Aphorismen zur Lebensweisheit

Arthur Schopenhauer · Kapitel 4 von 13

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Aphorismen zur Lebensweisheit

Kapitel I. Grundeinteilung.

Kapitel I.

 

Grundeinteilung.

 

Aristoteles hat (Eth. Nicom. I, 8) die Güter des menschlichen Lebens in drei

Klassen geteilt, – die äußeren, die der Seele und die des Leibes. Hievon nun

nichts als die Dreizahl beibehaltend, sage ich, daß was den Unterschied im Lose

der Sterblichen begründet sich auf drei Grundbestimmungen zurückführen läßt.

Sie sind:

 

1. Was einer i s t : also die Persönlichkeit, im weitesten Sinne. Sonach ist

hierunter Gesundheit, Kraft, Schönheit, Temperament, moralischer Charakter,

Intelligenz und Ausbildung derselben begriffen.

 

2. Was einer h a t : also Eigentum und Besitz in jeglichem Sinne.

 

3. Was einer v o r s t e l l t : unter diesem Ausdruck wird bekanntlich verstanden,

was er in der Vorstellung anderer ist, also eigentlich, wie er von ihnen

v o r g e s t e l l t w i r d. Es besteht demnach in ihrer Meinung von ihm, und

zerfällt in Ehre, Rang und Ruhm.

 

Die unter der ersten Rubrik zu betrachtenden Unterschiede sind solche, welche

die Natur selbst zwischen Menschen gesetzt hat; woraus sich schon abnehmen

läßt, daß der Einfluß derselben auf ihr Glück, oder Unglück, viel wesentlicher

und durchgreifender sein werde, als was die bloß aus menschlichen

Bestimmungen hervorgehenden, unter den zwei folgenden Rubriken

angegebenen Verschiedenheiten herbeiführen. Z u d e n e c h t e n

p e r s ö n l i c h e n Vo r z ü g e n, dem großen Geiste oder großen Herzen,

verhalten sich alle Vorzüge des Ranges, der Geburt, selbst der königlichen, des

Reichtums u. dgl. wie die Theater-Könige zu den wirklichen. Schon

M e t r o d o r u s , der erste Schüler Epikurs, hat ein Kapitel überschrieben: περι

του μειζονα εἰναι την παρ’ ἡμας αἰτιαν προς εὐδαιμονιαν της ἐκ των πραγματων.

(Majorem esse causam ad felicitatem eam, quae est ex nobis, eâ, quae ex rebus

oritur. – Vgl. Clemens Alex. Strom. II, 21, p. 362 der Würzburger Ausgabe der

opp. polem.) Und allerdings ist für das Wohlsein des Menschen, ja, für die ganze

Weise seines Daseins, die Hauptsache offenbar das, was in ihm selbst besteht oder vergeht. Hier nämlich liegt unmittelbar sein inneres Behagen oder

Unbehagen, als welches zunächst das Resultat seines Empfindens, Wollens und

Denkens ist; während alles außerhalb Gelegene doch nur mittelbar darauf

Einfluß hat. Daher affiziren dieselben äußern Vorgänge oder Verhältnisse jeden

ganz anders, und bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer andern Welt.

Denn nur mit seinen eigenen Vorstellungen, Gefühlen und Willensbewegungen

hat er es unmittelbar zu tun: die Außendinge haben nur, sofern sie diese

veranlassen, Einfluß auf ihn. Die Welt, in der jeder lebt, hängt zunächst ab von

seiner Auffassung derselben, richtet sich daher nach der Verschiedenheit der

Köpfe: dieser gemäß wird sie arm, schal und flach, oder reich, interessant und

bedeutungsvoll ausfallen. Während z. B. mancher den andern beneidet um die

interessanten Begebenheiten, die ihm in seinem Leben aufgestoßen sind, sollte er

ihn vielmehr um die Auffassungsgabe beneiden, welche jenen Begebenheiten die

Bedeutsamkeit verlieh, die sie in seiner Beschreibung haben: denn dieselbe

Begebenheit, welche in einem geistreichen Kopfe sich so interessant darstellt,

würde, von einem flachen Alltagskopf aufgefaßt, auch nur eine schale Szene aus

der Alltagswelt sein. Im höchsten Grade zeigt sich dies bei manchen Gedichten

Goethes und Byrons, denen offenbar reale Vorgänge zum Grunde liegen: ein

törichter Leser ist imstande, dabei den Dichter um die allerliebste Begebenheit

zu beneiden, statt um die mächtige Phantasie, welche aus einem ziemlich

alltäglichen Vorfall etwas so Großes und Schönes zu machen fähig war.

