Aphorismen zur Lebensweisheit
D. Unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal betreffend.
D. Unser Verhalten gegen den Weltlauf und das Schicksal
betreffend.
47. Welche Form auch das menschliche Leben annehme; es sind immer
dieselben Elemente, und daher ist es im wesentlichen überall dasselbe, es mag in
der Hütte oder bei Hofe, im Kloster oder bei der Armee geführt werden. Mögen
seine Begebenheiten, Abenteuer, Glücks- und Unglücksfälle noch so
mannigfaltig sein; so ist es doch damit wie mit der Zuckerbäckerware. Es sind
viele und vielerlei gar krause und bunte Figuren: aber alles ist aus einem Teig
geknetet; und was dem einen begegnet, ist dem, was dem andern widerfuhr, viel
ähnlicher, als dieser beim Erzählenhören denkt. Auch gleichen die Vorgänge
unsers Lebens den Bildern im Kaleidoskop, in welchem wir bei jeder Drehung
etwas anderes sehn, eigentlich aber immer das Selbe vor Augen haben.
48. Drei Weltmächte gibt es, sagt, sehr treffend, ein Alter: συνεσις, κρατος, και
τυχη, Klugheit, Stärke und Glück. Ich glaube, daß die zuletzt genannte am
meisten vermag. Denn unser Lebensweg ist dem Lauf eines Schiffes zu
vergleichen. Das Schicksal, die τυχη die secunda aut adversa fortuna, spielt die
Rolle des Windes, indem sie uns schnell weit fördert oder weit zurückwirft;
wogegen unser eigenes Mühen und Treiben nur wenig vermag. Dieses nämlich
spielt dabei die Rolle der Ruder: wenn solche, durch viele Stunden langes
Arbeiten, uns eine Strecke vorwärts gebracht haben, wirft ein plötzlicher
Windstoß uns ebenso weit zurück. Ist er hingegen günstig, so fördert er uns
dermaßen, daß wir der Ruder nicht bedürfen. Diese Macht des Glückes drückt
unübertrefflich ein spanisches Sprichwort aus: da ventura a tu hijo, y echa lo en
el mar (gib deinem Sohne Glück und wirf ihn ins Meer).
Wohl ist der Zufall eine böse Macht, der man so wenig wie möglich
anheimstellen soll. Jedoch wer ist, unter allen Gebern, der einzige, welcher,
indem er gibt, uns zugleich aufs deutlichste zeigt, daß wir gar keine Ansprüche
auf seine Gaben haben, daß wir solche durchaus nicht unserer Würdigkeit,
sondern ganz allein seiner Güte und Gnade zu danken haben, und daß wir eben
hieraus die freudige Hoffnung schöpfen dürfen, noch ferner manche unverdiente
Gabe demutsvoll zu empfangen? – Es ist der Zufall: er, der die königliche Kunst
versteht, einleuchtend zu machen, daß gegen seine Gunst und Gnade alles Verdienst ohnmächtig ist und nichts gilt. –
Wenn man auf seinen Lebensweg zurücksieht, den »labyrintisch irren Lauf«
desselben überschaut und nun so manches verfehlte Glück, so manches
herbeigezogene Unglück sehen muß; so kann man in Vorwürfen gegen sich
selbst leicht zu weit gehn. Denn unser Lebenslauf ist keineswegs schlechthin
unser eigenes Werk; sondern das Produkt zweier Faktoren, nämlich der Reihe
der Begebenheiten und der Reihe unserer Entschlüsse, welche stets in einander
greifen und sich gegenseitig modifiziren. Hiezu kommt noch, daß in beiden
unser Horizont immer sehr beschränkt ist, indem wir unsere Entschlüsse nicht
schon von weitem vorhersagen und noch weniger die Begebenheiten
voraussehen können, sondern von beiden uns eigentlich nur die gegenwärtigen
recht bekannt sind. Deshalb können wir, so lange unser Ziel noch fern liegt, nicht
einmal gerade darauf hinsteuern; sondern nur approximativ und nach
Mutmaßungen unsere Richtung dahin lenken, müssen also oft lawiren. Alles
nämlich, was wir vermögen, ist, unsere Entschlüsse allezeit nach Maßgabe der
gegenwärtigen Umstände zu fassen, in der Hoffnung, es so zu treffen, daß es uns
dem Hauptziel näher bringe. So sind denn meistens die Begebenheiten und
unsere Grundabsichten zweien, nach verschiedenen Seiten ziehenden Kräften zu
vergleichen und die daraus entstehende Diagonale ist unser Lebenslauf. –
Te r e n z hat gesagt: in vita est hominum quasi cum ludas tesseris: si illud, quod
maxime opus est jactu, non cadit, illud quod cecidit forte, id arte ut corrigas;
wobei er eine Art Triktrak vor Augen gehabt haben muß. Kürzer können wir
sagen: das Schicksal mischt die Karten und wir spielen. Meine gegenwärtige
Betrachtung auszudrücken, wäre aber folgendes Gleichnis am geeignetesten. Es
ist im Leben wie im Schachspiel: wir entwerfen einen Plan, dieser bleibt jedoch
bedingt durch das, was im Schachspiel dem Gegner, im Leben dem Schicksal, zu
tun belieben wird. Die Modifikationen, welche hierdurch unser Plan erleidet,
sind meistens so groß, daß er in der Ausführung kaum noch an einigen
Grundzügen zu erkennen ist.
