Der abenteuerliche Simplicissimus

Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen · Kapitel 28 von 62

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Der abenteuerliche Simplicissimus

Das dreizehnte Kapitel

Demnach die sieghaften Überwinder ihre Beuten teilten und ihre Toten begruben, ermanglete mein Herzbruder, der durch Begierde der Ehre und Beute sich hatte so weit verhauen, daß er gefangen ward. So erbte mich sein Rittmeister, bei welchem ich mich vor einen Reuterjungen mußte gebrauchen lassen.

Gleich hernach ward er zum Obrist-Leutenant befördert, ich aber schlug ihm in den Quartieren die Lauten, im Marschieren mußte ich ihm den Küraß nachtragen, welches mir eine beschwerliche Sache war. Dann obzwar diese Waffen vor feindlichen Püffen schützen, so befand ich an ihnen ein Widerspiel, indem unter ihrem Schutz auf meinem Leibe eine Armada oder Heerhauf ausgebrütet ward, die ihren freien Paß und Tummelplatz behaupteten, sintemal ich mit meinen Händen nicht unter den Harnisch konnte, einen kleinen Streif unter sie zu tun. Ich hatte weder Zeit noch Gelegenheit, sie durch Feuer, Wasser oder Gift (maßen ich wohl wußte was Backöfen und Quecksilber vermöchten) auszurotten und mußte mich mit ihnen schleppen, meinen Leib und Blut zum besten geben. Endlich erfand ich eine Kunst, daß ich einen Pelzfleck um den Ladestecken der Pistole wickelte, wenn ich dann mit dieser Lausangel unter den Harnisch fuhr, fischte ich sie dutzendweis aus ihrem Vorteil, es mochte aber wenig erklecken.

Einsmals ward mein Obrist-Leutenant kommandiert eine Cavalcada mit einer starken Partei in Westfalen zu tun, und wäre er so stark an Reutern gewesen, als ich an Läusen, so hätte er die ganze Welt erschröckt, so aber mußte er behutsam gehen. Ich war damals mit meiner Einquartierung auf höchste kommen und ich getraute meine Pein nicht länger zu gedulden. Als teils die Reuter fütterten, teils schliefen und teils Schildwacht hielten, ging ich abseits unter einen Baum, meinen Feinden eine Schlacht zu liefern. Zu solchem End zog ich den Harnisch aus, unangesehen andre einen anziehen, wann sie fechten wollen, und fing ein solches Würgen und Morden an, daß mir gleich beide Schwerter an den Daumen vom Blut troffen. So oft mir dieses Rencontre zu Gedächtnus kommt, beißt mich die Haut noch allenthalben. Ich dachte zwar, ich sollte nicht so wider mein Geblüt wüten, vornehmlich wider so getreue Diener, die sich mit einem hängen und radbrechen ließen, aber ich fuhr mit meiner Tyrannei unbarmherzig fort, daß ich nicht gewahrte, wie die Kaiserlichen meinen Obrist-Leutenant chargierten, bis sie endlich auch an mich kamen, meine Läus entsatzten und mich selbst gefangen nahmen. Sie scheueten meine Mannheit gar nicht, mit der ich kurz zuvor viel Tausend erlegt und den Titul des Schneiders »Sieben auf einen Streich« überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner, und ich mit ihm meinen sechsten Herrn, weil ich sein Jung sein mußte.

Unsere Wirtin wollte nicht, daß ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen Völkern besetzte, so machte sie ihnen den Prozeß kurz und gut, steckte meine Lumpen in Backofen und brannte sie so sauber aus wie eine alte Tabakpfeife.

Hingegen bekam ich ein neues Kreuz auf den Hals, weil mein Herr einer von denjenigen war, die in Himmel zu kommen sich getrauen. Er ließ sich glatt am Sold genügen und betrübte im übrigen kein Kind. Seine ganze Prosperität bestund in dem, was er mit Wachen verdienete und von seiner wochentlichen Löhnung erkargete. Ich und sein Pferd mußten ihm sparen helfen. Davon kams, daß ich den trockenen Pumpernickel gewaltig beißen und mich, wanns wohl ging, mit Dünnbier behelfen mußte. Wollte ich aber besser futtern, so mußte ich stehlen, aber mit ausdrücklicher Bescheidenheit, daß er nichts davon innewurde. Seinethalben hätte man weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknechte noch Feldscherer bedörft, auch keinen Marketender noch Trommelschlager, die den Zapfenstreich tun müssen. Sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen Duellen, ward er aber auf Convoi, Partei oder sonst einen Anschlag kommandiert, so schlenderte er mit dahin, wie ein alt Weib am Stecken.

