Aphorismen zur Lebensweisheit
Kapitel VI. Vom Unterschiede der Lebensalter.
Kapitel VI.
Vom Unterschiede der Lebensalter.
Überaus schön hat Vo l t a i r e gesagt:
Qui n'a pas l'esprit de son âge,
De son âge a tout le malheur.
Daher wird es angemessen sein, daß wir, am Schlusse dieser
eudämonologischen Betrachtungen, einen Blick auf die Veränderungen werfen,
welche die Lebensalter an uns hervorbringen.
Unser ganzes Leben hindurch haben wir immer nur die G e g e n w a r t inne,
und nie mehr. Was dieselbe unterscheidet ist bloß, daß wir am Anfang eine lange
Zukunft vor uns, gegen das Ende aber eine lange Vergangenheit hinter uns sehn;
sodann, daß unser Temperament, wiewohl nicht unser Charakter, einige bekannte
Veränderungen durchgeht, wodurch jedesmal eine andere Färbung der
Gegenwart entsteht. –
In meinem Hauptwerke, Bd. 2, Kap. 31, S. 394 ff. (3. Aufl. 499 ff.), habe ich
auseinandergesetzt, daß und warum wir in der K i n d h e i t uns viel mehr
e r k e n n e n d als w o l l e n d verhalten. Gerade hierauf beruht jene
Glückseligkeit des ersten Viertels unsers Lebens, infolge welcher es nachher wie
ein verlorenes Paradies hinter uns liegt. Wir haben in der Kindheit nur wenige
Beziehungen und geringe Bedürfnisse, also wenig Anregung des Willens: der
größere Teil unsers Wesens geht demnach im E r k e n n e n auf. – Der Intellekt
ist, wie das Gehirn, welches schon im 7. Jahre seine volle Größe erreicht, früh
entwickelt, wenn auch nicht reif, und sucht unaufhörlich Nahrung in einer
ganzen Welt des noch neuen Daseins, wo alles, alles mit dem Reize der Neuheit
überfirnißt ist. Hieraus entspringt es, daß unsre Kinderjahre eine fortwährende
Poesie sind. Nämlich das Wesen der Poesie, wie aller Kunst, besteht im
Auffassen der platonischen Idee, d. h. des Wesentlichen und daher der ganzen
A r t Gemeinsamen, in jedem Einzelnen; wodurch jedes Ding als Repräsentant seiner Gattung auftritt und e i n Fall für tausend gilt. Obgleich nun es scheint,
daß wir in den Szenen unsrer Kinderjahre stets nur mit dem jedesmaligen
individuellen Gegenstande oder Vorgange beschäftigt seien, und zwar nur, sofern
er unser momentanes Wollen interessirt; so ist dem doch im Grunde anders.
Nämlich das Leben, in seiner ganzen Bedeutsamkeit, steht noch so neu, frisch
und ohne Abstumpfung seiner Eindrücke durch Wiederholung, vor uns, daß wir,
mitten unter unserm kindischen Treiben, stets im Stillen und ohne deutliche
Absicht beschäftigt sind, an den einzelnen Szenen und Vorgängen das Wesen des
Lebens selbst, die Grundtypen seiner Gestalten und Darstellungen, aufzufassen.
Wir sehn, wie Spinoza es ausdrückt, alle Dinge und Personen sub specie
aeternitatis. Je jünger wir sind, desto mehr vertritt jedes einzelne seine ganze
Gattung. Dies nimmt immer mehr ab, von Jahr zu Jahr: und hierauf beruht der so
große Unterschied des Eindrucks, den die Dinge in der Jugend und im Alter auf
uns machen. Daher werden die Erfahrungen und Bekanntschaften der Kindheit
und frühen Jugend nachmals die stehenden Typen und Rubriken aller spätern
Erkenntnis und Erfahrung, gleichsam die Kategorien derselben, denen wir alles
Spätere subsumiren, wenn auch nicht stets mit deutlichem Bewußtsein. So bildet
sich demnach schon in den Kinderjahren die feste Grundlage unserer
Weltansicht, mithin auch das Flache oder Tiefe derselben: sie wird später
ausgeführt und vollendet; jedoch nicht im Wesentlichen verändert. Also infolge
dieser rein objektiven und dadurch poetischen Ansicht, die dem Kindesalter
wesentlich ist und davon unterstützt wird, daß der Wille noch lange nicht mit
seiner vollen Energie auftritt, verhalten wir uns, als Kinder, bei weitem mehr rein
erkennend als wollend. Daher der ernste, schauende Blick mancher Kinder,
welchen Raffael zu seinen Engeln, zumal denen der Sixtinischen Madonna, so
glücklich benutzt hat. Eben dieserhalb sind denn auch die Kinderjahre so selig,
daß die Erinnerung an sie stets von Sehnsucht begleitet ist. – Während wir nun,
mit solchem Ernst, dem ersten a n s c h a u l i c h e n Verständnis der Dinge
obliegen, ist andrerseits die Erziehung bemüht, uns B e g r i f f e beizubringen.
Allein Begriffe liefern nicht das eigentlich Wesentliche: vielmehr liegt dieses,
also der Fonds und echte Gehalt aller unserer Erkenntnisse in der
a n s c h a u l i c h e n Auffassung der Welt. Diese aber kann nur von uns selbst
gewonnen, nicht auf irgendeine Weise uns b e i g e b r a c h t werden. Daher
kommt, wie unser moralischer, so auch unser intellektueller Wert nicht von
außen in uns, sondern geht aus der Tiefe unsers eigenen Wesens hervor, und
können keine Pestalozzische Erziehungskünste aus einem geborenen Tropf einen
denkenden Menschen bilden: nie! er ist als Tropf geboren und muß als Tropf
sterben. – Aus der beschriebenen, tiefinnigen Auffassung der ersten
anschaulichen Außenwelt erklärt sich denn auch, warum die Umgebungen und Erfahrungen unserer Kindheit sich so fest dem Gedächtnis einprägen. Wir sind
nämlich ihnen ungeteilt hingegeben gewesen, nichts hat uns dabei zerstreut, und
wir haben die Dinge, welche vor uns standen, angesehn, als wären sie die
einzigen ihrer Art, ja, überhaupt allein vorhanden. Später nimmt uns die dann
bekannte Menge der Gegenstände Mut und Geduld. – Wenn man nun hier sich
zurückrufen will, was ich S. 372 ff. (3. Aufl. 423 ff.) des oben erwähnten Bandes
meines Hauptwerkes dargetan habe, daß nämlich das o b j e k t i v e Dasein aller
Dinge, d. h. ihr Dasein in der bloßen Vo r s t e l l u n g , ein durchweg erfreuliches,
hingegen ihr s u b j e k t i v e s Dasein, als welches im Wo l l e n besteht, mit
Schmerz und Trübsal stark versetzt ist; so wird man als kurzen Ausdruck der
Sache auch wohl den Satz gelten lassen: alle Dinge sind herrlich zu s e h n , aber
schrecklich zu s e i n . Dem Obigen nun zufolge sind, in der Kindheit, die Dinge
uns viel mehr von der Seite des S e h n s , also der Vorstellung, der Objektivität,
bekannt, als von der Seite des S e i n s , welche die des Willens ist. Weil nun jene
die erfreuliche Seite der Dinge ist, die subjektive und schreckliche uns aber noch
unbekannt bleibt; so hält der junge Intellekt alle jene Gestalten, welche
Wirklichkeit und Kunst ihm vorführen, für ebenso viele glückselige Wesen: er
meint, so schön sie zu sehn sind, und noch viel schöner, wären sie zu s e i n .
Demnach liegt die Welt vor ihm wie ein Eden: dies ist das Arkadien, in welchem
wir alle geboren sind. Daraus entsteht etwas später der Durst nach dem
wirklichen Leben, der Drang nach Taten und Leiden, welcher uns ins
Weltgetümmel treibt. In diesem lernen wir dann die andere Seite der Dinge
kennen, die des Seins, d. i. des Wollens, welches bei jedem Schritte durchkreuzt
wird. Dann kommt allmälig die große Enttäuschung heran, nach deren Eintritt
heißt es l'âge des illusions est passé: und doch geht sie noch immer weiter, wird
immer vollständiger. Demzufolge kann man sagen, daß in der Kindheit das
Leben sich uns darstellt wie eine Theaterdekoration von weitem gesehn; im
Alter, wie dieselbe in der größten Nähe.
