Walther von der Vogelweide

Ludwig Uhland · Kapitel 6 von 12

PDF-Seiten

Walther von der Vogelweide

Vierter Abschnitt. Otto IV. und Friedrich II. Walther empfängt ein Reichslehen. Der Truchseß von Singenberg.

V i e r t e r A b s c h n i t t .

 

Otto IV. und Friedrich II. Walther empfängt

ein Reichslehen. Der Truchseß von Singenberg.

 

Nach dem Tode Philipps von Schwaben wurde Otto von Braunschweig

allgemein als König anerkannt. Um sich der Anhänger des hohenstaufischen

Hauses zu versichern, beschloß er, sich mit Philipps verwaister Tochter Beatrix

zu verloben. Auf der Fürstenversammlung zu Würzburg, 1209, empfieng

Beatrix, von den Herzogen Leopold von Oesterreich und Ludwig von Baiern

eingeführt, des Königs Kuß und Ring. Das Hinderniß der Verwandtschaft hatte

der Pabst, auf den hohenstaufischen Friedrich in Sicilien argwöhnisch, gerne

gehoben. Doch blieb die Vermählung ausgesetzt. Otto trat den Römerzug an und

wurde im Weinmond 1209 von Innocenz III. als Kaiser gekrönt. Die Ansprüche

der päbstlichen und der kaiserlichen Gewalt, der P l a t t e und der K r o n e [32],

waren sich aber zu sehr entgegengesetzt, als daß jemals ein gutes Vernehmen in

die Dauer bestanden hätte. Die von Otto vorgenommene Herstellung der

Reichsrechte in Italien war der Anlaß, daß sein bisheriges Einverständniß mit

Innocenz sich in heftige Zwistigkeiten auflöste. Weil Otto befürchten mußte, daß

der Pabst ihm in dem jungen Friedrich von Sicilien einen Gegenkönig aufstellen

würde, brach er mit Heeresmacht in Apulien ein. Dagegen warf Innocenz auf ihn

den Bannstral und erweckte in Deutschland durch den Erzbischof von Mainz

eine Partei für den sicilischen Friedrich. Der König von Böhmen, die Herzoge

von Oesterreich und von Baiern, der Landgraf von Thüringen und viele Andre

erklärten den für den rechten König, dem man einst Treue geschworen, als er noch in der Wiege lag. Es wurden Boten abgeschickt, um Friedrichen nach

Deutschland einzuladen.

 

Otto, der in Apulien große Fortschritte gemacht hatte, sah sich jetzt genöthigt,

nach Deutschland zurückzukehren. Er beschleunigte seine Vermählung mit

Beatrix, aber diese starb am vierten Tage nach der Hochzeit, und nun verließen

auch die schwäbischen und bairischen Vasallen sein Heer.

 

Während er in Thüringen den Landgrafen, seinen vormaligen Anhänger,

bekriegte, im Sommer 1212, kam Friedrich, jetzt fünfzehn Jahre alt, vom Segen

des Pabstes begleitet, nach Ueberstehung großer Gefahren und Mühseligkeiten,

über das unwegsamste Alpgebirge zu Chur in Rhätien an. Der dortige Bischof

und der Abt von Sankt Gallen geleiteten ihn nach Konstanz. Zu gleicher Zeit

erschien am andern Ufer des Sees, zu Ueberlingen, Otto mit seinem Heer. Aber

von Vielen verlassen, konnte dieser sich nicht mit seinem Gegner messen.

Friedrich begab sich nach Basel, unter dem Beistand des Grafen von Kiburg und

Andrer, denen er freigebig Lehen ertheilte. Von da zog er mit stets wachsendem

Anhang den Rhein hinab. Otto mußte nach Sachsen entweichen und Friedrich

empfieng auf dem Hoftage zu Mainz die Huldigung der Fürsten. Zu Frankfurt

traf der Landgraf Hermann von Thüringen zu ihm. Friedrich ritt diesem Fürsten

mit großem Gefolg entgegen, umarmte ihn, nannte ihn seinen Vater und führte

ihn auf das ehrenvollste in die Stadt.

 

Auf welchem Wege Walther von der Vogelweide dem neuen Könige nahe

gekommen seyn mag, wir treffen ihn jetzt, wie er in zwei Liedern zwischen

Friedrich und Otto Vergleichung anstellt.

 

In dem einen versichert er spottweise: Herr Otte werde ihn noch reich

machen. Ein Vater hat weiland seinem Sohne die Lehre gegeben: dem bösesten

Manne zu dienen, damit der beste ihm lohne. Walther ist der Sohn, Otto ist der

böseste Mann, denn so recht bösen Herrn hat der Dichter nie gehabt, König

Friedrich aber ist der beste, der nun lohnen wird (I 130a). Es erhellt aus diesem

Liede, daß Walther zuvor auch Ottos Dienste nachgezogen.

