Walther von der Vogelweide

Ludwig Uhland · Kapitel 11 von 12

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Walther von der Vogelweide

Neunter Abschnitt. Des Dichters Alter. Seine Religionsansichten. Sein Tod.

N e u n t e r A b s c h n i t t .

 

Des Dichters Alter. Seine Religionsansichten.

Sein Tod.

 

Es ist eine Reihe von mehr als dreißig Jahren, durch die wir unsrem Dichter

seit den ersten Liedern, denen sich die Zeit ihrer Entstehung nachweisen läßt, d.

h. vom Jahr 1198 an, unter dem Fingerzeig der Geschichte gefolgt sind, und

schon jene Lieder tragen den Ausdruck männlicher Reife. Wir haben ihn sagen

gehört, daß er vierzig Jahre und drüber von Minne gesungen. Sonach ist nicht zu

zweifeln, daß er ein ansehnliches Alter erreicht habe.

 

Wie wenig sein Leben durch äussere Glücksumstände begünstigt war, darüber

läßt er sich bald schmerzlich, bald launig vernehmen. Auf letztere Weise in

Folgendem:

Frau Sälde theilet rings um mich

Und kehret mir den Rücken zu,

Da kann sie nicht erbarmen sich;

Nun rathet, Freunde, was ich thu'!

Sie steht ungerne gegen mir,

Geh' ich hinfür, ich bin doch immer hinter ihr,

Sie geruhet nicht mich anzusehen;

Ich wollte, daß ihr Aug' an ihrem Nacken stünde,

So müßt' es ohn' ihren Dank geschehen.

(I 119a)

F r a u S ä l d e, Frau Glück, die Segensgöttin. g e g e n m i r, mir zugewendet, o h n ' i h r e n

D a n k , gegen ihren Willen.

 

In ähnlichem Tone hat er seinen letzten Willen aufgesetzt. Er will, eh' er

hinfährt, sein fahrend Gut und Eigen austheilen, damit Niemand darum streite, dem er es nicht zugedacht. All sein Unglück bescheidet er Jenen, die sich dem

Haß und Neid ergeben; seinen Kummer den Lügnern; seinen Unverstand denen,

die mit Falschheit minnen; den Frauen: nach Herzeliebe sehnendes Leid (I

115b).

 

Eben die Ungunst des Geschickes, womit er vielfältig zu kämpfen hatte,

konnte frühzeitig seinen Sinn auf das Höhere lenken. Die manigfachen

Erfahrungen einer langen Lebensbahn waren geeignet, ihm die Nichtigkeit der

irdischen Dinge aufzudecken. Mit dem vorrückenden Alter sehen wir ihn auch

immermehr in das Gebiet ernster und frommer Betrachtung hingezogen. Wenn

wir an einem Theile seiner Minnelieder die Wärme der Empfindung vermißten,

so finden wir die Heimath seiner tieferen Begeisterung da, wo es von Sachen des

Vaterlandes und der Religion sich handelt. Sein Zeitgenosse Reinmar der Alte ist

so sehr Minnesänger, daß er auch noch als Pilgrim seiner Gedanken nicht

Meister wird: den Gott, dem er dienen soll, helfen sie ihm nicht so loben, wie er

es bedürfte (I 72a)[85]. Unser Dichter dagegen hat mit dem ungetheiltesten Eifer

die Sache des Kreuzes ergriffen.

 

Jetzt, da er sich am Abend seines Lebens befindet, wird es angemessen seyn,

eben die religiöse Seite seiner Dichtungen völlig hervorzuheben. Das Irdische

schwindet ihm, so wie beim Sinken der Sonne die Thäler sich in Schatten hüllen

und bald nur noch die höchsten Gipfel beleuchtet stehen.

 

Den Vorzug der wahren und daurenden Freuden von den eiteln und flüchtigen

bezeichnen nachstehende Lieder:

Ich bin Einer, der nie halben Tag

Mit ganzen Freuden hat vertrieben.

Was ich je daher der Freuden pflag,

Der bin ich hier entblöst geblieben.

Niemand kann hie Freude finden, sie zergeh',

Wie der lichten Blumen Schein.

Darum soll das Herze mein

Trachten nach falschen Freuden nimmermeh.

(I 114a)

s i e z e r g e h ', sie zergehe denn.

 

O weh! wir müssigen Leute, wie sind wir versessen

Zwischen zwei Freuden nieder an die jämmerliche Statt!

Aller Arbeit hatten wir vergessen,

Da uns der kurze Sommer sein Gesind' zu werden bat.

Der brachte uns fahrende Blumen und Blatt,

Da trog uns der kurze Vogelsang.

Wohl ihm, der nur nach steten Freuden rang!

Weh gschehe der Weise, die wir mit den Grillen sangen!

Da wir uns sollten warnen gegen des kalten Winters Zeit.

Daß wir viel Dummen mit der Ameise nicht rangen,

Die nun viel würdiglich bei ihren Arebeiten leit!

Das war stets der Welte Streit:

Thoren schalten stets der Weisen Rath.

Man sieht wohl d o r t , wer h i e gelogen hat.

(I 103b)

v e r s e s s e n , falsch gesessen. z w e i F r e u d e n, der irdischen und der ewigen. D a u n s &c. Als

uns der flüchtige Sommer einlud, sein Gefolge zu seyn. f a h r e n d e B l u m e n, vergängliche,

unstete, gleich den fahrenden Leuten (Vgl. M a n . I 70a 7, I 170a 7); das Bild entspricht dem obigen G e s i n d e . B l a t t , Blätter. g e g e n , vor. l e i t , liegt.

 

Wie der Dichter dem Minnesang absagt, den er so lange Zeit geübt, wie er von

der vergänglichen Minne sich zu der ewigen wendet, ist schon oben gezeigt

worden.

 

In einem Zweigespräche mit F r a u W e l t (I 111b) nimmt er von dieser

seiner bisherigen Pflegerin feierlich Abschied. Sie spricht ihm zu, bei ihr zu

bleiben; er soll gedenken, was sie ihm Ehren bot und wie sie ihm seinen Willen

ließ. Frau Welt! erwidert er, ich habe zu viel gesogen, ich will entwohnen, es ist

Zeit. Gott gebe dir, Frau, gute Nacht! Ich will zur Herberge fahren.

 

Welt! ich habe deinen Lohn ersehen, -- sagt er in einem ähnlichen Gedichte (I

122b) -- was du mir giebst, das nimmst du mir. Wir scheiden alle nackt und bloß

von dir. Ich hatte Leib und Seele tausendmal gewagt um dich, nun bin ich alt und

hast mit mir dein Spiel, und zürn' ich des, so lachest du. Lach' uns noch eine

Weile so! dein Jammertag wird bald auch kommen.

 

Traum und Spiegelglas -- heißt es anderswo -- gelten bei der Stete dem Winde

gleich. Laub und Gras, das stets meine Freude war, dazu Blumen manigfalt, die

rothe Heide, der grüne Wald, der Vögelein Sang, der Linde Süssigkeit, haben ein

traurig Ende. Den thörichten Wunsch zur Welt, ich sollt' ihn lassen, damit er

nicht meiner Seele große Noth bringe. Der Busse wäre hohe Zeit. Nun fürchte ich siecher Mann den grimmen Tod, daß er kläglich über mich komme. Vor

Furcht bleichen mir die Wangen. Wie soll ein Mann, der nichts denn sündigen

kann, hohen Muth gewinnen? Seit ich an weltlichen Dingen Uebel und Gut zu

erkennen begann, griff ich, wie ein Thor, zur linken Hand recht in die Glut und

mehrte stets dem Teufel seinen Sieg. Ich war mit sehenden Augen blind und aller

guten Dinge ein Kind, wie ich auch meine Missethat der Welt hehlte. Heiliger

Christ! mache du mich rein, eh' meine Seele versinke in das verlorne Thal! (I

141b)

 

Mit tiefschmerzlicher Empfindung ist die Nichtigkeit des Irdischen besonders

in dem großen Klaggesange dargelegt, den der Dichter anstimmt, nachdem er in

späteren Jahren in das Land seiner Geburt zurückgekommen ist. Alles findet er

umgewandelt, er wird an der Wirklichkeit irre, ihm ist jetzt das Leben ein

Traum. Lautes Wehe erhebt er über die Verderbniß und den Unbestand der Welt.

Er will sich hinüber retten in das Heilige.

O weh! wohin verschwanden alle meine Jahr'?

Ist mein Leben mir geträumet oder ist es wahr?

Das ich stets wähnte, daß es wäre, war das icht?

Darnach hab' ich geschlafen und so weiß ich's nicht.