Zum Glücke der Kindheit trägt endlich noch folgendes bei. Wie im Anfange
des Frühlings alles Laub die gleiche Farbe und fast die gleiche Gestalt hat; so
sind auch wir in früher Kindheit alle einander ähnlich, harmoniren daher
vortrefflich. Aber mit der Pubertät fängt die Divergenz an und wird, wie die
Radien eines Zirkels, immer größer.
Was nun den Rest der ersten Lebenshälfte, die so viele Vorzüge vor der zweiten
hat, also das jugendliche Alter, trübt, ja unglücklich macht, ist das Jagen nach
Glück, in der festen Voraussetzung, es müsse im Leben anzutreffen sein. Daraus
entspringt die fortwährend getäuschte Hoffnung, und aus dieser die Unzufriedenheit. Gaukelnde Bilder eines geträumten, unbestimmten Glückes
schweben, unter kapriziös gewählten Gestalten, uns vor, und wir suchen
vergebens ihr Urbild. Daher sind wir in unsern Jünglingsjahren mit unserer Lage
und Umgebung, welche sie auch sei, meistens unzufrieden; weil wir ihr
zuschreiben, was der Leerheit und Armseligkeit des menschlichen Lebens
überall zukommt, und mit der wir jetzt die erste Bekanntschaft machen,
nachdem wir ganz andere Dinge erwartet hatten. – Man hätte viel gewonnen,
wenn man, durch zeitige Belehrung, den Wahn, daß in der Welt viel zu holen sei,
in den Jünglingen ausrotten könnte. Aber das Umgekehrte geschieht dadurch,
daß meistens uns das Leben früher durch die Dichtung, als durch die
Wirklichkeit bekannt wird. Die von jener geschilderten Szenen prangen im
Morgenrot unserer eigenen Jugend, vor unserm Blick, und nun peinigt uns die
Sehnsucht, sie verwirklicht zu sehn, – den Regenbogen zu fassen. Der Jüngling
erwartet seinen Lebenslauf in Form eines interessanten Romans. So entsteht die
Täuschung, welche ich S. 347 (3. Aufl. 428) des schon erwähnten zweiten
Bandes bereits geschildert habe. Denn was allen jenen Bildern ihren Reiz
verleiht, ist gerade dies, daß sie bloße Bilder und nicht wirklich sind, und wir
daher, bei ihrem Anschauen, uns in der Ruhe und Allgenugsamkeit des reinen
Erkennens befinden. Verwirklicht werden heißt mit dem Wollen ausgefüllt
werden, welches Wollen unausweichbare Schmerzen herbeiführt. Auch noch auf
die Stelle S. 427 (3. Aufl. 488) des erwähnten Bandes sei der teilnehmende Leser
hier hingewiesen.
Ist sonach der Charakter der ersten Lebenshälfte unbefriedigte Sehnsucht nach
Glück; so ist der der zweiten Besorgnis vor Unglück. Denn mit ihr ist, mehr oder
weniger deutlich, die Erkenntnis eingetreten, daß alles Glück chimärisch,
hingegen das Leiden real sei. Jetzt wird daher, wenigstens von den
vernünftigeren Charakteren, mehr bloße Schmerzlosigkeit und ein
unangefochtener Zustand als Genuß angestrebt[V]. – Wenn, in meinen
Jünglingsjahren, es an meiner Tür schellte, wurde ich vergnügt, denn ich dachte,
nun käme es. Aber in spätern Jahren hatte meine Empfindung, bei demselben
Anlaß, viel mehr etwas dem Schrecken Verwandtes: ich dachte: »da kommt's.« –
Hinsichtlich der Menschenwelt gibt es, für ausgezeichnete und begabte
Individuen, die, eben als solche, nicht so ganz eigentlich zu ihr gehören und
demnach, mehr oder weniger, je nach dem Grad ihrer Vorzüge, allein stehn,
ebenfalls zwei entgegengesetzte Empfindungen: in der Jugend hat man häufig
die, von ihr v e r l a s s e n zu sein; in spätern Jahren hingegen die, ihr
e n t r o n n e n zu sein. Die erstere, eine unangenehme, beruht auf
Unbekanntschaft, die zweite, eine angenehme, auf Bekanntschaft mit ihr. – Infolge davon enthält die zweite Hälfte des Lebens, wie die zweite Hälfte einer
musikalischen Periode, weniger Strebsamkeit, aber mehr Beruhigung, als die
erste, welches überhaupt darauf beruht, daß man in der Jugend denkt, in der Welt
sei Wunder was für Glück und Genuß anzutreffen, nur schwer dazu zu gelangen;
während man im Alter weiß, daß da nichts zu holen ist, also, vollkommen
darüber beruhigt, eine erträgliche Gegenwart genießt, und sogar an Kleinigkeiten
Freude hat. –
[V] Im Alter versteht man besser die Unglücksfälle zu verhüten; in der Jugend, sie zu
ertragen.
Was der gereifte Mann durch die Erfahrung seines Lebens erlangt hat und
wodurch er die Welt anders sieht als der Jüngling und Knabe, ist zunächst
U n b e f a n g e n h e i t . Er allererst sieht die Dinge ganz einfach und nimmt sie
für das, was sie sind; während dem Knaben und Jüngling ein Trugbild,
zusammengesetzt aus selbstgeschaffenen Grillen, überkommenen Vorurteilen
und seltsamen Phantasien, die wahre Welt bedeckte oder verzerrte. Denn das
Erste, was die Erfahrung zu tun vorfindet, ist uns von den Hirngespinsten und
falschen Begriffen zu befreien, welche sich in der Jugend angesetzt haben. Vor
diesen das jugendliche Alter zu bewahren, wäre allerdings die beste Erziehung,
wenngleich nur eine negative; ist aber sehr schwer. Man müßte, zu diesem
Zwecke, den Gesichtskreis des Kindes möglichst enge halten, innerhalb
desselben jedoch ihm lauter deutliche und richtige Begriffe beibringen, und erst
nachdem es alles darin Gelegene richtig erkannt hätte, denselben allmälig
erweitern, stets dafür sorgend, daß nichts Dunkeles, auch nichts halb oder schief
Verstandenes, zurück bliebe. Infolge hievon würden seine Begriffe von Dingen
und menschlichen Verhältnissen, immer noch beschränkt und sehr einfach, dafür
aber deutlich und richtig sein, so daß sie stets nur der Erweiterung, nicht der
Berichtigung bedürften; und so fort bis ins Jünglingsalter hinein. Diese Methode
erfordert insbesondere, daß man keine Romane zu lesen erlaube, sondern sie
durch angemessene Biographien ersetze, wie z. B. die F r a n k l i n s , den Anton
Reiser von Moritz u. dgl. –
Wann wir jung sind, vermeinen wir, daß die in unserm Lebenslauf wichtigen
und folgenreichen Begebenheiten und Personen mit Pauken und Trompeten
auftreten werden: im Alter zeigt jedoch die retrospektive Betrachtung, daß sie
alle ganz still durch die Hintertür, und fast unbeachtet, hereingeschlichen sind.
Man kann ferner, in der bis hieher betrachteten Hinsicht, das Leben mit einem
gestickten Stoffe vergleichen, von welchem jeder in der ersten Hälfte seiner Zeit,
die rechte, in der zweiten aber die Kehrseite zu sehen bekäme: letztere ist nicht
so schön, aber lehrreicher; weil sie den Zusammenhang der Fäden erkennen
läßt. –
Die geistige Überlegenheit, sogar die größte, wird, in der Konversation, ihr
entschiedenes Übergewicht erst nach dem vierzigsten Jahre geltend machen.