 

Otto IV., stolz und kriegerisch, dabei allzu sehr von Geld entblößt, war freilich

nicht der Mann nach dem Sinne der begehrlichen Sänger[33]. Auch finden wir

ihn nirgends unter den Beförderern des Gesanges aufgeführt. Friedrich II.,

dessen Vortheil es mit sich brachte, gefällig und freigebig aufzutreten, mußte

unsrem Dichter um so mehr zusagen, als sich dieser vorher schon als einen

Freund des hohenstaufischen Hauses gezeigt hatte.

 

Noch anschaulicher, als in dem vorerwähnten Liede, mißt Walther in dem

nachstehenden die beiden Könige mit dem Maßstab der Milde gegen einander ab

und zeigt, wie der junge Friedrich seinem Gegner über das Haupt gewachsen

sey. Zum Verständniß dieses Gedichts muß bemerkt werden, daß Otto durch

hohen Wuchs ausgezeichnet war. Der Abt von Ursperg führt sogar Ottos Stärke

und hohe Gestalt als einen Grund an, der die Fürsten bewogen habe, ihn zum

Throne zu berufen[34].

Ich wollte Herrn Otten Milde nach der L ä n g e messen,

Da hatt' ich mich an der Maße ein Theil vergessen,

Wär' er so mild, als lange, er hätte der Tugend viel

besessen.

Viel schiere maß ich ab den Leib nach seiner E h r e ,

Da ward er viel gar zu kurz, wie ein verschroten Werk,

Mildes Muthes minder viel, denn ein Gezwerg,

Und ist doch von den Jahren, daß er nicht wachset mehre.

Da ich dem Könige brachte das Maß, wie er aufschoß!

Sein junger Leib ward beides: stark und groß.

Nun seht, was er noch wachse erst jetzo über ihn wohl

riesengroß! (I 130a)

s c h i e r e , bald, schleunig. v e r s c h r o t e n , verhauen. W e r k , irgend eine Kunstarbeit, eine Waffe

&c.

 

Dießmal aber ist es dem Dichter nicht um bloße Hofgunst, nicht um ein

Geschenk an Geld oder Kleidern zu thun. Er ist des irren Lebens müde, ein

Heimwesen soll ihm die Huld des Königs begründen. Lange genug ist er Gast

gewesen, er sehnt sich darnach, Wirth zu heißen. Ein Reichslehen, wie wir bald

sehen werden, ist es, worauf er abzielt:

S e y d w i l l e k o m m e n , H e r r e W i r t h! dem Grusse muß ich

schweigen.

S e y d w i l l e k o m m e n , H e r r e G a s t! da muß ich sprechen oder

neigen.

W i r t h und h e i m sind zween unschämeliche Namen.

G a s t und H e r b e r g e muß man sich viel ofte schamen.

Noch müsse ich erleben, daß ich den Gast auch grüsse,

So daß er mir, dem Wirthe, danken müsse!

S e y d h e u t n a c h t h i e , s e y d m o r g e n d o r t! was Gauckelfuhre

ist das!

I c h b i n h e i m o d e r i c h w i l l h e i m, das tröstet baß.

G a s t und S c h a c h kommt selten ohne Haß:

Herre! büsset mir des Gastes, daß euch Gott des Schaches

büsse. (I 131b)

W i r t h , Hausherr, Bewirther. d a m u ß i c h s p r e c h e n &c., auf solchen Gruß muß ich

antworten oder mich dankend verneigen. u n s c h ä m e l i c h e , deren man sich nicht zu schämen hat. s c h a m e n , schämen. G a u c k e l f u h r e , Gauckelwesen, Gauckelei. S c h a c h , das

Schachbieten. Das Gegenüberstehn der beiden Könige, Friedrich und Otto, wird dem

Schachspiele (worauf Walther auch sonst anspielt, I 137a 138b) verglichen. Der Dichter wünscht

dem Erstern, daß ihn der Letztere nicht in Schach setze. k o m m t s e l t e n o h n e H a ß, wird selten gerne gehört. b ü s s e t m i r &c., erlöset mich &c.

 

Noch dringender spricht der Dichter sein Anliegen mit Folgendem aus:

Von Rome Vogt, von Pulle König! laßt euch erbarmen,

Daß man bei reicher Kunst mich lässet also armen![35] Gerne wollte ich, möchte es seyn, bei eigenem Feuer

erwarmen.

Ahi! wie ich dann sänge von den Vögeleinen,

Von der Heide und von den Blumen, wie ich weiland sang!

Welch schönes Weib mir gäbe dann ihr H a b e d a n k ,

Der ließe ich Lilien und Rosen aus dem Wänglein scheinen.