Übrigens gibt es in unserm Lebenslaufe noch etwas, welches über das alles
hinausliegt. Es ist nämlich eine triviale und nur zu häufig bestätigte Wahrheit,
daß wir oft törichter sind als wir glauben: hingegen ist, daß wir oft weiser sind,
als wir selbst vermeinen, eine Entdeckung, welche nur die, so in dem Fall
gewesen, und selbst dann erst spät, machen. Es gibt etwas Weiseres in uns, als
der Kopf ist. Wir handeln nämlich, bei den großen Zügen, den Hauptschritten
unsers Lebenslaufes, nicht sowohl nach deutlicher Erkenntnis des Rechten, als
nach einem innern Impuls, man möchte sagen Instinkt, der aus dem tiefsten Grunde unsers Wesens kommt, und bemäkeln nachher unser Tun nach
deutlichen, aber auch dürftigen, erworbenen, ja, erborgten Begriffen, nach
allgemeinen Regeln, fremdem Beispiele usw., ohne das »Eines schickt sich nicht
für alle« genugsam zu erwägen; da werden wir leicht ungerecht gegen uns selbst.
Aber am Ende zeigt es sich, wer Recht gehabt hat; und nur das glücklich
erreichte Alter ist, subjektiv und objektiv, befähigt, die Sache zu beurteilen.
Vielleicht steht jener innere Impuls unter uns unbewußter Leitung
prophetischer, beim Erwachen vergessener Träume, die eben dadurch unserm
Leben die Gleichmäßigkeit des Tones und die dramatische Einheit erteilen, die
das so oft schwankende und irrende, so leicht umgestimmte Gehirnbewußtsein
ihm zu geben nicht vermöchte, und infolge welcher z. B. der zu großen
Leistungen einer bestimmten Art Berufene dies von Jugend auf innerlich und
heimlich spürt und darauf hinarbeitet, wie die Bienen am Bau ihres Stocks. Für
jeden aber ist es das, was B a l t a s a r G r a c i a n la gran sinderesis nennt: die
instinktive große Obhut seiner selbst, ohne welche er zu Grunde geht. – Nach
a b s t r a k t e n G r u n d s ä t z e n handeln ist schwer und gelingt erst nach vieler
Übung, und selbst da nicht jedesmal: auch sind sie oft nicht ausreichend.
Hingegen hat jeder gewisse a n g e b o r e n e k o n k r e t e G r u n d s ä t z e, die
ihm in Blut und Saft stecken, indem sie das Resultat alles seines Denkens,
Fühlens und Wollens sind. Er kennt sie meistens nicht in abstracto, sondern wird
erst beim Rückblick auf sein Leben gewahr, daß er sie stets befolgt hat und von
ihnen, wie von einem unsichtbaren Faden, ist gezogen worden. Je nachdem sie
sind, werden sie ihn zu seinem Glück oder Unglück leiten.
