, nebst vielen Bischöfen,
Fürsten und Rittern, mit dem Kreuze bezeichnen. Nach einem achtjährigen
Aufenthalt in Deutschland trat er im Jahr 1220 seinen Römerzug an. Seinen
eilfjährigen Sohn Heinrich, der bereits zum Nachfolger im Reich gekrönt war,
ließ er unter Vormundschaft zurück. In demselben Jahre ward er zu Rom von
Honorius III. als Kaiser gekrönt und bei diesem Anlasse von dem Kardinal-
Bischof Hugolin von Ostia, nachherigem Pabst Gregor IX., abermals mit dem
Kreuze bezeichnet. Aber so wie bisher die deutschen Angelegenheit, so schoben
jetzt die sicilischen die Erfüllung des Gelübdes hinaus. Je mehr, während
Friedrichs Anwesenheit in den sicilischen Erblanden, zwischen ihm und dem
päbstlichen Hofe Eifersucht und Mißhelligkeit sich erzeugte, um so
wünschenswerther war einerseits dem Pabste die Entfernung und auswärtige
Beschäftigung des gefährlichen Gegners, anderseits dem Kaiser die Begründung
seiner Macht auf heimischem Boden. Als im Jahr 1221 Damiata, kaum erobert,
durch die Uneinigkeit der Kreuzfahrer wieder verloren gieng, war Friedrich den
bittern Vorwürfen des Pabstes und der Bedrohung mit dem Bann ausgesetzt. Zur
großen Zufriedenheit des heiligen Vaters gereichte hingegen Friedrichs zweite
Vermählung mit Jolantha, der Erbin des Königreichs Jerusalem. Unter
Ermahnungen und Bedrohungen von der einen, Entschuldigungen und Vertröstungen von der andern Seite verzog sich die Abfahrt bis in das Jahr 1227.
Jetzt waren die großen Zurüstungen beendigt und die Schaaren der Kreuzfahrer
auf der apulischen Küste versammelt. Schon war eine große Zahl von Brindisi
abgesegelt, der Kaiser und der Landgraf von Thüringen hatten sich gleichfalls
eingeschifft, aber nach drei Tagen liefen diese wieder zu Otranto ein, beide von
ansteckender Krankheit ergriffen, woran der Landgraf einige Tage nachher
verschied. Auch die vorausgefahrene Flotte kehrte nun zurück und die ganze
Unternehmung zerschlug sich.
Gregor IX. hatte kurz zuvor den päbstlichen Stuhl bestiegen. Er war aus einem
von Friedrich beleidigten Geschlecht entsprossen, er hatte den Kaiser bei der
Krönung mit dem Kreuze bezeichnet und ihn zuletzt noch dringend zum
Kreuzzuge gemahnt. Jetzt verwarf er jede Entschuldigung, erklärte Friedrichs
Krankheit für Verstellung, schleuderte unerbittlich auf ihn den Bannstral und
verkündigte in Deutschland, so wie in allen abendländischen Reichen, des
Kaisers ungeheure Schuld und furchtbare Bestrafung.
Friedrich erließ gleichfalls Briefe zu seiner Verantwortung. Er klagte den
Geitz und die Herrschsucht der Kirche an, die sich Kaiser, Könige und Fürsten
zinsbar zu machen strebe. Zugleich aber erneuerte er die Anstalten zum
Kreuzzuge und fuhr wirklich im folgenden Jahr, 1228, mit dem Pabste
unversöhnt, nach Palästina ab. Auch dorthin verfolgte ihn Gregors Haß und war
ihm in allen Unternehmungen hinderlich. Gleichwohl bewirkte Friedrich die
Zurückgabe Jerusalems und der heiligen Stätten, und da kein Priester ihn weihen
wollte, setzte er selbst im Tempel die Krone von Jerusalem sich auf das
Haupt[72].
Unser Dichter ist eben so sehr ein erklärter Gegner der Priesterherrschaft, als
ein begeisterter Herold der Kreuzzüge. Er eifert gegen die Eingriffe der Kirche
in die Rechte der weltlichen Gewalt, gegen die Habsucht und Verschwendung
des römischen Hofes, gegen den Ablaßhandel, gegen die willkührlichen
Bannsprüche, gegen das unerbauliche Leben der Geistlichkeit; zugleich aber ruft
er wiederholt den Kaiser zur Vornahme des Kreuzzuges auf. Es kann uns einen
Begriff geben, mit welchen Schwierigkeiten Friedrich II. zu kämpfen hatte, wenn wir selbst seine aufgeklärteren Anhänger ihn zu einem Schritte drängen
sehen, zu dem er so ungerne sich entschloß.
