Höxter und Corvey

Wilhelm Raabe · Kapitel 4 von 17

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Höxter und Corvey

Zweites Kapitel.

 

m einen Mönch und ein altes Weib tu ich keinen Zug am Seil,“

brummte Hans Vogedes, der Fährmann, und räkelte sich auf seiner Bank von der

linken auf die rechte Seite; und die Bürgerwacht unter dem Torbogen lachte in

choro und stimmte ihm ganz und gar bei.

Es war eine wunderliche Wachtmannschaft, in deren Zusammensetzung sich

die ganze Verwirrung des Gemeinwesens aussprach. Zwei Münstrisch-

Corveysche Infanteristen schulterten da ihre Musketen; ein Schuster, ein

Zimmermann und zwei Schneider aus dem überwiegenden lutherischen Teile der

Stadtbevölkerung vom Rat aufgeboten, hatten sich sonderlich gewappnet mit

Helm und Harnisch aus der Liguisten- und Schwedenzeit und lehnten martialisch

an ihren Spießen und Stangen. Den Oberkommandanten des Ganzen aber,

Korporal Barthold Polhenne, hatte die katholische Bürgerschaft aus ihrer Mitte

unter Beistand des Stiftes und der Minoritenbrüder in der Stadt gestellt: die

Ordnung, die er hielt, und die Autorität, deren er sich rühmen durfte, waren denn

auch danach.

Niedergetreten vom schweren Stiefelabsatz des Herrn von Turenne, mit

Kontributionen bis zum letzten ausgesogen vom Herrn von Fougerais; von der

welschen Besatzung in den Häusern und auf den Gassen bis zum äußersten in

alles Elend und alle Wut hineingequält — widerspenstige Untertanen Seiner

bischöflichen Gnaden von Münster, hungrige Bürger der guten „Munizipalstadt

Höxar“, — kurz, armes, notdürftiges, geplagtes, verwirrtes, deutsches

Volkswesen, wie es aus dem Trümmerschutt des Religionskrieges aufwuchs,

gleich den Wurzelsprossen um einen gefällten Baum — es sah eben böse aus in

Höxter nach dem Abmarsch der hohen französischen Alliierten!

Drüben am rechten Ufer der Weser stand der Mönch bewegungslos auf seinen

Stock gelehnt, und Kröppel-Leah saß auf dem Bündel mit dem Nachlaß des

Schwestersohnes. Sie warteten ruhig ab, daß das Schicksal ihnen den dritten

Mann sende, um den Hans Vogedes vielleicht wohl fahren mochte; und dieser dritte Mann erschien jetzt wirklich. Er kam durch das niedere Feld und die

Allerwiese vom Dorfe Boffzen her, — auch ein alter Mensch, hochgewachsen,

dürr, im schwarzen Rock und Untergewand, weitbeinig und energisch-eilig —

Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr der lutherischen Kilianikirche zu Höxter.

Es schien ihm gut zu dünken, bald nach Hause zu kommen, denn die Witterung

wurde nicht freundlicher, und die Dämmerung nahm immer mehr zu. Ob der

Pastor auch noch andere Gründe für seine Hast hatte, werden wir ja wohl

erfahren; fürs erste, als er die stattliche Gestalt des Benediktiners an der

Fährstelle zu Gesicht bekam, mäßigte er seinen Schritt; jedoch nur für die

kürzeste Weile, denn sofort trat er um so kräftiger auf und heran und grüßte kurz

und schweigend.

Höflich erwiderte der Bruder Henricus den Gruß; die Judenfrau erhob sich

mühsam von ihrem Sitze und knixte. Es war eine seltsame Gruppe, die unter

dem stürmischen, dunklen Himmel, vor den gelben grollenden, wild

hinstürzenden Wassern auf das Höxtersche Fährschiff zu warten hatte; der

Mönch von Corvey aber war der erste, dem das Schweigen peinlich wurde, und

der also auch zuerst den Mund auftat. Wahrhaftig, es ist zweihundert Jahre her,

aber auch der Bruder Heinrich von Herstelle begann mit einer Bemerkung über

das Wetter, und sie hatte dieselbe Wirkung wie heutzutage.

„Es ist freilich ein rauher Tag,“ erwiderte Ehrn Helmrich Vollbort, der

Pfarrherr zu Sankt Kilian, nach der Stadt hinüber und auf die zertrümmerte

Brücke sehend. „Ein Tag oder Abend, wie er wohl für Ort und Zeit paßt.“

„Sie haben das richtige Wort gesprochen, Herr Pastor,“ sagte der Mönch.

