Höxter und Corvey

Wilhelm Raabe · Kapitel 13 von 17

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Höxter und Corvey

Elftes Kapitel.

 

 

n die wollene Decke vom letzten Bett des Schwestersohnes zu

Gronau im Fürstentum Hildesheim gewickelt, hatten währenddessen die

Kröppel-Leah und Simeath mit Schauder und Schrecken gehorcht. Der rote

Schein der Feuersbrunst, der in die leeren Fensteröffnungen und die Tür fiel,

hatte auch den Mut der Alten gebrochen.

„Siehst du, Großmutter, es geht doch wieder gegen uns, sie haben Vater

Samuels Haus in Brand gesteckt; — sollen wir nicht fort? Wir können über den

Hof schleichen und in des Nachbars Garten; Herr Jakob zum Dahle wird nicht zu

schlimm sich stellen, wenn er uns morgen früh in seinem Stalle findet.“

„Ja, ja, Kind,“ stöhnte die Greisin. „Leise, leise — da ist mein Bündel —

hilf’s mir wieder auf! Du hast recht, wir müssen hinaus — sie kommen, und sie

kennen kein Erbarmen.“

Sie versuchte es, aufzustehen, allein es ging nicht an. Der Weg von Gronau

her war dem alten Weibchen doch zu viel gewesen. Sie fiel zurück auf den Stuhl,

legte die Arme auf den Tisch und das Gesicht auf die Arme.

„Großmutter, Großmutter,“ jammerte das junge Mädchen. „Besinne dich —

wach auf, laß mich deinen Sack tragen! Laß ihnen den Sack, laß uns nur laufen

— Barmherzigkeit, sie kommen — da sind sie!“

Nun kreischte die alte Jüdin noch lauter als die junge. Sie kamen, sie polterten

die Treppe herauf — sie waren da — nur drei Mann, aber die Bösesten in Höxter

— Hans Vogedes, der Fährmann, mit einer Axt den beiden anderen vorauf. In

dem Augenblick, als das Stift anrückte und Lambert Tewes seinen Freund

Wigand Säuberlich zu Boden schlug, hatten sie sich aus dem Getümmel vor dem

Hause des Meisters Samuel weggeschlichen, und sie machten von vornherein

gar kein Hehl daraus, daß sie dem Geruche von der Gronauschen Erbschaft

nachgegangen seien.

Fünf Minuten später, nachdem sie die zertrümmerte Schwelle überschritten hatten, durchschnitt von dem Hause der Kröppel-Leah her ein so fürchterliches

und schrilles Jammergeschrei die Nacht, daß es allen sonstigen Lärm in der

Stummerigenstraße übertönte und jedermann den Kopf aufwarf und mit jähem

Schrecken horchte.

An der Brandstätte hatte die Szenerie sich aber bereits verschoben. Im Ornate

war Ehrn Helmrich Vollbort unter den Mönchen und städtischen Beamten

aufgetreten und hatte scharf geredet, sowohl gegen den dunkeln Nachthimmel,

wie gegen den Herrn Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von Zitzewitz, und

gegen den Münsterschen Gubernator und Stadthauptmann Herrn Meyer.

Er hatte um Rache für sein beleidigt Haus und seinen geprügelten Küster

geschrien, und über die Schulter des Bruders Henricus hatte der Neffe seine

rechte Freude an dem Oheim gehabt.

„Sie haben ja unseren Küster bei Sankt Niklas gleicherweise windelweich und

blitzblau geschlagen, ehrwürdiger Herr,“ hatte der Prior eingeworfen. „Da ist

doch wahrlich die vollkommene Parität vorhanden gewesen — was sollen wir in

dieser Nacht bei solchen Umständen Ihnen noch zugute tun?“

„Stift und Fürstliche Gnaden von Münster haben immer nach Vernunft mit

sich reden lassen,“ hatte Herr Florentius von dem Felde begütigend hinzugesetzt,

„und —“

„Schlagt ihm vor, daß Ihr mich vor seiner Tür hängen lassen wollt,“ hatte der

tolle Helmstedter dem Bruder Heinrich von Herstelle ins Ohr geflüstert.

