Der abenteuerliche Simplicissimus

Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen · Kapitel 30 von 62

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Der abenteuerliche Simplicissimus

Das dritte Buch

Das erste Kapitel

In Soest suchte ich Ruhm und Gunst in Handlungen, die sonst strafwürdig gewesen wären. Ich war ehrgeizig geworden, und meine Torheit ließ mich Leib- und Lebensgefahr vor gering anschlagen. Wann andere schliefen, hielten mich meine wunderlichen Grillen wach, und ich sann auf neue Fündgen und Listen. So erfand ich eine Gattung Schuhe, die man den Absatz zuvorderst anziehen konnte, deren ließe ich dreißig unterschiedliche Paar machen. Wann ich solche unter meine Burschen austeilete, war es unmöglich, uns aufzuspüren, dann wir trugen bald diese, bald unsere rechten Schuhe an den Füßen, und es sahe am Ziele aus, als wann zwo Parteien allda zusammengekommen wären und mit einander verschwunden seien. Ohndas verwirrete ich unsere Spur, so daß mich niemand hätte auskünden können. Ich lag oft allernächst bei denen vom Gegenteil, die mich in der Ferne suchten, und noch öfter etliche Meilwegs von dem Busch, den sie umstellten und durchstreiften. Also ließ ich auch an Scheid- und Kreuzwegen unversehens absteigen und den Pferden die Eisen das hinterst zu vörderst aufschlagen. Ganz zu geschweigen der gemeinen Vorteil, die man brauchet, wann man schwach auf Partei ist und doch vor stark aus der Spur judiziert werden will.

Wann ich nicht auf Partei dorfte, so ging ich sonst aus zu stehlen, und dann war kein Stall vor mir sicher. Rindviehe und Pferden wußte ich Stiefel und Schuhe anzulegen, bis ich sie auf eine gänge Straße brachte. Die großen fetten Schweinspersonen, die Faulheit halber nicht reisen mögen, wußte ich meisterlich fort zu bringen, wann sie schon grunzten und nicht daran wollten. Ich machte ihnen mit Mehl und Wasser einen wohlgesalzenen Brei, ließ solchen einen Badeschwamm in sich saufen, an welchen ich einen starken Bindfaden gebunden hatte. Ließ nachgehends diejenigen, um welche ich buhlete, den Schwamm voll Mus fressen und behielt die Schnur in der Hand, worauf sie ohne Wortwechsel geduldig mitgingen und mir die Zeche mit Schinken und Würsten bezahleten.

Was ich brachte, teilete ich sowohl den Offizierern als meinen Kameraden getreulich mit. Im übrigen dünkte ich mich viel zu gut darzu zu sein, daß ich die Armen bestehlen, Hühner fangen oder andere geringe Sachen hätte mausen sollen.

Dahero fing ich an nach und nach mit Fressen und Saufen ein epikuräisch Leben zu führen, weil ich meines Einsiedels Lehren vergessen und niemand hatte, der meine Jugend regierte. Meine Offizierer schmarotzten bei mir und reizten mich viel mehr zu allen Lastern, wo sie mich hätten strafen und abmahnen sollen. So ward ich endlich gottlos und verrucht, daß mir kein Schelmstück zu groß schien, und zuletzt auch heimlich beneidet, beides: von Kameraden und Offizieren, da ich mir einen größeren Namen und Ansehen machte, als sie selbst hatten.

Während ich im Begriffe stund, mir einige Teufelslarven und darzugehörige Kleidungen mit Roß- und Ochsenfüßen machen zu lassen, vermittels deren ich Freund und Feind in Schröcken setzen könnte, bekam ich Zeitung, daß ein Kerl sich in Werle aufhielte, welcher ein trefflicher Parteigänger sei, sich grün kleiden lasse und hin und her auf dem Land, sonderlich bei unsern Kontribuenten, unter meinem Namen mit Weiberschänden und Plünderungen allerhand Exorbitantien verübe, maßen dahero gräuliche Klagen auf mich einkamen. Solches gedachte ich ihm nicht zu schenken, weit weniger zu leiden, daß er sich länger meines Namens bediene. Ich ließ ihn mit Wissen des Kommandanten in Soest auf Degen und Pistolen ins freie Feld zu Gast laden, nachdem er aber das Herz nicht hatte zu erscheinen, ließ ich mich vernehmen, daß ich mich an ihm revangieren wollte, so ich ihn auf Partei ertappte, werde er von mir als Feind traktiert werden. Darauf verbrannte ich in Soest vor meinem Quartier offentlich meine ganze grüne Kleidung, unangesehen, daß sie über hundert Dukaten wert war, und fluchte in solcher Wut noch darüber hin, daß der nächste, der mich mehr »Jäger« nenne, entweder mich ermorden oder von meinen Händen sterben müsse, und sollte es auch meinen Hals kosten. Ich wollte auch keine Partei mehr führen, ich hätte mich zuvor an meinem Widerpart zu Werle gerochen.

Dies erscholl gar bald in der Nachbarschaft, davon wurden die Parteien vom Gegenteil so kühn und sicher, daß sie schier täglich vor unsern Schlagbäumen lagen. Was mir aber gar zu unleidlich viel war, daß der Jäger von Werle noch immer fortfuhr sich vor mich auszugeben.

