Höxter und Corvey
Drittes Kapitel.
er Student hatte sich eben in solcher Weise die Ode seines
römischen Poeten an den Gönner Mäcenas mundgerecht gemacht, als das
Fährschiff das jenseitige Ufer der Weser erreichte. Mit einer höflichen
Mützabnehmung und mit einem Kratzfuß lud Hans Vogedes den lutherischen
Geistlichen ein, einzusteigen. Den Mönch von Corvey, den Bruder Henricus,
grüßte er auch, doch um ein bedeutendes formloser. Was die alte Jüdin anbetraf,
so machte er selbstverständlich Miene, vom Lande wieder abzustoßen, ohne sie
mit nach Höxter hinüberzunehmen.
Der Mönch aber hatte ihr für ihr Geld zu ihrem Rechte verholfen, zu einem
Sitze im Kahn, und auch der Prediger von Sankt Kilian war zugerückt, um ihrem
Bündel Platz zu machen.
Nun schwamm die Fähre von neuem der Stadt zu. Die beiden geistlichen
Herren saßen still, die Jüdin zusammengeduckt gleichfalls: der rohe Fährmann
murrte bei seiner freilich nicht leichten Arbeit immerfort leise Schimpfworte vor
sich hin und warf von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick auf den Sack, der die
Erbschaft der Kröppel-Leah enthielt. In der Mitte des Stromes fragte der Mönch:
„Wie geht es Euch da — zu Hause, Schiffsmann, seit das fremde Volk
Abschied genommen hat?“
„Der Teufel hat sein Hauptquartier da behalten, Pater,“ lautete die Antwort.
„In Corvey war groß Jubilieren — sie werden auch Euch das Essen warm
gestellt haben. Höxar hungert und kaut Wut; Ihr werdet dort wenige Hauswände
finden, durch die der Wind nicht pfeift. Sacré, wie die französischen Hunde
sagten, ich pfeife auch darauf, ich hab’ wenigstens nicht Weib und Kind zu
versorgen. Um ein wenig besser Handgeld wär’ ich auch mit dem Fougerais
abgezogen.“
Der Bruder Henricus seufzte: auch der Pastor Helmrich Vollbort seufzte und
schlug mit der Faust auf den Rand des schwerfälligen Fahrzeuges.
Der Pastor sagte dann:
„Der Mann spricht Ihnen die Wahrheit, Herr Pater, wie ich schon vorhin sie
sagte. Es sieht übel aus in der armen Stadt; der Herr bewahre uns vor weiterem
Schaden.“
Der wilde Fluß wand sich unter dem Kahn gleich einem bösen Tier.
„Die Welt ist gleich dem Strom,“ fuhr der Pastor fort, „sie gehet bedeckt mit
Trümmern; aber der Herr wandelt dennoch auf den Wassern. Er wird’s wohl
zwingen.“
„Amen!“ erwiderte der Bruder Henricus, und dann wurde nichts weiter
gesprochen, bis der Kahn unter der Höxterschen ruinierten Stadtmauer ans Ufer
stieß. In demselben Augenblick schon sprang der Student von seiner Bank am
Brucktor auf und an den Rand der Fähre, zog den Hut zierlich, bot dem
Pfarrherrn von Sankt Kilian die Hand zum Aussteigen und sprach:
„Ehrwürden Herr Onkel, ich hab’ mir vorhin wieder einmal die Ehre gegeben,
Ihnen in Ihrer Behausung aufwarten zu wollen. Die Frau Tante hat mich hierher
gewiesen ab ostio ad Ostiam, von der Tür — die sie mir leider vor der Nase
verschloß — nach Ostia, will sagen an den Hafen. Ich mache mein Kompliment,
Herr Oheim.“
„Und ich habe Euch nichts weiter zu sagen, Herr! Was stellt Ihr Euch immer
von neuem mir in den Weg?“
„Heraus, Alte! marsch, — her den Fährlohn und fort mit dir, du Hexe!“ schrie
der Fährmann die Jüdin an.
„Gott Abrahams, gleich, lieber Mann!“ rief die Greisin. „O, Erbarmen, werdet
nicht böse — da, da!“
Sie reichte mit zitternder Hand die schlechten Pfennige hin und stolperte und
fiel, als sie mit ihrem Bündel über den Bord des Kahnes stieg. Die von der
Wacht lachten alle über das alte Weib.
Von dem Mönch nahm der Schiffer seinen Lohn, ohne weiter etwas zu
bemerken; aber die beiden Münsterschen Kriegsleute und der Bürgerkorporal
Polhenne hielten die Hüte in der Hand. Mit einem stummen Gruße für alle und
mit einem Kopfneigen für seine Glaubensgenossen schritt der Bruder Henricus
durch das Brucktor, den übrigen voran.
Die Kröppel-Leah trieb einer der wachthaltenden Schneider spaßhafterweise
mit dem Spießende zum eiligeren Forthumpeln an. Ihr sah der Fährmann am
nachdenklichsten jetzo nach und nahm einen und den andern Kumpan aus dem
Volk, das sich sonst noch an der Fährstelle angesammelt hatte, zu einem
Geflüster beiseite.
