Walther von der Vogelweide

Ludwig Uhland · Kapitel 4 von 12

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Walther von der Vogelweide

Zweiter Abschnitt. Philipp von Schwaben. Deutschlands Zwiespalt und Zerfall. Walther als Vaterlandsdichter.

Z w e i t e r A b s c h n i t t .

 

Philipp von Schwaben. Deutschlands Zwiespalt

und Zerfall. Walther als Vaterlandsdichter.

 

Das Jahr 1198, in welchem der Dichter seinen fürstlichen Gönner in

Oesterreich verlor, war auch ein Wendepunkt in der Geschichte der Zeit. In

diesem Jahre wich der Friede, der in den letztern Jahren Kaiser Friedrichs I. und

während der Regierung Heinrichs VI. in Deutschland geherrscht hatte, den

langwierigen und verderblichen Kämpfen der Gegenkönige.

 

Heinrich VI. war im Herbst 1197 zu Messina gestorben, sein dreijähriger Sohn

Friedrich blieb, unter Vormundschaft des Pabstes, als König in Sicilien. Die

deutschen Fürsten hatten ihn noch bei Lebzeiten seines Vaters als Nachfolger auf

dem deutschen Throne anerkannt. Aber Innocenz III., der kurz nach des Kaisers

Hintritt, im kräftigsten Alter, zum Oberhaupt der Kirche gewählt worden, wollte

nicht wieder die Vereinigung der deutschen Krone mit der sicilischen dulden. Er

fand diese Vereinigung gefährlich für die Kirche, und erklärte: da Friedrich noch

nicht getauft gewesen, als man ihn zum römischen König erwählt, so brauche

man sich hieran nicht zu kehren. Den Deutschen war nicht mit einem Kinde

geholfen. In den sechsten Monat war das Reich verwaist.

 

P h i l i p p von S c h w a b e n , des verstorbenen Heinrichs Bruder, hatte

anfangs versucht, seinem unmündigen Neffen die Thronfolge zu erhalten, bald

richtete er selbst sein Absehen auf die Krone. Auch diesem Hohenstaufen

arbeitete der Pabst entgegen. Mit Berthold von Zähringen und Bernhard von Sachsen wurde von den Fürsten um das Reich unterhandelt. Nachher ordneten

der Erzbischof von Köln und andre, mehrentheils geistliche Fürsten, von

päbstlichem Einfluß geleitet, eine Gesandtschaft an Otto von Braunschweig ab,

um ihn zum Throne zu berufen. Die Reichskleinode, auf deren Besitz man

damals großen Werth legte, waren in Philipps Händen.

 

Schon früher war ein falsches Gerücht von Kaiser Heinrichs Tode das Zeichen

zu allgemeiner Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung gewesen. Jetzt, nach

des Kaisers wirklichem Hintritt, erreichte die Verwirrung den höchsten Grad.

»Als ich aus Tuscien nach Deutschland zurückgekommen -- schreibt Philipp an

Innocenz III.[13] -- fand ich das ganze Land in nicht geringerer Verwirrung, als

irgend das Meer von allen Winden zerwühlt werden könnte.«

 

Die ersten Lieder unsres Dichters, denen wir den Zeitpunkt ihrer Entstehung

bestimmter nachweisen können, beziehen sich auf diese Ereignisse. Ernstes

Nachdenken über die Zerrüttung des Vaterlands, Anklage des Pabstes, dessen

Umtriebe den Zwiespalt herbeigeführt, Aufruf an Philipp, der Verwirrung ein

Ende zu machen.

Ich saß auf einem Steine,[14]

Da deckte ich Bein mit Beine,

Darauf setzte ich den Ellenbogen,

Ich hatte in meiner Hand geschmogen

Das Kinn und eine Wange;

Da dachte ich mir viel bange,

Wie man zur Welte sollte leben.

Keinen Rath konnte ich mir geben,

Wie man drei Ding' erwürbe,

Der keines nicht verdürbe:

Die zwei sind Ehre und fahrend Gut,

Der jedes dem andern Schaden thut,

Das dritte ist Gottes Hulde,

Der zweien Uebergulde;

Die wollte ich gerne in e i n e n Schrein.

Ja leider! möchte das nicht seyn,

Daß Gut und weltlich' Ehre

Und Gottes Huld je mehre

Zusammen in e i n Herze kommen.

