Aphorismen zur Lebensweisheit
A. Allgemeine.
1. Als die oberste Regel aller Lebensweisheit sehe ich einen Satz an, den
A r i s t o t e l e s beiläufig ausgesprochen hat, in der Nikomachäischen Ethik (VII,
12): ὁ φρονιμος το αλυπον διωκει, ου το ἡδυ (quod dolore vacat, non quod
suave est, persequitur vir prudens). Besser noch deutsch ließe sich dieser Satz
etwan so wiedergeben: »Nicht dem Vergnügen, der Schmerzlosigkeit geht der
Vernünftige nach«; oder: »Der Vernünftige geht auf Schmerzlosigkeit, nicht auf
Genuß aus.« Die Wahrheit desselben beruht darauf, daß aller Genuß und alles
Glück negativer, hingegen der Schmerz positiver Natur ist. Die Ausführung und
Begründung dieses letzteren Satzes findet man in meinem Hauptwerke Bd. I, §
58. Doch will ich denselben hier noch an einer täglich zu beobachtenden
Tatsache erläutern. Wenn der ganze Leib gesund und heil ist, bis auf irgend eine
kleine wunde, oder sonst schmerzende Stelle; so tritt jene Gesundheit des
Ganzen weiter nicht ins Bewußtsein, sondern die Aufmerksamkeit ist beständig
auf den Schmerz der verletzten Stelle gerichtet und das Behagen der gesamten
Lebensempfindung ist aufgehoben. – Ebenso, wenn alle unsere Angelegenheiten
nach unserem Sinne gehen, bis auf e i n e , die unserer Absicht zuwider läuft, so
kommt diese, auch wenn sie von geringer Bedeutung ist, uns immer wieder in
den Kopf: wir denken häufig an sie und wenig an alle jene andern wichtigeren
Dinge, die nach unserem Sinne gehn. – In beiden Fällen nun ist das
Beeinträchtigte der Wille, einmal, wie er sich im Organismus, das andere, wie er
sich im Streben des Menschen objektivirt, und in beiden sehen wir, daß seine
Befriedigung immer nur negativ wirkt und daher gar nicht direkt empfunden
wird, sondern höchstens auf dem Wege der Reflexion ins Bewußtsein kommt.
Hingegen ist seine Hemmung das Positive und daher sich selbst Ankündigende.
Jeder Genuß besteht bloß in der Aufhebung dieser Hemmung, in der Befreiung
davon, ist mithin von kurzer Dauer.
Hierauf nun also beruht die oben belobte Aristotelische Regel, welche uns
anweist, unser Augenmerk nicht auf die Genüsse und Annehmlichkeiten des
Lebens zu richten, sondern darauf, daß wir den zahllosen Übeln desselben, so
weit es möglich ist, entgehn. Wäre dieser Weg nicht der richtige: so müßte auch
Vo l t a i r e s Ausspruch, le bonheur n'est qu'un rève, et la douleur est réelle, so
falsch sein, wie er in der Tat wahr ist. Demnach soll auch der, welcher das Resultat seines Lebens, in eudämonologischer Rücksicht, ziehn will, die
Rechnung nicht nach den Freuden, die er genossen, sondern nach den Übeln,
denen er entgangen ist, aufstellen. Ja, die Eudämonologie hat mit der Belehrung
anzuheben, daß ihr Name selbst ein Euphemismus ist und daß unter »glücklich
leben« nur zu verstehn ist »weniger unglücklich«, also erträglich leben.
Allerdings ist das Leben nicht eigentlich da, um genossen, sondern um
überstanden, abgetan zu werden; dies bezeichnen auch manche Ausdrücke, wie
degere vitam, vita defungi, das Italienische si scampa così, das Deutsche »man
muß suchen durchzukommen«, »er wird schon durch die Welt kommen«, u. dgl.
m. Ja, es ist ein Trost im Alter, daß man die Arbeit des Lebens hinter sich hat.