49. Man sollte beständig die Wirkung der Zeit und die Wandelbarkeit der Dinge
vor Augen haben und daher bei allem, was jetzt stattfindet, sofort das Gegenteil
davon imaginiren; also im Glücke das Unglück, in der Freundschaft die
Feindschaft, im schönen Wetter das schlechte, in der Liebe den Haß, im
Zutrauen und Eröffnen den Verrat und die Reue, und so auch umgekehrt, sich
lebhaft vergegenwärtigen. Dies würde eine bleibende Quelle wahrer
Weltklugheit abgeben, indem wir stets besonnen bleiben und nicht so leicht
getäuscht werden würden. Meistens würden wir dadurch nur die Wirkung der
Zeit antizipirt haben. – Aber vielleicht ist zu keiner Erkenntnis die Erfahrung so
unerläßlich, wie zur richtigen Schätzung des Unbestandes und Wechsels der
Dinge. Weil eben jeder Zustand, für die Zeit seiner Dauer, notwendig und daher
mit vollstem Rechte vorhanden ist; so sieht jedes Jahr, jeder Monat, jeder Tag
aus, als ob nun endlich er Recht behalten wollte, für alle Ewigkeit. Aber keiner
behält es, und der Wechsel allein ist das Beständige. Der Kluge ist der, welchen die scheinbare Stabilität nicht täuscht und der noch dazu die Richtung, welche
der Wechsel zunächst nehmen wird, vorhersieht[T]. Daß hingegen die Menschen
den einstweiligen Zustand der Dinge, oder die Richtung ihres Laufes, in der
Regel für bleibend halten, kommt daher, daß sie die Wirkungen vor Augen
haben, aber die Ursachen nicht verstehn, diese es jedoch sind, welche den Keim
der künftigen Veränderungen in sich tragen; während die Wirkung, welche für
jene allein da ist, hievon nichts enthält. An diese halten sie sich und setzen
voraus, daß die ihnen unbekannten Ursachen, welche solche hervorzubringen
vermochten, auch imstande sein werden, sie zu erhalten. Sie haben dabei den
Vorteil, daß, wenn sie irren, es immer unisono geschieht; daher denn die
Kalamität, welche infolge davon sie trifft, stets eine allgemeine ist, während der
denkende Kopf, wenn er geirrt hat, noch dazu allein steht. – Beiläufig haben wir
daran eine Bestätigung meines Satzes, daß der Irrtum stets aus dem Schluß von
der Folge auf den Grund entsteht. Siehe »Welt als W. u. V.« Bd. 1, S. 90. (3.
Aufl. 94.)
[T] Der Z u f a l l hat bei allen menschlichen Dingen so großen Spielraum, daß, wenn wir
einer von ferne drohenden Gefahr gleich durch Aufopferungen vorzubeugen suchen, diese Gefahr oft durch einen unvorhergesehenen Stand, den die Dinge annehmen,
verschwindet, und jetzt nicht nur die gebrachten Opfer verloren sind, sondern die durch sie herbeigeführte Veränderung nunmehr, beim veränderten Stande der Dinge, gerade
ein Nachteil ist. Wir müssen daher in unsern Vorkehrungen nicht zu weit in die Zukunft greifen, sondern auch auf den Zufall rechnen und mancher Gefahr kühn entgegensehn, hoffend, daß sie, wie so manche schwarze Gewitterwolke, vorüberzieht.
Jedoch nur theoretisch und durch Vorhersehn ihrer Wirkung soll man die Z e i t
a n t i z i p i r e n , nicht praktisch, nämlich nicht so, daß man ihr vorgreife, indem
man v o r der Zeit verlangt was erst die Zeit bringen kann. Denn wer dies tut,
wird erfahren, daß es keinen schlimmeren, unnachlassendern Wucherer gibt als
eben die Zeit, und daß sie, wenn zu Vorschüssen gezwungen, schwerere Zinsen
nimmt als irgend ein Jude. Z. B. kann man durch ungelöschten Kalk und Hitze
einen Baum dermaßen treiben, daß er binnen weniger Tage Blätter, Blüten und
Früchte treibt, dann aber stirbt er ab. – Will der Jüngling die Zeugungskraft des
Mannes schon jetzt, wenn auch nur auf etliche Wochen, ausüben und im
neunzehnten Jahre leisten was er im dreißigsten sehr wohl könnte; so wird