Steige und Wege sind eingenommen,

Untreue ist in der Sasse,

Gewalt fährt auf der Strasse,

Friede und Recht sind beide wund,

Die d r e i haben Geleites nicht, die z w e i werden

denn eh' gesund.

g e s c h m o g e n , geschmiegt. U e b e r g u l d e , was mehr als jene gilt. I n d e r S a s s e, seßhaft.

D i e d r e i, nemlich Gut (Reichthum), weltliche Ehre und Gottes Huld, haben kein sicheres Geleit, um zusammen zu kommen, bevor nicht d i e z w e i, Friede und Recht, wiedergenesen

sind und die Strasse frei machen.

Ich sah mit meinen Augen

Der Menschen Thun und Taugen.

Da ich nun hörte, da ich sach,

Was Jedes that, was Jedes sprach:

Zu Rome hörte ich lügen

Und zweene Könige trügen.

Davon hub sich der meiste Streit,

Der eh' ward oder immer seit.

Da sich begannen zweien

Die Pfaffen und die Laien,

Das war eine Noth vor aller Noth,

Leib und Seele lag da todt.

Die Pfaffen stritten sehre,

Doch ward der Laien mehre;

Das Schwerdt legten sie da nieder

Und griffen zu der Stole wieder,

Sie bannten, die sie wollten,

Und nicht den sie sollten.

Da störte man manch Gotteshaus,

Da hörte ich ferne in einer Klaus

Viel starker Ungebäre;

Da meinte ein Klausenere,

Er klagete Gott sein bittres Leid:

»O weh! der Pabest ist zu jung, hilf, Herre, deiner

Christenheit!«

s e i t , seitdem, nachher. z w e i e n , entzweien. P f a f f e n und L a i e n , geistliche und weltliche

Fürsten, in der streitigen Königswahl. U n g e b ä r e , ungebärdige Wehklage. K l a u s e n e r e , der klagende Klausner, welcher mehrmals vorkömmt, bedeutet die vormalige strenge Frömmigkeit im

Gegensatze zu der nunmehrigen Ausartung des geistlichen Standes.

Ich hörte die Wasser diessen

Und sah die Fische fließen,

Ich sah was in der Welte was,

Wald, Feld, Laub, Rohr und Gras.

Was kriechet oder flieget,

Oder Beine zur Erde bieget,

Das sah ich und sage euch das:

Der keines lebet ohne Haß;

Das Wild und das Gewürme,

Die streiten starke Stürme,

Also thun die Vögel unter ihn'n,

Nur daß sie haben einen Sinn

(Sie wären anders zu nichte):

Sie schaffen gut Gerichte,

Sie setzen Könige und Recht

Und schaffen Herren und Knecht.

O weh dir, deutsche Zunge,

Wie steht deine Ordenunge!

Daß nun die Mück' ihren König hat[15] Und daß d e i n e Ehre also zergat!

Bekehre dich, bekehre!

Die Kirchen sind zu hehre,

Die armen Könige drängen dich.

P h i l i p p e ! setze den Waisen auf und heisse sie treten hinter

sich! (M a n . I 102)

d i e s s e n , tosen, rauschen. f l i e s s e n , schwimmen. w a s , war. W a s k r i e c h e t &c. vgl.

W e r n h . M a r . S. 28, 52. u n t e r i h n ' n, unter sich. d e u t s c h e Z u n g e, Land deutscher

Sprache. z e r g a t , zergeht. D i e K i r c h e n, die Geistlichkeit. z u h e h r e, zu gewaltig. d i e a r m e n K ö n i g e, die mittellosen Thronbewerber. d e n W a i s e n, das Reichskleinod, den

Edelstein der Kaiserkrone, welchen Herzog Ernst aus dem hohlen Berge mitgenommen haben

soll.

 

Noch im Frühjahr 1198 ward dem Dichter die Freude, Philippen gekrönt zu

sehen. Das hochschwebende Lied, worin er seinen Jubel ausspricht, läßt kaum

bezweifeln, daß er selbst der Krönung zu Mainz anwohnte.

Die Krone ist älter, denn der König Philippe sey;

Da möget ihr alle schauen wohl ein Wunder bei,

Wie sie ihme der Schmid so eben recht gemachet.

Sein kaiserliches Haupt geziemet ihr also wohl,

Daß sie zu Rechte niemand Gutes scheiden soll;

Jedwedes nicht des andern Tugend schwachet.

Sie lachen beide einander an

Das edel Gesteine und der junge süsse Mann;

Die Augenweide sehen die Fürsten gerne.

