Der abenteuerliche Simplicissimus

Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen · Kapitel 39 von 62

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Der abenteuerliche Simplicissimus

Das zehent Kapitel

Gegen meinem Quartier über wohnete ein reformierter Obrist-Leutenant, der hatte eine überaus schöne Tochter, die sich ganz adelig trug. Ich hätte längst gern Kundschaft mit ihr gemachet, unangesehen, daß ich sie anfänglich allein zu lieben und auf ewig zu haben begehrete. Ich schenkte ihr manchen Gang und noch viel mehr liebreicher Blicke. Sie ward mir aber so fleißig verhütet, daß ich kein einzig Mal mit ihr reden konnte. So unverschämt dorfte ich auch nicht hineinplatzen, weil ich mit ihren Eltern keine Kundschaft hatte und mir der Ort vor einen Kerl von so geringem Herkommen, als mir das meinige bewußt war, viel zu hoch vorkam. Am allernächsten gelangte ich zu ihr, wann wir etwan in oder aus der Kirche gingen. Da nahm ich dann die Zeit so fleißig in Acht, mich ihr zu nähern, daß ich oft ein paar Seufzer anbrachte, was ich meisterlich konnte, obzwar sie alle aus falschem Herzen gingen. Hingegen nahm sie solche so kaltsinnig an, daß ich mir einbilden mußte, sie werde sich nicht so leicht wie eine Bürgerstochter verführen lassen. Indem wurden meine Begierden nach ihr nur desto heftiger.

Der Stern, den die Schüler zu Hl. Dreikönig umtragen, ist es gewesen, der mir in ihre Wohnung geleuchtet, da ihr Vater selbst nach mir schickte.

»Monsieur,« sagte er zu mir, »seine Neutralität zwischen Bürgern und Soldaten ist eine Ursache, daß ich Ihn habe zu mir bitten lassen. Ich will zwischen beiden Teilen eine Sache ins Werk richten, die eines unparteiischen Zeugen bedarf.«

Ich vermeinete, er hätte was Wundergroßes im Sinn, weil Schreibzeug und Papier auf dem Tisch lag, bot ihm derowegen mit sondern Komplimenten meine bereitwilligsten Dienste an, daß ich mirs nämlich vor eine große Ehre halten würde, wann ich so glücklich sei, ihm beliebige Dienste zu leisten. Es war aber nichts andres als ein Dreikönigsfest zu machen. Dabei sollte ich zusehen, daß es recht zuginge, wie die Ämter ohn Ansehung der Personen durch das Los ausgeteilet würden. Zu diesem Geschäft, bei welchem des Obristen Secretarius auch war, ließ der Obrist-Leutenant Wein und Konfekt bringen, weil er ein trefflicher Zechbruder und es ohn das nach dem Nachtessen war. Der Secretarius schrieb, ich las die Namen und die Jungfer zog die Zettel, ihre Eltern aber sahen zu. Sie beklagten sich über die langen Winternächte und gaben mir zu verstehen, daß ich, solche desto leichter zu passieren, wohl zu ihnen zu Licht kommen dörfte.

So fing ich wieder auf ein Neues an mit der Leimstangen zu laufen und am Narrenseil zu ziehen, also, daß sich beide: die Jungfrau und ihre Eltern einbilden mußten, ich hätte den Angel geschluckt, wiewohl mirs nicht halber Ernst war. Ich stellete Buhlenbrieflein an meine Liebste, eben als ob ich hundert Meilwegs von ihr gewohnet hätte oder in viel Jahren erst zu ihr könne. Zuletzt machte ich mich gar zutätig, weil mir meine Löffelei nicht sonderlich von den Eltern gewehret, sondern zugemutet ward, ich sollte ihre Tochter auf der Laute lernen schlagen. Da hatte ich nun meinen freien Zutritt bei Tag sowohl als wie hiebevor des Abends, also daß ich meinen gewöhnlichen Reimen:

Ich und meine Fledermaus
Fliegen nur bei Nachtzeit aus

änderte und ein frommes Liedlein machte, darin ich mein Glück lobte, weil es mir auf so manchen guten Abend auch so freudereiche Tage verliehe, in denen ich in meiner Liebsten Gegenwart meine Augen weiden und mein Herz um etwas erquicken könnte, hingegen beklagte ich meine Nächte. Ich sang es meiner Liebsten mit andächtigem Seufzen und einer lustreizenden Melodei, dabei die Laute das Ihre trefflich tät und gleichsam die Jungfer mit mir bat, sie wollte doch cooperieren, daß mir die Nächte so glücklich als die Täge bekommen möchten. Aber ich bekam ziemlich abschlägige Antwort, dann sie war trefflich klug und konnte mich auf meine Erfindungen gar höflich beschlagen. Ich nahm mich gleichwohl in Acht, von der Verehelichung zu schweigen, und wenn schon discursweis davon geredet ward, stellete ich alle meine Worte auf Schrauben. Welches meiner Jungfrau verheiratete Schwester bald merkte und dahero mir und meinem Mägdlein alle Pässe verlegte, dann sie sahe wohl, daß mich ihre Schwester von Herzen liebete und daß die Sache in die Länge kein Guttun würde.

Es ist unnötig alle Torheiten meiner Löffelei umständlich zu erzählen. Genug, zuletzt kam es dahin, daß ich erstlich mein liebes Dingelgen zu küssen und endlich auch andre Narrenpossen zu tun mich erkühnen dorfte. Und solchen erwünschten Fortgang verfolgte ich mit allerhand Reizungen, bis ich bei Nacht von meiner Liebsten eingelassen ward und mich so hübsch zu ihr ins Bette fügte, als wann ich zu ihr gehöret hätte.

Weil jedermann weiß, wie es bei derlei Kirchweih pfleget gemeiniglich herzugehen, so dörfte sich wohl der Leser einbilden, ich hätte etwas Ungebührliches begangen. Jawohl nein! Dann alle meine Gedanken waren umsonst. Ich fand einen solchen Widerstand, dergleichen ich nimmermehr bei keinem Weibsbild anzutreffen gewähnet hätte, weil ihr Absehen einzig und allein auf Ehre und Ehestand gerichtet war. Wenngleich ich ihr solchen mit den allergrausamsten Flüchen versprach, so wollte sie doch vor der Copulation kurzum nichts geschehen lassen. Doch gönnete sie mir auf ihrem Bette neben ihr liegen zu bleiben, auf welchem ich auch ganz ermüdet vor Unmut sanft einschlummerte.

Ich ward aber gar ungestüm aufgeweckt. Dann morgens um vier Uhr stund der Obrist-Leutenant vorm Bette mit einer Pistole in der einen und einer Fackel in der andern Hand.

»Krabat,« schrie er überlaut seinem Diener zu, der auch mit einem bloßen Säbel bei ihm stund, »geschwind, Krabat, hole den Pfaffen!«

Wovon ich dann erwachte.

O weh, gedachte ich, du sollst gewiß zuvor beichten, eh er dir den Rest gibet! Es ward mir ganz grün und gelb vor den Augen und ich wußte nicht, ob ich sie recht auftun sollte oder nicht.

»Du leichtfertiger Geselle,« schrie er mich an, »soll ich dich finden, daß du mein Haus schändest! Tät ich dir unrecht, wenn ich dir und dieser Vettel den Hals bräche? Ach, du Bestia, wie kann ich mich doch nur enthalten, daß ich dir nicht das Herz aus dem Leib herausreiße und den Hunden vorwerfe!«

Dabei biß er die Zähne zusammen und verkehrte die Augen als wie ein unsinnig Tier.

Ich wußte nicht, was ich sollte, und meine liebe Beischläferin konnte nichts als weinen. Endlich, da ich mich ein wenig erholete, wollte ich etwas von unserer Unschuld vorbringen, er aber hieß mich das Maul halten. Indessen war seine Frau auch darzu gekommen, die fing eine nagelneue Predigt an, also daß ich wünschte, ich läge irgends in einer Dornhecke. Sie hätte auch in zweien Stunden nicht aufgehört, wann der Krabat mit dem Pfarrer nicht gekommen wäre.

Wohl hatte ich, eh dieser ankam, etlichmal aufzustehen unterstanden, aber der Obrist-Leutenant machte mich unter bedrohlichen Mienen liegen bleiben, also daß ich erfahren mußte, wie gar keine Courage ein Kerl hat, der auf einer bösen Tat ertappt wird, und wie einem Dieb ums Herz wird, den man erwischt, wann er eingebrochen, obgleich er noch nichts gestohlen hat. Ich gedenke der lieben Zeit, wann mir der Obrist-Leutenant samt zwei solchen Kroaten aufgestoßen wäre, daß ich sie alle drei zu jagen unterstanden. Aber jetzt lag ich da wie ein Bernheuter und hatte nicht das Herz nur das Maul, geschweige die Fäuste recht auf zu tun.

