Handbuch Strafvollzugsarchitektur, Parameter zeitgemäßer Gefängnisplanung

Zeichen der Nutzung

279 Territoriumsmarkierungen

279 Behübschen

284 Umfunktionieren von Alltagsgegenständen 285 Vandalismus

286 Raumgestaltung

 

278 handbuch strafvollzugsarchitektur

Zeichen der Nutzung

 

Territoriumsmarkierungen

Bei einer Haftanstaltsbesichtigung fallen einem immer wieder individuelle, oft sehr unprofessionell gestaltete Bereiche auf, die bei näherer Betrachtung viel über die Bedürfnisse und die spezifische Atmosphäre aussagen. Die ungeeigneten und schon in ihrer Konzeption veralteten, meist beengten räumlichen Bedingungen des Strafvollzuges sowie eine systemimmanente Machtlosigkeit führen bei den Insassen (vgl. Etienne Monier, Strafarten im Strafvollzug, S. 37f) wie auch beim Personal zu einer gewissen Frustration. Der Frustration wird durch die Markierung des eigenen Be-reiches (Territoriums) entgegengewirkt. Die Markierung reicht von: • Behübschen beziehungsweise Ausschmücken über Zurschaustellung eigener

Verdienste oder der besonders gelungenen ›Arte-Therapie-Produkte‹, • das Umfunktionieren von Alltagsgegenständen bis zum • Vandalismus

Den Impuls liefert immer das Erreichen eines bestimmten Frustrationsgrades. Meist auf Initiative des Personals wird ein kleiner Teilbereich in Zusammenarbeit mit den Insassen, mit mehr oder weniger ›künstlerischen‹ Absichten ›behübscht‹. ze

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Behübschen d

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Hier kann man unterscheiden zwischen: n

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• u Behübschen durch die Veränderung der Wandfarbe

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(vorwiegend der Abteilungsgänge)

• Ausschmücken der Hafträume mit Gegenständen durch Insassen • Ausschmücken der Personalräume mit Gegenständen

durch Insassen und /oder Personal

Es gibt zahlreiche Beispiele der sicherlich mit den besten Absichten gewählten Farbgestaltung, die jedoch ihren Zweck (Schaffen einer angenehmeren Atmosphäre) total verfehlt haben.

Es steht fest, dass der Mensch unter starker psychischer Beeinflussung durch Licht und Farbe steht. Licht und Farbe sind untrennbar miteinander verbunden und daher wesentliche Elemente der Wahrnehmung. Licht, Schatten und Farbe vertiefen die Beziehung zwischen dem Gebäude und dessen Betrachter, da dadurch die

 

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191 Wandgestaltung im Gemeinschaftsraum

 

 

räumliche und zeitliche Wahrnehmung – Größe und Distanz – geklärt und unterstützt werden. Gestützt auf wissenschaftliche Ergebnisse stellt Klaus Daniels fest, dass »Farbigkeit und Komplexität einen viel stärkeren Einfluss auf Menschen haben als bis dahin angenommen. Daraus ergibt sich u. a. die Ansicht, Farbgestaltung einzusetzen, um kleinere Regelungen des allgemeinen Erregungszustandes von Personen zu erzielen. Allerdings wird es nicht möglich und auch nicht wünschenswert sein, Farbe zur Kompensation langweiliger und monotoner Aufgaben zu verwenden. Stattdessen dürfte ein solcher Einsatz von Farbe den Organismus zusätzlich unter Stress setzen, wie die paradoxe Herzfrequenz-Reaktion zeigt. (illera 2003, S. 49) [abb·191] Diese Eingriffe führen im besten Fall zu einer vorübergehenden Milderung des Frustrationsgrades, und zwar aufgrund von:

• Befriedigung aus der ›getanen Arbeit‹ bei den Initiatoren • Verbundenheit durch gemeinsame Tätigkeit • Veränderung des ursprünglichen Zustandes