Damit soll jedoch kein Widerspruch in der Gesinnung des Dichters bezeichnet
werden. Gerade der fromm begeisterte Sinn muß am meisten Anstoß nehmen,
wenn er das Heilige durch Mißbrauch zu fremdartigen Zwecken entweiht sieht.
Die Erscheinung des Heiligen ist zu verschiedenen Zeiten eine verschiedene.
Was der einen Zeit Andacht und Begeisterung war, ist der andern Aberglaube
und Schwärmerei. Aber von dem Urtheil über Formen und Lehrsätze
unabhängig ist die Unterscheidung dessen, was aus reiner Quelle, aus der
Inbrunst des Herzens, aus der Sehnsucht nach dem Ewigen, aus der Ehrfurcht
vor dem Unendlichen entsprungen ist, von demjenigen, was, aus gänzlich
irdischen Triebfedern hervorgegangen, nur äußerlich mit dem Mantel der
Heiligkeit sich bekleidet. Wenn Jenes noch in später Folgezeit empfängliche
Gemüther, dichterisch wenigstens, anzusprechen vermag, so muß Dieses schon
in der Zeit, wo es, durch Umstände begünstigt, seine größte Gewalt ausübt, den
Zweifel an seiner inneren Gültigkeit erwecken.
Wenn man sich dafür begeisterte, das Land, wo Gottes Sohn menschlich
gewandelt, wo er im Leben und im Tode Wunder gewirkt, der Entweihung durch
Unglaubige zu entreißen, so kann dieß auch eine Folgezeit begreiflich finden,
welche sich von demselben Eifer nicht zu entflammen vermöchte. Wenn aber der
heilige Vater nach Rücksichten der Staatsklugheit heute segnete und morgen
fluchte, wenn er Zwietracht im Reich erweckte und nährte, wenn er Eidschwüre
nach Gefallen löste, den Ablaß zu einer Erwerbsquelle machte, wenn die
Geistlichkeit, statt zu singen und zu beten, sich in Fehden tummelte oder
weltlicher Ueppigkeit fröhnte, so mußte solches Aergerniß schon die glaubigen
Zeitgenossen entrüsten.
Man kann nicht behaupten, daß Walther für den Beruf der Geistlichkeit keine
Achtung hege. Er empfiehlt, zu glauben, was die Pfaffen Gutes lesen (I 133b), er
klagt, daß Frauen und Pfaffen, zwei so edel Namen, mit den Schamlosen werben
(I 115b). Aber eben die Entartung der Geistlichkeit, das Heraustreten aus den
Grenzen ihres Berufs, die p f a f f l i c h e n R i t t e r und r i t t e r l i c h e n P f a f f e n (I 126b), die Verdorbenheit der Kirche an Haupt und Gliedern, greift
er mit dem s c h a r f e n S a n g e an.
Jene Anmassungen der kirchlichen Gewalt sind ihm unerträglich. Er
verwünscht die Begründung der Priesterherrschaft mittelst der Schenkung
Konstantins des Großen, durch welche, nach der von den Päbsten verbreiteten
Meinung, die Stadt Rom sammt mehreren Ländereien Italiens dem römischen
Bischof übergeben und damit der Kirchenstaat gestiftet worden.
König Konstantin, der gab so viel,
Als ich es euch bescheiden will,
Dem Stuhl zu Rome: Speer, Kreuze und Krone.
Zuhand der Engel laute schrie:
»O weh! o weh! zum dritten: weh!
Eh' stund die Christenheit mit Züchten schöne,
Der ist ein Gift nun gefallen,
Ihr Honig ist worden zu einer Gallen,
Das wird der Welt hernach viel leid.«
Alle Fürsten leben nun mit Ehren,
Nur der höchste ist geschwachet;
Das hat der Pfaffen Wahl gemachet.
