Aphorismen zur Lebensweisheit

Arthur Schopenhauer · Kapitel 9 von 13

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Aphorismen zur Lebensweisheit

A. Allgemeine.

 

1. Als die oberste Regel aller Lebensweisheit sehe ich einen Satz an, den

A r i s t o t e l e s beiläufig ausgesprochen hat, in der Nikomachäischen Ethik (VII,

12): ὁ φρονιμος το αλυπον διωκει, ου το ἡδυ (quod dolore vacat, non quod

suave est, persequitur vir prudens). Besser noch deutsch ließe sich dieser Satz

etwan so wiedergeben: »Nicht dem Vergnügen, der Schmerzlosigkeit geht der

Vernünftige nach«; oder: »Der Vernünftige geht auf Schmerzlosigkeit, nicht auf

Genuß aus.« Die Wahrheit desselben beruht darauf, daß aller Genuß und alles

Glück negativer, hingegen der Schmerz positiver Natur ist. Die Ausführung und

Begründung dieses letzteren Satzes findet man in meinem Hauptwerke Bd. I, §

58. Doch will ich denselben hier noch an einer täglich zu beobachtenden

Tatsache erläutern. Wenn der ganze Leib gesund und heil ist, bis auf irgend eine

kleine wunde, oder sonst schmerzende Stelle; so tritt jene Gesundheit des

Ganzen weiter nicht ins Bewußtsein, sondern die Aufmerksamkeit ist beständig

auf den Schmerz der verletzten Stelle gerichtet und das Behagen der gesamten

Lebensempfindung ist aufgehoben. – Ebenso, wenn alle unsere Angelegenheiten

nach unserem Sinne gehen, bis auf e i n e , die unserer Absicht zuwider läuft, so

kommt diese, auch wenn sie von geringer Bedeutung ist, uns immer wieder in

den Kopf: wir denken häufig an sie und wenig an alle jene andern wichtigeren

Dinge, die nach unserem Sinne gehn. – In beiden Fällen nun ist das

Beeinträchtigte der Wille, einmal, wie er sich im Organismus, das andere, wie er

sich im Streben des Menschen objektivirt, und in beiden sehen wir, daß seine

Befriedigung immer nur negativ wirkt und daher gar nicht direkt empfunden

wird, sondern höchstens auf dem Wege der Reflexion ins Bewußtsein kommt.

Hingegen ist seine Hemmung das Positive und daher sich selbst Ankündigende.

Jeder Genuß besteht bloß in der Aufhebung dieser Hemmung, in der Befreiung

davon, ist mithin von kurzer Dauer.

 

Hierauf nun also beruht die oben belobte Aristotelische Regel, welche uns

anweist, unser Augenmerk nicht auf die Genüsse und Annehmlichkeiten des

Lebens zu richten, sondern darauf, daß wir den zahllosen Übeln desselben, so

weit es möglich ist, entgehn. Wäre dieser Weg nicht der richtige: so müßte auch

Vo l t a i r e s Ausspruch, le bonheur n'est qu'un rève, et la douleur est réelle, so

falsch sein, wie er in der Tat wahr ist. Demnach soll auch der, welcher das Resultat seines Lebens, in eudämonologischer Rücksicht, ziehn will, die

Rechnung nicht nach den Freuden, die er genossen, sondern nach den Übeln,

denen er entgangen ist, aufstellen. Ja, die Eudämonologie hat mit der Belehrung

anzuheben, daß ihr Name selbst ein Euphemismus ist und daß unter »glücklich

leben« nur zu verstehn ist »weniger unglücklich«, also erträglich leben.

Allerdings ist das Leben nicht eigentlich da, um genossen, sondern um

überstanden, abgetan zu werden; dies bezeichnen auch manche Ausdrücke, wie

degere vitam, vita defungi, das Italienische si scampa così, das Deutsche »man

muß suchen durchzukommen«, »er wird schon durch die Welt kommen«, u. dgl.

m. Ja, es ist ein Trost im Alter, daß man die Arbeit des Lebens hinter sich hat.

