Höxter und Corvey
Fünftes Kapitel.
ir sind allesamt in dieser argen Welt gleich Kindern, denen das
Schreiben gelehrt und vom Meister die Hand geführt wird. Nun gingen wir nur
allzu gern sofort dem Bruder Henricus nach; allein schon hat man uns auf die
Schulter geklopft und nach einer anderen Richtung hingedeutet.
Wie die beiden anderen, die mit ihr den wilden Strom überschifft hatten, war
die Kröppel-Leah nach Hause gegangen. Und wenn der Pfarrherr von St. Kilian
hinter der vor dem Neffen verriegelten Tür sein Weib am warmen Ofen, wenn
der Mönch von Corvey seine Zelle fand, so fand die Greisin ihre Heimat in
Ordnung — wie die Zeitläufte es erlaubten. Fünfzig Mann von einem
pikardischen Musketierregimente hatten in ihrem Hause gelegen und es sich
darin während ihrer Abwesenheit behaglich gemacht! Die Haustür war halb aus
den Angeln gerissen, der größte Teil der Fensterscheiben auch hier zertrümmert.
Sämtliches Gerät war in Stücke zerschlagen worden. Die Wände waren vom
Rauch geschwärzt und sonst besudelt und mit Namen und wüsten Zeichnungen
versaut: die fremden Gäste hatten nicht alle schreiben können, aber sie hatten
sämtlich zu zeichnen verstanden — und wie!
Die fünfzig französischen Kriegsmänner hatten das Judenhaus für sich allein
gehabt; aber noch am Tage ihres Abzuges mit dem Herrn von Fougerais oder
vielmehr am Abende dieses Tages hatte sich jemand eingefunden, der eine Weile
starr mit gefalteten Händen und unterdrücktem Schluchzen ob der Wüstenei
dastand, bis er in ein lautes Weinen ausbrach; und dieser Jemand war ein kleines
Mädchen von vierzehn Jahren, der Greisin letzte Enkelin, gewesen. Wo das Kind
sich während der letzten wilden Wochen verborgen gehalten hatte, war dem Stift
und der Stadt gleichgültig; wenn auch uns nicht. Jetzt war es wieder da und
weinte auf den Trümmern des Hauses seiner Großmutter gerade so laut und
bitterlich wie weiland der Prophet Jeremias auf den Trümmern der großen Stadt
Jerusalem.
Doch das Kind hatte sich gefaßt. Es war eben auch ein Sprößling jenes tapfersten aller Völker, das sich auf jedem Brandschutt seines Glückes schier
noch hartnäckiger als das deutsche Volk mit seinen Wurzelfasern wieder
anzuheften wußte. Vor allen Dingen hatte das Kind aus dem Hause der
Glaubensgenossen, in welchem es von der Barmherzigkeit aufgenommen
worden war, ein Lämpchen geholt und mit diesem in der Hand seine schwere
Arbeit angefangen. Das kleine Judenmädchen hatte das Haus gereinigt!
Mit seinem Lämpchen in der armen, winzigen, zitternden Hand suchte es das
verwüstete Haus ab vom Keller bis zum Boden, und häufig stöhnte es und rief
den Gott seines Volkes an, wenn es wieder ein schlau und sicher angelegtes
Versteck von der in diesen Angelegenheiten noch schlaueren, auch auf
dergleichen ausstudierten Soldateska des Herrn Marschalls von Turenne
aufgefunden und ausgestöbert fand. Und das Kind war ganz allein in seiner Not
gewesen. Niemand hatte sich darum gekümmert in Höxter, wenn der Schimmer
der kleinen Lampe bald hier, bald dort an einer der leeren, schwarzen
Fensteröffnungen vorüberflimmerte. Der Volks- und Glaubensgenosse Meister
Samuel hatte die Lampe hergeliehen; sein Weib Siphra hatte einen Handkorb mit
einem schwarzen Brot, einem schlechten Messer ohne Griff, einen irdenen Krug
und einen mit Draht umflochtenen Kochtopf dazugetan:
„Wir würden dir die Taschen mit Gold und Silber füllen und dir eine Herde
von Zicklein und Böcklein voraufgehen und dir einen Wagen voll Mehl und
Honig und Öl und Gewürz nachfahren lassen, wenn wir’s könnten; aber wir
können’s nicht, Simeath!“ hatte man in Meister Samuels Hause gesagt.
„Da hast du noch einen Besen; es ist wohl der schlechteste, aber wir brauchen
alle übrigen selber,“ hatte die Frau Siphra hinzugefügt, und so war das Kind mit
herzlichem Dank und überströmenden Dankestränen gegangen und hatte es dem
König Louis, dem Bischof von Münster, dem Herrn von Turenne, dem Herrn
von Fougerais, dem Stift und der Stadt zum Trotz möglich gemacht, sich
einzurichten, bis die Großmutter heimkehrte.
