Walther von der Vogelweide
Dritter Abschnitt. Walthers Wanderleben. Der Hof zu Thüringen. Die Hofsänger. Des Dichters Ansichten von Fürsten und Fürstenräthen, von Geburt, Freundschaft, Manneswerth. Blicke in sein Inneres.
D r i t t e r A b s c h n i t t .
Walthers Wanderleben. Der Hof zu Thüringen.
Die Hofsänger. Des Dichters Ansichten
von Fürsten und Fürstenräthen, von
Geburt, Freundschaft, Manneswerth. Blicke
in sein Inneres.
Die Sänger jener Zeit waren nothwendig wandernde. Mochten auch die
Herren, welche sich im Liede zur Kurzweile übten, auf ihren Burgen daheim
bleiben: Diejenigen, welche den Gesang zu ihrem Berufe gemacht, mußten sich
auf den Weg begeben. Um Unterhalt und Lohn zu finden, mußten sie den Höfen
und Festlichkeiten gesangliebender Fürsten nachziehn. War doch der Hof des
Kaisers selbst ein wandernder, bald in dieser, bald in jener Stadt des Reiches sich
niederlassend. Krönungstage, Fürstenversammlungen, Hochzeitfeste, das waren
die Anlässe, bei welchen die Kunst- oder Prunkliebe der Großen sich am
freigebigsten äusserte. War dazumal das gewöhnliche und häusliche Leben
einfach, so waren dagegen festliche und öffentliche Zusammenkünfte desto
glanzvoller.
Auch vom äussern Lohne abgesehen, mußte der Dichter wandern, wenn er mit
den Angelegenheiten der Zeit bekannt werden, wenn er, bei noch sehr
unvollkommenen Mitteln der Verbreitung geistiger Erzeugnisse, sich selbst
Anerkennung, seinem Liede Wirksamkeit verschaffen wollte. Darum war es den
alten Meistern allerdings zu thun. R e i n b o t von D o r n , der die Legende vom h. Georg in Gedicht gebracht hat, spricht die Hoffnung aus (V. 56-63), daß sein
Werk über alle deutschen Lande, von Tirol bis nach Bremen und von Preßburg
bis nach Metz, werde bekannt werden. Auf der andern Seite wird im T i t u r e l
(Cap. 4, Str. 542) die Besorgniß geäußert, daß der Schreiber das Rechte unrichtig
machen möchte. Am sichersten aber wurde die Fälschung vermieden, wenn der
Dichter selbst vortrug. Wollte er versichert seyn, daß seine Tonweise richtig
gesungen werde, wollte er seine eigene Fertigkeit im Gesange geltend machen,
so war ohnehin sein persönliches Erscheinen erforderlich.
So war denn auch Walthers Leben das eines fahrenden Sängers. Er reist zu
Pferde, vermuthlich die Geige mit sich führend[21]. Daß er seine Lieder selbst
vorgetragen, ist aus einigen derselben noch hörbar[22]. Zu Hof und an der Straße
läßt er sie ertönen (I 136b). In einem Morgengebet empfiehlt er sich unter Gottes
Obhut, wohin des Landes er heute reiten möge (I 129a). Er beruhigt seine
Geliebte über seine Abwesenheit:
Meiner Frauen darf nicht werden leid,
Daß ich reite und frage in fremde Land'
Nach den Weiben, die mit Würdigkeit
Leben (der ist viel manche mir bekannt)
Und die schöne sind dazu;
Doch ist ihrer keine,
Weder groß noch kleine,
Der Versagen mir jemals wehe thu'!
(I 118b)
Er hat der Lande viel gesehen, wie wir zuvor ihn singen hörten. Von der Elbe
bis an den Rhein und wider bis in Ungerland hat er sich umgesehen, von der
Seine bis an die Mur, von dem Po bis an die Drave hat er der Menschen Weise
erkannt (I 131b). Am Hofe von Oesterreich haben wir ihn zuerst getroffen, am
Hofe von Thüringen finden wir ihn jetzt wieder.
