Aphorismen zur Lebensweisheit
Kapitel IV. Von dem, was einer vorstellt.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Kapitel IV.
Von dem, was einer vorstellt.
Dieses, also unser Dasein in der Meinung anderer, wird, infolge einer
besonderen Schwäche unserer Natur, durchgängig viel zu hoch angeschlagen;
obgleich schon die leichteste Besinnung lehren könnte, daß es, an sich selbst, für
unser Glück, unwesentlich ist. Es ist demnach kaum erklärlich, wie sehr jeder
Mensch sich innerlich freut, so oft er Zeichen der günstigen Meinung anderer
merkt und seiner Eitelkeit irgendwie geschmeichelt wird. So unausbleiblich wie
die Katze spinnt, wenn man sie streichelt, malt süße Wonne sich auf das Gesicht
des Menschen, den man lobt und zwar in dem Felde seiner Prätension, sei das
Lob auch handgreiflich lügenhaft. Oft trösten ihn über reales Unglück oder über
die Kargheit, mit der für ihn die beiden, bis hieher abgehandelten Hauptquellen
unseres Glückes fließen, die Zeichen des fremden Beifalls: und, umgekehrt, ist
es zum Erstaunen, wie sehr jede Verletzung seines Ehrgeizes, in irgend einem
Sinne, Grad oder Verhältnis, jede Geringschätzung, Zurücksetzung,
Nichtachtung ihn unfehlbar kränkt und oft tief schmerzt. Sofern auf dieser
Eigenschaft das Gefühl der Ehre beruht, mag sie für das Wohlverhalten vieler,
als Surrogat ihrer Moralität, von ersprießlichen Folgen sein; aber auf das eigene
G l ü c k des Menschen, zunächst auf die diesem so wesentliche Gemütsruhe und
Unabhängigkeit, wirkt sie mehr störend und nachteilig als förderlich ein. Daher
ist es, von unserm Gesichtspunkt aus, ratsam, ihr Schranken zu setzen und,
mittels gehöriger Überlegung und richtiger Abschätzung des Wertes der Güter,
jene große Empfindlichkeit gegen die fremde Meinung möglichst zu mäßigen,
sowohl da, wo ihr geschmeichelt wird, als da, wo ihr wehe geschieht: denn
beides hängt am selben Faden. Außerdem bleibt man der Sklave fremder
Meinung und fremden Bedünkens:
Sic leve, sic parvum est, animum quod laudis avarum
Subruit ac reficit.
Demnach wird eine richtige Abschätzung des Wertes dessen, was man in und
f ü r s i c h s e l b s t ist, gegen das, was man bloß in den Augen a n d e r e r ist, zu unserm Glücke viel beitragen. Zum ersteren gehört die ganze Ausfüllung der
Zeit unsers eigenen Daseins, der innere Gehalt desselben, mithin alle die Güter,
welche unter den Titeln »was einer ist« und »was einer hat« von uns in
Betrachtung genommen worden sind. Denn der Ort, in welchem alles dieses
seine Wirkungssphäre hat, ist das eigene Bewußtsein. Hingegen ist der Ort
dessen, was wir für a n d e r e sind, das fremde Bewußtsein: es ist die
Vorstellung, unter welcher wir darin erscheinen, nebst den Begriffen, die auf
diese angewandt werden[D]. Dies nun ist etwas, das unmittelbar gar nicht für uns
vorhanden ist, sondern bloß mittelbar, nämlich sofern das Betragen der andern
gegen uns dadurch bestimmt wird. Und auch dieses selbst kommt eigentlich nur
in Betracht, sofern es Einfluß hat auf irgend etwas, wodurch das, was wir i n
u n d f ü r u n s s e l b s t sind, modifizirt werden kann. Außerdem ist ja, was in
einem fremden Bewußtsein vorgeht, als solches, für uns gleichgültig, und auch
wir werden allmählig gleichgültig dagegen werden, wenn wir von der
Oberflächlichkeit und Futilität der Gedanken, von der Beschränktheit der
Begriffe, von der Kleinlichkeit der Gesinnung, von der Verkehrtheit der
Meinungen und von der Anzahl der Irrtümer in den allermeisten Köpfen eine
hinlängliche Kenntnis erlangen, und dazu aus eigener Erfahrung lernen, mit
welcher Geringschätzung gelegentlich von jedem geredet wird, sobald man ihn
nicht zu fürchten hat oder glaubt, es komme ihm nicht zu Ohren; insbesondere
aber nachdem wir einmal angehört haben, wie vom größten Manne ein halbes
Dutzend Schafsköpfe mit Wegwerfung spricht. Wir werden dann einsehen, daß,
wer auf die Meinung der Menschen einen großen Wert legt, ihnen zu viel Ehre
erzeigt.
[D]Die höchsten Stände, in ihrem Glanz, in ihrer Pracht und Prunk und Herrlichkeit und
Repräsentation jeder Art können sagen: unser Glück liegt ganz außerhalb unserer selbst: sein Ort sind die Köpfe anderer.
Jedenfalls ist der auf eine kümmerliche Ressource hingewiesen, der sein Glück
nicht in den beiden, bereits abgehandelten Klassen von Gütern findet, sondern es
in dieser dritten suchen muß, also nicht in dem, was er wirklich, sondern in dem,
was er in der fremden Vorstellung ist. Denn überhaupt ist die Basis unseres
Wesens und folglich auch unseres Glücks unsere animalische Natur. Daher ist,
für unsere Wohlfahrt, Gesundheit das wesentlichste, nächst dieser aber die Mittel
zu unserer Erhaltung, also ein sorgenfreies Auskommen. Ehre, Glanz, Rang,
Ruhm, so viel Wert auch mancher darauf legen mag, können mit jenen wesentlichen Gütern nicht kompetiren, noch sie ersetzen: vielmehr würden sie,
erforderlichen Falle, unbedenklich für jene hingegeben werden. Dieserwegen
wird es zu unserm Glücke beitragen, wenn wir beizeiten die simple Einsicht
erlangen, daß jeder zunächst und wirklich in seiner eigenen Haut lebt, nicht aber
in der Meinung anderer, und daß demnach unser realer und persönlicher
Zustand, wie er durch Gesundheit, Temperament, Fähigkeiten, Einkommen,
Weib, Kind, Freunde, Wohnort usw. bestimmt wird, für unser Glück hundertmal
wichtiger ist, als was es andern beliebt aus uns zu machen. Der entgegengesetzte
Wahn macht unglücklich. Wird mit Emphase ausgerufen »Über's Leben geht
noch die Ehre,« so besagt dies eigentlich: »Dasein und Wohlsein sind nichts;
sondern was die andern von uns denken, das ist die Sache.« Allenfalls kann der
Ausspruch als eine Hyperbel gelten, der die prosaische Wahrheit zum Grunde
liegt, daß zu unserm Fortkommen und Bestehn unter Menschen die Ehre, d. h.
