Aphorismen zur Lebensweisheit

Arthur Schopenhauer · Kapitel 5 von 13

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Aphorismen zur Lebensweisheit

Kapitel II. Von dem, was einer ist.

Kapitel II.

 

Von dem, was einer ist.

 

Daß dieses zu seinem Glücke viel mehr beiträgt, als was er h a t , oder was er

v o r s t e l l t , haben wir bereits im allgemeinen erkannt. Immer kommt es darauf

an, was einer sei und demnach an sich selber habe: denn seine Individualität

begleitet ihn stets und überall, und von ihr ist alles tingirt, was er erlebt. In allem

und bei allem genießt er zunächst nur sich selbst: Dies gilt schon von den

physischen; wie viel mehr von den geistigen Genüssen. Daher ist das englische

to enjoy one's self ein sehr treffender Ausdruck, mit welchem man z. B. sagt he

enjoys himself at Paris, also nicht »er genießt Paris,« sondern »er genießt s i c h

in Paris.« – Ist nun aber die Individualität von schlechter Beschaffenheit, so sind

alle Genüsse wie köstliche Weine in einem mit Galle tingirten Munde. Demnach

kommt, im Guten wie im Schlimmen, schwere Unglücksfälle beiseite gesetzt,

weniger darauf an, was einem im Leben begegnet und widerfährt, als darauf, wie

er es empfindet, also auf die Art und den Grad seiner Empfänglichkeit in jeder

Hinsicht. Was einer in sich ist und an sich selber hat, kurz die Persönlichkeit und

deren Wert, ist das alleinige Unmittelbare zu seinem Glück und Wohlsein. Alles

andere ist mittelbar; daher auch dessen Wirkung vereitelt werden kann, aber die

der Persönlichkeit nie. Darum eben ist der auf persönliche Vorzüge gerichtete

Neid der unversöhnlichste, wie er auch der am sorgfältigsten verhehlte ist.

Ferner ist allein die Beschaffenheit des Bewußtseins das Bleibende und

Beharrende, und die Individualität wirkt fortdauernd, anhaltend, mehr oder

minder in jedem Augenblick: alles andere hingegen wirkt immer nur zu Zeiten,

gelegentlich, vorübergehend, und ist zudem auch noch selbst dem Wechsel und

Wandel unterworfen: daher sagt Aristoteles: ἡ γαρ φυσις βεβαια, ου τα χρηματα

(nam natura perennis est, non opes). Eth. Eud. VII, 2. Hierauf beruht es, daß wir

ein ganz und gar von außen auf uns gekommenes Unglück mit mehr Fassung

ertragen, als ein selbstverschuldetes: denn das Schicksal kann sich ändern; aber

die eigene Beschaffenheit nimmer. Demnach also sind die subjektiven Güter, wie

ein edler Charakter, ein fähiger Kopf, ein glückliches Temperament, ein heiterer

Sinn und ein wohlbeschaffener, völlig gesunder Leib, also überhaupt mens sana

in corpore sano (Juvenal. Sat. X, 356), zu unserm Glücke die ersten und

wichtigsten; weshalb wir auf die Beförderung und Erhaltung derselben viel mehr bedacht sein sollten, als auf den Besitz äußerer Güter und äußerer Ehre.

 

Was nun aber, von jenen allen, uns am unmittelbarsten beglückt, ist die

Heiterkeit des Sinnes: denn diese gute Eigenschaft belohnt sich augenblicklich

selbst. Wer eben fröhlich ist, hat allemal Ursach, es zu sein: nämlich eben diese,

daß er es ist. Nichts kann so sehr, wie diese Eigenschaft, jedes andere Gut

vollkommen ersetzen; während sie selbst durch nichts zu ersetzen ist. Einer sei

jung, schön, reich und geehrt; so frägt sich, wenn man sein Glück beurteilen

will, ob er dabei heiter sei: ist er hingegen heiter, so ist es einerlei, ob er jung

oder alt, gerade oder bucklig, arm oder reich sei; er ist glücklich. In früher

Jugend machte ich einmal ein altes Buch auf, und da stand: »wer viel lacht, ist

glücklich, und wer viel weint, ist unglücklich,« – eine sehr einfältige

Bemerkung, die ich aber, wegen ihrer einfachen Wahrheit doch nicht habe

vergessen können, so sehr sie auch der Superlativ eines truism's ist. Dieserwegen

also sollen wir der Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen:

denn sie kommt nie zur unrechten Zeit; statt daß wir oft Bedenken tragen, ihr

Eingang zu gestatten, indem wir erst wissen wollen, ob wir denn auch wohl in

jeder Hinsicht Ursach haben, zufrieden zu sein; oder auch, weil wir fürchten, in

unsern ernsthaften Überlegungen und wichtigen Sorgen dadurch gestört zu

werden: allein, was wir durch diese bessern, ist sehr ungewiß; hingegen ist

Heiterkeit unmittelbarer Gewinn. Sie allein ist gleichsam die bare Münze des

Glückes und nicht, wie alles andere, bloß der Bankzettel; weil nur sie

unmittelbar in der Gegenwart beglückt; weshalb sie das höchste Gut ist für

Wesen, deren Wirklichkeit die Form einer unteilbaren Gegenwart zwischen zwei

unendlichen Zeiten hat. Demnach sollten wir die Erwerbung und Beförderung

dieses Gutes jedem anderen Trachten vorsetzen. Nun ist gewiß, daß zur

Heiterkeit nichts weniger beiträgt als Reichtum, und nichts mehr als Gesundheit:

in den niedrigen, arbeitenden, zumal das Land bestellenden Klassen sind die

heiteren und zufriedenen Gesichter; in den reichen und vornehmen die

verdrießlichen zu Hause. Folglich sollten wir vor allem bestrebt sein, uns den

hohen Grad vollkommener Gesundheit zu erhalten, als dessen Blüte die

Heiterkeit sich einstellt. Die Mittel hiezu sind bekanntlich Vermeidung aller

Exzesse und Ausschweifungen, aller heftigen oder unangenehmen

Gemütsbewegungen, auch aller zu großen oder zu anhaltenden

Geistesanstrengung, täglich wenigstens zwei Stunden rascher Bewegung in

freier Luft, viel kaltes Baden und ähnliche diätetische Maßregeln. Ohne tägliche

gehörige Bewegung kann man nicht gesund bleiben; alle Lebensprozesse

erfordern, um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung sowohl der Teile, darin

sie vorgehen, als des Ganzen. Daher sagt Aristoteles mit Recht: ὁ βιος ἐν τη κινησει εστι. Das Leben besteht in der Bewegung und hat sein Wesen in ihr. Im

ganzen Innern des Organismus herrscht unaufhörliche, rasche Bewegung: das

Herz, in seiner komplizierten doppelten Systole und Diastole, schlägt heftig und

unermüdlich; mit 28 seiner Schläge hat es die gesamte Blutmasse durch den

ganzen großen und kleinen Kreislauf hindurch getrieben; die Lunge pumpt ohne

Unterlaß wie eine Dampfmaschine; die Gedärme winden sich stets im motus

peristalticus; alle Drüsen saugen und sezernieren beständig, selbst das Gehirn

hat eine doppelte Bewegung mit jedem Pulsschlag und jedem Atemzug. Wenn

nun hiebei, wie es bei der ganz und gar sitzenden Lebensweise unzähliger

Menschen der Fall ist, die äußere Bewegung so gut wie ganz fehlt, so entsteht

ein schreiendes und verderbliches Mißverhältnis zwischen der äußern Ruhe und

dem innern Tumult. Denn sogar will die beständige innere Bewegung durch die

äußere etwas unterstützt sein: jenes Mißverhältnis aber wird dem analog, wenn,

infolge irgend eines Affekts, es in unserm Innern kocht, wir aber nach außen

nichts davon sehen lassen dürfen. Sogar die Bäume bedürfen, um zu gedeihen,

der Bewegung durch den Wind. Dabei gilt eine Regel, die sich am kürzesten

lateinisch ausdrücken läßt: omnis motus, quo celerior, eo magis motus. – Wie

sehr unser Glück von der Heiterkeit der Stimmung und diese vom

Gesundheitszustande abhängt, lehrt die Vergleichung des Eindrucks, den die

nämlichen äußern Verhältnisse, oder Vorfälle, am gesunden und rüstigen Tage

auf uns machen, mit dem, welchen sie hervorbringen, wann Kränklichkeit uns

verdrießlich und ängstlich gestimmt hat. Nicht was die Dinge objektiv und

wirklich sind, sondern was sie für uns, in unsrer Auffassung sind, macht uns

glücklich oder unglücklich: Dies eben besagt Epiktets ταρασσει τους ανθρωπους

ου τα πραγματα, αλλα τα περι των πραγματων δογματα (commovent homines

non res, sed de rebus opiniones 9 ). Überhaupt aber beruhen / unseres Glückes

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allein auf der Gesundheit. Mit ihr wird alles eine Quelle des Genusses: hingegen

ist ohne sie kein äußeres Gut, welcher Art es auch sei, genießbar, und selbst die