Demnach nun hat das glücklichste Los der, welcher sein Leben ohne übergroße
Schmerzen, sowohl geistige, als körperliche, hinbringt; nicht aber der, dem die
lebhaftesten Freuden oder die größten Genüsse zuteil geworden. Wer nach
diesen letzteren das Glück eines Lebenslaufes bemessen will, hat einen falschen
Maßstab ergriffen. Denn die Genüsse sind und bleiben negativ: daß sie
beglücken, ist ein Wahn, den der Neid, zu seiner eigenen Strafe, hegt. Die
Schmerzen hingegen werden positiv empfunden: daher ist ihre Abwesenheit der
Maßstab des Lebensglückes. Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die
Abwesenheit der Langenweile; so ist das irdische Glück im Wesentlichen
erreicht: denn das Übrige ist Chimäre. Hieraus nun folgt, daß man nie Genüsse
durch Schmerzen, ja, auch nur durch die Gefahr derselben, erkaufen soll; weil
man sonst ein Negatives und daher Chimärisches mit einem Positiven und
Realen bezahlt. Hingegen bleibt man im Gewinn, wenn man Genüsse opfert, um
Schmerzen zu entgehn. In beiden Fällen ist es gleichgültig, ob die Schmerzen
den Genüssen nachfolgen, oder vorhergehn. Es ist wirklich die größte
Verkehrtheit, diesen Schauplatz des Jammers in einen Lustort verwandeln zu
wollen und, statt der möglichsten Schmerzlosigkeit, Genüsse und Freuden sich
zum Ziele zu stecken, wie doch so viele tun. Viel weniger irrt, wer, mit zu
finsterem Blicke, diese Welt als eine Art Hölle ansieht und demnach nur darauf
bedacht ist, sich in derselben eine feuerfeste Stube zu verschaffen. Der Tor läuft
den Genüssen des Lebens nach und sieht sich betrogen: der Weise vermeidet die
Übel. Sollte ihm jedoch auch dieses mißglücken; so ist es dann die Schuld des
Geschicks, nicht die seiner Torheit. So weit es ihm aber glückt, ist er nicht
betrogen: denn die Übel, denen er aus dem Wege ging, sind höchst real. Selbst
wenn er etwan ihnen zu weit aus dem Wege gegangen sein sollte und Genüsse
unnötigerweise geopfert hätte; so ist eigentlich doch nichts verloren: denn alle
Genüsse sind chimärisch, und über die Versäumnis derselben zu trauern wäre
kleinlich, ja lächerlich.
Das Verkennen dieser Wahrheit, durch den Optimismus begünstigt, ist die
Quelle vielen Unglücks. Während wir nämlich von Leiden frei sind, spiegeln
unruhige Wünsche uns die Chimären eines Glückes vor, das gar nicht existirt,
und verleiten uns sie zu verfolgen: dadurch bringen wir den Schmerz, der
unleugbar real ist, auf uns herab. Dann jammern wir über den verlorenen
schmerzlosen Zustand, der, wie ein verscherztes Paradies, hinter uns liegt, und
wünschen vergeblich, das Geschehene ungeschehen machen zu können. So
scheint es, als ob ein böser Dämon uns aus dem schmerzlosen Zustande, der das
höchste wirkliche Glück ist, stets herauslockte, durch die Gaukelbilder der
Wünsche. – Unbesehens glaubt der Jüngling, die Welt sei da, um genossen zu
werden, sie sei der Wohnsitz eines positiven Glückes, welches nur die verfehlen,
denen es an Geschick gebricht, sich seiner zu bemeistern. Hierin bestärken ihn
Romane und Gedichte, wie auch die Gleißnerei, welche die Welt, durchgängig
und überall, mit dem äußern Scheine treibt und auf die ich bald zurückkommen
werde. Von nun an ist sein Leben eine, mit mehr oder weniger Überlegung
angestellte Jagd nach dem positiven Glück, welches, als solches, aus positiven
Genüssen bestehn soll. Die Gefahren, denen man sich dabei aussetzt, müssen in
die Schanze geschlagen werden. Da führt denn diese Jagd nach einem Wilde,
welches gar nicht existiert, in der Regel, zu sehr realem, positivem Unglück.