Das sey dir, süsser Gott, geklagt:
Die Pfaffen wollen Laienrecht verkehren;
Der Engel hat uns wahr gesagt[73].
(I 129b)
b e s c h e i d e n , berichten, erklären. d e r h ö c h s t e, d. i. der Kaiser. g e s c h w a c h e t , erniedrigt.
d e r P f a f f e n W a h l, vermuthlich die Erwählung Gregors IX.
Anderswo räth Walther den Pfaffen, die Armen zu bedenken, zu singen und
Jedem das Seine zu lassen. Dabei erinnert er sie der Gabe, die auch sie einst von
König Konstantin empfangen. Hätte dieser gewußt, daß daraus künftig Uebel
entstehen würde, so hätt' er der Noth des Reiches vorgebeugt, aber damals waren
sie noch frei von Uebermuth (I 103a). Auch die Geschichte vom Zinsgroschen
wird erzählt und wie Christus den Pharisäern gerathen: daß sie den Kaiser
liessen haben sein Kaisersrecht und Gott, was Gottes wäre (I 103b).
Heftiger noch werden des Dichters Angriffe. Der neue Pabst wird mit
Sylvester II., vorher G e r b e r t , verglichen, der von 999 bis 1003 auf dem
päbstlichen Stuhle saß und wegen seiner naturwissenschaftlichen und
mechanischen Kenntnisse für einen Schwarzkünstler galt. Wenn dieser nur sich
selbst, durch die Zauberei, in's Verderben gebracht, so bringe der jetzige Pabst mit sich die ganze Christenheit zu Falle:
Der Stuhl zu Rome steht nun erst besetzet rechte,
Alswie hievor mit einem Zauberer, hieß Gerbrechte.
Derselbe gab zu Falle nur sein eines Leben,
Nun hat s i c h dieser und alle Christenheit zu
Falle geben.
Alle Zungen soll'n zu Gotte schreien: wafen!
Und rufen ihme: wie lang er wolle schlafen?
Sie widerwirken seine Werk' und fälschen seine
Wort',
Sein Kämmerere stiehlt ihm seinen Himmelhort,
Sein Sühner mordet hie und raubet dort,
Sein Hirt' ist zu einem Wolfe ihm worden unter
seinen Schafen. (I 132a)
s e i n e i n e s L e b e n, sein, des Einzelnen Leben. w a f e n ! wehe! w i d e r w i r k e n , vereiteln
entgegenwirkend. H i m m e l h o r t , himmlischer Schatz.
Auf päbstlichen Befehl wurde, noch unter Innocenz III., in den Kirchen der
Stock (truncus) aufgestellt, worein die frommen Gaben fielen, die von Männern
und Frauen zur Unterstützung des heiligen Landes bestimmt wurden[74]. Zwei
Gedichte Walthers handeln von diesem Stocke:
Ahi! wie christlich nun der Pabest unser lachet,
Wenn er seinen Wälschen sagt: »ich hab's also
gemachet.«
(Das er da s a g t , er sollt' es nimmer han
g e d a c h t .)
Er spricht: »ich hab' zween Alemann' unter e i n e
Krone bracht,
Daß sie das Reiche sollen stören und wasten.
All die Weile fülle ich die Kasten.
Ich hab' sie an meinen Stock gemännet, ihr Gut ist
alles mein,
Ihr deutsches Silber fährt in meinen wälschen
Schrein.
Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinket Wein,
Und laßt die Deutschen fasten!
(I 132a)[75]
w a s t e n , verwüsten. g e m ä n n e t , als Mannen, Vasallen, pflichtig gemacht.
Saget an, Herr Stock! hat euch der Pabest her gesendet,
Daß ihr ihn reichet und uns Deutsche ärmet und schwendet?
Wenn ihm die volle Maaße kommt zu Lateran,
So thut er einen argen List, wie er eh' hat gethan,
Er sagt uns danne: wie das Reiche steh' verworren,
Bis ihn erfüllen wieder alle Pfarren.
Ich wähne, des Silbers wenig kommet zu Hülfe in Gottes Land.
Grossen Hort zertheilet selten Pfaffenhand.
Herr Stock! ihr seyd auf Schaden her gesandt,
Daß ihr aus deutschen Leuten suchet Thörinnen und Narren.