H e r m a n n , Landgraf in T h ü r i n g e n (von 1195 bis 1215), den sich
Philipp in dem vorerwähnten Feldzuge von 1204 unterworfen[23], behauptet eine
ausgezeichnete Stelle unter den fürstlichen Freunden der Dichtkunst. Er setzte
schon den Meister H e i n r i c h von Ve l d e c k e in den Stand, seine Aeneide,
die ihm neun Jahre lang entwendet war, zu Ende zu führen. (E n e i d t V. 13268
ff.) Auf seinen Anlaß bearbeitete W o l f r a m von E s c h e n b a c h den Wilhelm von Oranse (H. Georg V. 34 ff.) und für ihn verdeutschte A l b r e c h t von
H a l b e r s t a d t die Verwandlungen Ovids[24]. Vornemlich aber ist er durch den
Wettstreit der Sänger an seinem Hofe zu Wartburg berühmt geworden.
Auch in dem Leben und den Liedern unsres Dichters spielt er eine bedeutende
Rolle. Vor 1198 fanden wir diesen in Oesterreich. Alsdann folgen seine Lieder
auf Philipp von Schwaben und es ist nicht anzunehmen, daß er sich an dem Hofe
des Landgrafen werde aufgehalten haben, so lange dieser Philipps Gegner war.
Im Sommer des Jahres 1204 unterwarf sich der Landgraf. Es ist daher ganz nicht
unwahrscheinlich, daß Walthers Aufenthalt an dessen Hofe um das Jahr 1207
stattgefunden, in welches der Krieg auf Wartburg, worin Walther auftritt, von
den thüringischen Chroniken gesetzt wird.
Dieser Wettstreit, den das vielbesprochene Gedicht in der Manessischen
Sammlung (II 1-16) in Wechselgesang, mit untermengter Erzählung, darstellt,
hat zunächst das Lob milder Fürsten zum Gegenstand. Heinrich von Ofterdingen
erhebt den Herzog von Oesterreich, ihm treten Wolfram von Eschenbach und
Andre entgegen, die den Landgrafen von Thüringen verherrlichen. Walther von
der Vogelweide zeigt sich anfangs ungehalten auf Oesterreich und giebt dem
König von Frankreich vor allen Fürsten den Preis. Nachher bereut er, daß er sich
von dem Oesterreicher losgesagt, den er jetzt der S o n n e vergleicht; allein über
die Sonne noch stellt er den T a g : Hermann von Thüringen. Von sich selbst
meldet er, wie er zu Paris gute Schule gefunden, zu Konstantinopel, zu Baldach,
zu Babylon Kunst und Weisheit erlernt habe. Hieraus ist wenigsten ersichtlich,
daß Walther dem Verfasser des Gedichts für einen weitgereisten und in die
Tiefen der Kunst eingeweihten Meister gegolten habe. Das Gedicht, so wie es
vorliegt, hat aber wohl nicht den Wolfram von Eschenbach, dem man es
zugeschrieben, sondern einen spätern mainzischen Meister zum Verfasser, wenn
gleich Ueberlieferung und ältere Lieder zu Grunde liegen.
Wenden wir uns zu Walthers eigenen Aeusserungen über sein Verhältniß zu
dem Hofe von Thüringen, so ist dasjenige seiner Lieder zuerst auszuheben, mit
welchem er sich dem Landgrafen erst zu nähern scheint. Er fordert Jeden auf,
der an des edeln Landgrafen Rathe sey, Dienstmann oder Freier, den jungen Fürsten um Eines zu mahnen und zwar so, daß er, der Dicher, den Erfolg davon
spüre. Drei Tugenden werden an dem Landgrafen gerühmt: er sey milde, stet und
wohlgezogen. Aber eine vierte noch würde ihm wohl anstehen, die nemlich: daß
er nicht säumig sey (I 106a). Der Dichter mochte damit den Wunsch ausdrücken,
baldmöglich von dem Landgrafen beschenkt oder in dessen Dienst
aufgenommen zu werden.