»Sehet, Herr Pfarrer das schöne Spektakul, zu welchen ich Euch zum Zeugen meiner Schande berufen muß.«

Und kaum hatte er diese Worte vorgebracht, so fing er wieder an zu wüten und das Tausendste ins Hundertste zu werfen, daß ich nichts anderes als vom Halsbrechen und Hände in meinem Blut waschen verstehen konnte. Er schaumete ums Maul wie ein Eber und stellete sich also, daß ich alle Augenblicke gedachte, jetzt jagt er dir eine Kugel durch den Kopf.

Der Pfarrer aber wehrete mit Händen und Füßen, daß kein Totschlag geschehe, so ihn hernach reuen möchte.

»Was? Herr Obrist-Leutenant, brauchet Euere hohe Vernunft und bedenkt das Sprüchwort, daß man zu geschehenen Dingen das beste reden soll. Dies schöne junge Paar, das seinesgleichen schwerlich im Lande hat, ist nicht das erste und nicht das letzte, so sich von den unüberwindlichen Kräften der Liebe hat meistern lassen. Dieser Fehler, da es anders ein Fehler zu nennen, den sie beide begangen, kann auch durch sie wieder leichtlich gebessert werden. Zwar lobe ichs nicht, sich auf diese Art zu verehelichen, aber gleichwohl hat dieses junge Paar hiedurch weder Galgen noch Rad verdient. Es ist auch keine Schande zu erwarten, wann der Herr Obrist-Leutenant seinen Consens zu beider Verehelichung geben und diese Ehe durch den gewöhnlichen Kirchgang öffentlich bestätigen lassen wird.«

»Was! Ich wollte sie ehe morgenden Tags beide zusammen binden und in der Lippe ertränken lassen! In diesem Augenblick müssen sie copuliert sein! Deswegen habe ich Euch holen lassen!«

Ich dachte, was willtu tun — es heißt: Vogel friß oder stirb. Zudem ist sie eine solche Jungfrau, deren du dich nicht schämen darfst. Doch schwur ich und bezeugte hoch und teuer, daß wir nichts Unehrliches miteinander zu schaffen gehabt hätten.

Hierauf wurden wir von gemeldtem Pfarrer im Bette sitzend zusammengegeben und, nachdem dies geschehen, aufzustehen und miteinander aus dem Haus zu gehen gemüßiget.

Unter der Tür sagte der Obrist-Leutenant zu mir und seiner Tochter, wir sollten uns in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sehen lassen. Ich aber, da ich den Degen an meiner Seite hatte, antwortete gleichsam im Scherz: »Ich weiß nicht, Herr Schwehrvater, warum Er alles so Widersinns anstellet! Wann andre neue Eheleute copuliert werden, so führen sie die nächsten Verwandten schlafen. Er aber jaget mich nach der Copulation nicht allein aus dem Bette, sondern auch aus dem Haus. Und anstatt des Glücks, das Er mir in Ehestand wünschen sollte, will Er mich nicht so glückselig wissen, meines Schwehers Angesicht zu sehen und Ihm zu dienen. Wahrlich, wann dieser Brauch aufkommen sollte, so würden die Verehelichungen wenig Freundschaft mehr in der Welt stiften!« —

Die Leute in meinem Losament verwunderten sich alle, da ich diese Jungfrau mit mir heimbrachte, und noch viel mehr da sie sahen, daß ich so ungescheut mit ihr schlafen ging. Dann obzwar mir dieser Posse, so mir widerfahren, grandige Grillen in Kopf brachte, so war ich doch so närrisch nicht, meine Braut zu verschmähen. So hatte ich zwar die Liebste im Arm, hingegen aber tausenderlei Gedanken, wie ich meine Sache heben und legen wollte. Zuweilen vermeinete ich, es wäre mir der allergrößte Schimpf widerfahren, welchen ich ohn billige Rache mit Ehren nicht verschmerzen könnte, wann ich aber besann, daß solche Rache wider meinen Schwehrvater und also auch wider meine unschuldige, fromme Liebste laufen müßte, fielen alle meine Anschläge dahin. Ich schämete mich so sehr.

Endlich war mein Schluß, vor allen Dingen meines Schwehrvaters Freundschaft wieder zu gewinnen und mich im übrigen gegen jedermann an zu lassen, als ob mir nichts Übles widerfahren sei.

