Handbuch Strafvollzugsarchitektur, Parameter zeitgemäßer Gefängnisplanung
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
7 Vorwort
10 Einleitung
16 Geschichte 48 Freiheitsentzug 92 Gesetze
116 Menschen 170 Architektur 278 Zeichen der Nutzung
288 Sicherheit 300 Tiere
304 Anhang
Vorwort
Es gibt eine weit verbreitete Tendenz, Strafvollzugssysteme anhand von Oberflächen-Phänomenen zu beurteilen: Essensqualität, Möglichkeiten des Fernseh-Empfangs und ähnliches. Solche Betrachtungsweisen gehen jedoch am Wesen und am Ernst der Freiheitsstrafe vorbei.
Unsere Möglichkeiten, sich aus sich selbst heraus zu ändern, sind ziemlich begrenzt. Die Chancen der Gestaltung unseres Lebens liegen vor allem darin, dass wir uns für eine Umgebung und eine Lebensgestaltung (Menschen, Orte, Tätigkeiten …) entscheiden, die zu uns passt. Gefängnis nimmt uns diese Möglichkeiten weitgehend. Man ist nicht dort, wo man sein will, sondern dort, wo man nicht sein will. Man hat keine oder nur sehr eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten zu den Menschen, die einem wichtig und wertvoll sind und befindet sich in einer Zwangsgemeinschaft mit Menschen, die man sich nicht aussuchen konnte.
Aus psychoanalytischer Sicht besteht der grundlegende Konflikt in unserer Kultur zwischen Liebe (Bindung, Altruismus, Vereinigung) und Autonomie (Selbstidentität, Selbstbestimmung und Selbstbezogenheit). Das Gefängnis ächtet beide Grund-bedürfnisse, sowohl das nach Bindung als auch das nach Selbstbestimmung. Aktuelle Forschungsergebnisse der Neurobiologie gehen in eine ähnliche Richtung: Die Umwelterfahrungen eines Menschen wirken formend auf die Struktur und Funktionsweise seines Hirns ein (Neuro-Plastizität – es gilt: use it or loose it). Kern aller menschlichen Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben. Wir sind auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen. Der Bau und die Funktion des menschlichen Gehirns sind in besonderer Weise für Aufgaben optimiert, die wir unter dem Begriff ›psychosoziale Kompetenz‹ zusammenfassen. Unser Gehirn ist demnach weniger ein Denk- als vielmehr ein Sozialorgan. Die Motivationssysteme schalten ab, wenn keine Chance auf soziale Zuwendung besteht. Situationen, die man nicht kontrollieren kann, denen man sich ausgeliefert fühlt, erzeugen Stress. Ganz allgemein entsteht Stress, wenn nach subjektivem Erleben die zur Verfügung
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stehenden Ressourcen nicht zur Bewältigung der situativen Anforderungen aus-reichen oder dies zumindest fraglich erscheint. Das ist besonders dann der Fall, wenn die eigenen ›Sollwerte‹, also die persönlichen Grundbedürfnisse nach Liebe, Intimität, Zugehörigkeit, Ruhe, Selbstverwirklichung, Anerkennung, Autonomie und Sicherheit verletzt werden. Andauernder Stress schädigt Nervenzellen des Gehirns, insbesondere solche Areale, die für kreative Problemlösungen zuständig sind. Daraus ergibt sich, dass Strafvollzug schlecht fürs Gehirn ist und – umso eher, je mehr Verwahr- und Bestrafungscharakter er hat, je mehr er eine dem normalen Leben entfremdete und entfremdende Totale Institution darstellt.
Der Gefängnisarchitektur kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeu-tung zu: Die Baulichkeit und ihre Ausgestaltung, ihre Atmosphäre, ihre ›Botschaft‹ wirken einerseits unmittelbar auf die dort arbeitenden und lebenden Menschen. Andererseits stellen sie einen Rahmen dar, der auf die Tagesabläufe und Inter-aktionen der sich dort befindenden Menschen einen bestimmenden Einfluss hat. Die Baulichkeit eines Gefängnisses verhindert vor allem bestimmte Handlungen oder macht sie unwahrscheinlicher, sie ermöglicht aber auch bestimmte Verhaltens-weisen oder macht sie wahrscheinlicher.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass in der Geschichte des Gefängniswesens zwischen Zielsetzungen und Konzeptionen von Freiheitsstrafe und Gefängnisbau ein enger Zusammenhang besteht. Einerseits bringt der Gefängniszeitgeist spezi-fische Architekturen hervor, andererseits sind Gefängnisbauten teilweise über Jahr-hunderte hinweg in Betrieb und verstärken allen Umbauten zum Trotz tendenziell das Archaische im Gefängnis.
Die vorliegende Untersuchung von Frau Mag. Dr. Seelich setzt sich das ehrgeizige Ziel, diesen Zusammenhängen nachzuspüren. Sie verknüpft psychologische sowie soziologische Befunde, Auseinandersetzungen mit der österreichischen Rechtslage und eigene konkrete Erfahrungen mit architektonischen Fragen.
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Hierbei kommen der Autorin und der Qualität ihres Handbuches nicht nur ihre Begabung für interdisziplinäre Verknüpfungen, sondern vor allem auch ihre praktischen Erfahrungen im Rahmen ihrer baulich-beratenden Tätigkeiten in den Strafvollzügen Tschechiens und Österreichs zugute.
Das Ergebnis ist ein Buch, in dem die Autorin
– für Strafvollzugs-Laien die Geschichte und die Gegenwart des Gefängniswesens
theoretisch fundiert und praxisnah nachvollziehbar macht,
– für Architektur-Laien offen legt, welche allgemeinen architektonischen Prinzipien
für den Strafvollzug wie zu konkretisieren sind,
– eine grundsätzliche und zugleich kritische Auseinandersetzung mit
gefängnis-baulichen Konzepten leistet,
– eine Fülle konkreter Vorschläge für die Praxis des Gefängnisbaus und,
insbesondere eine facettenreiche Punktationsliste die für die Erstellung
eines Funktions- und Raumprogramms liefert.
Es ist zu wünschen, dass dieses Handbuch von allen, die mit dem Bau und dem Betrieb von Gefängnissen zu tun haben, aufmerksam und umsetzungsorientiert gelesen und angewendet wird.
a.o. Univ. Prof. Dr. Wolfgang Gratz
Studiengangsleiter Public Management der fh Campus Wien,
zuvor unter anderem Leiter der Justizanstalten Wien-Mittersteig
und Wien-Favoriten und Leiter der Strafvollzugsakademie in Wien
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