Desgleichen sieht der Melancholikus eine Trauerspielszene, wo der Sanguinikus

nur einen interessanten Konflikt und der Phlegmatikus etwas Unbedeutendes vor

sich hat. Dies alles beruht darauf, daß jede Wirklichkeit, d. h. jede erfüllte

Gegenwart, aus zwei Hälften besteht, dem Subjekt und dem Objekt, wiewohl in

so notwendiger und enger Verbindung wie Oxygen und Hydrogen im Wasser.

Bei völlig gleicher objektiver Hälfte, aber verschiedener subjektiver, ist daher, so

gut wie im umgekehrten Fall, die gegenwärtige Wirklichkeit eine ganz andere:

die schönste und beste objektive Hälfte bei stumpfer, schlechter subjektiver, gibt

doch nur eine schlechte Wirklichkeit und Gegenwart; gleich einer schönen

Gegend in schlechtem Wetter, oder im Reflex einer schlechten Camera obscura.

Oder planer zu reden: Jeder steckt in seinem Bewußtsein wie in seiner Haut, und

lebt unmittelbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen.

Auf der Bühne spielt einer den Fürsten, ein anderer den Rat, ein Dritter den

Diener oder den Soldaten, oder den General usf. Aber diese Unterschiede sind

bloß im Äußern vorhanden, im Innern, als Kern einer solchen Erscheinung,

steckt bei allen dasselbe: ein armer Komödiant, mit seiner Plage und Not. Im

Leben ist es auch so. Die Unterschiede des Ranges und Reichtums geben jedem

seine Rolle zu spielen; aber keineswegs entspricht dieser eine innere Verschiedenheit des Glücks und Behagens, sondern auch hier steckt in jedem

derselbe arme Tropf, mit seiner Not und Plage, die wohl dem Stoffe nach bei

jedem eine andere ist, aber der Form, d. h. dem eigentlichen Wesen nach, so

ziemlich bei allen dieselbe; wenn auch mit Unterschieden des Grades, die sich

aber keineswegs nach Stand und Reichtum, d. h. nach der Rolle richten. Weil

nämlich alles, was für den Menschen da ist und vorgeht, unmittelbar immer nur

in seinem B e w u ß t s e i n da ist und für dieses vorgeht; so ist offenbar die

Beschaffenheit des Bewußtseins selbst zunächst das Wesentliche, und auf

dieselbe kommt, in den meisten Fällen, mehr an, als auf die Gestalten, die darin

sich darstellen. Alle Pracht und Genüsse, abgespiegelt im dumpfen Bewußtsein

eines Tropfs, sind sehr arm gegen das Bewußtsein des C e r v a n t e s , als er in

einem unbequemen Gefängnisse den Don Quijote schrieb. – Die objektive Hälfte

der Gegenwart und Wirklichkeit steht in der Hand des Schicksals und ist

demnach veränderlich: die subjektive sind wir selbst; daher sie im wesentlichen

unveränderlich ist. Demgemäß trägt das Leben jedes Menschen, trotz aller

Abwechselung von außen, durchgängig denselben Charakter und ist einer Reihe

Variationen auf e i n Thema zu vergleichen. Aus seiner Individualität kann

keiner heraus. Und wie das Tier unter allen Verhältnissen, in die man es setzt,

auf den engen Kreis beschränkt bleibt, den die Natur seinem Wesen

unwiderruflich gezogen hat, weshalb z. B. unsere Bestrebungen, ein geliebtes

Tier zu beglücken, eben wegen jener Grenzen seines Wesens und Bewußtseins,

stets innerhalb enger Schranken sich halten müssen; – so ist es auch mit dem

Menschen: durch seine Individualität ist das Maß seines möglichen Glückes zum

voraus bestimmt. Besonders haben die Schranken seiner Geisteskräfte seine

Fähigkeit für erhöhten Genuß ein für allemal festgestellt. Sind sie eng, so werden

