Königliche Hoheit
Die Erfüllung
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
und Einladung in fetten Lettern verbreitete – nicht ohne in etwas kleinerem
Druck, doch in warmen Worten seinem Vergnügen darüber Ausdruck zu geben
und Spoelmanns Tochter bei Hofe willkommen zu heißen –, da stand der
bedeutende Abend schon vor der Tür, und ehe die Zungen sich recht in
Bewegung gesetzt, war alles vollendete Wirklichkeit.
Nie hatte mehr Neid auf den fünfhundert begnadeten Personen geruht, deren
Namen auf der Hofball-Liste standen, nie hatte der Bürger am Morgen mit größeren Augen den Bericht des »Eilboten« verschlungen, diese glitzernden
Spalten, die alljährlich von einem durch den Trunk entarteten Adeligen abgefaßt
wurden und so üppig zu lesen waren, daß man glaubte, Einblick in das Feenreich
zu tun, während in Wahrheit das Ballfest im Alten Schloß ohne Überschwang
und selbst nüchtern verlief. Aber der Bericht reichte nur bis zum Souper, mit
Einschluß der französischen Speisenfolge, und alles, was später kam, sowie
überhaupt alle Zartheiten und Unwägbarkeiten des großen Vorgangs blieben
notwendig mündlicher Überlieferung vorbehalten.
Die Damen hatten sich, in einem kolossalen olivenfarbenen Automobil vor
dem Albrechtstor anbremsend, ziemlich pünktlich im Alten Schloß eingefunden,
wenn auch so pünktlich nicht, daß Herr von Bühl zu Bühl nicht Zeit gehabt
hätte, sich zu ängstigen. Von siebeneinviertel Uhr an war er, in großer Uniform,
mit Orden bedeckt bis zum Unterleib, mit spiegelndem braunen Toupet und den
goldenen Zwicker auf der Nase, in der Mitte des mit Rüstungen umstellten
Rittersaales, woselbst sich das Großherzogliche Haus und der große Dienst
versammelten, von einem Fuß auf den andern getreten und hatte mehrmals einen
Kammerjunker in den Ballsaal hinübergesandt, um zu erfahren, ob Fräulein
Spoelmann noch nicht erschienen sei. Er erwog unerhörte Möglichkeiten. Wenn
diese Königin von Saba zu spät kam – und was konnte man nicht von ihr
gewärtigen, die mitten durch die Wachtmannschaft geschritten war! –, so mußte
sich der Eintritt des großherzoglichen Korteges verzögern, so mußte der Hof auf
sie warten, denn sie sollte ja nun einmal unbedingt zuerst vorgestellt werden,
und es war ein Ding der Unmöglichkeit, daß sie nach dem Großherzog im
Ballsaale eintraf … Aber gottlob! eine knappe Minute vor siebeneinhalb Uhr
war sie mit ihrer Gräfin gekommen (und die Bewegung war groß gewesen, als
die empfangenden Kammerherren sie zunächst den Diplomaten und also vor
dem Adel, den Palastdamen, den Ministern, den Generalen, den
Kammerpräsidenten und aller Welt in die Hofgesellschaft eingereiht hatten) –
Flügeladjutant von Platow hatte den Großherzog aus seinen Zimmern geholt, im
Rittersaal hatte Albrecht, als Husar gekleidet, mit niedergeschlagenen Augen die
Mitglieder seines Hauses begrüßt, hatte seiner Tante Katharina den Arm
geboten, und dann, nachdem Herr von Bühl in der geöffneten Flügeltür dreimal
seinen Stab gegen das Parkett gestoßen, hatte sich der Einzug des Hofes in den
Ballsaal vollzogen.
Augenzeugen versicherten später, daß die allgemeine Unaufmerksamkeit
während des Rundgangs der höchsten Herrschaften die Grenze des Anstößigen
erreicht habe. Wohin Albrecht mit seiner würdevoll schreitenden Tante gerade
gekommen war, da war ohne die rechte Sammlung ein hastiges Neigen und
Wogen entstanden, aber sonst waren alle Gesichter nur einem Punkte des Saales zugewandt, alle Augen mit brennender Neugier auf eben diesen Punkt gerichtet
gewesen … Die dort stand, hatte Feinde im Saal gehabt, zumindest unter den
Frauen, den weiblichen Trümmerhauffs, Prenzlaus, Wehrzahns und Platows, die
hier ihre Fächer regten, und scharfe und kalte Damenblicke hatten sie gemustert.
Aber war nun ihre Stellung schon zu befestigt, als daß die Kritik sich
hervorgewagt hätte, oder hatte ihre Persönlichkeit an und für sich den
heimlichen Widerstand überwunden – nur eine Stimme hatte geherrscht, und es
war die gewesen, daß Imma Spoelmann schön sei wie Bergkönigs Töchterlein.
Die Residenz wußte am nächsten Morgen ihre Toilette auswendig, der Schreiber
im Ministerium, der Dienstmann an der Straßenecke. Es war ein Gewand aus
blaßgrünem Chinakrepp gewesen, mit silberner Stickerei und einem Bruststück
aus alter Silberspitze von Fabelwert. Ein krönleinartiger Kopfschmuck aus
Diamanten hatte farbig in ihrem blauschwarzen Haar gefunkelt, das eine
Neigung zeigte, ihr in glatten Strähnen in die Stirn zu fallen, und eine lang
herabhängende Kette aus demselben Edelgestein war doppelt und dreifach um
ihren bräunlichen Hals geschlungen gewesen. Klein und kindlich, doch von einer
wundersam ernsten und klugen Kindlichkeit der Erscheinung, mit ihrem
bleichen Gesichtchen und ihren übergroßen und seltsam eindringlich redenden
Augen, so hatte sie an ihrem Ehrenplatz zur Seite der Gräfin Löwenjoul
gestanden, die braun wie immer, doch diesmal in Atlas, gekleidet gewesen war.