Dies stellt sich ein als Schmerz, Leiden, Krankheit, Verlust, Sorge, Armut,
Schande und tausend Nöte. Die Enttäuschung kommt zu spät. – Ist hingegen,
durch Befolgung der hier in Betracht genommenen Regel, der Plan des Lebens
auf Vermeidung der Leiden, also auf Entfernung des Mangels, der Krankheit und
jeder Not, gerichtet; so ist das Ziel ein reales: da läßt sich etwas ausrichten, und
um so mehr, je weniger dieser Plan gestört wird durch das Streben nach der
Chimäre des positiven Glücks. Hiezu stimmt auch, was G o e t h e , in den
Wahlverwandtschaften, den für das Glück der andern stets tätigen M i t t l e r
sagen läßt: »Wer ein Übel los sein will, der weiß immer was er will: wer was
besseres will, als er hat, der ist ganz staarblind.« Und dieses erinnert an den
schönen französischen Ausspruch: le mieux est l'ennemi du bien. Ja, hieraus ist
sogar der Grundgedanke des Zynismus abzuleiten, wie ich ihn dargelegt habe, in
meinem Hauptwerke, Bd. 2, Kap. 16. Denn, was bewog die Zyniker zur
Verwerfung aller Genüsse, wenn es nicht eben der Gedanke an die mit ihnen,
näher oder ferner, verknüpften Schmerzen war, welchen aus dem Wege zu gehn
ihnen viel wichtiger schien, als die Erlangung jener. Sie waren tief ergriffen von
der Erkenntnis der Negativität des Genusses und der Positivität des Schmerzes;
daher sie, konsequent, alles taten für die Vermeidung der Übel, hierzu aber die
völlige und absichtliche Verwerfung der Genüsse nötig erachteten; weil sie in
diesen nur Fallstricke sahen, die uns dem Schmerze überliefern.
In Arkadien geboren, wie Schiller sagt, sind wir freilich alle: d. h. wir treten in
die Welt, voll Ansprüche auf Glück und Genuß, und hegen die törichte
Hoffnung, solche durchzusetzen. In der Regel jedoch kommt bald das Schicksal,
packt uns unsanft an und belehrt uns, daß nichts u n s e r ist, sondern alles s e i n ,
indem es ein unbestrittenes Recht hat, nicht nur auf allen unsern Besitz und
Erwerb und auf Weib und Kind, sondern sogar auf Arm und Bein, Auge und
Ohr, ja, auf die Nase mitten im Gesicht. Jedenfalls aber kommt, nach einiger Zeit
die Erfahrung und bringt die Einsicht, daß Glück und Genuß eine Fata Morgana
sind, welche, nur aus der Ferne sichtbar, verschwindet, wenn man
herangekommen ist; daß hingegen Leiden und Schmerz Realität haben, sich
selbst unmittelbar vertreten und keiner Illusion noch Erwartung bedürfen.
Fruchtet nun die Lehre; so hören wir auf, nach Glück und Genuß zu jagen, und
sind vielmehr darauf bedacht, dem Schmerz und Leiden möglichst den Zugang
zu versperren. Wir erkennen alsdann, daß das Beste, was die Welt zu bieten hat,
eine schmerzlose, ruhige, erträgliche Existenz ist, und beschränken unsere
Ansprüche auf diese, um sie desto sicherer durchzusetzen. Denn, um nicht sehr
unglücklich zu werden, ist das sicherste Mittel, daß man nicht verlange, sehr
glücklich zu sein. Dies hatte auch Goethes Jugendfreund M e r c k erkannt, da er
schrieb: »die garstige Prätension an Glückseligkeit, und zwar an das Maß, das
wir uns träumen, verdirbt alles auf dieser Welt. Wer sich davon losmachen kann
und nichts begehrt, als was er vor sich hat, kann sich durchschlagen« (Briefe an
und von Merck, S. 100). Demnach ist es geraten, seine Ansprüche auf Genuß,
Besitz, Rang, Ehre usw. auf ein ganz Mäßiges herabzusetzen; weil gerade das
Streben und Ringen nach Glück, Glanz und Genuß es ist, was die großen
Unglücksfälle herbeizieht. Aber schon darum ist jenes weise und ratsam, weil
sehr unglücklich zu sein gar leicht ist; sehr glücklich hingegen nicht etwan
schwer, sondern ganz unmöglich. Mit großem Rechte also singt der Dichter der
Lebensweisheit:
Auream quisquis mediocritatem
Diligit, tutus caret obsoleti
Sordibus tecti, caret invidenda
Sobrius aula.
