Höxter und Corvey

Wilhelm Raabe · Kapitel 11 von 17

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Höxter und Corvey

Neuntes Kapitel.

 

anz zur richtigen Zeit, denn eben schwieg die katholische

Sturmglocke, und bekam der katholische Küster gleichfalls Prügel. In ganz

Höxter aber hatte Lambertus keinen bessern Bekannten als Jordan Hunger, den

katholischen Küster; dieser ging noch über den Fährmann Hans Vogedes, den

Korporal Polhenne und Seine Hochedelgeboren Herrn Wigand Säuberlich, der

mit dem Studenten dem Onkel Vollbort durch die Schule gelaufen war und wie

er, Meister Tewes, auf keiner Seite Partei nahm, sondern auf jeder nur sein

Vergnügen.

Dieses Vergnügen war nunmehr vor der Pfarrwohnung der von Christoph

Bernhard bei St. Nikolaus eingesetzten Minoriten im vollen Gange. Der von St.

Kilian herströmende katholische Haufen fiel dem lutherischen beim heiligen

Niklas nicht in den Arm, sondern in die Arme. Im letzten Grunde hatten sie alle

nur den einzigen Zweck, Unheil zu stiften, und das verrichteten sie denn auch,

und zwar ohne jegliche Courtoisie. Das Steinbombardement auf die Fenster der

katholischen Herren wurde ebenso kräftig unterhalten, wie das auf die Fenster

des Onkels Vollbort.

„Sieh, sieh!“ sagte auch hier wieder der Studente fröhlich; doch eben, als er

sich von neuem auf den Prellstein schwingen wollte, faßte ihn ein Weib am

Rockschoß, zog ihn zurück und zeterte:

„Um Jesu Christi willen, Herr Magister, sie haben meinen Mann

totgeschlagen! Er liegt unter den Glocken, und sie tanzen auf ihm herum!“

„ O mon dieu!“ rief der Consiliatus. „Ist Sie es, Gevatterin? Mon dieu, und er

war doch so gut Freund mit dem Fougerais bei unserm letzten Disput!“

„Dafür haben sie ihn auch windelweich geschlagen, und er liegt unter seinem

Seil. O Lambert, kommt und helft mir, laßt Euren besten Kameraden nicht

umkommen. Sie sagen, das Stift sei auf dem Wege hierher; aber was hilft das

mir, wenn sie mir meinen Mann vorher zunichte gemacht haben. Das leiden wir nun um Corvey!“

„Höxter und Corvey!“ jauchzte der Student, und dann ließ er sich von der

Küsterin den Glocken von Sankt Nikolaus nur zu gern zu ziehen. Der Spaß war

ihm in dieser Nacht eben überall in Huxar.

Weggelaufen war der unglückselige Monsieur Jordan nicht aus seinem

Turmgewölbe während der Zeit, daß sein Weib hingegangen war, die barbarische

Welt um Hülfe anzuschreien. Er lag unter seinem baumelnden Seile noch da, wie

ihn seine nichtswürdigen Feinde und seine brave Gattin verlassen hatten, mit der

Nase im Staube. Seine Schultern zuckten, er zappelte mit den Füßen und ächzte

jämmerlich.

Mit der Nase im Staube! und der Student wußte sofort ein Zitat aus dem

Horaz und trug natürlich dasselbe dem Unglücklichen, Geschlagenen erst

lateinisch und sodann in freier deutscher Übersetzung vor:

 

„So stürzet der Tannbaum mit donnerndem Hall,

So liegt nun der Küster nach furchtbarem Fall!

Im Blachfeld des Teukrers, dem Feinde zum Raub,

Druckt itzt Don Bravatscho die Nas’ in den Staub!“

 

„Hu,“ winselte der Küster von Sankt Niklas, „bist du’s, Lambert? Ist meine Frau

auch da? Hu, dreht mich um — um Gottes Barmherzigkeit sachte! vorsichtig,

sachte. Die Teukrer, oder wie das Dorf heißt, waren es nicht; der Teufel vergelte

es den Höxterschen Bösewichtern, die mich um der Kirche willen so greulich

zugerichtet haben. O, o, o, das ist viel schlimmer als die letzte Schlacht um die

Bosseborner Laterne — weißt du, Lambert, die vor drei Jahren, in der du auch

einen Prügel führtest, obgleich es dich als lutherschen Ketzer gar nichts anging.“

Der Student hatte den Armen weich und vorsichtig unter den Armen gefaßt,

während die Frau Küsterin die Füße gehoben hatte, um den halb Geräderten auf

den Rücken zu legen; aber der Küster hatte zu seinem Schaden sein letztes Wort

hervorgestöhnt.