Mit einer gewissen spröden Pagenanmut hatte sie, als das Kortege zu ihr gelangt
war, die höfische Verbeugung angedeutet, ohne sie auszuführen; aber als Prinz
Klaus Heinrich, das zitronengelbe Band und die flache Kette des Hausordens zur
Beständigkeit über dem Waffenrock, den Silberstern vom Grimmburger Greifen
auf der Brust und jene blutleere Cousine am Arme führend, die nichts als »jä« zu
sagen vermochte, gleich hinter dem Großherzoge an ihr vorübergeschritten war,
da hatte sie mit geschlossenen Lippen gelächelt und hatte ihm zugenickt wie ein
Kamerad – wobei es denn doch wie ein Zucken durch die Versammlung
gegangen war …
Dann, nach der Begrüßung der Diplomaten durch die höchsten Herrschaften,
hatten die Vorstellungen begonnen – begonnen mit Imma Spoelmann, obgleich
sich unter den neueingeladenen Damen zwei Komtessen Hundskeel und ein
Freifräulein von Schulenburg-Tressen befunden hatten. Schwänzelnd und mit
falschen Zähnen lächelnd hatte Herr von Bühl Spoelmanns Tochter seinem
Herrn präsentiert. Und indem er mit der kurzen, gerundeten Unterlippe leicht an
der oberen gesogen, hatte Albrecht auf ihre spröde Pagenverneigung
niedergeblickt, aus der sie sich erhoben hatte, um aus redenden Augen den
leidenden Husarenobersten in seinem stillen Hochmut mit dunklem Forschen zu
betrachten. Der Großherzog hatte mehrere Fragen an sie gerichtet, während er es sonst ohne Ausnahme bei einer bewenden ließ, hatte sich nach ihres Vaters
Befinden, nach der Wirkung der Ditlindenquelle erkundigt, und wie es ihr selbst
auf die Dauer bei uns gefalle, worauf sie mit vorgeschobenen Lippen und das
schwarzbleiche Köpfchen hin und her wendend mit ihrer gebrochenen Stimme
geantwortet hatte. Hierauf, nach einer Pause, welche vielleicht eine Pause des
inneren Kampfes gewesen, hatte Albrecht ihr sein Vergnügen zum Ausdruck
gebracht, sie bei Hofe zu sehen; und dann hatte auch Gräfin Löwenjoul, mit
einem seitwärts entgleitenden Blick, ihre Kniebeugung vollführen dürfen.
Dieser Auftritt, Imma Spoelmann vor Albrecht, blieb lange der
Lieblingsgegenstand des Gesprächs, und obgleich er ohne Sonderlichkeiten
verlaufen war, wie er verlaufen mußte, so sollen sein Reiz und seine Bedeutung
nicht geschmälert werden. Der Höhepunkt des Abends war er nicht. Das war in
den Augen vieler die Quadrille d'honneur, für manche auch das Souper – in
Wirklichkeit aber ein geheimes Zwiegespräch zwischen den beiden
Hauptpersonen des Stückes, ein kurzer, unbelauschter Wortwechsel, dessen
Inhalt und sachlichen Enderfolg die Öffentlichkeit freilich nur zu ahnen
vermochte – der Abschluß gewisser zarter Kämpfe zu Pferd und zu Fuß …
Die Ehrenquadrille angehend, so gab es am nächsten Tage Personen, die
behaupteten, Fräulein Spoelmann habe sie mitgetanzt, und zwar an der Seite des
Prinzen Klaus Heinrich. Nur der erste Teil dieser Aussage traf zu. Das Fräulein
hatte an dem feierlichen Reigen teilgenommen, aber geführt vom englischen
Geschäftsträger und dem Prinzen Klaus Heinrich gegenüber. Immerhin war das
stark, und noch stärker war, daß die Mehrzahl der Festgäste es nicht einmal als
unerhört, sondern im Gegenteil beinahe als selbstverständlich empfunden hatte.
Ja, Imma Spoelmanns Stellung war befestigt, die volkstümliche Auffassung ihrer
Person – das Volk erfuhr es am nächsten Tage – war herrschend gewesen im
Hofballsaal, und übrigens hatte Herr von Knobelsdorff Sorge getragen, daß diese
Auffassung mit aller Augenfälligkeit, die er für wünschenswert hielt, zum
Ausdruck gelangte. Nicht mit Rücksicht und nicht mit Auszeichnung, nein,
zeremoniös war Imma Spoelmann behandelt worden, und das mit planmäßiger,
absichtsvoller Betonung. Die beiden diensttuenden Zeremonienmeister,
Kämmerer ihrem Range nach, hatten ihr mit Auswahl die Tänzer zugeführt, und
wenn sie ihren Platz, dicht neben dem flachen, rot ausgeschlagenen Podium, wo
die Großherzogliche Familie auf Damastsesseln saß, mit einem Kavalier
verlassen hatte, um zu tanzen, so war die Balleitung geschäftig gewesen, wie
dies beim Tanz der Prinzessinnen geschah, ihr freien Raum unter dem mittleren
Lüster zu schaffen und sie vor jedem Zusammenstoß zu behüten – was übrigens
leichte Arbeit gewesen war, denn ohnedies hatte sich, wenn sie tanzte, ein
schützender Kreis von Neugier um sie geschlossen.
Man berichtete, daß, als Prinz Klaus Heinrich Fräulein Spoelmann zum
erstenmal aufgefordert habe, ein heftiges Ausatmen, ein förmliches Zischen der
»Erregung« im Saale hörbar gewesen sei, und daß die Vortänzer zu tun gehabt
hätten, den Ball in Gang zu erhalten und zu verhindern, daß alles in gieriger
Schaulust die Tanzenden umstehe. Namentlich die Damen hatten das einsame
Paar mit einem exaltierten Entzücken begleitet, das, wenn Imma Spoelmanns
Stellung nur ein wenig schwächer gewesen wäre, unzweifelhaft die Formen der
Wut und der Bosheit gezeigt haben würde. Aber zu sehr hatte jeder einzelne der
fünfhundert Festgäste unter dem Druck und Einfluß des öffentlichen
Empfindens, jener gewaltigen Eingebung von unten her, gestanden, um dies
Schauspiel anders als mit des Volkes Augen betrachten zu können. Der Prinz
schien nicht in dem Sinne beraten gewesen zu sein, sich Zwang anzutun. Sein
Name, und zwar einfach in der Abkürzung »K. H.«, hatte zweimal, für zwei
große Tänze, auf Miß Spoelmanns Karte gestanden, und außerdem hatte er noch
mehrfach bei ihr hospitiert. Dort hatten sie getanzt, Klaus Heinrich und
Spoelmanns Tochter. Ihr bräunlicher Arm hatte auf dem Ordensband aus
zitronenfarbener Seide geruht, das über seine Schulter lief, und sein rechter Arm
hatte ihre leichte und seltsam kindliche Gestalt umschlungen gehalten, während
er den linken nach seiner Gewohnheit beim Tanz in die Hüfte gestützt und nur
mit einer Hand seine Dame geführt hatte. Mit einer Hand …
So war die Stunde des Soupers gekommen, und ein weiterer Artikel der
zeremoniellen Bedingungen, die Herr von Knobelsdorff für Imma Spoelmanns
Hofballbesuch erwirkt hatte, war erschütternd in Kraft getreten. Es war der
gewesen, welcher die Sitzordnung bei Tische zum Gegenstand hatte. Während
nämlich die große Menge der Festgäste in der Bildergalerie und im Saal der
zwölf Monate an langen Tafeln speiste, war für die Großherzogliche Familie, die
Diplomaten und die obersten Hofchargen im Silbersaal gedeckt. Feierlich
geordnet, wie beim Eintritt in den Ballsaal, begaben sich Albrecht und die
Seinen punkt elf Uhr dorthin. Und an den Kammerlakaien vorüber, welche die
Türen besetzt hielten und Unbefugten den Zugang wehrten, war am Arme des
englischen Geschäftsträgers Imma Spoelmann in den Silbersaal eingezogen, um
an der großherzoglichen Tafel teilzunehmen.
