Höxter und Corvey

Wilhelm Raabe · Kapitel 10 von 17

PDF-Seiten

Höxter und Corvey

Achtes Kapitel.

 

as uns anbetrifft, so kamen wir von den Beinen noch gar nicht

herunter. Verfügen wir uns zurück nach Höxter, und zwar mit kühler Stirn und

gelassenem Gemüt: es ist uns beides vonnöten, und des letzteren rühmen wir uns

vor allem. Der große Autor der Dasselschen Chronik Meister Hans Letzner,

natürlich schnöde zubenamset der Fabelhans, konnte nicht kritisch-ruhiger in

den Wirrwarr seiner Tage oder insbesondere in das Getümmel des St. Vitus-

Festes hineingucken, als wir in diese Höxtersche Lärmnacht nach dem

Abmarsch des Marschalls von Turenne und des Herrn von Fougerais.

In der Stadt war längst alles auf den Beinen! Der Grimm mußte heraus, und

jetzt hatte eben die Gärung den Zapfen aus dem Spundloch getrieben:

sinnverwirrend ergoß sich die trübe Flut, und da wir von Corvey kommen und

also wissen, wie es dort aussieht, so wissen wir auch, daß fürs erste niemand

vorhanden war, der den Ölzweig über diese schlimmen Wasser hintragen oder

noch besser das Öl selber in sie hineingießen konnte. Auch die Frauen befanden

sich in den Gassen, und das war das Allerschlimmste. Sie, die Weiber, hatten

auch von der französischen Einquartierung zu leiden, und zwar in mehr als einer

Weise, und wahrhaftig mehr als die Männer. In welchen Winkeln hatten sie sich

mit ihren heulenden hungernden Kindern verkriechen müssen! Glücklich noch,

wenn sie nicht daraus hervorgezogen wurden, um die tägliche und nächtliche

Lustbarkeit durch ihre Gegenwart zu verschönen. Nun kamen sie von ihren

leeren Speiseschränken, versudelten Betten, verschweinigelten Fußböden und

suchten ihrerseits die geeigneten Persönlichkeiten und Zustände, an denen sie

ihren Grimm und Groll auslassen konnten. Katholikinnen wie Lutheranerinnen

waren sich darin einig, daß mehreres gesagt und getan werden müsse, ehe es

wieder Ruhe und Anstand in Höxter geben könne, und an ihnen — den

Höxterschen „Dames“ — hatte der Helmstedter Relegatus, Herr Lambert

Tewes, vor allem sein Vergnügen.

Meister Lambert, von seinem harten Lager in der Schenke zum heiligen Veit auffahrend, wie beschrieben, schob den Horatius, der ihm als Kopfkissen gedient

hatte, in die Tasche und sprang vor die Tür der Schenke. Wir haben auch bereits

dem Leser mitgeteilt, daß diese Kneipe am Corveytor, also ein wenig entfernt

vom Mittelpunkte der Stadt, lag. Demnach war es still in der Umgegend; der

ausgebrochene Tumult wütete mehr in der Mitte der Stadt, und weitbeinig

verfügte sich der Student dorthin.

„Was würde mir nun das beste Federbett nebst Schlafrock und Pantuffeln

geholfen haben? Was hilft es nunmehro dem Herrn Oheim, daß er die

Zipfelkappe über die edlen Ohren zog? Muß er nicht auch heraus? Er muß! Ja,

ja, wieder hat es sich gezeigt, daß die Bank das einzig richtige Lager für die

Zeitumstände ist. Paratus sum! und hinein mit Lust und Mut in des Säkulums

Pläsier und Jokosität. Ein einziger Jammer ist es nur, daß man hier nicht rufen

kann: Bursche ’raus! wie unter den Fittichen der hochgelobten Julia Karolina.“

Es ging auch ohne das. Von einem heftigen Zulauf des Pöbels mitgezogen,

tauchte er, natürlich mit dem altbekannten Quo, quo scelesti ruitis, jedoch

ohne das diesmal in deutsche Reime zu bringen, zuerst vor der lutherischen

Pfarrei aus dem wüsten Schwall auf und schwang sich auf einen Prellstein;

natürlich nur, um besser sehen zu können, was man eigentlich mit den lieben

Verwandten im Sinne habe.

„Sieh, sieh!“ sagte er, und die Szene war in der Tat recht kuriös zu betrachten.