Wer nun das Reiches irre geh',

Der schaue, wem der Waise ob seinem Nacken steh'!

D e r Stein ist aller Fürsten Leitesterne.

(I 127b)

z u R e c h t e, mit Recht. T u g e n d , Werth. s c h w a c h e t , schwächet, verringert.

 

Das angenehme Bild, das Walther von seinem Könige giebt, bestätigen die

Worte des Geschichtschreibers. Nach der Beschreibung der u r s p e r g i s c h e n

Jahrbücher war Philipp ein Mann von schöner und edler Gesichtsbildung,

blondem Haar, mittlerer Größe, zartem, fast schwächlichem Körperbau[16].

 

Der Dichter begnügt sich nicht, Philippen zum Throne berufen und auf

demselben begrüßt zu haben. Er giebt dem neuen Könige noch das Mittel an,

seine Herrschaft zu befestigen und auszubreiten. Dieses Mittel findet er in der M i l d e , der dankbaren Freigebigkeit gegen Diejenigen, die sich dem Könige

versöhnt und verpflichtet haben, der rückhaltlosen Ausspendung von Gaben und

Ehre.

Philippe, König hehre!

Sie geben dir alle Heiles Wort

Und wollten Lieb nach Leide.

Nun hast du G u t und E h r e ,

Das ist wohl zweier Könige Hort,

Die gieb der M i l d e beide!

Die Milde lohnet, wie die Saat,

Von der man wohl zurück empfaht,

Darnach man ausgeworfen hat;

Wirf von dir mildigliche!

Welch' König der Milde geben kann,

Sie giebt ihm, das er nie gewann,

Wie Alexander sich versann:

Der gab und gab, da gab sie ihm alle Reiche.

(I 113a)

D a s i s t w o h l &c. (Lesart der P f . H d s . 357) Reichthum und Ehre, jedes für sich schon, ist der

H o r t , Schatz, eines Königs. (Vgl. I 135b »z w e i K a i s e r s E l l e n«, d. h. Stärke, Kraft)

s i c h v e r s a n n, inne ward.

 

Die Geschichte beweist, daß Philipp wirklich in diesem Sinne gehandelt. Wie

er überhaupt die gelinden Wege den gewaltsamen vorzog, so suchte er besonders

durch reiche Gaben an Geld und Ländereien Feinde zu beseitigen und Anhänger

zu gewinnen. Seinem gefährlichsten Mitbewerber um die Krone, dem Herzog

Berthold von Zährigen, hatte er für dessen Rücktritt 11000 Mark bezahlt. Seine

Freigebigkeit war so groß, daß er damit nicht, wie Alexander, alle Reiche

gewann, sondern selbst die anererbten Lande nur noch dem Namen nach behielt.

 

»Als er -- so erzählen die urspergischen Jahrbücher -- kein Geld hatte, um

seinen Kriegsleuten Sold zu bezahlen, fieng er zuerst an, die Ländereien zu

veräußern, die sein Vater, Kaiser Friedrich, weit umher in Deutschland erworben

hatte, so daß er jedem Freiherrn oder Dienstmann Dörfer oder angrenzende

Kirchen versetzte. Und also geschah es, daß ihm nichts übrig blieb, ausser dem

leeren Namen des Landesherrn und denjenigen Städten und Dörfern, worin

Märkte gehalten werden, nebst wenigen Schlössern des Landes.«

 

Dessen unerachtet vermochte er es nicht Allen zu Danke zu machen, und

selbst Walther wirft ihm in einem andern Liede vor, daß er sich nicht so recht im Geben gefalle. Er erinnerte Philippen an den milden Saladin, welcher gesagt:

Königes Hände sollten durchlöchert seyn, und an den König von Engelland

(Richard Löwenherz), den man seiner Mildigkeit wegen so theuer ausgelöst. (I

127b)[17]

 

Auch hatte Philipp mit all seiner Freigebigkeit nicht verhindern können, daß

gleich nach seiner Krönung Otto von Braunschweig als Gegenkönig aufgestellt

wurde, mit dem er bis an seinen Tod zu kämpfen hatte. Wie einst in den Vätern,

Friedrich dem Rothbart und Heinrich dem Löwen, so standen jetzt in den

Söhnen, Philipp und Otto, Gibelinen und Welfen sich drohend gegenüber.

 

Wir haben zuvor gesehen, in welch heiterem Lichte unsrem Dichter seine

frühere Lebenszeit erscheint. Mit stets düsterern Farben malt er die Gegenwart.

