Der abenteuerliche Simplicissimus

Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen · Kapitel 52 von 62

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Der abenteuerliche Simplicissimus

Das fünfte Buch

Das erste Kapitel

Nachdem Herzbruder wieder allerdings erstärkt, vertrauete er mir, daß er in den höchsten Nöten eine Wallfahrt nach Einsiedeln zu tun gelobt. Weil er dann jetzt ohn das so nahe am Schweizerland wäre, so wollte er solche verrichten und sollte er auch dahin betteln. Ich bot ihm Geld und meine Gesellschaft an, ja, ich wollte gleich zween Klepper kaufen. Nicht zwar der Ursache, daß mich die Andacht darzu getrieben, sondern um die Eidgenoßschaft zu besehen, als das einzige Land, darin der liebe Friede noch grünete. So freute mich auch nicht wenig, daß ich Gelegenheit hatte, Herzbrudern auf solcher Reise zu dienen, maßen ich ihn fast höher als mich selbst liebte. Er aber schlug beides: meine Hilfe und meine Gesellschaft ab mit Vorwand, seine Wallfahrt müsse zu Fuß und darzu auf Erbsen geschehen, meine Gesellschaft würde ihn nicht allein an der Andacht verhindern, sondern mir selbst große Ungelegenheit aufladen. Das redete er aber, mich von sich zu schieben, weil er sich ein Gewissen machte auf einer so heiligen Reise von dem Gelde zu zehren, das mit Morden und Rauben erobert worden. Er sagte unverholen, daß ich bereits mehr an ihm getan, weder ich schuldig gewesen, noch er zu erwidern getraue. Hierüber gerieten wir in ein freundlich Gezänke, das war so lieblich, als ich dergleichen niemals habe hören hadern. Bis ich endlich merkte, daß er beides: an Oliviers Geld und meinem gottlosen Leben einen Ekel hatte. Derhalben behalf ich mich mit Lügen und überredete ihn, daß mich mein Bekehrungsvorsatz nach Einsiedeln triebe, sollte er mich nun von einem so guten Werk abhalten und ich darüber sterben, so würde ers schwer verantworten können. Hierdurch persuadierte ich ihn, daß er es zuließ, sonderlich weil ich eine große Reue bezeugte, als ich ihn dann auch überredete, daß ich sowohl als er auf Erbsen nach Einsiedeln gehen wollte.

Er willigte endlich drein, wiewohl mit Widerstreben, daß ich einen Paß bekam nach meinem Regiment (und nicht nach Einsiedeln) zu gehen. Mit demselben wanderten wir bei Beschließung des Tores samt einem getreuen Wegweiser aus der Stadt, als wollten wir nach Rottweil, wandten uns aber kurz durch Nebenwege und kamen noch dieselbige Nacht über die schweizerische Grenze und folgenden Morgen in ein Dorf, allda wir uns mit schwarzen langen Röcken, Pilgerstäben und Rosenkränzen montierten und den Boten wieder zurückschickten.

Das Land kam mir so fremd vor gegen andern deutschen Ländern, als wann ich in Brasilia oder in China gewesen wäre. Da sahe ich die Leute im Frieden handeln und wandeln. Die Ställe stunden voll Viehe. Die Baurenhöfe liefen voll Hühner, Gäns und Enten. Die Straßen wurden sicher von den Reisenden gebrauchet. Die Wirtshäuser saßen voll Leute, die sich lustig machten. Da war ganz keine Forcht vor dem Feind, keine Sorge vor der Plünderung und keine Angst, sein Gut, Leib noch Leben zu verlieren. Ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum, und zwar, gegen andere deutsche Länder zu rechnen, in lauter Wollust und Freude, also daß ich dieses Land vor ein irdisch Paradies hielt, wiewohln es von Art rauh genug zu sein schiene.

Das machte, daß ich auf dem ganzen Weg nur hin und her gaffte, wann hingegen Herzbruder an seinem Rosenkranz betete. Deswegen ich manchen Filz bekam, dann er wollte, daß ich wie er bete, welches ich aber nicht gewöhnen konnte.

Zu Zürich kam er mir recht hinter die Briefe und dahero sagte er mir die Wahrheit auch am tröckensten heraus. Dann als wir zu Schaffhausen, allwo mir die Füße von den Erbsen sehr wehe täten, die vorige Nacht geherberget und ich mich den künftigen Tag wieder auf Erbsen zu gehen förchtete, ließ ich sie kochen und tät sie wieder in die Schuhe.

»Bruder, du hast große Gnade vor Gott,« meinte Herzbruder zu Zürich, »daß du unangesehen der Erbsen, dannoch so wohl fortkommen kannst.«

»Ja,« sagte ich, »liebster Herzbruder, ich habe sie gekocht, sonst hätte ich soweit nicht darauf gehen können.«

»Ach, daß Gott erbarme, was hast du getan! Du hättest sie lieber gar aus den Schuhen gelassen, wann du nur dein Gespötte damit treiben willst. Gott wird dich und mich zugleich strafen. Ich besorge, es stehe deine Seligkeit in höchster Gefahr. Ich liebe keinen Menschen mehr als dich, leugne aber auch nit, daß ich mir ein Gewissen machen muß, solche Liebe zu kontinuieren.«

Ich verstummte vor Schröcken, daß ich mich schier nicht wieder erholen konnte. Zuletzt bekannte ich frei, daß ich die Erbsen nicht aus Andacht, sondern allein ihm zu Gefallen in die Schuhe getan, damit er mich mitgenommen hätte.

