Höxter und Corvey

Wilhelm Raabe · Kapitel 14 von 17

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Höxter und Corvey

Zwölftes Kapitel.

 

ie stutzten alle in der Gasse, vor allen übrigen jedoch der Mönch

und der Student.

„Sankt Veit,“ rief der Bruder Henricus, „will die Mordnacht nie zu Ende

gehen? Hier, hier Corvey!“

Er eilte gegen das Haus, aus welchem der Schrei hervordrang, und von den

Klosterknechten sprangen auch schon einige von der Brandstelle her.

Der französische nachgelassene Unrat lag vor der Tür der Kröppel-Leah in

höheren Haufen als sonst irgendwo in Höxter, und ehe der Bruder Studio dem

Bruder Heinrich von Herstelle mit einem Sprung über den Unflat nachfolgte,

schwang er natürlich den Hut in die Luft und jauchzte:

 

„Itzt, römscher Jüngling, zuck dein Schwert

Und sei der edlen Eltern wert;

Färb rot die See mit Pönerblut,

Verlach, verlach des Pyrrhus Wut;

Wirf nieder den Antiochum,

Sein syrisch Königreich stürz um;

Und mit Kanon und Flintenknall

Scheuch fort den grausen Hannibal!“

 

Das alles war nun gerade nicht nötig; allein Eile tat nichtsdestoweniger not. Herr

Lambert sprang und überholte infolge seiner Sprünge den watenden

Benediktiner um einen Schritt auf der Treppe. Von allen, die auf den neuen

Notschrei herzuliefen, befanden sich der Bruder Henricus und der Student auf

dem Schauplatze des Jammers und im Handgemenge mit den Unheilstiftern, ehe

ihnen irgend jemand von der Abtei und der Stadt Hülfeleistung und

Handreichung tun konnte. Keine gesperrte Tür hielt sie ja auf; und dem Mönche

voran sprang der Bruder Studio ein in das Quartier des Sergeanten vom Regiment Fougerais und der lustigen Mamsell Genevion von dem nämlichen

Regimente.

Sie kamen zur richtigen Zeit, wenngleich nicht für die drei Höxterschen

Ruffiane. Der brave Fährmann Hans Vogedes hielt eben die Greisin auf dem

Boden, ihr die Gurgel zusammendrückend, sein einer Raubgenosse zog mit

groben Fäusten die zeternde Simeath an den Haarflechten durch das

Kämmerchen, der andere der Halunken hatte bereits das armselige Bündel mit

der Gronauschen Erbschaft unter dem Tische hervorgezerrt, kniete gierig

wühlend und verstreute fluchend den Inhalt um sich her auf dem schmutzigen

Boden. Die Lampe des armen Vaters Samuel und das flammende Haus desselben

verbreiteten ihren Schein über diese häßliche Szene, wie sie Callot so gern

zeichnete und malte in dem scheußlichen Jahrhundert, dem alle Gegenwärtigen

angehörten. Sechzehnhundert solcher Bilder hat Maitre Jacques gefertigt bis zum

Jahre 1635, und der einzige Trost für uns liegt darin, daß seine Erbin zuletzt

doch das Kupfer sämtlicher Platten dieser misères et malheurs de la guerre

in Küchengeschirr verwandelte und ihre Suppen darin kochte.

„ Ecce iterum Crispinus!“ schrie der Student, gegen den die Kehle der

Greisin freilassenden Hans Vogedes losstürzend. Im weit ausholenden Schwung

warf er ihm zuerst den steifen Schweinslederband seines Flaccus auf die Nase,

daß sofort das Blut hervorströmte.

