Handbuch Strafvollzugsarchitektur, Parameter zeitgemäßer Gefängnisplanung

Einleitung

11 Ziel

12 Aufbau

13 Methode

15 Dank

 

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Einleitung

 

Ziel

Die Strafjustiz wendet jedes Jahr Milliarden von Dollar in dem vergeblichen Versuch auf, Psychopathen und andere notorische Delinquenten zu ›rehabilitieren‹ oder zu ›resozialisieren‹. Aber diese Begriffe – beliebt unter Politikern und bei der Strafvollzugsverwaltung – sind wenig mehr als Schlagworte. Wir müssen lernen, sie zu sozialisieren und nicht sie zu resozialisieren. (hare 2005, S. 192)

Vor mehr als 150 Jahren wurde in Europa der Strafvollzugsbau aus dem Lehrplan der Architekturschulen gestrichen. Die kontinuierliche Ausbildung von Strafvollzugs-bauexperten sowie eine Weiterentwicklung der Strafvollzugsarchitektur wurden damit, im Gegensatz zu der enormen Entwicklung in anderen forensischen Diszi-plinen, unterbrochen. Kaum jemand der Unterrichtenden wagt sich innerhalb eines Semesterprojektes an die Aufgabenstellung eines Gefängnisses. Die Komplexität des Themas übersteigt einzelne Fachbereiche und ist nur interdisziplinär zu bewälti-gen. Gefängnisse werden jedoch weiter errichtet und umgebaut und die Gewinner-projekte der Architekturwettbewerbe sind nicht unbedingt solche, die sich durch ein tiefes Wissen oder Verständnis für die Problematik des Strafvollzuges auszeichnen.

Es ist mir wichtig, die immer wieder übernommenen (nicht nur) typologischen Dogmen zu hinterfragen und einen Weg für die Erarbeitung einer modernen Straf-vollzugsarchitektur aufzuzeigen. Deshalb habe ich die angrenzenden wissenschaft-lichen Bereiche (Psychologie, Soziologie, Rechtswissenschaften) miteinbezogen. Ich bin der Überzeugung, dass Fragen eine wesentlich längere Geltungsdauer haben als Antworten, die stets durch den technischen, technologischen und gesellschafts-politischen Fortschritt beeinflusst werden.

Das vorliegende Handbuch soll eine zeitlose Hilfe bei den notwendigen Frage-stellungen der Planung von Justizanstaltsum- und -neubauten sein. Ein Diktat von Antworten und architektonischen Lösungen, die zwar heute aktuell sind, aber morgen schon überholt sein könnten, würde keinen Sinn machen.

 

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Aufbau

Die vorliegende Arbeit baut auf der Analyse der Funktionen und Bedürfnisse aller Personen, die in einer Justizanstalt verkehren, auf. Wie sich das Justizverständnis im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, so hat sich auch die Architektur der Strafvoll-zugsanstalten verändert. Der Strafvollzug Europas findet zu etwa 50 % in Anstaltsge-bäuden statt, die vor Jahrhunderten, teilweise sogar zu anderen Zwecken (Schlösser, Klöster, Jugendheime und dergleichen), errichtet wurden. Um dieses bauliche Erbe zu verstehen, steht am Anfang dieser Arbeit ein historischer Überblick.

Der wohl wesentlichste Unterschied zu anderen Bauten besteht darin, dass die Bedürfnisse und Tätigkeiten der Nutzer größtenteils vom Gesetzgeber ›geregelt‹ sind und die größte Nutzergruppe sich nicht freiwillig in diesen Gebäuden befindet. Dies spiegelt sich auch in der Architektur wider. Wie die Gesetze für den jeweiligen baulichen Bereich zu lesen sind, wird anhand der Analyse des österreichischen Strafvollzugsgesetzes (Stvg) in Bezug auf die Ermittlung der Haftraummindestgröße dargestellt. Ferner wird die Problematik des Freiheitsentzuges erörtert, wobei vor allem die negativen Haftfolgen dargestellt werden, um so die möglichen architek-tonischen Zusammenhänge aufzuzeigen.

Eine Justizanstalt stellt einen eigenständigen lebenden Organismus dar, der sich aus vielen eng verwobenen Bereichen und deren Wechselwirkungen zusammensetzt.

Das Kapitel ›Menschen‹ zeigt die einzelnen Standpunkte der sich in ihren Be-dürfnissen teilweise widersprechenden Personengruppen (Insassen, Personal und Besucher), die miteinander in einer Anstalt auskommen müssen.