die Meinung derselben von uns, oft unumgänglich nötig ist; worauf ich weiterhin
zurückkommen werde. Wenn man hingegen sieht, wie fast alles, wonach
Menschen, ihr Leben lang, mit rastloser Anstrengung und unter tausend
Gefahren und Mühseligkeiten, unermüdlich streben, zum letzten Zweck, hat,
sich dadurch in der Meinung anderer zu erhöhen, indem nämlich nicht nur
Ämter, Titel und Orden, sondern auch Reichtum, und selbst Wissenschaft[E] und
Kunst, im Grunde und hauptsächlich deshalb angestrebt werden, und der größere
Respekt anderer das letzte Ziel ist, darauf man hinarbeitet; so beweist dies leider
nur die Größe der menschlichen Torheit. Viel zu viel Wert auf die Meinung
anderer zu legen, ist ein allgemein herrschender Irrwahn: mag er nun in unserer
Natur selbst wurzeln, oder in Folge der Gesellschaft und Zivilisation entstanden
sein; jedenfalls übt er auf unser gesamtes Tun und Lassen einen ganz
übermäßigen und unserem Glücke feindlichen Einfluß aus, den wir verfolgen
können, von da an, wo er sich in der ängstlichen und sklavischen Rücksicht auf
das qu'en dira-t-on zeigt, bis dahin, wo er den Dolch des Virginius in das Herz
seiner Tochter stößt, oder den Menschen verleitet, für den Nachruhm, Ruhe,
Reichtum und Gesundheit, ja, das Leben zu opfern. Dieser Wahn bietet
allerdings dem, der die Menschen zu beherrschen oder sonst zu lenken hat, eine
bequeme Handhabe dar; weshalb in jeder Art von Menschendressierungskunst
die Weisung, das Ehrgefühl rege zu erhalten und zu schärfen, eine Hauptstelle
einnimmt: aber in Hinsicht auf das eigene Glück des Menschen, welches hier
unsere Absicht ist, verhält die Sache sich ganz anders, und ist vielmehr davon
abzumahnen, daß man nicht zu viel Wert auf die Meinung anderer lege. Wenn es,
wie die tägliche Erfahrung lehrt, dennoch geschieht, wenn die meisten Menschen
gerade auf die Meinung anderer von ihnen den höchsten Wert legen und es ihnen
darum mehr zu tun ist als um das, was, weil es in i h r e m e i g e n e n B e w u ß t s e i n vorgeht, unmittelbar für sie vorhanden ist; wenn demnach,
mittels Umkehrung der natürlichen Ordnung, ihnen jenes der reale, dieses der
bloß ideale Teil ihres Daseins zu sein scheint, wenn sie also das Abgeleitete und
Sekundäre zur Hauptsache machen und ihnen mehr das Bild ihres Wesens im
Kopfe anderer, als dieses Wesen selbst am Herzen liegt; so ist diese unmittelbare
Wertschätzung dessen, was für uns unmittelbar gar nicht vorhanden ist, diejenige
Torheit, welche man E i t e l k e i t , vanitas, genannt hat, um dadurch das Leere
und Gehaltlose dieses Strebens zu bezeichnen. Auch ist aus dem Obigen leicht
einzusehn, daß sie zum Vergessen des Zwecks über die Mittel gehört, so gut wie
der Geiz.
[E] Scire tuum nihil est, nisi te scire hoc sciat alter.
In der Tat überschreitet der Wert, den wir auf die Meinung anderer legen, und
unsere beständige Sorge in betreff derselben, in der Regel, fast jede vernünftige
Bezweckung, so daß sie als eine Art allgemein verbreiteter oder vielmehr
angeborener Manie angesehn werden kann. Bei allem, was wir tun und lassen,
wird, fast vor allem andern, die fremde Meinung berücksichtigt, und aus der
Sorge um sie werden wir, bei genauer Untersuchung, fast die Hälfte aller
Bekümmernisse und Ängste, die wir jemals empfunden haben, hervorgegangen
sehn. Denn sie liegt allem unserm, so oft gekränkten, weil so krankhaft
empfindlichen, Selbstgefühl, allen unsern Eitelkeiten und Prätensionen, wie auch
unserm Prunken und Großtun, zum Grunde. Ohne diese Sorge und Sucht würde
der Luxus kaum ein Zehntel dessen sein, was er ist. Aller und jeder Stolz, point
d'honneur und puntiglio, so verschiedener Gattung und Sphäre er auch sein
kann, beruht auf ihr – und welche Opfer heischt sie da nicht oft! Sie zeigt sich
schon im Kinde, sodann in jedem Lebensalter, jedoch am stärksten im späten;
weil dann, beim Versiegen der Fähigkeit zu sinnlichen Genüssen, Eitelkeit und
Hochmut nur noch mit dem Geize die Herrschaft zu teilen haben. Am
deutlichsten läßt sie sich an den Franzosen beobachten, als bei welchen sie ganz
endemisch ist und sich oft in der abgeschmacktesten Ehrsucht, lächerlichsten
National-Eitelkeit und unverschämtesten Prahlerei Luft macht; wodurch dann ihr
Streben sich selbst vereitelt, indem es sie zum Spotte der andern Nationen
gemacht hat und die grande nation ein Neckname geworden ist. Um nun aber
die in Rede stehende Verkehrtheit der überschwänglichen Sorge um die Meinung
anderer noch speziell zu erläutern, mag hier ein, durch den Lichteffekt des Zusammentreffens der Umstände mit dem angemessenen Charakter, in seltenem
Grade begünstigtes, recht superlatives Beispiel jener in der Menschennatur
wurzelnden Torheit Platz finden, da an demselben die Stärke dieser höchst
