Aphorismen zur Lebensweisheit

Arthur Schopenhauer · Kapitel 11 von 13

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Aphorismen zur Lebensweisheit

C. Unser Verhalten gegen andere betreffend.

 

21. Um durch die Welt zu kommen, ist es zweckmäßig, einen großen Vorrat

von Vo r s i c h t und N a c h s i c h t mitzunehmen: durch erstere wird man vor

Schaden und Verlust, durch letztere vor Streit und Händel geschützt.

 

Wer unter Menschen zu leben hat, darf keine Individualität, sofern sie doch

einmal von der Natur gesetzt und gegeben ist, unbedingt verwerfen; auch nicht

die schlechteste, erbärmlichste oder lächerlichste. Er hat sie vielmehr zu nehmen

als ein Unabänderliches, welches, in Folge eines ewigen und metaphysischen

Prinzips, so sein muß, wie es ist, und in den argen Fällen soll er denken: »es muß

auch solche Käuze geben«. Hält er es anders; so tut er Unrecht und fordert den

andern heraus zum Kriege auf Tod und Leben. Denn seine eigentliche

Individualität, d. h. seinen moralischen Charakter, seine Erkenntniskräfte, sein

Temperament, seine Physiognomie usw. kann keiner ändern. Verdammen wir

nun sein Wesen ganz und gar; so bleibt ihm nichts übrig, als in uns einen

Todfeind zu bekämpfen: denn wir wollen ihm das Recht zu existiren nur unter

der Bedingung zugestehn, daß er ein anderer werde, als er unabänderlich ist.

Darum also müssen wir, um unter Menschen leben zu können, jeden, mit seiner

gegebenen Individualität, wie immer sie auch ausgefallen sein mag, bestehn und

gelten lassen, und dürfen bloß darauf bedacht sein, sie so, wie ihre Art und

Beschaffenheit es zuläßt, zu benutzen; aber weder auf ihre Änderung hoffen,

noch sie, so wie sie ist, schlechthin verdammen[P]. Dies ist der wahre Sinn des

Spruches: »leben und leben lassen«. Die Aufgabe ist indessen nicht so leicht,

wie sie gerecht ist, und glücklich ist zu schätzen, wer gar manche

Individualitäten auf immer meiden darf. – Inzwischen übe man, um Menschen

ertragen zu lernen, seine Geduld an leblosen Gegenständen, welche, vermöge

mechanischer oder sonst physischer Notwendigkeit, unserm Tun sich hartnäckig

widersetzen; wozu täglich Gelegenheit ist. Die dadurch erlangte Geduld lernt

man nachher auf Menschen übertragen, indem man sich gewöhnt zu denken, daß

auch sie, wo immer sie uns hinderlich sind, dies vermöge einer ebenso strengen,

aus ihrer Natur hervorgehenden Notwendigkeit sein müssen wie die, mit welcher

die leblosen Dinge wirken; daher es ebenso töricht ist, über ihr Tun sich zu

entrüsten, wie über einen Stein, der uns in den Weg rollt.

[P] Bei manchem ist am klügsten zu denken: »ändern werde ich ihn nicht; also will ich ihn

benutzen.«

 

22. Es ist zum Erstaunen, wie leicht und schnell Homogeneität oder

Heterogeneität des Geistes und Gemüts zwischen Menschen sich im Gespräche

kund gibt: an jeder Kleinigkeit wird sie fühlbar. Betreffe das Gespräch auch die

fremdartigsten, gleichgültigsten Dinge; so wird, zwischen wesentlich

heterogenen, fast jeder Satz des einen dem andern mehr oder minder mißfallen,

mancher gar ihm ärgerlich sein. Homogene hingegen fühlen sogleich und in

allem eine gewisse Übereinstimmung, die, bei großer Homogeneität, bald zur

vollkommenen Harmonie, ja, zum Unisono zusammenfließt. Hieraus erklärt sich

zuvörderst, warum die ganz Gewöhnlichen so gesellig sind und überall so leicht

recht gute Gesellschaft finden, – so rechte, liebe, wackere Leute. Bei den

Ungewöhnlichen fällt es umgekehrt aus, und desto mehr, je ausgezeichneter sie

sind; so daß sie, in ihrer Abgesondertheit, zu Zeiten, sich ordentlich freuen

können, in einem andern nur irgend eine ihnen selbst homogene Fiber

herausgefunden zu haben, und wäre sie noch so klein! Denn jeder kann dem

andern nur so viel sein, wie dieser ihm ist. Die eigentlichen großen Geister

horsten, wie die Adler in der Höhe, allein. – Zweitens aber wird hieraus

verständlich, wie die Gleichgesinnten sich so schnell zusammenfinden, gleich

als ob sie magnetisch zu einander gezogen würden: – verwandte Seelen grüßen

sich von ferne. Am häufigsten freilich wird man dies an niedrig Gesinnten oder

schlecht Begabten zu beobachten Gelegenheit haben; aber nur weil diese

legionenweise existiren, die besseren und vorzüglichen Naturen hingegen die

seltenen sind und heißen. Demnach nun werden z. B. in einer großen, auf

praktische Zwecke gerichteten Gemeinschaft zwei rechte Schurken sich so

schnell erkennen, als trügen sie ein Feldzeichen, und werden alsbald

zusammentreten, um Mißbrauch oder Verrat zu schmieden. Desgleichen, wenn

man sich, per impossibile, eine große Gesellschaft von lauter sehr verständigen

und geistreichen Leuten denkt, bis auf zwei Dummköpfe, die auch dabei wären;

so werden diese sich sympathetisch zu einander gezogen fühlen und bald wird

jeder von beiden sich in seinem Herzen freuen, doch wenigstens einen

vernünftigen Mann angetroffen zu haben. Wirklich merkwürdig ist es, Zeuge

davon zu sein, wie zwei, besonders von den moralisch und intellektuell

Zurückstehenden, beim ersten Anblick einander erkennen, sich eifrig einander

zu nähern streben, freundlich und freudig sich begrüßend, einander

entgegeneilen, als wären sie alte Bekannte; – so auffallend ist es, daß man

versucht wird, der Buddhaistischen Metempsychosenlehre gemäß, anzunehmen, sie wären schon in einem früheren Leben befreundet gewesen.

 

Was jedoch, selbst bei vieler Übereinstimmung, Menschen auseinanderhält,

auch wohl vorübergehende Disharmonie zwischen ihnen erzeugt, ist die

Verschiedenheit der gegenwärtigen Stimmung, als welche fast immer für jeden

eine andere ist, nach Maßgabe seiner gegenwärtigen Lage, Beschäftigung,

Umgebung, körperlichen Zustandes, augenblicklichen Gedankenganges usw.

Daraus entstehn zwischen den harmonirendsten Persönlichkeiten Dissonanzen.

Die zur Aufhebung dieser Störung erforderliche Korrektion stets vornehmen und

eine gleichschwebende Temperatur einführen zu können, wäre eine Leistung der

höchsten Bildung. Wie viel die Gleichheit der Stimmung für die gesellige

Gemeinschaft leiste, läßt sich daran ermessen, daß sogar eine zahlreiche

Gesellschaft zu lebhafter gegenseitiger Mitteilung und aufrichtiger Teilnahme,

unter allgemeinem Behagen, erregt wird, sobald irgend etwas Objektives, sei es

eine Gefahr oder eine Hoffnung oder eine Nachricht oder ein seltener Anblick,

ein Schauspiel, eine Musik oder was sonst, auf alle zugleich und gleichartig

einwirkt. Denn dergleichen, indem es alle Privatinteressen überwältigt, erzeugt

universelle Einheit der Stimmung. In Ermangelung einer solchen objektiven

Einwirkung wird in der Regel eine subjektive ergriffen, und sind demnach die

Flaschen das gewöhnliche Mittel, eine gemeinschaftliche Stimmung in die

Gesellschaft zu bringen. Sogar Tee und Kaffee dienen dieser Absicht.