Der Bruder Heinrich hatte das nicht vorgeschlagen, denn nunmehr hatte Herr

Ferdinandus von Metternich, der Propst von Corvey, Vernunft gesprochen und

wirklich verständige Dinge gesagt.

Es sei eine üble Nacht, hatte er gemeint. Niemand wisse, wie er daran sei.

Morgen sei wieder ein Tag — totgeschlagen sei gottlob und mit Hülfe des

heiligen Veit bis jetzt keiner; — die Übeltäter habe man auf dem Stroh im

Prison, und selbst die Juden seien noch mit dem Leben davongekommen, soviel

man wisse. Wer am meisten bei der greulichen Unruhe gelitten habe, das sei

doch wohl das Stift Corvey, das nun auch noch zu allem übrigen den schlimmen

Marsch nach Hause vor sich habe. Er — der Propst — hatte zum Schluß seiner

Rede geraten, jetzt vor allen Dingen wieder zu Bett zu gehen und für alle Fälle

vielleicht eine Salveguardia, gemischt aus Corveyscher Mannschaft und

Bürgerwachten, in der Stummerigenstraße zurückzulassen.

„So soll es sein!“ hatte der Prior geschlossen, und zehn Minuten nach seiner

Ankunft vor dem Hause des Meisters Samuel befand sich das Stift bereits wieder

im eiligen Rückmarsche nach den warmen Betten.

„Hoffentlich hat uns der Vater Adelhardus, während wir die Philister

schlugen, ein gutes Warmbier zugerichtet,“ flüsterte der Subprior dem Propst unter dem Corveytor zu.

Dem mochte nun sein, wie ihm wolle; zornigen Herzens schritt doch noch der

Pfarrherr von Sankt Kilian im eifrigen Gespräch mit dem Bürgermeister Thönis

Merz auf und ab und warf finstere Blicke auf den guten Bruder Henricus. Diesen

letzteren nebst einigen handfesten Klosterknechten hatte die Abtei

zurückgelassen, um sich von ihnen bei möglichen ferneren Ereignissen

kriegstüchtig vertreten zu lassen; und während der lutherische Pastor aufgeregt

hin- und widerschritt, stand der greise Mönch in dieser Stummerigenstraße im

Lichte der Feuersbrunst nachdenklich auf sein hussitisch Schlachtschwert

gestützt und gedachte früherer Tage. Der Student hielt sich zu ihm und zog ihn

jetzt am Ärmel seiner Kutte.

„In so tiefen Gedanken auf der heiligen Straße, mein Pater? Ich hab’ Ihnen

vorhin den Lauriger angeboten, um einen Sitz am warmen Herde; nun hat uns

das Fatum einen noch wärmeren Ofen geheizt. Was, mit Erlaubnis zu fragen,

lassen Sie die Ohren hängen, mein Pater?“

Der alte Mönch blickte auf und murmelte:

„O, Just von Burlebecke!“

„Sie sollten ein Wort zu mir sprechen, Ehrwürdiger“ meinte der Student

zutunlich. „Sie gefallen mir, und es wäre mir lieb, wenn auch ich Ihnen gefiele.