Denn die Reife der Jahre und die Frucht der Erfahrung kann durch jene wohl
vielfach übertroffen, jedoch nie ersetzt werden: sie aber gibt auch dem
gewöhnlichsten Menschen ein gewisses Gegengewicht gegen die Kräfte des
größten Geistes, solange dieser jung ist. Ich meine hier bloß das Persönliche,
nicht die Werke. –
Jeder irgend vorzügliche Mensch, jeder, der nur nicht zu den von der Natur so
traurig dotirten 5/ der Menschheit gehört, wird, nach dem vierzigsten Jahre, von
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einem gewissen Anfluge von Misanthropie schwerlich frei bleiben. Denn er
hatte, wie es natürlich ist, von sich auf andere geschlossen und ist allmälig
enttäuscht worden, hat eingesehn, daß sie entweder von der Seite des Kopfes
oder des Herzens, meistens sogar beider, ihm im Rückstand bleiben und nicht
quitt mit ihm werden; weshalb er sich mit ihnen einzulassen gern vermeidet; wie
denn überhaupt jeder nach Maßgabe seines inneren Wertes die Einsamkeit, d. h.
seine eigene Gesellschaft, lieben oder hassen wird. Von dieser Art der
Misanthropie handelt auch K a n t , in der Krit. der Urteilskraft, gegen das Ende
der allgemeinen Anmerkung zum § 29 des ersten Teils.
An einem j u n g e n M e n s c h e n ist es, in intellektueller und auch in
moralischer Hinsicht, ein schlechtes Zeichen, wenn er im Tun und Treiben der
Menschen sich recht früh z u r e c h t e z u f i n d e n weiß, sogleich darin zu Hause
ist und, wie vorbereitet, in dasselbe eintritt: es kündigt Gemeinheit an. Hingegen
deutet, in solcher Beziehung, ein befremdetes, stutziges, ungeschicktes und
verkehrtes Benehmen auf eine Natur edlerer Art.
Die Heiterkeit und der Lebensmut unserer Jugend beruht zum Teil darauf, daß
wir, bergauf gehend, den Tod nicht sehn; weil er am Fuß der andern Seite des
Berges liegt. Haben wir aber den Gipfel überschritten, dann werden wir den Tod,
welchen wir bis dahin nur vom Hörensagen kannten, wirklich ansichtig,
wodurch, da zu derselben Zeit die Lebenskraft zu ebben beginnt, auch der
Lebensmut sinkt; so daß jetzt ein trüber Ernst den jugendlichen Übermut
verdrängt und auch dem Gesichte sich aufdrückt. Solange wir jung sind, man
mag uns sagen, was man will, halten wir das Leben für endlos und gehn danach
mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisiren wir unsere Zeit.
Denn im spätern Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der
verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Delinquent
hat.
Vom Standpunkte der Jugend aus gesehn, ist das Leben eine unendlich lange
Zukunft; vom Standpunkt des Alters aus, eine sehr kurze Vergangenheit; so daß
es anfangs sich uns darstellt wie die Dinge, wann wir das Objektivglas des
Opernguckers ans Auge legen, zuletzt aber wie wann das Okular. Man muß alt
geworden sein, also lange gelebt haben, um zu erkennen, wie kurz das Leben ist.
– Je älter man wird, desto kleiner erscheinen die menschlichen Dinge samt und
sonders: das Leben, welches in der Jugend als fest und stabil vor uns stand, zeigt
sich uns jetzt als die rasche Flucht ephemerer Erscheinungen: die Nichtigkeit des
Ganzen tritt hervor. – Die Zeit selbst hat in unserer Jugend einen viel
langsameren Schritt; daher das erste Viertel unsers Lebens nicht nur das
glücklichste, sondern auch das längste ist, so daß es viel mehr Erinnerungen
zurückläßt, und jeder, wenn es darauf ankäme, aus demselben mehr zu erzählen
wissen würde, als aus zweien der folgenden. Sogar werden, wie im Frühling des
Jahres, so auch in dem des Lebens, die Tage zuletzt von einer lästigen Länge. Im
Herbste beider werden sie kurz, aber heiterer und beständiger.
Warum nun aber erblickt man, im Alter, das Leben, welches man hinter sich
hat, so kurz? Weil man es für so kurz hält, wie die Erinnerung desselben ist. Aus
dieser nämlich ist alles Unbedeutende und viel Unangenehmes herausgefallen,
daher wenig übrig geblieben. Denn, wie unser Intellekt überhaupt sehr
unvollkommen ist, so auch das Gedächtnis: das Erlernte muß geübt, das
Vergangene ruminirt werden, wenn nicht beides allmälig in den Abgrund der
Vergessenheit versinken soll. Nun aber pflegen wir nicht das Unbedeutende,
auch meistens nicht das Unangenehme zu ruminiren; was doch nötig wäre, um
es im Gedächtnis aufzubewahren. Des Unbedeutenden wird aber immer mehr:
denn durch die öftere und endlich zahllose Wiederkehr wird vielerlei, das
anfangs uns bedeutend erschien, allmälig unbedeutend; daher wir uns der
früheren Jahre besser als der späteren erinnern. Je länger wir nun leben, desto
weniger Vorgänge scheinen uns wichtig, oder bedeutend genug, um hinterher
noch ruminirt zu werden, wodurch allein sie im Gedächtnis sich fixiren könnten:
sie werden also vergessen, sobald sie vorüber sind. So läuft denn die Zeit immer
spurloser ab. – Nun ferner das Unangenehme ruminiren wir nicht gern, am
wenigsten aber dann, wenn es unsere Eitelkeit verwundet, welches sogar
meistens der Fall ist; weil wenige Leiden uns ganz ohne unsere Schuld getroffen
haben. Daher also wird ebenfalls viel Unangenehmes vergessen. Beide Ausfälle
nun sind es, die unsere Erinnerung so kurz machen, und verhältnismäßig immer
kürzer, je länger ihr Stoff wird. Wie die Gegenstände auf dem Ufer, von
welchem man zu Schiffe sich entfernt, immer kleiner, unkenntlicher und
schwerer zu unterscheiden werden; so unsere vergangenen Jahre, mit ihren Erlebnissen und ihrem Tun. Hiezu kommt, daß bisweilen Erinnerung und
Phantasie uns eine längst vergangene Szene unseres Lebens so lebhaft
vergegenwärtigen wie den gestrigen Tag; wodurch sie dann ganz nahe an uns
herantritt; dies entsteht dadurch, daß es unmöglich ist, die lange zwischen jetzt
und damals verstrichene Zeit uns ebenso zu vergegenwärtigen, indem sie sich
nicht so in einem Bilde überschauen läßt, und überdies auch die Vorgänge in
derselben größtenteils vergessen sind, und bloß eine allgemeine Erkenntnis in
abstracto von ihr übriggeblieben ist, ein bloßer Begriff, keine Anschauung.
Daher nun also erscheint das längst Vergangene im einzelnen uns so nahe, als
wäre es erst gestern gewesen, die dazwischen liegende Zeit aber verschwindet,
und das ganze Leben stellt sich als unbegreiflich kurz dar. Sogar kann bisweilen
im Alter die lange Vergangenheit, die wir hinter uns haben, und damit unser
eigenes Alter, im Augenblick uns beinahe fabelhaft vorkommen; welches
hauptsächlich dadurch entsteht, daß wir zunächst noch immer dieselbe, stehende
Gegenwart vor uns sehn. Dergleichen innere Vorgänge beruhen aber zuletzt
darauf, daß nicht unser Wesen an sich selbst, sondern nur die Erscheinung
desselben in der Zeit liegt, und daß die Gegenwart der Berührungspunkt
zwischen Objekt und Subjekt ist. – Und warum nun wieder erblickt man in der
Jugend das Leben, welches man noch vor sich hat, so unabsehbar lang? Weil
man Platz haben muß für die grenzenlosen Hoffnungen, mit denen man es
bevölkert, und zu deren Verwirklichung Methusalem zu jung stürbe; sodann,
weil man zum Maßstabe desselben die wenigen Jahre nimmt, welche man schon
hinter sich hat und deren Erinnerung stets stoffreich, folglich lang ist, indem die
Neuheit alles bedeutend erscheinen ließ, weshalb es hinterher noch ruminirt, also
oft in der Erinnerung wiederholt und dadurch ihr eingeprägt wurde.