„Obgleich ich vom Hause abwesend war, so nehm’ ich gern jede Anmerkung,

die hier und heute tempora et mores in ein Gleichnis bringt, vollgeltend hin.“

Die jüdische Greisin, die sich wieder auf ihr Bündel niedergekauert hatte,

bedeckte das Gesicht mit der rechten Hand und seufzte schwer und nickte

verstohlen gleichfalls.

„Sie befanden sich nicht beim französischen Abmarsch im Stift, mein Pater?“

fragte der Pfarrherr.

„Ich trug einen Brief zum Herrn Herzog Rudolfus Augustus, — nämlich ich

traf ihn mit Heeresmacht zu Wickensen, auf seinem Amtshause, — ich traf ihn

mit Heeresmacht dort im Walde, im Solling.“

„Ei!“ murmelte der Prediger von Sankt Kilian, hoch aufhorchend. „Die Herren

zu Corvey waren sich dessen vermutend? Hat der welsche Holofer —“

Er brach ab und schloß — seinerseits mit einem schweren Seufzer: „Es ist

gleich; wir bleiben, wie wir sind, in der Not. Der Wille des Herrn geschehe, jetzt

und immerdar.“

„Amen!“ sagte der Bruder Henricus.

Das Fährschiff ließ noch immer auf sich warten; aber das Gespräch auf dem

rechten Weserufer war in Gang gekommen. Der Mönch fragte höflich und der

lutherische geistliche Hirt antwortete ebenso höflich, wenngleich viel finsterer

oder, sozusagen, verdrossener. Sie erfuhren beide mancherlei voneinander, was

ihnen wissenswert sein mußte. Was den Bruder Henricus im besonderen

anbetraf, so erfuhr der nunmehr ganz genau, in welcher Weise diesmal die

Höxtersche Brücke stromab geschwommen sei und wie drüben, wieder einmal,

das Haus wandlos und dachlos stehe, jedem Regen- und Sturmstoß

preisgegeben. Die jüdische Greisin murmelte eintönig ihre Gebete vor sich hin,

der schmutzige Fluß rauschte mürrisch, und am Brucktor von Huxar rüstete

Hans Vogedes sich endlich zur Fahrt. Die sonderbare Wachtgesellschaft unter

dem Tor hatte sich um einen sonderbaren Menschen vermehrt, und dieser war’s

auch, der den faulen Schiffer an sein Amt trieb.

Er war die Straße herabgekommen, die Hände in den Taschen, den Hut schief

auf den verwilderten Lockenkopf gedrückt, in abgetragenes gelehrtes Schwarz

gekleidet, eine kurze, gestopfte, doch nicht brennende Tonpfeife im Munde, sein

einziges Eigentum in dieser lustigen Welt, Quinti Horatii Flacci poemata in

einem abgegriffenen Schweinslederbande im Sack und — seine eigene Version

des römischen Poeten zwischen den Zähnen:

 

„Nun herrschet mit lockeren Flammen im Herzen

Die Thrakerin Chloe zu Lachen und Scherzen,

Nun singt sie, nun schlägt sie die Laute mir fein;

Zu doppeln ihr Leben setz’ meines ich ein.“

 

Da wir mehr mit dem jungen Mann zu tun haben werden, so wollen wir sofort

sagen, wie er hieß, wer er war, und wie es mit ihm stand.

Mit Namen hieß er Lambertus Tewes, er war der Schwestersohn Ehrn

Helmrich Vollborts, des Predigers zu Sankt Kilian, und seines Zeichens war er

leider ein vor acht Tagen von der berühmten Universität, der Julia Karolina zu

Helmstedt, relegierter Studiosus der Jurisprudenz. Sein Alter belief sich auf

neunzehn Jahre und vielleicht ein halbes drüber; sonsten war er heute

wahrscheinlich der einzige Mensch vergnügten, wohlwollenden und unbesorgten

Gemütes in der Stadt Höxter an der Weser, und der sich auch dergestalt natürlich

gab. Zu der schmauchenden Wachtmannschaft trat er heran, um sich Feuer auf

seinen Tabak geben zu lassen; zu versäumen hatte er sonst nichts und sah es

gern, wenn man ihm irgendwo, wie zum Exempel hier, augenblicklich Platz auf

der Bank machte.

„Rück zu, Schulkamerad, wenn du nichts Besseres vor hast,“ rief einer von der lutherischen Wacht, der mit dem Studenten vordem dem Höxterschen

Scholarchen durch die Hände gelaufen war. „Willst du aber über die Weser, so

wird dich Hans Vogedes sogleich mitnehmen und sogar umsonst, das heißt, für

ein Stück Latein aus deinem Tröster, während er das Schiff löst. Nicht wahr, der

Handel gilt?“

„Nicht wahr? Ei so!“ lachte der verwilderte Helmstedter Bursch. „Du fielst

der alten Mutter Philosophia freilich eher aus der vielgeflickten Schürze, als sie

dich in den römischen und griechischen Topf schütteln konnte! Nun, du hättest

den Höxteranischen gelehrten Sauerkohl auch nicht fetter gemacht.“

„Meister Polhenne, er fängt an, die Gemütlichkeit zu stören, sowie er kommt.