Haben Sie mich am Abend schnöd abfahren lassen, so haben wir doch jetzo

Schulter an Schulter gefochten, und — schon den grimmigen Blicken meines

Herrn Onkels da drüben zu Liebe solltet Ihr meinen Arm nehmen und die Wacht

suaviter mit mir verschwatzen. Mit dem Morgen bin ich auf dem Wege nach

Wittenberg, allwo sie schon längst mit Herzspann sich nach mir sehnen, und Ihr

bekommt mich nimmer wieder zu Gesicht, alter Hahn.“

„Sie sind ein Narr, mein Herr Studente,“ sagte der Bruder Henricus, wider

Willen über den Schelmen lachend. „Wäre Just von Burlebecke nicht, ich

brächte dich auf der Stelle ungesegnet auf den Weg nach Wittenberg. Aber so

war Just auch zu seiner Zeit, und ich stehe eben nie in der Stummerigenstraße,

ohne mit betrübtem Sinn der alten Zeit und an Just von Burlebecke zu

gedenken.“

„So sagen Sie mir, wer Just von Burlebecke war, mein Pater, und ich werde

gern mich mit Ihnen über ihn betrüben.“

„Da,“ sprach der Mönch, gegen das Stummerigentor hindeutend, „im Sommer

Zweiundzwanzig nahm er mit zwanzig Reitern Höxter im Sturm. Er ritt für den

tollen Christian, ich mit dem Tilly. Mit zwölftausend zu Fuß und neuntausend

Reitern ging der Christian hier bei Höxter über die Weser, und ich ihm und dem

wilden Just nach als ein Fähnrich im Regiment Baumgarten. Auf dem Felde bei

Stadtloo ist Just von Burlebecke unter den Toutpourelleschen eingescharrt. Ich hab’ ihn unter den Toten gesehen, und er war mein allerbester Herzfreund.“

„Das war der große Krieg, und Ihr seid heute ein Benediktinermönch zu

Corvey, mein Vater!“ rief der Student.

„Ja!“ sagte der gute Greis ruhig und schüttelte nur noch einmal den Kopf, die

Stummerigenstraße hinaufschauend.

„Er jagte ihnen lachend ins Tor und fiel über die Spießbürger gleich dem Blitz

aus dem Sonnenschein; ich muß heute noch darüber lachen! Ach, hättet Ihr den

tollen Christian und seine Reiter gekannt, so würdet Ihr auch Just von

Burlebecke zu wiegen wissen, Herr Studente. Sie saßen vor ihren Türen und

ließen sich die Sonne in die Mäuler scheinen, da schlug er ein aus dem blauen

Himmel, und ehe sie sich besannen, hatte er mit seinen zwanzig Gesellen Höxter

in der Hand wie der Junge das Vogelnest, dem Stift und der liguistischen

Armada vor der Nasen; freilich nur auf ein Viertelstündlein, doch das gerade war

der Spaß.“

Der Alte hatte jetzt wirklich den Arm Lamberts genommen und schritt mit

ihm langsam die Stummerigenstraße hinauf bis zu dem Hause der Kröppel-Leah.

„Hier, gerade hier auf dieser Stelle hieß es denn: Simson, Philister über dir!

Weshalb erzähle ich Euch aber das alles, anstatt Euch, wie es sich gehörte, zur

Sittsamkeit zu vermahnen und an Eure Bücher zu schicken?“

„Weil ich nur allzu lange und zu sittsam über den Büchern gesessen habe,

Herr Pater. O, Sie werden mir doch noch meinen Horaz abhandeln; ich habe ihn

allgemach so fest im Kopfe, daß er mich nur noch dumm macht! Amsterdamer

Ausgabe, Frontispiz von Romyn —“

Der Mönch winkte abwehrend mit der Hand.

„Nein,“ sagte er, „ich rede zu Euch, weil Ihr eben noch ein törichter Knabe

seid, und es dem Alter so gut tut, die Jugend bei sich zu haben, wenn es der

Jugendtollheit gedenkt. Wie war es denn? Ja, als sie sich besonnen hatten um des

kleinen Häufleins, das mit Just von Burlebecke jubilierend die Hand auf sie

legte, da bliesen sie Alarm. Damals war Höxter auch noch ein volkreicher Ort,

voll Handels und Gewerbe, und es gab keine Ruinen und wüste Stätten in den

Ringmauern. An den tollen Christian dachten sie nicht, sie sahen nur auf Just

und seine zwanzig Reiter. So griffen sie denn nach den Spießen und Büchsen. Es

ist ein lustig Schlagen gewesen; aber hier auf dieser Stelle erschossen sie dem

Herzbruder den Gaul, und so kam er zu Boden unter den Gaul und die Fäuste

von Huxar. Seinen Gesellen ging’s dann natürlich auch nicht anders; zu

Hunderten schwärmten sie um den Trupp, holten sich ihrerseits manchen

blutigen Kopf, aber schlugen doch auch wacker zu und rissen die Eroberer mit

Haken und Stangen von den Pferden. Das ist denn ein Gezerr gewesen, bis die

alten und verständigen Leute es möglich machten, sich durch das Getümmel zu zwängen und Vernunft zu sprechen. Da nahm der Stadtschreiber das Protokoll

über den Fall zu Papier, und als sie es auf dem Papiere hatten, da ging ihnen das

richtige Licht auf, und sie kriegten ein Grauen über ihre eigene heldenmütige

Tapferkeit und das, was sie sich durch dieselbige eingebrockt hatten.“

„Sie überlegten sich, daß der Christian dem guten Ritter Just nachtrabe und

nicht bloß mit zwanzig Mann,“ lachte der Student.

