Höxter und Corvey
Elftes Kapitel.
n die wollene Decke vom letzten Bett des Schwestersohnes zu
Gronau im Fürstentum Hildesheim gewickelt, hatten währenddessen die
Kröppel-Leah und Simeath mit Schauder und Schrecken gehorcht. Der rote
Schein der Feuersbrunst, der in die leeren Fensteröffnungen und die Tür fiel,
hatte auch den Mut der Alten gebrochen.
„Siehst du, Großmutter, es geht doch wieder gegen uns, sie haben Vater
Samuels Haus in Brand gesteckt; — sollen wir nicht fort? Wir können über den
Hof schleichen und in des Nachbars Garten; Herr Jakob zum Dahle wird nicht zu
schlimm sich stellen, wenn er uns morgen früh in seinem Stalle findet.“
„Ja, ja, Kind,“ stöhnte die Greisin. „Leise, leise — da ist mein Bündel —
hilf’s mir wieder auf! Du hast recht, wir müssen hinaus — sie kommen, und sie
kennen kein Erbarmen.“
Sie versuchte es, aufzustehen, allein es ging nicht an. Der Weg von Gronau
her war dem alten Weibchen doch zu viel gewesen. Sie fiel zurück auf den Stuhl,
legte die Arme auf den Tisch und das Gesicht auf die Arme.
„Großmutter, Großmutter,“ jammerte das junge Mädchen. „Besinne dich —
wach auf, laß mich deinen Sack tragen! Laß ihnen den Sack, laß uns nur laufen
— Barmherzigkeit, sie kommen — da sind sie!“
Nun kreischte die alte Jüdin noch lauter als die junge. Sie kamen, sie polterten
die Treppe herauf — sie waren da — nur drei Mann, aber die Bösesten in Höxter
— Hans Vogedes, der Fährmann, mit einer Axt den beiden anderen vorauf. In
dem Augenblick, als das Stift anrückte und Lambert Tewes seinen Freund
Wigand Säuberlich zu Boden schlug, hatten sie sich aus dem Getümmel vor dem
Hause des Meisters Samuel weggeschlichen, und sie machten von vornherein
gar kein Hehl daraus, daß sie dem Geruche von der Gronauschen Erbschaft
nachgegangen seien.
Fünf Minuten später, nachdem sie die zertrümmerte Schwelle überschritten hatten, durchschnitt von dem Hause der Kröppel-Leah her ein so fürchterliches
und schrilles Jammergeschrei die Nacht, daß es allen sonstigen Lärm in der
Stummerigenstraße übertönte und jedermann den Kopf aufwarf und mit jähem
Schrecken horchte.
An der Brandstätte hatte die Szenerie sich aber bereits verschoben. Im Ornate
war Ehrn Helmrich Vollbort unter den Mönchen und städtischen Beamten
aufgetreten und hatte scharf geredet, sowohl gegen den dunkeln Nachthimmel,
wie gegen den Herrn Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von Zitzewitz, und
gegen den Münsterschen Gubernator und Stadthauptmann Herrn Meyer.
Er hatte um Rache für sein beleidigt Haus und seinen geprügelten Küster
geschrien, und über die Schulter des Bruders Henricus hatte der Neffe seine
rechte Freude an dem Oheim gehabt.
„Sie haben ja unseren Küster bei Sankt Niklas gleicherweise windelweich und
blitzblau geschlagen, ehrwürdiger Herr,“ hatte der Prior eingeworfen. „Da ist
doch wahrlich die vollkommene Parität vorhanden gewesen — was sollen wir in
dieser Nacht bei solchen Umständen Ihnen noch zugute tun?“
„Stift und Fürstliche Gnaden von Münster haben immer nach Vernunft mit
sich reden lassen,“ hatte Herr Florentius von dem Felde begütigend hinzugesetzt,
„und —“
„Schlagt ihm vor, daß Ihr mich vor seiner Tür hängen lassen wollt,“ hatte der
tolle Helmstedter dem Bruder Heinrich von Herstelle ins Ohr geflüstert.
Der Bruder Heinrich hatte das nicht vorgeschlagen, denn nunmehr hatte Herr
Ferdinandus von Metternich, der Propst von Corvey, Vernunft gesprochen und
wirklich verständige Dinge gesagt.
Es sei eine üble Nacht, hatte er gemeint. Niemand wisse, wie er daran sei.
Morgen sei wieder ein Tag — totgeschlagen sei gottlob und mit Hülfe des
heiligen Veit bis jetzt keiner; — die Übeltäter habe man auf dem Stroh im
Prison, und selbst die Juden seien noch mit dem Leben davongekommen, soviel
man wisse. Wer am meisten bei der greulichen Unruhe gelitten habe, das sei
doch wohl das Stift Corvey, das nun auch noch zu allem übrigen den schlimmen
Marsch nach Hause vor sich habe. Er — der Propst — hatte zum Schluß seiner
Rede geraten, jetzt vor allen Dingen wieder zu Bett zu gehen und für alle Fälle
vielleicht eine Salveguardia, gemischt aus Corveyscher Mannschaft und
Bürgerwachten, in der Stummerigenstraße zurückzulassen.
„So soll es sein!“ hatte der Prior geschlossen, und zehn Minuten nach seiner
Ankunft vor dem Hause des Meisters Samuel befand sich das Stift bereits wieder
im eiligen Rückmarsche nach den warmen Betten.
„Hoffentlich hat uns der Vater Adelhardus, während wir die Philister
schlugen, ein gutes Warmbier zugerichtet,“ flüsterte der Subprior dem Propst unter dem Corveytor zu.
Dem mochte nun sein, wie ihm wolle; zornigen Herzens schritt doch noch der
Pfarrherr von Sankt Kilian im eifrigen Gespräch mit dem Bürgermeister Thönis
Merz auf und ab und warf finstere Blicke auf den guten Bruder Henricus. Diesen
letzteren nebst einigen handfesten Klosterknechten hatte die Abtei
zurückgelassen, um sich von ihnen bei möglichen ferneren Ereignissen
kriegstüchtig vertreten zu lassen; und während der lutherische Pastor aufgeregt
hin- und widerschritt, stand der greise Mönch in dieser Stummerigenstraße im
Lichte der Feuersbrunst nachdenklich auf sein hussitisch Schlachtschwert
gestützt und gedachte früherer Tage. Der Student hielt sich zu ihm und zog ihn
jetzt am Ärmel seiner Kutte.
„In so tiefen Gedanken auf der heiligen Straße, mein Pater? Ich hab’ Ihnen
vorhin den Lauriger angeboten, um einen Sitz am warmen Herde; nun hat uns
das Fatum einen noch wärmeren Ofen geheizt. Was, mit Erlaubnis zu fragen,
lassen Sie die Ohren hängen, mein Pater?“
Der alte Mönch blickte auf und murmelte:
„O, Just von Burlebecke!“
„Sie sollten ein Wort zu mir sprechen, Ehrwürdiger“ meinte der Student
zutunlich. „Sie gefallen mir, und es wäre mir lieb, wenn auch ich Ihnen gefiele.
Haben Sie mich am Abend schnöd abfahren lassen, so haben wir doch jetzo
Schulter an Schulter gefochten, und — schon den grimmigen Blicken meines
Herrn Onkels da drüben zu Liebe solltet Ihr meinen Arm nehmen und die Wacht
suaviter mit mir verschwatzen. Mit dem Morgen bin ich auf dem Wege nach
Wittenberg, allwo sie schon längst mit Herzspann sich nach mir sehnen, und Ihr
bekommt mich nimmer wieder zu Gesicht, alter Hahn.“
„Sie sind ein Narr, mein Herr Studente,“ sagte der Bruder Henricus, wider
Willen über den Schelmen lachend. „Wäre Just von Burlebecke nicht, ich
brächte dich auf der Stelle ungesegnet auf den Weg nach Wittenberg. Aber so
war Just auch zu seiner Zeit, und ich stehe eben nie in der Stummerigenstraße,
ohne mit betrübtem Sinn der alten Zeit und an Just von Burlebecke zu
gedenken.“
„So sagen Sie mir, wer Just von Burlebecke war, mein Pater, und ich werde
gern mich mit Ihnen über ihn betrüben.“
„Da,“ sprach der Mönch, gegen das Stummerigentor hindeutend, „im Sommer
Zweiundzwanzig nahm er mit zwanzig Reitern Höxter im Sturm. Er ritt für den
tollen Christian, ich mit dem Tilly. Mit zwölftausend zu Fuß und neuntausend
Reitern ging der Christian hier bei Höxter über die Weser, und ich ihm und dem
wilden Just nach als ein Fähnrich im Regiment Baumgarten. Auf dem Felde bei
Stadtloo ist Just von Burlebecke unter den Toutpourelleschen eingescharrt. Ich hab’ ihn unter den Toten gesehen, und er war mein allerbester Herzfreund.“
„Das war der große Krieg, und Ihr seid heute ein Benediktinermönch zu
Corvey, mein Vater!“ rief der Student.
„Ja!“ sagte der gute Greis ruhig und schüttelte nur noch einmal den Kopf, die
Stummerigenstraße hinaufschauend.
„Er jagte ihnen lachend ins Tor und fiel über die Spießbürger gleich dem Blitz
aus dem Sonnenschein; ich muß heute noch darüber lachen! Ach, hättet Ihr den
tollen Christian und seine Reiter gekannt, so würdet Ihr auch Just von
Burlebecke zu wiegen wissen, Herr Studente. Sie saßen vor ihren Türen und
ließen sich die Sonne in die Mäuler scheinen, da schlug er ein aus dem blauen
Himmel, und ehe sie sich besannen, hatte er mit seinen zwanzig Gesellen Höxter
in der Hand wie der Junge das Vogelnest, dem Stift und der liguistischen
Armada vor der Nasen; freilich nur auf ein Viertelstündlein, doch das gerade war
der Spaß.“
Der Alte hatte jetzt wirklich den Arm Lamberts genommen und schritt mit
ihm langsam die Stummerigenstraße hinauf bis zu dem Hause der Kröppel-Leah.
„Hier, gerade hier auf dieser Stelle hieß es denn: Simson, Philister über dir!
Weshalb erzähle ich Euch aber das alles, anstatt Euch, wie es sich gehörte, zur
Sittsamkeit zu vermahnen und an Eure Bücher zu schicken?“
„Weil ich nur allzu lange und zu sittsam über den Büchern gesessen habe,
Herr Pater. O, Sie werden mir doch noch meinen Horaz abhandeln; ich habe ihn
allgemach so fest im Kopfe, daß er mich nur noch dumm macht! Amsterdamer
Ausgabe, Frontispiz von Romyn —“
Der Mönch winkte abwehrend mit der Hand.
„Nein,“ sagte er, „ich rede zu Euch, weil Ihr eben noch ein törichter Knabe
seid, und es dem Alter so gut tut, die Jugend bei sich zu haben, wenn es der
Jugendtollheit gedenkt. Wie war es denn? Ja, als sie sich besonnen hatten um des
kleinen Häufleins, das mit Just von Burlebecke jubilierend die Hand auf sie
legte, da bliesen sie Alarm. Damals war Höxter auch noch ein volkreicher Ort,
voll Handels und Gewerbe, und es gab keine Ruinen und wüste Stätten in den
Ringmauern. An den tollen Christian dachten sie nicht, sie sahen nur auf Just
und seine zwanzig Reiter. So griffen sie denn nach den Spießen und Büchsen. Es
ist ein lustig Schlagen gewesen; aber hier auf dieser Stelle erschossen sie dem
Herzbruder den Gaul, und so kam er zu Boden unter den Gaul und die Fäuste
von Huxar. Seinen Gesellen ging’s dann natürlich auch nicht anders; zu
Hunderten schwärmten sie um den Trupp, holten sich ihrerseits manchen
blutigen Kopf, aber schlugen doch auch wacker zu und rissen die Eroberer mit
Haken und Stangen von den Pferden. Das ist denn ein Gezerr gewesen, bis die
alten und verständigen Leute es möglich machten, sich durch das Getümmel zu zwängen und Vernunft zu sprechen. Da nahm der Stadtschreiber das Protokoll
über den Fall zu Papier, und als sie es auf dem Papiere hatten, da ging ihnen das
richtige Licht auf, und sie kriegten ein Grauen über ihre eigene heldenmütige
Tapferkeit und das, was sie sich durch dieselbige eingebrockt hatten.“
„Sie überlegten sich, daß der Christian dem guten Ritter Just nachtrabe und
nicht bloß mit zwanzig Mann,“ lachte der Student.
„Mit neuntausend zu Roß und zwölftausend zu Fuß, wie ich es Euch schon
sagte. Als ich nachher mit den Liguisten dem Administrator nachritt, hörte ich
die ganze Historia. Ei ja, es war von da an für Rat und Bürgerschaft an diesem
schlimmen Flußübergang ein beschwerlich Ding, sich durch die Zeiten und
Parteien zu winden.“
„Und heute ist’s schier noch nicht besser,“ meinte Herr Lambert; doch der
Mönch erwiderte:
„Hättet Ihr das Höxtersche Blutbad erlebt, auch selber eine Pike an der Mauer
geführt, Ihr würdet wohl anders sprechen. Seht Euch um danach und hütet Euch
fernerhin, Eure Hand zu bieten, noch mehr der Ruinen zu machen.“
Dann fuhr er in seiner Erzählung fort:
„Sie lachten auch in des Tilly Hauptquartier allhier zu Höxter; Merode lachte,
Dem von Piccolomini wackelte der Bauch, und der Savelli schüttelte sich unter
seiner großen Perücke. Es gefiel ihnen allen die Art, wie Just von Burlebecke die
Stadt genommen hatte. Ich lag damals bei dem Stadtschreiber und hab’ sein
Protokoll mir zeigen lassen. Es war ein erbärmlich Gekritzel und Gekratz, gerad
ob als die rote Ruhr mit dem Hasenfuß bei seinem Federkunststück am Tische
gesessen habe. Und Just als ein wackerer Kavalier hatte auch seinen Namen
darauf gehauen, und der ging über die halbe Seite und jede Überschrift von
Bürgermeister und Ratmannen dick und schwarz weg wie ein Kürassierregiment
durch ein Erbsenfeld. Einen ganzen Abend hat mir der Stadtschreiber von dem
Rittmeister Just erzählen müssen; — wie sie ihn unter dem Gaule vorzogen, wie
sie ihm den Rock bürsteten, wie der eine mit dem Pistol kam, das er dem
Gemeindemeister an den Kopf geworfen hatte, wie der zweite den Degen
brachte, der ihm im letzten Ringen abhanden gekommen war, und wie der Hader
und das Blutvergießen in eine Festivität auf dem Rathause auslief. Ja, den
ganzen Tag hat man getafelt und getrunken zu Ehren Justs von Burlebecke und
seiner Reiter — den tollen Christian eingeschlossen! Da haben sie Brüderschaft
gemacht und sich mit tränenden Augen in den Armen gelegen, der
Bürgermeister von Höxter und Just von Burlebecke, und am Abend hat man der
Stadt Judenschaft angehalten, den guten Kavalieren eine Reiterzehrung zu
zahlen, und sie mit Triumph, der Stadt Musici vorauf, vor das Tor gebracht und
sie mit einem höflichen Complimentum an die Fürstlichen Gnaden von Halberstadt ihres Weges reiten lassen, und nicht einer hat sich um diese Stunde
so fest auf dem Gaule gehalten wie am Morgen beim Einsturm ins
Stummerigentor.“
„Ich hab’ doch auch schon manche Tür im Sturme genommen, aber so galant
hat mich noch nie ein hochedler Senat oder Magistrat darob traktiert,“ sagte der
Student lustig-kläglich; und in diesem Augenblick erscholl das
erbarmungswürdige Weibergeschrei aus dem Hause, vor welchem vordem Just
von Burlebecke unter den Fäusten von Huxar an der Weser gelegen hatte. Wir
wissen, wer da schrie.