alle Bemühungen von außen, alles, was Menschen, alles, was das Glück für ihn

tut, nicht vermögen, ihn über das Maß des gewöhnlichen, halb tierischen

Menschenglücks und Behagens hinaus zu führen: auf Sinnengenuß, trauliches

und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit und vulgären Zeitvertreib

bleibt er angewiesen: sogar die Bildung vermag im ganzen, zur Erweiterung

jenes Kreises, nicht gar viel, wenn gleich etwas. Denn die höchsten, die

mannigfaltigsten und die anhaltendsten Genüsse sind die geistigen; wie sehr

auch wir, in der Jugend, uns darüber täuschen mögen; diese aber hängen

hauptsächlich von der geistigen Kraft ab. – Hieraus also ist klar, wie sehr unser

Glück abhängt von dem, was wir s i n d , von unserer Individualität; während

man meistens nur unser Schicksal, nur das, was wir h a b e n , oder was wir

v o r s t e l l e n , in Anschlag bringt. Das Schicksal aber kann sich bessern: zudem

wird man, bei innerm Reichtum, von ihm nicht viel verlangen: hingegen ein

Tropf bleibt ein Tropf, ein stumpfer Klotz ein stumpfer Klotz, bis an sein Ende, und wäre er im Paradiese und von Huris umgeben. Deshalb sagt Goethe:

 

Volk und Knecht und Überwinder,

Sie gestehn, zu jeder Zeit,

Höchstes Glück der Erdenkinder

Sei nur die Persönlichkeit.

 

W. O . D i v a n .

 

Daß für unser Glück und unsern Genuß das Subjektive ungleich wesentlicher

als das Objektive sei, bestätigt sich in allem: von dem an, daß Hunger der beste

Koch ist und der Greis die Göttin des Jünglings gleichgültig ansieht, bis hinauf

zum Leben des Genies und des Heiligen. Besonders überwiegt die Gesundheit

alle äußern Güter so sehr, daß wahrlich ein gesunder Bettler glücklicher ist als

ein kranker König. Ein aus vollkommener Gesundheit und glücklicher

Organisation hervorgehendes, ruhiges und heiteres Temperament, ein klarer,

lebhafter, eindringender und richtig fassender Verstand, ein gemäßigter, sanfter

Wille und demnach ein gutes Gewissen, dies sind Vorzüge, die kein Rang oder

Reichtum ersetzen kann. Denn was einer für sich selbst ist, was ihn in die

Einsamkeit begleitet und was keiner ihm geben oder nehmen kann, ist offenbar

für ihn wesentlicher als alles, was er besitzen, oder auch, was er in den Augen

anderer sein mag. Ein geistreicher Mensch hat, in gänzlicher Einsamkeit, an

seinen eigenen Gedanken und Phantasien vortreffliche Unterhaltung, während

von einem Stumpfen die fortwährende Abwechselung von Gesellschaften,

Schauspielen, Ausfahrten und Lustbarkeiten, die marternde Langeweile nicht

abzuwehren vermag. Ein guter, gemäßigter, sanfter Charakter kann unter

dürftigen Umständen zufrieden sein; während ein begehrlicher, neidischer oder

böser es bei allem Reichtum nicht ist. Nun aber gar dem, welcher beständig den

Genuß einer außerordentlichen, geistig eminenten Individualität hat, sind die

meisten der allgemein angestrebten Genüsse ganz überflüssig, ja, nur störend

und lästig. Daher sagt Horaz von sich:

 

Gemmas, marmor, ebur, Thyrrhena sigilla, tabellas,

Argentum, vestes Gaetulo murice tinctas,

Sunt qui non habeant, est qui non curat habere;