Die katholischen Huxarienses stürmten die lutherische Pfarrei und waren

natürlich zuerst auf die Frau Pastorin gestoßen, die von der Pforte ihres Hauses

aus, mit dem Besen in der Hand, den tollen Haufen fürs erste noch mit

merkwürdigem Erfolg bekämpfte. Über sein Weib weg sprach der ehrwürdige

Herr mit hocherhobenen Armen Vernunft und dieses ganz vergeblich; — sein

Küster war’s, der im Turm von St. Kilian am Glockenseil hing und für die

Augsburgische Konfession um Hülfe läutete, während von St. Nikolaus herüber

das Geläut kam, das für den zehnten Klemens — Altieri — sich an die

städtischen Auktoritäten, das Stift Corvey, den Bischof von Münster und den

dunkeln, stürmischen Nachthimmel wandte.

Sie hatten Fackeln mitgebracht, die Tumultuanten, um ja an keinen Stein auf

ihrem Wege zu stoßen. Bei dem flackernden Lichtschein beobachtete der Student

alles ganz genau, hielt sich jedoch seinerseits vorsichtig so viel als möglich im

Schatten.

„ Coraggio, chère tante,“ jauchzte er. „Siehest du, Freund Säuberlich, das

heißt man eine treffliche Quart. Pariere den! ... Hui, der saß wieder, gerade auf

dem Schnabel. Siehst du, mein Sohn, da hast du dein Maul voll von dem

französischen Nachlaß in den Gossen von Höxter! O papae, schlägt die Papissa

eine gute Klinge oder besser einen saftigen Besen!“

Das tat sie; allein zuletzt half es doch wenig gegen den übermächtigen

Andrang. Sie wich, und wäre die Päpstin Johanna an ihrer Stelle gewesen, so

würde die auch gewichen sein. Der Student auf seinem Steine drückte die Faust

auf die Milz:

„Was fällt er ihr denn in die Parade? Soll das Wort hie mehr helfen als die Tat

der Heldin? Retro retrorsum, Domine Pastor, halten Sie sich nicht auf! Herr

Onkel, — da, da!“

Es war ungefähr so. Der würdige Herr von St. Kilian hatte eingesehen, daß

hier sein Wort von so schlechtem Nutzen sei als der Besen seines Ehegesponses.

Er hatte den Arm der Gattin erfaßt und zog sie rückwärts die Treppenstufen

hinauf in die Pforte des Hauses. Hinter ihnen drein brüllte der Haufen, hinter

ihnen drein lachte der schadenfrohe Neffe:

„Holla, es ist nicht das erste Mal heute, daß Ihr sie einem vor der Nase

zuschlagt und den Riegel vorschiebt! So habt Ihr es denn, wie Ihr es gewollt

habt!“

Contra aegida Palladis ruere, mit dem Kopf gegen die Schürze der

Weisheit stoßen, nannte er’s dann, als die Vordersten der erbosten Bande, von

den Hintersten geschoben, mit den Stirnen gegen die verrammelte Pforte

anrannten. Das Höxter des Jahres 1673 ließ die Knüppel fallen und griff zu den

Steinen.

Es flog der erste gegen die lutherische Pfarrei, ihm folgte das erste Dutzend.

Noch einen kurzen Augenblick zeigte sich Dominus Helmrich Vollbort am

Fenster, dann verschwand er im Innern des Hauses. Die geistliche Frau hielt sich

einen Augenblick länger; jedoch die Ochsenaugen zersplitterten um sie her. Sie

verschwand gleicherweise, während, wie der Pater Adelhardus sich ausgedrückt

haben würde, die infestatio cum bombardis, das Bombardieren fortdauerte.

Und in dem Augenblicke, wo die Not am größesten wurde, verstummte der

angstvolle Hülferuf vom Turm; eine Handvoll biederer Höxteranischer

Stadtinsassen hatte die Tür des heiligen Kilianus, durch welche der Küster

eingeschlüpft war, erbrochen, hatte den Küster am Werk und am Seil gefunden,

und — jetzt läutete er nicht mehr, sondern aber es wurde auf ihm geläutet; er

bekam Prügel, entsetzliche Prügel.