wunderlichen Triebfeder sich ganz ermessen läßt. Es ist folgende, den Times
vom 31. März 1846 entnommene Stelle aus dem ausführlichen Bericht von der
soeben vollzogenen Hinrichtung des T h o m a s W i x, eines Handwerksgesellen,
der aus Rache seinen Meister ermordet hatte: »An dem zur Hinrichtung
festgesetzten Morgen fand sich der hochwürdige Gefängniskaplan zeitig bei ihm
ein. Allein W i x , obwohl sich ruhig betragend, zeigte keinen Anteil an seinen
Ermahnungen: vielmehr war das einzige, was ihm am Herzen lag, daß es ihm
gelingen möchte, vor den Zuschauern seines schmachvollen Endes, sich mit
recht großer Bravour zu benehmen. – – – Dies ist ihm denn auch gelungen. Auf
dem Hofraum, den er zu dem, hart am Gefängnis errichteten Galgenschaffot zu
durchschreiten hatte, sagte er: >Wohlan denn, wie Doktor Dodd gesagt hat, bald
werde ich das große Geheimnis wissen!< Er ging, obwohl mit gebundenen
Armen, die Leiter zum Schaffot ohne die geringste Beihilfe hinauf: daselbst
angelangt machte er gegen die Zuschauer, rechts und links, Verbeugungen,
welche denn auch mit dem donnernden Beifallsruf der versammelten Menge
beantwortet und belohnt wurden, usw.« – Dies ist ein Prachtexemplar der
Ehrsucht, den Tod, in schrecklichster Gestalt, nebst der Ewigkeit dahinter, vor
Augen, keine andere Sorge zu haben, als die um den Eindruck auf den
zusammengelaufenen Haufen der Gaffer und die Meinung, welche man in deren
Köpfen zurücklassen wird! – Und doch war eben so der im selben Jahr in
Frankreich, wegen versuchten Königsmordes, hingerichtete L e c o m t e , bei
seinem Prozeß, hauptsächlich darüber verdrießlich, daß er nicht in anständiger
Kleidung vor der Pairskammer erscheinen konnte, und selbst bei seiner
Hinrichtung war es ihm ein Hauptverdruß, daß man ihm nicht erlaubt hatte, sich
vorher zu rasiren. Daß es auch ehemals nicht anders gewesen, ersehen wir aus
dem, was M a t e o A l e m a n, in der, seinem berühmten Romane, Guzman de
Alfarache, vorgesetzten Einleitung (declaracion) anführt, daß nämlich viele
betörte Verbrecher die letzten Stunden, welche sie ausschließlich ihrem
Seelenheile widmen sollten, diesem entziehn, um eine kleine Predigt, die sie auf
der Galgenleiter halten wollen, auszuarbeiten und zu memoriren. – An solchen
Zügen jedoch können wir selbst uns spiegeln: denn kolossale Fälle geben überall
die deutlichste Erläuterung. Unser aller Sorgen, Kümmern, Wurmen, Ärgern,
Ängstigen, Anstrengen usw. betrifft, in vielleicht den meisten Fällen, eigentlich
die fremde Meinung und ist eben so absurd, wie das jener armen Sünder. Nicht
weniger entspringt unser Neid und Haß größtenteils aus besagter Wurzel.
Offenbar nun könnte zu unserem Glücke, als welches allergrößtenteils auf
Gemütsruhe und Zufriedenheit beruht, kaum irgend etwas so viel beitragen, als
die Einschränkung und Herabstimmung dieser Triebfeder auf ihr vernünftig zu
rechtfertigendes Maß, welches vielleicht ein fünfzigstel des gegenwärtigen sein
wird, also das Herausziehn dieses immerfort peinigenden Stachels aus unserm
Fleisch. Dies ist jedoch sehr schwer: denn wir haben es mit einer natürlichen und
angeborenen Verkehrtheit zu tun. Etiam sapientibus cupido gloriae novissima
exuitur sagt Tacitus (hist. VI, 6). Um jene allgemeine Torheit los zu werden,
wäre das alleinige Mittel, sie deutlich als eine solche zu erkennen und zu diesem
Zwecke sich klar zu machen, wie ganz falsch, verkehrt, irrig und absurd die
meisten Meinungen in den Köpfen der Menschen zu sein pflegen, daher sie, an
sich selbst, keiner Beachtung wert sind; sodann, wie wenig realen Einfluß auf
uns die Meinung anderer, in den meisten Dingen und Fällen, haben kann; ferner,
wie ungünstig überhaupt sie meistenteils ist, so daß fast jeder sich krank ärgern
würde, wenn er vernähme, was alles von ihm gesagt und in welchem Tone von
ihm geredet wird; endlich, daß sogar die Ehre selbst doch eigentlich nur von
mittelbarem und nicht von unmittelbarem Werte ist u. dgl. m. Wenn eine solche
Bekehrung von der allgemeinen Torheit uns gelänge; so würde die Folge ein
unglaublich großer Zuwachs an Gemütsruhe und Heiterkeit und ebenfalls ein
festeres und sichereres Auftreten, ein durchweg unbefangeneres und
natürlicheres Betragen sein. Der so überaus wohltätige Einfluß, den eine
zurückgezogene Lebensweise auf unsere Gemütsruhe hat, beruht größtenteils
darauf, daß eine solche uns dem fortwährenden Leben vor den Augen anderer,
folglich der steten Berücksichtigung ihrer etwanigen Meinung entzieht und
dadurch uns uns selber zurückgibt. Imgleichen würden wir sehr vielem realen
Unglück entgehn, in welches nur jenes rein ideale Streben, richtiger jene heillose
Torheit, uns zieht, würden auch viel mehr Sorgfalt für solide Güter übrig
behalten und dann auch diese ungestörter genießen. Aber, wie gesagt, χαλεπα τα
καλα.