Das war ungeheuerlich gewesen – und zugleich, nach allem
Voraufgegangenen, von so zwingender Folgerichtigkeit, daß jederlei
Verwunderung oder gar Auflehnung des gesunden Sinnes entbehrt haben würde.
Heute hatte es einfach gegolten, großen Anzeichen und Erscheinungen innerlich
gewachsen zu sein … Aber nach aufgehobener Tafel, als der Großherzog sich
zurückgezogen und Prinzessin Griseldis mit einem Kammerherrn den Kotillon
eröffnet hatte, war die Erwartung dennoch aufs neue ins Fieberhafte gestiegen, denn die allgemeine Frage war gewesen, ob man dem Prinzen erlaubt habe, der
Spoelmann ein Sträußchen zu bringen. Seine Instruktion war offenbar die
gewesen, ihr nicht gerade das erste zu bringen. Er hatte zunächst seiner Tante
Katharina und einer rothaarigen Cousine je eines überreicht; aber dann war er
mit einem Fliedersträußchen aus der Hofgärtnerei vor Imma Spoelmann
hingetreten. Im Begriffe, das schöne Gebinde an ihr Näschen zu führen, hatte sie
aus unbekannten Gründen mit ängstlicher Miene gezögert, und erst, nachdem er
sie durch ein lächelndes Kopfnicken dazu ermutigt, hatte sie sich entschlossen,
den Duft zu versuchen. Dann hatten sie, ruhig sprechend, ziemlich lange
miteinander getanzt.
Jedoch während dieses Tanzes war es gewesen, daß jener unbelauschte
Wortwechsel, jene Unterredung mit greifbar bürgerlichem Inhalt und sachlichem
Enderfolg zwischen ihnen stattgefunden hatte … hier ist sie.
»Sind Sie diesmal zufrieden mit den Blumen, Imma, die ich Ihnen bringe?«
»Doch, Prinz, Ihr Flieder ist schön und duftet ordnungsgemäß. Er gefällt mir
sehr.«
»Wirklich, Imma? Aber der arme Rosenstock unten im Hof tut mir leid, weil
seine Rosen Ihnen mißfallen mit ihrem Moderduft.«
»Ich will nicht sagen, daß sie mir mißfallen, Prinz.«
»Aber sie ernüchtern und erkälten Sie wohl?«
»Ja, das vielleicht.«
»Habe ich Ihnen aber von dem Glauben der Leute erzählt, daß der Rosenstock
einmal erlöst werden soll, nämlich an einem Tage der allgemeinen Beglückung,
und Rosen hervorbringen soll, die zu ihrer großen Schönheit auch noch mit
lieblich natürlichem Duft begabt sein werden?«
»Ja, Prinz, das muß man abwarten.«
»Nein, Imma, man muß helfen und handeln! Sich entschließen muß man und
allem Zweifelmut absagen, kleine Imma! Sagen Sie mir … sagen Sie mir heute:
Haben Sie nun Vertrauen zu mir?«
»Doch, Prinz, in letzter Zeit habe ich Vertrauen zu Ihnen gefaßt.«
»Sehen Sie!… Gott sei gelobt!… Sagte ich nicht, daß es mir schließlich
gelingen müsse?… Und so glauben Sie denn nun, daß es mir ernst ist, wirklicher,
ernsthafter Ernst um Sie und um uns?«
»Ja, Prinz, in letzter Zeit glaube ich, daß ich es glauben kann.«
»Endlich, endlich, unschlüssige kleine Imma!… Ach, ich danke Ihnen aus
Herzensgrund!… Aber dann haben Sie also Mut und wollen sich zu mir
bekennen vor aller Welt, da Sie doch zu mir gehören?«
»Bekennen Sie sich, Königliche Hoheit, zu mir, wenn's gefällig ist.«
»Das will ich, Imma, laut und fest. Aber nur unter einer Bedingung darf ich es, nämlich, daß wir nicht in eigennütziger und unbedeutender Weise nur auf
unser eigenes Glück Bedacht nehmen, sondern alles aus dem Gesichtspunkt des
Großen, Ganzen betrachten. Denn die öffentliche Wohlfahrt, sehen Sie, und
unser Glück, die bedingen sich gegenseitig.«
»Wohlgesprochen, Prinz. Denn ohne unsere Studien über die öffentliche
Wohlfahrt würde ich mich schwerlich zum Vertrauen zu Ihnen entschlossen
haben.«
»Und ohne Sie, Imma, die Sie mir das Herz so warm gemacht, würde ich
schwerlich auf so wirkliche Studien verfallen sein.«
»Also wollen wir denn sehen, was wir ausrichten, jeder an seinem Platze,
Prinz. Sie bei den Ihren und ich – bei meinem Vater.«
»Kleine Schwester«, hatte er mit ruhiger Miene gesagt und sie im Tanze ein
wenig fester an sich gezogen. »Kleine Braut …«
Und das war in der Tat ein Sonderfall von Verlobungsgespräch gewesen.
Freilich war hiermit nicht alles, ja wenig geschehen, und rückblickend muß
man sich sagen, daß, in dem Gesamtaspekt der Verhältnisse nur einen Faktor
weg oder anders gedacht, das Ganze damals noch immer Gefahr lief, in nichts zu
zerfallen. Welch Glück, daß an der Spitze der Geschäfte ein Mann sich befand,
welcher der Zeit fest und unerschrocken, ja selbst nicht ohne Schalkhaftigkeit ins
Auge blickte und eine Sache nicht einzig deshalb für unmöglich erachtete, weil
sie sich bis dahin noch niemals ereignet hatte!
Jener Vortrag, den ungefähr acht Tage nach dem denkwürdigen Hofball
Exzellenz von Knobelsdorff seinem Herrn, dem Großherzog Albrecht II. im
Alten Schlosse hielt, gehört der Zeitgeschichte an. Tags zuvor hatte der
Konseilpräsident einer Sitzung des Staatsministeriums vorgesessen, über welche
der »Eilbote« so viel zu melden in die Lage gesetzt worden war, daß
Finanzfragen und innere Angelegenheiten der Großherzoglichen Familie zur
Beratung gestanden hätten, sowie ferner, daß – und dies fügte das Blatt in
gesperrten Lettern hinzu – eine vollkommene Einhelligkeit der Meinungen unter
den Ministern erzielt worden sei. So aber befand sich Herr von Knobelsdorff bei
jener Audienz seinem jungen Monarchen gegenüber in starker Stellung; denn er
hatte nicht nur die wimmelnde Masse des Volkes, sondern auch die einmütige
Willensäußerung der Staatsregierung im Rücken.
Die Unterredung in Albrechts zugigem Arbeitszimmer nahm fast nicht
weniger Zeit in Anspruch, als diejenige in dem kleinen gelben Salon von Schloß
»Eremitage«. Es mußte sogar eine Pause eintreten, während welcher dem
Großherzog eine Limonade und Herrn von Knobelsdorff ein Glas Portwein nebst
Biskuits gereicht wurde. Allein die lange Dauer des Vortrags war lediglich der
Großartigkeit des durchzusprechenden Stoffes, nicht etwa dem Widerstande des Monarchen zuzuschreiben; denn Albrecht leistete keinen. In seinem
geschlossenen Gehrock, die mageren, empfindlichen Hände im Schoße gekreuzt,
das stolze und feine Haupt mit dem Spitzbart und den schmalen Schläfen
erhoben und die Lider gesenkt, sog er leicht mit der kurzen, gerundeten
Unterlippe an der oberen und begleitete Herrn von Knobelsdorffs Ausführungen
von Zeit zu Zeit mit einer gemessenen Kopfneigung, die zugleich Zustimmung
und Ablehnung ausdrückte, eine unbeteiligt sachliche Zustimmung unter dem
stillen und kalten Vorbehalt seiner durch nichts erreichbaren persönlichen
Würde.
Herr von Knobelsdorff begab sich unverzüglich in die Mitte der Dinge und
sprach von dem Verkehr des Prinzen Klaus Heinrich auf Schloß »Delphinenort«.
Albrecht wußte davon. Selbst in seine Einsamkeit war ein gedämpfter Widerhall
der Ereignisse gedrungen, welche die Stadt und das Land in Atem hielten; auch
kannte er seinen Bruder Klaus Heinrich, der gestöbert und mit den Lakaien
geplaudert hatte, der, als er sich am großen Spieltisch die Stirn gestoßen, geweint
hatte aus Mitleid mit seiner Stirn – und im wesentlichen bedurfte er keiner
Belehrung. Lispelnd und mit einem flüchtigen Erröten gab er das Herrn von
Knobelsdorff zu verstehen und fügte hinzu, da jener bisher nicht hindernd
eingegriffen, sondern ihm die Tochter des Milliardärs sogar zugeführt habe, so
schließe er, daß Herr von Knobelsdorff die Unternehmungen des Prinzen
begünstige, ohne daß er, der Großherzog, übrigens absähe, wohin das alles
führen solle. Die Regierung, antwortete Herr von Knobelsdorff, würde sich in
einen schädlichen und entfremdenden Gegensatz zum Willen des Volkes setzen,
wenn sie die Absichten des Prinzen durchkreuzte. »So verfolgt mein Bruder
bestimmte Absichten?« »Lange«, versetzte Herr von Knobelsdorff, »handelte er
planlos und lediglich seinem Herzen zuliebe; aber seitdem er sich mit dem Volke
auf dem Boden des Wirklichen gefunden, haben seine Wünsche praktische
Gestalt gewonnen.« »Und das alles will also sagen, daß das Publikum die
Schritte des Prinzen billigt?« – »Daß es sie akklamiert, Königliche Hoheit, daß
es die innigsten Hoffnungen darauf setzt!«
Und nun entrollte Herr von Knobelsdorff noch einmal das dunkle Bild von der
Lage des Landes, von der Not, von der großen, großen Verlegenheit. Wo war
Abhilfe und Heilung? Dort war sie, einzig dort, im Stadtpark, in dem zweiten
Zentrum der Residenz, an dem Wohnsitz des kränkelnden Geldfürsten, unseres
Gastes und Einwohners, dessen Person das Volk mit seinen Träumen umspann,
und für den es ein kleines sein würde, allen unseren Mißhelligkeiten ein Ende zu
bereiten. Wenn er zu bestimmen war, sich unserer Staatswirtschaft anzunehmen,
so war ihre Gesundung gesichert. Würde er zu bestimmen sein? Aber das
Schicksal hatte eine Gefühlsbegegnung zwischen der einzigen Tochter des Gewaltigen und dem Prinzen Klaus Heinrich herbeigeführt! Und dieser weisen
und gütigen Fügung sollte man trotzen? Starrer und abgelebter
Herkömmlichkeiten wegen sollte man eine Verbindung hintanhalten, die für
Land und Volk so ungemessenen Segen in sich schloß? Denn daß sie das tue,
war freilich vorauszusetzen, und darauf beruhte ihre Rechtfertigung und hohe
Gültigkeit. War aber diese Bedingung erfüllt, fand Samuel Spoelmann sich, um
es geradeheraus zu sagen, zur Finanzierung des Staates bereit, so war die
Verbindung – da denn das Wort nun gefallen war – nicht nur statthaft, sie war
notwendig, sie war die Rettung, das Wohl des Staates verlangte sie, und weit
über die Landesgrenzen hinaus, überall dort, wo ein Interesse an der
Wiederherstellung unserer Finanzen, an der Vermeidung einer wirtschaftlichen
Panik vorhanden war, wurde sie vom Himmel erfleht.
An dieser Stelle tat der Großherzog eine Zwischenfrage, leise, ohne
aufzublicken, und mit spöttischem Lächeln.
»Und die Thronfolge?« fragte er.
»Das Gesetz«, erwiderte Herr von Knobelsdorff unerschütterlich, »legt es in
Euerer Königlichen Hoheit Hand, das dynastische Bedenken zu beseitigen.
Standeserhöhung und selbst Ebenbürtigkeit zu verleihen gehört auch bei uns zu
den Prärogativen des Landesherrn – und wann wäre je in der Geschichte ein
tieferer Anlaß zur Betätigung dieser Vorrechte gegeben gewesen? Diese
Verbindung trägt ihre Echtheit in sich, sie ist von langer Hand her im Gemüte
des Volkes vorbereitet, und ihre vollkommene staats- und fürstenrechtliche
Anerkennung würde dem Volke nicht mehr als eine äußere Bestätigung seines
innersten Empfindens bedeuten.«
So kam Herr von Knobelsdorff auf Imma Spoelmanns Popularität zu
sprechen, auf die vielsagende Kundgebung gelegentlich ihrer Genesung von
leichter Unpäßlichkeit, auf den ebenbürtigen Rang, den dies außerordentliche
Wesen in der Phantasie des Volkes einnähme – und seine Augenfältchen spielten,
als er Albrecht an die alte Wahrsagung erinnerte, die im Volke lebte, von dem
Prinzen sprach, der mit einer Hand dem Lande mehr geben sollte, als andere mit
zweien je vermocht hätten, und beredsam darlegte, wie die Verbindung zwischen
Klaus Heinrich und Spoelmanns Tochter dem Volke als vorgesehene Erfüllung
des Orakels und somit als gottgewollt und rechtmäßig erscheine.
Herr von Knobelsdorff sagte noch viel Kluges, Freies und Gutes. Er erwähnte
der vierfachen Blutzusammensetzung Imma Spoelmanns – denn außer dem
deutschen, portugiesischen und englischen fließe ja, wie man vernähme, auch
ein wenig von dem uradligen Blut der Indianer in ihren Adern – und betonte, daß
er sich von der belebenden Wirkung, welche die Mischung der Rassen bei alten
Geschlechtern hervorzubringen vermöge, für die Dynastie das Beste verspreche. Aber seine bedeutendsten Augenblicke hatte der unbefangene alte Herr, als von
den ungeheuren und segensvollen Veränderungen die Rede war, die in den
wirtschaftlichen Verhältnissen des Hofes selbst, unseres verschuldeten und
bedrängten Hofes, durch die kühne Heirat des Thronfolgers würden
hervorgebracht werden. Denn hier war es, wo Albrecht am hochmütigsten an der
Oberlippe sog. Der Geldwert sank, die Ausgaben stiegen, sie taten es nach einem
wirtschaftlichen Gesetz, das für die Etats der Hofverwaltungen sowohl wie für
jeden Privathaushalt seine Gültigkeit hatte, und eine Vermehrung der Einnahmen
war unmöglich. Aber es ging nicht an, daß das Vermögen des Landesherrn hinter
dem mancher Untertanen zurückstand; es war im monarchistischen Sinne
unleidlich, daß Seifensieder Unschlitts Wohnhaus schon längst eine
Zentralheizung hatte, das Alte Schloß aber noch immer nicht. Abhilfe war nötig,
in mehr als einem Fall, und wohl dem Fürstenhause, dem sich eine so großartige
Abhilfe bot wie diese! Man beobachtete in unseren Zeiten, daß alle
Schamhaftigkeit von ehedem aus der Behandlung höfischer
Geldangelegenheiten entschwand. Jene Selbstentäußerung, mit welcher
fürstliche Familien vormals die schwersten Opfer gebracht hatten, um die
Öffentlichkeit vor ernüchternden Einblicken in ihre Vermögensverhältnisse zu
bewahren, ward nicht mehr angetroffen, und Prozesse, Entmündigungen,
fragwürdige Veräußerungen waren an der Tagesordnung. Aber war dieser
kleinlichen und bürgerlichen Art von Anpassung nicht das Bündnis mit dem
souveränen Reichtum vorzuziehen – eine Verbindung, welche die Hoheit auf
immer hoch über alle wirtschaftlichen Quisquilien erheben und sie in den Stand
setzen würde, sich dem Volke mit allen jenen äußeren Zeichen sichtbar zu
machen, nach denen es verlangte?
So fragte Herr von Knobelsdorff, und er selbst beantwortete seine Frage mit
unumwundener Bejahung. Kurz, so weise und unwiderstehlich war seine Rede,
daß er das Alte Schloß nicht verließ, ohne stolz gelispelte Genehmigungen und
Ermächtigungen mit fortzunehmen, die weit genug reichten, um, wenn Fräulein
Spoelmann nur irgend das ihre getan hatte, Abschlüsse sondergleichen zu
gewährleisten.
Und so gingen denn nun die Dinge ihren denkwürdigen Gang bis zum seligen
Ende. Noch vor Ende Dezember nannte man die Namen derjenigen Personen,
die gesehen (nicht etwa nur davon erzählen gehört) hatten, wie eines
schneedunklen Vormittags um elf Uhr Oberhofmarschall von Bühl zu Bühl im
Pelz, einen Zylinder auf seinem braunen Toupet und den goldenen Zwicker auf
der Nase, vor »Delphinenort« aus einem Hofwagen gestiegen und schwänzelnd
im Innern des Schlosses verschwunden sei. Anfang Januar gingen in der Stadt
Individuen umher, die an Eides Statt versicherten, daß jener Herr, welcher, wiederum zu einer Vormittagsstunde und gleichfalls in Pelz und Zylinder, an
dem grinsenden Plüschmohren vorbei das Portal von »Delphinenort« verlassen
und sich mit fiebrigen Augen in eine bereitstehende Droschke geworfen habe,
unzweifelhaft unser Finanzminister Doktor Krippenreuther gewesen sei. Und zu
gleicher Zeit tauchten in dem halbamtlichen »Eilboten« erste und vorbereitende
Vermerke von Gerüchten auf, welche eine bevorstehende Verlobung im
Großherzoglichen Hause zum Inhalt hatten – tastende Verlautbarungen, die, in
behutsamer Steigerung deutlicher und deutlicher werdend, endlich die beiden
Namen Klaus Heinrichs und Imma Spoelmanns in klarem Druck beieinander
zeigten … Das war keine neue Zusammenstellung mehr, aber sie schwarz auf
weiß zu sehen, wirkte dennoch wie starker Wein.
Äußerst fesselnd war es übrigens, zu beobachten, wie bei den publizistischen
Erörterungen, die sich hierauf entspannen, unsere aufgeklärte und freigeistig
gesinnte Presse sich zu der volkstümlichen Seite der Sache, nämlich zu der
Prophezeiung stellte, die denn doch in zu hohem Grade politische Bedeutung
gewonnen hatte, als daß nicht Bildung und Intelligenz genötigt gewesen wären,
sich damit auseinanderzusetzen. Weissagerei, Chiromantie und dergleichen
Hexenwesen, erklärte der »Eilbote«, seien, soweit das Schicksal des einzelnen in
Frage komme, schlechterdings in das dunkle Gebiet des Aberglaubens zu
verweisen, sie gehörten dem grauen Mittelalter an, und nicht genug zu belächeln
seien die wahnbefangenen Personen, die, was freilich in den Städten wohl nicht
mehr geschähe, sich von geriebenen Beutelschneidern die Groschen aus der
Tasche ziehen ließen, um aus der Hand, den Karten oder dem Kaffeesatz sich
ihre geringfügige Zukunft deuten, sich gesundbeten, homöopathisch kurieren
oder ihr krankes Vieh von eingefahrenen Dämonen befreien zu lassen – wie als
ob nicht bereits der Apostel gefragt habe: »Kümmert sich denn Gott auch um die
Ochsen?« Allein ins Große gerechnet und entscheidende Wendungen im
Schicksal ganzer Völker oder Dynastien in Rede gestellt, so laufe einem
geschulten und wissenschaftlichen Denken die Vorstellung nicht unbedingt
zuwider, daß, da die Zeit nur eine Illusion und in Wahrheit betrachtet alles
Geschehen in Ewigkeit feststehend sei, solche im Schoße der Zukunft ruhenden
Umwälzungen den Menschengeist im voraus erschüttern und ihm gesichtweise
sich offenbaren könnten. Und deß zum Beweise veröffentlichte das eifrige Blatt
ein umfangreiches, von einem unserer Hochschulprofessoren gütigst zur
Verfügung gestelltes Elaborat, das eine Übersicht aller der Fälle der
Menschheitsgeschichte bot, in welchen Orakel und Horoskop, Somnambulismus,
Hellseherei, Wahrtraum, Schlafwachen, zweites Gesicht und Inspiration eine
Rolle gespielt hatten – ein überaus dankenswertes Memorandum, das seine
Wirkung in gebildeten Kreisen nicht verfehlte.
Man marschierte geschlossen und in tiefem Einverständnis, Presse,
Regierung, Hof und Publikum, und sicher hätte der »Eilbote« seine Zunge
gehütet, wenn damals seine philosophischen Dienstleistungen noch verfrüht und
politisch gefährlich – wenn, mit einem Wort, die Verhandlungen auf
»Delphinenort« nicht bereits weit in günstiger Richtung vorgeschritten gewesen
wären. Heute weiß man ziemlich genau, wie diese Verhandlungen sich
abwickelten und einen wie schwierigen, ja peinlichen Stand unsere Sachwalter
dabei hatten: der sowohl, dem als Vertrauensperson des Hofes die zarte Mission
zugefallen war, des Prinzen Klaus Heinrichs Werbung vorzubereiten, wie auch
der oberste Betreuer unseres Finanzwesens, der es sich trotz seiner schwer
erschütterten Gesundheit nicht nehmen ließ, in eigener Person die Sache des
Landes bei Samuel Spoelmann zu führen. Dabei ist erstens Herrn Spoelmanns
ärgerliche und reizbare Gemütsart in Rechnung zu ziehen, zweitens aber zu
bedenken, daß ja dem ungeheueren kleinen Manne an einem in unserem Sinne
glücklichen Abschluß des Handels bei weitem so viel nicht gelegen war wie uns.
Abgesehen von Herrn Spoelmanns Liebe zu seiner Tochter, die ihm ihr Herz
geöffnet und ihm ihr schönes Verlangen kundgegeben hatte, sich liebend nützlich
zu machen, hatten unsere Mandatare nicht einen Trumpf gegen ihn auszuspielen,
und es war schlechterdings nicht an dem, daß Doktor Krippenreuther seine
Wünsche als Bedingungen an das hätte knüpfen können, was Herr von Bühl
etwa zu bieten hatte. Von dem Prinzen Klaus Heinrich sprach Herr Spoelmann
beständig mit der Bezeichnung »der junge Mensch« und bekundete über die
Aussicht, seine Tochter einer Königlichen Hoheit zur Frau geben zu sollen, so
wenig Ergötzen, daß Doktor Krippenreuther sowohl wie Herr von Bühl mehr als
einmal in tödliche Verlegenheit gerieten. »Wenn er irgend etwas gelernt, eine
ordentliche Beschäftigung hätte!« knarrte er verdrießlich. »Aber ein junger
Mensch, der nichts versteht, als sich hochleben zu lassen …« Wirklich erbost
zeigte er sich, als zum ersten Male ein Wort von morganatischer Vermählung
fiel. Seine Tochter, erklärte er »once for all«, sei kein Kebsweib und nicht für
die linke Seite. Heirate man sie, so heirate man sie … Aber die Interessen der
Dynastie und des Landes trafen in diesem Punkte ja völlig mit den seinen
zusammen; die Erzielung erbfolgeberechtigter Nachkommenschaft war eine
Notwendigkeit, und Herr von Bühl war mit all den Vollmachten ausgestattet, die
Herr von Knobelsdorff vom Großherzog zu erwirken verstanden hatte. Was aber
die Mission Doktor Krippenreuthers betraf, so war es gewiß nicht die
Beredsamkeit ihres Trägers, welche sie glücken ließ, sondern einzig Herrn
Spoelmanns Vaterzärtlichkeit – die Willfährigkeit eines leidenden, überdrüssigen
und von seinem Wundertierdasein längst paradox gestimmten Vaters gegen seine
einzige Tochter und Erbin, die sich schließlich die Staatspapiere, in welchen sie ihr Vermögen anzulegen wünschte, selbst aussuchen mochte.
Und so kamen denn jene Pakten zustande, die vorderhand in tiefe
Verschwiegenheit gehüllt blieben und nur schrittweise, erst durch die Ereignisse
selbst, ans Sonnenlicht traten, die aber hier in ruhigen Worten zusammengestellt
werden mögen.
Die Verlobung Klaus Heinrichs mit Imma Spoelmann ward gebilligt und
anerkannt von Samuel Spoelmann, vom Hause Grimmburg. Zugleich mit der
Veröffentlichung des Verlöbnisses im »Staatsanzeiger« würde die Erhebung der
Braut zur Gräfin verkündet werden – unter einem Phantasienamen von
romanhaftem Adelsklang, ähnlich dem, welchen Klaus Heinrich auf seiner
Studienreise in den schönen Ländern des Südens geführt hatte; und am Tage
ihrer Hochzeit war die Gemahlin des Prinzen-Thronfolgers mit der Würde einer
Fürstin zu bekleiden. Die beiden Standeserhöhungen waren frei von
Stempelsteuer, die viertausendachthundert Mark betragen haben würde, zu
vollziehen. Nur vorläufig und zur Gewöhnung der Welt sollte die Ehe zur Linken
geschlossen werden; denn an dem Tage, an welchem sich zeigen würde, daß sie
mit Nachkommenschaft gesegnet sein sollte, würde Albrecht II., mit Rücksicht
auf die unvergleichlichen Umstände, die morganatische Gemahlin seines
Bruders für ebenbürtig erklären und ihr den Rang einer Prinzessin des
Großherzoglichen Hauses mit dem Titel Königliche Hoheit verleihen. Das neue
Mitglied des Herrscherhauses würde auf jede Apanage verzichten. Was das
höfische Zeremoniale betraf, so war zum Feste der linkshändigen Vermählung
nur eine Sprechcour, zur Feier der Ebenbürtigkeitserklärung jedoch jene höchste
und vollkommenste Huldigungsform, die Defiliercour, vorgesehen. Samuel
Spoelmann aber, von seiner Seite, bewilligte dem Staat eine Anleihe von
dreihundertundfünfzig Millionen Mark – und zwar unter Bedingungen so
väterlicher Art, daß dieses Darlehn fast alle Merkmale einer Schenkung trug.
Es war Großherzog Albrecht, der den Prinzen-Thronfolger von diesen
Abschlüssen in Kenntnis setzte. Wieder stand Klaus Heinrich in dem großen,
zugigen Arbeitszimmer unter dem zersprungenen Deckengemälde vor seinem
Bruder, wie einst, als Albrecht ihm die Repräsentationspflichten übertragen
hatte, und nahm in dienstlich geschlossener Haltung die großen Mitteilungen
entgegen. Er hatte den Waffenrock eines Majors der Gardefüsiliere angelegt zu
dieser Audienz, während der Großherzog zu seinem schwarzen Überrock
neuerdings Pulswärmer trug, die seine Tante Katharina ihm in dunkelroter Wolle
gefertigt hatte, gegen den Zug durch die hohen Fenster des Alten Schlosses. Als
Albrecht geendigt hatte, trat Klaus Heinrich einen Schritt seitwärts, um aufs
neue salutierend die Absätze zusammenzuziehen, und sagte: »Ich bitte dich,
lieber Albrecht, dir herzlichen und untertänigen Dank zu Füßen legen zu dürfen, in meinem Namen und im Namen des ganzen Landes. Denn letzten Endes bist
du es ja, der all diesen Segen ermöglicht, und die verdoppelte Liebe des Volkes
wird dir für deine hochherzigen Entschließungen lohnen.«
Er drückte die magere und empfindliche Hand seines Bruders, die dieser dicht
an der Brust und ohne auch nur den Unterarm vom Körper zu lösen, ihm
darreichte. Der Großherzog hatte seine kurze, gerundete Unterlippe
emporgeschoben, und seine Lider waren gesenkt. Er antwortete leise und
lispelnd: »Ich neige um so weniger dazu, mir über die Liebe des Volkes
Illusionen zu machen, als ich, wie du weißt, dieser fraglosen Liebe schmerzlos
entraten kann. Dabei fällt die Frage kaum ins Gewicht, als ob ich sie auch nur
verdiene. Ich gehe zur Abfahrtsstunde auf den Bahnhof, um zu winken – das ist
weniger verdienstvoll als albern, aber es ist nun einmal mein Amt. Dein Fall ist
freilich ein anderer. Du bist ein Sonntagskind. Alles fügt sich dir wohl … Ich
wünsche dir Glück«, sagte er, indem er die Lider von seinen einsam blickenden
blauen Augen hob. Und in diesem Augenblick sah man, daß er Klaus Heinrich
liebte. »Ich wünsche dir Glück, Klaus Heinrich – aber nicht allzuviel, und daß du
nicht allzu wohlig in der Liebe des Volkes ruhen mögest. Übrigens sagte ich
schon, daß alles sich dir zum besten fügt. Das Mädchen deiner Wahl ist recht
fremdartig, recht wenig hausbacken, recht unvolkstümlich zu guter Letzt. Sie hat
viererlei Blut … ich habe mir sagen lassen, daß sogar indianisches Blut in ihren
Adern fließt. Das ist vielleicht gut. Mit einer solchen Gefährtin läufst du
vielleicht weniger Gefahr, bequemen Sinnes zu werden.«
»Weder das Glück«, sagte Klaus Heinrich, »noch die Liebe des Volkes wird je
bewirken können, daß ich aufhöre, dein Bruder zu sein.«
Er ging, ihm stand noch ein schweres Stündlein bevor, ein Gespräch mit Herrn
Spoelmann unter vier Augen, seine persönliche Werbung um Immas Hand. Da
mußte er schlucken, was die Unterhändler geschluckt hatten, denn Samuel
Spoelmann zeigte auch nicht die geringste Freude und sagte ihm knarrend viele
erfrischende Wahrheiten. Aber dann war auch das bestanden, und der Morgen
kam, da die Verlobung im »Staatsanzeiger« prangte. Da löste die lange
Spannung sich in unendlichen Jubel; da winkten gesetzte Männer einander mit
den Schnupftüchern zu und tauschten Umarmungen auf offenem Markt; da
flogen an den Flaggenstangen die Fahnentücher empor.
Aber am nämlichen Tag traf auf Schloß »Eremitage« die Botschaft ein, daß
Raoul Überbein sich entleibt habe.
Das war eine nichtswürdige, ja läppische Geschichte, die wiederzugeben nicht
lohnen würde, wenn nicht ihr Ende so gräßlich gewesen wäre.
Die Schuldfrage scheide hier aus. An des Doktors Grabe bildeten sich zwei
Parteien. Erschüttert durch seine Verzweiflungstat, behaupteten die einen, man habe ihn in den Tod getrieben; die andern erklärten achselzuckend, daß sein
Benehmen unmöglich und hirnverbrannt, seine Maßregelung durchaus geboten
gewesen sei. Das stehe dahin. Auf jeden Fall rechtfertigte eigentlich nichts einen
tragischen Ausgang; ja, es war für einen Mann von den Gaben Raoul Überbeins
eine vollkommen unwürdige Gelegenheit, zugrunde zu gehen … Es folgt die
Geschichte.
Zu Ostern vorigen Jahres war der Ordinarius der zweitobersten Klasse unseres
humanistischen Gymnasiums, ein herzkranker Mann, auf Grund seines
körperlichen Leidens zeitlich quiesziert worden, und trotz Doktor Überbeins
verhältnismäßiger Jugend, einzig in Ansehung seines beruflichen Eifers und
seiner unleugbar bemerkenswerten Erfolge im mittleren Klassendienst, hatte
man ihm das vorerst erledigte Ordinariat übertragen. Ein guter Griff, wie sich
gezeigt hatte; denn nie waren die Leistungen der Klasse ihren diesjährigen
gleichgekommen. Der beurlaubte Professor, übrigens ein beliebter Kollege, war,
wohl infolge seines Leidens, das wiederum mit einer an sich sympathischen, in
ihrem Übermaß aber bedenklichen Neigung, nämlich derjenigen zum Biere,
zusammenhing, ein zwar launenhafter, aber auch fahrlässiger und mattsinniger
Herr gewesen, der fünf hatte gerade sein lassen und alljährlich ein recht
mangelhaft vorbereitetes Schülermaterial in die Selekta befördert hatte. Ein
neuer Geist war mit dem stellvertretenden Ordinarius in die Klasse eingezogen –
und niemanden hatte das wundergenommen. Man kannte seinen unheimlichen
Berufseifer, seine einseitige und friedlose Strebsamkeit; man sah voraus, daß er
diese Gelegenheit, sich hervorzutun, nicht ungenützt lassen würde, an die er
ohne Zweifel ehrsüchtige Hoffnungen knüpfte. Sowohl mit dem Faulenzen also,
wie mit der Langeweile hatte es in der Unterprima ein jähes Ende genommen.
Doktor Überbeins Ansprüche waren hochgespannt, seine Kunst, auch die
Widerwilligsten dafür zu begeistern, war unwiderstehlich gewesen. Die jungen
Leute beteten ihn an. Seine überlegene, väterliche und herzlich
bramarbasierende Art hielt sie in Atem, rüttelte sie auf, machte es ihnen zur
Ehrensache, diesem Lehrer durch dick und dünn zu folgen. Er fesselte sie an
seine Person, indem er sonntägliche Ausflüge mit ihnen unternahm, bei denen
sie Tabak rauchen durften, während er ihre Einbildungskraft durch burschenhaft
aufgeräumte Rodomontaden über die Größe und Strenge des offenen Lebens
bezauberte. Und am Montag fanden sie sich mit dem umgetriebenen Kameraden
von gestern zu froher und leidenschaftlicher Arbeit wieder zusammen.
Drei Viertel des Schuljahres waren so verwichen, da war, vor Weihnachten,
die Ankündigung ergangen, daß der beurlaubte Professor, recht leidlich genesen,
nach den Freiwochen seine Tätigkeit wieder aufnehmen, sein Amt als Ordinarius
der Unterprima wieder antreten werde. Und nun hatte es sich gezeigt, wie es um Doktor Überbein stand und was es mit seiner grünen Gesichtsfarbe, seinem
aufgeräumten und überlegenen Wesen eigentlich auf sich hatte. Er hatte sich
aufgelehnt, war vorstellig geworden, hatte lauten und in der Form nicht
unanfechtbaren Einspruch dagegen erhoben, daß ihm, der in drei Vierteljahren
mit der Klasse verwachsen war, der Arbeit und Erholung mit ihr geteilt und sie
fast bis zum Ziele geführt hatte, nun für das letzte Quartal das Ordinariat
entzogen und dem Beamten, der drei Viertel des Jahres im Ruhestande
verbracht, wieder zuerteilt werden sollte. Das war verständlich, begreiflich, war
menschlich nachfühlbar. Ohne Zweifel hatte er gehofft, dem Direktor, der das
Ordinariat der Selekta innehatte, eine Musterklasse zuzuführen, deren
Fortgeschrittenheit und vorzügliche Ausbildung seine Fähigkeit in helles Licht
setzen, seine Laufbahn beschleunigen würde, und die Vorstellung mußte ihn
schmerzen, einen anderen die Früchte seiner Hingebung ernten zu sehen. Aber
wenn sein Unmut entschuldbar gewesen wäre, so war seine Tollheit es nicht: und
leider verhielt es sich wirklich so und nicht anders, daß er, als der Direktor
seinen Vorstellungen taub blieb, unbedingt toll wurde. Er verlor den Kopf, er
verlor alles Gleichgewicht, er setzte Himmel und Hölle in Bewegung, damit
dieser Bummler, dieses Bierherz, dieser lieblose Schuster, wie er ohne Rücksicht
den beurlaubten Professor bezeichnete, ihm nicht seine Klasse wegnähme, und
als er, worüber der Einsame sich nicht hätte wundern dürfen, im
Lehrerkollegium keine Unterstützung gefunden hatte, da hatte der unselige
Mann sich so weit vergessen, daß er zum Aufwiegler der ihm anvertrauten
Schüler geworden war. Wen sie haben wollten als Klassenlehrer für das letzte
Quartal, hatte er sie vom Katheder herunter gefragt – ihn oder jenen? Und
fanatisiert von seiner bebenden Erregung, hatten sie geschrien, sie wollten ihn.
Dann sollten sie gefälligst selbst ihre Sache in die Hand nehmen, Farbe
bekennen und geschlossen vorgehen, hatte er gesagt – und Gott wußte, was er
sich in seiner Überreiztheit eigentlich dabei gedacht hatte. Aber als nach den
Ferien der zurückgekehrte Ordinarius das Klassenzimmer betreten hatte, da
hatten sie ihm Doktor Überbeins Namen entgegengebrüllt, minutenlang – und
der Skandal war dagewesen.
Er wurde nicht unnötig aufgebauscht. Die Revoltanten blieben fast straflos, da
Doktor Überbein bei der sofort eingeleiteten Untersuchung selbst seine
Ansprache zu Protokoll gegeben hatte. Aber auch was ihn selbst, den Doktor,
betraf, so schien die Behörde durchaus geneigt, ein Auge zuzudrücken. Sein
Eifer, seine Fähigkeiten waren geschätzt, gewisse gelehrte Arbeiten, die er von
sich gegeben, Früchte seines nächtlichen Fleißes, hatten seinen Namen bekannt
gemacht, man hielt auf ihn an höheren Stellen – an Stellen, wohlgemerkt, mit
denen er persönlich nicht in Berührung kam und die er also nicht durch sein väterliches Wesen hatte erbittern können –, auch seine Eigenschaft als Erzieher
des Prinzen Klaus Heinrich fiel ins Gewicht, und kurz, er wurde keineswegs, wie
man wohl hätte erwarten können, einfach entlassen. Der großherzogliche
Oberschulrat, vor den die Sache gekommen war, erteilte ihm eine ernste Rüge,
und Doktor Überbein, der gleich nach dem skandalösen Vorfall seine
Lehrtätigkeit eingestellt hatte, wurde vorläufig im Ruhestande belassen. Aber
Leute, die es wissen konnten, versicherten später, daß nichts als des Oberlehrers
Versetzung an ein anderes Gymnasium vorgesehen gewesen sei, daß man
höheren Ortes nichts Besseres gewünscht habe, als Gras über die Sache wachsen
zu lassen, und daß man dem Doktor tatsächlich eine bedeutende Zukunft
offengehalten habe. Alles hätte gut werden können.
Aber wenn die Behörde sich milde zeigte, so war es die Kollegenschaft, die
desto feindlicher gegen Doktor Überbein Stellung nahm. Der »Lehrerverein«
bildete unverzüglich ein Ehrengericht, bestimmt, seinem beliebten Mitgliede,
dem von den Schülern abgelehnten Ordinarius mit dem Bierherzen, Genugtuung
zu verschaffen. Das Erkenntnis, das dem zurückgezogen in seinem möblierten
Zimmer lebenden Überbein schriftlich zugestellt wurde, lautete demgemäß.
Indem er, lautete es, sich gesträubt habe, dem Kollegen, den er vertreten, das
Ordinariat der Unterprima wieder einzuräumen, indem er ferner gegen denselben
gewühlt und am Ende sogar die Schüler zur Unbotmäßigkeit gegen ihn
aufgereizt habe, habe sich Überbein einer in dem Maße unkollegialen
Handlungsweise schuldig gemacht, daß dieselbe nicht nur im intern beruflichen,
sondern auch im allgemein bürgerlichen Sinne als unehrenhaft bezeichnet
werden müsse. So der Spruch. Die erwartete Folge war, daß Doktor Überbein,
der freilich dem »Lehrerverein« stets nur dem Namen nach angehört hatte,
seinen Austritt aus dieser Körperschaft erklärte – und damit hätte es, wie
mancher dachte, wohl sein Bewenden haben können.
Aber sei es, daß der abgesonderte Mann nicht Kenntnis von dem Wohlwollen
hatte, das man höheren Ortes bei alldem für ihn hegte; daß er seine Lage für
aussichtsloser hielt, als sie war; daß er die Untätigkeit nicht ertrug, den
vorzeitigen Verlust seiner geliebten Klasse nicht verwand; daß die Redensart von
der »Unehrenhaftigkeit« ihm das Blut vergiftet hatte, oder daß sein Gemüt den
Erschütterungen dieser Zeit überhaupt nicht gewachsen gewesen war: fünf
Wochen nach Neujahr fanden seine Wirtsleute ihn auf dem dürftigen Teppich
seines Zimmers, nicht grüner als sonst, aber eine Kugel im Herzen.
So endete Raoul Überbein; hierüber strauchelte er; dies war der Anlaß seines
Unterganges. Da hatte man es! Das war das Wort, das alle Erörterungen seines
kläglichen Zusammenbruches beherrschte. Der friedlose und ungemütliche
Mann, der niemals am Stammtisch ein Mensch unter Menschen gewesen war, der hochmütig alle Vertraulichkeit verschmäht, sein Leben kalt und
ausschließlich auf die Leistung gestellt und gewähnt hatte, daß er darum alle
Welt väterlich behandeln dürfe – da lag er denn nun; das erstbeste Ungemach,
die erste Mißwende auf dem Felde der Leistung hatte ihn elend zu Falle
gebracht. Wenige bedauerten, niemand beweinte ihn in der Bürgerschaft – einen
einzigen ausgenommen, den Chefarzt des Dorotheen-Spitals, Überbeins
geistesverwandten Freund – und vielleicht eine weiße Frau, mit der er zuweilen
Kasino gespielt hatte. Klaus Heinrich aber bewahrte seinem unglücklichen
Lehrer immer ein ehrendes, ja inniges Andenken.