Höxter und Corvey

Wilhelm Raabe · Kapitel 3 von 17

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Höxter und Corvey

Erstes Kapitel.

 

ir haben unsern Lesern immer gern die Tageszeit geboten, aber so

schwer wie diesmal ist uns das noch nie gemacht worden. In der Stadt Höxter

waren die Turmuhren sämtlicher Kirchen in Unordnung. St. Peter und St. Kilian

zeigten falsch, St. Nikolaus schlug falsch und bei den Brüdern stand das Werk

ganz still; nur auf Stift Corvey, eine Viertelstunde abwärts am Fluß, befand es

sich noch in geziemlicher Ordnung und hatte sich auch eine Hand gefunden, die

es darin erhielt und es zur rechten Zeit aufzog. Es schlug vier Uhr am

Nachmittage auf dem Turme der Abtei.

So viel für die Tageszeit. Was die Zeit sonst anbetraf, so schrieb man den 1.

Dezember im Jahre 1673: am 23. November 1873 beginnen wir unsere

Erzählung; es sind also gerade ungefähr zweihundert Jahre seit jenem Wintertage

vergangen. Maurer, Zimmerleute, Tischler, Schlosser, Glaser und, vor allen

Dingen, Uhrmacher sind am Werke gewesen, haben die Mauern wieder

aufgebaut, die Pfosten zurecht gerückt, die Türen eingehängt, neue Fenster

vorgeschoben und dafür gesorgt, daß auch die Turmuhren wieder die richtige

Zeit anzeigen. Es hatte viele Arbeit und große Geduld gekostet; — wehe dem,

welcher von neuem frevelhaft die Hand bietet, die Wände abermals einzustoßen,

die Dächer abermals abzudecken und die Türen und Fensterscheiben von neuem

zu zertrümmern. Der Gegenwart sei bemerkt, daß das Wiederaufbauen, das Auf-

und Einrichten zu allem übrigen stets auch viel Geld kostet.

Es war ein winterlicher, feuchtkalter Tag. Schweres Regen- und

Schneegewölk wälzte sich über den Solling. Die geschwollene, stets hastige und

übereilige Weser rollte ihre erbsengelben Fluten in anscheinend völlig

breiartigen Wirbeln aus den Bergen zwischen Fürstenberg und Godelheim und

Meigadessen her, quirlte durch das kahle Weidengebüsch und das welke

Röhricht der Ufer und ärgerte sich heftig über jeden Widerstand, der ihr auf

ihrem Wege aufstieß.

Solch einen Widerstand fand sie unter den Mauern der Stadt Höxter; denn da traf sie nicht nur auf die Eisbrecher, sondern auch auf die Pfeilertrümmer des

uralten Völkerübergangs: die Brücke selber fand sie wieder einmal, wie so

häufig, nicht. Grimmig schäumte und kochte sie empor an den bis auf den

Wasserspiegel abgebrochenen Pfeilern und Stützen; aber es war auch etwas wie

ein Triumphjubel in ihrem Rauschen:

„Hoho, Menschenwerk! Menschennarretei! Hoho, drüber weg und weiter,

dem Weltmeer zu, und mitgenommen, was zu greifen ist! Das alte Spiel durch

die Jahrtausende — Triumph!“

Die gelben Wellen der Weser mochten wohl höhnisch brausen. Sie hatten die

Brücken des Drusus und des Tiberius, des Königs Chlotar und des großen Karl

auf ihrem Nacken getragen an dieser Stelle; — jedes Jahrhundert fast hatte ein

halb Dutzend Male für Krieg und Frieden hier eine neue Brücke gebaut; —

Triumph! wo trieben heute die Balken und Bohlen der letzten, die vor drei

Jahren neu geschlagen wurde, und die vorgestern Monsieur de Fougerais, der

französische Kommandant von Höxter, vor dem Abmarsche, seinem

Feldmarschall Monsieur de Turenne nach, hatte umstürzen lassen?

Vorgestern war Monsieur de Fougerais dem Marschall nach gen Wesel zu

abmarschiert. Ihre Hochfürstlichen Gnaden Christoph Bernhard von Galen,

Bischof zu Münster, Administrator zu Corvey, Burggraf zu Stromberg und Herr

zu Bordelohe, hatten Kaiser und Reich, sowie der Republik Holland ihren

französischen Trumpf ausgespielt: der Franzmann hatte es sich bequem gemacht,

wie der Deutsche es gewollt hatte; und, wie gesagt, die Uhrwerke auf den

Türmen vom Rhein bis zur Weser waren darob wieder einmal in Unordnung

geraten und zeigten die unrichtige Stunde oder standen ganz still. Was die

westfälischen Glocken anbetraf, so waren deren eine ziemliche Menge von dem

hohen Bundesgenossen des biedern Reichsstandes mitgenommen worden, um in

französische Geschützläufe für die Reunionskriege, den Überfall von Straßburg

und den spanischen Erbfolgekrieg umgegossen zu werden.