Demnach nun hat das glücklichste Los der, welcher sein Leben ohne übergroße

Schmerzen, sowohl geistige, als körperliche, hinbringt; nicht aber der, dem die

lebhaftesten Freuden oder die größten Genüsse zuteil geworden. Wer nach

diesen letzteren das Glück eines Lebenslaufes bemessen will, hat einen falschen

Maßstab ergriffen. Denn die Genüsse sind und bleiben negativ: daß sie

beglücken, ist ein Wahn, den der Neid, zu seiner eigenen Strafe, hegt. Die

Schmerzen hingegen werden positiv empfunden: daher ist ihre Abwesenheit der

Maßstab des Lebensglückes. Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die

Abwesenheit der Langenweile; so ist das irdische Glück im Wesentlichen

erreicht: denn das Übrige ist Chimäre. Hieraus nun folgt, daß man nie Genüsse

durch Schmerzen, ja, auch nur durch die Gefahr derselben, erkaufen soll; weil

man sonst ein Negatives und daher Chimärisches mit einem Positiven und

Realen bezahlt. Hingegen bleibt man im Gewinn, wenn man Genüsse opfert, um

Schmerzen zu entgehn. In beiden Fällen ist es gleichgültig, ob die Schmerzen

den Genüssen nachfolgen, oder vorhergehn. Es ist wirklich die größte

Verkehrtheit, diesen Schauplatz des Jammers in einen Lustort verwandeln zu

wollen und, statt der möglichsten Schmerzlosigkeit, Genüsse und Freuden sich

zum Ziele zu stecken, wie doch so viele tun. Viel weniger irrt, wer, mit zu

finsterem Blicke, diese Welt als eine Art Hölle ansieht und demnach nur darauf

bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu verschaffen. Der Tor läuft

den Genüssen des Lebens nach und sieht sich betrogen: der Weise vermeidet die

Übel. Sollte ihm jedoch auch dieses mißglücken; so ist es dann die Schuld des

Geschicks, nicht die seiner Torheit. So weit es ihm aber glückt, ist er nicht

betrogen: denn die Übel, denen er aus dem Wege ging, sind höchst real. Selbst

wenn er etwan ihnen zu weit aus dem Wege gegangen sein sollte und Genüsse

unnötigerweise geopfert hätte; so ist eigentlich doch nichts verloren: denn alle

Genüsse sind chimärisch, und über die Versäumnis derselben zu trauern wäre

kleinlich, ja lächerlich.

Das Verkennen dieser Wahrheit, durch den Optimismus begünstigt, ist die

Quelle vielen Unglücks. Während wir nämlich von Leiden frei sind, spiegeln

unruhige Wünsche uns die Chimären eines Glückes vor, das gar nicht existirt,

und verleiten uns sie zu verfolgen: dadurch bringen wir den Schmerz, der

unleugbar real ist, auf uns herab. Dann jammern wir über den verlorenen

schmerzlosen Zustand, der, wie ein verscherztes Paradies, hinter uns liegt, und

wünschen vergeblich, das Geschehene ungeschehen machen zu können. So

scheint es, als ob ein böser Dämon uns aus dem schmerzlosen Zustande, der das

höchste wirkliche Glück ist, stets herauslockte, durch die Gaukelbilder der

Wünsche. – Unbesehens glaubt der Jüngling, die Welt sei da, um genossen zu

werden, sie sei der Wohnsitz eines positiven Glückes, welches nur die verfehlen,

denen es an Geschick gebricht, sich seiner zu bemeistern. Hierin bestärken ihn

Romane und Gedichte, wie auch die Gleißnerei, welche die Welt, durchgängig

und überall, mit dem äußern Scheine treibt und auf die ich bald zurückkommen

werde. Von nun an ist sein Leben eine, mit mehr oder weniger Überlegung

angestellte Jagd nach dem positiven Glück, welches, als solches, aus positiven

Genüssen bestehn soll. Die Gefahren, denen man sich dabei aussetzt, müssen in

die Schanze geschlagen werden. Da führt denn diese Jagd nach einem Wilde,

welches gar nicht existiert, in der Regel, zu sehr realem, positivem Unglück.