Nun bin ich erwachet, und ist mir unbekannt,

Was mir hievor war kundig, wie mein' andre Hand.

Leute und Land, dannen ich von Kinde bin geborn,

Die sind mir fremde worden, recht als ob es sey verlorn.

Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt,

Bereitet ist das Feld, verhauen ist der Wald,

Nur daß das Wasser fließet, wie es weiland floß.

Fürwahr! ich wähnte, mein Ungelücke würde groß.

Mich grüßet mancher träge, der eh' mich kannte wohl;

Die Welt ist allenthalben Ungenaden voll.

Wenn ich gedenke an manchen wonniglichen Tag,

Die mir entfallen sind, wie in das Meer ein Schlag:

Immermehr o weh!

O weh! wie jämmerlich die jungen Leute thunt,

Denen nun viel traurigliche ihr Gemüthe stund!

Die können nichts, denn sorgen; o weh! wie thun sie so?

Wo ich zur Welt hinkehre, da ist Niemand froh.

Tanzen, Singen, zergeht mit Sorgen gar.

Nie Christenmann noch sah so jämmerliche Jahr'.

Nun merket, wie den Frauen ihr Gebände staht!

Die stolzen Ritter tragen dörfliche Wat.

Uns sind unsanfte Briefe her von Rome kommen,

Uns ist erlaubet Trauren und Freude gar benommen.

Das mühet mich inniglichen sehr, wir lebten sonst viel wohl,

Daß ich nun, für mein Lachen, Weinen kiesen soll.

Die wilden Vögel betrübet unsre Klage,

Was Wunder ist, wenn ich davon verzage!

Was spreche ich dummer Mann durch meinen bösen Zorn?

Wer d i e s e r Wonne folget, der hat j e n e dort verlorn

Immermehr, o weh!

O weh! wie uns mit süßen Dingen ist vergeben!

Ich sehe die bittre Galle mitten in dem Honige schweben.

Die Welt ist aussen schöne weiß, grüne und roth,

Und innen schwarzer Farbe finster, wie der Tod.

Wen sie nun verleitet habe, der schaue seinen Trost!

Er wird mit schwacher Buße großer Sünde erlost.

Daran gedenket, Ritter! es ist euer Ding.

Ihr traget die lichten Helme und manchen harten Ring,

Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwerdt.

Wollte Gott, ich wäre solches Sieges werth!

So wollte ich nothiger Mann verdienen reichen Sold,

Doch meine ich nicht die Huben, noch der Herren Gold:

Ich wollte selber Krone ewiglichen tragen,

Die möchte ein Söldener mit seinem Speer bejagen.

Möchte ich die liebe Reise fahren über See,

So wollte ich danne singen: wohl! und

nimmermehr: o weh!

(I 141b f.)

i c h t , irgend etwas. k u n d i g &c. bekannt, geläufig, wie der einen Hand die andre. v o n K i n d e,

von Kindheit auf. U n g e n a d e n , Ungunst, Mißgeschick. I m m e r m e h r , immerfort. t h u n t ,

thun. s t u n d , geworden, beschaffen ist. z u r W e l t, auf der Welt. u n s a n f t e , unerfreuliche;

die Bannbriefe. m ü h e t , betrübet, quälet. v e r g e b e n , Gift gegeben. s c h w a c h e r , geringer.

e u e r D i n g, eure Sache. R i n g , Panzerring. H u b e n , Grundstücke, Lehengüter. m ö c h t e , könnte. b e j a g e n , erjagen, erwerben.

 

Es kann mit Recht gefragt werden: was, nach der Verschmähung des

Irdischen, dem Dichter das Göttliche sey, das ihn entschädige und erhebe?

 

Das zuletzt ausgehobene Gedicht benennt uns den Kampf unter der Fahne des

Kreuzes. Es ist bemerkenswerth, wie der Dichter, der sonst um das Gold der

Fürsten geworben, jetzt, dieses verschmähend, selbst eine Krone, die

himmlische, erwerben möchte. Das heilige Land ist ihm die durch Gottes

irdischen Wandel verklärte Erde; der Kampf um dieses Land eine höhere Weihe,

ein Uebertritt vom Dienste der Welt in den des Himmels; der Tod in diesem

Kampfe der geradeste Pfad nach dem Reiche Gottes.

 

Große Verehrung widmet Walther der Königin der Engel, deren keuscher Leib

den umfieng, den Höhe, Breite, Tiefe, Länge nie umgreifen mochte (I 133a).[86]

Er theilt diese besondre Verehrung der heiligen Jungfrau mit den andern

Dichtern seiner Zeit. Sie hieng selbst mit dem Minnesange zusammen. »Der

Welt Hort -- sagt R e i n m a r von Z w e t e r (II 143a) -- liegt gar an reinen

Weiben, ihr Lob, das soll man höhen und treiben; was Gott je erschuf, das

übergelten sie, es ward geboren sein selbes Leib von einer Magd, das gab er

ihnen zu Steuer.« Und es geht wohl aus dieser Ansicht von der höheren Weihe

der Frauen hervor, wenn derselbe Dichter meint: »flüchtete sich ein Wolf zu

Frauen, man sollte ihn um ihretwillen leben lassen.« (II 152b)

 

Auch über den Kriegsheeren schwebte die heilige Jungfrau. In seinem

Kreuzgesange (I 125b) ruft Walther die Königin ob allen Frauen an[87]. »St.

Marie, Mutter und Magd, unsre Noth sey dir geklagt!« sangen die Heere, wenn

sie in die Schlacht zogen (H o r n e c k , Cap. 440 682 83).

 

Ein vorzüglicher Grund des Mariendienstes im Mittelalter lag in dem

Glauben, daß Gott keine Fürbitte seiner Mutter unerhört lasse. Walther singt:

»Nun loben wir die süße Magd, der ihr Sohn nimmer nichts versagt! Sie ist des

Mutter, der von Hölle uns löste. Das ist uns ein Trost vor allem Troste, daß man

da zu Himmel ihren Willen thut.« (I 126a). Aus andern Dichtern könnten

ähnliche Stellen angeführt werden. So wie aber der Sohn die Mutter erhört, so

wird hinwider die Mutter bei dem Namen des Sohnes gemahnt. »Hilf mir durch

deines Kindes Ehre, daß ich meine Sünde büsse!« ruft Walther zu ihr (I 133a)

[88].

 

Es war sonst schon Anlaß, seine Gedichte mit Gemälden zu vergleichen. Wie

zuvor den Kirchenzug des Königs oder den Ausgang einer herrlichen Frau, so

stellt er uns jetzt geistliche Bilder auf aus der Geschichte Mariens und ihres

göttlichen Sohnes. Besonders schön sind zwei derselben, die Kreuzigung und der

Tod Jesu, rührend durch die bloße Darstellung, ohne allen Erguß der

Empfindung:

Sünder! du sollt an die große Noth gedenken,

Die Gott um uns litt, und sollt dein Herz in Reue senken!

Sein Leib war mit scharfen Dornen gar versehret,

Und noch ward manigfalt sein' Marter an dem Kreuze gemehret. Man schlug ihm dreie Nägel durch Hände und auch durch Füsse. Jammerlichen weinte Maria, die Süsse,

Da sie ihrem Kinde das Blut aus beiden Seiten fließen sach.

Traurigliche Jesus von dem Kreuze sprach:

»Mutter! ist doch euer Ungemach

Mein zweiter Tod. Johann! du sollt der Lieben Schwere

büssen!«

(I 133a)

s a c h , sah. S c h w e r e b ü s s e n, Kummer stillen.

 

Der Blinde sprach zu seinem Knechte: »Du sollt setzen

Den Speer an sein Herze! so will ich die Marter letzen.«

Der Speer gegen all der Welte Herren ward geneiget.

Maria vor dem Kreuze trauriglichen Klage erzeiget;

Sie verlor ihr' Farbe, ihr' Kraft, in bitterlichen Nöthen,

Da sie jämmerlich ihr liebes Kind sah tödten

Und Longinus den Speer ihm in sein' reine Seite stach.

Sie sank unmächtig nieder, daß sie nicht hörte und nicht

sprach.

In d e m Jammer Christe sein Herz brach.

Das Kreuz begunnte sich mit seinem süßen Blute röthen.

(E b d . )

l e t z e n , endigen. L o n g i n u s , der h. Longinus ist, nach der Legende, der Kriegsknecht, welcher die

Seite Jesu mit dem Speer öffnete. Von dem niederströmenden Blute soll ein Blinder geheilt worden seyn.

 

Niemand wird sich wundern, den Dichter in den Vorstellungen seiner Zeit

befangen zu finden. Aber auch in freier Bewegung zeigt sich uns derselbe.