Weiteres zu seiner Zeit. Vom Stift her wissen wir, was die Glocke geschlagen

hat; Christoph Bernhard hat dafür gesorgt. Es ist vier Uhr nachmittags, und wir

stehen im Bruckfelde am rechten Ufer des Flusses, der zertrümmerten Brücke

gegenüber und warten auf die Fähre, die man nach dem Abzuge der wüsten

gerufen-ungerufenen Gäste und Bundesgenossen aus dem Westen eingerichtet

hat.

Wir warten auf einige Leute, die da kommen werden, um sich nach Huxar

übersetzen zu lassen, und sie kommen auch, einer nach dem andern.

Der erste ist ein Mönch aus der Abtei, der unter dem dunkelziehenden Gewölk

von dem Landwehrturm unter dem Walde, dem Solling, auf dem Feldwege her

der Weser zuschreitet. Es ist der Bruder Henricus, vordem in der Weltlichkeit ein Herr von Herstelle; sein Prior, Nikolaus, vordem im Säkulum ein Herr von

Zitzewitz, hat ihn vor acht Tagen mit einem Briefe an den herzoglich

braunschweigischen Vogt auf dem fürstlichen Amtshause zu Wickensen

abgesendet, und er hat den Brief hingetragen und kann sonderbare Sachen

erzählen.

An Stelle des Vogtes hat er auf dem Amtshause Seine Fürstlichen Gnaden den

Herzog Rudolf August selber vorgefunden und zwar in bester Laune, den

Vorgängen und dem französischen Trubel am linken Weserufer zum Trotz. Der

Herzog hatte den wohlpetschierten Brief des Herrn Priors von Corvey erbrochen,

und es ist ein anderes Schreiben — französisch abgefaßt und adressiert —

herausgefallen, welches die Fürstlichen Gnaden zuerst gelesen haben, zu einem

Drittel mit Stirnrunzeln und für den Rest mit einem Lachen und Spott.

„Ihr tragt gewichtige Sachen im Lande Germanien um, ohne es zu wissen,

Bruder,“ hat der Herzog gesagt. „Sintemalen wir nunmehro im Jahre

einundsiebenzig mit Gottes Hülfe und unserer Vettern Liebden Beistand und

freundlicher Handreichung unsere nunmehro zuletzt getreue Landesstadt

Braunschweig mit Waffengewalt und gutem Wort uns zu Willen und Gehorsam

gebracht haben, so danken wir dem Herrn Bischof von Münster, sowie den

Herren Prioren, Kanzlern und Räten von Corvey, wie imgleichen dem Herrn

Marschall von Turenne für freundliches Erbieten und gedenken fernerhin, wie es

uns zukommt, unserer Pflicht und fürstlichen Eidleistung gegen Kaiser und

Reich. Wünschen dagegen dem Herrn Marschall eine glückliche Reise gen

Wesel und haben Euch, ehrwürdiger Bruder, augenblicklich nichts mitzuteilen,

als daß Ihr, so lange es Euch belieben mag, unser lieber Gast sein mögt; wie wir

es gleichfalls in Euer Belieben setzen werden, Euch in der Gegend umzusehen.

Da uns das Stift und das königliche Hauptquartier zu Höxter aber in Eurer

Person einen Mann geschickt haben, der nicht immer die Kutte trug, sondern

vordem auch den Harnisch und den Kürasserhelm, so verlassen wir uns darauf,

daß Ihr uns zu Hause in re militari loben und den Herren zu Huxar und Corvey

nach bester Kenntnisnahme empfehlen werdet.“

Da nun der Bruder Henricus außer seinem Schreiben willig auch den

mündlichen Auftrag mitgenommen hatte, sich in der Gegend rechts von der

Weser umzusehen, so machte er Gebrauch von der Einladung des Herzogs. Er

sah sich um, und jetzt kam er zurück, nachdem er sich umgesehen hatte. Sehen

wir uns ihn jetzt vor allen Dingen selber ein wenig genauer an.

Da stand er, auf seinen Wanderstock gestützt, im Bruckfelde an dem

mürrischen Strome und wartete geduldig, bis es dem Fährmann drüben am

Brucktor zu Höxter gefiel, ihn herüber zu holen. Und er sah trotz seinem

geistlichen Gewande wahrlich aus wie ein Mann, der wohl befähigt war, seinen Vorgesetzten über die militärischen Zurüstungen und Vorkehrungen Seiner