In einem weitern Liede (I 133b) finden wir ihn dieses Wunsches gewährt. Er
freuet sich, des milden Landgrafen I n g e s i n d e zu seyn. Es ist seine Sitte, daß
man ihn immer bei den Theuresten finde. Die andern Fürsten alle sind anfangs
milde, aber sie bleiben es nicht so stetiglich. Der Landgraf war es ehe und ist es
noch, darum kann er besser, denn sie, der Milde pflegen. Das Lied schließt mit
den schönen Worten:
Wer heuer schallet und ist hin zu Jahre böse, als eh',
Des Lob grünet und salbet, wie der Klee.
Der Thüringer Blume scheinet durch den Schnee,
Sommer und Winter blühet sein Lob, wie in den ersten
Jahren[25].
s c h a l l e t , pochet, pranget. h i n z u J a h r e, über's Jahr. a l s e h ', wie vorher.
Wünschenswerth allerdings mag das Leben an des Landgrafen Hofe gewesen
seyn. Der Dichter giebt eine sehr anschauliche Schilderung von diesem Hofhalt,
woraus zu entnehmen ist, daß man dort wenig von der schlimmen Zeit verspürte:
Wer in den Ohren siech, wer krank im Haupte sey,
Das ist mein Rath, der lasse den Hof zu Thüringen frei;
Kommt er dahin, fürwahr er wird erthöret.
Ich habe gedrungen, bis ich nicht mehr dringen mag;
Eine Schaar fährt aus, die andre ein, so Nacht als Tag,
Groß Wunder ist, daß Jemand da noch höret.
Der Landgrafe ist so gemuth,
Daß er mit stolzen Helden seine Habe verthut,
Der jeglicher viel wohl ein Kämpfe wäre.
Mir ist seine hohe Art wohl kund,
Und gälte ein Fuder gutes Weines tausend Pfund,
Da stünde doch nimmer Ritters Becher leere.
(W. H d s . S. 170)
e r t h ö r e t , betäubt. K ä m p f e , Kämpe, ein Solcher, der besonders aufgestellt ist, eine Sache im
Zweikampf auszufechten, also ein auserwählter, vorzüglicher Streiter.
Manch unnützen Gesellen mußte die Gastfreiheit dieses Hofes anziehen.
E s c h e n b a c h rügt dieses in seinem P a r c i f a l V. 8856 ff.[26], mit Beziehung
auf ein nicht mehr vorhandenes Lied unsres Dichters:
Von Thüringen Fürsten Hermann!
Etlich dein I n gesinde ich maß,
Das A u s gesinde hiesse baß.
Dir wär' auch eines K a i e n noth,
Seit wahre Milde dir gebot
So manigfalten Anehang,
Hier ein schmählich Gedrang
Und dort ein werthes Dringen.
Drum muß Herr W a l t h e r singen:
»G u t e n T a g , B ö s e u n d G u t !«
Wo man solchen Sang nun thut,
Des sind die Falschen geehret.
K a i e hatt's ihn nicht gelehret,
Noch Herr H e i n r i c h von R i s p a c h &c.
K a i e ist des Königs Artus strenger und mürrischer Seneschall, der solchem Unwesen, nach
E s c h e n b a c h s Ausdruck, schärfer war, denn der Biene Stachel. G e d r a n g , Gedränge, Zudrang. D i e F a l s c h e n, die Schlechten. H e i n r i c h v o n R i s p a c h, vielleicht der
t u g e n d h a f t e S c h r e i b e r, der im Wartburger Kriege auftritt und dessen Gedichte M a n . II
101 ff. aufbewahrt sind, der Henricus Notarius, H. Scriptor, welcher in thüringischen Urkunden von 1208-1228 vorkömmt. M u s . I 173.
Ein wunderlicher Mann, mit Namen G e r h a r d A t z e, scheint der freudigen
Gesellschaft am thüringischen Hofe zur Zielscheibe ihres Witzes gedient zu
haben. Ihm hat Walther zwei Gedichte gewidmet. Das eine (I 105a) ist durch
persönliche Anspielung räthselhaft. Das andre (I 113a) betrifft einen
scherzhaften Rechtsstreit. Der merkwürdige Fall ist dieser: Herr Gerhard Atze
hat dem Dichter zu Eisenach ein Pferd erschossen. Walther klagt auf
Entschädigung: das Pferd war wohl dreier Marke werth. Gerhard Atze weicht
aber damit aus, daß er behauptet: das getödtete Pferd sey dem Rosse
blutsverwandt, das einst ihm, dem Beklagten, den Finger zu Schande gebissen.