„Mit neuntausend zu Roß und zwölftausend zu Fuß, wie ich es Euch schon

sagte. Als ich nachher mit den Liguisten dem Administrator nachritt, hörte ich

die ganze Historia. Ei ja, es war von da an für Rat und Bürgerschaft an diesem

schlimmen Flußübergang ein beschwerlich Ding, sich durch die Zeiten und

Parteien zu winden.“

„Und heute ist’s schier noch nicht besser,“ meinte Herr Lambert; doch der

Mönch erwiderte:

„Hättet Ihr das Höxtersche Blutbad erlebt, auch selber eine Pike an der Mauer

geführt, Ihr würdet wohl anders sprechen. Seht Euch um danach und hütet Euch

fernerhin, Eure Hand zu bieten, noch mehr der Ruinen zu machen.“

Dann fuhr er in seiner Erzählung fort:

„Sie lachten auch in des Tilly Hauptquartier allhier zu Höxter; Merode lachte,

Dem von Piccolomini wackelte der Bauch, und der Savelli schüttelte sich unter

seiner großen Perücke. Es gefiel ihnen allen die Art, wie Just von Burlebecke die

Stadt genommen hatte. Ich lag damals bei dem Stadtschreiber und hab’ sein

Protokoll mir zeigen lassen. Es war ein erbärmlich Gekritzel und Gekratz, gerad

ob als die rote Ruhr mit dem Hasenfuß bei seinem Federkunststück am Tische

gesessen habe. Und Just als ein wackerer Kavalier hatte auch seinen Namen

darauf gehauen, und der ging über die halbe Seite und jede Überschrift von

Bürgermeister und Ratmannen dick und schwarz weg wie ein Kürassierregiment

durch ein Erbsenfeld. Einen ganzen Abend hat mir der Stadtschreiber von dem

Rittmeister Just erzählen müssen; — wie sie ihn unter dem Gaule vorzogen, wie

sie ihm den Rock bürsteten, wie der eine mit dem Pistol kam, das er dem

Gemeindemeister an den Kopf geworfen hatte, wie der zweite den Degen

brachte, der ihm im letzten Ringen abhanden gekommen war, und wie der Hader

und das Blutvergießen in eine Festivität auf dem Rathause auslief. Ja, den

ganzen Tag hat man getafelt und getrunken zu Ehren Justs von Burlebecke und

seiner Reiter — den tollen Christian eingeschlossen! Da haben sie Brüderschaft

gemacht und sich mit tränenden Augen in den Armen gelegen, der

Bürgermeister von Höxter und Just von Burlebecke, und am Abend hat man der

Stadt Judenschaft angehalten, den guten Kavalieren eine Reiterzehrung zu

zahlen, und sie mit Triumph, der Stadt Musici vorauf, vor das Tor gebracht und

sie mit einem höflichen Complimentum an die Fürstlichen Gnaden von Halberstadt ihres Weges reiten lassen, und nicht einer hat sich um diese Stunde

so fest auf dem Gaule gehalten wie am Morgen beim Einsturm ins

Stummerigentor.“

„Ich hab’ doch auch schon manche Tür im Sturme genommen, aber so galant

hat mich noch nie ein hochedler Senat oder Magistrat darob traktiert,“ sagte der

Student lustig-kläglich; und in diesem Augenblick erscholl das

erbarmungswürdige Weibergeschrei aus dem Hause, vor welchem vordem Just

von Burlebecke unter den Fäusten von Huxar an der Weser gelegen hatte. Wir

wissen, wer da schrie.