Der abenteuerliche Simplicissimus
Das vierte Kapitel
Weil ich ein Narr sein sollte, der nicht so witzig ist, von sich selbst herauszugehen, achtet ich des Loches, das der tolle Fähnrich in die Tür geschnitten hatte, nicht, sondern blieb und stellte mich als ein hungrig Kalb, das sich nach der Mutter sehnet. Mein Geplärr ward auch bald von zween Soldaten gehöret, die darzu bestellt waren. Sie fragten mich, wer da sei. Ich antwortete: »Ihr Narren, höret ihr dann nicht, daß ein Kalb da ist?« Sie nahmen mich heraus und verwunderten sich wie neugeworbene Komödianten, die nicht wohl agieren können, daß ein Kalb rede. Sie beratschlagten, mich dem Gubernator zu verehren, der ihnen mehr schenken würde, als der Metzger vor mich bezahlt hätte. Sie fragten mich, wie demnach mein Handel stünde.
»Liederlich genug,« antwortete ich.
»Warum?«
»Darum, dieweil hier Brauch ist, redliche Kälber in Gänsstall zu sperren.«
Sie führten mich gegen des Gouverneurs Quartier zu und uns folgte eine große Schar Buben nach, die ebensowohl als ich, wie Kälber schrien.
Also ward ich dem Gouverneur präsentiert, als ob ich von denen Soldaten erst auf Partei erbeutet worden wäre. Er versprach mir die beste Sach. Ich sagte: »Wohl Herr, man muß mich aber in keinen Gänsstall sperren, dann wir Kälber können solches nicht erdulden, wann wir anders wachsen und zu einem Stück Hauptviehe werden sollen.«
Er vertröstete mich eines besseren und dünkte sich gar gescheit zu sein, daß er einen solchen visierlichen Narren aus mir gemachet hätte. Hingegen gedachte ich: Harre mein, lieber Herr, ich habe die Probe des Feuers überstanden.
Indem trieb ein geflüchteter Baur sein Viehe zur Tränke. Ich sahe es und eilete mit einem Kälbergeplärr den Kühen zu, so sich vor mir ärger entsatzten als vor einem Wolf, ja, sie wurden so schellig und zerstoben von einander, daß sie der Bauer am selbigen Ort nicht mehr zusammenbringen konnte. Im Hui war ein Haufen Volk darbei, das der Gaukelfuhre zusahe. Mein Herr lachte, daß er hätte zerbersten mögen, und meinte endlich: »Ein Narr macht ihrer hundert!« Ich aber gedachte, eben du bist derjenige, dem du jetzt wahrsagest.
Gleichwie mich nun jedermann von selbiger Zeit an das Kalb nannte, also nannte ich hingegen auch einen jeden mit einem besonderen Namen. In summa mich schätzte männiglich vor einen ohnweisen Toren und ich hielte jeglichen vor einen gescheiten Narren. Dieser Brauch ist meines Erachtens in der Welt noch üblich, maßen ein jeder mit seinem Witz zufrieden und sich einbildet, er sei der Gescheiteste unter allen.
Bei der Mittagsmahlzeit wartete ich auf wie zuvor, brachte aber daneben seltsame Sachen auf die Bahn, und, als ich essen sollte, konnte niemand menschliche Speise oder Trank in mich bringen. Ich wollte kurzum nur Gras haben, was zur selbigen winterlichen Zeit zu bekommen unmüglich war. So ließ mein Herr zweien kleinen Knaben frische Kalbfell überstreifen, diese satzte er zu mir und traktierte uns mit Wintersalat. Ich aber sahe so starr drein, als wann ich mich darüber verwunderte.
»Jawohl,« sagten sie, weil sie mich so kaltsinnig sahen, »es ist nichts Neues, daß Kälber Fleisch, Fisch, Käse, Butter und anders fressen. Sie saufen auch zu Zeiten einen guten Rausch.«
Ich ließ mich desto ehender überreden, als ich hiebevor schon selbst gesehen, wie teils Menschen säuischer als Schweine, geiler als Böcke, neidiger als Hunde, unbändiger als Pferde, gröber als Esel, versoffener als Rinder, gefräßiger als Wölfe, närrischer als Affen und giftiger als Schlangen und Kroten waren, so dannoch allesamt menschlicher Nahrung genossen und nur durch die Gestalt von den Tieren unterschieden waren.