 

Von eigener Aufrichtigkeit ist nachfolgende Beichte:

Viel hochgelobter Gott! wie selten ich dich preise!

Da ich von dir doch beides habe, Wort und Weise,

Wie wag' ich so zu freveln unter deinem Reise!

Ich thu' nicht rechte Werke, noch hab' ich wahre Minne

Zu meinem Nebenchristen, Herre, noch zu dir.

So hold noch ward ich ihrer keinem je, als mir.

Gott Vater und Gott Sohn, dein Geist berichte meine Sinne!

Wie sollt' ich den wohl minnen, der mir übel thut?

Mir muß der immer lieber seyn, der mir ist gut.

Vergieb mir andre meine Schuld! ich will noch haben d e n

Muth. (I 131a)

Von Walthers freimüthigen Aeußerungen gegen die Priesterherrschaft ist

umständlich gehandelt worden. Wenn er zum Kampfe für die Erlösung des

heiligen Grabes eifrig ermuntert, so ist er darum nicht eben von blindem Hasse

gegen nichtchristliche Mitmenschen beherrscht. »Räche, Herr! -- betet er -- dich

und deine Mutter an denen, die eures Erblandes Feinde sind! Laß dir den Christen gleich wenig gelten, als den Heiden! Du weißt wohl, daß nicht die

Heiden allein dich irren, die sind wider dich doch ö f f e n t l i c h unrein; zeige

die in ihrer Unreine, die es mit jenen h e i m l i c h gemein haben.« (I 103a)[89].

Als den Vater aller Menschen erkennt er den Herrn, wenn er ausruft: »Ihm

dienen Christen, Juden und Heiden, der alle lebende Wunder nährt.« (I 128b)

Um Vieles duldsamer und freidenkender, als der F r e i g e d a n k (V. 481-84),

den es gewaltig verdrießt, daß Gott Christen, Juden und Heiden gleiches Wetter

giebt.

 

Am reinsten aber und über allen Wahn der Zeit erhaben erscheint seine

Anbetung da, wo er vor Gott sich niederwirft, als dem Unbegreiflichen, den zu

erforschen alle Mühe bei Tag und bei Nacht verloren ist, den keine Predigt und

keine Glaubenssatzung erklärt:

Mächtiger Gott! du bist so lang und bist so breit.

Gedächten wir daran, daß wir unsre Arebeit

Nicht verlören! Dir sind beide ungemessen: Macht und

Ewigkeit.

Ich weiß an mir wohl, was ein Andrer auch drum trachtet,

Doch ist es, wie es stets war, unsern Sinnen unbereit.

Du bist zu groß, du bist zu klein; es ist ungeachtet.

Dummer Gauch, der daran betaget oder benachtet!

Will er wissen, was nie ward geprediget noch gepfachtet?

(I 102b)

u n b e r e i t , unzugänglich. u n g e a c h t e t , unermessen, ungeschätzt. d a r a n b e t a g e t o d e r

b e n a c h t e t , Tag oder Nacht darauf wendet, damit hinbringt (Vgl. II 112a). g e p f a c h t e t , in

Satzungen gefaßt, von P f a c h t , Satzung, Gesetz.

 

Unsre Blicke sind dem Dichter in das Gebiet des Unendlichen gefolgt und hier

mag er uns verschwinden. Es ist uns keine Nachricht von den äußeren

Umständen seiner letzten Zeit geblieben, gleich als sollten wir ihn nicht mehr

mit der Erde befaßt sehen, von der er sich losgesagt, und von seinem Tode nichts

erkennen, als das allmählige Hinüberschweben des Geistes in das Reich der

Geister.

 

Davon jedoch ist Kunde vorhanden, wo seine irdische Hülle bestattet worden.

In der Würzburger Liederhandschrift, aus der ersten Hälfte des vierzehnten

Jahrhunderts[90], findet sich die Nachricht, daß Herr Walther von der Vogelweide

zu W ü r z b u r g zu dem Neuenmünster in dem Grasehofe begraben liege. In einer handschriftlichen Chronik aber ist eine liebliche Sage mit Folgendem

aufbewahrt: im Gange des Neuenmünsters, gewöhnlich L o r e n z g a r t e n

genannt, sey W a l t h e r begraben unter einem Baume. Dieser habe in seinem

Testament verordnet, daß man auf seinem Grabsteine den Vögeln Waizenkörner

und Trinken gebe; und, wie noch jetzt zu sehen sey, hab' er in den Stein, unter

dem er begraben liege, vier Löcher machen lassen zum täglichen Füttern der

Vögel. Das Kapitel des Neuenmünsters aber habe dieses Vermächtniß für die

Vögel in Semmeln verwandelt, welche an Walthers Jahrestage den Chorherrn

gegeben werden sollten, und nicht mehr den Vögeln. Im Gange des vorbesagten

Gartens, gewöhnlich im K r e u z g a n g , sey von diesem Walther noch

Folgendes, in lateinischen Versen, in Stein gehauen, zu lesen: »Der du bei

Leben, o Walther, der V ö g e l W e i d e gewesen bist, Blume der

Wohlredenheit! Mund der Pallas! du starbest. Damit nun deine Frömmigkeit den

himmlischen Kranz erlangen möge, so spreche, wer Dieses liest: sey Gott seiner

Seele gnädig!«[91]

 

Name und Wappen des Dichters mögen zu jener Sage Anlaß gegeben haben.

 

Der Truchseß von Sankt Gallen betrauert den Tod Walthers auf ähnliche

Weise, wie dieser den Tod Reinmars beklagt hat: Uns ist unsres Sanges Meister,

den man eh' v o n d e r Vo g e l w e i d e nannte, auf die Fahrt, die nach ihm uns

Allen unerlassen bleibt. Was frommet nun, was er eh' der Welt erkannte? Sein

hoher Sinn ist worden krank. Nun wünschet ihm um seines werthen, hofelichen

Sanges willen, daß sein der süsse Vater nach Gnaden pflege! (P f . H d s . 357

Bl. 20b).

 

[A] Das Treffendste, was mir bekannt ist, hat über ihn ein Gelehrter gesprochen, dem man sonst die

Ueberschätzung der Dichterwerke des Mittelalters nicht vorwirft, B o u t e r w e k , in seiner Gesch.

d. Poes. u. Beredsamk., Bd. IX S. 107 ff.: »Einer der vorzüglichsten unter diesen ersten und unter

allen deutschen Minnesingern ist W a l t h e r v o n d e r Vo g e l w e i d e aus einer adeligen

Familie im Thurgau. -- Aus seinen volltönenden, kräftigen und lieblichen Gesängen spricht ein

wahrhaft lyrisches Genie. Selbst religiöse Gegenstände behandelt er glücklicher, als die meisten

seiner Zeitgenossen. Auch war er reicher an Gedanken, als sie. Ihm schwebte, wie jedem großen

Dichter, auch ohne philosophische Meditation, das G a n z e des menschlichen Lebens vor.

Gewöhnlich haben seine Darstellungen etwas Mahlerisches. Einige seiner Gesänge in langen

Zeilen nähern sich dem metrischen Charakter des Sonetts. Einige nehmen einen hohen feierlichen

Schwung; andere gehen den leichten, raschen Schritt des muntern Volksliedes; noch andere sind

mit einer fast epigrammatischen Feinheit ausgeführt. Weinerliche Klage war nicht dieses Dichters

Sache; aber im Preise der Frauen ist er unerschöpflich. Doch das poetische Verdienst des trefflichen

Walthers von der Vogelweide ist einer ausführlichen Analyse werth, zu der sich hier kein Raum

findet. Noch verdient sein Va t e r l a n d s g e f ü h l bemerkt zu werden. Einige seiner Gedichte

haben das öffentliche Wohl Deutschlands zum Gegenstande. Im Volkstone hat er das Lob des

deutschen Namens gesungen.«

[B] Eine neue Ausgabe sämmtlicher Gedichte Walthers hat K ö p k e , der Herausgeber von Barlaam

und Josaphat, zugesagt. S. B ü s c h i n g s Wöchentl. Nachrichten &c. Bd. IV 1819 S. 12.

Vorarbeiten hat auch L a c h m a n n , in seiner Auswahl aus den hochdeutschen Dichtern des 13.

Jahrh. Berl. 1820 S. 178-203, geliefert.