Bisweilen glauben wir, uns nach einem fernen O r t e zurückzusehnen, während
wir eigentlich uns nur nach der Z e i t zurücksehnen, die wir dort verlebt haben,
da wir jünger und frischer waren. So täuscht uns alsdann die Zeit unter der
Maske des Raumes. Reisen wir hin, so werden wir der Täuschung inne. –
Ein hohes Alter zu erreichen, gibt es, bei fehlerfreier Konstitution, als conditio
sine qua non, zwei Wege, die man am Brennen zweier Lampen erläutern kann:
die eine brennt lange, weil sie, bei wenigem Öl, einen sehr dünnen Docht hat;
die andere, weil sie, zu einem starken Docht, auch viel Öl hat: das Öl ist die
Lebenskraft, der Docht der Verbrauch derselben auf jede Art und Weise.
Hinsichtlich der L e b e n s k r a f t sind wir, bis zum 36sten Jahre, denen zu
vergleichen, welche von ihren Zinsen leben: was heute ausgegeben wird, ist morgen wieder da. Aber von jenem Zeitpunkt an ist unser Analogon der Rentier,
welcher anfängt, sein Kapital anzugreifen. Im Anfang ist die Sache gar nicht
merklich: der größte Teil der Ausgabe stellt sich immer noch von selbst wieder
her: ein geringes Defizit dabei wird nicht beachtet. Dieses aber wächst allmälig,
wird merklich, seine Zunahme selbst nimmt mit jedem Tage zu: sie reißt immer
mehr ein, jedes Heute ist ärmer als das Gestern, ohne Hoffnung auf Stillstand. So
beschleunigt sich, wie der Fall der Körper, die Abnahme immer mehr, – bis
zuletzt nichts mehr übrig ist. Ein gar trauriger Fall ist es, wenn beide hier
Verglichene, Lebenskraft und Eigentum, wirklich zusammen im Wegschmelzen
begriffen sind: daher eben wächst mit dem Alter die Liebe zum Besitze. –
Hingegen anfangs, bis zur Volljährigkeit und noch etwas darüber hinaus,
gleichen wir, hinsichtlich der Lebenskraft, denen, welche von den Zinsen noch
etwas zum Kapitale legen: nicht nur das Ausgegebene stellt sich von selbst
wieder ein, sondern das Kapital wächst. Und wieder ist auch dieses bisweilen,
durch die Fürsorge eines redlichen Vormundes, zugleich mit dem Gelde der Fall.
O glückliche Jugend! o trauriges Alter! – Nichtsdestoweniger soll man die
Jugendkräfte schonen. Aristoteles bemerkt (Polit. L. ult. c. 5), daß von den
olympischen Siegern nur zwei oder drei einmal als Knaben und dann wieder als
Männer gesiegt hätten; weil durch die frühe Anstrengung, welche die Vorübung
erfordert, die Kräfte so erschöpft werden, daß sie nachmals, im Mannesalter,
fehlen. Wie dies von der Muskelkraft gilt, so noch mehr von der Nervenkraft,
deren Äußerung alle intellektuelle Leistungen sind: daher werden die ingenia
praecocia, die Wunderkinder, die Früchte der Treibhauserziehung, welche als
Knaben Erstaunen erregen, nachmals sehr gewöhnliche Köpfe. Sogar mag die
frühe, erzwungene Anstrengung zur Erlernung der alten Sprachen schuld haben
an der nachmaligen Lahmheit und Urteilslosigkeit so vieler gelehrter Köpfe. –
Ich habe die Bemerkung gemacht, daß der Charakter fast jedes Menschen
einem Lebensalter vorzugsweise angemessen zu sein scheint; so daß er in
diesem sich vorteilhafter ausnimmt. Einige sind liebenswürdige Jünglinge, und
dann ist's vorbei; andere kräftige, tätige Männer, denen das Alter allen Wert
raubt; manche stellen sich am vorteilhaftesten im Alter dar, als wo sie milder,
weil erfahrener und gelassener sind: dies ist oft bei Franzosen der Fall. Die
Sache muß darauf beruhen, daß der Charakter selbst etwas Jugendliches,
Männliches oder Ältliches an sich hat, womit das jedesmalige Lebensalter
übereinstimmt, oder als Korrektiv entgegenwirkt.
Wie man, auf einem Schiffe befindlich, sein Vorwärtskommen nur am
Zurückweichen und demnach Kleinerwerden der Gegenstände auf dem Ufer bemerkt; so wird man sein Alt- und Älterwerden daran inne, daß Leute von
immer höhern Jahren einem jung vorkommen.
Schon oben ist erörtert worden, wie und warum alles, was man sieht, tut und
erlebt, je älter man wird, desto wenigere Spuren im Geiste zurückläßt. In diesem
Sinne ließe sich behaupten, daß man allein in der Jugend mit vollem Bewußtsein
lebte; im Alter nur noch mit halbem. Je älter man wird, mit desto wenigerem
Bewußtsein lebt man: die Dinge eilen vorüber, ohne Eindruck zu machen; wie
das Kunstwerk, welches man tausendmal gesehn hat, keinen macht: man tut, was
man zu tun hat, und weiß hinterher nicht, ob man es getan. Indem nun also das
Leben immer unbewußter wird, je mehr es der gänzlichen Bewußtlosigkeit
zueilt, so wird eben dadurch der Lauf der Zeit auch immer schleuniger. In der
Kindheit bringt die Neuheit aller Gegenstände und Begebenheiten jegliches zum
Bewußtsein: daher ist der Tag unabsehbar lang. Dasselbe widerfährt uns auf
Reisen, wo deshalb e i n Monat länger erscheint, als vier zu Hause. Diese
Neuheit der Dinge verhindert jedoch nicht, daß die, in beiden Fällen, länger
scheinende Zeit uns auch in beiden oft wirklich »lang wird«, mehr als im Alter,
oder mehr als zu Hause. Allmälig aber wird, durch die lange Gewohnheit
derselben Wahrnehmungen, der Intellekt so abgeschliffen, daß immer mehr alles
wirkungslos darüber hingleitet; wodurch dann die Tage immer unbedeutender
und dadurch kürzer werden: die Stunden des Knaben sind länger als die Tage des
Alten. Demnach hat die Zeit unsers Lebens eine beschleunigte Bewegung, wie
die einer herabrollenden Kugel; und wie auf einer sich drehenden Scheibe jeder
Punkt um so schneller läuft, als er weiter vom Zentro abliegt; so verfließt jedem,
nach Maßgabe seiner Entfernung vom Lebensanfange, die Zeit schneller und
immer schneller. Man kann demzufolge annehmen, daß, in der unmittelbaren
Schätzung unsers Gemütes, die Länge eines Jahres im umgekehrten Verhältnisse
des Quotienten desselben in unser Alter steht: wenn z. B. das Jahr 1/ unsers
5
Alters beträgt, erscheint es uns zehnmal so lang, als wenn es nur 1/ desselben
50
ausmacht. Diese Verschiedenheit in der Geschwindigkeit der Zeit hat auf die
ganze Art unsers Daseins in jedem Lebensalter den entschiedensten Einfluß.
Zunächst bewirkt sie, daß das Kindesalter, wenn auch nur etwan 15 Jahre
umfassend, doch die längste Zeit des Lebens, und daher die reichste an
Erinnerungen ist; sodann daß wir durchweg der Langenweile im umgekehrten
Verhältnis unsers Alters unterworfen sind: Kinder bedürfen ständig des
Zeitvertreibs, sei er Spiel oder Arbeit; stockt er, so ergreift sie augenblicklich
entsetzliche Langeweile. Auch Jünglinge sind ihr noch sehr unterworfen und
sehn mit Besorgnis auf unausgefüllte Stunden. Im männlichen Alter schwindet die Langeweile mehr und mehr: Greisen wird die Zeit stets zu kurz und die Tage
fliegen pfeilschnell vorüber. Versteht sich, daß ich von Menschen, nicht von
altgewordenem Vieh rede. Durch diese Beschleunigung des Laufes der Zeit fällt
also in spätern Jahren meistens die Langeweile weg, und da andrerseits auch die
Leidenschaften, mit ihrer Qual, verstummen; so ist, wenn nur die Gesundheit
sich erhalten hat, im Ganzen genommen, die Last des Lebens wirklich geringer
als in der Jugend: daher nennt man den Zeitraum, welcher dem Eintritt der
Schwäche und der Beschwerden des höhern Alters vorhergeht, »die besten
Jahre«. In Hinsicht auf unser Wohlbehagen mögen sie es wirklich sein: hingegen
bleibt den Jugendjahren, als wo alles Eindruck macht und jedes lebhaft ins
Bewußtsein tritt, der Vorzug, die befruchtende Zeit für den Geist, der
blütenansetzende Frühling desselben zu sein. Tiefe Wahrheiten nämlich lassen
sich nur erschauen, nicht errechnen, d. h. ihre erste Erkenntnis ist eine
unmittelbare und wird durch den momentanen Eindruck hervorgerufen: sie kann
folglich nur eintreten, so lange dieser stark, lebhaft und tief ist. Demnach hängt,
in dieser Hinsicht, alles von der Benutzung der Jugendjahre ab. In den späteren
können wir mehr auf andere, ja, auf die Welt einwirken: weil wir selbst vollendet
und abgeschlossen sind und nicht mehr dem Eindruck angehören: aber die Welt
wirkt weniger auf uns. Diese Jahre sind daher die Zeit des Tuns und Leistens;
jene aber die des ursprünglichen Auffassens und Erkennens.