Nach dem Hofe zu gelegen, befand sich im oberen Stockwerke des Hauses ein
enges, dunkles Gemach, in welchem monsieur le Sergeant mit seiner
Zuhälterin, einer dicken Champenoise aus Troyes, sein Quartier aufgeschlagen
gehabt hatte und das demnach nicht ganz so ruiniert worden war als die übrigen
Räume. In dieser Kammer stand noch das Bett aufrecht, sowie auch ein Tisch,
dem nicht mehr als ein Bein abgeschlagen worden war. Zwei oder drei noch
sitzgerechte Schemel waren auch dem scherzhaften Mutwillen des abziehenden
Heeres entgangen. Schlimm genug sah es freilich auch hier auf dem Estrich, in
den Winkeln und an den Wänden aus, und das Bettzeug warf Simeath sofort mit
Schaudern in den Hof hinunter. Jedoch da war der Besen und die fleißige, harte,
kleine Hand! Um Mitternacht war das Stübchen gekehrt, der Tisch festgestellt und vom nächsten verlassenen Kavallerieposten in der Gasse ein
zurückgelassenes Bund Stroh in die Bettstelle der Mamzelle Genevion
heraufgeschleppt: eine Viertelstunde nach Mitternacht lag Simeath in diesem
Stroh und schlief der Heimkunft der Großmutter entgegen.
Wie das Kind erwachte — vielleicht aus einem glücklichen Traume! — wie es
aufrecht saß und sich verstört zum Bewußtsein kommend, in der Scheußlichkeit
rings umher umsah; wie es den Tag bis zur abermaligen Dämmerung des Abends
hinbrachte, wollen wir auch nicht beschreiben. Wir sahen die Großmutter mit
ihrem Bündel, von dem Spott und den bösen Blicken der Wachtmannschaft an
der Weserfähre verfolgt, humpelnd ihren Weg nach ihrer Behausung zu nehmen.
Wir malen uns in der Phantasie aus, wie sie vor dem Hause stand und nach den
zerbrochenen Scheiben hinaufstarrte, wie sie dann über die zertrümmerte
Schwelle durch die türlose Pforte trat, und wie ihre Enkelin aufschreiend und mit
ausgebreiteten Armen ihr entgegenlief und umherdeutete:
„Sieh! sieh! — Alles hin! nichts heil; — alles voll Ekel und Graus; — alles
wüste, alles von den schlechten, wilden Menschen zugrunde gerichtet!“
Nachher hat die Greisin das Haupt gesenkt und einen Spruch in der Sprache
ihrer Väter gesagt. Nachher hat das kleine Mädchen die alte Mutter die Treppe
hinaufgeleitet und sie in das gereinigte Stübchen geführt. Nachher ist es wieder
ganz Nacht geworden; die kleine Lampe aus dem Hause des Meisters Samuel
und der guten Frau Siphra brennt auf dem Tische, der von Simeath so künstlich
zum Stehen gebracht wurde. Großmutter und Enkelin sitzen an diesem Tisch
einander gegenüber. Das Bündel mit der Erbschaft aus Gronau im Fürstentum
Hildesheim liegt unter dem Tische.
„Mein gut Kind, wie oft hat der Feind oder das böse Volk in der Stadt dieses
Haus umgestürzt, seit ich Atem ziehe? Wer so weit herkommt aus der Zeit wie
ich; wer den tollen Christian und den Tilly, den Herrn von Gleen, die Herzogin
von Hessen, den Feldmarschall Holzappel, den Wrangel und so viele kleinere
wilde Heeresführer vorüberreiten oder über sich wegtreten ließ, der macht sich
wenig mehr aus dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais! Ich sehe
nur wieder, was ich schon ein Dutzend Male sah. Es ist eine Zeit, in welcher der
Mensch das Schlimmste als das Gewöhnlichste hinnimmt. Weine nicht, mein
liebes Herzchen, du bist jung und magst noch in eine reinlichere, bessere Zeit
hineinleben!“
So hatte die Kröppel-Leah getröstet, und währenddessen hatte der Pastor zu
St. Kilian in der bekannten Weise seinem Neffen eine recht gute Nacht
gewünscht; währenddessen hatte der Student seinen Tröster im Jammer, den
Horatius, dem Bruder Henricus zum Kauf oder für ein Abendessen und
Nachtquartier hingehalten; währenddessen — war von der Erbschaft der alten Jüdin an einem Orte, den wir jetzt erst betreten, die Rede.