[1] S t u m p f , der gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb, erwähnt im 5. Buche seiner

Chronik eines Sankt Gallischen Bürgers, H a n s Vo g e l w e i d e r, und fügt das Wappen dieser

Vogelweider bei. Hierauf folgt in der, vierzig Jahre nach des Verfassers Tod erschienenen Ausgabe

von 1606 (Bl. 373b) nachstehender Beisatz, welcher in der ersten Ausgabe von 1548 (II Bl. 31b)

noch nicht befindlich ist: »Sonst ist Vogelweide ein alt Schloß geweßt im oberen Turgow gelegen;

davon berümpte Leut kommen, an der Herzogen in Schwaben Hof bekannt. Walther v. d.

Vogelweid war ein frommer biderber, nothaffter Ritter, an Keysers Philippi Hof: wie sölchs

bezeuget sein selbst eigen Lied in einem uralten Buch (sicherlich die Maness. Handschr.) under

Keyser Heinrich und König Cunraden dem jungen geschrieben: darinnen auch sein Wappen

abgemalet, hat aber nichts mit diesem geleichs.« Dieses ist ohne Zweifel die Hauptstelle, nach

welcher B o d m e r und nachher viele Andre den Ursprung des Dichters in das obere Thurgau

setzen.

[2] Von S i n g e n b e r g , L a n d e g g und G ö l i wird weiterhin die Rede seyn. K r a f t von

T o g g e n b u r g ist in der Geschichte dortiger Gegend hinlänglich bekannt. Die von S a r , ein

ausgestorbenes Geschlecht im Rheinthal, nach welchem noch die Landschaft genannt wird. Ueber

die Geschlechter von H u s e n und von T h a l s. v. A r x (G e s c h i c h t e d e s K a n t o n s S t .

G a l l e n , 2 B d e . S t . G a l l e n 1810-11) I 493, 498. Unter den Dienstleuten des

Gotteshauses St. Gallen um 1300 zählt ein altes Verzeichniß: die von A l t s t e t t e n , von

H a r d e g g , von H u s e n , auf. E b d . I 482. Der Minnesänger F r i e d r i c h von H u s e n , ein

Kreuzfahrer, bezeichnet sich selbst als u m d e n R h e i n einheimisch. M a n . I 92b 94a (Im

Elsaß sucht ihn O b e r l i n , De poet. Alsat. erot. p. 10). Ein W a l t h e r von K l i n g e n kömmt um

1271 urkundlich vor, A r x I 395 (nach D o c e n , M u s . I 144 schon 1251); ein H. (Heinricus)

miles de Frouunberch 1257 E b d . I 544; ein Cuno miles de Tüfin 1279 E b d . I 506. Die

R u g g e n erscheinen noch um die Mitte des 15. Jahrh. als St. Gallische Junker E b d . II 296. Der

von W e n g e n richtet ein Lied an die Thurgäuer M a n . II 99a. -- Anziehend und anschaulich hat

v. L a ß b e r g in der Zueignung des 1. Bands seines L i e d e r s a a l s (1820) an die Sänger dortiger

Gegend erinnert.

[3] Alles Obige hat v. A r x in seinem äußerst lehrreichen Geschichtwerke umständlich ausgeführt

und belegt. Von dem Mönche T u t i l o (st. 912) sagt Ekkehard. Jan. de casib. monast. St. Galli

Cap. III: »filios nobilium in loco ab Abbate destinato fidibus edocuit.«

[4] Ueber die St. Gallischen Erbämter s. A r x I 320. K o n r a d , Schenk von Landegg, kömmt von

1281 (oder schon 1271, I 528) bis 1304 in den Urkunden vor. E b d . I 476. Die Kämmerer hießen:

G i e l e »Rudolf Gielo noster Camerarius.« E b d . I 320. Vgl. M u s . I 162. Der Dichter G ö l i

(M a n . II 57a) singt:

B e i d e m R h e i n e grünen Werde und Auen.

Ueber die andern Geschlechter s. Anm. [2].

[5] Die oftangeführte Geschichte des Kantons St. Gallen giebt eine umständliche geschichtliche

Ortsbeschreibung dortiger Gegend, auf die reichhaltigen, in hohes Alterthum hinaufreichenden

Urkundensammlungen des St. Gallischen Archivs gegründet. Nirgends aber erwähnt sie einer Burg

Vo g e l w e i d e . Um desto sichrer zu gehen, habe ich an Herrn v. A r x selbst mich schriftlich

gewendet und von ihm die Bestätigung erhalten, daß ihm von einem Schlosse dieses Namens nie

eine Meldung aufgestoßen sey. Möglich wäre eine Verwechslung mit V ö g e l i n s b e r g oder

V ö g e l i s e c k . In dem St. Gallischen Jahrszeitenbuche (Goldast, Script. Rer. Alem. Tom. I), das

1272 geschrieben wurde, kömmt ein Ruodolfus dispensator de Voegillinsberc vor. N o t k e r III.,

Vorsteher der St. Gallischen Klosterschulen, gest. 1022, hatte bei Speicher, in der Gegend, wo jetzt

das weitausschauende V ö g e l i s e c k steht, ein Gehege (vivarium), worin er Wild und seltene

Vögel, die er am meisten liebte, verwahren und füttern ließ. Es ist vermuthet worden, daß hier die

Heimath des Geschlechtes v. d. Vo g e l w e i d e zu suchen sey, welcher Name im Munde des Volks

in V ö g e l i s e c k umgewandelt worden seyn möchte. Man überzeugt sich leicht, wie sehr es

hiebei an einem sichern Halt gebreche.

[6] Ueber die St. Gallischen Vogelweider s. A r x II 196; L e u , A l l g e m . H e l v e t . L e x i c o n

Thl. 18 S. 676. Sie kommen zuerst 1430 vor. Das Schreiben des Herrn v. A r x besagt darüber

Folgendes:

»Ich bezweifle es sehr, ob Walther Vogelweider von St. Gallen her sey. Denn nie kömmt dieses Geschlecht in ältern Zeiten, sondern erst im 15. Jahrh. da vor, wo von allen Orten her Leute sich in St. Gallen ansiedelten, oder wieder abzogen. Mir scheint Vo g e l w e i d e r eher eine Bedienung ausgedrückt zu haben, und von dieser in einen Geschlechtsnamen übergegangen zu seyn. Nämlich so wie K u c h i m e i s t e r einen Proviantmeister, und F ü l l e r (impletor), S p i s e r , andre Verrichtungen anzeigten, und nachhin zu (St. Gallischen) Familiengeschlechtern wurden, so war Vo g e l w e i d e r ohne Zweifel ein Mann, der sich mit dem Fangen, Füttern, Abrichten der Vögel eines Großen abzugeben hatte, denn Fogilweida hieß eben das, was Aviarium, Glossar sec. 10. in. ab Ekhart, und ohne solches Vogelbehältniß und einen Wärter desselben konnte der Falkenjagd wegen und des Finkenfangs kein Fürst oder Graf seyn. Es mußte darum aller Orte Vo g e l w e i d e r geben.«

Im Würtembergischen ist der Name Vo g e l w a i d nicht selten.

[7] Bei W a g e n s e i l , Vo n d e r M e i s t e r s ä n g e r h o l d s e l . K u n s t, S. 506:

Der Fünft Herr Walter hieß,

War ein Landherr aus Böhmen g e w i ß [?]

Von der Vogelweid &c.

In einem andern Meisterliede (G ö r r e s , A l t t . Vo l k s - u n d M e i s t e r l i e d e r & c .

F r a n k f . 1817 S. 224) heißt er: Herr Walther v o n d e r W i d, der Ziervogel. (Vgl. M a n . II

2b)

[8] S. K ö n i g , G e n e a l o g . A d e l s h i s t o r i e & c . Thl. II S. 543.

[9] O b e r t h ü r , D i e M i n n e - u n d M e i s t e r s ä n g e r a u s F r a n k e n &c. W ü r z b .

1818 S. 30.

[10] So wird er genannt im Leben der h. Elisabeth (Mencken, Script. Rer. Germ. T. II) und in dem

Meisterliede bei G ö r r e s S. 224. In der Nachricht, welche die Würzb. Handschr. von seiner

Grabstätte giebt, heißt er Miles. Doch ist es zweifelhaft, ob er die Ritterwürde selbst erlangt habe,

indem er sich in einem seiner Gedichte mit den Rittern in Gegensatz zu stellen scheint (M a n . I

142a:

»Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding &c.«)

[11] Chron. Claustro-Neoburg. (ap. Pez, Script. Rer. Austr. T. I) ad ann. 1195, 97, 98.

[12] Auf die deutsche Heldensage findet sich nirgends eine Beziehung, man müßte es denn für eine

Anspielung auf W a l t h e r u n d H i l t e g u n d ansehen, wenn auch er, der Sänger Walther, seine

Geliebte H i l t e g u n d nennt. (I 136b)

[13] Registr. Innocent. III. ep. 136 p. 147.

