Der abenteuerliche Simplicissimus
Das zehent Kapitel
Wie wir nun so dasaßen auszuruhen, schickte Olivier den Baur aus, Essensspeise samt Zündkraut und Lot einzukaufen. Und als selbiger hinweg war, zog er seinen Rock aus und sagte:
»Bruder, ich mag das Teufelsgeld nicht mehr allein herumschleppen!« — Band demnach ein paar Würste oder Wülste, die er auf bloßem Leib trug, herunter und warf sie auf den Tisch. »Das Donnergeld hat mir Beulen gedruckt.«
Ich ergriff die Wülste und befand sie trefflich gewichtig, weil es lauter Goldsorten waren. Ich sagte, es sei alles unbequem gepackt, ich wollts einnähen, daß einem das Tragen nicht halb so sauer ankäme. Es gefiel ihm und ich machte mir und ihm ein Scapulier oder Schulterkleid aus einem Paar Hosen und versteppte manchen schönen, roten Batzen darein, daß wir unter dem Hemde hinten und vorn mit Gold gewappnet waren. So verriete er mir auch, daß er mehr als tausend Taler in einem Baume liegen hätte, aus welchem er den Baur hausen ließe, weil er solchen Schafmist nicht hoch halte.
Wir bäheten uns beim Ofen und gedachten an kein Ungemach, da kamen, als wir uns dessen am wenigsten versahen, sechs Musketierer samt einem Korporal mit fertigem Gewehr und aufgepaßten Lunten ins Häuslein, stießen die Stubentür auf und schrieen, wir sollten uns gefangen geben. Aber Olivier, der sowohl als ich seine gespannte Musketen neben sich liegen hatte, antwortete ihnen mit einem Paar Kugeln, durch welche er gleich zween zu Boden fällete, ich aber erlegte den dritten und beschädigte den vierten durch einen gleichmäßigen Schuß. Darauf wischte Olivier mit seinem notfesten Schwert, welches Haare schur, vom Leder und hieb den fünften von der Achsel bis auf den Bauch hinunter, daß ihme das Eingeweide heraus und er neben demselben nieder fiel, indessen schlug ich dem sechsten mit umgekehrtem Feuerrohr auf den Kopf, daß er alle vier von sich streckte. Einen solchen Streich kriegte Olivier von dem siebenten, und zwar mit solcher Gewalt, daß ihm das Hirn herausspritzte, ich aber traf diesen wiederum dermaßen, daß er seinen Kameraden beim Totenreigen Gesellschaft leisten mußte. Der Beschädigte aber fing an zu laufen, als ob ihn der Teufel selbst gejagt hätte. Und dies Gefecht währte kürzer als eines Vaterunsers Länge.
Sonach ich nun dergestalt allein Meister auf dem Platze blieb, beschauete ich den Olivier, ob er vielleicht noch einen lebendigen Atem in sich hätte. Da ich ihn aber ganz entseelt befand, dünkte es mich ungereimt zu sein, einem toten Körper so viel Goldes zu lassen, zog ihm derowegen das golden Fell ab und hing es mir an den Hals zu dem andern. Ich nahm auch Oliviers Muskete und Schwert zu mir, maßen mein Rohr zerschlagen war, und machte mich aus dem Staub auf einen Weg, da ich wußte, daß der Baur herkommen müsse.
Und kaum eine halbe Stunde ging ich in meinen Gedanken, so kam unser Baur daher und schnaubte wie ein Bär, dann er lief von allen Kräften.
»Warum so schnell? Was Neues?«
»Geschwind, machet Euch abwegs! Es kommt ein Korporal mit sechs Musketierern, die haben mich gefangen, daß ich sie zu euch führen sollte, ich bin ihnen aber entronnen.«
O Schelm, dachte ich, du hast uns um des Olivier Silbergeld verraten, ließe mich aber doch nichts merken, sondern sagte, daß Olivier und die andern tot wären. Das wollte er nicht glauben, bis ich ihn in das Häuslein führte, daß er das Elend an den sieben Körpern sehen könnte.
Der Baur erstaunte vor Schröcken und fragte, was Rats.
