Der abenteuerliche Simplicissimus
Das fünfte Kapitel
Demnach unser General-Feldzeugmeister strenge Kriegsdisziplin zu halten pflegte, besorgte ich, meinen Kopf zu verlieren. Meine Hoffnung stund auf dem großen Ruf und Namen meiner Tapferkeit, so ich in blühender Jugend durch Wohlverhalten erworben, doch war ich ungewiß, weil dergleichen tägliche Händel erforderten ein Exemplum zu statuieren.
Die Unsrigen hatten damals ein festes Rattennest berannt, waren aber abgeschlagen, da der Feind wußte, daß wir kein grob Geschütz führten. Derowegen ruckte unser Graf von der Wahl mit dem ganzen Corpo vor besagten Ort, begehrete durch einen Trompeter abermal die Übergabe, drohete zu stürmen. Es erfolgte aber nichts als ein Schreiben:
»Hochwohlgeborener Graf etc. wissen dero hohen Vernunft nach, wie übelanständig, ja unverantwortlich es einem Soldaten fallen würde, wenn er einen so festen Ort dem Gegenteil ohn sonderbare Not einhändigte. Weswegen Eure Hochgräfliche Exzellenz mir dann hoffentlich nicht verdenken werden, wann ich mich befleißige zu verharren, bis die Waffen Eurer Exzellenz dem Orte zugesprochen. Kann aber meine Wenigkeit dero außerhalb Herrendiensten in ichtwas zu gehorsamen die Gelegenheit haben, so werde ich sein Eurer Exzellenz allerdienstwilligster Diener
N. N.«
Den Ort liegen zu lassen war nicht ratsam, zu stürmen ohn eine Presse hätte viel Blut gekostet und wäre doch noch mißlich gestanden, ob mans übermeistert hätte. Die Stücke und alles Zugehör von Münster und Ham herzuholen, da wäre viel Mühe, Zeit und Unkosten darauf geloffen. Indem man bei Groß und Klein ratschlagte, fiel mir ein, ich sollte mir diese Occasion zu Nutz machen, um mich zu erledigen. Ich ließ meinen Obrist-Leutenant wissen, daß ich Anschläge hätte, durch welche der Ort ohne Mühe und Unkosten zu bekommen wäre, wann ich nur Pardon erlangen und wieder auf freien Fuß gestellt werden könnte. Da lachten etliche: wer hangt, der langt! Andere, die mich kannten, auch der Obrist-Leutenant selbst glaubten mir, weswegen er sich in eigener Person an den General-Feldzeugmeister wandte. Der hatte hiebevor auch vom Jäger gehöret, ließ mich holen und solange meiner Bande entledigen. Als er mich fragte, was mein Anbringen wäre, antwortete ich:
»Gnädiger Herr etc., obzwar mein Verbrechen und Eurer Exzellenz rechtmäßig Gebot und Verbot mir beide das Leben absprechen, so heißet mich doch meine alleruntertänigste Treue, die ich dero römischen kaiserlichen Majestät meinem allergnädigsten Herrn bis in den Tod zu leisten schuldig bin, dem Feind einen Abbruch zu tun und erstallerhöchst gedachter römischer kaiserlicher Majestät Nutzen und Kriegswaffen zu befördern ...«
Der Graf fiel mir in meine allerschönste Rede: »Hast du mir nicht neulich den Mohren gebracht?«
»Ja, gnädiger Herr.«
»Wohl, dein Fleiß und Treue möchten vielleicht meritieren, dir das Leben zu schenken. Was hast du aber vor einen Anschlag?«
»Weil der Ort vor grobem Geschütz nicht bestehen kann, so hält meine Wenigkeit davor, der Feind werde bald accordieren, wann er nur eigentlich glaubte, daß wir Stücke bei uns haben.«
»Das hätte mir wohl ein Narr gesagt,« fiel der Graf ein. »Wer wird sie aber überreden, solches zu gläuben?«
»Ihre eigenen Augen. Ich habe ihre hohe Wacht mit meinem Perspektiv gesehen. Die kann man betrügen, wann man nur etliche Holzblöcke, den Brunnenrohren gleich, auf Wägen ladet, dieselben mit großem Gespann in das Feld führet und hiebevor ein Stückfundament aufwerfen lässet.«
»Mein liebes Bürschchen, es seind keine Kinder darin. Die werden die Stück auch hören wollen, und wann der Posse dann nicht angeht, so werden wir von aller Welt verspottet.«
»Gnädiger Herr, ich will schon Stücke in ihre Ohren lassen klingen, wann ich nur ein paar Doppelhacken und ein ziemlich groß Faß haben kann. Sollte man aber wider Verhoffen nur Spott daraus erlangen, so werde ich, der Erfinder, denselben mit meinem Leben aufheben.«
Obzwar nun der Graf nicht dran wollte, so persuadierte ihn jedoch mein Obrist-Leutenant dahin, daß er sagte, ich sei in dergleichen Sachen glückselig. Der Graf willigte endlich ein und meinte im Scherz zu ihm, die Ehre so er damit erwürbe, sollte ihm allein zustehen.