Als Herr Lambert Tewes von der letzten Bosseborner Laternenschlacht hörte,

ließ er sofort los und streckte, um einem ganz andern Gefühl als seinem

Mitgefühl Luft zu machen, die ausgespreiteten Hände hoch in die Luft.

Mit einem lauten Aufschrei fiel der Küster wieder auf das Gesicht; doch

lustkreischend schrie der Student:

„Bei den unsterblichen Göttern, die Bosseborner Laternenschlacht! Ei freilich,

Jordan, von dorther bist du’s schon gewohnt, den Mund voll der ernährenden

Erde zu nehmen. Du kriegtest wahrlich dein gut Teil ab von der Prügelsuppe in

der Küsterschlacht.“

„Aber es war doch eben eine Küsterschlacht!“ winselte Jordan Hunger, „eine

katholische Küsterschlacht! wir schlugen uns doch nur unter uns selber um die

Ehre Gottes; aber diesmal —“

Er vermochte es nicht, seinen Satz zu Ende zu bringen; jedoch der Student

nahm ihm das Wort tröstend ab:

„Sei nur still, Alter, das Martyrtum ist auch um so größer.“

„Hu, das brauchst du mir wahrlich nicht zu sagen,“ stöhnte der Märtyrer, und

während man ihn von neuem umwendet und fürs erste mühsam in eine sitzende

Stellung bringt, können wir unseren Lesern mitteilen, was es mit der

Bosseborner Laterne auf sich hat.

Heute geht das Ding als eine Sage um, mit welcher sie Die von Bosseborn

vom Dorfvorsteher bis zum letzten Kossaten bei jeglicher passenden

Gelegenheit bis aufs Blut, wie die eine Redensart, oder bis zum Schwarzwerden,

wie die andere heißt, ärgern. Sie, die Bosseborner nämlich, sollen, von einer

Hochzeit nach Hause ziehend, ihren Weg durchaus nicht mehr gefunden haben,

sondern arg in Gestrüpp, Sumpf und Moor verloren gegangen sein. Da soll denn

der Küster, der Nüchternste in der Gemeine (Sokrates beim Symposion

Platonis!) ihnen geleuchtet haben, und zwar auf absonderliche Art. Man sagt, er

habe einen Einfall gehabt, selber ein Licht unter den Umständen; er habe den

Hemdenschwanz hinten aus den Hosen gezogen und niederhängen lassen, und

der habe hell genug durch die Nacht geschienen, um der Bauernschaft als

Laterne zu nützen. So sei der Küster von Bosseborn vorangeschwanket, ihm

nach der Vorsteher, dem nach der Gemeinderat und dem wieder die torkelnde

gemeine Bauernschar, im Gänsemarsche alles — einer hinter dem andern — ein

ewig memorabler Zug bis ins Dorf hinein.

Die Geschichte ist gut; wenn ihr nur so wäre! Aber die Sache hat einen ganz

andern und viel ernsthaftern Angang.

„Wann kompt in Sommer Sanktus Veit,

So endert sich beid Tag und Zeit.

Dem schlaff geht zu, dem Wachen ab,

Wie sich das alter neigt zum Grab,

Und wer dan hat der pfenning viel,

Der mach sich auff zu diesem ziel,

Und wander hin wol nach Sankt Veit,

Ihr kann man werden leichtlich queid —“

 

singt bei Hans Letzner ein „rechter erfahrener Landtkündiger“; und von der

großen Prozession nach Corvey auf Sankt-Vitus-Tag stammt die Laternenfrage

her, sowie jede Schlacht, die an dem Tage darum geschlagen wurde; vorzüglich

aber die des Jahres Siebenzig, welche eine der hartnäckigsten und blutigsten war,

infolge der Indulgenz, die Seine Heiligkeit Papst Clemens IX. kurz vor seinem

seligen Abscheiden auf den Tag für dasmal gelegt hatte.