 

Eben aber aus jener Disharmonie, welche die Verschiedenheit der momentanen

Stimmung so leicht in alle Gemeinschaft bringt, ist es zum Teil erklärlich, daß in

der von dieser und allen ähnlichen, störenden, wenn auch vorübergehenden,

Einflüssen befreiten Erinnerung sich jeder idealisirt, ja, bisweilen fast verklärt

darstellt. Die Erinnerung wirkt, wie das Sammlungsglas in der Kamera obskura:

sie zieht alles zusammen und bringt dadurch ein viel schöneres Bild hervor als

sein Original ist. Den Vorteil, so gesehn zu werden, erlangen wir zum Teil schon

durch jede Abwesenheit. Denn obgleich die idealisirende Erinnerung, bis zur

Vollendung ihres Werkes, geraumer Zeit bedarf: so wird der Anfang desselben

doch sogleich gemacht. Dieserwegen ist es sogar klug, sich seinen Bekannten

und guten Freunden nur nach bedeutenden Zwischenräumen zu zeigen; indem

man alsdann beim Wiedersehen merken wird, daß die Erinnerung schon bei der

Arbeit gewesen ist.

 

23. Keiner kann ü b e r s i c h sehen. Hiemit will ich sagen: jeder sieht am

andern so viel, als er selbst auch ist: denn er kann ihn nur nach Maßgabe seiner

eigenen Intelligenz fassen und verstehn. Ist nun diese von der niedrigsten Art; so werden alle Geistesgaben, auch die größten, ihre Wirkung auf ihn verfehlen und

er an dem Besitzer derselben nichts wahrnehmen, als bloß das Niedrigste in

dessen Individualität, also nur dessen sämtliche Schwächen, Temperaments- und

Charakterfehler. Daraus wird er für ihn zusammengesetzt sein. Die höheren

geistigen Fähigkeiten desselben sind für ihn so wenig vorhanden, wie die Farbe

für den Blinden. Denn alle Geister sind dem unsichtbar, der keinen hat: und jede

Wertschätzung ist ein Produkt aus dem Werte des Geschätzten mit der

Erkenntnissphäre des Schätzers. Hieraus folgt, daß man sich mit jedem, mit dem

man spricht, nivellirt, indem alles, was man vor ihm voraus haben kann,

verschwindet und sogar die dazu erforderte Selbstverleugnung völlig unerkannt

bleibt. Erwägt man nun, wie durchaus niedrig gesinnt und niedrig begabt, also

wie durchaus g e m e i n die meisten Menschen sind; so wird man einsehn, daß es

nicht möglich ist, mit ihnen zu reden, ohne, auf solche Zeit, (nach Analogie der

elektrischen Verteilung) selbst g e m e i n zu werden, und dann wird man den

eigentlichen Sinn und das Treffende des Ausdrucks »sich gemein machen«

gründlich verstehn, jedoch auch gern jede Gesellschaft meiden, mit welcher man

nur mittelst der partie honteuse seiner Natur kommuniziren kann. Auch wird

man einsehn, daß, Dummköpfen und Narren gegenüber, es nur e i n e n Weg

gibt, seinen Verstand an den Tag zu legen, und der ist, daß man mit ihnen nicht

redet. Aber freilich wird alsdann in der Gesellschaft manchem bisweilen zu

Mute sein wie einem Tänzer, der auf einen Ball gekommen wäre, wo er lauter

Lahme anträfe: mit wem soll er tanzen?

 

24. D e r Mensch gewinnt meine Hochachtung, als ein unter hundert

Auserlesener, welcher, wann er auf irgend etwas zu warten hat, also

unbeschäftigt dasitzt, nicht sofort mit dem, was ihm gerade in die Hände kommt,

etwan seinem Stock, oder Messer und Gabel, oder was sonst, taktmäßig hämmert

oder klappert. Wahrscheinlich denkt er an etwas. Vielen Leuten hingegen sieht

man an, daß bei ihnen das Sehn die Stelle des Denkens ganz eingenommen hat:

sie suchen sich durch Klappern ihrer Existenz bewußt zu werden; wenn nämlich

kein Cigarro bei der Hand ist, der eben diesem Zwecke dient. Aus demselben

Grunde sind sie auch beständig ganz Auge und Ohr für alles, was um sie

vorgeht.

 

25. R o c h e f o u c a u l d hat treffend bemerkt, daß es schwer ist, jemanden

zugleich hoch zu verehren und sehr zu lieben. Demnach hätten wir die Wahl, ob

wir uns um die Liebe oder um die Verehrung der Menschen bewerben wollen.

Ihre Liebe ist stets eigennützig, wenn auch auf höchst verschiedene Weise.

Zudem ist das, wodurch man sie erwirbt, nicht immer geeignet, uns darauf stolz zu machen. Hauptsächlich wird einer in dem Maße beliebt sein, als er seine

Ansprüche an Geist und Herz der andern niedrig stellt, und zwar im Ernst und

ohne Verstellung, auch nicht bloß aus derjenigen Nachsicht, die in der

Verachtung wurzelt. Ruft man sich nun hiebei den sehr wahren Ausspruch des

H e l v e t i u s zurück: le degré d'esprit nécessaire pour nous plaire, est une

mesure assez exacte du degré d'esprit que nous avons; – so folgt aus diesen

Prämissen die Konklusion. – Hingegen mit der Verehrung der Menschen steht es

umgekehrt: sie wird ihnen nur wider ihren Willen abgezwungen, auch,

ebendeshalb, meistens verhehlt. Daher gibt sie uns, im Innern, eine viel größere

Befriedigung: sie hängt mit unserm Werte zusammen; welches von der Liebe der

Menschen nicht unmittelbar gilt: denn diese ist subjektiv, die Verehrung objektiv.

Nützlich ist uns die Liebe freilich mehr.

 

26. Die meisten Menschen sind so subjektiv, daß im Grunde nichts Interesse für

sie hat, als ganz allein sie selbst. Daher kommt es, daß sie bei allem, was gesagt

wird, sogleich an sich denken und jede zufällige, noch so entfernte Beziehung

auf irgend etwas ihnen Persönliches ihre ganze Aufmerksamkeit an sich reißt

und in Besitz nimmt; so daß sie für den objektiven Gegenstand der Rede keine

Fassungskraft übrig behalten; wie auch, daß keine Gründe etwas bei ihnen

gelten, sobald ihr Interesse oder ihre Eitelkeit denselben entgegensteht. Daher

sind sie so leicht zerstreut, so leicht verletzt, beleidigt oder gekränkt, daß man,

von was es auch sei, objektiv mit ihnen redend, nicht genug sich in acht nehmen

kann vor irgend welchen möglichen, vielleicht nachteiligen Beziehungen des

Gesagten zu dem werten und zarten Selbst, das man da vor sich hat: denn ganz

allein an diesem ist ihnen gelegen, sonst an nichts, und während sie für das

Wahre und Treffende, oder Schöne, Feine, Witzige der fremden Rede ohne Sinn

und Gefühl sind, haben sie die zarteste Empfindlichkeit gegen jedes, was auch

nur auf die entfernteste oder indirekteste Weise ihre kleinliche Eitelkeit verletzen

oder irgendwie nachteilig auf ihr höchst pretioses Selbst reflektiren könnte; so

daß sie in ihrer Verletzbarkeit den kleinen Hunden gleichen, denen man, ohne

sich dessen zu versehen, so leicht auf die Pfote tritt und nun das Gequieke

anzuhören hat; oder auch einem mit Wunden und Beulen bedeckten Kranken

verglichen werden können, bei dem man auf das Behutsamste jede mögliche

Berührung zu vermeiden hat. Bei manchen geht nun aber die Sache so weit, daß

sie Geist und Verstand, im Gespräch mit ihnen an den Tag gelegt, oder doch

nicht genugsam versteckt, geradezu als eine Beleidigung empfinden, wenngleich

sie solche vor der Hand noch verhehlen; wonach dann aber nachher der

Unerfahrene vergeblich darüber nachsinnt und grübelt, wodurch in aller Welt er

sich ihren Groll und Haß zugezogen haben könne. – Ebenso leicht sind sie aber auch geschmeichelt und gewonnen. Daher ist ihr Urteil meistens bestochen und

bloß ein Ausspruch zu Gunsten ihrer Partei oder Klasse; nicht aber ein

objektives und gerechtes. Dies alles beruht darauf, daß in ihnen der Wille bei

Weitem die Erkenntnis überwiegt und ihr geringer Intellekt ganz im Dienste des

Willens steht, von welchem er auch nicht auf einen Augenblick sich losmachen

kann.