In solchen Gedanken ließ ich mir früh tagen und schickte am allerersten nach meinem Schwager, hielt ihm kurz vor, wie nahe ich ihm verwandt worden, und ersuchte ihn, er wolle seine Liebste kommen lassen, um etwas ausrichten zu helfen, damit ich den Leuten auch bei meiner Hochzeit zu essen geben könnte, er aber wolle belieben unsere Schwehr und Schwieger meinetwegen zu begütigen.

Ich verfügte mich zum Kommandanten, dem erzählte ich mit einer kurzweiligen und artlichen Manier, was ich und mein Schwehrvater vor eine neue Mode angefangen hätten, Hochzeit zu machen, welche Gattung so geschwind zugehe, daß ich in einer Stunde die Heiratsabrede, den Kirchgang und die Hochzeit auf einmal vollzogen. Weil nun mein Schwehrvater die Morgensuppe gesparet hätte, wäre ich bedacht, anstatt deren, ehrlichen Leuten von der Specksuppen mit zu teilen, zu der ich untertänig einlade. Der Kommandant wollte sich meines lustigen Vortrags schier zu Stücken lachen. Er fragte mich, wie es mit der Heurats-Notul beschaffen wäre, und wie viel mir mein Schwehrvater Füchse, deren der alte Schabhals viel hätte, zum Heiratgut gebe. Ich antwortete, daß unsere Heiratsabrede nur in einem Punkt bestünde, der laute, daß ich und seine Tochter sich in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sollten sehen lassen, dieweil aber weder Zeugen noch Notarien dabeigewesen, hoffte ich, es solle wieder revociert werden.

Mit solchen Schwänken, deren man an mir diesorts nicht gewohnt war, erhielt ich, daß der Kommandant samt meinem Schwehrvater, welchen er hiezu wohl persuadieren wollte, bei meiner Specksuppe zu erscheinen versprach. Er schickte auch gleich ein Faß Wein und einen Hirsch in meine Küchen. Ich aber ließ dergestalt zurichten, als ob ich Fürsten hätte tractieren wollen, brachte auch eine ansehnliche Gesellschaft zuwege, die sich nicht allein miteinander recht lustig machten, sondern auch vor allen Dingen meinen Schwehrvater und die Schwieger mit mir und meinem Weibe versöhneten, daß sie uns mehr Glückes wünschten, als sie uns die vorige Nacht fluchten. In der ganzen Stadt aber ward ausgesprengt, daß unsere Copulation mit Fleiß auf so fremde Art wäre angestellt worden, damit uns beiden kein Posse von bößen Leuten widerfahre. Mir war diese Hochzeit trefflich gesund, dann wann ich gemeinem Brauch nach über der Kanzel hätte abgeworfen werden sollen, so hätten sich besorglich Schleppsäcke gefunden, die mir ein verhinderliches Gewirr drein zu machen unterstanden.

Den andern Tag traktierte mein Schwehrvater meine Hochzeitsgäste, aber bei weitem nicht so wohl als ich. Da ward erst mit mir geredet, was ich vor eine Hantierung treiben und wie ich die Haushaltung anstellen wollte, und ich merkte, daß ich meine edle Freiheit verloren hatte.

Ich ließ mich dabei gar gehorsamlich an und begehrte zuvor meines lieben Schwehrvaters, als eines verständigen Kavaliers, Rat. Das lobte der Kommandant und sagte: »Dieweil Er ein junger, frischer Soldat ist, so wäre es eine große Torheit mitten in jetzigen Kriegsläuften ein anderes, als das Soldatenhandwerk zu treiben. Was mich anbelanget, so will ich Ihm ein Fähnlein geben, wann Er will.«

Mein Schweher und ich bedankten uns und ich schlugs nicht mehr aus. Wiese aber doch dem Kommandanten des Kaufmanns Handschrift, der meinen Schatz zu Köln in Verwahrung hatte. »Dieses«, sagte ich, »muß ich zuvor holen, ehe ich schwedische Dienste nehme, dann sollte man gewahr werden, daß ich dem Gegenteil diene, so werden sie mir zu Köln die Feige weisen und das Meinige behalten.«

Sie gaben mir beide recht, ward also zwischen uns dreien abgeredet, zugesaget und beschlossen, daß ich in wenig Tagen mich nach Köln begeben und nachgehends ein Fähnlein annehmen sollte.

Der Kommandant versahe sich auf den künftigen Frühling einer Belägerung und bewarb sich dahero um gute Soldaten, sintemal der Graf von Götz damalen mit vielen kaiserlichen Soldaten in Westfalen lag.