Nun war es aber ein alt Herkommen, daß die jüngste Pfarrei den feierlichen

Zug eröffne, — das Ältere und Würdigere folgte, der Reihe nach; und also —

sollten Die von Bosseborn voran „mit der Laterne“ und wollten’s natürlich den

Ovenhäusern zuschieben, die ihnen folgten: hinc illae lacrimae! Denen von

Ovenhausen gingen nach Die von Fürstenau, diesen die Boedexer, diesen die

Amelunger, diesen Die von Wehrden und Jakobsberge. Dann zogen Ottbergen

und Bruchhausen, nachher kam das Dorf Stahle, nachher Die von Albaxen,

Brenckhausen, Lüchtringen und Godelheim. Zuletzt aber kam dicht vor den

Reliquien des Heiligen die Stadt Höxter mit ihrer Stadtmusik, zusammen mit den

Corveyern. Noch hinter dem heiligen Veit zog das Kapitel auf, sowie der

braunschweigische Gesandte mit einem kleinen Abtsstab in der mit einem Velum

bedeckten Hand (auch nach der Reformation und als Protestant!), er wurde

geleitet vom Corveyer Marschall. Den Beschluß machte das Venerabile unter

einem Baldachin, den die Höxternschen Nobiles trugen, — und Jordan Hunger,

der Küster von Sankt Nikolaus, war im Jahre 1670 Küster zu Bosseborn

gewesen und hatte die Bosseborner Laterne, d. h. die Kirchenfahne seines Dorfes

tragen sollen — —

 

„Wie mancher kompt gar weis’ und klug,

Im Heimgehn er einen Narren trug.

Mancher kompt daher ganz Sinnreich,

Und geht weg ganz bös und grimmich.

Ihr viel da kommen frisch und gesundt, Da gehn sie heim in Todt verwundt,

Oder sonst gefallen, geschlagen —“

 

singt der erfahrene „Landtkündiger“ weiter, und so war es. Sie schlugen sich

jedesmal wacker um die Bosseborner Laterne; und wenn Bosseborn und

Ovenhausen zwischen sich den Streit begannen, so war kein Dorf, das

zurückbleiben wollte, sondern sie fielen alle drein und aufeinander. Ohne das

gab es kein Sankt-Vitus-Fest zu Corvey, und weder das Kapitel noch der

braunschweigische Gesandte konnten das geringste da tun, außer daß sie es

abermals fertig brachten, daß auch das nächste Mal Bosseborn wieder die

„Bosseborner Laterne“ trug.

Doch während wir hier das Krumme gerade machten und der Wahrheit zu

ihrem Rechte verhalfen, tobt der Mutwillen viehisch fort in Höxter, wird der

zerschlagene Meister Jordan Hunger von seinem heulenden Weib und

vergnügten Freunde nach seinem Bette geschleift und — — zieht eine andere

Prozession langsam heran. Letzterer wenden wir uns jetzt zu und treffen sie auf

dem Wege, den vorhin der Bruder Henricus zur Abtei beschritten hatte. Der

Bruder Henricus maß diesen Weg jetzt zurück, er befand sich mit an der Spitze

dieses Zuges, der von Corvey kam. Er war ein Kriegsmann gewesen in seiner

Jugend, und sein Prior, Herr Nikolaus von Zitzewitz, hielt sich an ihm und ließ

ihn nicht von seiner Seite. Dicht hinter ihm hielt sich der Subprior Florentius von

dem Felde und der Probst Ferdinandus von Metternich. Den guten Vater

Adelhard, den Cellarius, hatte man seiner Unbehülflichkeit halben in diesen

gefährlichen Nöten zu Hause gelassen, um dort Ordnung zu halten.

Die Abtei zog heldenhaft nach der Stadt, um sich selber Nachricht über die

Vorfälle dort zu holen, da „impie et nefarie“ ruchloser- und leichtfertigerweise

niemand gekommen war, um ihr solche zu bringen.

Aber Corvey konnte nicht anders; Corvey mußte auf den Plan! Die Abtei,

eben in ihren „Rechten“ durch den fremdländischen Helfer, den größesten der

französischen Feldherren, gegenüber der rebellischen Bürgerschaft von Huxar

und dem braunschweigischen Schutzherrn gekräftigt, mußte alles daran setzen,

daß ihr die soeben nach langem Streite endlich einmal wieder fester gepackte

Obergewalt nicht von neuem aus den Händen gleite. Es galt, Höxter gegen

jeglichen Feind oder Aufrührer festzuhalten, und so zog das Stift in Waffen

gegen die Munizipalstadt. Unter Umständen verstand es Herr Christoph

Bernhard von Galen, merkwürdig böse Gesichter zu schneiden, und Corvey

wußte das und kannte das.