Dies stellt sich ein als Schmerz, Leiden, Krankheit, Verlust, Sorge, Armut,

Schande und tausend Nöte. Die Enttäuschung kommt zu spät. – Ist hingegen,

durch Befolgung der hier in Betracht genommenen Regel, der Plan des Lebens

auf Vermeidung der Leiden, also auf Entfernung des Mangels, der Krankheit und

jeder Not, gerichtet; so ist das Ziel ein reales: da läßt sich etwas ausrichten, und

um so mehr, je weniger dieser Plan gestört wird durch das Streben nach der

Chimäre des positiven Glücks. Hiezu stimmt auch, was G o e t h e , in den

Wahlverwandtschaften, den für das Glück der andern stets tätigen M i t t l e r

sagen läßt: »Wer ein Übel los sein will, der weiß immer was er will: wer was

besseres will, als er hat, der ist ganz staarblind.« Und dieses erinnert an den

schönen französischen Ausspruch: le mieux est l'ennemi du bien. Ja, hieraus ist

sogar der Grundgedanke des Zynismus abzuleiten, wie ich ihn dargelegt habe, in

meinem Hauptwerke, Bd. 2, Kap. 16. Denn, was bewog die Zyniker zur

Verwerfung aller Genüsse, wenn es nicht eben der Gedanke an die mit ihnen,

näher oder ferner, verknüpften Schmerzen war, welchen aus dem Wege zu gehn

ihnen viel wichtiger schien, als die Erlangung jener. Sie waren tief ergriffen von

der Erkenntnis der Negativität des Genusses und der Positivität des Schmerzes;

daher sie, konsequent, alles taten für die Vermeidung der Übel, hierzu aber die

völlige und absichtliche Verwerfung der Genüsse nötig erachteten; weil sie in

diesen nur Fallstricke sahen, die uns dem Schmerze überliefern.

In Arkadien geboren, wie Schiller sagt, sind wir freilich alle: d. h. wir treten in

die Welt, voll Ansprüche auf Glück und Genuß, und hegen die törichte

Hoffnung, solche durchzusetzen. In der Regel jedoch kommt bald das Schicksal,

packt uns unsanft an und belehrt uns, daß nichts u n s e r ist, sondern alles s e i n ,

indem es ein unbestrittenes Recht hat, nicht nur auf allen unsern Besitz und

Erwerb und auf Weib und Kind, sondern sogar auf Arm und Bein, Auge und

Ohr, ja, auf die Nase mitten im Gesicht. Jedenfalls aber kommt, nach einiger Zeit

die Erfahrung und bringt die Einsicht, daß Glück und Genuß eine Fata Morgana

sind, welche, nur aus der Ferne sichtbar, verschwindet, wenn man

herangekommen ist; daß hingegen Leiden und Schmerz Realität haben, sich

selbst unmittelbar vertreten und keiner Illusion noch Erwartung bedürfen.

Fruchtet nun die Lehre; so hören wir auf, nach Glück und Genuß zu jagen, und

sind vielmehr darauf bedacht, dem Schmerz und Leiden möglichst den Zugang

zu versperren. Wir erkennen alsdann, daß das Beste, was die Welt zu bieten hat,

eine schmerzlose, ruhige, erträgliche Existenz ist, und beschränken unsere

Ansprüche auf diese, um sie desto sicherer durchzusetzen. Denn, um nicht sehr

unglücklich zu werden, ist das sicherste Mittel, daß man nicht verlange, sehr

glücklich zu sein. Dies hatte auch Goethes Jugendfreund M e r c k erkannt, da er

schrieb: »die garstige Prätension an Glückseligkeit, und zwar an das Maß, das

wir uns träumen, verdirbt alles auf dieser Welt. Wer sich davon losmachen kann

und nichts begehrt, als was er vor sich hat, kann sich durchschlagen« (Briefe an

und von Merck, S. 100). Demnach ist es geraten, seine Ansprüche auf Genuß,

Besitz, Rang, Ehre usw. auf ein ganz Mäßiges herabzusetzen; weil gerade das

Streben und Ringen nach Glück, Glanz und Genuß es ist, was die großen

Unglücksfälle herbeizieht. Aber schon darum ist jenes weise und ratsam, weil

sehr unglücklich zu sein gar leicht ist; sehr glücklich hingegen nicht etwan

schwer, sondern ganz unmöglich. Mit großem Rechte also singt der Dichter der

Lebensweisheit:

Auream quisquis mediocritatem

 

Diligit, tutus caret obsoleti

Sordibus tecti, caret invidenda

Sobrius aula.