übrigen subjektiven Güter, die Eigenschaften des Geistes, Gemütes,

Temperaments, werden durch Kränklichkeit herabgestimmt und sehr

verkümmert. Demnach geschieht es nicht ohne Grund, daß man vor allen Dingen

sich gegenseitig nach dem Gesundheitszustande befragt und einander sich

wohlzubefinden wünscht: denn wirklich ist dieses bei weitem die Hauptsache

zum menschlichen Glück. Hieraus aber folgt, daß die größte aller Torheiten ist,

seine Gesundheit aufzuopfern, für was es auch sei, für Erwerb, für Beförderung,

für Gelehrsamkeit, für Ruhm, geschweige für Wollust und flüchtige Genüsse:

vielmehr soll man ihr alles nachsetzen.

 

So viel nun aber auch zu der, für unser Glück so wesentlichen Heiterkeit die Gesundheit beiträgt, so hängt jene doch nicht von dieser allein ab: denn auch bei

vollkommener Gesundheit kann ein melancholisches Temperament und eine

vorherrschend trübe Stimmung bestehn. Der letzte Grund davon liegt ohne

Zweifel in der ursprünglichen und daher unabänderlichen Beschaffenheit des

Organismus, und zwar zumeist in dem mehr oder minder normalen Verhältnis

der Sensibilität zur Irritabilität und Reproduktionskraft. Abnormes Übergewicht

der Sensibilität wird Ungleichheit der Stimmung, periodische übermäßige

Heiterkeit und vorwaltende Melancholie herbeiführen. Weil nun auch das Genie

durch ein Übermaß der Nervenkraft, also der Sensibilität, bedingt ist, so hat

Aristoteles ganz richtig bemerkt, daß alle ausgezeichnete und überlegene

Menschen melancholisch seien: παντες ὁσοι περιττοι γεγονασιν ανδρες, η κατα

φιλοσοφιαν, η πολιτικην, η ποιησιν η τεχνας, φαινονται μελαγχολικοι οντες

(Probl. 30, 1). Ohne Zweifel ist dieses die Stelle, welche Cicero im Auge hatte

bei seinem oft angeführten Bericht: Aristoteles ait, omnes ingeniosos

melancholicos esse (Tusc. I, 33). Die hier in Betrachtung genommene,

angeborene, große Verschiedenheit der Grundstimmung überhaupt aber hat

S h a k e s p e a r e sehr artig geschildert:

 

Nature has fram'd strange fellows in her time:

Some that will evermore peep through their eyes,

And laugh, like parrots, at a bag-piper;

And others of such vinegar aspect,

That they'll not show their teeth in way of smile,

Though Nestor swear the jest be laughable[A].

 

Merch. of Ven. Sc. I.

 

[A] Die Natur hat in ihren Tagen seltsame Käuze hervorgebracht, einige, die stets aus ihren

Äuglein vergnügt hervorgucken, und, wie Papageien über einen Dudelsackspieler

lachen, und andere von so sauertöpfischem Ansehn, daß sie ihre Zähne nicht durch ein Lächeln bloß legen, wenn auch Nestor selbst schwüre, der Spaß sei lachenswert.

 

Eben dieser Unterschied ist es, den P l a t o durch die Ausdrücke δυσκολος und

ευκολος bezeichnet. Derselbe läßt sich zurückführen auf die bei verschiedenen

Menschen sehr verschiedene Empfänglichkeit für angenehme und unangenehme

Eindrücke, infolge welcher der eine noch lacht bei dem, was den andern fast zur Verzweiflung bringt: und zwar pflegt die Empfänglichkeit für angenehme

Eindrücke desto schwächer zu sein, je stärker die für unangenehme ist, und

umgekehrt. Nach gleicher Möglichkeit des glücklichen und des unglücklichen

Ausgangs einer Angelegenheit wird der δυσκολος beim unglücklichen sich

ärgern oder grämen, beim glücklichen aber sich nicht freuen; der ευκολος

hingegen wird über den unglücklichen sich nicht ärgern, noch grämen, aber über

den glücklichen sich freuen. Wenn dem δυσκολος von zehn Vorhaben neun

gelingen, so freut er sich nicht über diese, sondern ärgert sich über das eine

mißlungene: der εὐκολος weiß, im umgekehrten Fall, sich doch mit dem einen

gelungenen zu trösten und aufzuheitern. – Wie nun aber nicht leicht ein Übel

ohne alle Kompensation ist; so ergibt sich auch hier, daß die δυσκολοι, also die

finstern und ängstlichen Charaktere, im ganzen, zwar mehr imaginäre, dafür aber

weniger reale Unfälle und Leiden zu überstehn haben werden als die heitern und

sorglosen: denn wer alles schwarz sieht, stets das Schlimmste befürchtet und

demnach seine Vorkehrungen trifft, wird sich nicht so oft verrechnet haben, als

wer stets den Dingen die heitere Farbe und Aussicht leiht. – Wann jedoch eine

krankhafte Affektion des Nervensystems oder der Verdauungswerkzeuge, der

angeborenen δυσκολια in die Hände arbeitet; dann kann diese den hohen Grad

erreichen, wo dauerndes Mißbehagen Lebensüberdruß erzeugt und demnach

Hang zum Selbstmord entsteht. Diesen vermögen alsdann selbst die geringsten

Unannehmlichkeiten zu veranlassen; ja, bei den höchsten Graden des Übels

bedarf es derselben nicht einmal; sondern bloß infolge des anhaltenden

Mißbehagens wird der Selbstmord beschlossen und alsdann mit so kühler

Überlegung und fester Entschlossenheit ausgeführt, daß der meistens schon unter

Aufsicht gestellte Kranke, stets darauf gerichtet, den ersten unbewachten

Augenblick benutzt, um, ohne Zaudern, Kampf und Zurückbeben, jenes ihm

jetzt natürliche und willkommene Erleichterungsmittel zu ergreifen.

Ausführliche Beschreibungen dieses Zustandes gibt Esquirol, des maladies

mentales. Allerdings aber kann, nach Umständen, auch der gesundeste und

vielleicht selbst der heiterste Mensch sich zum Selbstmord entschließen, wenn

nämlich die Größe der Leiden, oder des unausweichbar herannahenden

Unglücks, die Schrecken des Todes überwältigt. Der Unterschied liegt allein in

der verschiedenen Größe des dazu erforderlichen Anlasses, als welche mit der

δυσκολια in umgekehrtem Verhältnis steht. Je größer diese ist, desto geringer

kann jener sein, ja am Ende auf Null herabsinken: je größer hingegen die

ευκολια und die sie unterstützende Gesundheit, desto mehr muß im Anlaß

liegen. Danach gibt es unzählige Abstufungen der Fälle, zwischen den beiden

Extremen des Selbstmordes, nämlich dem des rein aus krankhafter Steigerung

der angebornen δυσκολια entspringenden, und dem des Gesunden und Heiteren, ganz aus objektiven Gründen.

 

Der Gesundheit zum Teil verwandt ist die Schönheit. Wenngleich dieser

subjektive Vorzug nicht eigentlich unmittelbar zu unserm Glücke beiträgt,

sondern bloß mittelbar, durch den Eindruck auf Andere; so ist er doch von

großer Wichtigkeit, auch im Manne. Schönheit ist ein offener Empfehlungsbrief,

der die Herzen zum voraus für uns gewinnt: daher gilt besonders von ihr der

Homerische Vers:

 

Ουτοι αποβλητ’ εστι θεων ερικυδεα δωρα,

Ὁσσα κεν αυτοι δωσι, ἑκων δ’ ουκ αν τις ἑλοιτο.