allenfalls die Zeit den Vorschuß leisten, aber ein Teil der Kraft seiner künftigen
Jahre, ja, ein Teil seines Lebens selbst, ist der Zins. – Es gibt Krankheiten, von
denen man gehörig und gründlich nur dadurch genest, daß man ihnen ihren natürlichen Verlauf läßt, nach welchem sie von selbst verschwinden, ohne eine
Spur zu hinterlassen. Verlangt man aber sogleich und jetzt, nur gerade jetzt,
gesund zu sein; so muß auch hier die Zeit Vorschuß leisten: die Krankheit wird
vertrieben, aber der Zins ist Schwäche und chronische Übel, zeitlebens. – Wenn
man in Zeiten des Krieges oder der Unruhen Geld gebraucht, und zwar sogleich,
gerade jetzt; so ist man genötigt, liegende Gründe oder Staatspapiere für 1/ und
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noch weniger ihres Wertes zu verkaufen, den man zum vollen erhalten würde,
wenn man der Zeit ihr Recht widerfahren lassen, also einige Jahre warten wollte;
aber man zwingt sie, Vorschuß zu leisten. – Oder auch man bedarf einer Summe
zu einer weiten Reise: binnen eines oder zweier Jahre könnte man sie von
seinem Einkommen zurückgelegt haben. Aber man will nicht warten, sie wird
also geborgt oder einstweilen vom Kapital genommen, d. h. die Zeit muß
vorschießen. Da ist ihr Zins eingerissene Unordnung in der Kasse, ein
bleibendes und wachsendes Defizit, welches man nie mehr los wird. – Dies also
ist der Wucher der Zeit: seine Opfer werden alle, die nicht warten können. Den
Gang der gemessen ablaufenden Zeit beschleunigen zu wollen, ist das
kostspieligste Unternehmen. Also hüte man sich, der Zeit Zinsen schuldig zu
werden.
50. Ein charakteristischer und im gemeinen Leben sehr oft sich hervortuender
Unterschied zwischen den gewöhnlichen und den gescheuten Köpfen ist, daß
jene, bei ihrer Überlegung und Schätzung möglicher Gefahren, immer nur fragen
und berücksichtigen, was derart bereits g e s c h e h n sei; diese hingegen selbst
überlegen, was möglicherweise g e s c h e h n k ö n n e; wobei sie bedenken, daß,
wie ein spanisches Sprichwort sagt, lo que no acaece en un año, acaece en un
rato (was binnen eines Jahres nicht geschieht, geschieht binnen weniger
Minuten). Der in Rede stehende Unterschied ist freilich natürlich: denn was
geschehn k a n n zu überblicken, erfordert Verstand, was geschehn i s t , bloß
Sinne.
Unsere Maxime aber sei: opfere den bösen Dämonen! D. h. man soll einen
gewissen Aufwand von Mühe, Zeit, Unbequemlichkeit, Weitläuftigkeit, Geld
oder Entbehrung nicht scheuen, um der Möglichkeit eines Unglücks die Tür zu
verschließen: und je größer dieses wäre, desto kleiner, entfernter,
unwahrscheinlicher mag jene sein. Die deutlichste Exemplifikation dieser Regel
ist die Assekuranzprämie. Sie ist ein öffentlich und von allen auf den Altar der
bösen Dämonen gebrachtes Opfer.
51. Über keinen Vorfall sollte man in großen Jubel oder große Wehklage ausbrechen; teils wegen der Veränderlichkeit aller Dinge, die ihn jeden
Augenblick umgestalten kann; teils wegen der Trüglichkeit unsers Urteils über
das uns Gedeihliche oder Nachteilige; infolge welcher fast jeder einmal
gewehklagt hat über das, was nachher sich als sein wahres Bestes auswies, oder
gejubelt über das, was die Quelle seiner größten Leiden geworden ist. Die hier
dagegen empfohlene Gesinnung hat Shakespeare schön ausgedrückt:
I have felt so many quirks of joy and grief,
That the first face of neither, on the start,
Can woman me unto it.[U]
(All's well, A. 3. sc. 2.)
[U]So viele Anfälle von Freude und Gram habe ich schon empfunden, daß ich nie mehr vom
ersten Anblicke des Anlasses zu einem von beiden sogleich mich weibisch hinreißen lasse.
