Königliche Hoheit
Die Erfüllung
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
verweilt, um mit gekrümmten und gespreizten Fingern an einem Strauche zu
nesteln, und den Abstand, welcher sich dadurch hergestellt, hatte sie nicht ganz
wieder ausgeglichen. So gingen Klaus Heinrich und Imma vor ihr her und
unterhandelten; war aber eine gewisse Runde zurückgelegt, so machten sie kehrt,
so daß sie nun also die Gräfin zwei oder drei Schritte vor sich hatten, und dann
unterstützte Klaus Heinrich wohl seine rednerischen Bemühungen, indem er
behutsam und ohne hinzublicken Imma Spoelmanns schmale, schmucklose
Hand von ihrer Seite nahm und sie mit seinen beiden umfing, auch mit der
linken, an die er nicht dachte und die keine Hemmung mehr war wie beim
Repräsentieren – während er eindringlich fragte, ob sie sich Mühe gäbe und
Fortschritte gemacht habe im Vertrauen zu ihm. Nur ungern hörte er etwa, daß
sie studiert, der Algebra obgelegen und in den kühlen Gegenden gespielt habe
seit dem letzten Zusammensein, und bat sie herzlich, jetzt ihre Bücher
beiseitezulassen, welche sie nur zerstreuen und der Sache abwendig machen
könnten, der jetzt alle ihre Gedankenkräfte gewidmet sein müßten. Er sprach
auch von sich, von jener Ernüchterung und Befangenheit, die sein Wesen ihrer
Aussage nach einflößte, suchte sie zu erklären und so zu entkräften. Er sprach
von dem kalten, strengen und armen Dasein, das er bis dahin geführt, schilderte
ihr, wie alle stets dagewesen seien, um eben dazusein und zu schauen, indes es
sein hoher Beruf gewesen, sich zu zeigen und geschaut zu werden, was das
weitaus Schwerere war, und mühte sich ab, sie recht erkennen zu lassen, daß
eine Heilung von dem, wodurch er die arme Gräfin am Schwatzen gehindert habe und sie selbst zu seinem Kummer befremde – daß seine Heilung allein
durch sie, nur eben einzig durch sie zu bewirken und gänzlich in ihre Hand
gegeben sei. Sie sah ihn an, ihre übergroßen Augen schimmerten in dunklem
Forschen, und man sah wohl, daß sie kämpfte, auch sie. Aber dann schüttelte sie
den Kopf oder beendete das Gespräch, indem sie mit vorgeschobenen Lippen
eine Redensart anführte, über die sie sich lustig machte, unfähig, das Ja, um das
er flehte, diese unbestimmte und, wie die Dinge lagen, eigentlich zu nichts
verpflichtende Hingabe über sich zu gewinnen.
Sie hinderte ihn nicht, einmal oder zweimal in der Woche zu kommen,
hinderte ihn nicht, zu sprechen, ihr mit Bitten und Beteuerungen anzuliegen und
dann und wann ihre Hand zwischen den seinen zu halten. Allein sie duldete nur,
sie blieb unbewegt, ihre Entschließungsangst, diese Scheu, ihr kühles und
spöttisches Reich zu verlassen und sich zu ihm zu bekennen, schien
unüberwindlich, und es fehlte nicht, daß sie erschöpft und verzagt in die Worte
ausbrach: »Ach, Prinz, wir hätten einander niemals kennenlernen sollen – das
wäre das beste gewesen! Dann würden Sie nach wie vor geruhig Ihrem hohen
Berufe nachgehen, und auch ich hätte meinen Frieden, und keines quälte den
andern!« Es kostete Mühe, sie zum Widerruf zu bestimmen, ihr das
Zugeständnis abzugewinnen, daß sie es nicht unbedingt bedauere, seine
Bekanntschaft gemacht zu haben. Aber auf diese Weise verging die Zeit. Der
Sommer neigte sich, frühe Nachtfröste lösten die Blätter noch grün von den
Bäumen, Fatmes, Florians und Isabeaus Hufe raschelten im roten und goldenen
Laub, wenn man spazierenritt, der Herbst kam mit Nebeln und herben Düften –
und niemand hätte ein Ende, eine irgend entscheidende Wendung der seltsam
schwebenden Sache abzusehen vermocht.
Das Verdienst, die Dinge auf den Boden der Wirklichkeit gestellt, den
Geschehnissen die Richtung zu einem glückseligen Ausgang gegeben zu haben,
wird immer dem hochgestellten Manne zugesprochen werden müssen, der bis
dahin eine gewisse Zurückhaltung beobachtet hatte, im richtigen Augenblick
aber mit behutsam fester Hand in die Ereignisse eingriff. Es war Exzellenz von
Knobelsdorff, Minister des Innern, des Äußeren und des Großherzoglichen
Hauses.