Am Corveytor in einer Schenke, die im Schild als Zeichen einen Mann führte,
welcher in einem Ölkessel tanzte, in der Kneipe „zum heiligen Vitus“, wurde
von dem Bündel der Kröppel-Leah gesprochen.
Der Student, Herr Lambert Tewes, war dreimal in das zerbrochene Mauerwerk
früheren städtischen Wohlbehagens hineingetappt und hatte sich nach den
Ruderibus der Herdstellen hingetastet:
„Brr,“ hatte er jedesmal geächzt, und zum vierten Male wiederholte er den
Versuch, sich ein Nachtlager unter den Ruinen des Dreißigjährigen Krieges in
Höxter zu suchen, nicht.
„ Basolamano, messieurs, meine hochgünstigen Herren!“ sagte er höflich
beim Eintritt in die Kneipe zu Sankt Veit am Corveytor; ein heller Jubel und
lautstimmiges Halloh begrüßten ihn dagegen.
Bis auf den Stadtkorporal Polhenne waren sie allesamt wieder vorhanden und
noch einige ihres Gelichters dazu. Eine saubere Gesellschaft, meistenteils auch
bereits halb angetrunken und zu jeglichem Schabernack und Unfug bereit! Da
war auch der Schulkamerad Wigand Säuberlich, mit dem die Höxterianischen
Scholarchen ihren gelehrten Kohl nicht hatten schmalzen können; und dieser,
nämlich der Säuberlich, war’s auch hier, der den Studenten zuerst wieder am
Knopfe faßte, ihm mit einem schäumenden Bierkrug unter den Bart trat und
schrie:
„Da haben wir ihn! Kerl, wo hast du gesteckt? Seit einer Stunde sehnen wir
uns nach dir wie eine alte Jungfer nach dem Hochzeiter. Juchhe, jetzt ist der
Ofen geheizt und der Braten fertig! Tragt auf, gute Gesellen; Messer und Gabel
heraus! Du gehst doch mit uns, Lambert?“
„Wohin, Signor Strillone?“
„Keine fremden Zungen jetzo, Alter! Wir verbitten uns das. Du gehst mit uns,
wohin wir dich führen werden.“
„Schlecht Wetter draußen —“
„Aber gut genug, um eine lustige Nacht daraus zu machen in Höxter!
Sämtliche gegenwärtige, ehrbare und fröhliche Kumpanei, Mann für Mann, geht
mit.“
„Aber zuerst will ich doch wissen, was es gibt, Gevattern.“
„Hunger und Wut, Herr Doktor!“ schrie’s aus dem Haufen. „Alles, was die
Franzosen uns gelassen haben.“
„Und einen elenden Durst dazu!“
„Ja saufen könnt Ihr, aber es ist das letzte vom Faß, und kein allerletztes gibt
es offenkundig in Höxter! Gerade deshalb wollen wir die Kellerschlüssel holen.
Die Lutherischen fallen auf die Katholiken und umgekehrt. Daß wir deinem Onkel auch in der Vergadderung einen Besuch machen, wirst du sicherlich nicht
übelnehmen, Lambert.“
„ Scabies capiat — der Teufel hole meinen Herrn Onkel!“ rief der Student;
doch jetzt nahm ihn Hans Vogedes am Arm und flüsterte ihm zu, um, wie er
meinte, sein letztes Schwanken und Überlegen triumphvoll zu besiegen:
„Und nachher oder darzwischen fallen wir auch den Juden auf die Köpfe!
Was? He? Was sagt Ihr?“
Der Student sah den Verführer einen langen Augenblick an, und dann sagte er:
„Ihr seid eben aus Merxhausen, Fährmann!“ Als worauf beinahe schon jetzt
der allgemeine Judenprügel hier in der Kneipe zum heiligen Veit losgegangen
wäre. Um aber die Erwiderung des Studenten und die Erbosung des
Biedermannes Hans Vogedes vollkommen zu würdigen, bedarf es einer kurzen
Erläuterung des Wortes.
Als nämlich der böse Feind, der Versucher, unsern Herrn Jesus Christus auf
die Zinne des Tempels führte, sprach er zu ihm — nach einer Tradition, die sich
an der Weser erhalten hat —: „Wenn du niederfällst und mich anbetest, soll dir
dieses alles gehören, bis — bis auf Merxhausen und Sievershausen dort im
Solling; — die beiden Dörfer behalte ich mir vor.“
„Aus Sievershausen bist du nicht, Tewes,“ brüllte Hans der Schiffer mit
erhobener Faust, „aber deiner Ehrbarkeit wegen haben sie dich auch in
Helmstedt nicht mit Fußtritten aus dem Tor gejagt. Du aufgeblasener Windsack,
du Holzbock, willst hier und in jetziger Stunde einem braven Kerl aufmucken?