In der Jugend herrscht die Anschauung, im Alter das Denken vor: daher ist jene
die Zeit für Poesie; dieses mehr für Philosophie. Auch praktisch läßt man sich in
der Jugend durch das Angeschaute und dessen Eindruck, im Alter nur durch das
Denken bestimmen. Zum Teil beruht dies darauf, daß erst im Alter anschauliche
Fälle in hinlänglicher Anzahl dagewesen und den Begriffen subsumirt worden
sind, um diesen volle Bedeutung, Gehalt und Kredit zu verschaffen und zugleich
den Eindruck der Anschauung, durch die Gewohnheit, zu mäßigen. Hingegen ist
in der Jugend, besonders auf lebhafte und phantasiereiche Köpfe, der Eindruck
des Anschaulichen, mithin auch der Außenseite der Dinge, so überwiegend, daß
sie die Welt ansehn als ein Bild; daher ihnen hauptsächlich angelegen ist, wie sie
darauf figuriren und sich ausnehmen, – mehr, als wie ihnen innerlich dabei
zumute sei. Dies zeigt sich schon in der persönlichen Eitelkeit und Putzsucht der
Jünglinge.
Die größte Energie und höchste Spannung der Geisteskräfte findet, ohne
Zweifel, in der Jugend statt, spätestens bis ins 35ste Jahr: von dem an nimmt sie,
wiewohl sehr langsam, ab. Jedoch sind die späteren Jahre, selbst das Alter, nicht
ohne geistige Kompensation dafür. Erfahrung und Gelehrsamkeit sind erst jetzt eigentlich reich geworden: man hat Zeit und Gelegenheit gehabt, die Dinge von
allen Seiten zu betrachten und zu bedenken, hat jedes mit jedem
zusammengehalten und ihre Berührungspunkte und Verbindungsglieder
herausgefunden; wodurch man sie allererst jetzt so recht im Zusammenhange
versteht. Alles hat sich abgeklärt. Deshalb weiß man selbst das, was man schon
in der Jugend wußte, jetzt viel gründlicher; da man zu jedem Begriffe viel mehr
Belege hat. Was man in der Jugend zu wissen glaubte, das weiß man im Alter
wirklich, überdies weiß man auch wirklich viel mehr und hat eine nach allen
Seiten durchdachte und dadurch ganz eigentlich zusammenhängende Erkenntnis;
während in der Jugend unser Wissen stets lückenhaft und fragmentarisch ist. Nur
w e r a l t w i r d, erhält eine vollständige und angemessene Vorstellung vom
Leben, indem er es in seiner Ganzheit und seinem natürlichen Verlauf, besonders
aber nicht bloß, wie die übrigen, von der Eingangs-, sondern auch von der
Ausgangsseite übersieht, wodurch er dann besonders die Nichtigkeit desselben
vollkommen erkennt; während die übrigen stets noch in dem Wahne befangen
sind, das Rechte werde noch erst kommen. Dagegen ist in der Jugend mehr
Konzeption; daher man alsdann aus dem Wenigen, was man kennt, mehr zu
machen imstande ist: aber im Alter ist mehr Urteil, Penetration und
Gründlichkeit. Den Stoff seiner selbsteigenen Erkenntnisse, seiner originalen
Grundansichten, also das, was ein bevorzugter Geist der Welt zu schenken
bestimmt ist, sammelt er schon in der Jugend ein: aber seines Stoffes Meister
wird er erst in späten Jahren. Demgemäß wird man meistenteils finden, daß die
großen Schriftsteller ihre Meisterwerke um das fünfzigste Jahr herum geliefert
haben. Dennoch bleibt die Jugend die Wurzel des Baumes der Erkenntnis;
wenngleich erst die Krone die Früchte trägt. Wie aber jedes Zeitalter, auch das
erbärmlichste, sich für viel weiser hält als das ihm zunächst vorhergegangene,
nebst früheren; ebenso jedes Lebensalter des Menschen: doch irren beide sich
oft. In den Jahren des leiblichen Wachstums, wo wir auch an Geisteskräften und
Erkenntnissen täglich zunehmen, gewöhnt sich das Heute mit Geringschätzung
auf das Gestern herabzusehn. Diese Gewohnheit wurzelt ein und bleibt auch
dann, wenn das Sinken der Geisteskräfte eingetreten ist und das Heute vielmehr
mit Verehrung auf das Gestern blicken sollte; daher wir dann sowohl die
Leistungen wie die Urteile unsrer jungen Jahre oft zu gering anschlagen.
Überhaupt ist hier zu bemerken, daß, ob zwar, wie der Charakter oder das Herz
des Menschen, so auch der Intellekt, der Kopf, seinen Grundeigenschaften nach,
angeboren ist, dennoch dieser keineswegs so unveränderlich bleibt wie jener,
sondern gar manchen Umwandelungen unterworfen ist, die sogar, im ganzen,
regelmäßig eintreten; weil sie teils darauf beruhen, daß er eine physische Grundlage, teils darauf, daß er einen empirischen Stoff hat. So hat seine eigene
Kraft ihr allmäliges Wachstum, bis zur Akme, und dann ihre allmälige
Dekadenz, bis zur Imbezillität. Dabei nun aber ist andrerseits der Stoff, der alle
diese Kräfte beschäftigt und in Tätigkeit erhält, also der Inhalt des Denkens und
Wissens, die Erfahrung, die Kenntnisse, die Übung und dadurch die
Vollkommenheit der Einsicht, eine stets wachsende Größe, bis etwan zum
Eintritt entschiedener Schwäche, die alles fallen läßt. Dies Bestehn des
Menschen aus einem schlechthin Unveränderlichen und einem regelmäßig, auf
zweifache und entgegengesetzte Weise, Veränderlichen erklärt die
Verschiedenheit seiner Erscheinung und Geltung in verschiedenen Lebensaltern.
Im weitern Sinne kann man auch sagen: die ersten vierzig Jahre unsers Lebens
liefern den Text, die folgenden dreißig den Kommentar dazu, der uns den
wahren Sinn und Zusammenhang des Textes, nebst der Moral und allen
Feinheiten desselben, erst recht verstehn lehrt.
Gegen das Ende des Lebens nun gar geht es wie gegen das Ende eines
Maskenballs, wenn die Larven abgenommen werden. Man sieht jetzt, wer
diejenigen, mit denen man, während seines Lebenslaufes in Berührung
gekommen war, eigentlich gewesen sind. Denn die Charaktere haben sich an den
Tag gelegt, die Taten haben ihre Früchte getragen, die Leistungen ihre gerechte
Würdigung erhalten und alle Trugbilder sind zerfallen. Zu diesem allen nämlich
war Zeit erfordert. – Das Seltsamste aber ist, daß man sogar sich selbst, sein
eigenes Ziel und Zwecke, erst gegen das Ende des Lebens eigentlich erkennt und
versteht, zumal in seinem Verhältnis zur Welt, zu den andern. Zwar oft, aber
nicht immer, wird man dabei sich eine niedrigere Stelle anzuweisen haben, als
man früher vermeint hatte; sondern bisweilen auch eine höhere, welches dann
daher kommt, daß man von der Niedrigkeit der Welt keine ausreichende
Vorstellung gehabt hatte und demnach sein Ziel höher steckte als sie. Man
erfährt beiläufig, was an einem ist. –
Man pflegt die Jugend die glücklichste Zeit des Lebens zu nennen, und das
Alter die traurige. Das wäre wahr, wenn die Leidenschaften glücklich machten.