 

Einen großartigen Beweis von der erbärmlichen Subjektivität der Menschen,

infolge welcher sie alles auf sich beziehn und von jedem Gedanken sogleich in

gerader Linie auf sich zurückgehn, liefert die A s t r o l o g i e , welche den Gang

der großen Weltkörper auf das armselige Ich bezieht, wie auch die Kometen am

Himmel in Verbindung bringt mit den irdischen Händeln und Lumpereien. Dies

aber ist zu allen und schon in den ältesten Zeiten geschehen. (S. z. B. Stob.

Eclog. L. I, c. 22, 9, pag. 478.)

 

27. Bei jeder Verkehrtheit, die im Publiko, oder in der Gesellschaft, gesagt,

oder in der Literatur geschrieben und wohl aufgenommen, wenigstens nicht

widerlegt wird, soll man nicht verzweifeln und meinen, daß es nun dabei sein

Bewenden haben werde; sondern wissen und sich getrösten, daß die Sache

hinterher und allmälig ruminirt, beleuchtet, bedacht, erwogen, besprochen und

meistens zuletzt richtig beurteilt wird; so daß, nach einer, der Schwierigkeit

derselben angemessenen Frist, endlich fast alle begreifen, was der klare Kopf

sogleich sah. Unterdessen freilich muß man sich gedulden. Denn ein Mann von

richtiger Einsicht unter den Betörten gleicht dem, dessen Uhr richtig geht in

einer Stadt, deren Turmuhren alle falsch gestellt sind. Er allein weiß die wahre

Zeit: aber was hilft es ihm? alle Welt richtet sich nach den falsch zeigenden

Stadtuhren; sogar auch die, welche wissen, daß seine Uhr allein die wahre Zeit

angibt.

 

28. Die Menschen gleichen darin den Kindern, daß sie unartig werden, wenn

man sie verzieht; daher man gegen keinen zu nachgiebig und liebreich sein darf.

Wie man in der Regel keinen Freund dadurch verlieren wird, daß man ihm ein

Darlehn abschlägt, aber sehr leicht dadurch, daß man es ihm gibt; ebenso, nicht

leicht einen durch stolzes und etwas vernachlässigendes Betragen; aber oft

infolge zu vieler Freundlichkeit und Zuvorkommens, als welche ihn arrogant

und unerträglich machen, wodurch der Bruch herbeigeführt wird. Besonders

aber den Gedanken, daß man ihrer benötigt sei, können die Menschen

schlechterdings nicht vertragen; Übermut und Anmaßung sind sein

unzertrennliches Gefolge. Bei einigen entsteht er, in gewissem Grade, schon dadurch, daß man sich mit ihnen abgibt, etwan oft, oder auf eine vertrauliche

Weise mit ihnen spricht: alsbald werden sie meinen, man müsse sich von ihnen

auch etwas gefallen lassen, und werden versuchen, die Schranken der

Höflichkeit zu erweitern. Daher taugen so wenige zum irgend vertrauteren

Umgang, und soll man sich besonders hüten, sich nicht mit niedrigen Naturen

gemein zu machen. Faßt nun aber gar einer den Gedanken, er sei mir viel nötiger

als ich ihm; da ist es ihm sogleich, als hätte ich ihm etwas gestohlen: er wird

suchen, sich zu rächen und es wiederzuerlangen. Ü b e r l e g e n h e i t im Umgang

erwächst allein daraus, daß man der andern in keiner Art und Weise bedarf, und

dies sehn läßt. Dieserwegen ist es ratsam, jedem, es sei Mann oder Weib, von

Zeit zu Zeit fühlbar zu machen, daß man seiner sehr wohl entraten könne: das

befestigt die Freundschaft; ja, bei den meisten Leuten kann es nicht schaden,

wenn man ein Gran Geringschätzung gegen sie, dann und wann, mit einfließen

läßt: sie legen desto mehr Wert auf unsere Freundschaft: chi non istima vien

stimato (wer nicht achtet wird geachtet) sagt ein feines italienisches Sprichwort.

Ist aber einer uns wirklich sehr viel wert; so müssen wir dies vor ihm verhehlen,

als wäre es ein Verbrechen. Das ist nun eben nicht erfreulich; dafür aber wahr.

Kaum daß Hunde die große Freundlichkeit vertragen, geschweige Menschen.

 

29. Daß Leute edlerer Art und höherer Begabung so oft, zumal in der Jugend,

auffallenden Mangel an Menschenkenntnis und Weltklugheit verraten, daher

leicht betrogen oder sonst irre geführt werden, während die niedrigen Naturen

sich viel schneller und besser in die Welt zu finden wissen, liegt daran, daß man,

beim Mangel der Erfahrung, a priori zu urteilen hat, und daß überhaupt keine

Erfahrung es dem a priori gleichtut. Dies a priori nämlich gibt denen vom

gewöhnlichen Schlage das eigene Selbst an die Hand, den Edelen und

Vorzüglichen aber nicht: denn eben als solche sind sie von den andern weit

verschieden. Indem sie daher deren Denken und Tun nach dem ihrigen

berechnen, trifft die Rechnung nicht zu.

 

Wenn nun aber auch ein Solcher a posteriori, also aus fremder Belehrung und

eigener Erfahrung, endlich gelernt hat, was von den Menschen, im Ganzen

genommen, zu erwarten steht, daß nämlich etwa 5/ derselben, in moralischer

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oder intellektueller Hinsicht, so beschaffen sind, daß, wer nicht durch die

Umstände in Verbindung mit ihnen gesetzt ist, besser tut, sie vorweg zu meiden

und, soweit es angeht, außer allem Kontakt mit ihnen zu bleiben; – so wird er

dennoch von ihrer Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit kaum jemals einen

a u s r e i c h e n d e n Begriff erlangen, sondern immerfort, so lange er lebt,

denselben noch zu erweitern und zu vervollständigen haben, unterdessen aber sich gar oft zu seinem Schaden verrechnen. Und dann wieder, nachdem er die

erhaltene Belehrung wirklich beherzigt hat, wird es ihm dennoch zu Zeiten

begegnen, daß er, in eine Gesellschaft ihm noch unbekannter Menschen

geratend, sich zu wundern hat, wie sie doch sämtlich, ihren Reden und Mienen

nach, ganz vernünftig, redlich, aufrichtig, ehrenfest und tugendsam, dabei auch

wohl noch gescheut und geistreich erscheinen. Dies sollte ihn jedoch nicht irren:

denn es kommt bloß daher, daß die Natur es nicht macht wie die schlechten

Poeten, welche, wann sie Schurken oder Narren darstellen, so plump und

absichtsvoll dabei zu Werke gehn, daß man gleichsam hinter jeder solcher

Person den Dichter stehn sieht, der ihre Gesinnung und Rede fortwährend

desavouirt und mit warnender Stimme ruft: »dies ist ein Schurke, dies ist ein

Narr; gebt nichts auf das, was er sagt.« Die Natur hingegen macht es wie

Shakespeare und Goethe, in deren Werken jede Person, und wäre sie der Teufel

selbst, während sie dasteht und redet, Recht behält; weil sie so objektiv aufgefaßt

ist, daß wir in ihr Interesse gezogen und zur Teilnahme an ihr gezwungen

werden: denn sie ist, eben wie die Werke der Natur, aus einem innern Prinzip

entwickelt, vermöge dessen ihr Sagen und Tun als natürlich, mithin als

notwendig auftritt. – Also, wer erwartet, daß in der Welt die Teufel mit Hörnern

und die Narren mit Schellen einhergehn, wird stets ihre Beute oder ihr Spiel sein.

Hiezu kommt aber noch, daß im Umgange die Leute es machen, wie der Mond

und die Bucklichten, nämlich stets nur eine Seite zeigen, und sogar jeder ein

angeborenes Talent hat, auf mimischem Wege seine Physiognomie zu einer

Maske umzuarbeiten, welche genau darstellt, was er eigentlich sein s o l l t e , und

die, weil sie ausschließlich auf seine Individualität berechnet ist, ihm so genau

anliegt und anpaßt, daß die Wirkung überaus täuschend ausfällt. Er legt sie an, so

oft es darauf ankommt, sich einzuschmeicheln. Man soll auf dieselbe so viel

geben, als wäre sie aus Wachstuch, eingedenk des vortrefflichen italiänischen

Sprichworts: non è sì tristo cane, che non meni la coda (so böse ist kein Hund,

daß er nicht mit dem Schwanze wedelte).