(Ebd.)
r e i c h e t , ä r m e t , reich, arm machet. s c h w e n d e t , auszehret. L i s t , Kunstgriff. b i s i h n &c.,
nemlich den Stock. G o t t e s L a n d, das heilige Land. z e r t h e i l e t , theilet aus. s u c h e t ,
aufsuchet.
Vom Ablaßhandel hat Walther Ansichten, die man bei einem Dichter aus der
ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts nicht gesucht haben möchte:
Ihr Bischöf' und ihr edlen Pfaffen! ihr seyd verleitet
(viell. v e r k e h r e t ).
Seht! wie euch der Pabest mit des Teufels Stricken sehret.
Sagt ihr uns, daß er Sankte Peters Schlüssel habe,
So sagt, warum er dessen Lehre von den Büchern schabe?
Daß man Gottes Gabe je kaufe oder verkaufe,
Das ward uns verboten bei der Taufe.
Nun lehret's ihn sein schwarzes Buch, das ihm der Hölle Mohr
Gegeben hat, und aus ihm lesen sie nun vor.
Ihr Kardinäl'! ihr decket euren Chor,
Unser Frohnaltar steht unter einer übeln Traufe.
(I 133b)
s e h r e t , versehret, beschädigt. d e r H ö l l e M o h r, der Teufel (Vgl. I 181b).
Die Schlußzeilen des vorstehenden Gedichtes schildern die Bereicherung
Roms im Gegensatze zu dem Zerfall der deutschen Kirche. Auch der
gleichzeitige Geschichtschreiber, selbst ein Geistlicher, erhebt laute Klage über
die Habsucht des römischen Hofes und die dadurch eingerissenen Mißbräuche.
»Kaum blieb noch -- sagen die urspergischen Jahrbücher -- irgend ein
Bisthum, oder eine kirchliche Würde, oder auch ein Pfarre übrig, die nicht
streitig gemacht und dann die Sache nach Rom gebracht wurde, jedoch nicht mit
leerer Hand. Freue dich, unsre Mutter Rom, daß die reichen Schatzquellen auf
der Erde sich öffnen, damit Ströme Geldes zu dir hin sich ergießen im
Ueberfluß! Frohlocke über die Ungerechtigkeit der Menschensöhne, weil bei
Vergütung so großer Uebel das Sündengeld dir entrichtet wird! Ergötze dich
deiner Gehülfin, der Zwietracht, daß sie aus den Brunnen des höllischen
Abgrundes hervorbrach, damit dir die Gelder sich anhäufen! Du hast, wonach du
immer gedürstet. Stimm' an ein Jubellied, daß du durch die Bosheit der Menschen und nicht durch deine Heiligkeit den Erdkreis überwunden hast! Zu
dir zieht die Menschen nicht ihre Andacht oder ihr reines Gewissen, sondern die
Verübung vielfacher Verbrechen und der Streithändel Entscheidung um
Geld.«[76]
Wie das schlimme Beispiel der Geistlichkeit auch die Laien irre machen und
verderben müsse, führt der Dichter weiter aus:
Welch Herze sich bei diesen Zeiten nicht verkehret,
Seit daß der Pabest selber dort den Ungelauben
mehret,
Dem wohnt ein sel'ger Geist und Gottes Minne bei.
Nun seht ihr, was der Pfaffen W e r k und was ihr'
L e h r e sey.
Ehdeß war ihre Lehre bei den Werken reine,
Nun sind sie aber anders so gemeine,
Daß wir sie unrecht w i r k e n sehen, unrecht hören
s a g e n ,
Die uns guter Lehre Vorbild sollten tragen;
Des mögen wir dumme Laien wohl verzagen.
Ich wähne wieder, mein guter Klausener klage sehr
und weine. (I 135b)
g e m e i n e , allgemein. d e s , darüber.
Die Christenheit, sie lebte nie so gar nach Wahne,
Die sie da lehren sollten, die sind guter Sinne ohne.
Es wär' zuviel, und thät' ein dummer Laie das.
Sie sünden ohne Furcht, darum' ist ihnen Gott gehaß.
Sie weisen uns zum Himmel und fahren selbst zur Hölle.
Sie sprechen: wer ihr'n Worten folgen wölle,
Und nicht ihr'n Werken, der sey ohne allen Zweifel dort
genesen.