Wahre deinen lateinischen Schädel, du Bettelstudent!“
Von oben bis unten betrachtete Meister Lambert sich den wütenden Strolch
von neuem; dann trat er gleichmütig einen Schritt weiter an den Tisch, ergriff
den ersten besten Krug, hob ihn an den Mund, ließ den Inhalt bedächtig die
Gurgel herniederlaufen, seufzte, stieß das leere Gefäß mit einem Krach auf die
Platte nieder und deklamierte mit vollem Pathos:
„Wie Lamm und Wolf befehden sich
Von Anfang an, so hass’ ich dich.
Denk du an den Ibererstrick
Und an die Striemen im Genick,
Item am Bein der Schellenring,
Monsieur, war ein beschwerlich Ding!
Ist das der Weg, auf dem du mich mit dir nehmen willst, o Menas?“
„Kreuz und alle Donner!“ schrie der Fährmann, mit dem Schaume vor dem
Mund auf den Studenten losstürzend; aber Wigand Säuberlich warf sich ihm vor
und fing seinen Arm auf:
„Halt, halt! Es steht im Buche!“
„Steht das so im Buche? Steht das so in seinem Buche?“ schrie die übrige
Kompagneia. „Heraus damit, er soll’s beweisen, der Lambert, daß das so über
den Hans gedruckt ist!“
„Es steht in meinem Buch, ihr Herren!“ lachte der Helmstedter, „haltet ihn mir
nur noch einen kurzen Augenblick vom Leibe; ich trete den Beweis der Wahrheit
an, und nachher gebt jedem ein Rapier; — auf die Faust laß ich mich nicht ein
mit ihm!“
Er hatte seinen Horatius hervorgezogen und las und jetzo mit dem
allerhöchsten Pathos:
„Lupis et agnis quanta sortito obtigit,
Tecum mihi discordia est,
Ibericis peruste funibus latus
Et crura dura compede!“
„Sackerment!“ stöhnte die ganze hochlöbliche Gesellschaft und kratzte sich
hinter den Ohren. „Gib dich zufrieden, Hans Vogedes, dagegen kommst du nicht
auf! Das ist die Zunge, in der sie Urtel und Recht sprechen. Das verfluchte
welsche Galgenlateinisch könnte einem den ganzen Spaß von vornherein
verleiden. Man sieht dabei ordentlich den grünen Tisch mit seinem Behängsel
von Graubärten und geifernden Rat-, Richter- und Advokaten-Schnauzen vor
sich! Na, wer geht nun noch mit ins Pläsier?“
Sie gingen dem „Galgenlateinisch“ zum Trotze alle bis auf den Studenten;
dieser aber hielt noch eine kleine Rede.
„Bin ich deshalb der erlauchten Mutter Julia, der göttlichen Karoline
durchgebrannt, um einem armen Judenweib und seinem Packen schiele Blicke nachzuwerfen?! Apage, apage — weiche von mir, das heißt, ihr Herren, was
kümmert’s mich! Macht, was ihr wollt; aber mich laßt damit ungeschoren. Ich
werde das Haus hier hüten und die Bank für euch warm halten.“
Es ging noch ein Murren durch den schlimmen Kreis, doch Lambert ließ sich
das wenig anfechten. Er rückte behaglich am obern Teil des Tisches neben dem
Ofen in die Reihe der noch Sitzenden, indem er das eine Bein über die Bank
schwang.
„Bruderherz, bedenke dich noch einmal,“ sprach ihm Wigand Säuberlich zu.
„Bruderherz, das tu’ ich auch; aber sieh mal, Herzbruder, wer sollte denn die
Historie eurer glorreichen Heldentaten auf die Nachwelt bringen, wenn einer
eurer Knüppel mir im Durcheinander das Hirn ausschlüge?“
„Also ohne dich! Marsch, ihr Brüder! En avant, wie der Herr Kommandante,
der Hund, der Fougerais, zum Abschied schrie. Es ist eben eine Zeit, in der jeder
seinen eigenen Willen haben muß. Unsere Väter haben es uns nicht anders
gelehrt!“
„Bei den unsterblichen Göttern, so ist’s!“ schrie der Student, als aber die Rotte
hinausgestürmt war, sprang er von der Bank auf und auf den Tisch und jauchzte:
„Höxter und Corvey!“
So rufen sie dort auf der Kegelbahn, wenn alle Neune fallen.