Oberlehrer Doktor Überbein hatte recht gehabt mit seiner Behauptung, daß
der Konseilpräsident sich über Klaus Heinrichs persönliche und
leidenschaftliche Schritte Bericht erstatten lasse. Mehr noch: der alte Herr, wohl
bedient durch intelligente und spürgewandte Unterbeamte, befand sich genau auf
dem laufenden über die öffentliche Meinung, über die Rolle, die Samuel
Spoelmann und seine Tochter in der Einbildungskraft des Volkes spielten, den
königlichen Rang, den sie in seiner Vorstellung einnahmen, über die gewaltige und abergläubige Spannung, mit der die Bevölkerung den Verkehr zwischen den
Schlössern »Eremitage« und »Delphinenort« verfolgte, über die
Volkstümlichkeit dieses Verkehrs, mit einem Wort, wie sie für jeden, der sehen
wollte, nicht nur in der Residenz, sondern im ganzen Lande in Gerede und
Gerüchten zutage trat. Ein bezeichnender Zwischenfall genügte, um Herrn von
Knobelsdorff seiner Sache sicher zu machen.
Anfang Oktober nämlich – der Landtag war seit vierzehn Tagen eröffnet, und
die Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission waren in vollem Gange –
erkrankte Imma Spoelmann, und zwar, wie es anfangs hieß, sehr schwer. Es
stellte sich heraus, daß das unvorsichtige Fräulein – Gott wußte, in welcher
Laune oder Stimmung – auf einem Spazierritt, den sie mit ihrer Ehrendame
unternommen, auf ihrer weißen Fatme gegen den heftigen Nordostwind, der
ging, einen Dauergalopp von beinahe einer halben Stunde ertrotzt und eine
Lungenerweiterung heimgebracht hatte, an der sie schier zu ersticken drohte. Die
Nachricht war nach wenigen Stunden in Umlauf. Es hieß, das junge Mädchen
schwebe in Lebensgefahr, was, wie sich zum Glücke bald erwies, eine maßlose
Übertreibung war. Allein wenn einem Mitgliede des Hauses Grimmburg, wenn
dem Großherzog selbst ein ernster Unfall zugestoßen wäre, so hätte die
Bestürzung, das allgemeine Mitgefühl nicht größer sein können. Man sprach von
nichts anderem. In den geringeren Stadtgegenden, zum Beispiel in der Nähe des
Dorotheen-Kinderspitals, standen gegen Abend die Frauen vor ihren Haustüren,
preßten die flachen Hände gegen den Busen und keuchten, um einander deutlich
zu machen, wie es sei, wenn einem der Atem fehle. Die Abendblätter brachten
über den Zustand Fräulein Spoelmanns eingehende und medizinisch
sachkundige Mitteilungen, die von Hand zu Hand gereicht, an den Familien- und
Stammtischen verlesen, auf den Trambahnwagen erörtert wurden. Man hatte den
Berichterstatter des »Eilboten« per Droschke nach »Delphinenort« jagen sehen,
woselbst er in der Vorhalle mit dem Mosaikfußboden von dem Spoelmannschen
Butler abgefertigt worden war und englisch mit ihm gesprochen hatte, obgleich
es ihm nicht leicht wurde. Übrigens war der Presse der Vorwurf nicht zu
ersparen, daß sie die Sache aufbauschte und unnötige Besorgnisse unterhielt. Es
konnte schlechterdings von keiner ernsten Gefahr die Rede sein. Sechs Tage
Bettruhe unter der Pflege des Spoelmannschen Leibarztes genügten, um die
Gefäßerweiterung zu beheben und des Fräuleins Lunge vollständig
wiederherzustellen. Aber diese sechs Tage genügten auch, um die Bedeutung,
welche die Spoelmanns und insonderheit Fräulein Immas Person in unserer
Öffentlichkeit gewonnen hatten, klar zutage treten zu lassen. Allmorgendlich
fanden sich die Abgesandten der Journale, Beauftragte der allgemeinen
Wißbegier, in der Mosaikhalle von »Delphinenort« zusammen, um den knappen Tagesbericht des Butlers entgegenzunehmen, den sie dann in jener breiten
Verarbeitung, welche das Publikum verlangte, in ihren Blättern anrichteten. Man
las von duftenden Grüßen und Genesungswünschen, die in »Delphinenort«
eingetroffen seien, übersandt von verschiedenen wohltätigen Anstalten, die
Imma Spoelmann besucht und mit reichen Stiftungen unterstützt hatte (und
Witzbolde merkten an, daß eigentlich die großherzogliche Steuerbehörde
Gelegenheit hätte nehmen müssen, auf ähnliche Art ihre Huldigung
darzubringen). Man las auch – und ließ die Zeitung sinken, um einander