 

Saevius ventis agitatur ingens

Pinus: et scelsae graviore casu

Decidunt turres: feriuntque summos

Fulgura montes.

 

Wer aber vollends die Lehre meiner Philosophie in sich aufgenommen hat und

daher weiß, daß unser ganzes Dasein etwas ist, das besser nicht wäre und

welches zu verneinen und abzuweisen die größte Weisheit ist, der wird auch von

keinem Dinge oder Zustand große Erwartungen hegen, nach nichts auf der Welt

mit Leidenschaft streben, noch große Klagen erheben über sein Verfehlen irgend

einer Sache; sondern er wird von Platos »οὐτε τι των ἀνθρωπινων ἀξιον μεγαλης

σπουδης« (rep. X, 604) durchdrungen sein, sowie auch hievon:

 

Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen,

Sei nicht in Leid darüber, es ist nichts;

Und hast du einer Welt Besitz genommen,

Sei nicht erfreut darüber, es ist nichts.

Vorüber gehn die Schmerzen und die Wonnen,

Geh' an der Welt vorüber, es ist nichts.

 

A n w a r i S o h e i l i .

 

(Siehe das Motto zu Sadis Gulistan, übers. von Graf.)

 

Was jedoch die Erlangung dieser heilsamen Einsichten besonders erschwert, ist

die schon oben erwähnte Gleißnerei der Welt, welche man daher der Jugend früh

aufdecken sollte. Die allermeisten Herrlichkeiten sind bloßer Schein, wie die

Theaterdekoration, und das Wesen der Sache fehlt. Z. B. bewimpelte und

bekränzte Schiffe, Kanonenschüsse, Illumination, Pauken und Trompeten,

Jauchzen und Schreien usw., dies alles ist das Aushängeschild, die Andeutung,

die Hieroglyphe der F r e u d e : aber die Freude ist daselbst meistens nicht zu

finden: sie allein hat beim Feste abgesagt. Wo sie sich wirklich einfindet, da kommt sie, in der Regel, ungeladen und ungemeldet, von selbst und sans façon,

ja, still herangeschlichen, oft bei den unbedeutendesten, futilsten Anlässen, unter