Die Lärmglocke, die Bruder Heinrich von Herstelle gezogen hatte, war gehört

worden. Die Klostermannschaft war in die Rüstung gefahren, die Herren Benediktiner hatten sich taliter qualiter selber gewaffnet, und die waffenfähige

Mannschaft des nächst, aber am andern Ufer der Weser gelegenen Dorfes

Lüchtringen war in Kähnen über den Fluß gekommen, um der Abtei zu Hülfe zu

eilen. Die Prioren und sonstigen Vorgesetzten gingen natürlich nur im geistlichen

Habit, doch manch rüstiger Frater und Pater hatte mutig und freiwillig die

Büchse oder Halbpike auf die Schulter genommen und vermaß sich, Heldentaten

zu tun, von denen der Chronist von Corvey noch nach Jahrhunderten zu erzählen

haben sollte. Der Kriegerischste aber in der ganzen geistlich-weltlichen

Heerschar war doch Bruder Henricus, der sicher und männlich, trotz seinem

hohen Alter, mit einem gewaltigen Schwerte ging, das wahrscheinlich beim

Übergang der Hussiten über die Weser im Kloster stehen geblieben war; — der

Zug sah mehr auf ihn als auf die im Fackelschein voranflatternde Sturmfahne

mit dem Bilde des heiligen Dionys. Der heilige Patron trug seinen Kopf nur

unterm Arm, der Bruder Heinrich dagegen den seinigen noch wacker auf den

Schultern.

„Meinen Segen nimmst du mit, mein Sohn; komme mir aber auch ja gesund

und vergnügt wieder,“ hatte beim Abschied am Klostertor der Vater Adelhardus

zu ihm gesprochen und ihn dabei ganz zärtlich auf die Schulter geklopft.

Nun waren sie auf dem zerfahrenen und zerwühlten Wege, den wir vorhin

geschildert haben, mit der Parole: Sankt Vitus! und dem Feldgeschrei: Abbatia

urbi imperat! Corvey über Höxter! Nun gerieten sie in die Sümpfe, die Löcher

und unter die harten Feldsteine, — nun hielten sie, um Atem zu schöpfen — und

nun ächzten sie wieder weiter.

„Bruder von Metternich, das ist eine Nacht, um Anathema zu sagen!“ stöhnte

der Prior einmal über das andere. „Was ist deine Meinung?“

„Der Gerechte siehet vor seine Füße und gehet den Weg, den ihn der Herr

schickt.“

„ Bene, bene! Wie dunkel aber die Nacht ist! Hätten wir doch ein jeglicher

eine Laterne anstatt der Fackeln mit uns genommen! Nun hört auch das Stürmen

vom Turm gar auf, Henrice.“

„Es ist vielleicht doch nur ein schlechter Gassenlärm gewesen, und die

Tummelanten haben des Spaßes genug und gehen zu Bett.“

„Und wir sind heraus und hier mitten im Felde? O corpus Christi, der Bann

auf ihre Häupter! — Fort, voran, ihr alle, wahrlich, man soll Corvey nicht

ungestraft hohnnecken; abbatia urbi imperat, da ist das Corveytor! Ruft: Sankt

Vitus! und laßt uns einziehen!“

Nach einem mehr als halbstündigen Marsche waren sie jetzt wirklich vor

diesem Tore von Höxter angelangt; allein das Einziehen ging so leicht nicht.

Fürs erste fand das Stift die Tür verschlossen, obgleich es selber die Schlüssel dazu hatte — freilich in den Händen seines tapfern, oben schon benannten

Hauptmanns Meyer, den wir ebenfalls von Person kennen lernen werden.

„Lasset uns anpochen,“ sprach der Subprior.

„Das wird viel helfen, der Graben ist dazwischen,“ murmelte der Propst.

„So lasset den Zinkenisten von Corvey hertreten, Sohn Heinrich! Er soll sich

den Hals zersprengen; aber uns den Pförtner auf die Mauer schaffen. Das ist eine

scheußliche Nacht!“ grollte der Prior.

Das alte Stift hatte seinen Trompeter mitgebracht, und er blies, — er blies und

blies sich halb die Lunge heraus, bis sein Blasen von der gewünschten Wirkung

war.