 

Der allgemeinste Überblick zeigt uns, als die beiden Feinde des menschlichen

Glückes, den Schmerz und die Langeweile. Dazu noch läßt sich bemerken, daß,

in dem Maße, als es uns glückt, von einem derselben uns zu entfernen, wir dem

andern uns nähern, und umgekehrt; so daß unser Leben wirklich eine stärkere

oder schwächere Oszillation zwischen ihnen darstellt. Dies entspringt daraus,

daß beide in einem doppelten Antagonismus zu einander stehn, einem äußern

oder objektiven, und einem innern oder subjektiven. Äußerlich nämlich gebiert

Not und Entbehrung den Schmerz; hingegen Sicherheit und Überfluß die

Langeweile. Demgemäß sehen wir die niedere Volksklasse in einem beständigen

Kampf gegen die Not, also den Schmerz; die reiche und vornehme Welt

hingegen in einem anhaltenden oft wirklich verzweifelten Kampf gegen die

Langeweile. Der innere oder subjektive Antagonismus derselben aber beruht

darauf, daß, im einzelnen Menschen, die Empfänglichkeit für das eine in

entgegengesetztem Verhältnis zu der für das andere steht, indem sie durch das

Maß seiner Geisteskräfte bestimmt wird. Nämlich Stumpfheit des Geistes ist

durchgängig im Verein mit Stumpfheit der Empfindung und Mangel an

Reizbarkeit, welche Beschaffenheit für Schmerzen und Betrübnisse jeder Art

und Größe weniger empfänglich macht: aus eben dieser Geistesstumpfheit aber

geht andrerseits jene, auf zahllosen Gesichtern ausgeprägte, wie auch durch die

beständig rege Aufmerksamkeit auf alle, selbst die kleinsten Vorgänge in der

Außenwelt sich verratende i n n e r e L e e r h e i t hervor, welche die wahre

Quelle der Langeweile ist und stets nach äußerer Anregung lechzt, um Geist und

Gemüt durch irgend etwas in Bewegung zu bringen. In der Wahl desselben ist sie

daher nicht ekel; wie dies die Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe bezeugt, zu denen

man Menschen greifen sieht, imgleichen die Art ihrer Geselligkeit und Konversation, nicht weniger die vielen Türsteher und Fenstergucker.

Hauptsächlich aus dieser inneren Leerheit entspringt die Sucht nach

Gesellschaft, Zerstreuung, Vergnügen und Luxus jeder Art, welche viele zur

Verschwendung und dann zum Elende führt. Vor diesem Elende bewahrt nichts

so sicher, als der i n n e r e Reichtum, der Reichtum des Geistes: denn dieser läßt,

je mehr er sich der Eminenz nähert, der Langenweile immer weniger Raum. Die

unerschöpfliche Regsamkeit der Gedanken aber, ihr an den mannigfaltigen

Erscheinungen der Innen- und Außenwelt sich stets erneuerndes Spiel, die Kraft

und der Trieb zu immer andern Kombinationen derselben, setzen den eminenten

Kopf, die Augenblicke der Abspannung abgerechnet, ganz außer den Bereich der

Langenweile. Andrerseits nun aber hat die gesteigerte Intelligenz eine erhöhte

Sensibilität zur unmittelbaren Bedingung, und größere Heftigkeit des Willens,

also der Leidenschaftlichkeit, zur Wurzel: aus ihrem Verein mit diesen erwächst

nun eine viel größere Stärke aller Affekte und eine gesteigerte Empfindlichkeit

gegen die geistigen und selbst gegen körperliche Schmerzen, sogar größere

Ungeduld bei allen Hindernissen oder auch nur Störungen; welches alles zu

erhöhen die aus der Stärke der Phantasie entspringende Lebhaftigkeit sämtlicher

Vorstellungen, also auch der widerwärtigen, mächtig beiträgt. Das Gesagte gilt

nun verhältnismäßig von allen den Zwischenstufen, welche den weiten Raum

vom stumpfesten Dummkopf bis zum größten Genie ausfüllen. Demzufolge

steht jeder, wie objektiv, so auch subjektiv, der einen Quelle der Leiden des

menschlichen Lebens um so näher, als er von der andern entfernter ist. Dem

entsprechend wird sein natürlicher Hang ihn anleiten, in dieser Hinsicht das

Objektive dem Subjektiven möglichst anzupassen, also gegen d i e Quelle der

Leiden, für welche er die größere Empfänglichkeit hat, die größere Vorkehr zu

treffen. Der geistreiche Mensch wird vor allem nach Schmerzlosigkeit,

Ungehudeltsein, Ruhe und Muße streben, folglich ein stilles, bescheidenes, aber

möglichst unangefochtenes Leben suchen und demgemäß, nach einiger

Bekanntschaft mit den sogenannten Menschen, die Zurückgezogenheit und, bei

großem Geiste, sogar die Einsamkeit wählen. Denn je mehr einer an sich selber

hat, desto weniger bedarf er von außen und desto weniger können auch die

übrigen ihm sein. Darum führt die Eminenz des Geistes zur Ungeselligkeit. Ja,

wenn die Qualität der Gesellschaft sich durch die Quantität ersetzen ließe; da

wäre es der Mühe wert, sogar in der großen Welt zu leben: aber leider geben

hundert Narren, auf einem Haufen, noch keinen gescheuten Mann. – Der vom

andern Extrem wird, sobald die Not ihn zu Atem kommen läßt, Kurzweil und

Gesellschaft, um jeden Preis suchen und mit allem leicht vorlieb nehmen, nichts

so sehr fliehend wie sich selbst. Denn in der Einsamkeit, als wo jeder auf sich

selbst zurückgewiesen ist, da zeigt sich, was er a n s i c h s e l b e r hat: da seufzt der Tropf im Purpur unter der unabwälzbaren Last seiner armseligen

Individualität; während der Hochbegabte die ödeste Umgebung mit seinen

Gedanken bevölkert und belebt. Daher ist sehr wahr, was S e n e k a sagt: omnes

stultitia laborat fastidio sui (ep. 9); wie auch Jesus Sirachs Ausspruch: »des

Narren Leben ist ärger denn der Tod.« Demgemäß wird man, im ganzen, finden,

daß jeder in dem Maße gesellig ist, wie er geistig arm und überhaupt gemein ist.

Denn man hat in der Welt nicht viel mehr, als die Wahl zwischen Einsamkeit und

Gemeinheit. Die geselligsten aller Menschen sollen die Neger sein, wie sie eben

auch intellektuell entschieden zurückstehn: nach Berichten aus Nord-Amerika,

in Französischen Zeitungen (le Commerce, Octbr. 19, 1837), sperren die

Schwarzen, Freie und Sklaven durcheinander, in großer Anzahl, sich in den

engsten Raum zusammen, weil sie ihr schwarzes Stumpfnasengesicht nicht oft

genug wiederholt erblicken können.

 

Dem entsprechend, daß das Gehirn als der Parasit oder Pensionär des ganzen

Organismus auftritt, ist die errungene f r e i e M u ß e eines jeden, indem sie ihm

den freien Genuß seines Bewußtseins und seiner Individualität gibt, die Frucht

und der Ertrag seines gesamten Daseins, welches im übrigen nur Mühe und

Arbeit ist. Was nun aber wirft die freie Muße der meisten Menschen ab?