 

Jedenfalls soll man sich sorgfältig hüten, von irgend einem Menschen neuer

Bekanntschaft eine sehr günstige Meinung zu fassen; sonst wird man, in den

allermeisten Fällen, zu eigener Beschämung oder gar Schaden, enttäuscht

werden. – Hiebei verdient auch dies berücksichtigt zu werden: Gerade in

Kleinigkeiten, als bei welchen der Mensch sich nicht zusammennimmt, zeigt er

seinen Charakter, und da kann man oft, an geringfügigen Handlungen, an bloßen

Manieren, den grenzenlosen, nicht die mindeste Rücksicht auf andere kennenden

Egoismus bequem beobachten, der sich nachher im Großen nicht verleugnet,

wiewohl verlarvt. Und man versäume solche Gelegenheit nicht. Wenn einer in den kleinen täglichen Vorgängen und Verhältnissen des Lebens, in den Dingen,

von welchen das de minimis lex non curat gilt, rücksichtslos verfährt, bloß

seinen Vorteil oder seine Bequemlichkeit, zum Nachteil anderer, sucht; wenn er

sich aneignet, was für alle da ist usw.; da sei man überzeugt, daß in seinem

Herzen keine Gerechtigkeit wohnt, sondern er auch im Großen ein Schuft sein

wird, sobald das Gesetz und die Gewalt ihm nicht die Hände binden, und traue

ihm nicht über die Schwelle. Ja, wer ohne Scheu die Gesetze seines Klubs bricht,

wird auch die des Staates brechen, sobald er es ohne Gefahr kann[Q].

 

[Q]Wenn in den Menschen, wie sie meistenteils sind, das Gute das Schlechte überwöge, so

wäre es geratener, sich auf ihre Gerechtigkeit, Billigkeit, Dankbarkeit, Treue, Liebe

oder Mitleid zu verlassen, als auf ihre Furcht: weil es aber mit ihnen umgekehrt steht, so ist das Umgekehrte geratener.

 

Hat nun einer, mit dem wir in Verbindung oder Umgang stehn, uns etwas

Unangenehmes oder Ärgerliches erzeigt; so haben wir uns nur zu fragen, ob er

uns so viel wert sei, daß wir das Nämliche, auch noch etwas verstärkt, uns

nochmals und öfter von ihm wollen gefallen lassen; – oder nicht. (Vergeben und

Vergessen heißt gemachte kostbare Erfahrungen zum Fenster hinauswerfen.) Im

bejahenden Fall wird nicht viel darüber zu sagen sein, weil das Reden wenig

hilft: wir müssen also die Sache, mit oder ohne Ermahnung, hingehn lassen,

sollen jedoch wissen, daß wir hiedurch sie uns nochmals ausgebeten haben. Im

verneinenden Falle hingegen haben wir sogleich und auf immer mit dem werten

Freunde zu brechen, oder, wenn es ein Diener ist, ihn abzuschaffen. Denn

unausbleiblich wird er, vorkommenden Falls, ganz dasselbe, oder das völlig

Analoge, wieder tun, auch wenn er uns jetzt das Gegenteil hoch und aufrichtig

beteuert. Alles, alles kann einer vergessen, nur nicht sich selbst, sein eigenes

Wesen. Denn der Charakter ist schlechthin inkorrigibel; weil alle Handlungen

des Menschen aus einem innern Prinzip fließen, vermöge dessen er, unter

gleichen Umständen, stets das gleiche tun muß und nicht anders kann. Man lese

meine Preisschrift über die sogenannte Freiheit des Willens und befreie sich vom

Wahn. Daher auch ist, sich mit einem Freunde, mit dem man gebrochen hatte,

wieder auszusöhnen, eine Schwäche, die man abbüßt, wann derselbe, bei erster

Gelegenheit, gerade und genau dasselbe wieder tut, was den Bruch herbeigeführt

hatte; ja, mit noch mehr Dreistigkeit, im stillen Bewußtsein seiner

Unentbehrlichkeit. Das Gleiche gilt von abgeschafften Dienern, die man

wiedernimmt. Ebensowenig, und aus demselben Grunde, dürfen wir erwarten, daß einer, unter v e r ä n d e r t e n Umständen, das Gleiche, wie vorher, tun werde.

Vielmehr ändern die Menschen Gesinnung und Betragen ebenso schnell, wie ihr

Interesse sich ändert; ja, ihre Absichtlichkeit zieht ihre Wechsel auf so kurze

Sicht, daß man selbst noch kurzsichtiger sein müßte, um sie nicht protestiren zu

lassen.

 

Gesetzt demnach, wir wollten etwan wissen, wie einer, in einer Lage, in die wir

ihn zu versetzen gedenken, handeln wird; so dürfen wir hierüber nicht auf seine

Versprechungen und Beteuerungen bauen. Denn, gesetzt auch, er spräche

aufrichtig; so spricht er von einer Sache, die er nicht kennt. Wir müssen also

allein aus der Erwägung der Umstände, in die er zu treten hat, und des

Konfliktes derselben mit seinem Charakter, sein Handeln berechnen.

 

Um überhaupt von der wahren und sehr traurigen Beschaffenheit der

Menschen, wie sie meistens sind, das so nötige, deutliche und gründliche

Verständnis zu erlangen, ist es überaus lehrreich, das Treiben und Benehmen

derselben in der Literatur als Kommentar ihres Treibens und Benehmens im

praktischen Leben zu gebrauchen, und vice versa. Dies ist sehr dienlich, um

weder an sich, noch an ihnen irre zu werden. Dabei aber darf kein Zug von

besonderer Niederträchtigkeit oder Dummheit, der uns im Leben oder in der

Literatur aufstößt, uns je ein Stoff zum Verdruß und Ärger, sondern bloß zur

Erkenntnis werden, indem wir in ihm einen neuen Beitrag zur Charakteristik des

Menschengeschlechts sehn und demnach ihn uns merken. Alsdann werden wir

ihn ungefähr so betrachten, wie der Mineralog ein ihm aufgestoßenes, sehr

charakteristisches Spezimen eines Minerals. – Ausnahmen gibt es, ja,

unbegreiflich große, und die Unterschiede der Individualitäten sind enorm: aber,

im Ganzen genommen, liegt, wie längst gesagt ist, die Welt im argen: die Wilden

fressen einander und die Zahmen betrügen einander, und das nennt man den

Lauf der Welt. Was sind denn die Staaten, mit aller ihrer künstlichen, nach außen

und nach innen gerichteten Maschinerie und ihren Gewaltmitteln anderes, als

Vorkehrungen, der grenzenlosen Ungerechtigkeit der Menschen Schranken zu

setzen? Sehn wir nicht, in der ganzen Geschichte, jeden König, sobald er fest

steht, und sein Land einiger Prosperität genießt, diese benutzen, um mit seinem

Heer, wie mit einer Räuberschar, über die Nachbarstaaten herzufallen? Sind

nicht fast alle Kriege im Grunde Raubzüge? Im frühen Altertum, wie auch zum

Teil im Mittelalter, wurden die Besiegten Sklaven der Sieger, d. h. im Grunde,

sie mußten für diese arbeiten: dasselbe aber müssen die, welche

Kriegskontributionen zahlen: sie geben nämlich den Ertrag früherer Arbeit hin.

Dans toutes les guerres il ne s'agit que de voler, sagt Voltaire, und die Deutschen sollen es sich gesagt sein lassen.