Also wurden drei Blöcke zuwegen gebracht und vor jeden vierundzwenzig Pferde gespannt, die führeten wir gegen Abend dem Feind ins Gesicht, dreien Doppelhacken gab ich zweifache Ladung, die ließ ich durch ein Stückfaß losgehen, gleich ob es drei Losungsschüsse hätten sein sollen. Das donnerte dermaßen, daß jedermann Stein und Bein geschworen hätte, es wären Quartierschlangen oder halbe Kartaunen. Unser General-Feldzeugmeister mußte der Gugelfuhre lachen und ließ dem Feind abermals einen Accord anbieten mit Anhang, wann sie sich nicht noch diesen Abend bequemen würden, daß es ihnen morgen nicht mehr so gut werden sollte.
Darauf wurden alsbald beiderseits Geißeln geschickt, der Accord geschlossen und uns noch dieselbige Nacht ein Tor der Stadt eingegeben. — Das kam mir trefflich gut, dann der Graf schenkte mir nicht allein das Leben und ließ mich noch selbige Nacht auf freien Fuß stellen, sondern er befahl dem Obrist-Leutenant in meiner Gegenwart, daß er mir das erste Fähnlein, so ledig würde, geben sollte. Das kam dem Obrist-Leutenant ungelegen, dann er hatte der Vettern und Schwäger so viel.
Ich fing an mich etwas reputierlicher zu halten als zuvor, weil ich so stattliche Hoffnungen hatte, und gesellete mich allgemach zu den Offizierern und jungen Edelleuten, die eben auf dasjenige spanneten, was ich in Bälde zu kriegen mir einbildete. Sie waren deswegen meine ärgsten Feinde und stelleten sich doch als meine besten Freunde gegen mich. So war mir der Obrist-Leutenant nicht gar grün, weil er mich vor seinen Verwandten hätte befördern sollen. Mein Hauptmann war mir abhold, dann ich mich an Pferden, Kleidern und Gewehr viel prächtiger hielt als er. Also hassete mich auch mein Leutenant wegen eines einzigen Wortes halber, das ich neulich unbedachtsam hatte laufen lassen. Wir waren miteinander in der letzten Cavalcada kommandiert, eine gleichsam verlorene Wacht zu halten. Als nun die Schildwacht an mir war, kroch der Leutenant auch auf dem Bauch zu mir und sagete: »Schildwacht, merkst du was?« Ich antwortete: »Ja, Herr Leutenant.« — »Was da! Was da!« sagte er. — »Ich merke, daß sich der Herr förchtet.« Von dieser Zeit an hatte ich keine Gunst mehr bei ihm, und wo es am ungeheuersten war, ward ich zum ersten hinkommandiert. Nicht weniger feindeten mich die Feldwaibel an, weil ich ihnen allen vorgezogen ward. Was aber gemeine Knechte waren, die fingen auch an in ihrer Liebe und Freundschaft zu wanken, weil es das Ansehen hatte, als ob ich sie verachte, indem ich mich nicht sonderlich mehr zu ihnen, sondern zu den großen Hansen gesellete. Ich lebte eben dahin wie ein Blinder in aller Sicherheit und ward je länger, je hoffärtiger.
Ich scheuete mich nicht einen Koller von sechzig Reichstalern, rote scharlachene Hosen und weiße atlassene Ärmel, überall mit Gold und Silber verbrämt, zu tragen, welche Tracht damals den höchsten Offizierern anstund. Ich war ein schröcklich junger Narr, daß ich den Hasen so laufen ließ, dann hätte ich mich anders gehalten und das Geld, das ich so unnützlich an den Leib hing, an gehörige Ort und Ende verschmieret, so hätte ich nicht allein das Fähnlein bald bekommen, sondern mir auch nicht so viel zu Feinden gemacht.
Nichts vexierte mich mehr, als daß ich mich nicht als Edelmann wußte, damit ich meinen Knecht und Jungen auch in meine Livrei hätte kleiden können. Und ich gedachte, alle Dinge hätten ihren Anfang — wann du ein Wappen hast, so hast du schon ein eigne Livrei, und wann du Fähnrich wirst, so mußt du ja ein Petschier haben, wannschon du kein Junker bist. Ich ließ mir also durch einen Comitem Palatinum ein Wappen geben. Das waren drei rote Larven in einem weißen Feld und auf dem Helm das Brustbild eines jungen Narren in kälbernem Habit mit ein Paar Eselsohren, vorn mit Schellen gezieret. Und dünket mich wahrlich schon jetzt keine Sau zu sein. So mich jemand damit hätte foppen wollen, so wären ihm ohn Zweifel Degen und ein Paar Pistolen präsentieret worden.
Wiewohl ich damals noch nichts nach dem Weibervolk fragte, so ging ich doch gleichwohl mit denen von Adel, wann sie irgends Jungfern besuchten, mich sehen zu lassen und mit meinen schönen Haaren, Kleidern und Federbüschen zu prangen. Ich muß gestehen, daß ich andern vorgezogen wurde, aber auch, daß verwöhnte Schleppsäcke mich einem wohlgeschnitzten hölzernen Bild verglichen, an welchem außer der Schönheit sonst weder Kraft noch Saft wäre. Ich sagte, so man mich der holzböckischen Art und Ungeschicklichkeit halber anstach, daß mirs genug sei, wann ich noch zur Zeit meine Freude an einem blanken Degen und einer guten Muskete hätte. Die Frauenzimmer billigten auch solche Reden, da keiner war, der das Herz hatte, mich heraus zu fordern oder Ursach zu ein Paar Ohrfeigen oder sonst ziemlich empfindlichen Worten zu geben, zu denen ich mich bereit zeigte.