Die hier geschilderte Torheit unsrer Natur treibt hauptsächlich drei Sprößlinge:
Ehrgeiz, Eitelkeit und Stolz. Zwischen diesen zwei letzteren beruht der
Unterschied darauf, daß der S t o l z die bereits feststehende Überzeugung vom
eigenen überwiegenden Werte, in irgendeiner Hinsicht, ist; E i t e l k e i t
hingegen der Wunsch, in andern eine solche Überzeugung zu erwecken,
meistens begleitet von der stillen Hoffnung, sie, in Folge davon, auch selbst zu
der seinigen machen zu können. Demnach ist Stolz die von i n n e n ausgehende,
folglich direkte Hochschätzung seiner selbst; hingegen Eitelkeit das Streben,
solche von a u ß e n her, also indirekt zu erlangen. Dementsprechend macht die Eitelkeit gesprächig, der Stolz schweigsam. Aber der Eitle sollte wissen, daß die
hohe Meinung anderer, nach der er trachtet, sehr viel leichter und sicherer durch
anhaltendes Schweigen zu erlangen ist, als durch Sprechen, auch wenn einer die
schönsten Dinge zu sagen hätte. – Stolz ist nicht wer will, sondern höchstens
kann wer will Stolz affektiren, wird aber aus dieser, wie aus jeder
angenommenen Rolle bald herausfallen. Denn nur die feste, innere,
unerschütterliche Überzeugung von überwiegenden Vorzügen und besonderem
Werte macht wirklich stolz. Diese Überzeugung mag nun irrig sein, oder auch
auf bloß äußerlichen und konventionellen Vorzügen beruhen, – das schadet dem
Stolze nicht, wenn sie nur wirklich und ernstlich vorhanden ist. Weil also der
Stolz seine Wurzel in der Ü b e r z e u g u n g hat, steht er, wie alle Erkenntnis,
nicht in unserer W i l l k ü r . Sein schlimmster Feind, ich meine sein größtes
Hindernis, ist die Eitelkeit, als welche um den Beifall anderer buhlt, um die
eigene hohe Meinung von sich erst darauf zu gründen, in welcher bereits ganz
fest zu sein die Voraussetzung des Stolzes ist.
So sehr nun auch durchgängig der Stolz getadelt und verschrien wird; so
vermute ich doch, daß dies hauptsächlich von solchen ausgegangen ist, die
nichts haben, darauf sie stolz sein könnten. Der Unverschämtheit und
Dummdreistigkeit der meisten Menschen gegenüber, tut jeder, der irgend welche
Vorzüge hat, ganz wohl, sie selbst im Auge zu behalten, um nicht sie gänzlich in
Vergessenheit geraten zu lassen: denn wer, solche gutmütig ignorirend, mit jenen
sich gerirt, als wäre er ganz ihresgleichen, den werden sie treuherzig sofort dafür
halten. Am meisten aber möchte ich solches denen anempfehlen, deren Vorzüge
von der höchsten Art, d. h. reale, und also rein persönliche sind, da diese nicht,
wie Orden und Titel, jeden Augenblick durch sinnliche Einwirkung in
Erinnerung gebracht werden: denn sonst werden sie oft genug das sus Minervam
exemplifizirt sehn. »Scherze mit dem Sklaven; bald wird er dir den Hintern
zeigen« – ist ein vortreffliches arabisches Sprichwort, und das Horazische sume
superbiam, quaesitam meritis ist nicht zu verwerfen. Wohl aber ist die Tugend
der Bescheidenheit eine erkleckliche Erfindung für die Lumpe; da ihr gemäß
jeder von sich zu reden hat, als wäre auch er ein solcher, welches herrlich
nivellirt, indem es dann so herauskommt, als gäbe es überhaupt nichts als
Lumpe.
Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in
dem damit Behafteten den Mangel an i n d i v i d u e l l e n Eigenschaften, auf die
er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so
vielen Millionen teilt. Wer bedeutende persönliche Vorzüge besitzt, wird vielmehr die Fehler seiner eigenen Nation, da er sie beständig vor Augen hat, am
deutlichsten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat,
darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er
gerade angehört, stolz zu sein: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich
bereit, alle Fehler und Torheiten, die ihr eigen sind, πυξ και λαξ zu verteidigen.
Daher wird man z. B. unter fünfzig Engländern kaum mehr als einen finden,
welcher mit einstimmt, wenn man von der stupiden und degradirenden
Bigotterie seiner Nation mit gebührender Verachtung spricht: der eine aber pflegt
ein Mann von Kopf zu sein. – Die Deutschen sind frei von Nationalstolz und
legen hierdurch einen Beweis der ihnen nachgerühmten Ehrlichkeit ab; vom
Gegenteil aber die unter ihnen, welche einen solchen vorgeben und lächerlicher
Weise affektiren; wie dies zumeist die »deutschen Brüder« und Demokraten tun,
die dem Volke schmeicheln, um es zu verführen. Es heißt zwar, die Deutschen
hätten das Pulver erfunden: ich kann jedoch dieser Meinung nicht beitreten. Und
Lichtenberg frägt: »warum gibt sich nicht leicht jemand, der es nicht ist, für
einen Deutschen aus, sondern gemeiniglich, wenn er sich für etwas ausgeben
will, für einen Franzosen oder Engländer?« Übrigens überwiegt die
Individualität bei weitem die Nationalität, und in einem gegebenen Menschen
verdient jene tausendmal mehr Berücksichtigung als diese. Dem
Nationalcharakter wird, da er von der Menge redet, nie viel Gutes ehrlicherweise
nachzurühmen sein. Vielmehr erscheint nur die menschliche Beschränktheit,
Verkehrtheit und Schlechtigkeit in jedem Lande in einer andern Form und diese
nennt man den Nationalcharakter. Von e i n e m derselben degoutirt loben wir
den andern, bis es uns mit ihm eben so ergangen ist. – Jede Nation spottet über
die andere, und alle haben recht.
Der Gegenstand dieses Kapitels, also was wir in der Welt v o r s t e l l e n , d. h.
in den Augen anderer sind, läßt sich nun, wie schon oben bemerkt, einteilen in
E h r e , R a n g und R u h m .