Saevius ventis agitatur ingens
Pinus: et scelsae graviore casu
Decidunt turres: feriuntque summos
Fulgura montes.
Wer aber vollends die Lehre meiner Philosophie in sich aufgenommen hat und
daher weiß, daß unser ganzes Dasein etwas ist, das besser nicht wäre und
welches zu verneinen und abzuweisen die größte Weisheit ist, der wird auch von
keinem Dinge oder Zustand große Erwartungen hegen, nach nichts auf der Welt
mit Leidenschaft streben, noch große Klagen erheben über sein Verfehlen irgend
einer Sache; sondern er wird von Platos »οὐτε τι των ἀνθρωπινων ἀξιον μεγαλης
σπουδης« (rep. X, 604) durchdrungen sein, sowie auch hievon:
Ist einer Welt Besitz für dich zerronnen,
Sei nicht in Leid darüber, es ist nichts;
Und hast du einer Welt Besitz genommen,
Sei nicht erfreut darüber, es ist nichts.
Vorüber gehn die Schmerzen und die Wonnen,
Geh' an der Welt vorüber, es ist nichts.
A n w a r i S o h e i l i .
(Siehe das Motto zu Sadis Gulistan, übers. von Graf.)
Was jedoch die Erlangung dieser heilsamen Einsichten besonders erschwert, ist
die schon oben erwähnte Gleißnerei der Welt, welche man daher der Jugend früh
aufdecken sollte. Die allermeisten Herrlichkeiten sind bloßer Schein, wie die
Theaterdekoration, und das Wesen der Sache fehlt. Z. B. bewimpelte und
bekränzte Schiffe, Kanonenschüsse, Illumination, Pauken und Trompeten,
Jauchzen und Schreien usw., dies alles ist das Aushängeschild, die Andeutung,
die Hieroglyphe der F r e u d e : aber die Freude ist daselbst meistens nicht zu
finden: sie allein hat beim Feste abgesagt. Wo sie sich wirklich einfindet, da kommt sie, in der Regel, ungeladen und ungemeldet, von selbst und sans façon,
ja, still herangeschlichen, oft bei den unbedeutendesten, futilsten Anlässen, unter
den alltäglichsten Umständen, ja, bei nichts weniger als glänzenden oder
ruhmvollen Gelegenheiten: sie ist, wie das Gold in Australien, hierhin und
dorthin gestreuet, nach der Laune des Zufalls, ohne alle Regel und Gesetz, meist
nur in ganz kleinen Körnchen, höchst selten in großen Massen. Bei allen jenen
oben erwähnten Dingen hingegen ist auch der Zweck bloß, andere glauben zu
machen, hier wäre die Freude eingekehrt: dieser Schein, im Kopfe anderer, ist
die Absicht. Nicht anders als mit der Freude verhält es sich mit der Trauer. Wie
schwermütig kommt jener lange und langsame Leichenzug daher! der Reihe der
Kutschen ist kein Ende. Aber seht nur hinein: sie sind alle leer, und der
Verblichene wird eigentlich bloß von sämtlichen Kutschern der ganzen Stadt zu
Grabe geleitet. Sprechendes Bild der Freundschaft und Hochachtung dieser
Welt! Dies also ist die Falschheit, Hohlheit und Gleißnerei des menschlichen
Treibens. – Ein anderes Beispiel wieder geben viele geladene Gäste in
Feierkleidern, unter festlichem Empfange; sie sind das Aushängeschild der
edelen, erhöhten Geselligkeit: aber statt ihrer ist in der Regel nur Zwang, Pein
und Langeweile gekommen: denn schon wo viel Gäste sind, ist viel Pack, – und
hätten sie auch sämtlich Sterne auf der Brust. Die wirklich gute Gesellschaft
nämlich ist, überall und notwendig, sehr klein. Überhaupt aber tragen glänzende,
rauschende Feste und Lustbarkeiten stets eine Leere, wohl gar einen Mißton im
Innern; schon weil sie dem Elend und der Dürftigkeit unsers Daseins laut
widersprechen, und der Kontrast erhöht die Wahrheit. Jedoch von außen gesehn
wirkt jenes alles: und das war der Zweck. Ganz allerliebst sagt daher
C h a m f o r t : la société, les cercles, les salons, ce qu'on appelle le monde, est