Man kennt deine Redensarten, du Träbernfresser.“

„Ruhe auf der Wacht. Magister Lambert, haltet den Mund; und Ihr, Schuster

Kappes, das Maul! Sonsten aber stimme ich auch für ein Stück aus dem alten

Heiden,“ brummte der Korporal Polhenne.

„Gefällt Euch der alte Heide so gut, Korporal?“

„Hier am Ort ist niemand, der es da Euch gleich tut. Das Latein kommt immer

mehr ab in der Welt. Jesus, wenn ich an meine Jugendzeit denke, und wie sie da

es uns von den Kanzeln an die Köpfe warfen!“

„ O nata mecum consule Manlio,“ summte der Student, aber brach sogleich

ab, um seine Perlen nicht vor die Säue zu werfen, klopfte den Korporal auf die

Schulter und rief: „Lasset nur das Latein, Polhenne —

 

Corvinus vermahnt uns

Bedachtvoll und klug,

Das Faß aufzuwinden,

Zu heben den Krug.

Wie Sokrates redet,

Doch trinkt auch wie er!

So klingt schon beim Alten,

Beim Cato die Lehr.

Sagt, Jungen, was gibt es denn zu trinken am Ufer

des gelben Tibers — will sagen, der gelben Weser?

Was hat euch der falsche Punier, der grimmige Unhold

Hannibal für euren und meinen Durst übrig gelassen?“

 

„Wenn Ihr den Fougerais meint, Magister — da! da läuft es!“ schrie wie ein

Mann wütend die Wacht am Brucktor zu Huxar, auf den Weserstrom deutend.

„Dieses Faß wird Euch so leicht nicht auslaufen, Herr Doktor!“ brummte einer

der Münsterschen Musketierer über die Schulter; der Student aber schüttelte sich:

„Brr! — er ist zuletzt abmarschiert, seinem Meister Turennius nach; — ultimo

scabies, die Krätze auf den Letzten. Bei den unsterblichen Göttern, ihr Herren,

da mag selbst dem Gutherzigsten der Germanen sein kimmerischer Tag allzu

grau werden, um den Horaz zu zitieren. Gebt mir Feuer auf meine Pfeife.“

Das geschah, und in dem nämlichen Augenblick kam von drüben her über den

Fluß ein heiserer Ruf, und ein schwarzer Mann winkte durch die

Abenddämmerung mit seinem weißen Sacktuch. Herr Lambert Tewes, der sich

zweier Augen von Falkenart rühmte, sagte:

„Ich hab’ ihn zu Hause gesucht, um noch einmal kläglich vor ihm zu tun.

Doch chère tante, ehe sie mir die Haustür vor der Nase zuschlug und

verriegelte, tat mir kund, der Herr Oheim sei nicht zu Hause, sei über die Weser

zum Herrn Amtsbruder in Boffzen. Ecce vir excellentissimus — avunculus

divinus ac singularis, — und siehe ein Mönch und ein alt Weib in den Handel!

Hinüber, Fährmann, und holt mir den Herrn Oheim, ich brauche ihn

notwendiger, als ihr euch vorstellen möget, ihr Herren und guten Freunde.“

„Ich hab’ es dir schon lange gesagt, daß du dich endlich aufmachest, Hans,“

fiel einer der Spießträger bei. „Es ist unser Herr Pastore, der zuletzt ungeduldig

geworden ist.“

Das wirkte. Der Fährmann stand auf, reckte sich, gähnte, stieg in sein Schiff

und griff nach dem Seil. Seinen Platz auf der Bank nahm, wie gesagt, der

Student ein.

Schwer arbeitete sich der Schiffer mit seinem Kahn, gegen die mächtig

drängenden, winterlich geschwollenen Fluten an, hinüber zum anderen Ufer. Die

Wacht sah ihm mit behaglich-träger Anteilnehmung nach, und Herr Lambert

Tewes, den Rauch aus seiner kurzen Tonpfeife blasend, summte:

 

„Mit Gleichmut nimm, was frommt, was dreut,

Die Welt fleußt gleich dem Strome her,

Der sanft in seinem Bette heut

Abgleitet zum Etruskermeer;

Doch morgen in Empörung schwillt,

Aus seinen Ufern überquillt,

 

Gesteine schiebt,

Den Wald zerstiebt,

Die Herde schluckt in seinen Bauch,

Den Hirten und die Hütte auch;

Wenn Jupiter der Menschheit grollt Und schwarz Gewölk vom Pol her rollt.“