Der R a n g , so wichtig er in den Augen des großen Haufens und der Philister,
und so groß sein Nutzen im Getriebe der Staatsmaschine sein mag, läßt sich, für
unsern Zweck, mit wenigen Worten abfertigen. Es ist ein konventioneller, d. h.
eigentlich ein simulirter Wert: seine Wirkung ist eine simulirte Hochachtung,
und das ganze eine Komödie für den großen Haufen. – Orden sind
Wechselbriefe, gezogen auf die öffentliche Meinung: ihr Wert beruht auf dem
Kredit des Ausstellers. Inzwischen sind sie, auch ganz abgesehn von dem vielen
Gelde, welches sie, als Substitut pekuniärer Belohnungen, dem Staat ersparen,
eine ganz zweckmäßige Einrichtung; vorausgesetzt, daß ihre Verteilung mit Einsicht und Gerechtigkeit geschehe. Der große Haufe nämlich hat Augen und
Ohren, aber nicht viel mehr, zumal blutwenig Urteilskraft und selbst wenig
Gedächtnis. Manche Verdienste liegen ganz außerhalb der Sphäre seines
Verständnisses, andere versteht und bejubelt er, bei ihrem Eintritt, hat sie aber
nachher bald vergessen. Da finde ich es ganz passend, durch Kreuz oder Stern,
der Menge jederzeit und überall zuzurufen: »der Mann ist nicht euresgleichen: er
hat Verdienste!« Durch ungerechte, oder urteilslose, oder übermäßige Verteilung
verlieren aber die Orden diesen Wert, daher ein Fürst mit ihrer Erteilung so
vorsichtig sein sollte, wie ein Kaufmann mit dem Unterschreiben der Wechsel.
Die Inschrift pour le mérite auf einem Kreuze ist ein Pleonasmus: jeder Orden
sollte pour le mérite sein, – ça va sans dire. –
Viel schwerer und weitläufiger, als die des Ranges, ist die Erörterung der
E h r e . Zuvörderst hätten wir sie zu definiren. Wenn ich nun in dieser Absicht
etwan sagte: die Ehre ist das äußere Gewissen, und das Gewissen die innere
Ehre; – so könnte dies vielleicht manchem gefallen; würde jedoch mehr eine
glänzende, als eine deutliche und gründliche Erklärung sein. Daher sage ich: die
Ehre ist, objektiv, die Meinung anderer von unserm Wert, und subjektiv, unsere
Furcht vor dieser Meinung. In letzterer Eigenschaft hat sie oft eine sehr
heilsame, wenn auch keineswegs rein moralische Wirkung, – im Mann von Ehre.
Die Wurzel und der Ursprung des jedem, nicht ganz verdorbenen Menschen
einwohnenden Gefühls für Ehre und Schande, wie auch des hohen Wertes,
welcher ersterer zuerkannt wird, liegt in Folgendem. Der Mensch für sich allein
vermag gar wenig und ist ein verlassener Robinson: nur in der Gemeinschaft mit
den andern ist und vermag er viel. Dieses Verhältnisses wird er inne, sobald sein
Bewußtsein sich irgend zu entwickeln anfängt, und alsbald entsteht in ihm das
Bestreben, für ein taugliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu gelten,
also für eines, das fähig ist, pro parte virili mitzuwirken, und dadurch berechtigt,
der Vorteile der menschlichen Gemeinschaft teilhaft zu werden. Ein solches nun
ist er dadurch, daß er, erstlich, das leistet, was man von jedem überall, und
sodann das, was man von ihm in der besonderen Stelle, die er eingenommen hat,
fordert und erwartet. Eben so bald aber erkennt er, daß es hierbei nicht darauf
ankommt, daß er es in seiner eigenen, sondern daß er es in der Meinung der
anderen sei. Hieraus entspringt demnach sein eifriges Streben nach der günstigen
M e i n u n g anderer und der hohe Wert, den er auf diese legt: beides zeigt sich
mit der Ursprünglichkeit eines angeborenen Gefühls, welches man Ehrgefühl
und, nach Umständen, Gefühl der Scham (verecundia) nennt. Dieses ist es, was
seine Wangen rötet, sobald er glaubt, plötzlich in der Meinung anderer verlieren zu müssen, selbst wo er sich unschuldig weiß; sogar da, wo der sich aufdeckende
Mangel eine nur relative, nämlich willkürlich übernommene Verpflichtung
betrifft: und andrerseits stärkt nichts seinen Lebensmut mehr, als die erlangte,
oder erneuerte Gewißheit von der günstigen Meinung anderer; weil sie ihm den
Schutz und die Hilfe der vereinten Kräfte aller verspricht, welche eine unendlich
größere Wehrmauer gegen die Übel des Lebens sind, als seine eigenen.
Aus den verschiedenen Beziehungen, in denen der Mensch zu andern stehen
kann und in Hinsicht auf welche sie Zutrauen zu ihm, also eine gewisse gute
Meinung von ihm, zu hegen haben, entstehen mehrere A r t e n d e r E h r e.
Diese Beziehungen sind hauptsächlich das Mein und Dein, sodann die
Leistungen der Anheischigen, endlich das Sexualverhältnis: ihnen entsprechen
die bürgerliche Ehre, die Amtsehre und die Sexualehre, jede von welchen noch
wieder Unterarten hat.
Die weiteste Sphäre hat die b ü r g e r l i c h e E h r e: sie besteht in der
Voraussetzung, daß wir die Rechte eines jeden unbedingt achten und daher uns
nie ungerechter, oder gesetzlich unerlaubter Mittel zu unserm Vorteile bedienen
werden. Sie ist die Bedingung zur Teilnahme an allem friedlichen Verkehr. Sie
geht verloren durch eine einzige offenbar und stark dawider laufende Handlung,
folglich auch durch jede Kriminalstrafe; wiewohl nur unter Voraussetzung der
Gerechtigkeit derselben. Immer aber beruht die Ehre, in ihrem letzten Grunde,
auf der Überzeugung von der Unveränderlichkeit des moralischen Charakters,
vermöge welcher eine einzige schlechte Handlung die gleiche moralische
Beschaffenheit aller folgenden, sobald ähnliche Umstände eintreten werden,
verbürgt: dies bezeugt auch der englische Ausdruck character für Ruf,
Reputation, Ehre. Deshalb eben ist die verlorene Ehre nicht wieder herzustellen;
es sei denn, daß der Verlust auf Täuschung, wie Verläumdung, oder falschem
Schein, beruht hätte. Demgemäß gibt es Gesetze gegen Verläumdung, Pasquille,
auch Injurien; denn die Injurie, das bloße Schimpfen, ist eine summarische
Verläumdung, ohne Angabe der Gründe: dies ließe sich Griechisch gut
ausdrücken: εστι ἡ λοιδορια διαβολη συντομος, – welches jedoch nirgends
vorkommt. Freilich legt der, welcher schimpft, dadurch an den Tag, daß er nichts
Wirkliches und Wahres gegen den andern vorzubringen hat; da er sonst dieses
als die Prämissen geben und die Konklusion getrost den Hörern überlassen
würde; statt dessen er die Konklusion gibt und die Prämissen schuldig bleibt:
allein er verläßt sich auf die Präsumtion, daß dies nur beliebter Kürze halber
geschehe. – Die bürgerliche Ehre hat zwar ihren Namen vom Bürgerstande;
allein ihre Geltung erstreckt sich über alle Stände, ohne Unterschied, sogar die allerhöchsten nicht ausgenommen: kein Mensch kann ihrer entraten und ist es
mit ihr eine ganz ernsthafte Sache, die jeder sich hüten soll leicht zu nehmen.