Gleichwie meine beiden Schmarotzer mit mir zehreten, also mußten sie auch mit mir zu Bette, wann mein Herr anders nicht zugeben wollte, daß ich im Kühestall schliefe. Der grundgütige Gott gab mir so viel Witz vor meinen Stand, als er einem jeden Menschen zu seiner Selbsterhaltung verleihet, dannenhero ich erkannte: Doktor hin, Doktor her, was bildet ihr euch ein, allein witzig zu sein und Hans in allen Gassen. Hinter den Bergen, da wohnen auch noch Leute.
Gegen Mittag so mußte ich auch in die Stube, weil adelig Frauenzimmer bei meinem Herren war, den neuen Narren zu hören und zu sehen. Ich erschiene und stund da wie ein Stummer. Dahero diejenige, so ich hiebevor beim Tanze erdappet hatte, Ursach nahm zu sagen, sie hätte gehört, daß dieses Kalb könne reden, nunmehr verspüre sie aber, daß es nicht wahr sei.
Ich antwortete: »So habe ich vermeint, die Affen können nicht reden, höre aber wohl, das dem auch nicht so sei.«
»Wie,« sagte mein Herr, »vermeinst du dann, diese Damen seien Affen?«
»Sein sie es nicht,« gab ich entgegen, »so werden sie es bald werden. Wer weiß wie es fällt, ich habe mich auch nicht versehen, ein Kalb zu werden, und bins doch.«
Da fragte mein Herr, woran ich sehe, daß diese Damen Affen werden sollten.
Ich antwortete: »Der Affe trägt seinen Hintern bloß, diese Jungfer allbereits ihre Brüstlein, dann andre Mägde pflegen sonst solche zu bedecken.«
»Schlimmer Vogel,« sagte mein Herr, »so redest du? Diese lassen billig sehen, was sehenswert ist, der Affe aber gehet aus Armut nackend. Geschwind bringe ein, was du gesündiget hast, oder man wird dich mit Hunden in den Gänsstall hetzen!«
Hierauf betrachtete ich die Dame so steif und lieblich, als hätte ich sie heuraten wollen. Endlich sagte ich: »Herr, ich sehe wohl der Diebsschneider ist an allem schuldig, er hat das Gewand, das oben um den Hals gehört, unten am Rock stehen lassen, darum schleift es so weit hinten nach. Man soll dem Hudler die Hand abhauen. Jungfer, schafft ihn ab, wann er Euch nicht so verschänden soll und sehet, daß ihr meiner Meuder, des Ursele und der Ann Schneider bekommt, die haben Röck gehabt, so nicht im Dreck geschlappt wie Eurer.«
Mein Herr fragte, ob dann meines Knäns Ann und Ursele schöner gewesen als diese Jungfer.
»Ach wohl nein,« sagte ich, »diese Jungfer hat ja Haare so gelb, als kleine Kindlein die Windlen zeichnen, und sie sein so hübsch zusammengerollt, als hätte sie auf jeder Seite ein paar Pfund Lichter oder ein Dutzend Bratwürst hangen. Wie hat sie so eine schöne glatte Stirn, weißer als ein Totenkopf, der viel Jahr lang im Wetter gehangen. Jammerschad ist, daß ihre zarte Haut durch den Puder bemackelt wird, als habe die Jungfer den Erbgrind, der solche Schuppen von sich werfe. Wie zwitzern doch ihre funkelnden Augen, vor Schwärze klärer als meines Knäns Ofenloch. Und die zwei Reihen Zähne, so in ihrem Maul stehen, schimmern so schön, als wann sie aus einem Stück von einer weißen Rübe geschnitzelt wären worden. O Wunderbild, ich glaube nicht, daß es einem wehe tut, so du einen damit beißest! Wie ist ihr Hals schier so weiß, als eine gestandene Sauermilch und ihre Brüstlein sein von gleicher Farbe und ohn Zweifel so hart, als eine Geißmämm, die von übriger Milch strotzet. Ach Herr, sehet ihre Hände und Finger so subtil, so lang, so gelenk, so geschmeidig und so geschickt, damit sie einem in den Sack greifen können, wann sie fischen wollen. Aber was soll dieses gegen ihren ganzen Leib, den ich zwar nicht sehen kann. Ist er nicht so zart, so schmal und anmutig, als wann sie acht ganzer Wochen die schnelle Katharina gehabt hätte?«
Hierüber erhub sich eine solch Gelächter, daß man mich nicht mehr hören, noch ich mehr reden konnte. Ging hiemit durch wie ein Holländer und ließ mich, solang mirs gefiel, von andern vexieren.