Der abenteuerliche Simplicissimus
Das achte Kapitel
Also kamen wir ins Gespräch und ich genoß so vieler Höflichkeit von ihnen, daß sie mich hießen zu Feuer niedersitzen und mir ein Stück schwarz Brot und magern Kühkäs anboten, welches ich gern annahm. Endlich wurden sie so verträulich, daß sie mir zumuteten, ich sollte ihnen als fahrender Schüler gute Wahrheit sagen. Da fing ich an einem nach dem andern auf seine Hand hin aufzuschneiden, was ich meinete, daß es ihnen wohl gelegen sei. Sie begehreten weiterhin allerhand fürwitzige Künste von mir zu lernen, ich aber vertröstete sie auf den künftigen Tag, und begehrete, daß sie mich ein wenig ruhen wollten lassen. Legte mich also beiseits, mehr zu horchen als zu schlafen. Je mehr ich nun schnarchte, je wachsamer sie sich erzeigeten. Sie stießen die Köpfe zusammen und fingen an zu beraten, wer ich sein möchte. Vor keinen Soldaten wollten sie mich halten, weil ich ein schwarz Kleid antrug, und vor keinen Bürgerskerl konnten sie mich schätzen, weil ich zu einer solchen ungewöhnlichen Zeit so fern von den Leuten in das Mückenloch (so heißet der Wald) angestochen käme. Zuletzt beschlossen sie, ich müßte dannoch ein lateinischer Handwerksgeselle sein, der verirrt wäre, oder ein fahrender Schüler, weil ich so trefflich wahrsagen konnte.
»Ja,« fing einer an, »er hat darum doch nicht alles gewußt. Etwan ist er ein loser Krieger und hat sich so verkleidet, unser Viehe und die Schliche im Wald auszukunden. Ach, daß wir es wüßten, wir wollten ihn schlafen legen, daß er das Aufstehen vergessen sollte!«
Indessen lag ich dort und spitzte die Ohren. Ich gedachte: werden mich diese Knollfinken angreifen, so muß mir zuvor einer oder drei ins Gras beißen.
Demnach nun diese ratschlagten und ich mich mit Sorgen ängstigte, ward mir gähling, als ob ein Bettnässer bei mir läge, dann ich lag unversehens ganz naß. O mirum! Da war Troja verloren! Alle meine trefflichen Anschläge waren dahin, dann ich merkte am Geruch, daß es mein Sauerbrunn war. Da geriet ich vor Zorn und Unwillen in eine solche Raserei, daß ich mich beinahe mit den sechs Bauren eingelassen und herumgeschlagen hätte.
»Ihr gottlosen Flegel! An diesem Sauerbrunn, der auf meiner Lagerstätte hervorquillet, könnet ihr merken, wer ich sei! Es wäre kein Wunder, ich strafe Euch alle, daß euch der Teufel holen möchte, weil ihr so böse Gedanken traget.«
Machte darauf so bedrohliche und erschröckliche Mienen, daß sie sich alle vor mir entsatzten. Doch kam ich wieder zu mir selber und dachte, besser den Sauerbrunn als das Leben verloren, gab ihnen derhalben gute Worte und sagte: »Stehet auf und versuchet den herrlichen Sauerbrunn, den ihr und alle Harz- und Holzmacher hinfort in dieser Wildnus meinetwegen zu genießen haben werdet.«
Sie sahen einander an wie lebendige Stockfische, bis sie merkten, daß ich fein nüchtern aus meinem Hut den ersten Trunk tät. Da stunden sie nacheinander vom Feuer auf, besahen das Wunder, versuchten das Wasser und begannen zu lästern: Sie wollten, daß ich mit meinem Sauerbrunn an einen andern Ort geraten wäre, dann sollte ihre Herrschaft dessen inne werden, so müßte das ganze Amt Dornstädt fröhnen und Wege darzu machen.
»Dahingegen«, sagte ich, »habet ihr dessen alle zu genießen. Eure Hühner, Eier, Butter, Viehe und alles könnet ihr besser ans Geld bringen.«
»Nein, nein,« riefen sie, »nein! Die Herrschaft setzt einen Wirt hin, der wird allein reich und wir müssen seine Narren sein, ihm Wege und Stege erhalten und werden keinen Dank darzu haben!«
Zuletzt entzweiten sie sich, zween wollten den Sauerbrunn behalten, vier muteten mir zu, ich sollte ihn wieder abschaffen. Weil aber nunmehr Tag vorhanden war und ich nichts mehr da zu tun hatte, sagte ich, wann sie nicht wollten, daß alle Kühe im ganzen bayersbrunner Tal rote Milch geben sollten, solang der Brunn liefe, so sollten sie mir alsobald den Weg in Seebach weisen. Sie gaben mir zwei mit, maßen sich einer allein bei mir forchtete.
Also schied ich von dannen und obzwar dieselbe ganze Gegend unfruchtbar war und nichts als Tannzapfen trug, so hätte ich sie doch noch elender verfluchen mögen, weil ich alle meine Hoffnung daselbst verloren. — Nach vieler Mühe und Arbeit kam ich gegen Abend wieder heim auf meinen Baurenhof und sahe, daß mein Knän mir wahrgesagt hatte: nichts als müde Beine und den Hergang vor den Hingang würde ich von dieser Wallfahrt haben.