Überhaupt aber zeigt der, welcher bei allen Unfällen gelassen bleibt, daß er
weiß, wie kolossal und tausendfältig die möglichen Übel des Lebens sind;
weshalb er das jetzt eingetretene ansieht als einen sehr kleinen Teil dessen, was
kommen könnte: dies ist die stoische Gesinnung, in Gemäßheit welcher man
niemals conditionis humanae oblitus, sondern stets eingedenk sein soll, welch
ein trauriges und jämmerliches Los das menschliche Dasein überhaupt ist, und
wie unzählig die Übel sind, denen es ausgesetzt ist. Diese Einsicht aufzufrischen,
braucht man überall nur einen Blick um sich zu werfen: wo man auch sei, wird
man es bald vor Augen haben, dieses Ringen und Zappeln und Quälen um die
elende, kahle, nichts abwerfende Existenz. Man wird danach seine Ansprüche
herabstimmen, in die Unvollkommenheit aller Dinge und Zustände sich finden
lernen und Unfällen stets entgegensehn, um ihnen auszuweichen oder sie zu
ertragen. Denn Unfälle, große und kleine, sind das eigentliche Element unsers
Lebens: dies sollte man also stets gegenwärtig haben; darum jedoch nicht, als ein
δυσκολος, mit B e r e s f o r d , über die stündlichen miseries of human life
lamentiren und Gesichter schneiden, noch weniger in pulicis morsu Deum
invocare; sondern, als ein ευλαβης, die Behutsamkeit im Zuvorkommen und
Verhüten der Unfälle, sie mögen von Menschen oder von Dingen ausgehn, so
weit treiben und so sehr darin raffiniren, daß man, wie ein kluger Fuchs, jedem großen oder kleinen Mißgeschick (welches meistens nur ein verkapptes
Ungeschick ist) säuberlich aus dem Wege geht.
Daß ein Unglücksfall uns weniger schwer zu tragen fällt, wenn wir zum voraus
ihn als möglich betrachtet und, wie man sagt, uns darauf gefaßt gemacht haben,
mag hauptsächlich daher kommen, daß, wenn wir den Fall, ehe er eingetreten,
als eine bloße Möglichkeit, mit Ruhe überdenken, wir die Ausdehnung des
Unglücks deutlich und nach allen Seiten übersehn und so es wenigstens als ein
endliches und überschaubares erkennen; infolge wovon es, wenn es nun wirklich
trifft, doch mit nicht mehr als seiner wahren Schwere wirken kann. Haben wir
hingegen jenes nicht getan, sondern werden unvorbereitet getroffen; so kann der
erschrockene Geist im ersten Augenblick die Größe des Unglücks nicht genau
ermessen: es ist jetzt für ihn unübersehbar, stellt sich daher leicht als
unermeßlich, wenigstens viel größer dar, als es wirklich ist. Auf gleiche Art läßt
Dunkelheit und Ungewißheit jede Gefahr größer erscheinen. Freilich kommt
noch hinzu, daß wir für das als möglich antizipirte Unglück zugleich auch die
Trostgründe und Abhülfen überdacht, oder wenigstens uns an die Vorstellung
desselben gewöhnt haben.
Nichts aber wird uns zum gelassenen Ertragen der uns treffenden Unglücksfälle
besser befähigen, als die Überzeugung von der Wahrheit, welche ich in meiner
Preisschrift über die Freiheit des Willens aus ihren letzten Gründen abgeleitet
und festgestellt habe, nämlich, wie es daselbst, S. 62 (2. Aufl. S. 60), heißt:
»Alles was geschieht, vom Größten bis zum Kleinsten, geschieht
n o t w e n d i g .« Denn in das unvermeidlich Notwendige weiß der Mensch sich
bald zu finden, und jene Erkenntnis läßt ihn alles, selbst das durch die
fremdartigsten Zufälle Herbeigeführte, als eben so notwendig ansehn, wie das
nach den bekanntesten Regeln und unter vollkommener Voraussicht Erfolgende.
Ich verweise hier auf das, was ich (Welt als W. u. V. Bd. 1, S. 345 u. 46 [3. Aufl.
361]) über die beruhigende Wirkung der Erkenntnis des Unvermeidlichen und
Notwendigen gesagt habe. Wer davon durchdrungen ist, wird zuvörderst tun was
er kann, dann aber willig leiden was er muß.