[14] Diese Strophe ist nachgeahmt von B o p p o (M a n . II 235):

Ich saß auf einer Grüne &c.

[15]

Die Mücken haben König unter ihnen,

Die Bienen einen Weissel, dem sie folgen,

Kein' Creature lebet ohne Meisterschaft &c.

D e r M y s n e r e (Bei M ü l l . DXCIII)

 

[16] Chron. Abb. Ursperg: »Erat autem Philippus animo lenis, mente mitis, eloquio affabilis, erga

homines benignus, largus satis et discretus, debilis quidem corpore, sed satis virilis, in quantum

confidere poterat de viribus suorum, facie venusta et decora, capillo flavo, statura mediocri, magis

tenui quam grossa.«

[17] Richard war zu Ende des Jahres 1192, als er auf der Rückkehr aus dem heiligen Lande durch

das Gebiet Leopolds VI. von Oesterreich, den er in Palästina beleidigt hatte, verkleidet reisen

wollte, erkannt und festgesetzt worden. Leopold überließ seinen Gefangenen um 60000 Mark

Silbers an Kaiser Heinrich, der Richarden wegen dessen Verbindung mit Tankred von Sicilien übel

wollte. Nun wurde Richard vom Kaiser in harter Gefangenschaft gehalten, und erst zu Anfang des

Jahres 1194 gegen ein Lösegeld von 100,000 Mark, das die Engländer mit großer Anstrengung

zusammen gebracht hatten, in Freiheit gesetzt.

[18] O r a n s e S. 176b, vgl. T i t u r e l Kap. 27 Str. 4096.

[19] »De Saxonia quidem habuit (Philippus) Ducem Bernhardum, Marchionem Moesiæ et alios

principes sæculares potentissimos, insuper Archiepiscopos Magdeburgensem et Bremensem et

suffraganeos eorumdem.« Chron. Ursp.

[20] Diese Zeit vermuthet K ö p k e a. a. O. S. 16.

[21]

»Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen.«

(W. Hds. S. 170) Daß Walther sich der H a r f e bedient, ist aus der Stelle (I 112) vermuthet worden,

wo er von der a l t e n L e h r e spricht, daß man nicht in der Mühle h a r p f e n solle. Der Ausdruck

ist aber, wie der Dichter selbst andeutet, sprichwörtlich zu verstehen.

[22] In den Anreden: »Ja Herre!« (I 109b 124b) »Herren und Freund'!« (I 136b)

[23] Das politische Gedicht: »Nu soll der Kaiser hehre« &c. (I 136a) ist auf diese Begebenheit

bezogen worden. Es ist jedoch zu bemerken, daß Philipp niemals K a i s e r war, daß Walther ihn

sonst überall K ö n i g nennt und beiderlei Titel sehr wohl unterscheidet, z. B. in dem Liede:

Herre K a i s e r ! ihr seyd willekommen,

Des K ö n i g e s Name ist euch benommen &c.

(I 103b)

Bei dem damaligen Wechsel der Parteiung kann jenem Gedichte leicht ein späteres Ereigniß zu

Grunde liegen.

[24] S. den Prolog Albrechts vor W i c k r a m s Umarbeitung seiner Verdeutschung. Frankf. 1581.

[25] Im T i t u r e l , wo des Landgrafen Hermann mehrmals rühmliche Erwähnung geschieht, heißt

es von ihm (Kap. 7):

Hermann von Thüringen Ehre

Pflag weiland, die muß immer Preises walten &c.

[26] Aus demselben Gedicht V. 19097 f. erhellt, daß damals Thüringen auch für das Vaterland

neuer Tanzmusik galt.

[27] D i l i c h , Hessische Chronik 1606 Thl. I S. 33

[28] Das Gedicht vom Kriege auf Wartburg erhebt diese fürstliche Tugend zum vorzüglichen

Gegenstand des Wettgesangs. Der T a n h u s e r , um die Mitte des 13. Jahrh., mustert in einem

besondern Gedichte (M a n . II 64) die Fürsten seiner und der nächst vorhergegangenen Zeit nach

eben dieser Beziehung.

[29] Damit droht der M y s n e r (DXCVI). Mit dem Verfalle der Kunst nimmt die Gemeinheit zu.

Sie werden trotziger und niederträchtiger zugleich. Dem Kargen, der sich selbst bedürftig stellt,

wünscht der U n v e r z a g t e (III), daß seine Hand eines fremden Mannes Kleid auf seines Weibes

Bette finden möge. Der U r e n h e i m e r (CCVI) sagt gerade heraus: »also man den Meister lohnet,

also wischet er das Schwerdt.« R u m e l a n t v o n S c h w a b e n (CCCLXXXI) verhehlt nicht,

daß er mit seinen Lobliedern gelogen habe. Doch hat ihm ein weiser Prediger gesagt, daß hübsche

Lüge nicht große Sünde sey. Der U n v e r z a g t e (XIX) äussert noch: »Man soll gnädige Heilige

fern in fremden Landen suchen, so such' ich werthe Leute, die ihr Gut mit Ehren zehren. Welcher

Herr mir Gnade thut, der soll mein Lob hinnehmen. Sie sind heilig, die mir geben um Gottes und

der Ehre willen. Die l e b e n d e n Heiligen müssen selig seyn!«

[30] So sagt auch der von B u w e n b u r g (II 181a):

Wer getragener Kleider gehrt,

Der ist nicht Minnesanges werth.

Herrn G e l t a r dagegen (oder G e d r u t , P f . H d s . 357 Bl. 24b) ist es noth nach a l t e r W a t

(II 119b). Auch der C h a n z l e r zeigt sich lüstern nach r e i c h e r H e r r e n a l t e r W a t (II

246b).

[31] Die P f . H d s . 357 Bl. 20 hat das Lied, welches mit diesem Satze schließt, unter denen des

Truchs. von St. Gallen. »Getreuer Freund, versuchtes Schwerdt, die zweene sind in Nöthen gut!«

sagt auch B r u d e r W e r n e r (LVIII). Die Rede ist sprichwörtlich, wie jenes Lied selbst andeutet.

Walther läßt zuweilen ein Sprichwort (e i n a l t g e s p r o c h e n W o r t, wie U l r i c h v .

W i n t e r s t e t t e n sich ausdrückt, B e n e c k e ' s Ergänz. S. 220. Vgl. Fragm. de bell. Carol. M.

contr. Sarac. v. 1011.) einfließen, als: »In der Mühle harpfen.« (I 122) (Vgl. F r e i g e d a n k , V.

1559 f.) »Guter Mann ist guter Seiden werth.« (I 115a) »Sind je doch Gedanken frei.« (I 121b) Vgl.

D i e t m a r von A s t : »Gedanken, die sind ledig frei.« (I 40a)

[32] So bezeichnet R e i n m a r d . A l t e (M a n . I 80b) die geistliche und die weltliche Macht.

[33] Auf ihn und seine Sparsamkeit zielt vielleicht auch das weitere Spottgedicht Walthers: »Der

König, mein Herre &c.« (I 130a).

[34] »-- pro eo, quod superbus et stultus, sed fortis videbatur viribus, et statura procerus.« Chron.

Ursp. Der Verfasser dieser Chronik ist ein eifriger Anhänger der hohenstaufischen Partei.

[35]

»Soll ich so bei reicher Kunst verarmen und

verderben!«

D e r M y s n e r e . (DXCIV)

[36] Ein Truchseß U l r i c h von Singenberg erscheint in Sankt Gallischen Urkunden von 1219 und

1228 v. A r x I 458, 459. U l r i c h hieß auch, nach Tschudy, der Letzte des Geschlechts, der um

1267 starb. »Obitus Rudolfi Dapiferi militis de Eggon inter Blidegge et Singinberc« kömmt in dem

1272 geschriebenen Necrolog. Tuifburg. (Goldast, Script. Rer. Alam. T. I p. 100) vor. -- In dem

scherzhaften Gespräche zwischen Vater und Sohn, welches sich unter den Liedern des Truchsessen

von St. Gallen (P f . H d s . Nr. 357 Bl. 18b) findet, wird der Sohn: R ü d e l i n ! angeredet.

[37] In der M a n e s s . Samml. I 154a ist die Reimstellung des Lieds auf die Form des Gedichts

von Walther zurückgeführt, welchem jenes nachgebildet ist.

[38] Ein g l ä s e n F i n g e r l e i n bezeichnet auch im T r i s t a n (v. G r o o t e s Ausg. V. 16883)

eine Sache von sehr geringem Werth.