Die Zweidimensionalität der Farbe kann die Dreidimensionalität des Raumes beeinflussen, auch zum Beispiel das Fehlen von Proportionen mildern, aber es kann die Qualität des dreidimensionalen Raumes nicht herbeiführen. Dieses Paradoxon – wie Klaus Daniels es benennt – ist insoweit nachvollziehbar, als diese dimensionale Diskrepanz ein Spannungsfeld erzeugt, die der Mensch – unbewusst oder bewusst – ständig bemüht ist visuell zu lösen. Je unbefriedigender und je weiter die dimensio-nale Schere auseinander klafft, desto mehr gerät der Mensch, der Nutzer unter Druck bzw. Stress. (illera 2003, S. 49)

 

280 handbuch strafvollzugsarchitektur

192 Ausschmückung des Haftraumes 193 Ausschmückung mit Pflanzen

 

 

Früher oder später erkennt man, dass es zu keiner Besserung kam, der Frustrations-grad steigt weiter, was zu Resignation führt. Diese Resignation äußert sich meist durch eine skeptische, abwehrende Haltung gegenüber weiteren Veränderungs-maßnahmen.

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Ausschmücken mit Gegenständen durch Insassen hen

§ 40 (2) d Die Strafgefangenen sind berechtigt, den Haftraum nach ihren Vorstellungen,

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insbesondere mit Blumen und Bildern auszuschmücken, soweit dadurch Sicherheit n

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und Ordnung in der Anstalt nicht beeinträchtigt werden. (St u   ) [abb·192]

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Pflanzen

Vor allem im Bereich der Administration (aber auch in manchen Hafträumen) findet man eine überraschend üppig wuchernde Vegetation. [abb·193]

Walter Gropius sagt zur Stellung des Architekten innerhalb unserer industriellen Gesellschaft, dass »die Befriedigung der menschlichen Psyche durch Schönheit für ein erfülltes zivilisiertes Leben ebenso wichtig ist, wenn nicht noch wichtiger, als die Erfüllung unserer materiellen Bedürfnisse nach Komfort«. (illera 2003, S. 70)

 

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194 Erotische Motive im Haftraum 195 Ausschmückung eines Dienstzimmers

 

196 Erotische Motive im Dienstzimmer 197 Zurschaustellung eigener Verdienste

 

Erotische Motive

Erotische Motive werden in den Männerhafträumen vieler Anstalten geduldet. [abb·194] Auch in den Dienstzimmern der Justizwache finden sich erotische Motive bei der Bildwahl, sowohl an der Wand wie auch als Bildschirmmotiv der pcs. [abb·196] Nicht zuletzt wegen der steigenden Frauenquoten beim Personal der Justizanstalten sollte die Form der geduldeten Aufbewahrung von erotischem und pornografischem Material überdacht werden. Männer begegnen Frauen während des Freiheitsent-zuges meist nur aus der unterlegenen Position. Dies führt nicht zu einer Respekt-steigerung, sondern aufgrund der Frustration zu einer Reduktion der Frauen auf ihre Körperlichkeit. Die Zurschaustellung dieser Einstellung ist einerseits aus therapeuti-scher Sicht sehr oft kontraproduktiv und andererseits sicherlich keine architektonisch wertvolle Innenraumgestaltung.

Zurschaustellung eigener Verdienste

Viele Justizwachebeamten nehmen regelmäßig an nationalen und internationalen Sportveranstaltungen teil. Die so errungenen Trophäen werden gerne in Gemein-schaftsräumen, vorwiegend Eingangsbereich, Speisesaal oder Konferenzzimmer des Personals ausgestellt. Ein weiteres beliebtes Motiv sind zum Beispiel Abzeichen und Waffen anderer Länder. [abb·195·197]

 

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198 Haftraumtürgestaltung durch Insassen 199 Wandbemalung am Abteilungsgang

 

 