den alltäglichsten Umständen, ja, bei nichts weniger als glänzenden oder

ruhmvollen Gelegenheiten: sie ist, wie das Gold in Australien, hierhin und

dorthin gestreuet, nach der Laune des Zufalls, ohne alle Regel und Gesetz, meist

nur in ganz kleinen Körnchen, höchst selten in großen Massen. Bei allen jenen

oben erwähnten Dingen hingegen ist auch der Zweck bloß, andere glauben zu

machen, hier wäre die Freude eingekehrt: dieser Schein, im Kopfe anderer, ist

die Absicht. Nicht anders als mit der Freude verhält es sich mit der Trauer. Wie

schwermütig kommt jener lange und langsame Leichenzug daher! der Reihe der

Kutschen ist kein Ende. Aber seht nur hinein: sie sind alle leer, und der

Verblichene wird eigentlich bloß von sämtlichen Kutschern der ganzen Stadt zu

Grabe geleitet. Sprechendes Bild der Freundschaft und Hochachtung dieser

Welt! Dies also ist die Falschheit, Hohlheit und Gleißnerei des menschlichen

Treibens. – Ein anderes Beispiel wieder geben viele geladene Gäste in

Feierkleidern, unter festlichem Empfange; sie sind das Aushängeschild der

edelen, erhöhten Geselligkeit: aber statt ihrer ist in der Regel nur Zwang, Pein

und Langeweile gekommen: denn schon wo viel Gäste sind, ist viel Pack, – und

hätten sie auch sämtlich Sterne auf der Brust. Die wirklich gute Gesellschaft

nämlich ist, überall und notwendig, sehr klein. Überhaupt aber tragen glänzende,

rauschende Feste und Lustbarkeiten stets eine Leere, wohl gar einen Mißton im

Innern; schon weil sie dem Elend und der Dürftigkeit unsers Daseins laut

widersprechen, und der Kontrast erhöht die Wahrheit. Jedoch von außen gesehn

wirkt jenes alles: und das war der Zweck. Ganz allerliebst sagt daher

C h a m f o r t : la société, les cercles, les salons, ce qu'on appelle le monde, est

une pièce misérable, un mauvais opéra, sans intérêt, qui se soutient un peu par

les machines, les costumes, et les décorations. – Desgleichen sind nun auch

Akademien und philosophische Katheder das Aushängeschild, der äußere Schein

der We i s h e i t : aber auch sie hat meistens abgesagt und ist ganz wo anders zu

finden. – Glockengebimmel, Priesterkostüme, fromme Gebärden und

fratzenhaftes Tun ist das Aushängeschild, der falsche Schein der Andacht, usw. –

So ist denn fast alles in der Welt hohle Nüsse zu nennen: der Kern ist an sich

selten, und noch seltener steckt er in der Schale. Er ist ganz wo anders zu suchen

und wird meistens nur zufällig gefunden.

 

2. Wenn man den Zustand eines Menschen, seiner Glücklichkeit nach,

abschätzen will, soll man nicht fragen nach dem, was ihn vergnügt, sondern nach

dem, was ihn betrübt: denn, je geringfügiger dieses, an sich selbst genommen,

ist, desto glücklicher ist der Mensch; weil ein Zustand des Wohlbefindens dazu gehört, um gegen Kleinigkeiten empfindlich zu sein: im Unglück spüren wir sie

gar nicht.

 

3. Man hüte sich, das Glück seines Lebens mittelst vieler Erfordernisse zu

demselben, auf ein b r e i t e s F u n d a m e n t zu bauen: denn auf einem solchen

stehend stürzt es am leichtesten ein, weil es viel mehr Unfällen Gelegenheit

darbietet und diese nicht ausbleiben. Das Gebäude unsers Glückes verhält sich

also, in dieser Hinsicht, umgekehrt wie alle anderen, als welche auf breitem

Fundament am festesten stehn. Seine Ansprüche, im Verhältniß zu seinen

Mitteln jeder Art, möglichst niedrig zu stellen, ist demnach der sicherste Weg

großem Unglück zu entgehn.

 

Überhaupt ist es eine der größten und häufigsten Torheiten, daß man

w e i t l ä u f t i g e A n s t a l t e n zum Leben macht, in welcher Art auch immer

das geschehe. Bei solchen nämlich ist zuvörderst auf ein ganzes und volles

Menschenleben gerechnet; welches jedoch sehr Wenige erreichen. Sodann fällt

es, selbst wenn sie so lange leben, doch für die gemachten Pläne zu kurz aus; da

deren Ausführung immer sehr viel mehr Zeit erfordert, als angenommen war:

ferner sind solche, wie alle menschlichen Dinge, dem Mißlingen, den

Hindernissen so vielfach ausgesetzt, daß sie sehr selten zum Ziele gebracht

werden. Endlich, wenn zuletzt auch alles erreicht wird, so waren die

Umwandlungen, welche die Zeit an u n s s e l b s t hervorbringt, außer Acht und

Rechnung gelassen; also nicht bedacht worden, daß weder zum Leisten noch

zum Genießen unsere Fähigkeiten das ganze Leben hindurch vorhalten. Daher

kommt es, daß wir oft auf Dinge hinarbeiten, welche, wenn endlich erlangt, uns

nicht mehr angemessen sind; wie auch, daß wir mit den Vorarbeiten zu einem

Werke die Jahre hinbringen, welche derweilen unvermerkt uns die Kräfte zur

Ausführung desselben rauben. So geschieht es denn oft, daß der mit so langer

Mühe und vieler Gefahr erworbene Reichtum uns nicht mehr genießbar ist und

wir für andere gearbeitet haben; oder auch, daß wir den durch vieljähriges

Treiben und Trachten endlich erreichten Posten auszufüllen nicht mehr im

Stande sind: die Dinge sind zu spät für uns gekommen. Oder auch umgekehrt,

wir kommen zu spät mit den Dingen; da nämlich, wo es sich um Leistungen,

oder Produktionen handelt: der Geschmack der Zeit hat sich geändert; ein neues

Geschlecht ist herangewachsen, welches an den Sachen keinen Anteil nimmt;

andere sind, auf kürzeren Wegen, uns zuvorgekommen usw. Alles unter dieser

Nummer Angeführte hat Horaz im Sinne, wenn er sagt:

quid aeternis minorem

 

Consiliis animum fatigas?

 

Der Anlaß zu diesem häufigen Mißgriff ist die unvermeidliche optische

Täuschung des geistigen Auges, vermöge welcher das Leben, vom Eingange aus

gesehn, endlos, aber wenn man vom Ende der Bahn zurückblickt, sehr kurz

erscheint. Freilich hat sie ihr Gutes: denn ohne sie käme schwerlich etwas

Großes zustande.

 

Überhaupt aber ergeht es uns im Leben wie dem Wanderer, vor welchem,

indem er vorwärts schreitet, die Gegenstände andere Gestalten annehmen, als die

sie von ferne zeigten, und sich gleichsam verwandeln, indem er sich nähert.

Besonders geht es mit unseren Wünschen so. Oft finden wir etwas ganz anderes,

ja, Besseres, als wir suchten; oft auch das Gesuchte selbst auf einem ganz

anderen Wege, als den wir zuerst vergeblich danach eingeschlagen hatten. Zumal

wird uns oft da, wo wir Genuß, Glück, Freude suchten, statt ihrer Belehrung,

Einsicht, Erkenntnis, – ein bleibendes, wahrhaftes Gut, statt eines vergänglichen

und scheinbaren. Dies ist auch der Gedanke, welcher im Wilhelm Meister als

Grundbaß durchgeht, indem dieser ein intellektueller Roman und eben dadurch

höherer Art ist, als alle übrigen, sogar die von Walter Scott, als welche sämtlich

nur ethisch sind, d. h. die menschliche Natur bloß von der Willens-Seite

auffassen. Ebenfalls in der Zauberflöte, dieser grotesken, aber bedeutsamen und

vieldeutigen Hieroglyphe, ist jener selbe Grundgedanke, in großen und groben

Zügen, wie die der Theaterdekorationen sind, symbolisirt; sogar würde er es

vollkommen sein, wenn, am Schlusse, der Tamino, vom Wunsche, die Tamina zu

besitzen, zurückgebracht, statt ihrer, allein die Weihe im Tempel der Weisheit

verlangte und erhielte; hingegen seinem notwendigen Gegensatze, dem

Papageno, richtig seine Papagena würde. – Vorzügliche und edle Menschen

werden jener Erziehung des Schicksals bald inne und fügen sich bildsam und

dankbar in dieselbe: sie sehn ein, daß in der Welt wohl Belehrung, aber nicht

Glück zu finden sei, werden es sonach gewohnt und zufrieden, Hoffnungen

gegen Einsichten zu vertauschen, und sagen endlich mit Petrarka:

Altro diletto, che 'mparar, non provo.

 

Es kann damit sogar dahin kommen, daß sie ihren Wünschen und Bestrebungen

gewissermaßen nur noch zum Schein und tändelnd nachgehn, eigentlich aber

und im Ernst ihres Innern, bloß Belehrung erwarten; welches ihnen alsdann

einen beschaulichen, genialen, erhabenen Anstrich gibt. – Man kann in diesem

Sinne auch sagen, es gehe uns wie den Alchemisten, welche, indem sie nur Gold

suchten, Schießpulver, Porzellan, Arzeneien, ja Naturgesetze entdeckten.