une pièce misérable, un mauvais opéra, sans intérêt, qui se soutient un peu par
les machines, les costumes, et les décorations. – Desgleichen sind nun auch
Akademien und philosophische Katheder das Aushängeschild, der äußere Schein
der We i s h e i t : aber auch sie hat meistens abgesagt und ist ganz wo anders zu
finden. – Glockengebimmel, Priesterkostüme, fromme Gebärden und
fratzenhaftes Tun ist das Aushängeschild, der falsche Schein der Andacht, usw. –
So ist denn fast alles in der Welt hohle Nüsse zu nennen: der Kern ist an sich
selten, und noch seltener steckt er in der Schale. Er ist ganz wo anders zu suchen
und wird meistens nur zufällig gefunden.
2. Wenn man den Zustand eines Menschen, seiner Glücklichkeit nach,
abschätzen will, soll man nicht fragen nach dem, was ihn vergnügt, sondern nach
dem, was ihn betrübt: denn, je geringfügiger dieses, an sich selbst genommen,
ist, desto glücklicher ist der Mensch; weil ein Zustand des Wohlbefindens dazu gehört, um gegen Kleinigkeiten empfindlich zu sein: im Unglück spüren wir sie
gar nicht.
3. Man hüte sich, das Glück seines Lebens mittelst vieler Erfordernisse zu
demselben, auf ein b r e i t e s F u n d a m e n t zu bauen: denn auf einem solchen
stehend stürzt es am leichtesten ein, weil es viel mehr Unfällen Gelegenheit
darbietet und diese nicht ausbleiben. Das Gebäude unsers Glückes verhält sich
also, in dieser Hinsicht, umgekehrt wie alle anderen, als welche auf breitem
Fundament am festesten stehn. Seine Ansprüche, im Verhältniß zu seinen
Mitteln jeder Art, möglichst niedrig zu stellen, ist demnach der sicherste Weg
großem Unglück zu entgehn.
Überhaupt ist es eine der größten und häufigsten Torheiten, daß man
w e i t l ä u f t i g e A n s t a l t e n zum Leben macht, in welcher Art auch immer
das geschehe. Bei solchen nämlich ist zuvörderst auf ein ganzes und volles
Menschenleben gerechnet; welches jedoch sehr Wenige erreichen. Sodann fällt
es, selbst wenn sie so lange leben, doch für die gemachten Pläne zu kurz aus; da
deren Ausführung immer sehr viel mehr Zeit erfordert, als angenommen war:
ferner sind solche, wie alle menschlichen Dinge, dem Mißlingen, den
Hindernissen so vielfach ausgesetzt, daß sie sehr selten zum Ziele gebracht
werden. Endlich, wenn zuletzt auch alles erreicht wird, so waren die
Umwandlungen, welche die Zeit an u n s s e l b s t hervorbringt, außer Acht und
Rechnung gelassen; also nicht bedacht worden, daß weder zum Leisten noch
zum Genießen unsere Fähigkeiten das ganze Leben hindurch vorhalten. Daher
kommt es, daß wir oft auf Dinge hinarbeiten, welche, wenn endlich erlangt, uns
nicht mehr angemessen sind; wie auch, daß wir mit den Vorarbeiten zu einem
Werke die Jahre hinbringen, welche derweilen unvermerkt uns die Kräfte zur
Ausführung desselben rauben. So geschieht es denn oft, daß der mit so langer
Mühe und vieler Gefahr erworbene Reichtum uns nicht mehr genießbar ist und
wir für andere gearbeitet haben; oder auch, daß wir den durch vieljähriges
Treiben und Trachten endlich erreichten Posten auszufüllen nicht mehr im
Stande sind: die Dinge sind zu spät für uns gekommen. Oder auch umgekehrt,
wir kommen zu spät mit den Dingen; da nämlich, wo es sich um Leistungen,
oder Produktionen handelt: der Geschmack der Zeit hat sich geändert; ein neues
Geschlecht ist herangewachsen, welches an den Sachen keinen Anteil nimmt;
andere sind, auf kürzeren Wegen, uns zuvorgekommen usw. Alles unter dieser
Nummer Angeführte hat Horaz im Sinne, wenn er sagt:
quid aeternis minorem
Consiliis animum fatigas?
