Höxter und Corvey
Zehntes Kapitel.
un auf die Juden!“ Wer bei Sankt Niklas das Wort zuerst in die
durcheinander tobende und im Unheil gemeinschaftliche Sache und Brüderschaft
machende katholische und lutherische Menge warf, ist niemals historisch klar
geworden. Wir haben unseren Freund, den Fährmann Hans Vogedes, im
Verdacht. Gegen die Juden ging es; — hier war das tertium comparationis, wie
der Helmstedter relegierte junge Weltweise sich ausdrückte, richtig gefunden.
Der Pöbel hatte sich zuerst gegen das Haus des Meisters Samuel gewälzt, und
Lambert Tewes war ihm selbstverständlich auch dorthin gefolgt.
„Ein unsterblich heroisch Poem werde ich schreiben und Professor der
Eloquenz in Helmstedt werden. Bei Venus und Mars, die alten Perücken dort
sollen mir nicht ohne Strafe das Consilium gegeben haben; als ein kaiserlich
gekröneter Dichter will ich sterben! Diese trojanische Blutnacht haben mir die
Götter eigens zubereitet. Es sei ihnen Dank gesagt!“
So schrie er, und sein Horaz schlug ihm im Laufen an die Schenkel. Wir
wenden uns und sehen, wie die Kröppel-Leah und die kleine Simeath diese
heroische trojanische Nacht bis jetzt hingebracht haben.
Sie hatten kurz vor Anfang des Lärms beide todmüde in das Bett des
Sergeanten und das französische Kavalleriestroh kriechen wollen und waren
natürlich nicht dazu gekommen. Mit einem Angstruf hatte das Kind den Fuß
vom Bettrande wieder zurückgezogen:
„Horch, horch, was ist das, Großmutter?“
Es waren die Höxteraner vor der Pfarrkirche von Sankt Kilian.
„Laß sie rasaunen! Komm, Töchterlein, wir wollen uns wieder an den Tisch
setzen. Lege deinen Kopf an mich. Wir wollen die Decke warm um uns
schlagen, und ich will dir erzählen wieder von der alten Zeit,“ sagte die
Großmutter, und die Enkelin kam. Sie kauerten von neuem zusammen vor der
kleinen Lampe in dem kalten verwüsteten Stübchen.
„Unsere Könige waren Hirten in den Zeiten der Ehren. Aber die Herden
weideten unter den Palmenbäumen — die Sonne des Herrn leuchtete, das Land
unserer Väter duftete nach Myrrhen und Weihrauch. Sie waren große Krieger in
glänzenden Panzern und schlugen Schlachten — sie fürchteten niemand — sie
waren tapferer als jetzt irgendein Heerfürst —“
Es ging nicht. Sie mußten zu genau auf den Tumult vor der zerbrochenen Tür,
vor den zerschlagenen Fenstern horchen. Auch die Greisin, die so viel Brand und
Blut in ihrem Leben gesehen hatte, mußte horchen. Das stärkste und geprüfteste
Herz lernt da nicht zu Ende.
„Sie werden auch auf uns wieder hereinbrechen!“ jammerte Simeath.
„Sie werden uns nichts nehmen können. Sei still, Liebchen, habe Mut! Ja,
wenn noch der Riegel vorgeschoben wäre und das Haus reich, da wäre Grund
zur Angst. Wenn das Haus noch wäre wie zu deines Urgroßvaters, meines
Vaters, Zeiten, unscheinbar von außen, doch voll Güter drinnen, so möchten wir
eher Furcht haben. Was wollen sie uns heute nehmen, da wir nichts weiter haben
als unser Elend?“
„Sie haben jetzt auch nur noch das ihrige, Großmutter,“ sagte das Kind klug.
„Weil sie diesmal so schlimm daran sind wie wir, sind sie so wild; und sie
werden um so grausamer sein gegen uns, je weniger sie finden.“
„Der Herr Gott, der Gott unserer Väter, ist unser Schutz von der Welt Anfang
an. Er wird seine Hand auch in dieser Nacht über uns halten, wie er sie seit
fünftausend Jahren über sein armes Volk in der Prüfung gehalten hat. Wir sind
dem Herrn zu Ehren noch immer da, was sie auch mit Marter und Bosheit gegen
uns ausgeübt haben. Horch — es ist Triumph! Sie wüten jetzt gegeneinander!
Sei still, Kind, es geht heute Nacht nicht gegen Israel!“
„Aber, Großmutter, sie haben dich nach Hause gehen sehen mit deinem
großen Bündel. Du hast ihnen gesprochen von deiner Erbschaft, Großmutter,“
flüsterte die verständige Simeath.
„Die armen Lappen!“ rief die Alte, ihr Bündel unter dem Tische näher an sich
heranziehend. „Wir sind gewickelt in die Decke von dem letzten Lager deines
Oheims. Das ist aber das Köstlichste von der Erbschaft.“
„Wenn sie es glauben wollten, wären wir wohl glücklich, Großmutter,“ seufzte
die Kleine, und — so war es, wie sie sagte.
Von Sankt Kilian gegen Sankt Niklas und von dort vorerst zum Hause des
Meisters Samuel und seines frommen Weibes Siphra! Sie brachen ein und
stahlen, sie schlugen den Hausherrn zu Boden und drückten seine Ehefrau gegen
die Wand; sie schlugen auch seine jungen Kinder, da kein Küster mehr zu
mißhandeln war, und alles ging drunter und drüber. Vergeblich wehrten
Ratmannswachen und der Korporal Polhenne; — wie wir wissen, gab währenddessen der Stadthauptmann Meyer genau darauf acht, daß ihm seine
Trommel nicht zum zweiten Male vom Braunschweigischen Oberstwachtmeister
Noht abgenommen werde. Sie legten jetzo auch die erste Brandfackel an, und in
dem Moment, als der letzte Mann vom Zuzuge des Stiftes Corvey in das
Corveytor zog, schlug die Flamme aus den Fenstern, sprang der rote Hahn aufs
Dach, reckte sich, schlug mit den Flügeln und krähte wild hinaus:
„Feuer! Feuerjo!“
Jetzt sah der Vater Adelhardus am hohen Bogenfenster im Korridor der Abtei
den Himmel rot werden über Höxter.
„O die Incendiarii! O, die ruchlosen Mordbrenner!“ sprach er. „Haben die
Bärenhäuter der Dächer noch zu viel über den gottverlassenen Köpfen? Nun, ich
habe den guten Heinrich gewarnt, daß er sich nicht die Finger verbrenne. Der
Herr Prior und die übrigen werden sich wohl schon selber zu hüten wissen und
nicht zu nahe daran gehen.“
Darauf ließ er sich von einem Laienbruder einen Sessel und Fußschemel an
das Bogenfenster rücken, schickte einen zweiten Laienbruder in den Keller nach
einer Flasche vom Besseren „gegen den Zorn“ und stellte diese Flasche mit dem
Glase handgerecht in die Fensterbank. Da saß er dann, faltete die Hände über
dem Bäuchlein und hörte durchaus nicht, wie die ältesten Herren Patres ihn
hinter seinem Rücken mit dem grausamen Kaiser Nero beim Brande Roms
verglichen. In der Stummerigengasse aber vor dem nun lichterloh flammenden
Hause des Juden Samuel wurde es unserm Freunde, Herrn Lambert Tewes, jetzo
doch gar übel zumute.
Er lachte nicht mehr, sondern biß die Zähne aufeinander. Die Lust zum
Zitieren des Horatius war ihm völlig vergangen.
„Was zu viel ist, das ist zu viel!“ ächzte er. „Und dies ist eine Bestialität.
Hierosolyma perdita? Auf für Jerusalem! Nieder mit den mordbrennerischen
Halunken! Und der Monsieur Samuel ist der einzige in ganz Huxar, der auf ein
dankbar Herz bei mir rechnet. Und jetzt stehlen sie mir meines Vaters
Taschenuhr in seinem Verschluß! Himmel, Hölle und alle Teufel, zu Boden mit
dir, du Vieh!“
Das letzte Wort war, begleitet von einem Faustschlag, an einen der
Tumultuanten gerichtet. Der Kerl lag sofort am Boden, allein im selbigen
Augenblicke war auch schon dem Studenten der Hut über Stirn, Augen und
Ohren hinabgeschlagen, und er bekam einen Fußtritt in die Rippen, der ihm für
mehrere Minuten den Atem benahm. Als er den Hut endlich wieder in die Höhe
bekommen hatte, fand er sich zum zweiten Male in dieser Nacht Aug in Auge
mit dem Bruder Heinrich von Herstelle, und der Bruder packte sofort zu, griff
ihm an die Brust und donnerte dem Hauptmann Meyer zu:
„Fort mit dem! Ins Gewahrsam! Wenn einer in dieser Nacht mitgewürfelt hat,
so ist’s dieser! Ins Prison mit ihm!“
„Holla!“ rief der Student lachend, „wenn einer in dieser Nacht in Höxter auf
Ordnung, Sitte und Tugend geachtet hat, so bin ich’s! Meyer, Ihr kennt mich und
wißt die Unschuld zu ästimieren. Nehmt lieber meine Hülfe an, domine —
allein kriegt Ihr die Schlingel doch nicht herunter.“
Prioren, Probst und sämtlicher Zuzug von Corvey sahen zweifelnd beim roten
Schein der Feuersbrunst; doch der Hauptmann Meyer sagte, sich hinterm Ohr
krauend:
„Was ich sagen soll, weiß ich nicht; aber, ehrwürdige Herren, ich kenne ihn
freilich, und das Nutzbarste wär’s, wir rollierten ihn ein in unsere Musterrolle.“
„Dann vorwärts und Sturm!“ kommandierte der Bruder Henricus, seinen
Flamberg erhebend; und mit der linken Schulter voran, Piken, Hellebarden,
Halbpiken und hainbüchene Knüppel vorgestreckt und in der Luft, warf sich die
bewaffnete Macht von Corvey auf die Huxarienses, um den Schutzjuden des
Stiftes wenigstens das noch zu retten, was von ihrem Leben noch übrig
geblieben war. Zwei nackte Kinder trug Lambert Tewes aus dem brennenden
Hause, die Siphra errettete vor weiterer Unbill der Bruder Heinrich; den Freund
Säuberlich nahm der Hauptmann Meyer mit Hülfe des Korporals Polhenne beim
Kragen. Die Herren von Metternich und von Zitzewitz stellten sich ritterlich und
trieben jeglichen Corveyschen Hintersassen, der Lust bezeigte, sich nach Hause
zu schleichen, mutig in die Schlacht zurück. Es kamen überhaupt jetzt die ersten
Regungen der Besinnung in der Bevölkerung wieder zum Vorschein, und Höxter
fing an, sich zu schämen. Bürgermeister Thönis Merz und sein Rat fingen an,
ihrerseits einzugreifen. Die Mordbrenner und Plünderer wurden überwältigt oder
flohen nach allen Seiten; es wurde Raum in der Gasse, und da jetzt, gegen
Mitternacht, der Wind sich legte, so brannte das Haus des Meisters Samuel ruhig
und ohne weitere Gefahr nieder. Man ließ es brennen.