Nach meiner Heimkunft hielt ich mich gar eingezogen, meine größte Freude und Ergötzung war, hinter den Büchern zu sitzen, deren ich mir dann viel beischaffte, so von allerhand Sachen handelten, sonderlich die eines großen Nachsinnens bedörfen. Aber Grammaticam und Arithmeticam, Mathematicam und Geometriam auch Astronomiam warf ich bald von mir, teils sie mir gar bald erleidet und ich ihrer überdrüssig ward, teils sie mich zwar trefflich erlustigten aber mir endlich auch falsch und ungewiß vorkamen, also, daß ich mich auch nicht länger mit ihnen schleppen mochte. Bei der Lullischen Kunst befand ich viel Geschrei und wenig Wolle. Ich machte mich hinter die Kabbala der Hebräer und Hieroglyphicas der Egypter, fand aber als Allerletztes von allen meinen Künsten und Wissenschaften, daß keine bessere sei als Theologia.
Nach derselben Richtschnure erfand ich vor die Menschen eine Art zu leben, die mehr englisch als menschlich sein könnte. Es sollte sich meines Davorhaltens eine Gesellschaft zusammen tun beides: von verehelichten als ledigen so Manns- als Weibspersonen, die auf Manier der Wiedertäufer allein sich beflissen, unter einem verständigen Vorsteher durch ihrer Hände Arbeit ihren Unterhalt zu gewinnen und sich die übrige Zeit mit dem Lob und Dienst Gottes und um ihrer Seelen Seligkeit zu bemühen. Ich hatte hiebevor in Ungarn auf den wiedertäuferischen Höfen ein solches Leben gesehen und vor das seligste in der ganzen Welt geschätzet, dann sie kamen mir in ihrem Tun und Leben allerdings für wie die jüdischen Essäer. Sie hatten erstlich große Schätze und überflüssige Nahrung, die sie aber keineswegs verschwendeten. Kein Fluch, Murmelung, noch Ungeduld ward bei ihnen gespüret, ja, man hörete kein unnützes Wort. Da sahe ich Handwerker in ihren Werkstätten arbeiten, als wann sie es verdingt hätten. Ihr Schulmeister unterrichtete die Jugend, als wann sie alle seine leiblichen Kinder gewesen wären. Nirgends sahe ich Manns- und Weibsbilder untereinander vermischt, sondern an jedem bestimmten Ort auch jedes Geschlecht absonderlich seine obliegend Arbeit verrichten. Ich fand Zimmer, in welchen nur Kindbetterinnen waren, die ohne Obsorge ihrer Männer durch ihre Mitschwestern mit aller notwendigen Pflege samt ihren Kindern reichlich versehen wurden. Andere sonderbare Säle standen voll Wiegen mit Säuglingen, die von andern Weibern, das waren Witwen, beobachtet wurden, daß sich deren Mütter ferners nicht um sie bekümmern durften, als wann sie täglich zu dreien gewissen Zeiten kamen, ihnen ihre mildreichen Brüste zu bieten. Anderswo sahe ich das weibliche Geschlecht sonst nichts tun als spinnen, also daß man über die hundert Kunkeln oder Spinnrocken in einem Zimmer beieinander antraf. Da war eine die Wäscherin, die andere die Bettmacherin, die dritte Viehmagd, die vierte Schüsselwäscherin, die fünfte Kellerin, die sechste hatte das weiße Zeug zu verwalten und also auch die übrigen alle wußten eine jede, was sie tun sollten. Und gleichwie die Ämter unter dem weiblichen Geschlecht ordentlich ausgeteilet waren, also wußte auch unter den Männern und Jünglingen ein jeder sein Geschäft. Die Kranken hatten Wärter und Wärterin und stund ihnen ein allgemeiner Medicus und Apotheker bei, wiewohl sie wegen löblicher Diät und guter Ordnung selten erkrankten. Sie hatten ihre gewissen Stunden zum Essen und Schlafen, aber keine einzige Minute zum Spielen noch Spazieren, außerhalb die Jugend, welche mit ihrem Präceptor jedesmal nach dem Essen der Gesundheit halber eine Stunde spazierte. Da war kein Zorn, kein Eifer, keine Rachgier, kein Neid, keine Feindschaft, keine Sorge um Zeitliches, keine Hoffart, keine Reue. Kein Mann sahe sein Weib, als wann er auf die bestimmte Zeit sich mit derselben in seiner Schlafkammer befand, in welcher er sein zugerichtetes Bette und sonst nichts darbei als einen Wasserkrug und weißen Handzwilch fand, damit sie mit gewaschenen Händen schlafen gehen und des Morgens an die Arbeit aufstehen möchten. Und alle hießen einander Schwester und Bruder, und war doch solche ehrbare Verträulichkeit keine Ursache unkeusch zu sein. Ein solches seliges Leben, wie diese Wiedertäuferischen Ketzer führten, hätte ich gern auch aufgebracht. Und hätte als ein anderer Dominicus oder Franciscus einer solchen vereinigten Christengesellschaft meinen Hof und ganzes Vermögen zum besten gegeben, unter denselben ein Mitglied zu sein. Aber mein Knän profezeite mir stracks, daß ich wohl nimmermehr solche Bursche zusammenbringen würde.