 

30. Kein Charakter ist so, daß er sich selbst überlassen bleiben und sich ganz

und gar gehn lassen dürfte; sondern jeder bedarf der Lenkung durch Begriffe und

Maximen. Will man nun aber es hierin weit bringen, nämlich bis zu einem nicht

aus unsrer angeborenen Natur, sondern bloß aus vernünftiger Überlegung

hervorgegangenen, ganz eigentlich erworbenen und künstlichen Charakter; so

wird man gar bald das

 

Naturam expelles furca, tamen usque recurret

 

bestätigt finden. Man kann nämlich eine Regel für das Betragen gegen andere

sehr wohl einsehn, ja, sie selbst auffinden und treffend ausdrücken, und wird

dennoch, im wirklichen Leben, gleich darauf, gegen sie verstoßen. Jedoch soll

man nicht sich dadurch entmutigen lassen und denken, es sei unmöglich, im

Weltleben sein Benehmen nach abstrakten Regeln und Maximen zu leiten, und

daher am besten, sich eben nur gehn zu lassen. Sondern es ist damit, wie mit

allen theoretischen Vorschriften und Anweisungen für das Praktische: die Regel

verstehn ist das erste, sie ausüben lernen ist das zweite. Jenes wird durch

Vernunft auf einmal, dieses durch Übung allmälig gewonnen. Man zeigt dem

Schüler die Griffe auf dem Instrument, die Paraden und Stöße mit dem Rapier:

er fehlt sogleich, trotz dem besten Vorsatze, dagegen, und meint nun, sie in der

Schnelle des Notenlesens und der Hitze des Kampfes zu beobachten, sei schier

unmöglich. Dennoch lernt er es allmälig, durch Übung, unter Straucheln, Fallen

und Aufstehn. Ebenso geht es mit den Regeln der Grammatik im lateinisch

Schreiben und Sprechen. Nicht anders also wird der Tölpel zum Hofmann, der

Hitzkopf zum feinen Weltmann, der Offene verschlossen, der Edle ironisch.

Jedoch wird eine solche, durch lange Gewohnheit erlangte Selbstdressur stets als

ein von außen gekommener Zwang wirken, welchem zu widerstreben die Natur

nie ganz aufhört und bisweilen unerwartet ihn durchbricht. Denn alles Handeln

nach abstrakten Maximen verhält sich zum Handeln aus ursprünglicher,

angeborener Neigung, wie ein menschliches Kunstwerk, etwan eine Uhr, wo

Form und Bewegung dem ihnen fremden Stoffe aufgezwungen sind, zum

lebenden Organismus, bei welchem Form und Stoff von einander durchdrungen

und eins sind. An diesem Verhältnis des erworbenen zum angeborenen Charakter

bestätigt sich demnach ein Ausspruch des Kaisers Napoleon: tout ce qui n'est

pas naturel est imparfait; welcher überhaupt eine Regel ist, die von allem und

jedem, sei es physisch oder moralisch, gilt, und von der die einzige, mir

einfallende Ausnahme das, den Mineralogen bekannte, natürliche Aventurino ist, welches dem künstlichen nicht gleichkommt.

 

Darum sei hier auch vor aller und jeder A f f e k t a t i o n gewarnt. Sie erweckt

allemal Geringschätzung: erstlich als Betrug, der als solcher feige ist, weil er auf

Furcht beruht; zweitens als Verdammungsurteil seiner selbst durch sich selbst,

indem man scheinen will, was man nicht ist, und was man folglich für besser

hält, als was man ist. Das Affektiren irgend einer Eigenschaft, das Sich-Brüsten

damit, ist ein Selbstgeständnis, daß man sie nicht hat. Sei es Mut oder

Gelehrsamkeit oder Geist oder Witz oder Glück bei Weibern oder Reichtum oder

vornehmer Stand, oder was sonst, womit einer groß tut; so kann man daraus

schließen, daß es ihm gerade daran in etwas gebricht: denn wer wirklich eine

Eigenschaft vollkommen besitzt, dem fällt es nicht ein, sie herauszulegen und zu

affektiren, sondern er ist darüber ganz beruhigt. Dies ist auch der Sinn des

spanischen Sprichworts: herradura que chacolotea clavo le falta (dem

klappernden Hufeisen fehlt ein Nagel). Allerdings darf, wie anfangs gesagt,

keiner sich unbedingt den Zügel schießen lassen und sich ganz zeigen, wie er ist;

weil das viele Schlechte und Bestialische unserer Natur der Verhüllung bedarf:

aber dies rechtfertigt bloß das Negative, die Dissimulation, nicht das Positive,

die Simulation. – Auch soll man wissen, daß das Affektiren erkannt wird, selbst

ehe klar geworden, was eigentlich einer affektirt. Und endlich hält es auf die

Länge nicht Stich, sondern die Maske fällt einmal ab. Nemo potest personam diu

ferre fictam. Ficta cito in naturam suam recidunt. (Seneca de Clementia, L. I, c.

1.)

 

31. Wie man das Gewicht seines eigenen Körpers trägt, ohne es, wie doch das

jedes fremden, den man bewegen will, zu fühlen; so bemerkt man nicht die

eigenen Fehler und Laster, sondern nur die der andern. – Dafür aber hat jeder am

andern einen Spiegel, in welchem er seine eigenen Laster, Fehler, Unarten und

Widerlichkeiten jeder Art deutlich erblickt. Allein meistens verhält er sich dabei

wie der Hund, welcher gegen den Spiegel bellt, weil er nicht weiß, daß er sich

selbst sieht, sondern meint, es sei ein anderer Hund. Wer andre bekrittelt, arbeitet

an seiner Selbstbesserung. Also die, welche die Neigung und Gewohnheit haben,

das äußerliche Benehmen, überhaupt das Tun und Lassen der andern im Stillen,

bei sich selbst, einer aufmerksamen und s c h a r f e n K r i t i k zu unterwerfen,

arbeiten dadurch an ihrer eigenen Besserung und Vervollkommnung: denn sie

werden entweder Gerechtigkeit, oder doch Stolz und Eitelkeit genug besitzen,

selbst zu vermeiden, was sie so oft strenge tadeln. Von den Toleranten gilt das

Umgekehrte: nämlich hanc veniam damus petimusque vicissim. Das Evangelium

moralisirt recht schön über den Splitter im fremden, den Balken im eigenen Auge: aber die Natur des Auges bringt es mit sich, daß es nach außen und nicht

sich selbst sieht: daher ist, zum Innewerden der eigenen Fehler, das Bemerken

und Tadeln derselben an andern ein sehr geeignetes Mittel. Zu unserer Besserung

bedürfen wir eines Spiegels.

 

Auch hinsichtlich auf Stil und Schreibart gilt diese Regel: wer eine neue

Narrheit in diesen bewundert, statt sie zu tadeln, wird sie nachahmen. Daher

greift in Deutschland jede so schnell um sich. Die Deutschen sind sehr tolerant:

man merkt's. Hanc veniam damus petimusque vicissim ist ihr Wahlspruch.

 

32. Der Mensch edlerer Art glaubt, in seiner Jugend, die wesentlichen und

entscheidenden Verhältnisse und daraus entstehenden Verbindungen zwischen

Menschen seien die i d e e l l e n , d. h. die auf Ähnlichkeit der Gesinnung, der

Denkungsart, des Geschmacks, der Geisteskräfte usw. beruhenden: allein er wird

später inne, daß es die r e e l l e n sind, d. h. die, welche sich auf irgend ein

materielles Interesse stützen. Diese liegen fast allen Verbindungen zum Grunde:

sogar hat die Mehrzahl der Menschen keinen Begriff von andern Verhältnissen.

Demzufolge wird jeder genommen nach seinem Amt, oder Geschäft, oder

Nation, oder Familie, also überhaupt nach der Stellung und Rolle, welche die

Konvention ihm erteilt hat: dieser gemäß wird er sortirt und fabrikmäßig

behandelt. Hingegen was er an und für sich, also als Mensch, vermöge seiner

persönlichen Eigenschaften sei, kommt nur beliebig und daher nur

ausnahmsweise zur Sprache, und wird von jedem, sobald es ihm bequem ist, also

meistenteils, beiseite gesetzt und ignorirt. Je mehr nun aber es mit diesem auf

sich hat, desto weniger wird ihm jene Anordnung gefallen, er also sich ihrem

Bereich zu entziehn suchen. Sie beruht jedoch darauf, daß, in dieser Welt der

Not und des Bedürfnisses, die Mittel, diesen zu begegnen, überall das

Wesentliche, mithin Vorherrschende sind.