Herzoglichen Gnaden zu Wickensen Bericht abzustatten, und zwar einen sach-

und fachgemäßen. Der Bruder Henricus von Herstelle trug sein

Benediktinergewand würdig und stattlich genug, doch mußte es auch dem

gänzlich Unbefangenen gar nicht unglaubwürdig erscheinen, daß von dieser

breiten Brust und diesen derben Schultern seiner Zeit der eiserne Panzer ohne

alle Beschwerden getragen worden sei. Daß die runzlige, aber immer noch

kräftige Faust vor Zeiten etwas anderes umschlossen habe als den harmlosen

Stab von Weißdorn, konnte dann einem irgend aufmerksamen Betrachter auch

weiter nicht zweifelhaft bleiben. Der Bruder Henricus trug dem winterlichen

Tage ins Gesicht die Kapuze zurückgeschlagen und bot die Tonsur dem Wind,

den vereinzelten Schneeflocken und den scharfen Schauern seines Regens frei

hin. Ein Kranz grauer, ein wenig borstiger Haare umgab den runden

wohlgeformten Schädel, und eine Narbe auf der Stirn sprach von anderem und

wilderem Zusammentreffen als mit den Brüdern und Vätern in Gott und Jesu

Christ bei der Hora und Mette. Der Junker Heinrich von Herstelle war jetzt ein

alter Mann, doch jung und frisch auf den Beinen. Sein Räuspern selbst und sein

Niesen klang kräftig und mannhaft, und man konnte es dem Vater Adelhardus,

dem Stiftskellner, vordem ein Herr von Bruch, gar nicht verdenken, wenn er die

Freundschaft und gute Kameradschaft gerade dieses ehrwürdigen Bruders

jeglicher andern innerhalb der Mauern der Abtei vorzog.

„Wo die Brücke geblieben ist, kann ich mir schon deuten,“ sagte der Bruder

Henricus kopfschüttelnd. „Ein Ärgernis ist es aber doch!“ fügte er hinzu, die

Hand über die Augen legend und nach der Fähre ausschauend. Er hatte noch zu

warten, denn der Fährmann drüben zu Höxter beeilte sich des einzelnen

Fahrgastes wegen nicht. Faul hingestreckt lag er neben der Wölbung des

Brückentors auf seiner Bank und wartete auch; nämlich auf die Ansammlung

mehrerer Leute drüben am braunschweigischen Ufer.

Endlich kam der zweite Fahrgast. Diesmal ein altes Weibchen, das auf dem

Schifferpfade von Lüchtringen her heranhumpelte, keuchend unter einem

schweren Bündel; — ein altes Judenweib, unter dem Namen Kröppel-Leah dem

Pöbel zu Huxar wohlbekannt, doch hochangesehen bei ihren Glaubensgenossen;

— wegmatt, zeitmatt, kriegszerzaust und kriegerisch, ja kriegerisch unter ihrem

Packen trotz ihrem Alter und ihrer Müdigkeit anzuschauen.

Mit tiefen Knixen und schüchternen Verbeugungen näherte sich die Greisin

dem greisen Benediktinermönch, der aber neigte das Haupt, winkte mit der Hand

und sagte:

„Der Gott Abrahams knöpfe dem Schlingel da drüben die Ohren auf. Tretet

heran, Frau: werft Euer Bündel ab und setzet Euch. Um uns beide rührt sich der lüderliche Bursch fürs erste noch nicht.“

„Ich danke Euch, guter ehrwürdiger Herr,“ erwiderte die Greisin. „Alte

Knochen, müde Füße, schweres Herz —, ich kann wohl in Geduldigkeit

warten.“

„Ich auch!“ sprach der Mönch, und dann, mit einem Blick auf die durch die

Wirbel des Flusses vorragenden Trümmer der Brückenpfeiler, fragte er: „Wisset

Ihr, Mutter, vielleicht genauer, was das nun wieder zu sagen hat? Wenn man sich

auch das Seinige zurechtlegt, so hört man doch gern eines andern Bericht. Als

ich abging von Corvey, schritt ich noch trocknen Fußes über die Weser.“

Die Greisin schüttelte den Kopf:

„Ich kann es nicht sagen, ehrwürdiger Herr. Anno Siebenzig am siebenzehnten

Januar hat es der Fluß selber getan. Vordem Anno Sechsundvierzig tat es der

Herr Feldzeugmeister von Wrangel; vordem taten es Herr Kaspar Pflugk und die

Herren Liguisten, — vordem Herr Christian von Braunschweig, den sie den

tollen Herzog nannten. Dazwischen dann wieder immer der Strom selber. Ja, wer

hat’s heute getan?“

Der Bruder Henricus lächelte ein wenig.

„Was Ihr mir da eben ableiert, Frau, kann ich in seiner Richtigkeit für mehr als

einen Axthieb in persona bezeugen. Wo kommt Ihr denn her, Frau?“

„Von Gronau, im Fürstentum Hildesheim. Da ist meiner Schwester Sohn

gestorben. Er war der letzte Mann in meinem Hause. Ich hab’ ihn sterben sehen

und mir die Erbschaft geholt nach Höxter.“

„Hm!“ murmelte der Bruder Henricus und sah auf das Bündel, auf dem die

Alte zusammengekauert hockte, und von dem sie aus scheu und furchtsam zu

ihm seitwärts aufblickte.