Ich hatte mich keines Kleides bei ihm zu getrösten, weil er selbst zerflickt daherging. Sein Pferd war vor Hunger so hinfällig, daß sich weder Schwede noch Hesse vor seinem dauerhaften Nachjagen zu förchten hatten. Dieses alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins sogenannte Paradeis, einem Frauenkloster, auf Salvaguardi zu legen. Dort sollte er sich begrasen und wieder montieren. Auch hatten die Nonnen um einen frommen und stillen Kerl gebeten.

»Potz Glück, Simprecht,« sagte er, dann er konnte meinen Namen nicht behalten, »kommen wir gar in das Paradeis! Wie wollen wir fressen!« Und wir fanden, was wir begehrten, daß ich in Kürze wieder einen glatten Balg bekam. Dann da satzte es das fetteste Bier, die besten westfälischen Schunken und Knackwürste, wohlgeschmack und sehr delikat Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen pflegte. Da lernte ich das schwarze Brot fingersdick mit gesalzener Butter schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte, und wann ich so über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch gespickt war, und eine gute Kanne Bier darneben stehen hatte, so erquickte ich Leib und Seele und vergaß meines ausgestandenen Leides.

Das Glück wollte es wieder wettspielen, da mich ehebevor das Unglück haufenweis überfallen hatte: dann als mich mein Herr nach Soest schickte, seine Bagage vollends zu holen, fand ich unterwegs einen Pack mit etlichen Ellen Scharlach, samt einem Sammetfutter. Das vertauschte ich zu Soest bei einem Tuchhändler um gemein, grünwullen Tuch zu einem Kleid samt Ausstaffierung mit dem Geding, mir das Kleid machen zu lassen. Ich gab ihm auch die silbernen Knöpf und Galaunen vor ein Hemd und ein Paar neuer Schuhe. Also kehrete ich nagelneu herausgeputzt wieder ins Paradeis zu meinem Herrn zurück, der gewaltig kollerte, daß ich ihm den Fund nicht zugebracht, und der Filz schamet sich wohl auch, daß sein Junge besser gekleidet war als er selbst. Derowegen ritt er nach Soest, borgte Geld auf seinen wochentlichen Salvaguardi-Sold und montierte sich damit aufs beste.

Von dieser Zeit an hatten wir das allerfäulste Leben. Das Kloster war auch von den Hessen, unserm Gegenteil, mit einem Musketier salvaguadiert, derselb war seines Handwerks ein Kürschner und dahero nicht allein ein Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter. Damit er seine Kunst nicht vergäße, übte er sich täglich mit mir in allen Gewehren, wovon ich so fix ward, daß ich mich nicht scheuete ihm Bescheid zu tun, wann er wollte.

Das Stift vermochte eine eigene Wildbahn und hielt einen eigenen Jäger. Weil ich nun grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm und lernete ihm denselben Herbst und Winter seine Künste ab. Solcher Ursachen halber nannte mich jedermann »dat Jäjerken«. Mir wurden alle Wege und Stege bekannt, was ich mir hernach trefflich zu nutz machte. Bei üblem Wetter las ich allerhand Bücher, die mir der Klosterverwalter liehe, und da die Klosterfrauen gewahr wurden, daß ich neben meiner guten Stimme auch auf der Laute und etwas wenigs auf dem Instrument schlagen konnte, weil ich zudem eine ziemliche Leibsproportion und schönes Gesicht hatte, hielten sie alle meine Sitten, Wesen, Tun und Lassen vor adelig und ich mußte unversehens ein sehr beliebter Junker sein.

Da ward mein Herr abgelöst, was ihn auf das gute Leben so übel bekam, daß er darüber erkrankte, und weil starkes Fieber darzu schlug, zumalen noch die alten Mucken, die er sein Lebtag im Kriege aufgefangen, hinzukamen, machte ers kurz und ward in drei Wochen hernach begraben. Ich machte ihm die Grabschrift:

Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat,
Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.

Ich war damals ein frischer, aufgeschossener Jüngling, der seinen Mann stellen konnte, also ward mir von meinem Hauptmann das Erbe des Dragoners angeboten, wann ich mich an meines toten Herren Statt anwerben lassen wollte. Das nahm ich desto lieber an, weil mir bekannt, daß meines Herren alte Hosen mit ziemlichen Dukaten gespickt waren.