Der Anlaß zu diesem häufigen Mißgriff ist die unvermeidliche optische
Täuschung des geistigen Auges, vermöge welcher das Leben, vom Eingange aus
gesehn, endlos, aber wenn man vom Ende der Bahn zurückblickt, sehr kurz
erscheint. Freilich hat sie ihr Gutes: denn ohne sie käme schwerlich etwas
Großes zustande.
Überhaupt aber ergeht es uns im Leben wie dem Wanderer, vor welchem,
indem er vorwärts schreitet, die Gegenstände andere Gestalten annehmen, als die
sie von ferne zeigten, und sich gleichsam verwandeln, indem er sich nähert.
Besonders geht es mit unseren Wünschen so. Oft finden wir etwas ganz anderes,
ja, Besseres, als wir suchten; oft auch das Gesuchte selbst auf einem ganz
anderen Wege, als den wir zuerst vergeblich danach eingeschlagen hatten. Zumal
wird uns oft da, wo wir Genuß, Glück, Freude suchten, statt ihrer Belehrung,
Einsicht, Erkenntnis, – ein bleibendes, wahrhaftes Gut, statt eines vergänglichen
und scheinbaren. Dies ist auch der Gedanke, welcher im Wilhelm Meister als
Grundbaß durchgeht, indem dieser ein intellektueller Roman und eben dadurch
höherer Art ist, als alle übrigen, sogar die von Walter Scott, als welche sämtlich
nur ethisch sind, d. h. die menschliche Natur bloß von der Willens-Seite
auffassen. Ebenfalls in der Zauberflöte, dieser grotesken, aber bedeutsamen und
vieldeutigen Hieroglyphe, ist jener selbe Grundgedanke, in großen und groben
Zügen, wie die der Theaterdekorationen sind, symbolisirt; sogar würde er es
vollkommen sein, wenn, am Schlusse, der Tamino, vom Wunsche, die Tamina zu
besitzen, zurückgebracht, statt ihrer, allein die Weihe im Tempel der Weisheit
verlangte und erhielte; hingegen seinem notwendigen Gegensatze, dem
Papageno, richtig seine Papagena würde. – Vorzügliche und edle Menschen
werden jener Erziehung des Schicksals bald inne und fügen sich bildsam und
dankbar in dieselbe: sie sehn ein, daß in der Welt wohl Belehrung, aber nicht
Glück zu finden sei, werden es sonach gewohnt und zufrieden, Hoffnungen
gegen Einsichten zu vertauschen, und sagen endlich mit Petrarka:
Altro diletto, che 'mparar, non provo.
Es kann damit sogar dahin kommen, daß sie ihren Wünschen und Bestrebungen
gewissermaßen nur noch zum Schein und tändelnd nachgehn, eigentlich aber
und im Ernst ihres Innern, bloß Belehrung erwarten; welches ihnen alsdann
einen beschaulichen, genialen, erhabenen Anstrich gibt. – Man kann in diesem
Sinne auch sagen, es gehe uns wie den Alchemisten, welche, indem sie nur Gold
suchten, Schießpulver, Porzellan, Arzeneien, ja Naturgesetze entdeckten.