Nun reite ich früh und komme nicht heim; G a s t , weh dir,

weh!

So mag der W i r t h wohl singen von dem grünen Klee.

D i e Noth bedenket, milder König, daß e u r e Noth

zergeh'! (I 131a)

Vo n R o m e Vo g t, häufig vorkommende Benennung der römischen Kaiser oder Könige. P u l l e ,

Apulien, das jetzige Königreich Neapel. H e i d e , Aue.

 

Die Lieder rühren des Königes Herz. Der Wunsch ist erfüllt. Hören wir des

Dichters Freude!

Ich hab' mein Lehen, all die Welt! ich hab' mein Lehen!

Nun fürchte ich nicht den Hornung an die Zehen

Und will alle böse Herren desto minder flehen.

Der edle König, der milde König, hat mich berathen,

Daß ich den Sommer möge Luft, den Winter Hitze han.

Nun dünke ich meinen Nachbarn vieles daß gethan

Sie sehen mich nicht mehr an in Unholds Weise, wie sie

weiland thaten.

Ich bin zu lange arm gewesen, ohne meinen Dank,

Ich war so voller Scheltens, daß mein Athem stank,

Den hat der König gemachet rein und dazu meinen Sang.

(I 150b)

d e n H o r n u n g & c . die Winterkälte, das Erfrieren der Zehen. b a ß

g e t h a n , Comparativ von w o h l - g e t h a n , wohlgemacht, schön. o h n e

m e i n e n D a n k, wider meinen Willen. I c h w a r s o &c. Der Dichter drückt

aus, wie anhaltendes Ungemach ihn menschenfeindlich gemacht und sein Lied

verbittert. Die frohere Stimmung wird jetzt auch seinen Gesang freundlicher

machen.

 

Noch ein andres Lied, dessen wir früher schon zu erwähnen hatten, feiert den

glücklichen Wechsel des Schicksals. Wir sehen hier den Sänger mit der Geige,

eine Tanzweise aufspielend:

Da Friedrich aus Oesterreiche also warb,

Daß er an der Seele genas und ihm der Leib erstarb,

Da führt' er meiner Kraniche Tritt in die Erde.

Da gieng ich schleichend wie ein Pfau, wohin ich gieng.

Das Haupt mir nieder bis auf meine Kniee hieng:

Nun richt' ich es auf nach vollem Werthe.

Ich bin wohl zu Feuer kommen,

Mich hat das Reich und auch die Kron' an sich genommen.

Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen!

Mir ist meiner Schwere Buß',

Erst will ich eben setzen meinen Fuß

Und wieder in ein Hochgemüthe steigen.

(W. H d s . S. 170)

D a f ü h r t ' e r &c. da macht' er, daß ich meine K r a n i c h e , Schnabelschuhe, nachdenklich in die

Erde drückte. n a c h v o l l e m W e r t h e, mit vollem Rechte. m e i n e r S c h w e r e B u ß ',

meiner Noth Erleichterung. e b e n s e t z e n, das Gegentheil des vorigen i n d i e E r d e

f ü h r e n .

 

Diese Liederreihe dürfen wir nicht verlassen, ohne ein Gedicht des Sankt

Gallischen Truchsessen von S i n g e n b e r g [36] anzuführen, das einem der

vorstehenden nachgebildet ist und sich auf dasselbe bezieht. Wie dort Walther

den Vogt von Rom und König von Apulien anruft, so hier der Truchseß den Vogt

der Welt und König des Himmels. Der Truchseß stellt dem mißlichen Loose

Walthers sein eigenes behagliches und unabhängiges Leben gegenüber und bittet

Gott, ihm dieses zu erhalten:

Der Welte Vogt, des Himmels König! ich lob' euch gerne,

Daß ihr mich habt erlassen, daß ich nicht lerne,

Wie Dieser und Der an fremder Statt zu meinem Gesange

scherne.

Mein Meister klaget so sehre v o n d e r Vo g e l w e i d e,

Ihn zwinge dieß, ihn zwinge das, das mich noch nie bezwang;

Das machet, daß ich mich so kaume von dem Meinen scheide,

Mir geben denn hohe Herren und ein schönes Weib ihr Habedank. So reite ich spät und komme doch heim; mir ist nicht zu weh,

Da singe ich von der Heide und von dem grünen Klee.

Das stetet ihr mir, milder Gott, daß es mir nicht zergeh'!

(W. H d s . S. 149)[37]

a n f r e m d e r S t a t t, an fremdem Orte. s c h e r n e , blicke, drein schaue, urtheile. z w i n g e ,

quäle. s o k a u m e &c. nicht leicht mein Heimwesen verlasse. s t e t e t , erhaltet, festigt.