Langeweile, und Dumpfheit, so oft nicht sinnliche Genüsse oder Albernheiten da

sind, sie auszufüllen. Wie völlig wertlos sie ist, zeigt die Art, wie sie solche

zubringen: sie ist eben das ozio lungo d'uomini ignoranti des Ariosto. Die

gewöhnlichen Leute sind bloß darauf bedacht, die Zeit z u z u b r i n g e n ; wer

irgend ein Talent hat, – sie z u b e n u t z e n. – Daß die beschränkten Köpfe der

Langeweile so sehr ausgesetzt sind, kommt daher, daß ihr Intellekt durchaus

nichts weiter, als das M e d i u m d e r M o t i v e für ihren Willen ist. Sind nun

vor der Hand keine Motive aufzufassen da; so ruht der Wille und feiert der

Intellekt; dieser, weil er so wenig wie jener auf eigene Hand in Tätigkeit gerät:

das Resultat ist schreckliche Stagnation aller Kräfte im ganzen Menschen, –

Langeweile. Dieser zu begegnen, schiebt man nun dem Willen kleine, bloß

einstweilige und beliebig angenommene Motive vor, ihn zu erregen und dadurch

auch den Intellekt, der sie aufzufassen hat, in Tätigkeit zu versetzen: diese

verhalten sich demnach zu den wirklichen und natürlichen Motiven wie

Papiergeld zu Silber; da ihre Geltung eine willkürlich angenommene ist. Solche

Motive nun sind die S p i e l e , mit Karten usw., welche zu besagtem Zweck

erfunden worden sind. Fehlt es daran, so hilft der beschränkte Mensch sich durch

Klappern oder Trommeln, mit allem, was er in die Hand kriegt. Auch die Zigarre

ist ihm ein willkommenes Surrogat der Gedanken. – Daher also ist, in allen

Ländern, die Hauptbeschäftigung aller Gesellschaft das Kartenspiel geworden: es ist der Maßstab des Wertes derselben und der deklarierte Bankrott an allen

Gedanken. Weil sie nämlich keine Gedanken auszutauschen haben, tauschen sie

Karten aus und suchen einander Gulden abzunehmen. O, klägliches Geschlecht!

Und indessen auch hier nicht ungerecht zu sein, will ich den Gedanken nicht

unterdrücken, daß man zur Entschuldigung des Kartenspiels allenfalls anführen

könnte, es sei eine Vorübung zum Welt- und Geschäftsleben, sofern man dadurch

lernt, die vom Zufall unabänderlich gegebenen Umstände (Karten) klug zu

benutzen, um daraus was immer angeht zu machen, zu welchem Zwecke man

sich denn auch gewöhnt, Contenance zu halten, indem man zum schlechten Spiel

eine heitere Miene aufsetzt. Aber eben deshalb hat andererseits das Kartenspiel

einen demoralisierenden Einfluß. Der Geist des Spiels nämlich ist, daß man auf

alle Weise, durch jeden Streich und jeden Schlich, dem andern das Seinige

abgewinne. Aber die Gewohnheit, im Spiel so zu verfahren, wurzelt ein, greift

über in das praktische Leben, und man kommt allmälig dahin, in den

Angelegenheiten des Mein und Dein es ebenso zu machen und jeden Vorteil, den

man eben in der Hand hält, für erlaubt zu halten, sobald man nur es gesetzlich

darf. Belege hiezu gibt ja das bürgerliche Leben täglich. – Weil also, wie gesagt,

die f r e i e M u ß e die Blüte, oder vielmehr die Frucht des Daseins eines jeden

ist, indem nur sie ihn in den Besitz seines eigenen Selbst einsetzt, so sind die

glücklich zu preisen, welche dann auch etwas Rechtes an sich selber erhalten;

während den Allermeisten die freie Muße nichts abwirft, als einen Kerl, mit dem

nichts anzufangen ist, der sich schrecklich langweilt, sich selber zur Last.

Demnach freuen wir uns, »ihr lieben Brüder, daß wir nicht sind der Magd

Kinder, sondern der Freien.« (Gal. 4, 31.)

 

Ferner, wie das Land am glücklichsten ist, welches weniger oder keiner Einfuhr

bedarf; so auch der Mensch, der an seinem innern Reichtum genug hat und zu

seiner Unterhaltung wenig oder nichts von außen nötig hat; da dergleichen

Zufuhr viel kostet, abhängig macht, Gefahr bringt, Verdruß verursacht und am

Ende doch nur ein schlechter Ersatz ist für die Erzeugnisse des eigenen Bodens.

Denn von andern, von außen überhaupt, darf man in keiner Hinsicht viel

erwarten. Was einer dem andern sein kann, hat seine sehr engen Grenzen: am

Ende bleibt doch jeder allein, und da kommt es darauf an, w e r jetzt allein sei.

Auch hier gilt demnach was Goethe (Dicht. u. Wahrh. Bd. 3, S. 474) im

allgemeinen ausgesprochen hat, daß, in allen Dingen, jeder zuletzt auf sich selbst

zurückgewiesen wird, oder, wie O l i v e r G o l d s m i t h sagt:

Still to ourselves in ev'ry place consign'd,

Our own felicity we make or find.

 

(The Traveller v. 431 sq.)

 

Das Beste und Meiste muß daher jeder sich selber sein und leisten. Je mehr nun

dieses ist, und je mehr demzufolge er die Quellen seiner Genüsse in sich selbst

findet, desto glücklicher wird er sein. Mit größtem Rechte also sagt Aristoteles:

ἡ ευδαιμονια των αυταρκων εστι (Eth. Eud. VII, 2), zu deutsch: das Glück gehört

denen, die sich selber genügen. Denn alle äußern Quellen des Glückes und

Genusses sind, ihrer Natur nach, höchst unsicher, mißlich, vergänglich und dem

Zufall unterworfen, dürften daher, selbst unter den günstigsten Umständen, leicht

stocken; ja, dieses ist unvermeidlich, sofern sie doch nicht stets zur Hand sein

können. Im Alter nun gar versiegen sie fast alle notwendig: denn da verläßt uns

Liebe, Scherz, Reiselust, Pferdelust und Tauglichkeit für die Gesellschaft: sogar

die Freunde und Verwandten entführt uns der Tod. Da kommt es denn, mehr als

je, darauf an, was einer an sich selber habe. Denn dieses wird am längsten Stich

halten. Aber auch in jedem Alter ist und bleibt es die echte und allein

ausdauernde Quelle des Glücks. Ist doch in der Welt überall nicht viel zu holen:

Not und Schmerz erfüllen sie, und auf die, welche diesen entronnen sind, lauert

in allen Winkeln die Langeweile. Zudem hat in der Regel die Schlechtigkeit die

Herrschaft darin und die Torheit das große Wort. Das Schicksal ist grausam und

die Menschen sind erbärmlich. In einer so beschaffenen Welt gleicht der,

welcher viel an sich selber hat, der hellen, warmen lustigen Weihnachtsstube,

mitten im Schnee und Eise der Dezembernacht. Demnach ist eine vorzügliche,

eine reiche Individualität und besonders sehr viel Geist zu haben ohne Zweifel

das glücklichste Los auf Erden; so verschieden es etwan auch von dem

glänzendesten ausgefallen sein mag. Daher war es ein weiser Ausspruch der erst

19jährigen Königin Christine von Schweden, über den ihr noch bloß durch

e i n e n Aufsatz und aus mündlichen Berichten bekannt gewordenen Kartesius,

welcher damals seit 20 Jahren in der tiefsten Einsamkeit, in Holland, lebte: Mr.

Descartes est le plus heureux de tous les hommes, et sa condition me semble

digne d'envie. (Vie de Descartes par Baillet, Liv. VII, ch. 10.) Nur müssen, wie es

eben auch der Fall des Kartesius war, die äußeren Umstände es so weit

begünstigen, daß man auch sich selbst besitzen und seiner froh werden könne;

weshalb schon Koheleth (7, 12) sagt: »Weisheit ist gut mit einem Erbgut, und

hilft, daß einer sich der Sonne freuen kann.« Wem nun, durch Gunst der Natur

und des Schicksals, dieses Los beschieden ist, der wird mit ängstlicher Sorgfalt darüber wachen, daß die innere Quelle seines Glückes ihm zugänglich bleibe;

wozu Unabhängigkeit und Muße die Bedingungen sind. Diese wird er daher gern

durch Mäßigkeit und Sparsamkeit erkaufen; um so mehr, als er nicht, gleich den

andern, auf die äußern Quellen der Genüsse verwiesen ist. Darum wird die

Aussicht auf Ämter, Geld, Gunst und Beifall der Welt, ihn nicht verleiten, sich

selber aufzugeben, um den niedrigen Absichten oder dem schlechten

Geschmacke der Menschen sich zu fügen. Vorkommenden Falls wird er es

machen wie H o r a z in der Epistel an den Mäcenas (Lib. I, ep. 7). Es ist eine

große Torheit, um n a c h a u ß e n zu gewinnen, n a c h i n n e n zu verlieren, d.

h. für Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre, seine Ruhe, Muße und

Unabhängigkeit ganz oder großenteils hinzugeben. Dies hat aber G o e t h e

getan. Mich hat mein Genius mit Entschiedenheit nach der andern Seite

gezogen.