 

33. Wie Papiergeld statt des Silbers, so kursiren in der Welt, statt der wahren

Achtung und der wahren Freundschaft, die äußerlichen Demonstrationen und

möglichst natürlich mimisirten Gebärden derselben. Indessen läßt sich

andrerseits auch fragen, ob es denn Leute gebe, welche jene wirklich verdienten.

Jedenfalls gebe ich mehr auf das Schwanzwedeln eines ehrlichen Hundes, als auf

hundert solche Demonstrationen und Gebärden.

 

Wahre, echte Freundschaft setzt eine starke, rein objektive und völlig

uninteressirte Teilnahme am Wohl und Wehe des andern voraus, und diese

wieder ein wirkliches Sich mit dem Freunde identifiziren. Dem steht der Egoismus der menschlichen Natur so sehr entgegen, daß wahre Freundschaft zu

den Dingen gehört, von denen man, wie von den kolossalen Seeschlangen, nicht

weiß, ob sie fabelhaft sind, oder irgendwo existiren. Indessen gibt es mancherlei,

in der Hauptsache freilich auf versteckten egoistischen Motiven der

mannigfaltigsten Art beruhende Verbindungen zwischen Menschen, welche

dennoch mit einem Gran jener wahren und echten Freundschaft versetzt sind,

wodurch sie so veredelt werden, daß sie, in dieser Welt der

Unvollkommenheiten, mit einigem Fug den Namen der Freundschaft führen

dürfen. Sie stehn hoch über den alltäglichen Liaisons, welche vielmehr so sind,

daß wir mit den meisten unserer guten Bekannten kein Wort mehr reden würden,

wenn wir hörten, wie sie in unsrer Abwesenheit von uns reden.

 

Die Echtheit eines Freundes zu erproben, hat man, nächst den Fällen, wo man

ernstlicher Hilfe und bedeutender Opfer bedarf, die beste Gelegenheit in dem

Augenblick, da man ihm ein Unglück, davon man soeben getroffen worden,

berichtet. Alsdann nämlich malt sich in seinen Zügen entweder wahre, innige,

unvermischte Betrübnis; oder aber sie bestätigen, durch ihre gefaßte Ruhe, oder

einen flüchtigen Nebenzug, den bekannten Ausspruch des R o c h e f o u c a u l d :

dans l'adversité de nos meilleurs amis, nous trouvons toujours quelque chose qui

ne nous déplait pas. Die gewöhnlichen sogenannten Freunde vermögen, bei

solchen Gelegenheiten, oft kaum das Zucken zu einem leisen, wohlgefälligen

Lächeln zu unterdrücken. – Es gibt wenig Dinge, welche so sicher die Leute in

gute Laune versetzen, wie wenn man ihnen ein beträchtliches Unglück, davon

man kürzlich getroffen worden, erzählt, oder auch irgend eine persönliche

Schwäche ihnen unverhohlen offenbart. – Charakteristisch! –

 

Entfernung und lange Abwesenheit tun jeder Freundschaft Eintrag; so ungern

man es gesteht. Denn Menschen, die wir nicht sehn, wären sie auch unsere

geliebtesten Freunde, trocknen, im Laufe der Jahre, allmählich zu abstrakten

Begriffen aus, wodurch unsere Teilnahme an ihnen mehr und mehr eine bloß

vernünftige, ja traditionelle wird: die lebhafte und tiefgefühlte bleibt denen

vorbehalten, die wir vor Augen haben, und wären es auch nur geliebte Tiere. So

sinnlich ist die menschliche Natur. Also bewährt sich auch hier Goethes

Ausspruch:

»Die Gegenwart ist eine mächt'ge Göttin.«

 

(Tasso, Aufzug 4, Auftr. 4.)

 

Die H a u s f r e u n d e heißen meistens mit Recht so, indem sie mehr die

Freunde des Hauses, als des Herrn, also den Katzen ähnlicher als den Hunden,

sind.

 

Die Freunde nennen sich aufrichtig; die Feinde sind es: daher man ihren Tadel

zur Selbsterkenntnis benutzen sollte, als eine bittre Arznei. –

 

Freunde in der Not wären selten? – Im Gegenteil! Kaum hat man mit einem

Freundschaft gemacht; so ist er auch schon in der Not und will Geld geliehen

haben. –

 

34. Was für ein Neuling ist doch der, welcher wähnt, Geist und Verstand zu

zeigen wäre ein Mittel, sich in Gesellschaft beliebt zu machen! Vielmehr erregen

sie, bei der unberechenbar überwiegenden Mehrzahl, einen Haß und Groll, der

um so bitterer ist, als der ihn Fühlende die Ursache desselben anzuklagen nicht

berechtigt ist, ja, sie vor sich selbst verhehlt. Der nähere Hergang ist dieser:

merkt und empfindet einer große geistige Überlegenheit an dem, mit welchem er

redet, so macht er, im stillen und ohne deutliches Bewußtsein, den Schluß, daß in

gleichem Maße der andere seine Inferiorität und Beschränktheit merkt und

empfindet. Dieses Enthymem erregt seinen bittersten Haß, Groll und Ingrimm.

(Vergl. Welt als Wille und Vorstell., 3. Aufl., Bd. II, 256 die angeführten Worte

des Dr. J o h n s o n s und M e r c k s , des Jugendfreundes Goethes.) Mit Recht

sagt daher G r a c i a n : »para ser bien quisto, el unico medio vestirse la piel del

mas simple de los brutos.« (S. Oraculo manual, y arte de prudencia, 240.

[Obras, Amberes 1702, P. II, p. 287.]) Ist doch Geist und Verstand an den Tag

legen, nur eine indirekte Art, allen andern ihre Unfähigkeit und Stumpfsinn

vorzuwerfen. Zudem gerät die gemeine Natur in Aufruhr, wenn sie ihr Gegenteil

ansichtig wird, und der geheime Anstifter des Aufruhrs ist der Neid. Denn die

Befriedigung ihrer Eitelkeit ist, wie man täglich sehn kann, ein Genuß, der den

Leuten über alles geht, der jedoch allein mittelst der Vergleichung ihrer selbst

mit andern möglich ist. Auf keine Vorzüge aber ist der Mensch so stolz, wie auf

die geistigen: beruht doch nur auf ihnen sein Vorrang vor den Tieren[R]. Ihm

entschiedene Überlegenheit in dieser Hinsicht vorzuhalten, und noch dazu vor

Zeugen, ist daher die größte Verwegenheit. Er fühlt sich dadurch zur Rache aufgefordert und wird meistens Gelegenheit suchen, diese auf dem Wege der

Beleidigung auszuführen, als wodurch er vom Gebiete der Intelligenz auf das

des Willens tritt, auf welchem wir, in dieser Hinsicht, alle gleich sind. Während

daher in der Gesellschaft Stand und Reichtum stets auf Hochachtung rechnen

dürfen, haben geistige Vorzüge solche keineswegs zu erwarten: im günstigsten

Fall werden sie ignorirt, sonst aber angesehn als eine Art Impertinenz, oder als

etwas, wozu ihr Besitzer unerlaubter Weise gekommen ist und nun sich

untersteht damit zu stolziren; wofür ihm also irgend eine anderweitige

Demütigung angedeihen zu lassen jeder im stillen beabsichtigt und nur auf die

Gelegenheit dazu paßt. Kaum wird es dem demütigsten Betragen gelingen,

Verzeihung für geistige Überlegenheit zu erbetteln. Sadi sagt im Gulistan (S. 146

der Übersetzung von Graf): »Man wisse, daß sich bei dem Unverständigen

hundertmal mehr Widerwillen gegen den Verständigen findet, als der

Verständige Abneigung gegen den Unverständigen empfindet.« – Hingegen

gereicht geistige I n f e r i o r i t ä t zur wahren Empfehlung. Denn was für den