Dagegen erbietet sich Walther, mit beiden Händen zu beschwören, daß die
Pferde einander nicht befreundet waren, und er ruft auf, wer ihm s t a b e n , d. h.
den Eid abnehmen wolle?
Ein Kampfgenosse des Landgrafen Hermann in dessen Fehde mit König
Philipp war der Graf von K a t z e n e l l e n b o g e n , Wilhelm II., zugenannt der
R e i c h e [27]. Derselbe mag es seyn, von dem unser Dichter singt. Walther ist dem B o g e n e r hold, ganz ohne Gabe und ohne Sold (I 127a). Doch der Graf
versteht, er beschenkt den Sänger mit einem Diamant. Dafür preist ihn dieser als
der schönsten Ritter einen. Nicht nach dem Scheine lobt er die Schönheit;
m i l d e r Mann ist schön und wohlgezogen, man soll die innre Tugend nach
aussen kehren, dann ist das äussre Lob nach Ehren, wie des von
K a t z e n e l l e n b o g e n . (E b d . )
So wird gewöhnlich der Fürst, dem der Dichter sich nähern will, zuerst mit
einem Liede ausgeforscht. Ist der Erfolg entsprechend, dann ertönt auch das
vollere Lob.
Von einer großen, zarter oder unzarter sich äussernden Begehrlichkeit können
die Hofsänger damaliger Zeit nicht freigesprochen werden. Sie versäumen
keinen Anlaß, sich zu milder Gabe zu empfehlen. Ihre zahlreichen Lobgedichte
sind überall darauf berechnet. Die M i l d e d. h. die Freigebigkeit, ist ihnen der
Fürsten erste Tugend[28]. Wo ihnen nicht willfahrt wird, machen sie ihr Lied zur
Waffe des Tadels und des Spottes. Sie werfen dem unmilden Herrn einen Stein in
den Garten und eine Klette in den Bart[29].
Noch ziemlich gelinde scherzt der Unsrige über die unwirthliche Aufnahme,
die er in der bairischen Abtei T e g e r n s e e gefunden. Es war ihm viel von
dieses Hauses Ehre gesagt worden. Deshalb ritt er einst, um dahin zu kommen,
mehr denn eine Meile abseits der Straße. Aber vergeblich war seine Hoffnung
auf einen guten Klostertrunk:
Ich nahm da Wasser,
Also nasser
Mußt' ich von des Mönches Tische scheiden.
(I 113a)
Geld, Auslösung der für Zehrung versetzten Pfänder, Pferde, Kleider, waren
der Lohn, der den Sängern von ihren Gönnern zu Theil wurde. Walther sagt von
einer schönen Frau, sie habe ein werthes Kleid angezogen: ihren reinen Leib. Sie
sey ein wohlgekleidet Weib. Getragene Kleider hab' er nie genommen[30], dieses
nähm' er für sein Leben gerne. Der Kaiser würde dieser Frau Spielmann um so
reiche Gabe (I 121b).
Wenn übrigens auch unser Dichter in diesem Werben um Gunst und Gabe der
Fürsten dem Gebrauche der Zeit und dem äussern Bedürfnisse gefolgt ist, so
muß doch auf der andern Seite anerkannt werden, nicht bloß daß er jene Tugend
der Milde auf wahrhaft dichterische Weise gepriesen, sondern auch, daß er
darüber das Höhere nicht aus den Augen gesetzt, vielmehr mitten im Getrieb der
Höfe sich einen freien Blick und einen würdigen Sinn erhalten. Es erscheint
angemessen, jetzt auch diese edlere Seite herauszuheben.
Nicht die bloße Freigebigkeit ist es, darum er die Fürsten in Anspruch nimmt,
weit umfassender hat er den Kreis ihrer Pflichten erkannt:
Ihr Fürsten tugnet eure Sinne mit reiner Güte,
Seyd gegen Freunde sanfte, gegen Feinde traget Hochgemüthe,
Stärket Recht, und danket Gott der großen Ehren,
Daß mancher Mensch seinen Leib, sein Gut muß euch zu Dienste
kehren!