„Da hast du dein Recht auf römisch, du Mauskopf!“

Und schon hatte er ihn selber an der Gurgel und auf dem Boden, ehe der

Fährmann sein Mordbeil aufgreifen konnte. Mit beiden Fäusten aber erhob der

Bruder Heinrich von Herstelle sein mächtig Schlachtschwert und ließ es flach

auf den Schädel des Strolches fallen, der die Simeath bedrängte. Der dritte der

Raubbrüder ließ feige das Bündel der Alten im Stiche, sprang empor und wollte

mit einem Satz über den niedergestreckten Leib seines Kameraden die Tür, die

Treppe und die Gasse gewinnen, fiel aber auf der Treppe den heraufpolternden

Klosterleuten und dem ihnen nachkeuchenden tapfern und weisen Hauptmann

und Gubernator Meyer in die Arme. Sie fingen ihn zärtlich auf und drückten ihm

fast die Seele aus dem Leibe, und ganz gutwillig ließ er sich in der

Stummerigenstraße die Hände auf dem Rücken zusammenschnüren. So war die

Schlacht hier denn fast eher beendigt, als sie begonnen hatte, und neben den

beiden auf der Erde zappelnden Besiegten stehend, blickten die zwei Sieger,

Bruder Mönch und Bruder Studio, einander sogar ein wenig verwundert darob

an.

Doch jetzo trat der Herr Hauptmann Meyer herein und sah sich seinerseits ein

wenig in dem Gemache der Kröppel-Leah um.

Militärisch grüßend und auf den Fährmann und seinen Gesellen deutend, fragte er dann:

„Mit Permission, mein Pater, wie ist es nun mit der Gerichtsbarkeit in Höxter?

Hier haben wir den Casum von neuem, behalten wir von Stifts wegen die beiden

Lümmel, oder schicken wir sie dem Bürgermeister Merz? Hängen wird sie ja

doch wohl Corvey in Anbetracht, daß Bischöfliche Gnaden der Stadt das

Blutgericht genommen haben?!“

Zweifelnd krauelte sich der Bruder Henricus am Ohr; doch der Student nahm

ihm das Wort vom Munde:

„Einen schönen Gruß von mir und einen Handkuß desgleichen an den alten E

—, an die hochehrbare Exzellenz von Huxar, Herrn Thönis Merz, und ich —

Lambert Tewes, schicke ihm hier was und erbitte mir dafür morgen ein Viatikum

auf den Weg nach Wittenberg von wegen geleisteter Dienste fürs gemeine

Wesen. Macht keine langen Worte, behaltet nur ein einziges Mal Eure Weisheit

und sesquipedalia — Eure sechs Fuß langen Bedenklichkeiten — für Euch.

Den Hans da empfehle ich Euch und dem Bürgermeister besonders, Centurio.

Gebt es ihm mit der Weinrebengerte gleichfalls mit einem Kompliment von

mir.“

Der Hauptmann sah höchst verdrießlich auf den seine Würde so wenig

achtenden Redner, doch der Bruder Henricus meinte lächelnd:

„Für diese Nacht wird’s wohl das beste sein, daß wir tun, wie der Tollkopf

vorschlägt, Herr Kapitän. Sagen Sie auch meinen Gruß dem Herrn

Bürgermeister. Des Stiftes Rechte zu wahren, stellen Sie zwei Mann zu der

Ratmannswacht vor den Turm.“

Der Hauptmann hob wiederum martialisch den Hut; die zwei blutenden

Hausfriedenbrecher wurden hinaus- und die Treppe hinuntergeschleift, und der

Bruder Heinrich sowie der Student fanden nunmehr die erste Muße, sich nach

den beiden armen Frauenzimmern umzusehen, die sie in so tapferer Weise aus

den Klauen der ihrer französischen Einquartierung, dem Herrn von Turenne und

dem Herrn von Fougerais, nachtumultuierenden Huxarienses errettet hatten.

Das junge Mädchen kniete auf dem Boden und hielt den Kopf der alten Frau

im Schoße.

„O, Großmutter, Großmutter,“ schluchzte es, „sag doch was, sprich doch nur

ein Wort, wir leben noch, sie haben ihren Willen nicht vollführen können! Die

guten Herren haben uns von ihren Griffen erlöst, dem hohen Gott sei Dank! —

— Ach, Großmutter, besinne dich!“

Die Greisin zuckte fürs erste nur mit den Armen und krampfte die Finger auf

und zusammen; der Benediktiner beugte sich zu ihr herab und leuchtete ihr mit

der kleinen Lampe ins Gesicht.