 

Die hier erörterte Wahrheit, daß die Hauptquelle des menschlichen Glückes im

eigenen Innern entspringt, findet ihre Bestätigung auch an der sehr richtigen

Bemerkung des A r i s t o t e l e s , in der Nikomachäischen Ethik (I, 7; et VII, 13,

14), daß jeglicher Genuß irgendeine Aktivität, also die Anwendung irgendeiner

Kraft voraussetzt und ohne solche nicht bestehn kann. Diese Aristotelische

Lehre, daß das Glück eines Menschen in der ungehinderten Ausübung seiner

hervorstechenden Fähigkeit bestehe, gibt auch Stobäos wieder in seiner

Darstellung der peripatetischen Ethik (Ecl. eth. II, c. 7, p. 268-278), z. B.

ἐνεργειαν εἰναι την εὐδαιμονιαν κατ’ ἀρετην, ἐν πραξεσι προηγουμεναις κατ’

εὐχην (felicitatem esse functionem secundum virtutem, per actiones successus

compotes); auch mit der Erklärung, daß ἀρετη jede Virtuosität sei. Nun ist die

ursprüngliche Bestimmung der Kräfte, mit welchen die Natur den Menschen

ausgerüstet hat, der Kampf gegen die Not, die ihn von allen Seiten bedrängt.

Wenn aber dieser Kampf einmal rastet, da werden ihm die unbeschäftigten

Kräfte zur Last: er muß daher jetzt mit ihnen s p i e l e n , d. h. sie zwecklos

gebrauchen: denn sonst fällt er der anderen Quelle des menschlichen Leidens,

der Langeweile, sogleich anheim. Von dieser sind daher vor allem die Großen

und Reichen gemartert, und hat von ihrem Elend schon Lukretius eine

Schilderung gegeben, deren Treffendes zu erkennen man noch heute, in jeder

großen Stadt, täglich Gelegenheit findet:

Exit saepe foras magnis ex aedibus ille,

Esse domi quem pertaesum est, subitoque reventat;

Quippe foris nihilo melius qui sentiat esse.

Currit, agens mannos, ad villam praecipitanter,

Auxilium tectis quasi ferre ardentibus instans:

Oscitat extemplo, tetigit quum limina villae;

Aut abit in somnum gravis, atque oblivia quaerit;

Aut etiam properans urbem petit, atque revisit.

 

III, 1073.

 

Bei diesen Herren muß in der Jugend die Muskelkraft und die Zeugungskraft

herhalten. Aber späterhin bleiben nur die Geisteskräfte: fehlt es dann an diesen,

oder an ihrer Ausbildung und dem angesammelten Stoffe zu ihrer Tätigkeit, so

ist der Jammer groß. Weil nun der W i l l e die einzige unerschöpfliche Kraft ist;

so wird er jetzt angereizt durch Erregung der Leidenschaften, z. B. durch hohe

Hasardspiele, dieses wahrhaft degradierende Laster. – Überhaupt aber wird jedes

unbeschäftigte Individuum, je nach der Art der in ihm vorwaltenden Kräfte, sich

ein Spiel zu ihrer Beschäftigung wählen: etwan Kegel oder Schach; Jagd oder

Malerei; Wettrennen oder Musik; Kartenspiel oder Poesie; Heraldik oder

Philosophie, usw. Wir können sogar die Sache methodisch untersuchen, indem

wir auf die Wurzel aller menschlichen Kraftäußerungen zurückgehen, also auf

die d r e i p h y s i o l o g i s c h e n G r u n d k r ä f t e, welche wir demnach hier in

ihrem zwecklosen Spiele zu betrachten haben, in welchem sie als die Quellen

dreier Arten möglicher Genüsse auftreten, aus denen jeder Mensch, je nachdem

die eine oder die andere jener Kräfte in ihm vorwaltet, die ihm angemessenen

erwählen wird. Also zuerst, die Genüsse der R e p r o d u k t i o n s k r a f t : sie

bestehn im Essen, Trinken, Verdauen, Ruhen und Schlafen. Diese werden daher

sogar ganzen Völkern als ihre Nationalvergnügungen von den andern

nachgerühmt. Zweitens die Genüsse der I r r i t a b i l i t ä t : sie bestehen im

Wandern, Springen, Ringen, Tanzen, Fechten, Reiten und athletischen Spielen

jeder Art, wie auch in der Jagd und sogar in Kampf und Krieg. Drittens, die

Genüsse der S e n s i b i l i t ä t : sie bestehen im Beschauen, Denken, Empfinden,

Dichten, Bilden, Musiziren, Lernen, Lesen, Meditieren, Erfinden, Philosophiren

usw. – Über den Wert, den Grad, die Dauer jeder dieser Arten der Genüsse

lassen sich mancherlei Betrachtungen anstellen, die dem Leser selbst überlassen

bleiben. Jedem aber wird dabei einleuchten, daß unser allemal durch den

Gebrauch der eigenen Kräfte bedingter Genuß und mithin unser in dessen häufiger Wiederkehr bestehendes Glück, um so größer sein wird, je edlerer Art

die ihn bedingende Kraft ist. Den Vorrang, welchen in dieser Hinsicht die

Sensibilität, deren entschiedenes Überwiegen das Auszeichnende des Menschen

vor den übrigen Tiergeschlechtern ist, vor den beiden andern physiologischen

Grundkräften hat, als welche in gleichem und sogar in höherem Grade den

Tieren einwohnen, wird ebenfalls niemand ableugnen. Der Sensibilität gehören

unsere Erkenntniskräfte an: daher befähigt das Überwiegen derselben zu den im

E r k e n n e n bestehenden, also den sogenannten g e i s t i g e n Genüssen, und

zwar zu um so größeren, je entschiedener jenes Überwiegen ist[B]. Dem

normalen, gewöhnlichen Menschen kann eine Sache allein dadurch lebhafte

Teilnahme abgewinnen, daß sie seinen W i l l e n anregt, also ein persönliches

Interesse für ihn hat. Nun ist aber jede anhaltende Erregung des W i l l e n s

wenigstens gemischter Art, also mit Schmerz verknüpft. Ein absichtliches

Erregungsmittel desselben und zwar mittels so kleiner Interessen, daß sie nur

momentane und leichte, nicht bleibende und ernstliche Schmerzen verursachen

können, sonach als ein bloßes Kitzeln des Willens zu betrachten sind, ist das

Kartenspiel, diese durchgängige Beschäftigung der »guten Gesellschaft«, aller

Orten[C]. – Der Mensch von überwiegenden Geisteskräften hingegen ist der

lebhaftesten Teilnahme auf dem Wege bloßer E r k e n n t n i s , ohne alle

Einmischung des W i l l e n s , fähig, ja bedürftig. Diese Teilnahme aber versetzt

ihn alsdann in eine Region, welcher der Schmerz wesentlich fremd ist,

gleichsam in die Atmosphäre der leicht lebenden Götter, θεαων ῥεια ζωοντων.