Von diesen wird die Jugend hin- und hergerissen, mit wenig Freude und vieler
Pein. Dem kühlen Alter lassen sie Ruhe, und alsbald erhält es einen
kontemplativen Anstrich: denn die Erkenntnis wird frei und erhält die Oberhand.
Weil nun diese, an sich selbst, schmerzlos ist, so wird das Bewußtsein, je mehr
sie darin vorherrscht, desto glücklicher. Man braucht nur zu erwägen, daß aller
Genuß negativer, der Schmerz positiver Natur ist, um zu begreifen, daß die Leidenschaften nicht beglücken können und daß das Alter deshalb, daß manche
Genüsse ihm versagt sind, nicht zu beklagen ist. Denn jeder Genuß ist immer nur
die Stillung eines Bedürfnisses: daß nun mit diesem auch jener wegfällt, ist so
wenig beklagenswert, wie daß einer nach Tische nicht mehr essen kann und nach
ausgeschlafener Nacht wach bleiben muß. Viel richtiger schätzt Plato (im
Eingang zur Republik) das Greisenalter glücklich, sofern es den bis dahin uns
unablässig beunruhigenden Geschlechtstrieb endlich los ist. Sogar ließe sich
behaupten, daß die mannigfaltigen und endlosen Grillen, welche der
Geschlechtstrieb erzeugt, und die aus ihnen entstehenden Affekte einen
beständigen, gelinden Wahnsinn im Menschen unterhalten, solange er unter dem
Einfluß jenes Triebes oder jenes Teufels, von dem er stets besessen ist, steht; so
daß er erst nach Erlöschen desselben ganz vernünftig würde. Gewiß aber ist,
daß, im allgemeinen und abgesehn von allen individuellen Umständen und
Zuständen, der Jugend eine gewisse Melancholie und Traurigkeit, dem Alter eine
gewisse Heiterkeit eigen ist: und der Grund hievon ist kein anderer, als daß die
Jugend noch unter der Herrschaft, ja dem Frondienst jenes Dämons steht, der ihr
nicht leicht eine freie Stunde gönnt und zugleich der unmittelbare oder
mittelbare Urheber fast alles und jedes Unheils ist, das den Menschen trifft oder
bedroht: das Alter aber hat die Heiterkeit dessen, der eine lange getragene Fessel
los ist und sich nun frei bewegt. – Andrerseits jedoch ließe sich sagen, daß nach
erloschenem Geschlechtstrieb der eigentliche Kern des Lebens verzehrt und nur
noch die Schale desselben vorhanden sei, ja, daß es einer Komödie gliche, die
von Menschen angefangen, nachher von Automaten, in deren Kleidern, zu Ende
gespielt werde.
Wie dem auch sei, die Jugend ist die Zeit der Unruhe; das Alter die der Ruhe:
schon hieraus ließe sich auf ihr beiderseitiges Wohlbehagen schließen. Das Kind
streckt seine Hände begehrlich aus, ins Weite, nach allem, was es da so bunt und
vielgestaltet vor sich sieht: denn es wird dadurch gereizt; weil sein Sensorium
noch so frisch und jung ist. Dasselbe tritt, mit größerer Energie, beim Jüngling
ein. Auch er wird gereizt von der bunten Welt und ihren vielfältigen Gestalten:
sofort macht seine Phantasie mehr daraus, als die Welt je verleihen kann. Daher
ist er voll Begehrlichkeit und Sehnsucht ins Unbestimmte: diese nehmen ihm die
Ruhe, ohne welche kein Glück ist. Im Alter hingegen hat sich das alles gelegt;
teils weil das Blut kühler und die Reizbarkeit des Sensoriums minder geworden
ist; teils weil Erfahrung über den Wert der Dinge und den Gehalt der Genüsse
aufgeklärt hat, wodurch man die Illusionen, Chimären und Vorurteile, welche
früher die freie und reine Ansicht der Dinge verdeckten und entstellten, allmälig
losgeworden ist; so daß man jetzt alles richtiger und klarer erkennt und es nimmt für das, was es ist, auch, mehr oder weniger, zur Einsicht in die Nichtigkeit aller
irdischen Dinge gekommen ist. Dies eben ist es, was fast jedem Alten, selbst
dem von sehr gewöhnlichen Fähigkeiten, einen gewissen Anstrich von Weisheit
gibt, der ihn vor den Jüngern auszeichnet. Hauptsächlich aber ist durch dies alles
Geistesruhe herbeigeführt worden: diese aber ist ein großer Bestandteil des
Glückes, eigentlich sogar die Bedingung und das Wesentliche desselben.
Während demnach der Jüngling meint, daß wunder was in der Welt zu holen sei,
wenn er nur erfahren könnte, wo; ist der Alte vom Kohelethischen »es ist alles
eitel« durchdrungen und weiß, daß alle Nüsse hohl sind, wie sehr sie auch
vergoldet sein mögen.
Erst im spätern Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil
admirari, d. h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der
Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die
Chimären sind verschwunden. Er wähnt nicht mehr, daß irgendwo, sei es im
Palast oder der Hütte, eine besondere Glückseligkeit wohne, eine größere als im
wesentlichen auch er überall genießt, wenn er von leiblichen oder geistigen
Schmerzen eben frei ist. Das Große und das Kleine, das Vornehme und Geringe,
nach dem Maßstab der Welt, sind für nicht mehr unterschieden. Dies gibt dem
Alten eine besondere Gemütsruhe, in welcher er lächelnd auf die Gaukeleien der
Welt herabsieht. Er ist vollkommen enttäuscht und weiß, daß das menschliche
Leben, was man auch tun mag es herauszuputzen und zu behängen, doch bald
durch allen solchen Jahrmarktsflitter, in seiner Dürftigkeit durchscheint und, wie
man es auch färbe und schmücke, doch überall im wesentlichen dasselbe ist, ein
Dasein, dessen wahrer Wert jedesmal nur nach der Abwesenheit der Schmerzen,
nicht nach der Anwesenheit der Genüsse, noch weniger des Prunkes zu schätzen
ist. (Hor. epist. L. I, 12, v. 1-4.) Der Grundcharakterzug des höhern Alters ist das
Enttäuschtsein: die Illusionen sind verschwunden, welche bis dahin dem Leben
seinen Reiz und der Tätigkeit ihren Sporn verliehen; man hat das Nichtige und
Leere aller Herrlichkeiten der Welt, zumal des Prunkes, Glanzes und
Hoheitsscheins erkannt; man hat erfahren, daß hinter den meisten gewünschten
Dingen und ersehnten Genüssen gar wenig steckt, und ist so allmälig zu der
Einsicht in die große Armut und Leere unsers ganzen Daseins gelangt. Erst im
70. Jahre versteht man ganz den ersten Vers des Koheleth. Dies ist es aber auch,
was dem Alter einen gewissen grämlichen Anstrich gibt. –
Gewöhnlich meint man, das Los der Alten sei Krankheit und Langeweile.
Erstere ist dem Alter gar nicht wesentlich, zumal nicht, wenn dasselbe hoch
gebracht werden soll: denn crescente vita, crescit sanitas et morbus. Und was die Langeweile betrifft, so habe ich oben gezeigt, warum das Alter ihr sogar
weniger, als die Jugend, ausgesetzt ist: auch ist dieselbe durchaus keine
notwendige Begleiterin der Einsamkeit, welcher, aus leicht abzusehenden
Ursachen, das Alter uns allerdings entgegenführt; sondern sie ist es nur für
diejenigen, welche keine anderen, als sinnliche und gesellschaftliche Genüsse
gekannt, ihren Geist unbereichert und ihre Kräfte unentwickelt gelassen haben.