Die Pfaffen sollten keuscher, denn die Laien, wesen;
An welchen Büchern haben sie das erlesen,
Des sich so mancher fleisset, wo er ein schönes Weib
verfälle?
(W. H d s . S. 147)[77]
d o r t g e n e s e n, jenseits gerettet. w e s e n , seyn. e r l e s e n , gelesen, erlernt. v e r f ä l l e , zu Fall
bringe.
Es ist eine alte Ueberlieferung der Singschule, daß die zwölf Stifter des
Meistergesangs als Ketzer angeklagt worden seyen und darüber vor dem Kaiser,
dem päbstlichen Legaten und einer großen Versammlung von Gelehrten sich
haben verantworten müssen. Gedichte, wie die bisher angeführten, konnten allerdings zu einer solchen Sage Anlaß geben.
Daß die freimüthigen Aeußerungen eines so berühmten Meisters, als der
unsrige war, nicht wirkungslos verhallten, ist schon zum voraus anzunehmen. Es
sind aber auch noch späthin bestimmte Spuren der Nachwirkung vorhanden.
O t t o k a r von H o r n e c k , der steirische Chronikschreiber am Anfang des
vierzehnten Jahrhunderts, der manch hellen Blick in seine Zeit wirft, verräth
deutlich seine Vertrautheit mit Walthers Aussprüchen über die Geistlichkeit und
ihr Verhältniß zur weltlichen Gewalt[78].
Bei der Abreise nach Italien im Jahr 1220 hatte Friedrich seinen jungen Sohn
Heinrich unter Vormundschaft zurückgelassen und die Verwaltung des Reichs
dem Erzbischof E n g e l b e r t von Köln, aus dem Geschlechte der Grafen von
Berg, übertragen. Im Wintermond 1225 wurde dieser auf dem Rückwege von
Soest nach Köln von seinem Anverwandten, dem Grafen Friedrich von Isenburg,
der als Kirchenvogt von Essen mit dem Erzbischof in Streit gerathen war,
überfallen und meuchelmörderisch erschlagen. Die Klosterbrüder zu Berg,
welche bei dem Leichnam wachten und Psalmen sangen, behaupteten, zwischen
dem Gesang Engelstimmen gehört zu haben. Einem derselben erschien
Engelbert als Märtyrer im Traume. An seinem Grabe zu Köln geschahen viele
Wunder und in der Folge ward er unter die Heiligen versetzt. Der Mörder hatte
sich nach Rom begeben, wo er sich vom Pabste Honorius III. Busse auflegen
ließ. Nach seiner Zurückkunft aber wurde er aufgegriffen und ein Jahr nach
vollbrachter That zu Köln mit dem Rade hingerichtet[79].
Zwei Gedichte Walthers handeln von dem werthen Bischof von Köln. In dem
einen, noch bei Lebzeiten dieses Fürsten verfaßt und an ihn gerichtet, werden
dessen Verdienste um das Reich gerühmt, er wird als Fürstenmeister aufgeführt,
als Ehrentrost eines gepriesenen Kaisers, besser denn je ein Kanzler es war, und
zum Schlusse noch, in Beziehung auf die Heiligen von Köln, als Kämmerer von
drei Königen und eilftausend Jungfrauen (I 106a). Das andre, ein Seitenstück zu
dem vorigen, ist nach der Ermordung des Erzbischofs, aber noch vor bekannt
gewordener Hinrichtung des Thäters, abgefaßt und lautet also:
Wes Leben ich lobe, des Tod, den will ich immer klagen.
So weh' ihm, der den werthen Fürsten habe erschlagen
Von Kölne! o weh', daß ihn die Erde mag noch tragen!
Ich kann ihm nach seiner Schulde keine Marter finden;
Ihm wäre allzu sanft ein eichner Strang um seinen Kragen,
Ich will ihn auch nicht brennen, noch zerglieden, noch
schinden,
Noch mit dem Rade zerbrechen, noch auch darauf binden:
Ich warte alles, ob die Hölle ihn lebend wolle schlinden.
(Ebd.)[80]
z e r g l i e d e n , zerreissen, viertheilen. a l l e s , gänzlich, jediglich. s c h l i n d e n , verschlingen.