Während demnach das Leben der übrigen in Dumpfheit dahingeht, indem ihr

Dichten und Trachten gänzlich auf die kleinlichen Interessen der persönlichen

Wohlfahrt und dadurch auf Miseren aller Art gerichtet ist, weshalb unerträgliche

Langeweile sie befällt, sobald die Beschäftigung mit jenen Zwecken stockt und

sie auf sich selbst zurückgewiesen werden, indem nur das wilde Feuer der

Leidenschaft einige Bewegung in die stockende Masse zu bringen vermag; so

hat dagegen der mit überwiegenden Geisteskräften ausgestattete Mensch ein

gedankenreiches, durchweg belebtes und bedeutsames Dasein: würdige und

interessante Gegenstände beschäftigen ihn, sobald er sich ihnen überlassen darf

und in sich selbst trägt er eine Quelle der edelsten Genüsse. Anregung von außen

geben ihm die Werke der Natur und der Anblick des menschlichen Treibens,

sodann die so verschiedenartigen Leistungen der Hochbegabten aller Zeiten und

Länder, als welche eigentlich nur ihm ganz genießbar, weil nur ihm ganz

verständlich und fühlbar sind. Für ihn demnach haben jene wirklich gelebt, an

ihn haben sie sich eigentlich gewendet; während die übrigen nur als zufällige

Zuhörer eines und das andere halb auffassen. Freilich aber hat er durch dieses

alles ein Bedürfnis mehr als die andern, das Bedürfnis zu lernen, zu sehen, zu studiren, zu meditiren, zu üben, folglich auch das Bedürfnis freier Muße: aber

eben weil, wie Vo l t a i r e richtig bemerkt, il n'est de vrais plaisirs qu'avec de

vrais besoins, so ist dies Bedürfnis die Bedingung dazu, daß ihm Genüsse offen

stehn, welche den andern versagt bleiben, als welchen Natur- und

Kunstschönheiten und Geisteswerke jeder Art, selbst wenn sie solche um sich

anhäufen, im Grunde doch nur das sind, was Hetären einem Greise. Ein so

bevorzugter Mensch führt infolge davon neben seinem persönlichen Leben noch

ein zweites, nämlich ein intellektuelles, welches ihm allmälig zum eigentlichen

Zweck wird, zu welchem er jenes erstere nur noch als Mittel ansieht: während

den übrigen dieses schale, leere und betrübte Dasein selbst als Zweck gelten

muß. Jenes intellektuelle Leben wird daher ihn vorzugsweise beschäftigen und

es erhält, durch den fortwährenden Zuwachs an Einsicht und Erkenntnis, einen

Zusammenhang, eine beständige Steigerung, eine sich mehr und mehr

abrundende Ganzheit und Vollendung, wie ein werdendes Kunstwerk; wogegen

das bloß praktische, bloß auf persönliche Wohlfahrt gerichtete, bloß eines

Zuwachses in der Länge, nicht in der Tiefe fähige Leben der andern traurig

absticht, dennoch ihnen, wie gesagt, als Selbstzweck gelten muß; während es

jenem bloßes Mittel ist.

 

[B] Die Natur steigert sich fortwährend, zunächst vom mechanischen und chemischen

Wirken des unorganischen Reiches zum vegetabilischen und seinem dumpfen Selbstgenuß, von da zum Tierreich, mit welchem die Intelligenz und das Bewußtsein anbricht und nun von schwachen Anfängen stufenweise immer höher steigt und endlich

durch den letzten und größten Schritt bis zum M e n s c h e n sich erhebt, in dessen Intellekt also die Natur den Gipfelpunkt und das Ziel ihrer Produktionen erreicht, also das Vollendetste und Schwierigste liefert, was sie hervorzubringen vermag. Selbst

innerhalb der menschlichen Spezies aber stellt der Intellekt noch viele und merkliche Abstufungen dar und gelangt höchst selten zur obersten, der eigentlich hohen Intelligenz. Diese nun also ist im engeren und strengeren Sinne das schwierigste und

höchste Produkt der Natur, mithin das Seltenste und Wertvollste, was die Welt aufzuweisen hat. In einer solchen Intelligenz tritt das klarste Bewußtsein ein und stellt

demgemäß die Welt sich deutlicher und vollständiger als irgendwo dar. Der damit Ausgestattete besitzt demnach das Edelste und Köstlichste auf Erden und hat dementsprechend eine Quelle von Genüssen, gegen welche alle übrigen gering sind; so

daß er von außen nichts weiter bedarf, als nur die Muße, sich dieses Besitzes ungestört zu erfreuen und seinen Diamanten auszuschleifen. Denn alle anderen, also nicht intellektuellen Genüsse sind niedrigerer Art: sie laufen sämtlich auf Willensbewegungen

hinaus, also auf Wünschen, Hoffen, Fürchten und Erreichen, gleichviel auf was es gerichtet sei, wobei es nie ohne Schmerzen abgehen kann, und zudem mit dem Erreichen, in der Regel, mehr oder weniger Enttäuschung eintritt, statt daß bei den

intellektuellen Genüssen die Wahrheit immer klarer wird. Im Reiche der Intelligenz waltet kein Schmerz, sondern alles ist Erkenntnis. Alle intellektuellen Genüsse sind nun

aber jedem nur vermittels und also nach Maßgabe seiner eigenen Intelligenz zugänglich: denn tout l'esprit, qui est au monde, est inutile à celui qui n'en a point. Ein

wirklicher, jenen Vorzug begleitender Nachteil aber ist, daß, in der ganzen Natur, mit

dem Grad der Intelligenz die Fähigkeit zum Schmerze sich steigert, also ebenfalls erst

hier ihre höchste Stufe erreicht.

 

[C]Die Vu l g a r i t ä t besteht im Grunde darin, daß im Bewußtsein das Wollen das

Erkennen gänzlich überwiegt, womit es den Grad erreicht, daß durchaus nur zum Dienste des Willens das Erkennen eintritt, folglich wo dieser Dienst es nicht heischt,

also eben keine Motive, weder große noch kleine, vorliegen, das Erkennen ganz zessiert, folglich völlige Gedankenleere eintritt. Nun ist aber erkenntnisloses Wollen das Gemeinste, was es gibt: jeder Klotz Holz hat es und zeigt es wenigstens, wenn er fällt.

Daher macht jener Zustand die Vulgarität aus. In demselben bleiben bloß die Sinneswerkzeuge und die geringe, zur Apprehension ihrer Data erforderte

Verstandestätigkeit aktiv, infolge wovon der vulgäre Mensch allen Eindrücken beständig offen steht, also alles, was um ihn herum vorgeht, augenblicklich wahrnimmt, so daß der leiseste Ton und jeder, auch noch so geringfügige Umstand seine Aufmerksamkeit

sogleich erregt, eben wie bei den Tieren. Dieser ganze Zustand wird in seinem Gesicht und ganzen Äußeren sichtbar, – woraus dann das vulgäre Ansehen hervorgeht, dessen Eindruck um so widerlicher ist, wann, wie meistens, der hier das Bewußtsein allein

erfüllende Wille ein niedriger, egoistischer und überhaupt schlechter ist.

 

Unser praktisches, reales Leben nämlich ist, wenn nicht die Leidenschaften es

bewegen, langweilig und fade; wenn sie aber es bewegen, wird es bald

schmerzlich: darum sind die allein beglückt, denen irgendein Überschuß des

Intellekts über das zum Dienst ihres Willens erforderte Maß zuteil geworden.

Denn damit führen sie, neben ihrem wirklichen, noch ein intellektuelles Leben,

welches sie fortwährend auf eine s c h m e r z l o s e Weise und doch lebhaft

beschäftigt und unterhält. Bloße Muße, d. h. durch den Dienst des Willens

u n b e s c h ä f t i g t e r Intellekt, reicht dazu nicht aus; sondern ein wirklicher

Überschuß der K r a f t ist erfordert: denn nur dieser befähigt zu einer dem

Willen nicht dienenden, rein geistigen Beschäftigung: hingegen otium sine

litteris mors est et hominis vivi sepultura (Sen. ep. 82). Je nachdem nun aber

dieser Überschuß klein oder groß ist, gibt es unzählige Abstufungen jenes, neben

dem realen zu führenden intellektuellen Lebens, vom bloßen Insekten-, Vögel-,

Mineralien-, Münzensammeln und Beschreiben bis zu den höchsten Leistungen

der Poesie und Philosophie. Ein solches intellektuelles Leben schützt aber nicht

nur gegen die Langeweile, sondern auch gegen die verderblichen Folgen

derselben. Es wird nämlich zur Schutzwehr gegen schlechte Gesellschaft und

gegen die vielen Gefahren, Unglücksfälle, Verluste und Verschwendungen, in die

man gerät, wenn man sein Glück ganz in der realen Welt sucht. So hat z. B. mir meine Philosophie nie etwas eingebracht; aber sie hat mir sehr viel erspart.

 

Der normale Mensch hingegen ist, hinsichtlich des Genusses seines Lebens, auf

Dinge a u ß e r i h m gewiesen, auf den Besitz, den Rang, auf Weib und Kinder,

Freunde, Gesellschaft usw., auf diese stützt sich sein Lebensglück: darum fällt es

dahin, wenn er sie verliert oder er sich in ihnen getäuscht sah. Dies Verhältnis

auszudrücken, können wir sagen, daß sein Schwerpunkt a u ß e r i h m fällt.