Zwar nehmen, im höhern Alter, auch die Geisteskräfte ab: aber wo viel war, wird
zur Bekämpfung der Langenweile immer noch genug übrig bleiben. Sodann
nimmt, wie oben gezeigt worden, durch Erfahrung, Kenntnis, Übung und
Nachdenken, die richtige Einsicht immer noch zu, das Urteil schärft sich und der
Zusammenhang wird klar; man gewinnt in allen Dingen mehr und mehr eine
zusammenfassende Übersicht des Ganzen: so hat dann, durch immer neue
Kombinationen der aufgehäuften Erkenntnisse und gelegentliche Bereicherung
derselben, die eigene innerste Selbstbildung in allen Stücken noch immer ihren
Fortgang, beschäftigt, befriedigt und belohnt den Geist. Durch dieses alles wird
die erwähnte Abnahme in gewissem Grade kompensirt. Zudem läuft, wie gesagt,
im Alter die Zeit viel schneller; was der Langenweile entgegenwirkt. Die
Abnahme der Körperkräfte schadet wenig, wenn man ihrer nicht zum Erwerbe
bedarf. Armut im Alter ist ein großes Unglück. Ist diese gebannt und die
Gesundheit geblieben; so kann das Alter ein sehr erträglicher Teil des Lebens
sein. Bequemlichkeit und Sicherheit sind seine Hauptbedürfnisse: daher liebt
man im Alter, noch mehr als früher, das Geld; weil es den Ersatz für die
fehlenden Kräfte gibt. Von der Venus entlassen, wird man gern eine
Aufheiterung beim Bacchus suchen. An die Stelle des Bedürfnisses zu sehn, zu
reisen und zu lernen ist das Bedürfnis zu lehren und zu sprechen getreten. Ein
Glück aber ist es, wenn dem Greise noch die Liebe zu seinem Studium, auch zur
Musik, zum Schauspiele und überhaupt eine gewisse Empfänglichkeit für das
Äußere geblieben ist; wie diese allerdings bei einigen bis ins späteste Alter
fortdauert. Was einer »an sich hat,« kommt ihm nie mehr zugute als im Alter.
Die meisten freilich, als welche stets stumpf waren, werden im höhern Alter
mehr und mehr zu Automaten: sie denken, sagen und tun immer dasselbe, und
kein äußerer Eindruck vermag etwas daran zu ändern oder etwas Neues aus
ihnen hervorzurufen. Zu solchen Greisen zu reden, ist wie in den Sand zu
schreiben: der Eindruck verlischt fast unmittelbar darauf. Ein Greisentum dieser
Art ist denn freilich nur das caput mortuum des Lebens. – Den Eintritt der
zweiten Kindheit im hohen Alter scheint die Natur durch das, in seltenen Fällen,
alsdann sich einstellende dritte Zahnen symbolisiren zu wollen.
Das Schwinden aller Kräfte im zunehmenden Alter, und immer mehr und mehr, ist allerdings sehr traurig, doch ist es notwendig, ja wohltätig, weil sonst der Tod
zu schwer werden würde, dem es vorarbeitet. Daher ist der größte Gewinn, den
das Erreichen eines sehr hohen Alters bringt, die Euthanasie, das überaus leichte,
durch keine Krankheit eingeleitete, von keiner Zuckung begleitete und gar nicht
gefühlte Sterben; von welchem man im zweiten Bande meines Hauptwerkes,
Kap. 41, S. 470 (3. Aufl. 534), eine Schilderung findet. –
Im Upanischad des Veda (Vol. II, p. 53) wird d i e n a t ü r l i c h e
L e b e n s d a u e r auf 100 Jahre angegeben. Ich glaube, mit Recht; weil ich
bemerkt habe, daß nur die, welche das 90ste Jahr überschritten haben, der
E u t h a n a s i e teilhaftig werden, d. h. ohne alle Krankheit, auch ohne
Apoplexie, ohne Zuckung, ohne Röcheln, ja bisweilen ohne zu erblassen,
meistens sitzend, und zwar nach dem Essen, sterben, oder vielmehr gar nicht
sterben, sondern nur zu leben aufhören. In jedem früheren Alter stirbt man bloß
an Krankheiten, also vorzeitig[W]. –
[W][Variante:] Im A. T. wird (Psalm 90, 10) die menschliche Lebensdauer auf 70 und, wenn
es hoch kommt, 80 Jahre gesetzt, und, was mehr auf sich hat, H e r o d o t (I, 32 und III, 22) sagt dasselbe. Es ist aber doch falsch und ist bloß das Resultat einer rohen und
oberflächlichen Auffassung der täglichen Erfahrung. Denn wenn die natürliche Lebensdauer 70-80 Jahre wäre, so müßten die Leute zwischen 70 und 80 Jahren v o r A l t e r sterben. Dies aber ist gar nicht der Fall: sie sterben, wie die jüngeren, an
K r a n k h e i t e n ; die Krankheit aber ist wesentlich eine Abnormität: also ist dies nicht das natürliche Ende. Erst zwischen 90 und 100 Jahren sterben die Menschen, dann aber in der Regel v o r A l t e r, ohne Krankheit, ohne Todeskampf, ohne Röcheln, ohne
Zuckung, bisweilen ohne zu erblassen, welches die E u t h a n a s i e heißt. Daher hat auch hier der U p a n i s c h a d recht, welcher die natürliche Lebensdauer auf 100 Jahre setzt.
Das menschliche Leben ist eigentlich weder lang noch kurz zu nennen[X]; weil
es im Grunde das Maß ist, wonach wir alle andern Zeitlängen abschätzen. –
[X] Denn, wenn man auch noch so lange lebt, hat man doch nie mehr inne, als die unteilbare
Gegenwart: die Erinnerung aber verliert täglich mehr durch die Vergessenheit, als sie
durch den Zuwachs gewinnt.
Der Grundunterschied zwischen Jugend und Alter bleibt immer, daß jene das Leben im Prospekt hat, dieses den Tod; daß also jene eine kurze Vergangenheit
und lange Zukunft besitzt; dieses umgekehrt. Allerdings hat man, wenn man alt
ist, nur noch den Tod vor sich; aber wenn man jung ist, hat man das Leben vor
sich; und es fragt sich, welches von beiden bedenklicher sei, und ob nicht, im
ganzen genommen, das Leben eine Sache sei, die es besser ist hinter sich, als vor
sich zu haben; sagt doch schon Koheleth (7, 2): »der Tag des Todes ist besser
denn der Tag der Geburt.« Ein sehr langes Leben zu begehren, ist jedenfalls ein
verwegener Wunsch. Denn quien larga vida vive mucho mal vive sagt das
spanische Sprichwort. –
Zwar ist nicht, wie die Astrologie es wollte, der Lebenslauf der einzelnen in
den Planeten vorgezeichnet; wohl aber der Lebenslauf des Menschen überhaupt,
sofern jedem Alter desselben ein Planet, der Reihenfolge nach, entspricht, und
sein Leben demnach sukzessive von allen Planeten beherrscht wird. – Im
zehnten Lebensjahre regiert M e r k u r . Wie dieser bewegt der Mensch sich
schnell und leicht, im engsten Kreise: er ist durch Kleinigkeiten umzustimmen,
aber er lernt viel und leicht, unter der Herrschaft des Gottes der Schlauheit und
Beredsamkeit. – Mit dem zwanzigsten Jahre tritt die Herrschaft der Ve n u s ein:
Liebe und Weiber haben ihn ganz im Besitze. Im dreißigsten Lebensjahre
herrscht M a r s : der Mensch ist jetzt stark, heftig, kühn, kriegerisch und trotzig.
– Im vierzigsten regieren die 4 P l a n e t o i d e n : sein Leben geht demnach in die
Breite: er ist frugi, d. h. fröhnt dem Nützlichen, kraft der C e r e s : er hat seinen
eigenen Herd, kraft der Ve s t a : er hat gelernt, was er zu wissen braucht, kraft
der P a l l a s : und als J u n o regiert die Herrin des Hauses, seine Gattin[Y]. – Im
fünfzigsten Jahre aber herrscht J u p i t e r . Schon hat der Mensch die meisten
überlebt, und dem jetzigen Geschlechte fühlt er sich überlegen. Noch im vollen
Genuß seiner Kraft, ist er reich an Erfahrung und Kenntnis: er hat (nach
Maßgabe seiner Individualität und Lage) Autorität über alle, die ihn umgeben.