Er klagt um die alte Ehre, um die alten getreuen Sitten. Treue und Wahrheit sind

viel gar bescholten. Leer stehen die Stühle, wo Weisheit, Adel und Alter saßen

ehe. Recht hinket, Zucht trauert und Scham siechet. Die Sonne hat ihren Schein

verkehret, Untreue ihren Samen ausgestreut auf allen Wegen, der Vater findet

Untreue bei dem Kinde, der Bruder lügt dem Bruder, geistlicher Orden selber

trüget, der uns doch zum Himmel leiten sollte. Der Dichter erkennt hierin die

schreckbaren Zeichen des nahenden Weltgerichts (I 121a, 107b, 112a, 128a).

 

Mit tiefem Kummer hält er dem politischen und sittlichen Verfalle seines

Vaterlands dessen früheren Glanz entgegen: »O weh! was Ehren sich fremdet

von deutschen Landen! Witz und Mannheit, dazu Silber und Gold!« (I 103b).

»Ich sah hievor einmal den Tag, da unser Lob war gemein allen Zungen, wo kein

Land uns nahe lag, es begehrte Sühne oder es war bezwungen. Reicher Gott! wie

wir nach Ehren da rungen!« (I 106a).

 

Er rügt hiebei die Entartung und Zuchtlosigkeit des jüngeren Geschlechts.

Vormals riethen die Alten und thaten die Jungen. Jetzt haben die Jungen die

Alten verdrungen und spotten ihrer. Junge Altherren sieht man und alte

Jungherren. Und wenn gleich Walther einmal behauptet: Niemand könne mit

Gerten Kindeszucht behärten, wen man zu Ehren bringen möge, dem sey ein

Wort als ein Schlag; so tadelt er doch anderswo die Väter, daß sie Salomons Lehre brechen, nach welcher den Sohn versäume, wer den Besen spare (I 106,

126b, 129a).

 

Unrecht würde dem Dichter geschehen, wenn wir in seinem Lobe der

Vergangenheit und Tadel der Gegenwart die bloße Vorliebe für verlebte

Jugendzeit erblicken wollten. Die gleichzeitigen Geschichtschreiber sind in

vollkommener Uebereinstimmung mit seiner Schilderung des Zustandes, in

welchen Deutschland durch die doppelte Königswahl versetzt wurde.

 

»Damals -- sagt der Abt von Ursperg -- fiengen die Uebel an, sich auf der

Erde zu vervielfältigen. Denn es entstand unter den Menschen Feindschaft, Trug,

Untreue, Verrath, womit sie sich gegenseitig in Tod und Untergang hingeben,

Raub, Plünderung, Verheerung, Landesverwüstung, Brand, Aufruhr, Krieg.

Jedermann ist jetzt meineidig und in die vorbesagten Frevel verstrickt. Wie das

Volk, so auch die Priesterschaft. Die Verfolgung ist so groß, daß Niemand mit

Sicherheit von seinem Wohnort ausgehen kann, auch nur in den nächsten Ort.«

 

In dem allgemeinen Zwiespalt nahmen auch die Sänger verschiedene Wege.

Wenn Walther von der Vogelweide Philipps Krönung feierte, so geleitet Wolfram

von Eschenbach den Gegenkönig Otto zu seiner Weihe[18].

 

Zu den Anhängern Philipps gehörten der Herzog Bernhard von Sachsen,

früher selbst Bewerber um den Thron, und der Erzbischof von Magdeburg[19].

Nach dem thüringischen Feldzug im Jahr 1204, der sich mit der Unterwerfung

des Landgrafen Hermann endigte, oder als im Jahr 1207 Philipp, mit Otto

unterhandelnd, sich in jener Gegend befand[20], mag es geschehen seyn, daß er

die Weihnachten zu Magdeburg feierte. Walther war bei dieser Feier anwesend,

in einem farbenhellen Gemälde, den altdeutschen auf Goldgrund ähnlich, zeigt

er uns den Kirchgang des Königs mit seiner Gemahlin, der griechischen Irene,

und dem Gefolge der Thüringer und Sachsen.

Es gieng ein's Tages, als unser Herre ward geborn

Von einer Magd, die er sich zur Mutter hat erkorn,

Zu Magdeburg der König Philippe schöne.

Da gieng ein's Kaisers Bruder und ein's Kaisers Kind

In e i n e r Wat, wie auch der Namen zweene sind;

Er trug des Reiches Zepter und die Krone.