Indessen jedermann meinete, ich läge auf der Bernhaut, kündigte ich meines Gegenteils von Werle Tun und Lassen aus und machte meinen Anschlag darauf. Meine beiden Knechte, sonderlich Spring-ins-Feld, hatte ich nach und nach abgerichtet wie die Wachtelhunde. Davon schickte ich den einen nach Werle zu meinem Gegenteil. Der wandte vor, daß ich nunmehr anfinge zu leben, wie ein anderer Kujon und verschworen hätte nimmer auf Partei zu gehen, so hätte er nicht mehr bei mir bleiben mögen. Er wisse alle Wege und Stege im Lande und könne manchen Anschlag geben, gute Beute zu machen. Der einfältige Narr von Werle glaubte meinem Knecht und nahm ihn an. So bekam ich Wind, daß sie in einer bestimmten Nacht auf eine Schäferei zuhielten, etliche fette Hämmel zu holen. Ich bestach den Schäfer, daß er seine Hunde anbinden und die Ankömmlinge unverhindert in die Scheuer minieren lassen sollte, so wollte ich ihnen das Hammelfleisch schon gesegnen. Indessen paßte ich und Spring-ins-Feld mit einem andern Knecht auf, die ich hiebevor beide mit meinen Teufelslarven und Kleidern wohl ausstaffieret.

Da nun der Jäger von Werle und sein Knecht ein Loch durch die Wand gegraben hatten, wollte der Jäger haben, daß der Knecht zum erstenmal hineinschliefe. Der aber sagte: »Ich sehe wohl, daß Ihr nicht mausen könnt, man muß zuvor visieren, ob Bläsi zu Hause sei oder nicht.«

Er zog hierauf seinen Degen und hing den Hut an die Spitze, stieß etliche Male durchs Loch. Als solches geschehen, kroch der Jäger als erster hinein, aber Spring-ins-Feld erwischte ihn gleich bei der Degenhand. Da hörete ich, daß sein anderer Gesell durchgehen wollte, und weil ich nicht wußte, welches der Jäger sei, eilete ich nach und ertappte ihn.

»Was Volks?« — »Kaiserisch.« — »Was Regiments, ich bin auch kaiserisch, ein Schelm, der seinen Herrn verleugnet!« — »Wir seind von den Dragonern von Soest,« sagte er, »Bruder, ich hoffe, Ihr werdet uns passieren lassen.« — »Wer seid Ihr dann aus Soest.« — »Mein Kamerad, den Ihr im Stall ertappet, ist der Jäger.« — »Schelmen seid ihr! Warum plündert ihr dann euer eigen Quartier, der Jäger von Soest ist so kein Narr, daß er sich in einem Schafstall fangen läßt!« — »Ach, von Wörle wollt ich sagen,« antwortete er mir.

Indem ich so disputierte, kam mein Knecht und Spring-ins-Feld mit meinem Gegenteil auch daher.

»Siehe da, du ehrlicher Vogel, kommen wir hier zusammen? Wann ich kaiserliche Waffen nicht respektierte, so wollte ich dir gleich eine Kugel durch den Kopf jagen. Ich bin der Jäger von Soest und du bist ein Schelm, bis du einen von gegenwärtigen Degen zu dir nimmst und den andern auf Soldatenmanier mit mir missest.«

Indem legte Spring-ins-Feld uns zwei gleiche Degen vor die Füße. Der arme Jäger erschrak so gewaltig, daß er seine Hosen verderbte, davon schier niemand bei ihm bleiben konnte. Er und sein Kamerad zitterten wie nasse Hunde, sie fielen auf die Knie und baten um Gnade. Aber Spring-ins-Feld kollerte wie aus einem hohlen Hafen heraus: »Du mußt einmal raufen, oder ich will dir den Hals brechen!« — »Ach, hochgeehrter Herr Teufel, ich bin nicht des Raufens halber herkommen! Der Herr Teufel überhebe mich dessen, so will ich hingegen tun, was du willst.«

Mein Knecht zwang ihm den Degen in die Hand, er zitterte aber so, daß er ihn nicht halten konnte. Der Schäfer kam herbei und stellte sich, als ob er von den beiden Teufeln nichts sähe, er fragte mich, was ich mit diesen beiden Kerlen lang in seiner Schäferei zu zanken hätte, ich sollte es an einem andern Ort ausmachen, dann unsere Händel gingen ihm nichts an. Er gäbe monatlich seine Konterbission und wolle in Frieden leben. Zu den beiden sagte er, warum sie sich von mir einzigem Kerl geheien ließen und mich nicht niederschlügen.

»Du Flegel,« rief ich, »sie haben dir deine Schafe stehlen wollen!«

Da sagte der Bauer: »So wollte ich, daß sie meinen Schafen müßten den Hintern lecken.« Damit ging er weg.

Ich drang auf das Fechten, mein armer Jäger aber konnte vor Forcht schier nicht mehr auf den Füßen stehen, also daß er mich daurete. Er und sein Kamerad brachten so bewegliche Worte vor, daß ich ihm endlich alles verziehe und vergab.

Aber Spring-ins-Feld war damit nicht zufrieden, er zwang den Jäger an dreien Schafen zu tun, was der Baur gewünscht hatte, und zerkratzte ihn mit seinen Teufelskrallen noch darzu so abscheulich im Gesicht, daß er aussahe, als ob er mit den Katzen gefressen hätte, mit welcher schlichten Rache ich mich zufrieden gab.

Der Jäger von Werle verschwand bald aus der Gegend, weil er sich zu sehr schämte, dann sein Kamerad sprengte aller Orten aus und beteuret es mit heftigen Flüchen, daß ich wahrhaftig zween leibhaftiger Teufel hätte, die mir auf den Dienst warteten. Darum ward ich noch mehr geförchtet, hingegen aber desto weniger geliebet.