[39] »Die Weiber hassen graues Haar« -- führt schon H e i n r i c h von Ve l d e c k e (M a n . I 20a)

als ein altes Sprichwort an.

[40] Anderswo singt Walther:

Müßte ich noch erleben, daß ich die Rosen

Mit der Minniglichen sollte lesen,

So wollt' ich mich so mit ihr erkosen,

Daß wir immer Freunde müßten wesen.

(I 137b)

Ein andrer Dichter wendet sich so an ihn:

Hör' an, Walther, wie es mir staht,

Mein traut Geselle von der Vogelweide!

Hülfe suche ich und Rath,

Die Wohlgethane thut mir viel zu Leide.

Könnten wir ersingen beide,

Daß ich mit ihr müßte brechen Blumen an der lichten

Heide! (I 140a)

Vgl. R e i n m a r , I 81b; N i t h a r t , II 81a; H a d l o u b , II 194b 195b. Schön sagt König W e n z e l

von Beheim, I 2b:

Ich brach der Rosen nicht und hatt' ihr doch Gewalt.

[41] Frölich, Specimen Archontologiæ Carinthiæ, Vienn. etc. 1758 p. 4.

[42]

»Ob mir ein Fürst aus Kärnthen giebt die Miethe.«

T i t u r . Cap. 15

Freilich kann der T i t u r e l in seiner jetzigen Gestalt nur mit Vorsicht gebraucht werden.

[43] Ueber das Ve r k e h r e n des Gesanges, d. h. das Mißdeuten, Entstellen, wohl auch Parodiren

desselben, hat auch der H a r d e g g e r zu klagen:

Wer mir verkehret, das ich heure von dem Kaiser sang &c.

(M a n . II 121b)

Vgl. v. S i n g e n b e r g (I 156b 3)

[44] Chron. Claustro-Neoburg. ad ann. 1208-1219.

[45] Chron. cit. ad ann. 1223. Wer der m i l d e W e l f sey, mit welchem Leopolds Vetter

verglichen wird, getraue ich mir nicht zu bestimmen. Auch der T a n h u s e r (M a n . II 64a)

gedenkt eines W e l f v o n S c h w a b e n unter den verstorbenen Fürsten, welche manchem Mann

viel reicher Kleider gaben.

[46] Frölich I. c. Tab. IV

[47] F r a u e n d i e n s t &c. Nach einer alten Hdschr. bearbeitet und herausgegeben von L u d w i g

T i e c k . Stuttg. u. Tüb. 1811. Ein Abdruck der Urschrift dieses wichtigen Denkmals wird noch

immer vermißt.

[48] Auch den vorerwähnten Vetter Leopolds würden wir in dem Markgrafen Heinrich von

Oesterreich erkennen, bei welchem Ulrich von Lichtenstein Lehrling war und von dem er so viel

Schönes zu rühmen weiß. F r a u e n d . Cap. I S. 3-4. Es ist aber zweifelhaft, ob hier nicht

I s t e r r e i c h statt O e s t e r r e i c h zu lesen sey? denn späterhin tritt der Markgraf Heinrich von

Isterreich auf.

[49] »Solemnitas magna in Wienna fit Duce auctore Liupoldo, cujus etiam filia Duci Saxonum

nuptiali thalamo est copulata.« Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1222.

[50] Dieser Markgraf Heinrich, aus dem Hause Andechs, ein Bruder des Patriarchen Berthold, war

des Antheils an der Ermordung König Philipps verdächtig und wurde deshalb 1209 seiner Würden,

Lehen und Einkünfte verlustig erklärt. Das Haus Andechs behauptete aber seine Ansprüche auf die

Markgrafschaft. Heinrich starb um 1228.

[51] Chron. Ursp. ad ann. 1229, Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1230.

[52] Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1230.

[53] Im 6. Cap. des T i t u r e l wird der A v e n t e u r e d. h. der romantischen Ueberlieferung,

welche von dem seligen Leben der Hüter des heiligen Grales Kunde giebt, entgegengehalten, daß

sie mit h o h e n M e i s t e r n in Widerspruch gerathe:

Ich mein', daß mein Herr Walther konnte sprechen:

Hulde Gottes und Gut und weltlich' Ehre

Mitsammt wär' Niemand habende.

Das Lied von Walther, worin die angezogene Stelle vorkömmt (M a n . I 102), ist zuvor, Abschn.

II, ausgehoben worden.

[54] Nach v. d. H a g e n ' s Anführung aus der Kasseler Handschrift (M u s . I 2 S. 563):

Nun seyd ihr doch einander gram,

Frau Minne und auch die Kindheit,

Als uns Meister Walther seit

Von der Vogelweide,

Der sang, daß ihr beide

Wäret gar einander gram.

Walthers Worte sind diese:

Minne und Kindheit sind einander gram.

(I 112a)

[55] So spricht von ihm K o n r a d von W ü r z b u r g in seiner g o l d e n e n S c h m i e d e, V. 97

ff. (G r i m m , A l t d . W ä l d . Bd. II S. 219)

[56] D o c e n (M u s . I 1 S. 167) vermuthet unter dieser Bezeichnung nicht unwahrscheinlich

R e i n m a r n den A l t e n ; v. G r o o t e (Anm. zu V. 4778) glaubt, daß H a r t m a n n von A u e

darunter verstanden sey, was mir, schon nach dem Zusammenhang der Stelle, bedenklicher scheint.

[57] Diesen Meistergesang des L u p o l t H o r n b u r g hat Docen im M u s . II 1 S. 18 ff. aus der

Würzburger Handschrift geliefert.

[58] D o c e n a. a. O. S. 26

[59] Z. B. in dem wunderlichen Winterliede (I 125), das durch alle Selbstlauter reimt. Der Truchseß

von S i n g e n b e r g (I 157b) und R u d o l f der S c h r e i b e r (II 181b) haben es nachgeahmt.

Reime an Anfang und Schlusse der Zeilen finden sich in der Strophe: »Ob ich mich selben rühmen

soll &c.« (I 121b) und den drei folgenden.

[60] M a n . I 117b. In der P f . H d s . 357 Bl. 38b kömmt die Strophe: »Uns will schiere wohl

gelingen« &c. sammt den übrigen des Mailieds unter den Liedern L ü t o l t s von S e v e n vor.

[61] Chron. Salisb. ad ann. 1200, 1246.

[62] L e i p z . L i t e r a t . Z e i t u n g 1812 Nr. 162. -- v. d. H a g e n , Briefe in die Heimat &c. I.

Bd. Bresl. 1818 S. 65.

[63] Bei M a n . II 119a ist das Lied Herrn G e l t a r zugeschrieben.

[64] Z. B. Daß ich wäre ihr d u l z a m i s &c.

Ein' R i p i e r e ich da gesach (sah),

Durch den F o r e s gieng ein Bach

Zuthal über ein' P l a n ü r e .

Ich schlich ihr nach, bis ich sie fand,

Die schöne C r e a t ü r e .

Bei dem F o n t a n e saß die Klare, Süsse von

S t a t ü r e . (II 61a)

[65] Z. B. Ich bin Gast und selten Wirth, das Leben ist unstete.

(II 67b)

[66] Die Worte T a n h u s e r s : »Der sein' Treue nie zerbrach &c.« entsprechen augenscheinlich

dem Schlusse von Walthers Lied: »Von Gotte würde ein Engel eh' verleitet.« Auch die weitere

Zeile von T a n h u s e r : »Er sollte des Reiches Krone tragen &c.« deutet auf die Stelle in einem

andern Liede Walthers:

Möcht' ich ihn han gekrönet,

Die Krone wäre heute sein.

(I 136b)

Die letztern Worte bezeichnen abermals einen f ü r s t l i c h e n Freund unsres Dichters. So singt

T a n h u s e r von Friedrich von Oesterreich:

In kurzen Zeiten das geschieht,

Daß man wohl eine Krone

Schöne auf seinem Haupte sieht.