Wer Treu und Glauben bricht, hat Treu und Glauben verloren, auf immer, was er
auch tun und wer er auch sein mag; die bittern Früchte, welche dieser Verlust mit
sich bringt, werden nicht ausbleiben.
Die E h r e hat, in gewissem Sinne, einen n e g a t i v e n Charakter, nämlich im
Gegensatz des Ruhmes, der einen p o s i t i v e n Charakter hat. Denn die Ehre ist
nicht die Meinung von besonderen, diesem Subjekt allein zukommenden
Eigenschaften, sondern nur von den, der Regel nach, vorauszusetzenden, als
welche auch ihm nicht abgehen sollen. Sie besagt daher nur, daß dies Subjekt
keine Ausnahme mache; während der Ruhm besagt, daß er eine mache. Ruhm
muß daher erst erworben werden: die Ehre hingegen braucht bloß nicht verloren
zu gehn. Dem entsprechend ist Ermangelung des Ruhmes Obskurität, ein
Negatives; Ermangelung der Ehre ist Schande, ein Positives. – Diese Negativität
darf aber nicht mit Passivität verwechselt werden: vielmehr hat die Ehre einen
ganz aktiven Charakter. Sie geht nämlich allein von dem S u b j e k t derselben
aus, beruht auf s e i n e m Tun und Lassen, nicht aber auf dem, was andere tun
und was ihm widerfährt: sie ist also των εφ’ ἡμιν. Dies ist, wie wir bald sehn
werden, ein Unterscheidungsmerkmal der wahren Ehre von der ritterlichen, oder
Afterehre. Bloß durch Verläumdung ist ein Angriff von außen auf die Ehre
möglich: das einzige Gegenmittel ist Widerlegung derselben, mit ihr
angemessener Öffentlichkeit und Entlarvung des Verläumders.
Die Achtung vor dem Alter scheint darauf zu beruhen, daß die Ehre junger
Leute zwar als Voraussetzung angenommen, aber noch nicht erprobt ist, daher
eigentlich auf Kredit besteht. Bei den Älteren aber hat es sich im Laufe des
Lebens ausweisen müssen, ob sie, durch ihren Wandel, ihre Ehre behaupten
konnten. Denn weder die Jahre an sich, als welche auch Tiere, und einige in viel
höherer Zahl, erreichen, noch auch die Erfahrung, als bloße, nähere Kenntnis
vom Laufe der Welt, sind hinreichender Grund für die Achtung der Jüngeren
gegen die Älteren, welche doch überall gefordert wird: die bloße Schwäche des
höheren Alters würde mehr auf Schonung als auf Achtung Anspruch geben.
Merkwürdig aber ist es, daß dem Menschen ein gewisser Respekt vor weißen
Haaren angeboren und daher wirklich instinktiv ist. Runzeln, ein ungleich
sichereres Kennzeichen des Alters, erregen diesen Respekt keineswegs: nie wird
von ehrwürdigen Runzeln, aber stets vom ehrwürdigen weißen Haare geredet.
Der Wert der Ehre ist nur ein mittelbarer. Denn, wie bereits am Eingang dieses Kapitels auseinander gesetzt ist, die Meinung anderer von uns kann nur insofern
Wert für uns haben, als sie ihr Handeln gegen uns bestimmt, oder gelegentlich
bestimmen kann. Dies ist jedoch der Fall, so lange wir mit oder unter Menschen
leben. Denn, da wir, im zivilisirten Zustande, Sicherheit und Besitz nur der
Gesellschaft verdanken, auch der anderen, bei allen Unternehmungen, bedürfen
und sie Zutrauen zu uns haben müssen, um sich mit uns einzulassen; so ist ihre
Meinung von uns von hohem, wiewohl immer nur mittelbarem Werte für uns;
einen unmittelbaren kann ich ihr nicht zuerkennen. In Übereinstimmung hiemit
sagt auch C i c e r o : de bona autem fama Chrysippus quidem et Diogenes,
detracta utilitate, ne digitum quidem, ejus causa, porrigendum esse dicebant.
Quibus ego vehementer assentior. (fin. III, 17.) Imgleichen gibt eine weitläufige
Auseinandersetzung dieser Wahrheit H e l v e t i u s , in seinem Meisterwerke, de
l'esprit (Disc. III, ch. 13), deren Resultat ist: nous n'aimons pas l'estime pour
l'estime, mais uniquement pour les avantages qu'elle procure. Da nun das Mittel
nicht mehr wert sein kann als der Zweck; so ist der Paradespruch »die Ehre geht
über das Leben,« wie gesagt, eine Hyperbel.
