Der abenteuerliche Simplicissimus

Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen · Kapitel 16 von 62

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Der abenteuerliche Simplicissimus

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Drei ganzer Stunden, bis das praeludium veneris oder der ehrlich Tanz geendet hatte, mußte ich im Gansstall sitzen bleiben, eh einer herzuschlich und an dem Riegel anfing zu rappeln. Ich lausterte scharf, der Kerl aber machte die Tür nicht allein auf, sondern wischte auch ebenso geschwind hinein, als ich gern heraußen gewesen wäre, und schleppte noch darzu ein Weibsbild an der Hand mit sich daher gleichwie beim Tanz. Weil ich aber vielen seltsamen Abenteuern an diesem Tag begegnet und mich darein ergeben hatte, fürderhin alles mit Geduld und Stillschweigen zu ertragen, als schmiegte ich mich zu der Tür mit Forcht und Zittern, das End erwartend. Gleich darauf erhub sich zwischen diesen beiden ein Gelispel, woraus ich entnahm, daß sich der eine Teil über den üblen Geruch des Ortes beklagte, hingegen der ander Teil hinwiederum tröstete: »Gewißlich, schöne Dame, mir ist, versichert, vom Herzen leid, daß uns, die Früchte der Liebe zu genießen, vom mißgünstigen Glück kein ehrlicher Ort gegönnet wird. Aber ich kann darneben beteuern, daß mir Ihre holdselige Gegenwart diesen verächtlichen Winkel anmutiger machet, als das lieblichste Paradeis selbsten.«

Hierauf hörete ich küssen und vermerkte seltsame Posturen, wußte aber nicht, was es bedeuten sollte, schwieg derowegen noch fürders so still wie eine Maus. Wie sich aber auch sonst ein possierlich Geräusch erhob und der Gansstall zu krachen anfing, da wußte ich, das sein zwei von denen wütenden Leuten, die den Boden helfen eintreten. In der Angst ums Leben und dem Tode zu entfliehen, wischte ich aus der Tür mit Mordiogeschrei, warf den Riegel zu und suchte das Haustor.

In meines Herren Quartier war alles still und schlafend, dahero dorfte ich mich der Schildwache, die vorm Haus stund, nicht nähern, und es war schon weit nach Mitternacht. So fiel mir ein, ich sollte meine Zuflucht zu dem Pfarrer nehmen.

Dort kam ich so ungelegen, daß mich die Magd nur mit Unwillen einließ, ihr Herr aber, der nunmehr fast ausgeschlafen hatte, an dem Gekeife unser gewahr wurde. Er rief uns beide vor sich ans Bett und hieß mich niederlegen, da er sahe, daß ich vor Nachtfrost und Müdigkeit ganz erstarrt war. Ich erwarmet aber kaum, dann da es anfing zu tagen, so stund der Pfarrer schon vorm Bette, zu vernehmen, wie meine Händel beschaffen wären. Ich erzählte ihm alles und machte den Anfang bei der Kunst, die mich mein Kamerad gelehret, und wie sie übel geraten. Folgendes meldete ich, daß die Gäste, nachdem er hinweg gewesen, ganz unsinnig wären worden, maßen mein Kamerad mir berichtet, sie wollten dem Haus den Boden eintreten, item in was vor schröckliche Angst ich darüber geraten und auf was Weise ich mich vorm Untergang erretten gewollt, darüber aber in Gänsstall gesperret worden seie. Auch was ich in denselben von den zweien, so mich wieder erlöst, vernommen und welcher Gestalt ich sie wieder eingesperret hätte, berichtet ich dem Pfarrer.

»Simplici,« meinte er, »deine Sachen stehen lausig. Du hattest einen guten Handel, aber ich besorge, es sei verscherzt. Packe dich nur geschwind aus dem Bette und trolle dich aus dem Haus, damit ich nicht samt dir in deines Herren Ungnade komme, wann man dich bei mir findet.«

Also mußte ich zum ersten Mal erfahren, wie wohl einer bei männiglich daran ist, wann er seines Herren Gunst hat, und wie scheel einer angesehen wird, wann solche hinket.

In meines Herrn Quartier schlief alles noch steinhart bis auf den Koch und ein paar Mägde; diese putzten das Zimmer, darin man gestern gezecht, jener aber rüstete aus den Abschrötlein wieder ein Frühstück oder vielmehr einen Imbiß zu. Das Zimmer lag hin und wieder voller zerbrochener so Trink- als Fenstergläser, voll Unflat und großen Lachen von verschüttetem Wein und Bier, also daß der Boden einer Landkarten gleich sahe, darin man hat unterschiedliche Meere, Insuln und fußfeste Länder vor Augen stellen wollen. Es stank viel übler als in meinem Gänsstall. Derowegen machte ich mich in die Küchen, mit Forcht und Zittern erwartend, was das Glück, wann mein Herr ausgeschlafen hätte, ferners in mir würken wollte. Darneben betrachtete ich der Welt Torheit und Unsinnigkeit, so daß ich damals meines Einsiedlers dörftig und elend Leben vor glückselig schätzte und ihn und mich wieder in den früheren Stand wünschte.