Endlich, endlich flimmerten Laternen auf der Mauer, und dann rasselte die

Brücke unter dem alten Torturm herunter; mit dem Hute in der Hand, von seinen

Laternenträgern begleitet, wackelte der Hauptmann Meyer eilfertig und atemlos

hervor, den Prior und das Stift zu begrüßen: ein freundlicher, ältlicher Herr,

rötlichen Angesichts, breitbäuchig und behäglich, auch einer der besten Freunde

des Pater Cellarius, Adelhardus von Bruch.

Höchst verdrießlich empfingen ihn für diesmal die übrigen Würdenträger des

Stiftes.

„Sie sind wirklich mit Degen und Feldbinde da, Monsieur?“ schrie der Prior.

„Weshalb kommen Sie nicht auch im Schlafrock und denen Pantuffeln, mein

Herr Hauptmann? Aus dem Bett kommen Sie ja doch! Bei Sankt Veit, Herr, es

geht lustig zu in Höxter. Die Sturmglocke bringt das ganze Land in Aufruhr, und

der Herr Kapitän drehen sich auf die andere Seite und geruhen weiter zu ruhen.

Wo steckt Ihr mit Euren Leuten, Meyer? Hat man Euch dazu der Stadt Obhut

zum zweiten Male anvertrauet?“

Der bischöflich Münstersche Befehlshaber ließ dieses und noch eine Reihe

ähnlicher Vorwürfe und Fragen wie das Hochwasser aus einem aufgezogenen

Schütt über sich hingehen. Erst als der Prior von Corvey mit seinem Atem zu

Ende war, verantwortete er sich oder fing wenigstens an, sich zu verantworten.

„Aus dem warmen Bett komme ich nicht, Hochwürden, sondern von den

Wesermauern am Brucktor, allwo ich seit angehobenem Tumult auf den Noht

gepasset habe nach meinem Eid und meiner Pflicht.“

„Auf den Noht?!“

„Ja, Hochwürden, auf des Herzogen Rudolf Augusten Oberstwachtmeister

Noht!“

„Sankt Veit und Corvey, aber weshalb denn gerade auf den?“

„Wer anders hat uns denn diesen Aufruhr angerichtet als der? Aber beim

Teufel, hat er mir einmal meine Trommel genommen, zum zweiten Male soll er

sie nicht in die Tatzen kriegen, und wenn er sich noch so verstohlen über die Weser schliche!“

Bei Fackelschein und Laternenlicht sah sich der Prior, Herr Nikolaus von

Zitzewitz, verzweiflungsvoll und zweifelnd auf den Gesichtern seines Gefolges

um. Sie grinsten alle, und Bruder Heinrich von Herstelle lachte sogar. Es blieb

dem Prior von Corvey nichts anderes übrig, als sich fußstampfend von neuem an

den biedern Hauptmann zu wenden.

„Aber um Gottes willen, was läuteten sie denn Sturm? wer zog die Glocken

und warum?“

„Ja, sehet, Herr Prior,“ sagte der tapfere Kapitän gemütlich, „da treten Sie

doch näher und sehen selber! Was uns betrifft, so sind wir, seit der Lärm anging,

unter den Waffen und auf der Mauer. In das Handgemenge habe ich den

Korporal Polhenne hineingeschickt, doch der kann auch nichts ausrichten. Es

geht eben wieder einmal durcheinander, Ratz, Katz und Ketzer, und unsere sind

auch dabei. In allen Pfarreien haben sie zu Ehren des hohen französischen

Abmarsches die Fenster eingeschmissen, und alle Küster haben sie ganz oder

halb totgeschlagen. Doch damit sind sie auch zu Ende, und eben gehen sie,

Ketzer und Katholiken, in christlicher Eintracht über die Juden.“

„Und dabei steht der Mensch, lehnt sich auf die Ellenbogen und guckt vom

Brucktor aus in die Nacht und über die Weser nach dem Oberstwachtmeister

Noht aus!“ ächzte der Prior, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend.

„Seine Trommel?! seine Trommel! Herrgott und Sankt Veit, sollte man da nicht

wünschen, daß zehn Jahre lang die Trommel auf ihm selber geschlagen würde?“

„Ich rate nun doch, daß wir schleunigst in Höxter einrücken,“ meinte jetzo

Bruder Heinrich von Herstelle, und der Prior, ganz und gar nicht wie ein

geistlicher Hirt, Vater und Berater kommandierte wütend:

„Marsch!“

So zog das Stift in die Stadt und nahm auch seinen Hauptmann wieder mit

hinein.