200 Wandbemalung Spazierhof 201 Wandbemalung am Abteilungsgang

 

Eigenständiges Gestalten

Im Jugendvollzug kann das gemeinsame Gestalten von Freizeiträumen, Höfen und Abteilungen unter geeigneten räumlichen Umständen pädagogisch wirksam sein. Oft werden zur Behübschung auch besonders talentierte Insassen herangezogen, die im ›Alleingang‹ den jeweiligen Bereich gestalten dürfen. [abb·198 – 201] ze

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Ausschmücken mit besonders gelungenen ›Arte-Therapie-Produkten‹ d

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Im Gegensatz dazu neigen Sozialarbeiter, Ergotherapeuten und Psychologen dazu, n

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die Justizanstalten mit einfachen, kindgerechten Bastelarbeiten zu schmücken. u

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(vgl. Verkindlichung der Insassen)

Sie ›markieren‹ gerne ihren Bereich mit ihren Arbeitsverdiensten am Insassen. So finden sich auf Anstaltsgängen oft Bilder der verschiedenen Therapiegruppen. Dieses Phänomen gibt es auch im Bereich der Arte-Therapien der Psychiatrischen Krankenhäuser. Ihren Ursprung hat diese Unsitte wahrscheinlich in der Tradition des Ausstellens besonders gelungener Arbeiten der Werkerziehung an den Schulen. Arte-Therapie ist nicht Werkerziehung. Arte-Therapie-Produkte sind nicht Kunst. Strafvollzugsanstalten sind nicht Schulen. Deshalb ist die öffentliche Präsentation von Therapieprodukten fehl am Platz.

 

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202 Barocker Deckenstuck vor den Insassen geschützt 203 Durch Sozialarbeiter und Psychologen bemalt

 

204 Durch Raumteilung beschädigt 205 Gut gemeint: trotzdem – Vandalismus

 

Das Schöne ist notwendig. Nach Franz Schuster steht die Schönheit des Lebens im direkten Zusammenhang zur Schönheit des Gebäude und der Gegenstände, die alltäglich um uns sind. Und in diesem Sinne haben – wie Fritz Leonhardt berichtet – die alten Griechen die öffentliche Darstellung des Hässlichen sogar verboten, weil davon vorwiegend negative Wirkungen ausgingen. (illera 2003, S. 70)

Umfunktionieren von Alltagsgegenständen

In erster Linie ist auf das Vorhandensein von Notbehelfen hinzuweisen. In jeder sozialen Institution benützen die Mitglieder die erreichbaren Artefakte in einer Weise und in einem Zweck, die nicht offiziell beabsichtigt sind, und modifizieren daher die für sie vorgesehenen Lebensbedingungen. […] Schlagende Beispiele finden wir im Gefängnis, wo zum Beispiel ein Löffel zu einem Messer zurechtgehämmert wird, Übungshefte benützt werden, um Wettscheine auszuschreiben, oder Zigaretten mit den verschiedensten Hilfsmitteln angezündet werden – durch Funkenschlagen aus der elektrischen Steckdose, mit selbst gemachtem Zunder oder mit viergeteilten Zündhölzern. (goffman 1973, S. 202)

Die Haftraumausstattung ist meist sehr monoton und so kommt es vor allem bei längeren Freiheitsstrafen dazu, dass frei zugängliche Gegenstände des täglichen Bedarfs umfunktioniert werden. Ein Beispiel dafür ist die 1,5-Liter-pet-Flasche. [abb·209·210] Meist werden zusätzliche Ablageflächen und Stauräume geschaffen.

 

284 handbuch strafvollzugsarchitektur

207 Ablageflächen gebastelt

 

 

206 Umfunktionieren der Haftraumausstattung 208 Schuhregal gebastelt

 

Diese haben einen rein praktischen Zweck und dienen nicht zum Verstecken von unerlaubten Gegenständen und Substanzen. [abb·206 – 208] Bei der Besichtigung einer Anstalt lohnt es sich, solchen Erscheinungen Aufmerksamkeit zu schenken, denn sie sagen viel über die aktuellen Unzulänglichkeiten aus.