Wir haben uns dem Zeitpunkte genähert, wo Friedrich der Anmuthungen des
Pabstes, den längst gelobten Kreuzzug wirklich vorzunehmen, sich nicht länger
erwehren konnte. Schon im Jahr 1223 hatte Honorius den Glaubigen verkündigt,
daß sie sich rüsten sollten, nach zwei Jahren mit dem ruhmreichen Kaiser
Friedrich über Meer zu fahren. Wunderbare Naturerscheinungen hatten von jeher
die Prediger des Kreuzes unterstützt. Vorstellungen von dem nahenden
Weltende, vom tausendjährigen Reiche, dessen Hauptsitz Jerusalem seyn würde,
erregten die Geister. Auch unser Dichter hat die Vorboten des heranrückenden
Weltgerichtes erkannt, nicht bloß in den Zeichen des Himmels, weit mehr noch
in der Verderbniß der Menschen. Es ist höchste Zeit, daß die Christenheit sich
aufraffe, die allzu lang im Schlafe lag:
Nun wachet! uns geht zu der Tag,
Vor dem wohl Angst verspüren mag
Ein Jeglichs: Christen, Juden und auch Heiden.
Wir haben der Zeichen viel gesehen,
Daran wir seine Kunst wohl spähen,
Wie uns die Schrift mit Wahrheit kann bescheiden.
Die Sonne hat ihren Schein verkehret,
Untreu' ihren Samen ausgeleeret
Allenthalben an den Wegen.
Der Vater bei dem Kind Untreue findet,
Der Bruder seinem Bruder lüget,
Geistlicher Orden in Kutten trüget,
Der uns zum Himmel sollte stegen.
Gewalt geht aufrecht, gut Gerichte schwindet.
Wohlauf! hier ist zu viel gelegen.
(I 128a)[81]
s t e g e n , den Weg weisen oder bahnen. W o h l a u f ! die P f . H d s . 357 hat: w o l h i n ! was die
Beziehung auf den Kreuzzug noch näher legt.
Gewaltiger noch ertönt die mahnende Stimme in nachfolgendem Aufruf:
Es kommt ein Wind, das wisset sicherliche,
Davon wir Beides hören: singen und sagen.
Der soll mit Grimm erfahr'n alle Königreiche,
Das höre ich Waller und Pilgerime klagen.
Bäume, Thürme liegen vor ihm zerschlagen,
Starken Leuten wehet er die Häupter abe.
Nun sollen wir fliehen hin zu Gottes Grabe!
(I 103b)
e r f a h r ' n , befahren, durchfahren.
Ein seltsames Lied ist es, worin der Dichter den Engeln das Lob versagt, so
lange sie nicht kräftiger gegen die Heidenschaft mitankämpfen (I 126a).
Hinwider läßt er einen Boten Gottes auftreten, an dessen Vogt, den Kaiser,
gesendet, um Klage zu führen über die Heidenschaft, die im Lande seines
Sohnes schmählich hause. Der Kaiser hat die Erde, Gott das Himmelreich. Jetzt
soll der Kaiser dem Herrn Recht schaffen, Gott wird es gegenseitig thun, da wo
e r Vogt ist, und klagte der Kaiser auch über den Teufel in der Hölle (I 135b).
Ein andres Gesätz mahnt den Kaiser, Deutschlands innern Frieden zu
befestigen und die ganze Christenheit zu sühnen; das verherrliche ihn und mühe
die Heiden sehr. Er habe zwiefache Kaisersstärke: des A a r e s Tugend, des
L e u e n Kraft; die seyen darum Heerzeichen an dem Schilde[82]. Diese zween
Heergesellen, wollten sie an die Heidenschaft, was widerstände ihrer Mannheit
und ihrer Milde? (E b d . )
Bei all diesem Eifer für die Sache des Kreuzes bleibt doch Walther seinem
kaiserlichen Wohlthäter treu ergeben, auch nachdem dieser wegen der
gescheiterten Unternehmung im Jahr 1227, von Gregor IX. mit dem furchtbaren
Bannstrale gezeichnet ist. Den Kirchenfluch, der auch die Anhänger des
Gebannten traf, weist der Dichter unerschrocken von sich ab, indem er dem
Pabst entgegenhält, was dieser bei der Krönung des Kaisers den Völkern
geboten:
Herr Pabest! ich mag wohl genesen,
Denn ich will euch gehorsam wesen;
Wir hörten euch der Christenheit gebieten,
Wie wir des Kaisers sollten pflegen,
Da ihr ihm gabet den Gottessegen:
Daß wir ihn Herren hiessen und vor ihm knieten.