Soviel von der bürgerlichen Ehre. Die A m t s e h r e ist die allgemeine Meinung
anderer, daß ein Mann, der ein Amt versieht, alle dazu erforderlichen
Eigenschaften wirklich habe und auch in allen Fällen seine amtlichen
Obliegenheiten pünktlich erfülle. Je wichtiger und größer der Wirkungskreis
eines Mannes im Staate ist, also je höher und einflußreicher der Posten, auf dem
er steht, desto größer muß die Meinung von den intellektuellen Fähigkeiten und
moralischen Eigenschaften sein, die ihn dazu tauglich machen: mithin hat er
einen um so höhern Grad von Ehre, deren Ausdruck seine Titel, Orden usw. sind,
wie auch das sich unterordnende Betragen anderer gegen ihn. Nach dem selben
Maßstabe bestimmt nun durchgängig der Stand den besonderen Grad der Ehre,
wiewohl dieser modifizirt wird durch die Fähigkeit der Menge über die
Wichtigkeit des Standes zu urteilen. Immer aber erkennt man dem, der
besondere Obliegenheiten hat und erfüllt, mehr Ehre zu, als dem gemeinen
Bürger, dessen Ehre hauptsächlich auf negativen Eigenschaften beruht.
Die Amtsehre erfordert ferner, daß wer ein Amt versieht, das Amt selbst, seiner
Kollegen und Nachfolger wegen, im Respekt erhalte, eben durch jene pünktliche
Erfüllung seiner Pflichten und auch dadurch, daß er Angriffe auf das Amt selbst
und auf sich, soferne er es versieht, d. h. Äußerungen, daß er das Amt nicht
pünktlich versehe, oder daß das Amt selbst nicht zum allgemeinen Besten
gereiche, nicht ungeahndet lasse, sondern durch die gesetzliche Strafe beweise,
daß jene Angriffe ungerecht waren.
Unterordnungen der Amtsehre sind die des Staatsdieners, des Arztes, des
Advokaten, jedes öffentlichen Lehrers, ja jedes Graduirten, kurz eines jeden, der
durch öffentliche Erklärung für eine gewisse Leistung geistiger Art qualifizirt
erklärt worden ist und sich eben deshalb selbst dazu anheischig gemacht hat;
also mit einem Wort die Ehre aller öffentlich Anheischigen als solcher. Daher
gehört auch hieher die wahre S o l d a t e n e h r e : sie besteht darin, daß wer sich
zur Verteidigung des gemeinsamen Vaterlandes anheischig gemacht hat, die dazu
nötigen Eigenschaften, also vor allem Mut, Tapferkeit und Kraft wirklich besitze
und ernstlich bereit sei, sein Vaterland bis in den Tod zu verteidigen und
überhaupt die Fahne, zu der er einmal geschworen, um nichts auf der Welt zu
verlassen. – Ich habe hier die A m t s e h r e in einem weiteren Sinne genommen,
als gewöhnlich, wo sie den dem Amt selbst gebührenden Respekt der Bürger
bedeutet.
Die S e x u a l e h r e scheint mir einer näheren Betrachtung und Zurückführung
ihrer Grundsätze auf die Wurzel derselben zu bedürfen, welche zugleich
bestätigen wird, daß alle Ehre zuletzt auf Nützlichkeitsrücksichten beruht. Die
Sexualehre zerfällt, ihrer Natur nach, in Weiber- und Männerehre, und ist von
beiden Seiten ein wohlverstandener esprit de corps. Die erstere ist bei weitem
die wichtigste von beiden: weil im weiblichen Leben das Sexualverhältnis die
Hauptsache ist. – Die w e i b l i c h e E h r e also ist die allgemeine Meinung von
einem Mädchen, daß sie sich gar keinem Manne, und von einer Frau, daß sie
sich nur dem ihr angetrauten hingegeben habe. Die Wichtigkeit dieser Meinung
beruht auf Folgendem. Das weibliche Geschlecht verlangt und erwartet vom
männlichen alles, nämlich alles, was es wünscht und braucht: das männliche
verlangt vom weiblichen zunächst und unmittelbar nur eines. Daher mußte die
Einrichtung getroffen werden, daß das männliche Geschlecht vom weiblichen
jenes eine nur erlangen kann gegen Übernahme der Sorge für alles und zudem
für die aus der Verbindung entspringenden Kinder: auf dieser Einrichtung beruht
die Wohlfahrt des ganzen weiblichen Geschlechts. Um sie durchzusetzen, muß
notwendig das weibliche Geschlecht zusammenhalten und esprit de corps
beweisen. Dann aber steht es als ein Ganzes und in geschlossener Reihe dem
gesamten männlichen Geschlechte, welches durch das Übergewicht seiner
Körper- und Geisteskräfte von Natur im Besitz aller irdischen Güter ist, als dem
gemeinschaftlichen Feinde gegenüber, der besiegt und erobert werden muß, um,
mittelst seines Besitzes, in den Besitz der irdischen Güter zu gelangen. Zu
diesem Ende nun ist die Ehrenmaxime des ganzen weiblichen Geschlechts, daß
dem männlichen jeder uneheliche Beischlaf durchaus versagt bleibe; damit jeder
einzelne zur Ehe, als welche eine Art von Kapitulation ist, gezwungen und dadurch das ganze weibliche Geschlecht versorgt werde. Dieser Zweck kann
aber nur vermittelst strenger Beobachtung der obigen Maxime vollkommen
erreicht werden: daher wacht das ganze weibliche Geschlecht, mit wahrem esprit
de corps, über die Aufrechterhaltung derselben unter allen seinen Mitgliedern.