(II 59)

K ö p k e , a. a. O. S. 13, bezieht die politische Strophe: »Herr Kaiser, ihr seyd willekommen &c.« (I

103b) auf Otto IV. und den Markgrafen D i e t r i c h , Heinrichs Vater. Mit der Stelle bei

T a n h u s e r (II 64b), soferne man solcher Beweiskraft beilegen will, läßt sich diese Annahme

nicht vereinigen. Der Beziehung auf F r i e d r i c h II. ist es zwar nicht günstig, daß dieser erst

vierzehn Jahre, nachdem er zu Rom gekrönt worden, nach Deutschland zurückkam, und so kann

auch gegen die Beziehung auf H e i n r i c h den E r l a u c h t e n die bedeutende

Altersverschiedenheit angeführt werden, welche nothwendig zwischen ihm und Walthern

stattgefunden; Heinrich ist im Jahre 1218 geboren. Allein auch Otto IV. blieb nach seiner Krönung

zum römischen Kaiser noch dritthalb Jahre von Deutschland abwesend und die Verschiedenheit des

Alters ist kein entscheidendes Hinderniß. Der junge Markgraf (jugendlich ist er auch in der

Maness. Handschrift vor seinen Liedern dargestellt), mag von dem alten Meister gelernt haben. Die

Strophe: »Mir hat ein Lied von Franken &c.« (I 111a) beweist, daß der Meißner Walthern mit

Achtung behandelte, und in den Liedern Heinrichs von Meissen (I 5, 6) könnten einige Spuren von

Walthers Einflusse bemerklich gemacht werden. Man sieht, daß hier weitere Untersuchungen nicht

überflüssig sind. Ein Aufsatz über Heinrich den Erlauchten als Minnesänger und Förderer

deutschen Minnesangs, von K. F ö r s t e r , ist neuerlich in K i n d s M u s e, 1821 II 3 erschienen.

[67] A l b i n u s , Meißnische Land- und Berg-Chronika. Dresd. 1589 S. 195

[68] Diese Strophe steht in der P f . H d s . 357 Bl. 41b unmittelbar vor der andern auf Reinmars

Tod. Sie ist Walthers nicht unwerth; nur ist der Text in jener Hds. verdorben. Das Lied Reinmars,

worauf sie sich bezieht, ist noch vorhanden (I 67a). So finden sich auch unter Walthers Liedern

zwei Gesätze (I 137), welche auf Strophen von Reinmar (I 64b Vgl. 68b 7) in der gleichen

Tonweise wettstreitend antworten.

[69] Vgl. R o b y n (CLXIII):

Reinmar, mich reuet sehre

Dein Sinn und auch dein Tod &c.

[70] Beispiele sind, besonders in den Anmerkungen, manche ausgehoben worden. Was als

Gebrauch dichterischen Gemeinguts und was als wirkliche Nachahmung anzusehen sey, darüber

mögen freilich im einzelnen Falle die Ansichten verschieden seyn.

[71] Diesen hat J. G r i m m (Ueber den altdeutschen Meistergesang, Gött. 1811) überzeugend

nachgewiesen; ebenso die Identität der Meister des dreizehnten Jahrhunderts mit sämmtlichen

Minnesängern, nicht minder, daß die Meistersängerschule den Grundsatz der Dreitheiligkeit von

den ältern Meistern ererbt. Nur scheint es mir, besonders in Betrachtung der Gedichte Walthers,

daß die Abtheilung in Stollen und Abgesang bei den Aelteren nicht in dem Maaße herrschend

gewesen, als G r i m m annimmt.

[72] Das Vorstehende meist nach der trefflichen G e s c h i c h t e K a i s e r F r i e d r i c h s d e s

Z w e i t e n . Züllichau und Freist. 1792

[73] Ohne Zweifel hat O t t o k a r von H o r n e c k das obige Lied vor Augen gehabt, (wie auch

S c h a c h t , in dem lebensvollen Buche: A u s u n d ü b e r O t t o k a r ' s v o n H o r n e c k

R e i m k r o n i k , M a i n z, 1821 S. 279 andeutet,) wenn er im Cap. 448 seiner Chronik (Pez,

Script. Rer. Austr. T. III p. 446 sq.) ausruft:

Ei, Kaiser Konstantin!

War thät du dein Sinn,

Da du den Pfaffen geb

Den Gewalt und das Urleb,

Daß Städt, Burge und Land

Unterthanig ihr'r Hand

Und ihr'm Gewalt sollt wesen?

Geistlicher Zuchtebesen

Ist nu zu scharf worden.

Du solltest in dem Orden

Die Pfaffen haben lan,

Als sein St. Peter begann,

Das wär hoher Miethe werth.

Was wolltest du das Schwerdt

Den Pfaffen zu der Stol geben,

Die damit nichts können leben,

Noch zu Recht können walten?

Lassen und behalten,

Als man mit dem Schwerdt soll,

Das können sie nicht wohl.

Sie haben es vergramaziert

Und das Reich verirrt

Maniger Ehr'n und Gewalt,

Die ihm vor was bezahlt.

Konstantin, nu sieh an!

Hättest du zu Latran

Den Pabst den Psalter lassen lesen

Und den Kaiser gewaltig wesen,

Als er vor deinen Zeiten was &c.

[74] »In illis autem Ecclesiis, in quibus convenit processio generalis, truncus statuatur concavus

tribus clavibus consignatus, una penes honestum presbyterum, alia apud laicum devotum, tertia

penes aliquem regularem fideliter conservandis, in quo viri et mulieres eleemosynas ponant, in

terræ sanctæ subsidium convertendas, secundum dispositionem eorum, quibus fuerit hæc

sollicitudo commissa.« Bulla Innocentii III. ad Christianos pro reparanda terra sancta in Chron.

Ursp. ad ann. 1212.

[75] In der P f . H d s . 357 Bl. 9a ist diese Strophe durch derbe Variationen erweitert.

[76] In gleichem Sinne spricht auch der F r e i g e d a n k , ein Spruchdichter des 13ten Jahrhunderts:

Sünde Niemand mag vergeben,

Wann Gott einig, dar sollen wir streben.

(M ü l l . Ausg. V 3180 f.)

Alle Schatzes Flüsse gehn

Zu Rome (n a c h R o m) bis sie da bestehn (b l e i b e n ),

Und doch nimmer wird voll,

Das ist ein unsinnig Hohl.

So kommet alle Sünde dar,

Die nimmt man da den Leuten gar &c.

(V. 3185 ff.)

Das Netz kam zu Rome nie,

Damit Sankt Peter Fische fie (f i e n g ),

Das Netz ist ihm verschmähet.

Römisch Netz fähet

Silber, Gold, Burge und Land;

Das war Sankt Petern unbekannt.

Sankt Peter war zu Recht ein Degen,

Den hieß Gott seiner Schafe pflegen,

Er hieß ihn nicht Schafe bescheeren,

Nun will man Scheerens nicht entbehren.

Unrecht ist zu Rome erhaben,

Recht und Gericht ist da abgeschaben.

(V. 3880 ff.)

R e i n m a r von Z w e t e r singt:

Der Pabest hat viel reiche Kind (K i n d e r ),

Die minnet er, wo sie gesessen in den Landen sind,

Mit ihnen theilt er seinen Segen, so theilen sie mit

ihm ihr Gold.

Dieselben Kind sind ihm so traut,

Daß er ungerne käme mit Schlägen auf ihrer eines

Haut.

Wollte Gott, es wären ihm die habelosen Kind halb

also hold (l i e b )!

Eh' daß der arme Sohn sein Recht behärte,

So ist der reiche auf seiner Vorderfährte &c.

(P f . H d s . 350)

Cf. Odon. Ernest. L. I. p. 317.

[77] Vgl. O t t o k a r v. H o r n e c k , Cap. 821 (Pez, I c. p. 83):

Gott Herre, durch dein' Güt'

Die Christenheit baß behüt'

Und weis' uns auf bessre Spur,

Denn uns die Pfaffen gehn vor,

Die da Gewalt hie tragen!

Als uns die Buch sagen,

So sollten sie uns Lehr' geben

Mit Worten und mit gutem Leben,

Des sie leider thun nicht;

Wer ihre Werk' ansicht,

Die sind viel wahrleich

Ihren Worten ungeleich.

[78] S. Anm. [73] und [77]. Es könnten aber noch weitere Nachweisungen über Ottokars

Bekanntschaft mit Walthers Gedichten beigebracht werden. Die Ansichten des Erstern von Pabst

und Klerus hat S c h a c h t a. a. O. Abschn. XI bes. S. 276, 278-84, dargelegt.

[79] Godefrid. Colon. Annal. (ap. Freher. Germ. rer. Script. T. I) ad ann. 1225, 1226. Chron. Salisb.

cit. ad ann. 1226.