„Der Bösewicht hat sie arg gewürgt. Helft mir, Herr Student, wir wollen sie auf das Bett tragen. Es ist ein Jammer, daß wir den arzneikundigen Bruder

Briccius hier nicht vorhanden haben. Der würde sie uns in einem

Augenzwinkern wieder aufrecht hinsetzen.“

Herr Lambert Tewes hatte bereits den Kopf der Alten der Simeath aus den

Armen genommen; der Mönch faßte sie an den Füßen, und so trugen die beiden

sie auf das Bett des Sergeanten; der Student mit einem verstohlenen Seitenblick

auf das hübsche zerzauste Judenmädchen.

„Trockne deine Tränen, schwarzlockige Neära,“ sagte er gutmütig. „Tu’s mir

zu Liebe — das alte Mütterchen hat in seinem langen Dasein mehr ausgehalten

als solch ein Katzengekrall; — eure Patriarchen und Patriarchinnen haben ein

verflucht zähes Leben, und Großmutter kommt diesmal noch sicher darüber weg

auch ohne den Bruder Briccius.“

„Ich will es dem edlen Herrn nie vergessen!“ rief Simeath nur noch lauter

weinend; und dann beugte sie sich, griff nach der Hand des wilden Scholaren

und wollte eben die Lippen darauf drücken, als Meister Lambert ihr seine Pfote

rasch entzog und ihr einen laut schallenden Kuß auf den Mund gab.

„So steht’s geschrieben in den Legibus der Julia Karolina, und Herr

Mynsinger von Frundeck, der Kanzler, wußte wohl, was er tat, als er den

Paragraphum einschob.“

Errötend trat das junge Kind gegen das Lager der Greisin zurück; der Mönch

hatte wohl ein wenig die Stirn gerunzelt, doch er hatte allzu viel um die

allmählich wieder ins Bewußtsein zurückkommende Kröppel-Leah zu tun, um

allzu genau auf die sonstigen Vorgänge in seiner Umgebung achten zu können.

Mit dem Wasser aus dem Kruge des Vaters Samuel rieb er der Alten die

Schläfen; — da nieste sie endlich und stieß einen heiseren Schrei aus, und dann

saß sie wirklich aufrecht auf dem Stroh und sah aus stieren Augen umher. Der

rote Schein der niedersinkenden Feuersbrunst leuchtete noch immer in das

Gemach.

„Salzkotter Quartier. Die Liguisten in der Stadt!“ stöhnte sie und fiel zurück,

die Hände über die Augen schlagend.

„Sie ist noch nicht ganz bei sich — das Feuer wirrt sie,“ murmelte der Bruder

Henricus gegen den Studenten gewendet. „Sie sieht wieder den Gründonnerstag

von 1634. Wir gaben kein Quartier, weil in Salzkotten uns keines gegeben

worden war.“

Und der Greis legte auch die eine Hand auf die Stirn und stützte sich mit der

anderen gegen die Wand mit den unzüchtigen Zeichnungen des Regiments

Fougerais:

„Herr, Herr, mein Gott, wann kommt der Frieden in deine arme Welt?!“ —

Lambert Tewes stand nun ernst genug mit untergeschlagenen Armen da.

„Höxter und Corvey!“ sagte er finster. „Meine lutherischen Väter standen für

Stadt und Stift. Die Liga war’s, die Höxter in Trümmer legte und Sankt Viti

Sarkophagen zerbrach. Eure fremdländischen Obersten und Kavaliers waren es,

die die Gebeine unter sich verteilten, welche der Kaiser Ludwig hierher an die

Weser getragen hatte.“

„So ist es,“ sagte Heinrich von Herstelle. „Das ist die Historia von Höxter, und

ich — bin Mönch zu Corvey! Ich zog für die Liga; für den Winterkönig, die

schöne Elisabeth und den tollen Christian ritt Just von Burlebecke, der mit mir

aufgewachsen und von meiner Mutter mit mir erzogen war.“

„Just von Burlebecke!“ klang es wie ein Echo von dem Bette her, und

unterstützt von der Enkelin deutete die Greisin mit zitternder, schwankender

Hand auf den Erdboden, wo ihre Erbschaft zerstreut lag.