Wie sich diese Gruppen visuell bemerkbar machen, das heißt ihre ›Territorien markieren‹, lässt auf ihre Wohn- und /oder Arbeitszufriedenheit schließen. Diese Zeichen richtig zu deuten, kann eine wesentliche Hilfestellung bei der Analyse baulicher und sozialer Missstände sein. Wie verschieden diese ›Territoriumsmarkie-rungen‹ ausfallen können, wird im Kapitel ›Zeichen der Nutzung‹ dargestellt.

Der Hauptteil dieser Arbeit besteht aus dem Aufzeigen der anstaltsinternen Spezifika und von deren Auswirkungen auf die gängigen architektonischen Mittel (Beispiele: Material, Farbe, Form, Licht), baulichen Elemente (Beispiele: Türen, Fenster, Wände, Sanitäranlagen, Möbel) und Räume (Beispiele: Lufträume, Besuchs-räume, Gänge, Höfe). Als Einblick in die Komplexität der Problematik werden die Funktionen, Tätigkeiten und Abläufe und deren Raumbedürfnisse am Beispiel der Tätigkeiten der Insassen dargestellt. Die Analyse der gängigen Strafvollzugs- und Untersuchungshaftabteilungsarten zeigt die derzeit vorherrschende Vielfalt und analysiert deren architektonischen Unterschiede.

Der Bereich Sicherheit und Sicherung wird ebenso aus der Sicht der Architektur erörtert.

 

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Methode

Diese Arbeit musste von der Tatsache ausgehen, dass das Thema der Strafvollzugs-architektur im Vergleich zu anderen forensischen Disziplinen (zum Beispiel Psycho-logie) lange vernachlässigt wurde. Fachliteratur zum Thema ›Strafvollzugsarchitektur‹ ist im Vergleich zu anderen Gebäudearten kaum vorhanden. Dies zwang mich, bei den Recherchen auf Literatur aus den Bereichen der Soziologie, der Psychologie und der Strafvollzugskunde zurückzugreifen.

Justizanstalten gelten zwar allgemein als öffentliche Gebäude, sind aber nicht öffentlich zugänglich. Die schnellste Möglichkeit, eine Besichtigungsgenehmigung zu erhalten, bot sich im Rahmen eines interdisziplinären Doktoratstudiums (Archi-tektur – Kriminologie – Strafvollzugskunde). Selbst wenn man eine Besichtigungs-genehmigung für eine Justizvollzugsanstalt bekommt, beschränkt sich die Besichti-gung auf wenige Stunden, in denen man nur die von der Anstaltsleitung erwünschten Bereiche zu sehen bekommt. Der Eindruck eines mit Menschen gefüllten ›zoologi-schen Gartens‹ bleibt zurück.

Um als Architektin im Sinne von Nicht-Insassin, Nicht-Justizwachebeamtin und Nicht-Besucherin einen möglichst authentischen Einblick in den Strafvollzugsalltag zu bekommen, habe ich in diversen Anstalten Praktika absolviert und später zum Beispiel Arbeitstherapiegruppen geleitet (2001 – 2002). Der tägliche Kontakt und die gemeinsame Tätigkeit (im Gegensatz zur passiven Tätigkeit eines Besuchers / Betrachters) ermöglichte mir den Austausch mit erfahrenen Praktikern sowie das Sammeln von Informationen und Material über die Möglichkeiten und Schwach-punkte der Architektur.

Die Wandlung des politischen Systems vom Kommunismus zur Demokratie in Tschechien hat auch die oberste Strafvollzugsbehörde in Prag erkennen lassen, dass die meisten heute in Betrieb befindlichen Anstalten den modernen Ansprüchen baulich nicht gerecht werden. Tschechien und Österreich haben einen sehr ähnlichen, vorwiegend in der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie entstandenen Baubestand der Justizanstalten. Als Methodikerin für Strafvollzugsarchitektur in Tschechien (2003 – 2005) bestand mein Aufgabenbereich unter anderem in der Revisionstätigkeit im Bereich der Unterbringung, Ausstattung, Arbeit und des Frei-zeitangebots der Insassen und der Arbeitsplatzbedingungen der Justizwache. Innerhalb von zwei Jahren konnte ich etwa 35 Anstalten nach meinen Vorstellungen besichtigen, analysieren und auf deren baulichen Veränderungen Einfluss nehmen.