Zerreißen, um an zwei Orten zugleich sein zu können, konnten wir uns leider

nicht, aber daß die Katzenmusik, welche die lutherischen Huxarienser zu Ehren

des französischen Abmarsches den Minoriten bei St. Niklas besorgten, nicht

geringer ausfiel als die bei St. Kilian, das können wir auf unser Wort und unsere

Ehre versichern! Die katholische Pfarrei litt nicht weniger von den Freunden

unseres Freunds Lambert Tewes als die lutherische; das Schauspiel war das

nämliche dort wie hier. Es fiel in Wort und Werk nichts daneben, und der einzige Trost für die Herren bei St. Niklas am Klaustor lag einzig und allein in dieser

bösen Nacht darin, daß es den „Herren von der andern Seite“ gerade so ergehe:

ein leidiger Trost ist eben auch ein Trost.

Wäre es nunmehr nicht unsere Pflicht, nach dem Burgemeister zu laufen?

Durchaus nicht, denn er kommt am letzten Ende doch immer ganz von selber,

und so auch jetzt, und zwar begleitet von den Ältesten und Würdigsten der

Gemeinde.

Ächzend kam er, Thönis Merz der Bürgermeister, und mit ihm die andern:

Kaspar Albrecht der Senator und Jobs Tielemann und Heinrich Kreckler und

Hans Jakob zum Dahle, und Hans Freisen und Hans Sievers und Hans Tropen

und Hans Heinrich Wulf und Heinrich Voßkuhl und Adam Sievers, die

Dechanten von den Gilden und Konrad Kahlfuß der Gemeinheit Meister! Sie

erschienen, um Ordnung zu stiften, und etwas Großes war das auch gar nicht,

wenigstens an dem Orte, an welchem sie jeweilig auftraten.

„De Burgemester!“ krächzte eine Stimme im Haufen, und sofort kam ein

Schwanken und dann ein Erstarren in die wogende Flut. Kopfüber stürzten die

Angreifer von den Treppenstufen des Pfarrhauses hinunter, auseinander stob der

Pöbel, und der Konsul stieß dem Senator den Ellenbogen in die Seite und sprach:

„Gevatter, was habe ich gesagt?!“

Ob es aber mehr darauf, was er gesagt hatte, oder was der Herr Pfarrer und die

Frau Pfarrerin jetzo sagten, ankam, das wollen wir dahingestellt sein lassen. Wer

da sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; und es wurde dergleichen ausgerufen;

— sehen wir zu, wo derweilen unser Helmstedter geblieben ist. —

Wenn das erboste katholische Volk bei St. Kilian auseinander gelaufen war, so

war’s danach freilich noch nicht ruhig nach Hause und ins Stroh gegangen,

sondern im Lauf durch die Gassen St. Niklas zu.

Leichtfüßig war der Student von seinem Eckstein heruntergesprungen. Er

hatte alles hier in Obacht genommen, was ihn interessieren konnte, doch die

Blüte des Spaßes pflückte er nun erst ab.

Der Platz vor der Pfarrerwohnung war leer. In der wieder geöffneten Tür

standen heftig gestikulierend der Onkel und die Tante, auf den Treppenstufen der

Bürgermeister mit der Hand auf der Brust, am Fuße der Treppe in einem

Halbkreis der Chor der Senatoren, Patrizier, Tribunen und Gilden-Hauptleute.

Gravitätisch schritt jetzt Herr Lambert Tewes aus der Dunkelheit hervor, in das

Licht der Laterne, die der Gemeinheit Meister Konrad Kahlfuß trug, hinein, zog

höflich den Hut, verbeugte sich tief und richtete an die Herrschaften das, was

achtzig Jahre später die Literaturbriefe, wenn sie Herrn Dusch vornahmen, „mit

unsern galanten Briefstellern die Courtoisie nennen.“ Dann schritt er langsam

querüber in die nächste Gasse und lief, sobald er der entrüsteten Auctoritas aus den Augen war, so schnell ihn die Füße trugen, dem Tumult bei St. Nikolaus zu:

 

„Wer fürchtet des Skythen, des Parthiers Wut,

Wer scheuet Germaniens greuliche Brut?

Nun sitzt man geruhig beim fröhlichen Schmaus,

Es schändet kein Frevler des Biedermanns Haus!“

 

Hiemit, das heißt mit diesem heitern, wenn auch nicht völlig zutreffenden Zitat

aus der fünften Ode des vierten Buches der Lieder des Quintus Horatius Flaccus

kam er an bei den Minoriten am Klaustor und wiederum ganz im richtigen

Augenblick.