Die kleinen Unfälle, die uns stündlich vexiren, kann man betrachten als
bestimmt, uns in Übung zu erhalten, damit die Kraft, die großen zu ertragen, im
Glück nicht ganz erschlaffe. Gegen die täglichen Hudeleien, kleinlichen
Reibungen im menschlichen Verkehr, unbedeutende Anstöße,
Ungebührlichkeiten anderer, Klatschereien u. dgl. m. muß man ein gehörnter
Siegfried sein, d. h. sie gar nicht empfinden, weit weniger sich zu Herzen nehmen und darüber brüten; sondern von dem allen nichts an sich kommen
lassen, es von sich stoßen, wie Steinchen, die im Wege liegen, und keineswegs
es aufnehmen in das Innere seiner Überlegung und Rumination.
52. Was aber die Leute gemeiniglich das Schicksal nennen, sind meistens nur
ihre eigenen dummen Streiche. Man kann daher nicht genugsam die schöne
Stelle im Homer (JL. XXIII, 313 sqq.) beherzigen, wo er die μητις, d. i. die kluge
Überlegung, empfiehlt. Denn wenn auch die schlechtesten Streiche erst in jener
Welt gebüßt werden; so doch die dummen schon in dieser; – wiewohl hin und
wieder einmal Gnade für Recht ergehen mag.
Nicht wer grimmig, sondern wer klug dareinschaut, sieht furchtbar und
gefährlich aus: – so gewiß des Menschen Gehirn eine furchtbarere Waffe ist als
die Klaue des Löwen. –
Der vollkommenste Weltmann wäre der, welcher nie in Unschlüssigkeit stockte
und nie in Übereilung geriete.
53. Nächst der Klugheit aber ist Mut eine für unser Glück sehr wesentliche
Eigenschaft. Freilich kann man weder die eine noch die andere sich geben,
sondern ererbt jene von der Mutter und diesen vom Vater: jedoch läßt sich durch
Vorsatz und Übung dem davon Vorhandenen nachhelfen. Zu dieser Welt, wo
»die Würfel eisern fallen,« gehört ein eiserner Sinn, gepanzert gegen das
Schicksal und gewaffnet gegen die Menschen. Denn das ganze Leben ist ein
Kampf, jeder Schritt wird uns streitig gemacht, und Voltaire sagt mit Recht: on
ne réussit dans ce monde, qu'à la pointe de l'épée, et on meurt les armes à la
main. Daher ist es eine feige Seele, die, sobald Wolken sich zusammenziehn
oder wohl gar nur am Horizont sich zeigen, zusammenschrumpft, verzagen will
und jammert. Vielmehr sei unser Wahlspruch:
Tu ne cede malis, sed contra audentior ito.
Solange der Ausgang einer gefährlichen Sache nur noch zweifelhaft ist, solange
nur noch die Möglichkeit, daß er ein glücklicher werde, vorhanden ist, darf an
kein Zagen gedacht werden, sondern bloß an Widerstand; wie man am Wetter
nicht verzweifeln darf, solange noch ein blauer Fleck am Himmel ist. Ja, man
bringe es dahin zu sagen:
Si fractus illabatur orbis,
Impavidum ferient ruinae.
Das ganze Leben selbst, geschweige seine Güter, sind noch nicht so ein feiges
Beben und Einschrumpfen des Herzens wert:
Quocirca vivite fortes,
Fortiaque adversis apponite pectora rebus.
Und doch ist auch hier ein Exzeß möglich: denn der Mut kann in Verwegenheit
ausarten. Sogar ist ein gewisses Maß von Furchtsamkeit zu unserm Bestande in
der Welt notwendig: die Feigheit ist bloß das Überschreiten desselben. Dies hat
Bako von Verulam gar treffend ausgedrückt, in seiner etymologischen Erklärung
des terror Panicus, welche die ältere, vom Plutarch (de Iside et Osir. c. 14) uns
erhaltene, weit hinter sich läßt. Er leitet nämlich denselben ab vom P a n , als der
personifizirten Natur, und sagt: Natura enim rerum omnibus viventibus indidit
metum, ac formidinem, vitae atque essentiae suae conservatricem, ac mala
ingruentia vitantem et depellentem. Verumtamen eadem natura modum tenere
nescia est: sed timoribus salutaribus semper vanos et inanes admiscet; adeo ut
omnia (si intus conspici darentur) Panicis terroribus plenissima sint, praesertim
humana. (De sapientia veterum VI.) Übrigens ist das Charakteristische des
panischen Schreckens, daß er seiner Gründe sich nicht deutlich bewußt ist,
sondern sie mehr voraussetzt als kennt, ja zur Not geradezu die Furcht selbst als
Grund der Furcht geltend macht.