Die meisten der in der vorliegenden Arbeit angeführten Beispiele gehen auf meine persönlichen Erfahrungen aus Österreich und Tschechien zurück. Stellvertre-tend für viele andere werden anschauliche Beispiele aus bereits veröffentlichter Literatur angeführt. Das Bildmaterial dient oft als Negativbeispiel und aus diesem Grund führe ich weder die Anstalt noch das Herkunftsland an. Es geht mir um das Aufzeigen von Fehlern und nicht um die Bloßstellung der Verantwortlichen.

 

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Architektur

 

Sicherheit Technologie

 

Gesetzgebung Psychologie

 

Vollzugsalltag

 

001 Schema: für die Strafvollzugsarchitektur relevante Bereiche und Disziplinen

 

Im Zuge meiner Arbeit hatte ich die Möglichkeit zu sehen:

• in welche Bereiche investiert wird;

• wo mit guter Absicht aber falsch investiert wird; und • wo die Kommunikationsprobleme zwischen Auftraggebern

und Architekten liegen.

Die unterschiedlichen Denkweisen, Standpunkte und die daraus resultierende Problematik der Kommunikation zwischen Strafvollzugspraktikern und Architekten haben mich dazu bewogen, das Angebot als Leiterin eines Semesterprojektes Entwurf einer Strafvollzugsanstalt an der Akademie der Bildenden Künste in Prag in der Meisterklasse von Emil Prikryl anzunehmen (2004). Seit 2005 arbeite ich unter anderem als Konsulentin für das Bundesministerium für Justiz in Wien.

Im Bereich der Strafvollzugsarchitektur gibt es viel aufzuholen und ein konstruk-tives Ergebnis kann nur auf dem Weg der engen interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Strafvollzugspraxis (allen verwandten Bereichen) und der Architektur erreicht werden. [abb·001]

 

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Dank

Allen, die meinen Entwicklungsprozess mitgestaltet haben gewidmet.

Das in der Architektur Jahrzehnte lang vernachlässigte Thema des Strafvollzuges zwang mich bei meiner Forschungstätigkeit im Zuge des interdisziplinären Dokto– rates (Gebäudelehre, Kriminologie, Strafvollzugskunde) auf andere wissenschaftliche Disziplinen sowie den Vollzugsalltag zurückzugreifen. Hierbei begegnete ich zahl– reichen Stafvollzugspraktikern (Personal und Insassen), ohne deren Offenheit dieses Buch in dieser Form nicht zustande gekommen wäre.

Allen voran gilt mein Dank Herrn rr Walter Kahl, ehemaliger Stellvertretender Leiter der Abteilung Betreuung in der Vollzugsdirektion Wien, der mich als Mentor seit Beginn meiner Tätigkeit begleitet. Herrn Prof. Wolfgang Gratz für die einge-hende Auseinandersetzung mit meiner Arbeit, sowie seine wertvollen und horizont-erweiternden Empfehlungen.

Weiters Herrn GenLt. Peter Prechtl, der als ehemaliger Leiter der ja Josefstadt und Leiter der Abteilung Sicherheit der Vollzugsdirektion Wien mit der Problematik der Strafvollzugsarchitektur vertraut ist, und so meine Arbeit wegweisend unter-stützte.

Herrn Prof. Willibald Sluga, der mich zu Beginn meiner Forschungstätigkeit darin bestärkte, den für Architekten unüblichen Weg zu beschreiten, den Strafvollzugsall-tag in Form von Praktika in Justizanstalten kennenzulernen.

Für seine Wissensvermittlung im Bereich des Umgangs mit besonders gefähr-lichen Rechtsbrechern und Psychopathen gilt mein Dank Herr Dr. Milan Kohoutek, Psychologe und ehemaliger Leiter des Hochsicherheitsgefängnises Mirov in Tschechien.

Für die Förderung meiner interdisziplinären Forschungstätigkeit (Gesetz-gebung, Architektur, Strafvollzug) im Zuge meiner Tätigkeit als Methodikerin der Abteilung für Strafvollzug und Untersuchungshaft an der Generaldirektion des Tschechischen Gefängniswesens gilt mein Dank ganz besonders Frau Dr. Alena Hv ˇezdová, Stellvertretende Leiterin der Abteilung, sowie dem Abteilungsleiter Herrn Ing. Michal ˇRehá ˇcek.

Für die Erkenntnisse des ›funktionellen Psychosyndroms‹ und inspirierende Gespräche gilt mein Dank Herrn Prof. Josef Grünberger.

Meiner Familie und meinen Freunden für Beistand, und Mag. Stephan Pfeffer für die einfühlsame und elegante grafischen Gestaltung dieses Buches, vielen Dank.

 

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