»Ach Bruder, ich sehe, daß du weit vom Weg der Seligkeit bist. Gott verleihe dir Besserung, dann ohne die kann unsere Freundschaft nicht bestehen.«

Von dieser Zeit folgte ich ihm traurig nach, als einer, den man zu Galgen führet. Mein Gewissen fing an mich zu drucken, alle meine Bubenstücke stelleten sich mir vor Augen, da beklagte ich erst die verlorene Unschuld. Und was meinen Jammer vermehrete war, daß Herzbruder nicht viel mehr mit mir redete und mich nur mit Seufzen anschauete, als hätte er meine Verdammnis an mir bejammert.

Solchergestalt langten wir zu Einsiedeln an und kamen eben in die Kirche, als ein Priester einen Besessenen exorcisieret. Das war mir neu und seltsam, derowegen ließ ich Herzbrudern knien und beten, so lange er wollte, und ging hin, diesem Spektakul aus Fürwitz zuzusehen.

Aber ich hatte mich kaum ein wenig genähert, da schrie mich der böse Geist aus dem armen Menschen an: »Oho, du Kerl, schlägt dich der Hagel auch her? Ich habe vermeint, dich zu meiner Heimkunft bei dem Olivier in unserer höllischen Wohnung anzutreffen! Du ehebrecherischer, mörderischer Jäger, darfst du dir wohl einbilden, uns zu entrinnen? O ihr Pfaffen, nehmt ihn nur nicht an, er ist ein Gleißner und ärger Lügner als ich, er foppt euch nur und spottet beides: Gott und Religion!«

Der Exorcist befahl dem Geist zu schweigen, weil man ihm als einem Erzlügner ohn das nicht glaube.

»Ja, ja, fraget des ausgesprungenen Mönches Reisegesellen, der wird euch wohl erzählen, daß dieser Atheist die Erbsen gekocht, auf welchen er hierher zu gehen versprochen!«

Ich wußte nit, ob ich auf dem Kopfe oder Füßen stund, da ich dieses alles hörete und mich jedermann ansahe. Der Priester strafte den Geist, konnte ihn aber denselben Tag nicht austreiben.

Indessen kam Herzbruder auch herzu, als ich eben vor Angst mehr einem Toten als Lebendigen gleich sahe und zwischen Furcht und Hoffnung nicht wußte, was ich tun sollte. Er tröstete mich und versicherte die Patres, daß ich mein Tag kein Mönch gewesen, aber wohl ein Soldat, der vielleicht mehr Böses als Gutes getan haben möchte. Ich aber war in meinem Gemüt dermaßen verwirrt, als ob ich allbereits die höllische Pein selbst empfände, als daß die Geistlichen genug an mir zu beruhigen hatten. Sie vermahneten mich zur Beichte und Kommunion, aber der Geist schrie abermals aus dem Besessenen:

»Ja, ja, er wird fein beichten! Er weiß nicht einmal, was beichten ist! Seine Eltern sein mehr wiedertäuferisch als calvinisch gewesen!«

Der Exorcist befahl dem Geist abermals zu schweigen und sagte:

»So wird dichs desto mehr verdrießen, wenn dir das verloren Schäflein wieder aus dem Rachen gezogen und der Herde Christi einverleibet wird.«

Darauf fing der Geist so grausam an zu brüllen, daß es schröcklich zu hören war. Aus welchem greulichen Gesang ich meinen größten Trost schöpfte, dann ich dachte, wann ich keine Gnade vor Gott mehr erlangen könnte, so würde sich der Teufel nicht so übel anstellen.

Ich empfand eine solche Reue und Begierde zur Buße und mein Leben zu bessern, daß ich alsobald einen Beichtvater begehrte, worüber sich Herzbruder höchlich erfreuete, weil er wahrgenommen und wohl gewußt, daß ich bisher noch keiner Religion beigetan gewesen. Demnach bekannte ich mich offentlich zur katholischen Kirche, ging zur Beichte und kommunizierte nach empfangener Absolution. Worauf mir dann so leicht und wohl ums Herz ward, daß ichs nicht aussprechen kann. Der Geist in dem Besessenen ließ mich fürderhin zufrieden.

Wir verblieben vierzehn ganzer Tage an diesem gnadenreichen Ort, wo ich die Wunder, so allda geschehen, betrachtete, welches alles mich zu ziemlicher Andacht und Gottseligkeit reizete, doch währte solches auch nur so lang, als es mochte. Dann wie meine Bekehrung aus Angst und Forcht entsprungen, also ward ich auch nach und nach wieder lau und träg, weil ich allmählich des Schreckens vergaß.

Wir begaben uns nach Baden, alldorten vollends auszuwintern.