[80] Es ist zu entscheiden, ob nicht beide Gedichte ironisch gemeint seyen. In beiden scheint die

Schlußzeile diese Wendung zu nehmen. Diese ironische Weise ist überhaupt dem Dichter nicht

fremd. Sie findet sich namentlich in seinen Gedichten auf Otto IV. Was ihn aber veranlaßt haben

mochte, sie gegen den Erzbischof, von dem sonst Gutes gemeldet wird, und selbst auf dessen

Ermordung anzuwenden, erhellt nicht. Der Abt von Ursperg setzt diese Begebenheit in Verbindung

mit damals neu aufgekommenen, von einem Predigermönch aus Straßburg, Johannes, verkündigten

Lehrsätzen, die, an sich nicht verwerflich, in der Anwendung durch Mißverstand verderblich

geworden und zu den abscheulichsten Frevelthaten Anlaß gegeben. Hievon findet sich jedoch

keine Meldung bei dem Mönche von Köln, der dem Ereigniß näher stand und nach dessen

Jahrbüchern dasselbe oben erzählt wurde. Uebrigens scheint das Urtheil der Zeitgenossen nicht

einhellig gewesen zu seyn. Nach dem Berichte eines andern Geschichtschreibers kam zu Nürnberg

bei der Vermählung des Königs Heinrich mit der Tochter Leopolds von Oesterreich die Ermordung

des Erzbischofs zur Klage und es erhob sich über diesen Fall Widerspruch zwischen dem

Erzbischof von Trier und dem Grafen von Truhendingen. Man griff zu den Waffen und es kamen in

diesem Auflauf gegen sechszig Menschen um. Excerpt. ex Catal. Rom Pontif. et Imp. (ap. Pez, T.

II) ad ann. 1225. -- Sonst machen einige Schriftsteller den heiligen Engelbert zum Stifter der

Fehmgerichte. Zu wirksamerer Verfolgung der Ketzer soll er diese Gerichte, nach dem Muster der

damals aufgekommenen und bestätigten heiligen Inquisition, gestiftet haben. Der geschichtliche

Beweis für diese Meinung wir aber vermißt. B e r c k , Geschichte der Westphäl. Fehmgerichte.

Brem. 1815 S. 251

[81] K ö p k e a. a. O. glaubt, daß dieses Gedicht im Jahr 1234, also geraume Zeit n a c h dem

Kreuzzuge Friedrichs II., abgefaßt sey. Er deutet nemlich die Untreue des Kindes gegen den Vater

auf die Empörung des römischen Königs Heinrich wider seinen Vater, den Kaiser, und die Worte:

»Der Bruder seinem Bruder lüget« auf die Feindschaft zwischen Heinrich und seinem jüngern

Bruder Konrad. Diese besondre Beziehung ist mir nicht wahrscheinlich. In dem Lied eines späteren

Dichters (M ü l l . Samml. II Bd. CCCCXLVIII) kömmt die ähnliche Stelle vor:

Menschenkind, denket daran! --

Es ist in der Welt wohl Schein, daß Endes Tag will

kommmen. --

Das Kind trauet nicht dem Vater sein

Noch Vater seinem Kinde nicht, das haben wir wohl

vernommen.

(Vgl. R e i n m . v. Z w e t . II 134a 4.) Das Ganze beruht auf bekannten Stellen der Schrift, wie

unser Dichter selbst zu erkennen giebt.

[82] Der A d l e r ist das Wappen des Reichs, der L ö w e das Hohenstaufische. Dieser ist den

altdeutschen Dichtern das Sinnbild des Muthes, der Kraft, jener der Milde, der Freigebigkeit. So

bei R e i n m a r von Z w e t e r , I 140b 146b. Vgl. E n e i d t , V. 12416 f. Beide sind Herrscher im

Thierreich. Dem Könige der Vögel ist es vermuthlich als Freigebigkeit ausgelegt worden, daß er,

wie man beobachtet hat, zuweilen von seiner Beute nur das Beste verzehrt und, was ihm nicht gut

genug ist, den geringern Vögeln überläßt.

[83] So kann die Strophe: »Bote, sage dem Kaiser &c.« (I 103a) eingereiht werden. Auch das

Gedicht: »Ihr Fürsten, die des Königes &c.« (I 131a) betrifft die Kreuzfahrt. Dasselbe ist

muthmaßlich schon um 1220 verfaßt, wo Friedrich, noch nicht als K a i s e r gekrönt, aber längst

mit dem Kreuze bezeichnet, Deutschland verließ.

[84]

Wo gefuhr eh' Kaiser über Meer

Im Bann und ohne Fürstenheer?

Und ist nun kommen in ein Land,

Da Gott noch Mann nie Treue fand.

(V. 4026 ff.)

Was mag ein Kaiser schaffen,

Seit Christen, Heiden und Pfaffen

Streiten g'nug wider ihn?

Da verdürbe Salomons Sinn.

(V. 4046 ff.)

Der Bann und manche Christen

Mit viel manchen Listen

Wollten sie es erwendet (h i n t e r t r i e b e n ) han.

Nun hat Gott sein Ehre gethan,

Daß Sünder sollen das Grab gesehen.

Das muß ihm ohn' ihren Dank geschehen.

Gott und der Kaiser haben erlost

Ein Grab, das ist aller Christen Trost.

Seit er das Beste hat gethan,

So soll man ihn ausser Banne lan.

Das wollen Römer leichte nicht;

Was ohn' ihren Urlaub Gut's beschicht,

Dem wollen sie keiner Stete jehen, (k e i n e D a u e r

z u g e s t e h e n )

Nun ist das ohn' ihren Dank (g e g e n i h r e n W i l l e n)

geschehen. (V. 4068 ff.)

[85] So gesteht auch F r i e d r i c h von H u s e n : sein Leib wolle gerne fechten gegen die Heiden,

aber seinem Herzen liege ein Weib nahe (M a n . I 93b); und der von J o h a n n s d o r f bittet die

Minne, ihn so lange frei zu lassen, bis er die reine Gottesfahrt vollendet habe, dann soll sie ihm

wieder willkommen seyn (I 176b).

[86] So auch Meister F r i e d r i c h von S u n n e n b u r g , CCCXCVIII: »Den all die Welt an

Breite, an Länge, nicht umgreifen möchte, den umgriff die Reine alleine.« Vgl. R u m e l a n t ,

CCCLXXV; B o p p o , II 233a 3.

[87] Der von J o h a n n s d o r f (I 174b) findet einen gewichtigen Beweggrund für die Kreuzfahrt

in der Schmähung der Heiden: daß Gottes Mutter nicht eine Jungfrau sey.

[88] Schön führt Meister S t o l l e (III) dieses aus: wer sie des mahnet, daß sie Christum gebar, dem

wird geholfen. Mehr noch ist ihrer Gnaden, wenn sie daran gemahnt wird, wie ihr wehe ward, als

sie ihn an das Kreuz schlugen. Wer sie aber der großen Freude mahnt, als ihr Sohn vom Tode

aufstand, der machet sich von seinen Sünden bloß.

[89] Diese Aeußerungen haben wohl dieselbe Beziehung wie die in der Anm. [84] ausgehobenen

des F r e i g e d a n k .

[90] Und zwar in der alten Vorrede zu dem Anm. [56] angeführten Meisterliede des L u p o l t

H o r n b u r g , M u s . II 1 S. 22

[91] O b e r t h ü r in der Schrift, welche Anm. [9] angeführt worden ist, S. 30, giebt diese Stelle mit

der Bemerkung, daß I g n a z G r o p p solche in einer geschriebenen Chronik gefunden habe. Die

Stelle, worüber die Recension des O b e r t h ü r ' s c h e n Buches in den G ö t t i n g . G e l . A n z .

1818 S. 2054-56 zu vergleichen, lautet so: In novi monasterii ambitu, vulgo Lorenzgarten, sepultus

est Waltherus sub arbore. Hic in vita sua constituit in suo testamento, volucribus super lapide suo

dari blanda (blada?) et potum; et quod adhuc die hodierna cernitur, fecit quatuor foramina fieri in

lapide, sub quo sepultus est, ad aves quotidie pascendas. Capitulum vero N. M. hoc testamentum

volucrum transtulit in semellas, dari canonicis in suo anniversario, et non amplius volucribus. In

ambitu præfati horti, vulgo im Creuzgang, de hoc Walthero adhuc ista carmina saxo incisa

leguntur:

Pascua qui volucrum vivus Walthere fuisti,

Qui flos eloquii, qui Palladis os oblivisti,

Ergo quod aureolam probitas tua poscit habere,

Qui legit, hic dicat: Deus istius miserere.

Nach einer neueren Mittheilung im M o r g e n b l a t t 1821 Nr. 19 sind diese vier gereimten

Hexameter auch in die Würzburger Handschrift, Bl. 212b, eingezeichnet. (Statt oblivisti heißt es

hier besser obiisti, statt poscit steht possit.) Voran stehen die Worte: De milite Walthero dicto von

der Vogelweide, sepulto in ambitu novi monasterii Herbip.; in suo epitaphio sculptum erat: etc.