Auch sollt ihr nicht vergessen,
Ihr sprachet: »wer dich segne, daß der gesegnet sey!
Wer dir fluche, der sey verfluchet
Mit Fluche vollgemessen!«
Durch Gott! bedenket euch dabei,
Ob ihr der Pfaffen Ehre irgend suchet?
(I 105a)
g e n e s e n , an meinem Seelenheil unbeschädigt bleiben. w e s e n , seyn. d u r c h G o t t ! um Gottes
willen.
Von neuem läßt Walther den alten Klausner klagen: daß man die Guten banne
und den Uebeln singe (I 103a). Dem Kaiser aber räth er, unbekümmert um des
Pabstes Irrung, dennoch abzufahren[83].
Die Willkühr, womit die Bannsprüche erlassen wurden, mußte allerdings ihre
Wirkung schwächen. R e i n m a r von Z w e t e r , der gleichfalls politische
Gedichte auf Friedrich II. und Gregor IX. verfaßt hat, unterscheidet den Bann,
der mit Gott und nach Gott sey, von demjenigen, worin fleischlicher Zorn stecke
(II 143b) Der F r e i g e d a n k behauptet, der Bann habe keine Kraft, der durch
Feindschaft geschehe (V. 4117 f.); auch ereifert sich dieser Dichter sehr über die
Schwierigkeiten, welche den Unternehmungen Friedrichs im heiligen Lande,
besonders durch den päbstlichen Bann, in den Weg gelegt worden, und daß man
den Kaiser selbst dann nicht vom Banne losgesprochen, nachdem er die heiligen
Stätten den Christen wieder zugänglich gemacht[84].
Wenn wir Walthers Liedern glauben dürfen, so hat er selbst eine Heerfahrt
nach dem heiligen Lande mitgemacht. Entsteht aber die Frage: welchem der
verschiedenen Kreuzzüge, die in seine Zeit fallen, er gefolgt sey? so spricht die
meiste Wahrscheinlichkeit für den von Friedrich II. im Jahr 1228
unternommenen, von welchem zunächst die Rede war. Daß er nicht im Gefolge
Leopolds von Oesterreich in Palästina gewesen, ergiebt sich aus dem Liede,
womit er die Rückkehr dieses Fürsten feiert. Auch ist die Kreuzfahrt darum in
seine spätere Lebenszeit zu setzen, weil er noch in einem Gedichte, das offenbar
den vorgerückten Jahren angehört, seine Sehnsucht nach der frommen Reise
ausspricht (I 142a).
Ein Kriegsgesang in schöner, volltönender Weise erhebt sich schon wie aus den Reihen des Kreuzheeres, das begeistert nach dem wogenden Meere hinzieht
(I 125b). Aber wirklich auf heiligem Boden stehend zeigt sich uns der Dichter in
einem andern Liede. Jetzt erst ist sein Leben ihm werth, seit sein sündig Auge
das reine Land sieht und die Erde, der man so viel Ehre zuerkennt. Es ist
geschehn, was er stets gebeten, er ist an die Stätte gekommen, wo Gott
menschlich wandelte. Was er noch von Ländern gesehen, schönen, hehren und
reichen, die Ehre aller ist dieses, wo der göttlichen Wunder so viele geschehen
sind. In dieses Land hat auch der Herr jenen angstvollen Tag gesprochen, wo der
Waise gerächet wird und die Wittwe klagen mag. Christen, Juden und Heiden
sagen, daß dieß ihr Erbe sey. Gott mög' es zu Recht entscheiden, alle Welt
streitet darum, aber recht ist, daß er u n s gewähre! (I 104 f.)
Den Christen wurde damals gewährt und groß mag Walthers Freude gewesen
seyn, wenn ihm vergönnt war, seinen geliebten Kaiser Friedrich im Tempel des
heiligen Grabes mit der Krone von Jerusalem gekrönt zu sehen.