Der Student Meister Lambert Tewes hatte nach der kurzen und derben
Abweisung seines ehrwürdigen Verwandten den Hut wieder aufgesetzt; aber als ein braver Bursch, der mit den Philistern umzugehen weiß, ließ er so leicht nicht
locker. Wenn er vorhin vom Etruskermeer gesungen hatte, so begab er sich jetzt
auf ein ander Gewässer, griff rückwärts nach dem Horaz in seiner Tasche, um
sich zu vergewissern, daß dieser Trostbringer noch vorhanden sei, und summte,
was voreinst dem Aelius Lamia vorgepfiffen worden war, dem unwirschen
Onkel Helmrich von Sankt Kilian hin:
Musis amicus, tristitiam et metus
Tradam protervis in mare Creticum
Portare ventis —
er sang es aber deutsch in absonderlicher Umschreibung:
„Der Wind pfeift hin zur Kreterflut,
Verdruß und Wut
Und Grämlichkeit
Fährt mit ihm weit!
Dem Musensohn kommt’s närrisch vor,
Kratzt sich der Philosoph am Ohr;
es würde mir das Herz abdrücken, Ehrwürden Herr Oheim, wann ich als Eurer
Frauen Schwestersohn Euch so leichthin, ohne nochmals Eure Kniee umfaßt zu
haben, Eures Weges in Übelgewogenheit gehen ließe. Es ist wohl wahr, sie
haben mir Consilium abeundi gegeben, aber —“
„Und ich und meine Hausfrau haben desgleichen getan!“ rief der Pastor
zornig. „Herr, haltet mich nicht länger auf; ich und mein Haus haben nichts mehr
mit Euch zu schaffen.“
Der Prediger ging schneller zu; aber der Neffe hielt sich hartnäckig an seiner
Seite.
„Bei den Penaten Eures Herdes, Herr Oheim —“
Er kam mit seiner Rede wiederum nicht zu Ende. Plötzlich stand der alte,
strenge Herr still und rief:
„Was wollt Ihr eigentlich noch, Monsieur, nachdem ich Euch meine Meinung
so deutlich gesagt habe? Ist das eine Zeit für Narrenteiding? Sehet Euch um, ist
das ein Schauspiel dem Auge, um dabei den Horatius abzuleiern? Sehet mir in
das Herz; — in dem Hause Gottes haben die Fremden ihre Rosse gestallt; in
meiner Kirchen haben sie ihre Bacchanalia gehalten! O rufet nur Evoë, Evoë,
und lobet den Bacchus und die Venus, die —; greifet Euch doch in das eigene
Herz; ist denn das Volk der Teutschen, das arme elende Volk — hauslos und dachlos hier und an so mancher anderen Statt — in der Lust und Begierde, des
römischen Poeten geile Reime an sein schmerzend Ohr klingen zu hören?! Sehet
um Euch, Mensch, und gehet und lasset mich meines Weges gehen; was hülfe es
Euch, daß Ihr mit mir kämet? Auch bei mir würdet Ihr eine verwüstete
Heimstätte und einen kalten Herd finden.“
Der geistliche Herr hatte eine Handbewegung um sich her gemacht, und was
diese harte, magere, knochige Hand andeutete, das sah freilich trostlos genug
aus.
Sturm auf Sturm war seit dem Jahre 1618 über das Höxtersche Weichbild
hingefahren. Kein Chronist hat noch gezählt, wie oft dieser Ort, die Fährstelle
und Brücke am großen Völkerübergang zwischen Ost und Westen dem Schwert
und der Brandfackel anheimgefallen war. Aber die Ruinen, die wüsten Stellen,
die Ärmlichkeit der wenigen wieder aufgerichteten Menschenwohnungen und
diese in ihrer allerneuesten Verwüstung zeugten davon. Gleich einem
verwesenden Körper lag die Stadt Huxar in dem grauen Abendlicht des
Dezembers da, und die alten schwarzen Kirchen ragten wie das Knochengerüst
aus dem zerfallenen Fleische der Stadt. Und die Gasse war voll des zerstampften
Strohs, des Schutts, der Asche und Trümmer und stank auch sonst dem Heer des
allerchristlichsten Königs übel nach; der Student hielt sich die Nase zu, schob
den Hut von einem Ohr zum anderen und nickte:
„Bei den Göttern, es ist ein Elend!“
Das war es; aber das Laster saß eben doch zu tief im Blut. Herr Lambert
zitierte wieder; wenngleich mit kläglichster Miene:
„Wem klagt das Volk des Reiches Fall,
Wen ruft es an mit Seufzerschwall?
Wen schickt uns Zeus als Rächer her,
Wem legt er in die Hand die Wehr?
Dein Licht verhüllt, schwing nieder dich,
Augur Apoll errette mich, —
ad Augustum Caesarem ist die Ode überschrieben, Herr Oheim.“
„Den Herrn sollt Ihr anrufen; sein Name ist Zebaoth! Emanuel ist sein heiliger
Name!“ sprach der Pfarrherr, die drohende Hand erhebend und weiter schreitend.
Jetzt ließ der Student und Neffe ihn ziehen und stand still und sah ihm nach und
dann noch einmal sich um in Höxter.