Eben deshalb hat er auch stets wechselnde Wünsche und Grillen: er wird, wenn

seine Mittel es erlauben, bald Landhäuser, bald Pferde kaufen, bald Feste geben,

bald Reisen machen, überhaupt aber großen Luxus treiben, weil er eben in

Dingen aller Art ein Genüge v o n a u ß e n sucht; wie der Entkräftete aus

Consommé's und Apothekerdrogen die Gesundheit und Stärke zu erlangen hofft,

deren wahre Quelle die eigene Lebenskraft ist. Stellen wir nun, um nicht gleich

zum anderen Extrem überzugehn, neben ihn einen Mann von nicht gerade

eminenten, aber doch das gewöhnliche knappe Maß überschreitenden

Geisteskräften, so sehn wir diesen etwa irgendeine schöne Kunst als Dilettant

üben, oder aber eine Realwissenschaft, wie Botanik, Mineralogie, Physik,

Astronomie, Geschichte u. dgl. betreiben und alsbald einen großen Teil seines

Genusses darin finden, sich daran erholend, wenn jene äußeren Quellen stocken

oder ihn nicht mehr befriedigen. Wir können insofern sagen, daß sein

Schwerpunkt schon zum Teil i n i h n s e l b s t fällt. Weil jedoch bloßer

Dilettantismus in der Kunst noch sehr weit von der hervorbringenden Fähigkeit

liegt, und weil bloße Realwissenschaften bei den Verhältnissen der

Erscheinungen zueinander stehn bleiben, so kann der ganze Mensch nicht darin

aufgehen, sein ganzes Wesen kann nicht bis auf den Grund von ihnen erfüllt

werden und daher sein Dasein sich nicht mit ihnen so verweben, daß er am

übrigen alles Interesse verlöre. Dies nun bleibt der höchsten geistigen Eminenz

allein vorbehalten, die man mit dem Namen des Genies zu bezeichnen pflegt:

denn nur sie nimmt das Dasein und Wesen der Dinge im ganzen und absolut zu

ihrem Thema, wonach sie dann ihr tiefe Auffassung desselben, gemäß ihrer

individuellen Richtung, durch Kunst, Poesie oder Philosophie auszusprechen

streben wird. Daher ist allein einem Menschen dieser Art die ungestörte

Beschäftigung mit sich, mit seinen Gedanken und Werken dringendes Bedürfnis,

Einsamkeit willkommen, freie Muße das höchste Gut, alles übrige entbehrlich,

ja, wenn vorhanden, oft nur zur Last. Nur von einem solchen Menschen können

wir demnach sagen, daß sein Schwerpunkt g a n z i n i h n fällt. Hieraus wird

sogar erklärlich, daß die höchst seltenen Leute dieser Art, selbst beim besten

Charakter, doch nicht jene innige und grenzenlose Teilnahme an Freunden,

Familie und Gemeinwesen zeigen, deren manche der anderen fähig sind: denn sie können sich zuletzt über alles trösten; wenn sie nur sich selbst haben. Sonach

liegt in ihnen ein isolirendes Element mehr, welches um so wirksamer ist, als die

anderen ihnen eigentlich nie vollkommen genügen, weshalb sie in ihnen nicht

ganz und gar ihresgleichen sehen können, ja, da das Heterogene in allem und

jedem ihnen stets fühlbar wird, allmählich sich gewöhnen, unter den Menschen

als verschiedenartige Wesen umherzugehen und, in ihren Gedanken über

dieselben, sich der dritten nicht der ersten Person Pluralis zu bedienen. –

 

Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint nun der, welchen die Natur in

intellektueller Hinsicht sehr reich ausgestattet hat, als der Glücklichste; so gewiß

das Subjektive uns näher liegt als das Objektive, dessen Wirkung, welcher Art

sie auch sei, immer erst durch jenes vermittelt, also nur sekundär ist. Dies

bezeugt auch der schöne Vers:

 

Πλουτος ὁ της ψυχης πλουτος μονος εστιν αληθης,

Τ’ αλλα δ’ εχει ατην πλειονα των κτεανων.

 

Lucian in Anthol. I, 67.

 

Ein solcher innerlich Reicher bedarf von außen nichts weiter als eines

negativen Geschenks, nämlich freier Muße, um seine geistigen Fähigkeiten

ausbilden und entwickeln und seinen innern Reichtum genießen zu können, also

eigentlich nur der Erlaubnis, sein ganzes Leben hindurch, jeden Tag und jede

Stunde, ganz er selbst sein zu dürfen. Wenn einer bestimmt ist, die Spur seines

Geistes dem ganzen Menschengeschlechte aufzudrücken, so gibt es für ihn nur

ein Glück oder Unglück, nämlich seine Anlagen vollkommen ausbilden und

seine Werke vollenden zu können, – oder aber hieran verhindert zu sein. Alles

andere ist für ihn geringfügig. Demgemäß sehen wir die großen Geister aller

Zeiten auf freie Muße den allerhöchsten Wert legen. Denn die freie Muße eines

jeden ist so viel wert, wie er selbst wert ist. Δοκει δε ἡ ευδαιμονια εν τῃ σχολῃ

ειναι (videtur beatitudo in otio esse sita) sagt A r i s t o t e l e s (Eth. Nic. X, 7),

und Diogenes Laertius (II, 5, 31) berichtet, daß Σωκρατης επῃνει σχολην, ὡς

καλλιστον κτηματων (Socrates otium ut possessionum omnium pulcherrimam

laudabat). Dem entspricht auch, daß Aristoteles (Eth. Nic. X, 7, 8, 9) das

philosophische Leben für das glücklichste erklärt. Sogar gehört hierher, was er in

der Politik (IV, 11) sagt: τον ευδαιμονα βιον ειναι τον κατ’ αρετην ανεμποδιστον,

welches, gründlich übersetzt, besagt: »seine Trefflichkeit, welcher Art sie auch

sei, ungehindert üben zu können, ist das eigentliche Glück,« und also zusammentrifft mit G o e t h e s Ausspruch im Wilhelm Meister: »wer mit einem

Talent, zu einem Talent geboren ist, findet in demselben sein schönstes Dasein.«

– Nun aber ist freie Muße zu besitzen nicht nur dem gewöhnlichen Schicksal,

sondern auch der gewöhnlichen Natur des Menschen fremd; denn seine

natürliche Bestimmung ist, daß er seine Zeit mit Herbeischaffung des zu seiner

und seiner Familie Existenz Notwendigen zubringe. Er ist ein Sohn der Not,

nicht eine freie Intelligenz. Dementsprechend wird freie Muße dem

gewöhnlichen Menschen bald zur Last, ja endlich zur Qual, wenn er sie nicht,

mittels allerlei erkünstelter und fingirter Zwecke, durch Spiel, Zeitvertreib und

Steckenpferde jeder Gestalt auszufüllen vermag: auch bringt sie ihm aus dem

selben Grunde Gefahr, da es mit Recht heißt difficilis in otio quies. Andrerseits

jedoch ist ein über das normale Maß weit hinausgehender Intellekt ebenfalls

abnorm, also unnatürlich. Ist er dennoch einmal vorhanden, so bedarf es, für das

Glück des damit Begabten, eben jener den andern bald lästigen, bald

verderblichen freien Muße; da er ohne diese ein Pegasus im Joche, mithin

unglücklich sein wird. Treffen nun aber beide Unnatürlichkeiten, die äußere und

die innere, zusammen, so ist es ein großer Glücksfall: denn jetzt wird der so

Begünstigte ein Leben höherer Art führen, nämlich das eines Eximirten von den

beiden entgegengesetzten Quellen des menschlichen Leidens, der Not und der

Langenweile, oder dem sorglichen Treiben für die Existenz und der Unfähigkeit,

die Muße (d. i. die freie Existenz selbst) zu ertragen, welchen beiden Übeln der

Mensch sonst nur dadurch entgeht, daß sie selbst sich wechselseitig neutralisiren

und aufheben.