Seyd milde, friedebar, laßt euch in Würde schauen!
So loben euch die reinen süßen Frauen.
Scham, Treue, ehrebringende Zucht sollt ihr gerne tragen!
Minnet Gott und richtet, was die Armen klagen!
Glaubt nicht, was euch die Lügenere sagen,
Und folget gutem Rathe, so möget ihr im Himmelreiche bauen!
(I 132b)
t u g n e t , machet tüchtig, veredlet. m i n n e t , liebet; M i n n e ist Liebe in jeder Bedeutung. b a u e n ,
wohnen, dereinst Bürger des Himmelreichs werden.
Noch in andern Liedern warnt er die Fürsten vor falschem Rathe. Er will sie
lehren, wie sie jeglichen Rath wohl mögen erkennen. Der guten Räthe sind drei,
drei böse stehen zur linken Hand dabei. F r o m m e n , G o t t e s H u l d und
w e l t l i c h e E h r e, das sind die guten. Wohl ihm, der diese lehret! den möchte
ein Kaiser nehmen an seinen höchsten Rath. Die drei bösen heißen: S c h a d e ,
S ü n d e und S c h a n d e (I 105b).
Besonders wird Derjenige, wes Standes er sey, für einen Schalk erklärt, der
seinen Herren lehre, zu lügen oder das Angelobte nachher zu versagen, und der
so die Biedern schamlos mache:
Erlahmen müssen ihm die Beine, so er sich zu dem Rathe biege! Sey aber er so hehr, daß er dazu sitze,
So wünsche ich, daß sein' ungetreue Zunge müsse erlahmen.
(I 130b)
Die Herren selbst, welche so durch glänzende Versprechungen täuschen,
vergleicht Walther den Gaucklern, die unter dem Hute jetzt einen wilden Falken,
jetzt einen stolzen Pfau, jetzt gar ein Meerwunder vorweisen, am Ende aber ist
es weiter nichts, als eine Krähe. Wär' ich dir stark genug, ruft er solchem
Gauckler zu, ich schlüge dir die falsche Gauckelbüchse an dein Haupt (I 132b).
Der Umgang mit den Mächtigen hat das Urtheil des Dichters über die wahren
Vorzüge der Menschen keineswegs getrübt. Er sucht diese nicht in der Geburt.
Kräftig spricht er sich über den Ursprung aller Sterblichen aus gleichem Lehm
und über ihre Gleichheit vor dem höchsten Herren aus:
Wer ohne Furcht, o Herr Gott!
Will sprechen deine zehn Gebot',
Und brichet die, das ist nicht wahre Minne.
Dich heisset Va t e r Mancher viel,
Der mich zum B r u d e r doch nicht will;
Der spricht die starken Wort' aus schwachem Sinne.
Wir wachsen all' aus gleichem Dinge,
Speise frommet uns, sie wird ringe,
So sie durch den Mund hin fährt.
Wer kann den Herren von dem Knechte scheiden,
Der ihr Gebeine bloßes fünde,
(Hatt' er gleich der Lebenden Kunde,)
So Gewürme das Fleisch verzehrt?
I h m dienen Christen, Juden und Heiden,
Der alle lebende Wunder nährt.
(I 128b)
Der Teufel, wenn er sichtbar daher käme, sagt Walther ein andermal, wäre mir
nicht so verwünscht, als des Bösen böser Sohn. Von der Geburt kommt uns
weder Frommen noch Ehre (I 129a).
Die erworbenen, selbstverdienten Freunde zieht er den angebornen, den
M a g e n , vor:
Mann, hochgemagt, an Freunden krank,
Das ist ein schwacher Habedank;
Baß hilfet Freundschaft ohne Sippe.
Laß Einen seyn geborn von Königes Rippe,
Er habe denn Freunde, was hilfet das?
M a g s c h a f t ist selbstgewachs'ne Ehre,
So muß man Freunde verdienen sehre.
M a g ' hilfet w o h l , F r e u n d vieles b a ß .