Er will demnach sich nicht mehr befehlen lassen, sondern selbst befehlen. Zum
Lenker und Herrscher, in seiner Sphäre ist er jetzt am geeignetsten. So kulminirt
Jupiter und mit ihm der Fünfzigjährige. – Dann aber folgt im sechzigsten Jahre
S a t u r n und mit ihm die Schwere, Langsamkeit und Zähigkeit des B l e i e s :
But old folks, many feign as they were dead;
Unwieldy, slow, heavy and pale as lead[Z],
Rom. et. Jul. A. 2 sc. 5.
[Y] Die zirka 60 seitdem noch hinzu entdeckten Planetoiden sind eine Neuerung, von der ich
nichts wissen will. Ich mache es daher mit ihnen, wie mit mir die
Philosophieprofessoren: ich ignorire sie, weil sie nicht in meinen Kram passen.
[Z]
Viel Alte scheinen schon den Toten gleich:
Wie Blei, schwer, zähe, ungelenk und bleich.
Zuletzt kommt U r a n u s : da geht man, wie es heißt, in den Himmel. Den
N e p t u n (so hat ihn leider die Gedankenlosigkeit getauft) kann ich hier nicht in
Rechnung ziehn; weil ich ihn nicht bei seinem wahren Namen nennen darf, der
E r o s ist. Sonst wollte ich zeigen, wie sich an das Ende der Anfang knüpft, wie
nämlich der Eros mit dem Tode in einem geheimen Zusammenhange steht,
vermöge dessen der Orkus oder Amenthes der Ägypter (nach Plutarch de Iside et
Os. c. 29), der λαμβανων και διδους, also nicht nur der Nehmende, sondern auch
der Gebende, und der Tod das große réservoir des Lebens ist. Daher also, daher,
aus dem Orkus, kommt alles, und dort ist schon jedes gewesen, das jetzt Leben
hat: – wären wir nur fähig, den Taschenspielerstreich zu begreifen, vermöge
dessen das geschieht; dann wäre alles klar.
Ende.
Anmerkungen zur Transkription:
Bei der Transkription erfolgte Korrekturen:
Im Kontext "gewissermaßen auf einer Akkommodation": statt
"Akkommodation" stand "Akkomodation".
Im Kontext "παντες ὁσοι περιττοι γεγονασιν ανδρες, η κατα
φιλοσοφιαν, η πολιτικην, η ποιησιν η τεχνας, φαινονται
μελαγχολικοι οντες": statt "οντες" stand "σντες".
Im Kontext "Δοκει δε ἡ ευδαιμονια εν τῃ σχολῃ ειναι": statt
"σχολῃ" stand "οχολῃ".
Im Kontext "verbreiteter oder vielmehr angeborener Manie":
statt "Manie" stand "Mannie".
Im Kontext "Daher wird man z. B. unter fünfzig Engländern":
statt "fünfzig" stand "funfzig".
Im Kontext "der Mylitta zu Babylon": statt "Babylon" stand
"Babylan".
Im Kontext "Shakespeare, im Othello und im Wintermärchen":
statt "Shakespeare" stand "Shakesspeare".
Im Kontext "welche bloß ein opus supererogationis ist": statt
"supererogationis" stand "supererogations".
Im Kontext "Alle jene Vorgaben halten also nicht Stich.": statt
"Vorgaben" stand "Vorgeben".
Im Kontext "der geringe Erfolg ihres Bestrebens": statt "ihres"
stand "ihrer".
Im Satz "Zum Wege der Ta t e n befähigt vorzüglich das große
Herz; zu dem der We r k e der große Kopf." wurde "Werke" in
gleicher Weise hervorgehoben wie "Taten".
Im Kontext "sondern daß er es sei, macht ihn beneidenswert":
statt "beneidenswert" stand "beneidensweit".
Im Kontext "sind die Data jedem zugänglich, so wird ihre
Kombination es meistens auch sein": statt "meistens" stand
"meistes".
Im Kontext "1. Als die oberste Regel aller Lebensweisheit": aus
Gründen der Konsistenz "1)" geändert zu "1.".
Im Kontext "wir denken häufig an sie und wenig an alle jene
andern wichtigeren Dinge, die nach unserem Sinne gehn.": statt
"unserem" stand "unseren".
Im Kontext "daß seine Befriedigung immer nur negativ wirkt
und daher gar nicht direkt empfunden wird" und "im Unglück
spüren wir sie gar nicht": statt "gar nicht" (wie anderswo im
Buch verwendet) stand "garnicht".
Im Kontext "Kommt zu einem schmerzlosen Zustand noch die
Abwesenheit der Langenweile": statt "noch" stand "nach".
Im Kontext "Man kann in diesem Sinne auch sagen,": statt
"Man" stand "Mann".
Im Kontext "Hat hingegen der Widerwille gegen dieses alles
gesiegt": statt "hingegen" stand "hingegegen".
Im Kontext "Wer inzwischen Gesellschaft liebt, kann sich aus
diesem Gleichnis die Regel abstrahiren, daß was den Personen
seines Umgangs an Qualität abgeht, durch die Quantität
einigermaßen ersetzt werden muß.": zwei Kommata ergänzt, und
statt "Quantität" stand "Quantiät".
Im Kontext "Furcht vor der E i n s a m k e i t ": statt "Furcht" stand
"Frucht".
Im Kontext "daher viele Reiche sich unglücklich fühlen,"
Semikolon ersetzt durch Komma.
Im Kontext "in den sechziger Jahren ist der Trieb zur
Einsamkeit": statt "sechziger" stand "sechsziger".
Im Kontext "so daß man damit zum ἑαυτοντιμωρουμενος wird":
statt "ἑαυτοντιμωρουμενος" stand "ἑαυτοντιμορουμενος".
Im Kontext "indem er sich die große Wahrheit verdeutlicht, daß
alles, was geschieht, notwendig eintritt,": statt "daß" stand "das".
Im Kontext "in der Linken die Tabaksdose, in der Rechten eine
Priese haltend": statt "Rechten" stand "rechten".
Im Kontext "Denn da die Menschen in der Regel ohne eigenes
Urteil sind und zumal hohe und schwierige Leistungen
abzuschätzen durchaus keine Fähigkeit haben; so folgen sie hier
stets fremder Autorität,": statt "Autorität" (wie anderswo im
Buch verwendet) stand "Auktorität".
Im Kontext "eine falsche, konventionelle, auf willkürlichen
Satzungen beruhende und traditionell unter den höheren Ständen
sich fortpflanzende, auch, wie die Parole, veränderliche
Überlegenheit": statt "eine" stand "ein".
Im Kontext "Sind nicht fast alle Kriege im Grunde Raubzüge?"
war der Satzanfang klein geschrieben.
Im Kontext "für den ganzen Menschen,": statt "ganzen" stand
"ganen".
Im Kontext "bei großer Homogeneität": statt "Homogeneität"
stand "Homogenietät".
Im Kontext "in der Literatur geschrieben": statt "Literatur" stand
"Literartur".
Im Kontext "außer allem Kontakt": statt "Kontakt" stand
"Konkakt".
Im Kontext "trocknen, im Laufe der Jahre, allmählich zu
abstrakten Begriffen aus": statt "aus" stand "auf".
Im Kontext "eine bloß vernünftige, ja traditionelle": statt
"vernünftige" stand "venünftige".
Im Kontext "sie wird geflohen und gehaßt": statt "gehaßt" stand
"gehaß".
Im Kontext "In diesem Sinne ließe sich behaupten, daß man
allein in der Jugend mit vollem Bewußtsein lebte": statt
"Bewußtsein" stand "Bewußstein".
Im Kontext "an Geisteskräften und Erkenntnissen täglich
zunehmen,": statt "zunehmen" stand "znuehmen".
Im Kontext "Diese Gewohnheit wurzelt ein und bleibt auch
dann, wenn das Sinken der Geisteskräfte eingetreten ist": statt
"das" stand "des".
Im Kontext "der Jüngling meint, daß wunder was in der Welt zu
holen sei": statt "daß" stand "das".
Im Kontext "Amenthes der Ägypter": statt "Ägypter" stand
"Ägipter".
Im Kontext "si scampa così": statt "così" stand "cosi".
Im Kontext "non è sì tristo cane, che non meni la coda": statt
"sì" stand "si".
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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org
Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit www.gutenberg.org/donate
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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