»Rat ist schon beschlossen. Unter dreien Dingen geb ich dir Wahl: Entweder führe mich alsbald durch sichere Abwege über den Wald hinaus nach Villingen oder zeige mir Oliviers Geld im Baum oder stirb hier. Führst du mich, so bleibt das Geld dein, wirst du mirs weisen, so teil ichs mit dir, tust du aber keines, so schieß ich dich tot.« — Der Baur wäre gern entloffen, aber er forchte die Muskete; fiele derhalben auf die Knie und erbot sich, mich über Wald zu führen.
Also wanderten wir denselben Tag und folgende Nacht ohn Essen und Trinken, bis wir gegen Tag die Stadt Villingen vor uns liegen sahen. Den Baur trieb Todesfurcht, mich aber die Begierde, mich selbst und mein Gold davon zu bringen, und muß fast glauben, daß einem Menschen das Gold große Kräfte mitteilet, dann obzwar ich schwer genug daran trug, so empfand ich jedoch keine sonderbare Müdigkeit.
Ich hielt es vor ein glücklich Omen, daß man die Pforte eben öffnete, als ich vor Villingen kam. Der Offizier von der Wacht examinierte mich, und da ich mich vor einen Freibeuter ausgab von jenem Regiment, wohin mich Herzbruder getan, wie auch, daß ich aus dem Läger vor Breisach von den Weimarischen herkäme und nunmehr zu meinem Regiment unter die Bayrischen begehrte, gab er mir einen Musketierer zu, der mich zum Kommandanten führte. Dem bekannte ich alles, daß ich mich ein Tag oder vierzehn bei einem Kerl aufgehalten und mit demselben eine Kutschen angegriffen, der Meinung, von den Weimarischen Beute zu holen und rechtschaffen montiert wieder zu unserem Regiment zu kommen. Wir seien aber von einem Korporal mit sechs andern Kerlen überfallen worden, dadurch mein Kamerad und sechs vom Gegenteil auf dem Platze geblieben. Der Kommandant wollte es fast nicht glauben, daß wir zween sollten sechs Mann niedergemacht haben und ich nahm Gelegenheit von Oliviers Schwert zu reden. Das gefiel ihm so wohl, daß ichs ihm, wollte ich anders mit guter Manier von ihm kommen und Paß erlangen, gegen einen andern Degen lassen mußte. Im Wahrheit aber so war dasselbe trefflich schön und gut. Es war ein ganzer, ewigwährender Kalender darauf geätzt.
Ich ging den nächsten Weg ins Wirtshaus und wußte nicht, ob ich am ersten schlafen oder essen sollte. Doch wollte ich zuvor meinen Magen stillen und machte mir unterdessen Gedanken, wie ich meine Sachen anstellen, daß ich mit meinem Gold sicher nach L. zu meinem Weibe kommen möchte.
Indem ich nun so spekulierte, hinkte ein Kerl mit einem Stecken in der Hand in die Stube, der hatte einen verbundenen Kopf, einen Arm in der Schlinge und so elend verlauste Kleider an, daß ich ihm keinen Heller darum gegeben hätte. Der Hausknecht wollte ihn austreiben, weil er übel stank. Er aber bat, ihn um Gottes Willen zu lassen, sich nur ein wenig zu erwärmen, so aber nichts half. Demnach ich mich seiner erbarmete und vor ihn bat, ward er kümmerlich zum Ofen gelassen. Er sahe mir, wie mich bedünkte, mit begierigem Appetit und großer Andacht zu, wie ich darauf hieb und ließ etliche Seufzer laufen. Und als der Hausknecht ging, mir ein Stück Gebratenes zu holen, ging er gegen mich zum Tisch zu und reichte ein irden Pfennighäfelein in der Hand dar, daß ich mir wohl einbilden konnte, warum er käme; nahm derhalben die Kanne und goß ihm seinen Hafen voll, eh er heischte.
»Ach Freund,« sagte er, »um Herzbruders willen gebet mir auch zu essen!«
Solches ging mir durchs Herz und ich befand, daß es Herzbruder selbsten war. Ich wäre beinahe in Ohnmacht gesunken, doch erhielt ich mich, fiel ihm um den Hals, satzte ihn zu mir, da uns beiden die Augen übergingen.