(I 126b)
h o c h g e m a g t , der hohe Magen, Blutsverwandte, hat. k r a n k , schwach, arm. H a b e d a n k ,
Entgelt, Ersatz. S o , den Gegensatz bezeichnend. v e r d i e n e n , durch Dienst, mühsam erwerben.
Den wahren Werth des Mannes begründen ihm drei Eigenschaften:
K ü h n h e i t , M i l d e , besonders aber T r e u e . An Weibes Lobe, meint er,
stehet wohl, daß man sie s c h ö n heiße. Manne stehet es übel, es ist zu weich
und oft zum Hohne. K ü h n und m i l d und daß er dazu s t e t e sey, so ist er viel
gar gelobt. Ihr müsset i n die Leute sehen, wollt ihr sie erkennen; Niemand soll
aussen nach der Farbe loben (I 134a). Gewissen Freund, versuchtes Schwerdt,
soll man zu Nöthen sehen (I 131b)[31].
Ihm grauset, wenn ihn die Lächler anlachen, denen die Zunge honiget und das
Herz Galle hat. Freundes Lächeln soll seyn ohne Missethat, lauter wie das
Abendroth, das liebe Mähre kündet. Wes Mund mich trügen will, der habe sein
Lachen hin! Von dem nähme ich ein wahres N e i n für zwei gelogene J a (I
131a).
Gott, der ein rechter Richter heißet in der Schrift, sollte das geruhen, daß er
die Getreuen von den Falschen schiede; hienieden noch, denn jenseits werden sie
wohl gesondert. Gerne sähe ich an ihrer Etlichem ein Schandenmal, der sich dem
Manne windet aus der Hand, recht wie ein Aal. O weh! daß Gott nicht zorniglich
an denen wundert! Wer mit mir fährt von Hause, der fahr' auch mit mir heim!
Des Mannes Muth soll fest seyn, als ein Stein, an Treue grad und eben, wie der
Stab am Pfeile (W . H d s . S. 151).
So streng der Dichter hier und anderwärts gegen Alles eifert, was er für
schlecht erkannt hat, so scharf er auch zu spotten versteht, so erscheint dennoch
sein Innerstes ungemein weich und milde. In sittlicher Beziehung zeichnet ihn
das Zartgefühl, ja die Aengstlichkeit aus, womit er vorzubeugen sucht, daß sein
Straflied nicht mit dem Schuldigen zugleich den Unschuldigen verletze (z. B. I
107b 6, 120b 3). Er ist den Bösen versöhnlich, wenn sie sich bessern wollen (I
115b 4). Er duldet manche Unfuge, obwohl er sich rächen könnte (I 121b 2).
Denen, die im Winter ihm Freude benommen, wünscht er doch, daß die
Sommerzeit ihnen wohl bekommen möge. Er kann nicht fluchen, als das üble
Wort: u n s e l i g ! das wär' aber allzuviel (I 136b 3),
Seine gedrückte Lage, seine Abhängigkeit von der Gunst oder Ungunst
Andrer, hat ihn eingeschüchtert und er lebt sein wahrstes Leben nur in der
Einsamkeit und Heimlichkeit des Gemüths. Er hütet sich, daß nicht die Leute
sein verdrieße, mit den Frohen ist er froh und lacht ungerne, wo man weinet (I
117a 1). Er ist unschädlich froh, daß man ihm wohl zu leben gönne. Heimlich
steht sein Herze hoch (I 114a 3). Er scheut sich froh zu seyn, wenn es nicht
Andre mit ihm sind, damit er nicht ihr Fingerzeigen leide (I 140a 1 v. u.) So
verhehlt er auch sein Leid und stellt sich freudenreich (I 140b 2 v. u.); damit hat
er oft sich selbst betrogen und um der Welt willen manche Freude erlogen, dieß
Lügen war aber löblich (I 139b 2).
Seiner selbst mächtig zu seyn, gilt ihm für eine vorzügliche Tugend:
Wer schlägt den Löwen? wer schlägt den Riesen?
Wer überwindet jenen und diesen?
Das thut Jener, der sich selber zwinget.
(I 127a)