Leib die Wärme, das ist für den Geist das wohltuende Gefühl der Überlegenheit;

daher jeder, so instinktmäßig wie dem Ofen, oder dem Sonnenschein, sich dem

Gegenstande nähert, der es ihm verheißt. Ein solcher nun ist allein der

entschieden tiefer Stehende, an Eigenschaften des Geistes, bei Männern, an

Schönheit, bei Weibern. Manchen Leuten gegenüber freilich unverstellte

Inferiorität zu beweisen – da gehört etwas dazu. Dagegen sehe man, mit welcher

herzlichen Freundlichkeit ein erträgliches Mädchen einem grundhäßlichen

entgegenkommt. Körperliche Vorzüge kommen bei Männern nicht sehr in

Betracht; wiewohl man sich doch behaglicher neben einem kleineren, als neben

einem größeren fühlt. Demzufolge also sind, unter Männern, die dummen und

unwissenden, unter Weibern die häßlichen allgemein beliebt und gesucht: sie

erlangen leicht den Ruf eines überaus guten Herzens; weil jedes für seine

Zuneigung, vor sich selbst und vor andern, eines Vorwandes bedarf. Eben

deshalb ist Geistesüberlegenheit jeder Art eine sehr isolirende Eigenschaft: sie

wird geflohen und gehaßt, und als Vorwand hiezu werden ihrem Besitzer

allerhand Fehler angedichtet[S]. Gerade so wirkt unter Weibern die Schönheit:

sehr schöne Mädchen finden keine Freundin, ja, keine Begleiterin. Zu Stellen als

Gesellschafterinnen tun sie besser sich gar nicht zu melden: denn schon bei

ihrem Vortritt verfinstert sich das Gesicht der gehofften neuen Gebieterin, als

welche, sei es für sich, oder für ihre Töchter, einer solchen Folie keineswegs

bedarf. – Hingegen verhält es sich umgekehrt mit den Vorzügen des Ranges;

weil diese nicht, wie die persönlichen, durch den Kontrast und Abstand, sondern,

wie die Farben der Umgebung auf das Gesicht, durch den Reflex wirken.

[R] Den W i l l e n , kann man sagen, hat der Mensch sich selbst gegeben, denn der i s t er

 

selbst; aber der I n t e l l e k t ist eine Ausstattung, die er vom Himmel erhalten hat, – d.

h. vom ewigen, geheimnisvollen Schicksal und dessen Notwendigkeit, deren bloßes Werkzeug seine Mutter war.

 

[S] Zum Vo r w ä r t s k o m m e n i n d e r We l t sind Freundschaften und Kamaraderien bei

weitem das Hauptmittel. Nun aber g r o ß e F ä h i g k e i t e n machen allemal stolz und dadurch wenig geeignet, denen zu schmeicheln, die nur geringe haben, ja, vor denen man deshalb die großen verhehlen und verleugnen soll. Entgegengesetzt wirkt das

Bewußtsein nur geringer Fähigkeiten: es verträgt sich vortrefflich mit der Demut, Leutseligkeit, Gefälligkeit und Respekt vor dem Schlechten, verschafft also Freunde und Gönner.

 

Das Gesagte gilt nicht bloß vom Staatsdienst, sondern auch von den Ehrenstellen, Würden, ja, dem Ruhm in der gelehrten Welt; so daß z. B. in den Akademien die liebe

Mediokrität stets oben auf ist, Leute von Verdienst spät oder nie hineinkommen, und so bei allem.

 

35. An unserm Zutrauen zu andern haben sehr oft Trägheit, Selbstsucht und

Eitelkeit den größten Anteil: Trägheit, wenn wir, um nicht selbst zu untersuchen,

zu wachen, zu tun, lieber einem andern trauen; Selbstsucht, wenn das Bedürfnis

von unsern Angelegenheiten zu reden uns verleitet, ihm etwas anzuvertrauen;

Eitelkeit, wenn es zu dem gehört, worauf wir uns etwas zu Gute tun.

Nichtsdestoweniger verlangen wir, daß man unser Zutrauen ehre.

 

Über Mißtrauen hingegen sollten wir uns nicht erzürnen: denn in demselben

liegt ein Kompliment für die Redlichkeit, nämlich das aufrichtige Bekenntnis

ihrer großen Seltenheit, infolge welcher sie zu den Dingen gehört, an deren

Existenz man zweifelt.

 

36. Von der H ö f l i c h k e i t , dieser chinesischen Kardinaltugend, habe ich den

e i n e n Grund angegeben in meiner E t h i k S. 201 (2. Aufl. 198): der andere

liegt in Folgendem. Sie ist eine stillschweigende Übereinkunft, gegenseitig die

moralisch und intellektuell elende Beschaffenheit von einander zu ignoriren und

sie sich nicht vorzurücken; – wodurch diese, zu beiderseitigem Vorteil, etwas

weniger leicht zutage kommt.

 

Höflichkeit ist Klugheit; folglich ist Unhöflichkeit Dummheit: sich mittelst ihrer unnötiger und mutwilliger Weise Feinde machen ist Raserei, wie wenn man

sein Haus in Brand steckt. Denn Höflichkeit ist, wie die Rechenpfennige, eine

offenkundig falsche Münze: mit einer solchen sparsam zu sein, beweist

Unverstand; hingegen Freigebigkeit mit ihr Verstand. Alle Nationen schließen

den Brief mit votre très-humble serviteur, – your most obedient servant, – suo

devotissimo servo: bloß die Deutschen halten mit dem »Diener« zurück, – weil

es ja doch nicht wahr sei –! Wer hingegen die Höflichkeit bis zum Opfern realer

Interessen treibt, gleicht dem, der echte Goldstücke statt Rechenpfennige gäbe. –

Wie das Wachs, von Natur hart und spröde, durch ein wenig Wärme so

geschmeidig wird, daß es jede beliebige Gestalt annimmt; so kann man selbst

störrische und feindselige Menschen, durch etwas Höflichkeit und

Freundlichkeit, biegsam und gefällig machen. Sonach ist die Höflichkeit dem

Menschen, was die Wärme dem Wachs.

 

Eine schwere Aufgabe ist freilich die Höflichkeit insofern, als sie verlangt, daß

wir allen Leuten die größte Achtung bezeugen, während die allermeisten keine

verdienen; sodann, daß wir den lebhaftesten Anteil an ihnen simuliren, während

wir froh sein müssen, keinen an ihnen zu haben. – Höflichkeit mit Stolz zu

vereinigen ist ein Meisterstück. –

 

Wir würden bei Beleidigungen, als welche eigentlich immer in Äußerungen der

Nichtachtung bestehn, viel weniger aus der Fassung geraten, wenn wir nicht

einerseits eine ganz übertriebene Vorstellung von unserm hohen Wert und

Würde, also einen ungemessenen Hochmut hegten, und andrerseits uns deutlich

gemacht hätten, was in der Regel jeder vom andern, in seinem Herzen, hält und

denkt. Welch ein greller Kontrast ist doch zwischen der Empfindlichkeit der

meisten Leute über die leiseste Andeutung eines sie treffenden Tadels und dem,

was sie hören würden, wenn sie die Gespräche ihrer Bekannten über sie

belauschten! – Wir sollten vielmehr uns gegenwärtig erhalten, daß die

gewöhnliche Höflichkeit nur eine grinsende Maske ist: dann würden wir nicht

Zeter schreien, wenn sie einmal sich etwas verschiebt, oder auf einen

Augenblick abgenommen wird. Wann aber gar einer geradezu grob wird, da ist

es, als hätte er die Kleider abgeworfen und stände in puris naturalibus da.

Freilich nimmt er sich dann, wie die meisten Menschen in diesem Zustande,

schlecht aus.

 

37. Für sein Tun und Lassen darf man keinen andern zum Muster nehmen; weil

Lage, Umstände, Verhältnisse nie die gleichen sind, und weil die

Verschiedenheit des Charakters auch der Handlung einen verschiedenen Anstrich gibt, daher duo cum faciunt idem, non est idem. Man muß, nach reiflicher

Überlegung und scharfem Nachdenken, seinem eigenen Charakter gemäß

handeln. Also auch im P r a k t i s c h e n ist O r i g i n a l i t ä t unerläßlich: sonst

paßt was man tut, nicht zu dem, was man ist.

 

38. Man bestreite keines Menschen Meinung; sondern bedenke, daß, wenn man

alle Absurditäten, die er glaubt, ihm ausreden wollte, man Methusalems Alter

erreichen könnte, ohne damit fertig zu werden.

 

Auch aller, selbst noch so wohlgemeinter, korrektioneller Bemerkungen soll

man, im Gespräche, sich enthalten: denn die Leute zu kränken ist leicht, sie zu

bessern schwer, wo nicht unmöglich.