 

und Sokrates sagte, beim Anblick zum Verkauf ausgelegter Luxusartikel: »Wie vieles gibt es doch, was ich nicht nötig habe.« Für unser Lebensglück ist

demnach das, was wir s i n d , die Persönlichkeit, durchaus das Erste und

Wesentlichste; – schon weil sie beständig und unter allen Umständen wirksam

ist: zudem aber ist sie nicht, wie die Güter der zwei andern Rubriken, dem

Schicksal unterworfen, und kann uns nicht entrissen werden. Ihr Wert kann

insofern ein absoluter heißen, im Gegensatz des bloß relativen der beiden

andern. Hieraus nun folgt, daß dem Menschen von außen viel weniger

beizukommen ist, als man wohl meint. Bloß die allgewaltige Zeit übt auch hier

ihr Recht: ihr unterliegen allmählich die körperlichen und geistigen Vorzüge: der

moralische Charakter allein bleibt auch ihr unzugänglich. In dieser Hinsicht

hätten denn freilich die Güter der zwei letztern Rubriken, als welche die Zeit

unmittelbar nicht raubt, vor denen der ersten einen Vorzug. Einen zweiten könnte

man darin finden, daß sie, als im Objektiven gelegen, ihrer Natur nach,

erreichbar sind und jedem wenigstens die Möglichkeit vorliegt, in ihren Besitz

zu gelangen; während hingegen das Subjektive gar nicht in unsere Macht

gegeben ist, sondern jure divino eingetreten, für das ganze Leben unveränderlich

feststeht; so daß hier unerbittlich der Ausspruch gilt:

 

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,

Bist alsobald und fort und fort gediehen

Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.

So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,

So sagten schon Sibyllen, so Propheten;

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

 

G o e t h e .

 

Das Einzige, was in dieser Hinsicht in unserer Macht steht, ist, daß wir die

gegebene Persönlichkeit zum möglichsten Vorteile benutzen, demnach nur die

ihr entsprechenden Bestrebungen verfolgen und uns um die Art von Ausbildung

bemühen, die ihr gerade angemessen ist, jede andere aber meiden, folglich den

Stand, die Beschäftigung, die Lebensweise wählen, welche zu ihr passen.

 

Ein herkulischer, mit ungewöhnlicher Muskelkraft begabter Mensch, der durch

äußere Verhältnisse genötigt ist, einer sitzenden Beschäftigung, einer

kleinlichen, peinlichen Handarbeit obzuliegen, oder auch Studien und Kopfarbeiten zu treiben, die ganz anderartige, bei ihm zurückstehende Kräfte

erfordern, folglich gerade die bei ihm ausgezeichneten Kräfte unbenutzt zu

lassen, der wird sich zeitlebens unglücklich fühlen; noch mehr aber der, bei dem

die intellektuellen Kräfte sehr überwiegend sind, und der sie unentwickelt und

ungenutzt lassen muß, um ein gemeines Geschäft zu treiben, das ihrer nicht

bedarf, oder gar körperliche Arbeit, zu der seine Kraft nicht recht ausreicht.

Jedoch ist hier, zumal in der Jugend, die Klippe der Präsumtion zu vermeiden,

daß man sich nicht ein Übermaß von Kräften zuschreibe, welches man nicht hat.

 

Aus dem entschiedenen Übergewicht unsrer ersten Rubrik über die beiden

andern geht aber auch hervor, daß es weiser ist, auf Erhaltung seiner Gesundheit

und auf Ausbildung seiner Fähigkeiten, als auf Erwerbung von Reichtum

hinzuarbeiten; was jedoch nicht dahin mißdeutet werden darf, daß man den

Erwerb des Nötigen und Angemessenen vernachlässigen sollte. Aber

eigentlicher Reichtum, d. h. großer Überfluß, vermag wenig zu unserm Glück;

daher viele Reiche sich unglücklich fühlen, weil sie ohne eigentliche

Geistesbildung, ohne Kenntnisse und deshalb ohne irgend ein objektives

Interesse, welches sie zu geistiger Beschäftigung befähigen könnte, sind. Denn

was der Reichtum über die Befriedigung der wirklichen und natürlichen

Bedürfnisse hinaus noch leisten kann, ist von geringem Einfluß auf unser

eigentliches Wohlbehagen: vielmehr wird dieses gestört durch die vielen und

unvermeidlichen Sorgen, welche die Erhaltung eines großen Besitzes

herbeiführt. Dennoch sind die Menschen aber tausend Mal mehr bemüht, sich

Reichtum, als Geistesbildung zu erwerben; während doch ganz gewiß, was man

i s t , viel mehr zu unserm Glücke beiträgt, als was man h a t . Gar manchen daher