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Vandalismus hen

Der Vandalismus gilt als Ausdruck der Unzufriedenheit. In den Strafvollzugsanstalten d

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kommt er nicht nur bei den Insassen vor. n

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Eine im Barock errichtete Kartause, die im 20. Jahrhundert in eine Justizanstalt u

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umgewidmet wurde, bietet ein anschauliches Beispiel dafür, wie gut gemeintes Behübschen zu nachhaltigen Schäden führen kann: Die Deckenstuckatur, die durch zahlreiche Übertünchungen zwar an Plastizität verloren, aber auf diese Art gut kon-serviert Jahrhunderte unbeschadet überstanden hat, wurde, um von den Insassen nicht beschädigt zu werden, von den baubeauftragten Justizwachebeamten mit einem Schutzgitter versehen. Die Adaption an die aktuellen Raumbedürfnisse (Teilung großer Räume) wurde von übergeordneten Entscheidungsträgern auf eine wenig einfühlsame Art angeordnet. Doch ganz erstickt hat man die Stuckatur erst durch die engagierte Freizeitgestaltung von Psychologen und Sozialarbeitern, die sie durch das dilettantische Bemalen in eine Art Bauernmalerei verwandelten. [abb·202 – 205]

 

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209 pet-Flasche als Aquarium 210 pet-Flasche als Blumentopf

 

Justizwache

Auf der altrosa Wand des Treppenabganges sieht man die Radierspuren von Schlag-stöcken. Diese entstanden dadurch, dass manche Bedienstete der Justizwache mit ihren Schlagstöcken im Vorbeigehen gegen die Wand schlugen. [abb·211]

Insassen

Bei Häftlingsrevolten werden Gegenstände zertrümmert, angezündet etc. Der ›alltägliche‹ Vandalismus äußert sich bei den Insassen meist in abgeschwächter Form, denn er ist strafbar:

§ 107 (2) Eine Ordnungswidrigkeit begeht auch der Strafgefangene, der vorsätzlich oder grob fahrlässig einen Schaden am Anstaltsgut oder an den übrigen im § 35 genannten Gegenständen herbeiführt oder dieses Gut oder diese Gegenstände stark beschmutzt. (St )

Deshalb neigen die Insassen eher dazu, Wände zu beschmieren und schriftliche Nachrichten zu hinterlassen. [abb·212]

Raumgestaltung

Das Bedürfnis seinen Lebensraum zu gestalten ist in einer Strafvollzugsanstalt durch folgende Faktoren beeinflusst:

• Überschneidung Wohnraum der Insassen und Arbeitsbereich der Personals.

• Anzahl der Personen / m²

• Systemimmanent abgeschlossenen System, dem positive

Impulse von außen fehlen

Um für diese schwierige Situation eine adäquate Lösung zu finden, muss man sich mit der Nachhaltigkeit der Innenraumgestaltung auseinandersetzen. Nur ein Konzept, dass alle oben genannten Faktoren berücksichtigt und zudem noch eine Abwechslung, Veränderung und Adaption an sich wandelnde Trends zulässt, gleichzeitig nicht zu pflegeintensiv ist, kann sich bewähren.

 

286 handbuch strafvollzugsarchitektur

211 Vandalismus der Justizwache 212 Vandalismus der Insassen

 

 

Diese Aufgabe sollte unbedingt in Zusammenarbeit mit Architekten, dem Anstalts-personal und bildenden Künstlern entstehen. Die Nachhaltigkeit kann durch die regelmäßige Betreuung des Konzeptes durch die bildenden Künstler und Archi-tekten gefördert werden. Bei den Ausschreibungen zu Neubauten sollte dies unter dem Kapitel ›Kunst am Bau‹ berücksichtigt werden.

 

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