Er trat viel leise, ihm war nicht jach;

Ihm schlich eine hochgeborne Königinne nach,

Rose ohne Dorn, eine Taube sonder Gallen.

D i e Zucht war nirgend anderswo,

Die Thüringer und die Sachsen dienten da also,

Daß es den Weisen mußte wohl gefallen.

(I 127b)

M a g d , Jungfrau. e i n ' s K a i s e r s B r u d e r &c., Philipp war Bruder Kaiser Heinrichs VI. und

Sohn Kaiser Friedrichs I. W a t , Gewand. R o s e o h n e D o r n, T a u b e s o n d e r G a l l e, Beinamen, die sonst auch der heiligen Jungfrau gegeben werden. Z u c h t , Hofzucht, Hofdienst.

d e n W e i s e n, den Kennern.

 

Dem königlichen Paare, das uns hier im Glanze der Macht und des Glückes

erscheint, sind finstre Geschichten bereitet. Kurze Zeit nachher, 1208, fällt

Philipp durch Mörderhand, und Irene, die Rose ohne Dorn, verwelkt am

Kummer über seinen Tod.

 

Wir haben die schmerzliche Klage des Dichters über den Verfall von

Deutschland vernommen. Es hat uns daraus eine seiner schönsten Eigenschaften

angesprochen, die Vaterlandsliebe. Dieses edle Gefühl ist die Seele eines

bedeutenden Theils seiner Dichtungen. Ueberall erregt es ihn zu der lebhaftesten

Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten. Ihm gebührt unter den

altdeutschen Sängern vorzugsweise der Name des v a t e r l ä n d i s c h e n .

Keiner hat, wie er, die Eigenthümlichkeit seines Volkes erkannt und empfunden.

Wie bitter wir ihn vorhin klagen und tadeln hörten, mit stolzer Begeisterung

singt er anderswo den Preis des deutschen Landes, vor allen andern, deren er

viele durchwandert:

Ihr sollt sprechen: willekommen!

Der euch Mähre bringet, das bin ich.

Alles, das ihr habet vernommen,

Das ist gar ein Wind, nun fraget m i c h !

Ich will aber Miethe,

Wird mein Lohn halb gut,

Ich mag leichtlich sagen, das euch sanfte thut;

Seht, was man mir Ehren biete!

Ich will deutschen Frauen sagen

Solche Mähre, daß sie desto baß

Sollen aller Welt behagen;

Ohne große Miethe thu' ich das.

Was wollt' ich zu Lohne?

Sie sind mir zu hehr.

Drum bin ich gefüge und bitte sie keines mehr,

Als daß sie mich grüßen schöne.

Ich hab' Lande viel gesehen

Und der besten nahm ich gerne wahr.

Uebel müsse mir geschehen,

Konnt' ich je mein Herze bringen dar,

Daß ihm wohl gefallen

Wollte fremde Sitte!

Was denn hülfe mich, ob ich mit Unrecht stritte?

Deutsche Zucht geht doch vor allen.

Von der Elbe bis an den Rhein

Und herwider bis in Ungerland,

Da mögen wohl die besten seyn,

Die ich irgend in der Welt gekannt.

Kann ich recht schauen

Gut Geläß und (schönen) Leib

So mir Gott! so schwüre ich wohl, daß da die W e i b

Besser sind, denn anderswo die F r a u e n .

Deutsche Mann sind wohlgezogen,

Gleich den Engeln sind die Weib gethan;

Wer sie schilt, der ist betrogen,

Anders könnt' ich nimmer sein verstahn.

Tugend und reine Minne,

Wer die suchen will,

Der soll kommen in unser Land, da ist Wonne viel;

Lange müsse ich leben darinne!

(I 119b)

M ä h r e , Nachricht, Botschaft. e i n W i n d, ein Nichts. M i e t h e , Bezahlung, Botenlohn. s a n f t e

t h u t , wohl thut. S i e s i n d m i r &c. vgl. N i b e l . V. 2240. d a r , dahin. K a n n i c h r e c h t e s c h a u e n &c. das Benehmen (G e l ä s s e ) und die Schönheit der Frauen als Kenner

zu beurtheilen, galt für eine schätzbare Eigenschaft. Vgl. N i b e l . V. 2385. U l r . v .

L i c h t e n s t . F r a u e n d . S. 20. M a n . II 24a, 36a. d i e W e i b, die Weiber ebenso M a n n , Männer. g e t h a n , beschaffen. b e t r o g e n , falsch berichtet.