Demgemäß wird jedes Mädchen, welches durch unehelichen Beischlaf einen
Verrat gegen das ganze weibliche Geschlecht begangen hat, weil dessen
Wohlfahrt durch das Allgemeinwerden dieser Handlungsweise untergraben
werden würde, von demselben ausgestoßen und mit Schande belegt: es hat seine
Ehre verloren. Kein Weib darf mehr mit ihm umgehen: es wird, gleich einer
Verpesteten, gemieden. Das gleiche Schicksal trifft die Ehebrecherin; weil diese
dem Manne die von ihm eingegangene Kapitulation nicht gehalten hat, durch
solches Beispiel aber die Männer vom Eingehen derselben abgeschreckt werden;
während auf ihr das Heil des ganzen weiblichen Geschlechts beruht. Aber noch
überdies verliert die Ehebrecherin, wegen der groben Wortbrüchigkeit und des
Betruges in ihrer Tat, mit der Sexualehre zugleich die bürgerliche. Daher sagt
man wohl, mit einem entschuldigenden Ausdruck, »ein gefallenes Mädchen«,
aber nicht »eine gefallene Frau«, und der Verführer kann jene, durch die Ehe,
wieder ehrlich machen; nicht so der Ehebrecher diese, nachdem sie geschieden
worden. – Wenn man nun, infolge dieser klaren Einsicht, einen zwar heilsamen,
ja notwendigen, aber wohlberechneten und auf Interesse gestützten esprit de
corps als die Grundlage des Prinzips der weiblichen Ehre erkennt; so wird man
dieser zwar die größte Wichtigkeit für das weibliche Dasein und daher einen
großen relativen, jedoch keinen absoluten, über das Leben und seine Zwecke
hinausliegenden und demnach mit diesem selbst zu erkaufenden Wert beilegen
können. Demnach nun wird man den überspannten, zu tragischen Farcen
ausartenden Taten der Lukretia und des Virginius keinen Beifall schenken
können. Daher eben hat der Schluß der Emilia Galotti etwas so Empörendes, daß
man das Schauspielhaus in völliger Verstimmung verläßt. Hingegen kann man
nicht umhin, der Sexualehre zum Trotz, mit dem Klärchen des Egmont zu
sympathisiren. Jenes auf die Spitze Treiben des weiblichen Ehrenprinzips gehört,
wie so manches, zum Vergessen des Zwecks über die Mittel: denn die
Sexualehre wird, durch solche Überspannung, ein absoluter Wert angedichtet;
während sie, noch mehr als alle andere Ehre, einen bloß relativen hat; ja, man
möchte sagen, einen bloß konventionellen, wenn man aus dem Thomasius de
concubinatu ersieht, wie in fast allen Ländern und Zeiten, bis zur Lutherischen
Reformation, das Konkubinat ein gesetzlich erlaubtes und anerkanntes
Verhältnis gewesen ist, bei welchem die Konkubine ehrlich blieb; der Mylitta zu
Babylon (Herodot I, 199) usw. gar nicht zu gedenken. Auch gibt es allerdings
bürgerliche Verhältnisse, welche die äußere Form der Ehe unmöglich machen, besonders in katholischen Ländern, wo keine Scheidung stattfindet; überall aber
für regierende Herren, als welche, meiner Meinung nach, viel moralischer
handeln, wenn sie eine Mätresse halten, als wenn sie eine morganatische Ehe
eingehen, deren Deszendenz, beim etwanigen Aussterben der legitimen, einst
Ansprüche erheben könnte; weshalb, sei es auch noch so entfernt, durch solche
Ehe die Möglichkeit eines Bürgerkrieges herbeigeführt wird. Überdies ist eine
solche morganatische, d. h. eigentlich allen äußern Verhältnissen zum Trotz
geschlossene Ehe, im letzten Grunde, eine den Weibern und den Pfaffen
gemachte Konzession, zweien Klassen, denen man etwas einzuräumen sich
möglichst hüten sollte. Ferner ist zu erwägen, daß jeder im Lande das Weib
seiner Wahl ehelichen kann, bis auf einen, dem dieses natürliche Recht
benommen ist: dieser arme Mann ist der Fürst. Seine Hand gehört dem Lande
und wird nach der Staatsraison, d. h. dem Wohl des Landes gemäß, vergeben.
Nun aber ist er doch ein Mensch und will auch einmal dem Hange seines
Herzens folgen. Daher ist es so ungerecht und undankbar, wie es spießbürgerlich
ist, dem Fürsten das Halten einer Mätresse verwehren, oder vorwerfen zu
wollen; versteht sich, so lange ihr kein Einfluß auf die Regierung gestattet wird.
Auch ihrerseits ist eine solche Mätresse, hinsichtlich der Sexualehre,
gewissermaßen eine Ausnahmsperson, eine Eximirte von der allgemeinen Regel:
denn sie hat sich bloß einem Manne ergeben, der sie und den sie lieben, aber
nimmermehr heiraten konnte. – Überhaupt aber zeugen von dem nicht rein
natürlichen Ursprunge des weiblichen Ehrenprinzips die vielen blutigen Opfer,
welche demselben gebracht werden, – im Kindermorde und Selbstmorde der
Mütter. Allerdings begeht ein Mädchen, die sich ungesetzlich preisgibt, dadurch
einen Treuebruch gegen ihr ganzes Geschlecht: jedoch ist diese Treue nur
stillschweigend angenommen und nicht beschworen. Und da, im gewöhnlichen
Fall, ihr eigener Vorteil am unmittelbarsten darunter leidet, so ist ihre Torheit
dabei unendlich größer als ihre Schlechtigkeit.
Die Geschlechtsehre der Männer wird durch die der Weiber hervorgerufen, als
der entgegengesetzte esprit de corps, welcher verlangt, daß jeder, der die dem
Gegenpart so sehr günstige Kapitulation, die Ehe, eingegangen ist, jetzt darüber
wache, daß sie ihm gehalten werde; damit nicht selbst dieses Paktum, durch das
Einreißen einer laxen Observanz desselben, seine Festigkeit verliere und die
Männer, indem sie alles hingeben, nicht einmal des einen versichert seien, was
sie dafür erhandeln, des Alleinbesitzes des Weibes. Demgemäß fordert die Ehre
des Mannes, daß er den Ehebruch seiner Frau ahnde und, wenigstens durch
Trennung von ihr, strafe. Duldet er ihn wissentlich, so wird er von der
Männergemeinschaft mit Schande belegt: jedoch ist diese lange nicht so durchgreifend, wie die durch den Verlust der Geschlechtsehre das Weib
treffende, vielmehr nur eine levioris notae macula; weil beim Manne die
Geschlechtsbeziehung eine untergeordnete ist, indem er in noch vielen anderen
und wichtigeren steht. Die zwei großen dramatischen Dichter der neueren Zeit
haben, jeder zweimal, diese Männerehre zu ihrem Thema genommen:
Shakespeare, im Othello und im Wintermärchen, und Calderon, in el medico de
su honra (der Arzt seiner Ehre) und a secreto agravio secreta venganza (für
geheime Schmach geheime Rache). Übrigens fordert diese Ehre nur die
Bestrafung des Weibes, nicht die ihres Buhlen; welche bloß ein opus
supererogationis ist: hiedurch bestätigt sich der angegebene Ursprung derselben