Allein dem Kommandanten zu Soest mangelte ein Kerl, wie ich ihm einer zu sein dünkte, so unterstund er sich, mich noch zu bekommen, maßen er meine Jugend vorwandte, und mich vor keinen Mann passieren lassen wollte. Er schickte nach mir und sagte:

»Hör, Jägerken, du sollt mein Diener sein und meine Pferde warten.«

»Herr, wir sind nicht vor einander. Ich hätte lieber einen Herrn, in dessen Diensten die Pferde auf mich warten. Ich will Soldat bleiben.«

»Dein Bart ist noch viel zu klein.«

»O nein, ich getraue einen Mann zu bestehen, der achtzig Jahre alt ist. Der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böcke hoch aestimieret werden.«

»Wann die Courage so gut ist, als das Maulleder, so will ich dich passieren lassen.«

»Das kann in der nächsten Occasion probiert werden,« gab ich zu verstehen. Und er ließ mich bleiben.

Hierauf anatomierte ich meines Dragoners Hosen, schaffte mir aus deren Eingeweid noch ein gut Pferd und das beste Gewehr und ließ mich von neuem grün kleiden, weil mir der Name Jäger beliebte. Also ritt ich mit meinem Jungen selbander daher wie ein Edelmann und dünkte mich fürwahr keine Sau zu sein. Ich war so kühn, meinen Hut mit einem tollen Federbusch zu zieren wie ein Offizier, daher bekam ich bald Neider und Mißgönner, und es satzte empfindliche Worte, endlich gar Ohrfeigen. Ich hatte aber kaum einem oder dreien gewiesen, was ich im Paradies von dem Kürschner gelernt hatte, da ließ mich nicht allein jedermann zufrieden, sondern suchte auch meine Freundschaft.

Auf Partei warf ich mich wohl herfür, daß ich in kurzer Zeit bei Freund und Feind bekannt und so berühmt ward, daß beide Teile viel von mir hielten. Allermaßen mir die gefährlichsten Anschläge zu verrichten und ganze Parteien zu kommandieren anvertraut wurden, griff ich bald zu wie ein Böhme und, wann ich etwas namhaftes erschnappte, gab ich meinen Offizierern so reich Part davon, daß ich selbig Handwerk auch an verbotenen Orten treiben dorfte, weil mir überall durchgeholfen ward.

Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei feindliche Guarnisonen übriggelassen zu Dorsten, Lippstadt und Coesfeld, denen war ich gewaltig molest, dann ich lag ihnen bald hier, bald dort schier täglich vor den Toren, und weil ich überall glücklich durchkam, hielten die Leute von mir, ich könnte mich unsichtbar machen und wäre so fest wie Stahl. Davon ward ich geförchtet wie die Pestilenz.

Zuletzt kam es dahin: wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen war, mußte ich solches verrichten, wodurch mein Beutel so groß ward als mein Name. Meine Offizierer und Kameraden liebten ihren Jäger, die vornehmsten Parteigänger vom Gegenteil entsatzten sich und den Landmann hielt ich durch Forcht und Liebe auf meiner Seiten, dann ich wußte meine Widerwärtigen zu strafen und die, so mir nur den geringsten Dienst täten, reichlich zu belohnen, allermaßen ich beinahe die Hälfte meiner Beuten verspendierte oder auf Kundschaft auslegte. Derhalben entging mir keine Partei, kein Convoi, noch eine Reis' aus des Gegenteils Posten, alsdann ich ihr Vorhaben durchkreuzte und allen Anschlägen mit Glück begegnete. Darneben erzeigte ich mich gegen meine Gefangenen überaus diskret, sodaß sie mich oft mehr kosteten als die Beute wert war, sonderlich unterließ ichs nicht, denen Offizierern, obschon ich sie nicht kannte, ohn Verletzung meiner Pflicht und Herrendienste eine Courtoisie zu tun.

Durch solch ein Verhalten wäre ich zeitlich zum Offizier befördert worden, wann meine Jugend es nicht verhindert hätte. Wer in solchem Alter ein Fähnlein wollte, mußte ein Guter von Adel sein, zudem mein Hauptmann an mir mehr als eine melkende Kuhe verloren hätte. Also brachte ichs allein zum Gefreiten. Ich spekulierte Tag und Nacht, wie ich etwas anstellen möchte, mich noch größer zu machen und konnte vor solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen.