Höxter und Corvey

Wilhelm Raabe · Kapitel 12 von 17

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Höxter und Corvey

Zehntes Kapitel.

 

un auf die Juden!“ Wer bei Sankt Niklas das Wort zuerst in die

durcheinander tobende und im Unheil gemeinschaftliche Sache und Brüderschaft

machende katholische und lutherische Menge warf, ist niemals historisch klar

geworden. Wir haben unseren Freund, den Fährmann Hans Vogedes, im

Verdacht. Gegen die Juden ging es; — hier war das tertium comparationis, wie

der Helmstedter relegierte junge Weltweise sich ausdrückte, richtig gefunden.

Der Pöbel hatte sich zuerst gegen das Haus des Meisters Samuel gewälzt, und

Lambert Tewes war ihm selbstverständlich auch dorthin gefolgt.

„Ein unsterblich heroisch Poem werde ich schreiben und Professor der

Eloquenz in Helmstedt werden. Bei Venus und Mars, die alten Perücken dort

sollen mir nicht ohne Strafe das Consilium gegeben haben; als ein kaiserlich

gekröneter Dichter will ich sterben! Diese trojanische Blutnacht haben mir die

Götter eigens zubereitet. Es sei ihnen Dank gesagt!“

So schrie er, und sein Horaz schlug ihm im Laufen an die Schenkel. Wir

wenden uns und sehen, wie die Kröppel-Leah und die kleine Simeath diese

heroische trojanische Nacht bis jetzt hingebracht haben.

Sie hatten kurz vor Anfang des Lärms beide todmüde in das Bett des

Sergeanten und das französische Kavalleriestroh kriechen wollen und waren

natürlich nicht dazu gekommen. Mit einem Angstruf hatte das Kind den Fuß

vom Bettrande wieder zurückgezogen:

„Horch, horch, was ist das, Großmutter?“

Es waren die Höxteraner vor der Pfarrkirche von Sankt Kilian.

„Laß sie rasaunen! Komm, Töchterlein, wir wollen uns wieder an den Tisch

setzen. Lege deinen Kopf an mich. Wir wollen die Decke warm um uns

schlagen, und ich will dir erzählen wieder von der alten Zeit,“ sagte die

Großmutter, und die Enkelin kam. Sie kauerten von neuem zusammen vor der

kleinen Lampe in dem kalten verwüsteten Stübchen.

„Unsere Könige waren Hirten in den Zeiten der Ehren. Aber die Herden

weideten unter den Palmenbäumen — die Sonne des Herrn leuchtete, das Land

unserer Väter duftete nach Myrrhen und Weihrauch. Sie waren große Krieger in

glänzenden Panzern und schlugen Schlachten — sie fürchteten niemand — sie

waren tapferer als jetzt irgendein Heerfürst —“

Es ging nicht. Sie mußten zu genau auf den Tumult vor der zerbrochenen Tür,

vor den zerschlagenen Fenstern horchen. Auch die Greisin, die so viel Brand und

Blut in ihrem Leben gesehen hatte, mußte horchen. Das stärkste und geprüfteste

Herz lernt da nicht zu Ende.

„Sie werden auch auf uns wieder hereinbrechen!“ jammerte Simeath.

„Sie werden uns nichts nehmen können. Sei still, Liebchen, habe Mut! Ja,

wenn noch der Riegel vorgeschoben wäre und das Haus reich, da wäre Grund

zur Angst. Wenn das Haus noch wäre wie zu deines Urgroßvaters, meines

Vaters, Zeiten, unscheinbar von außen, doch voll Güter drinnen, so möchten wir

eher Furcht haben. Was wollen sie uns heute nehmen, da wir nichts weiter haben

als unser Elend?“

„Sie haben jetzt auch nur noch das ihrige, Großmutter,“ sagte das Kind klug.

„Weil sie diesmal so schlimm daran sind wie wir, sind sie so wild; und sie

werden um so grausamer sein gegen uns, je weniger sie finden.“

„Der Herr Gott, der Gott unserer Väter, ist unser Schutz von der Welt Anfang

an. Er wird seine Hand auch in dieser Nacht über uns halten, wie er sie seit

fünftausend Jahren über sein armes Volk in der Prüfung gehalten hat. Wir sind

dem Herrn zu Ehren noch immer da, was sie auch mit Marter und Bosheit gegen

uns ausgeübt haben. Horch — es ist Triumph! Sie wüten jetzt gegeneinander!

Sei still, Kind, es geht heute Nacht nicht gegen Israel!“

„Aber, Großmutter, sie haben dich nach Hause gehen sehen mit deinem

großen Bündel. Du hast ihnen gesprochen von deiner Erbschaft, Großmutter,“

flüsterte die verständige Simeath.

„Die armen Lappen!“ rief die Alte, ihr Bündel unter dem Tische näher an sich

heranziehend. „Wir sind gewickelt in die Decke von dem letzten Lager deines

Oheims. Das ist aber das Köstlichste von der Erbschaft.“

„Wenn sie es glauben wollten, wären wir wohl glücklich, Großmutter,“ seufzte

die Kleine, und — so war es, wie sie sagte.

Von Sankt Kilian gegen Sankt Niklas und von dort vorerst zum Hause des

Meisters Samuel und seines frommen Weibes Siphra! Sie brachen ein und

stahlen, sie schlugen den Hausherrn zu Boden und drückten seine Ehefrau gegen

die Wand; sie schlugen auch seine jungen Kinder, da kein Küster mehr zu

mißhandeln war, und alles ging drunter und drüber. Vergeblich wehrten

Ratmannswachen und der Korporal Polhenne; — wie wir wissen, gab währenddessen der Stadthauptmann Meyer genau darauf acht, daß ihm seine

Trommel nicht zum zweiten Male vom Braunschweigischen Oberstwachtmeister

Noht abgenommen werde. Sie legten jetzo auch die erste Brandfackel an, und in

dem Moment, als der letzte Mann vom Zuzuge des Stiftes Corvey in das

Corveytor zog, schlug die Flamme aus den Fenstern, sprang der rote Hahn aufs

Dach, reckte sich, schlug mit den Flügeln und krähte wild hinaus:

„Feuer! Feuerjo!“

Jetzt sah der Vater Adelhardus am hohen Bogenfenster im Korridor der Abtei

den Himmel rot werden über Höxter.

„O die Incendiarii! O, die ruchlosen Mordbrenner!“ sprach er. „Haben die

Bärenhäuter der Dächer noch zu viel über den gottverlassenen Köpfen? Nun, ich

habe den guten Heinrich gewarnt, daß er sich nicht die Finger verbrenne. Der

Herr Prior und die übrigen werden sich wohl schon selber zu hüten wissen und

nicht zu nahe daran gehen.“

Darauf ließ er sich von einem Laienbruder einen Sessel und Fußschemel an

das Bogenfenster rücken, schickte einen zweiten Laienbruder in den Keller nach

einer Flasche vom Besseren „gegen den Zorn“ und stellte diese Flasche mit dem

Glase handgerecht in die Fensterbank. Da saß er dann, faltete die Hände über

dem Bäuchlein und hörte durchaus nicht, wie die ältesten Herren Patres ihn

hinter seinem Rücken mit dem grausamen Kaiser Nero beim Brande Roms

verglichen. In der Stummerigengasse aber vor dem nun lichterloh flammenden

Hause des Juden Samuel wurde es unserm Freunde, Herrn Lambert Tewes, jetzo

doch gar übel zumute.

Er lachte nicht mehr, sondern biß die Zähne aufeinander. Die Lust zum

Zitieren des Horatius war ihm völlig vergangen.

„Was zu viel ist, das ist zu viel!“ ächzte er. „Und dies ist eine Bestialität.

Hierosolyma perdita? Auf für Jerusalem! Nieder mit den mordbrennerischen

Halunken! Und der Monsieur Samuel ist der einzige in ganz Huxar, der auf ein

dankbar Herz bei mir rechnet. Und jetzt stehlen sie mir meines Vaters

Taschenuhr in seinem Verschluß! Himmel, Hölle und alle Teufel, zu Boden mit

dir, du Vieh!“

Das letzte Wort war, begleitet von einem Faustschlag, an einen der

Tumultuanten gerichtet. Der Kerl lag sofort am Boden, allein im selbigen

Augenblicke war auch schon dem Studenten der Hut über Stirn, Augen und

Ohren hinabgeschlagen, und er bekam einen Fußtritt in die Rippen, der ihm für

mehrere Minuten den Atem benahm. Als er den Hut endlich wieder in die Höhe

bekommen hatte, fand er sich zum zweiten Male in dieser Nacht Aug in Auge

mit dem Bruder Heinrich von Herstelle, und der Bruder packte sofort zu, griff

ihm an die Brust und donnerte dem Hauptmann Meyer zu:

„Fort mit dem! Ins Gewahrsam! Wenn einer in dieser Nacht mitgewürfelt hat,

so ist’s dieser! Ins Prison mit ihm!“

„Holla!“ rief der Student lachend, „wenn einer in dieser Nacht in Höxter auf

Ordnung, Sitte und Tugend geachtet hat, so bin ich’s! Meyer, Ihr kennt mich und

wißt die Unschuld zu ästimieren. Nehmt lieber meine Hülfe an, domine —

allein kriegt Ihr die Schlingel doch nicht herunter.“

Prioren, Probst und sämtlicher Zuzug von Corvey sahen zweifelnd beim roten

Schein der Feuersbrunst; doch der Hauptmann Meyer sagte, sich hinterm Ohr

krauend:

„Was ich sagen soll, weiß ich nicht; aber, ehrwürdige Herren, ich kenne ihn

freilich, und das Nutzbarste wär’s, wir rollierten ihn ein in unsere Musterrolle.“

„Dann vorwärts und Sturm!“ kommandierte der Bruder Henricus, seinen

Flamberg erhebend; und mit der linken Schulter voran, Piken, Hellebarden,

Halbpiken und hainbüchene Knüppel vorgestreckt und in der Luft, warf sich die

bewaffnete Macht von Corvey auf die Huxarienses, um den Schutzjuden des

Stiftes wenigstens das noch zu retten, was von ihrem Leben noch übrig

geblieben war. Zwei nackte Kinder trug Lambert Tewes aus dem brennenden

Hause, die Siphra errettete vor weiterer Unbill der Bruder Heinrich; den Freund

Säuberlich nahm der Hauptmann Meyer mit Hülfe des Korporals Polhenne beim

Kragen. Die Herren von Metternich und von Zitzewitz stellten sich ritterlich und

trieben jeglichen Corveyschen Hintersassen, der Lust bezeigte, sich nach Hause

zu schleichen, mutig in die Schlacht zurück. Es kamen überhaupt jetzt die ersten

Regungen der Besinnung in der Bevölkerung wieder zum Vorschein, und Höxter

fing an, sich zu schämen. Bürgermeister Thönis Merz und sein Rat fingen an,

ihrerseits einzugreifen. Die Mordbrenner und Plünderer wurden überwältigt oder

flohen nach allen Seiten; es wurde Raum in der Gasse, und da jetzt, gegen

Mitternacht, der Wind sich legte, so brannte das Haus des Meisters Samuel ruhig

und ohne weitere Gefahr nieder. Man ließ es brennen.