sehn wir, in rastloser Geschäftigkeit, emsig wie die Ameise, vom Morgen bis

zum Abend bemüht, den schon vorhandenen Reichtum zu vermehren. Über den

engen Gesichtskreis des Bereichs der Mittel hiezu hinaus kennt er nichts: sein

Geist ist leer, daher für alles andere unempfänglich. Die höchsten Genüsse, die

geistigen, sind ihm unzugänglich: durch die flüchtigen, sinnlichen, wenig Zeit,

aber viel Geld kostenden, die er zwischendurch sich erlaubt, sucht er vergeblich

jene anderen zu ersetzen. Am Ende seines Lebens hat er dann, als Resultat

desselben, wenn das Glück gut war, wirklich einen recht großen Haufen Geld

vor sich, welchen noch zu vermehren, oder aber durchzubringen, er jetzt seinen

Erben überläßt. Ein solcher, wiewohl mit gar ernsthafter und wichtiger Miene

durchgeführter Lebenslauf ist daher ebenso töricht, wie mancher andere, der

geradezu die Schellenkappe zum Symbol hatte.

 

Also was einer a n s i c h s e l b e r h a t, ist zu seinem Lebensglücke das Wesentlichste. Bloß weil dieses, in der Regel, so gar wenig ist, fühlen die

meisten von denen, welche über den Kampf mit der Not hinaus sind, sich im

Grunde ebenso unglücklich, wie die, welche sich noch darin herumschlagen. Die

Leere ihres Innern, das Fade ihres Bewußtseins, die Armut ihres Geistes treibt

sie zur Gesellschaft, die nun aber aus eben solchen besteht; weil similis simili

gaudet. Da wird dann gemeinschaftlich Jagd gemacht auf Kurzweil und

Unterhaltung, die sie zunächst in sinnlichen Genüssen, in Vergnügungen jeder

Art und endlich in Ausschweifungen suchen. Die Quelle der heillosen

Verschwendung, mittelst welcher so mancher, reich ins Leben tretende

Familiensohn, sein großes Erbteil, oft in unglaublich kurzer Zeit, durchbringt, ist

wirklich keine andere, als nur die Langeweile, welche aus der eben geschilderten

Armut und Leere des Geistes entspringt. So ein Jüngling war äußerlich reich,

aber innerlich arm in die Welt geschickt und strebte nun vergeblich, durch den

äußern Reichtum den innern zu ersetzen, indem er alles v o n a u ß e n

empfangen wollte, – den Greisen analog, welche sich durch die Ausdünstung

junger Mädchen zu stärken suchen. Dadurch führte denn am Ende die innere

Armut auch noch die äußere herbei.

 

Die Wichtigkeit der beiden andern Rubriken der Güter des menschlichen

Lebens brauche ich nicht hervorzuheben. Denn der Wert des Besitzes ist

heutzutage so allgemein anerkannt, daß er keiner Empfehlung bedarf. Sogar hat

die dritte Rubrik, gegen die zweite, eine sehr ätherische Beschaffenheit; da sie

bloß in der Meinung anderer besteht. Jedoch nach Ehre, d. h. gutem Namen, hat

jeder zu streben, nach Rang schon nur die, welche dem Staate dienen, und nach

Ruhm gar nur äußerst wenige. Indessen wird die Ehre als ein unschätzbares Gut

angesehen, und der Ruhm als das Köstlichste, was der Mensch erlangen kann,

das goldene Vlies der Auserwählten: hingegen den Rang werden nur Toren dem

Besitze vorziehen. Die zweite und dritte Rubrik stehn übrigens in sogenannter

Wechselwirkung; sofern das habes, habeberis des Petronius seine Richtigkeit

hat, und, umgekehrt, die günstige Meinung anderer, in allen ihren Formen, oft

zum Besitze verhilft.