 

Gegen dieses alles jedoch kommt andererseits in Betracht, daß die großen

Geistesgaben infolge der überwiegenden Nerventätigkeit eine überaus

gesteigerte Empfindlichkeit für den Schmerz, in jeglicher Gestalt, herbeiführen,

daß ferner das sie bedingende leidenschaftliche Temperament und zugleich die

von ihnen unzertrennliche größere Lebhaftigkeit und Vollkommenheit aller

Vorstellungen eine ungleich größere Heftigkeit der durch diese erregten Affekte

herbeiführt, während es doch überhaupt mehr peinliche als angenehme Affekte

gibt; endlich auch, daß die großen Geistesgaben ihren Besitzer den übrigen

Menschen und ihrem Treiben entfremden, da, je mehr er an sich selber hat, desto

weniger er an ihnen finden kann. Hundert Dinge, an welchen sie großes Genüge

haben, sind ihm schal und ungenießbar, wodurch denn das überall sich geltend

machende Gesetz der Kompensation vielleicht auch hier in Kraft bleibt; ist doch

sogar oft genug, und nicht ohne Schein, behauptet worden, der geistig

beschränkteste Mensch sei im Grunde der glücklichste, wenn gleich keiner ihn

um dieses Glück beneiden mag. In der definitiven Entscheidung der Sache will ich umsoweniger dem Leser vorgreifen, als selbst S o p h o k l e s hierüber zwei

einander diametral entgegengesetzte Aussprüche getan hat:

 

Πολλω το φρονειν ευδαιμονιας πρωτον ὑπαρχει.

(Sapere longe prima felicitatis pars est.)

 

Antig. 1328.

 

und wieder:

 

Εν τω φρονειν γαρ μηδεν ἡδιστος βιος.

(Nihil cogitantium jucundissima vita est.)

 

Ajax. 550.

 

Eben so uneinig miteinander sind die Philosophen des A. T.

 

»Des Narren Leben ist ärger denn der Tod!«

(του γαρ μωρου ὑπερ θανατου ζωη πονηρα.)

 

Jes. Sir. 22, 12.

 

und

 

»Wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämens.«

(ὁ προστιθεις γνωσιν, προσθησει ἀλγημα.)

 

Kohel. 1, 18.

 

Inzwischen will ich hier doch nicht unerwähnt lassen, daß der Mensch, welcher,

infolge des streng und knapp normalen Maßes seiner intellektuellen Kräfte,

k e i n e g e i s t i g e B e d ü r f n i s s e h a t, es eigentlich ist, den ein der

deutschen Sprache ausschließlich eigener, vom Studentenleben ausgegangener,

nachmals aber in einem höheren, wiewohl dem ursprünglichen, durch den

Gegensatz zum Musensohne, immer noch analogen Sinne gebrauchter Ausdruck

als den P h i l i s t e r bezeichnet. Dieser nämlich ist und bleibt der ἀμουσος ἀνηρ.

Nun würde ich zwar, von einem höheren Standpunkt aus, die Definition der Philister so aussprechen, daß sie Leute wären, die immerfort auf das ernstlichste

beschäftigt sind mit einer Realität, die keine ist. Allein eine solche schon

transzendentale Definition würde dem populären Standpunkt, auf welchen ich

mich in dieser Abhandlung gestellt habe, nicht angemessen, daher auch

vielleicht nicht durchaus jedem Leser faßlich sein. Jene erstere hingegen läßt

leichter eine spezielle Erläuterung zu und bezeichnet hinreichend das

Wesentliche der Sache, die Wurzel aller der Eigenschaften, die den P h i l i s t e r

charakterisieren. Er ist demnach e i n M e n s c h o h n e g e i s t i g e

B e d ü r f n i s s e . Hieraus nun folgt gar mancherlei: erstlich, i n H i n s i c h t a u f

i h n s e l b s t, daß er ohne geistige G e n ü s s e bleibt; nach dem schon

erwähnten Grundsatz: il n'est de vrais plaisirs qu'avec de vrais besoins. Kein

Drang nach Erkenntnis und Einsicht, um ihrer selbst willen, belebt sein Dasein,

auch keiner nach eigentlich ästhetischen Genüssen, als welcher dem ersteren

durchaus verwandt ist. Was dennoch von Genüssen solcher Art etwa Mode oder

Autorität ihm aufdringt, wird er als eine Art Zwangsarbeit möglichst kurz abtun.

Wirkliche Genüsse für ihn sind allein die sinnlichen: durch diese hält er sich

schadlos. Demnach sind Austern und Champagner der Höhepunkt seines

Daseins, und sich alles, was zum leiblichen Wohlsein beiträgt, zu verschaffen, ist

der Zweck seines Lebens. Glücklich genug, wenn dieser ihm viel zu schaffen

macht! Denn, sind jene Güter ihm schon zum voraus oktroyirt, so fällt er

unausbleiblich der Langenweile anheim, gegen welche dann alles Ersinnliche

versucht wird: Ball, Theater, Gesellschaft, Kartenspiel, Hasardspiel, Pferde,

Weiber, Trinken, Reisen usw. Und doch reicht dies alles gegen die Langeweile

nicht aus, wo Mangel an geistigen Bedürfnissen die geistigen Genüsse

unmöglich macht. Daher auch ist dem Philister ein dumpfer, trockener Ernst, der

sich dem tierischen nähert, eigen und charakteristisch. Nichts freut ihn, nichts

erregt ihn, nichts gewinnt ihm Anteil ab. Denn die sinnlichen Genüsse sind bald

erschöpft; die Gesellschaft, aus eben solchen Philistern bestehend, wird bald

langweilig, das Kartenspiel zuletzt ermüdend. Allenfalls bleiben ihm noch die

Genüsse der Eitelkeit, nach seiner Weise, welche denn darin bestehen, daß er an

Reichtum oder Rang, oder Einfluß und Macht andere übertrifft, von welchen er

dann deshalb geehrt wird; oder aber auch darin, daß er wenigstens mit solchen,

die in dergleichen eminiren, Umgang hat und so sich im Reflex ihres Glanzes

sonnt (a snob). – Aus der aufgestellten Grundeigenschaft des Philisters folgt

z w e i t e n s , i n H i n s i c h t a u f a n d e r e, daß, da er keine geistige sondern

nur physische Bedürfnisse hat, er den suchen wird, der diese, nicht den, der jene

zu befriedigen imstande ist. Am allerwenigsten wird daher unter den

Anforderungen, die er an andere macht, die irgend überwiegender geistiger

Fähigkeiten sein: vielmehr werden diese, wenn sie ihm aufstoßen, seinen Widerwillen, ja, seinen Haß erregen; weil er dabei nur ein lästiges Gefühl von

Inferiorität und dazu einen dumpfen, heimlichen Neid verspürt, den er aufs

sorgfältigste versteckt, indem er ihn sogar sich selber zu verhehlen sucht,

wodurch aber gerade solcher bisweilen bis zu einem stillen Ingrimm anwächst.

Nimmermehr demnach wird es ihm einfallen, nach dergleichen Eigenschaften

seine Wertschätzung oder Hochachtung abzumessen; sondern diese wird

ausschließlich dem Range und Reichtum, der Macht und dem Einfluß

vorbehalten bleiben, als welche in seinen Augen die allein wahren Vorzüge sind,

in denen zu exzelliren auch sein Wunsch wäre. – Alles dieses aber folgt daraus,

daß er ein Mensch o h n e g e i s t i g e B e d ü r f n i s s e ist. Das große Leiden

aller Philister ist, daß I d e a l i t ä t e n ihnen keine Unterhaltung gewähren,

sondern sie, um der Langenweile zu entgehen, stets der R e a l i t ä t e n bedürfen.

Diese nämlich sind teils bald erschöpft, wo sie, statt zu unterhalten, ermüden;

teils führen sie Unheil jeder Art herbei; während hingegen die Idealitäten

unerschöpflich und an sich unschuldig und unschädlich sind.

 

Ich habe in dieser ganzen Betrachtung der persönlichen Eigenschaften, welche

zu unserem Glücke beitragen, nächst den physischen, hauptsächlich die

intellektuellen berücksichtigt. Auf welche Weise nun aber auch die moralische

Trefflichkeit unmittelbar beglückt, habe ich früher in meiner Preisschrift über

das Fundament der Moral § 22, S. 275 (2. Aufl. 272) dargelegt, wohin ich also

von hier verweise.