 

Wenn die Absurditäten eines Gesprächs, welches wir anzuhören im Falle sind,

anfangen uns zu ärgern, müssen wir uns denken, es wäre eine Komödienszene

zwischen zwei Narren. Probatum est. – Wer auf die Welt gekommen ist, sie

ernstlich und in den wichtigsten Dingen zu b e l e h r e n , der kann von Glück

sagen, wenn er mit heiler Haut davonkommt.

 

39. Wer da will, daß sein Urteil Glauben finde, spreche es kalt und ohne

Leidenschaftlichkeit aus. Denn alle Heftigkeit entspringt aus dem Willen: daher

wird man d i e s e m und nicht der Erkenntnis, die ihrer Natur nach kalt ist, das

Urteil zuschreiben. Weil nämlich das Radikale im Menschen der Wille, die

Erkenntnis aber bloß sekundär und hinzugekommen ist; so wird man eher

glauben, daß das Urteil aus dem erregten Willen, als daß die Erregung des

Willens bloß aus dem Urteil entsprungen sei.

 

40. Auch beim besten Rechte dazu lasse man sich nicht zum Selbstlobe

verführen. Denn die Eitelkeit ist eine so gewöhnliche, das Verdienst aber eine so

ungewöhnliche Sache, daß, so oft wir, wenn auch nur indirekt, uns selbst zu

loben scheinen, jeder hundert gegen eins wettet, daß, was aus uns redet die

Eitelkeit sei, der es am Verstande gebricht, das Lächerliche der Sache einzusehn.

– Jedoch mag, bei allem dem, Bako von Verulam nicht ganz Unrecht haben,

wenn er sagt, daß das semper aliquid haeret, wie von der Verläumdung, so auch

vom Selbstlobe gelte, und daher dieses, in mäßigen Dosen, empfiehlt.

 

41. Wenn man argwöhnt, daß einer lüge, stelle man sich gläubig: da wird er

dreist, lügt stärker und ist entlarvt. Merkt man hingegen, daß eine Wahrheit, die

er verhehlen möchte, ihm zum Teil entschlüpft, so stelle man sich darüber ungläubig, damit er, durch den Widerspruch provozirt, die Arriergarde der

ganzen Wahrheit nachrücken lasse.

 

42. Unsere sämtlichen persönlichen Angelegenheiten haben wir als

Geheimnisse zu betrachten, und unsern guten Bekannten müssen wir, über das

hinaus, was sie mit eigenen Augen sehn, völlig fremd bleiben. Denn ihr Wissen

um die unschuldigsten Dinge kann, durch Zeit und Umstände, uns Nachteil

bringen. – Überhaupt ist es geratener seinen Verstand durch das, was man

verschweigt, an den Tag zu legen, als durch das, was man sagt. Ersteres ist Sache

der Klugheit, letzteres der Eitelkeit. Die Gelegenheit zu beiden kommt gleich

oft: aber wir ziehn häufig die flüchtige Befriedigung, welche das letztere

gewährt, dem dauernden Nutzen vor, welchen das erstere bringt. Sogar die

Herzenserleichterung, einmal ein Wort mit sich selbst laut zu reden, was

lebhaften Personen wohl begegnet, sollte man sich versagen, damit sie nicht zur

Gewohnheit werde; weil dadurch der Gedanke mit dem Worte so befreundet und

verbrüdert wird, daß allmälig auch das Sprechen mit andern ins laute Denken

übergeht; während die Klugheit gebeut, daß zwischen unserm Denken und

unserm Reden eine weite Kluft offen gehalten werde.

 

Bisweilen meinen wir, daß andere etwas uns betreffendes durchaus nicht

glauben können; während ihnen gar nicht einfällt, es zu bezweifeln: machen wir

jedoch, daß ihnen dies einfällt, dann können sie es auch nicht mehr glauben.

Aber wir verraten uns oft bloß, weil wir wähnen, es sei unmöglich, daß man das

nicht merke; – wie wir uns von einer Höhe hinabstürzen, aus Schwindel, d. h.

durch den Gedanken, es sei unmöglich, hier fest zu stehen, die Qual aber, hier zu

stehn, sei so groß, daß es besser sei, sie abzukürzen: dieser Wahn heißt

Schwindel.

 

Andrerseits wieder soll man wissen, daß die Leute, selbst die, welche sonst

keinen besondern Scharfsinn verraten, vortreffliche Algebristen in den

persönlichen Angelegenheiten anderer sind, woselbst sie, mittelst einer einzigen

gegebenen Größe, die verwickeltesten Aufgaben lösen. Wenn man z. B. ihnen

eine ehemalige Begebenheit, unter Weglassung aller Namen und sonstiger

Bezeichnung der Personen erzählt; so soll man sich hüten, dabei ja nicht irgend

einen ganz positiven und individuellen Umstand, sei er auch noch so gering, mit

einzuführen, wie etwan einen Ort, oder Zeitpunkt, oder den Namen einer

Nebenperson, oder sonst etwas auch nur unmittelbar damit

Zusammenhängendes: denn daran haben sie sogleich eine positiv gegebene

Größe, mittelst deren ihr algebraischer Scharfsinn alles Übrige herausbringt. Die Begeisterung der Neugier nämlich ist hier so groß, daß, kraft derselben, der

Wille dem Intellekt die Sporen in die Seite setzt, welcher nun dadurch bis zur

Erreichung der entlegensten Resultate getrieben wird. Denn so unempfänglich

und gleichgültig die Leute gegen a l l g e m e i n e Wahrheiten sind, so erpicht

sind sie auf individuelle.

 

Dem allen gemäß ist denn auch die Schweigsamkeit von sämtlichen Lehrern

der Weltklugheit auf das dringendeste und mit den mannigfaltigsten Argumenten

anempfohlen worden; daher ich es bei dem Gesagten bewenden lassen kann.

Bloß ein paar arabischer Maximen, welche besonders eindringlich und wenig

bekannt sind, will ich noch hersetzen. »Was dein Feind nicht wissen soll, das

sage deinem Freunde nicht.« – »Wenn ich mein Geheimnis verschweige, ist es

mein Gefangener: lasse ich es entschlüpfen, bin ich sein Gefangener.« – »Am

Baume des Schweigens hängt seine Frucht, der Friede.«

 

43. Kein Geld ist vorteilhafter angewandt, als das, um welches wir uns haben

prellen lassen: denn wir haben dafür unmittelbar Klugheit eingehandelt.

 

44. Man soll, wo möglich, gegen niemanden Animosität hegen, jedoch die

procédés eines jeden sich wohl merken und im Gedächtnis behalten, um danach

den Wert desselben, wenigstens hinsichtlich unserer, festzustellen und

demgemäß unser Verhalten und Betragen gegen ihn zu regeln, – stets überzeugt

von der Unveränderlichkeit des Charakters: einen schlechten Zug eines

Menschen jemals vergessen, ist, wie wenn man schwer erworbenes Geld

wegwürfe. – So aber schützt man sich vor törichter Vertraulichkeit und törichter

Freundschaft. –

 

»Weder lieben noch hassen« enthält die Hälfte aller Weltklugheit: »nichts sagen

und nichts glauben« die andere Hälfte. Freilich aber wird man einer Welt,

welche Regeln, wie diese und die nächstfolgenden nötig macht, gern den Rücken

kehren.

 

45. Zorn oder Haß in Worten oder Mienen blicken zu lassen ist unnütz, ist

gefährlich, ist unklug, ist lächerlich, ist gemein. Man darf also Zorn oder Haß nie

anders zeigen als in Taten. Letzteres wird man um so vollkommener können, als

man ersteres vollkommener vermieden hat. – Die kaltblütigen Tiere allein sind

die giftigen.

 

46. Parler sans accent: diese alte Regel der Weltleute bezweckt, daß man dem Verstande der andern überlasse herauszufinden, was man gesagt hat: der ist

langsam, und ehe er fertig geworden, ist man davon. Hingegen parler avec

accent heißt zum Gefühle reden; wo denn alles umgekehrt ausfällt. Manchem

kann man, mit höflicher Gebärde und freundlichem Ton, sogar wirkliche

Sottisen sagen, ohne unmittelbare Gefahr.