anzublicken – von einer »prachtvollen« Blumenspende, die Prinz Klaus Heinrich
nebst seiner Karte habe übermitteln lassen – (während die Wahrheit war, daß der
Prinz nicht einmal, sondern täglich, solange Fräulein Spoelmann das Bett hütete,
Blumen nach »Delphinenort« sandte, was aber, um allzu große Erschütterungen
zu vermeiden, von den Wissenden verschwiegen wurde). Man las ferner, daß die
allbeliebte junge Patientin zum ersten Male das Bett verlassen habe, und endlich
wurde gemeldet, daß ihre erste Ausfahrt unmittelbar bevorstehe. Diese Ausfahrt
jedoch, die acht Tage nach des Fräuleins Erkrankung an einem sonnigen
Herbstvormittag stattfand, sollte zu einer Gefühlsäußerung von seiten der
Bevölkerung Veranlassung geben, die von Leuten mit strengem
Selbstbewußtsein sogar als zu weitgehend bezeichnet wurde. Um das riesige,
olivenfarben lackierte und mit ziegelroten Lederpolstern ausgestattete
Spoelmannsche Automobil nämlich, das, mit einem jungen Chauffeur von
angelsächsischem Gesichtsschnitt und blasser, gesammelter Miene auf dem
Bock, vor dem Hauptportal von »Delphinenort« wartete, hatte sich eine größere
Menschenansammlung gebildet, und als Fräulein Spoelmann mit der Gräfin
Löwenjoul und gefolgt von einem deckentragenden Lakaien ins Freie trat,
brachen tatsächlich, mit Mützenschwenken und Tücherwehen, Hochrufe aus, die
sich wiederholten und andauerten, bis das Kraftfahrzeug sich unter dem Tosen
der Hupe den Weg durch das Gedränge gebahnt und die Manifestanten im
Benzinbrodem zurückgelassen hatte. Zuzugeben ist, daß die Gruppe der Schreier
aus jenen nicht sehr würdigen Elementen bestand, die sich bei solchen
Gelegenheiten zusammenzufinden pflegen: aus halbwüchsigen Burschen,
einigen Frauen mit Marktkörben, ein paar Schulkindern, Gaffern, Tagedieben
und Beschäftigungslosen verschiedener Art. Aber was ist das Volk und wie muß
es sich zusammensetzen, um maßgebend zu sein? Ferner ist eine Behauptung
nicht ganz mit Stillschweigen zu übergehen, die später von höhnischen
Charakteren verbreitet wurde und wonach unter der Volksmenge um das
Automobil ein im Solde des Herrn von Knobelsdorff stehender Agent, Mitglied
der geheimen Polizei, sich befunden hätte, der die Hochrufe angestimmt und mit
Fleiß unterhalten habe. Man kann das dahinstellen und den Verkleinerern bedeutender Vorgänge ihre Genugtuung gönnen. Geringsten Falles, das heißt,
wenn die Angabe jener Leute zutraf, hatte es sich um die mechanische
Auslösung von Empfindungen gehandelt, die eben lebendig vorhanden sein
mußten, um ausgelöst werden zu können. Jedenfalls verfehlte dieser Auftritt, der
natürlich in der Tagespresse ausführlich geschildert wurde, auf niemanden seine
Wirkung, und für Personen mit einigem Scharfblick für den Zusammenhang der
Dinge unterlag es keinem Zweifel, daß eine weitere Nachricht, die wenige Tage
darauf die Gemüter beschäftigte, zu all diesen Erscheinungen und Anzeigen in
tiefer Beziehung stehen müsse.
Die Meldung lautete dahin, daß Seine Königliche Hoheit Prinz Klaus Heinrich
Seine Exzellenz den Herrn Staatsminister von Knobelsdorff auf Schloß
»Eremitage« in einer Audienz empfangen habe, die ohne Unterbrechung von
drei Uhr nachmittags bis sieben Uhr abends gedauert habe. Geschlagene vier
Stunden lang! Um was hatte es sich gehandelt? Um den nächsten Hofball doch
nicht? Nun, es war unter anderem auch von dem Hofball die Rede gewesen.
Herr von Knobelsdorff hatte seine Bitte um eine vertrauliche Unterredung
dem Prinzen gelegentlich der Hofjagd vorgetragen, die am zehnten Oktober bei
Schloß »Jägerpreis« in den westlichen Waldungen abgehalten worden und an
welcher Klaus Heinrich, gleich seinen rotköpfigen Vettern, in grüner Uniform,
Kerbhut und Stulpenstiefeln, behängt mit Feldstecher, Hirschfänger, Jagdmesser,
Patronengürtel und Pistolentasche, sich beteiligt hatte. Herr von Braunbart-
Schellendorf war zu Rate gezogen und die Besprechung auf die dritte
Nachmittagsstunde des zwölften Oktobertages angesetzt worden. Übrigens hatte
Klaus Heinrich sich erboten, seinerseits den alten Herrn in dessen Amtswohnung
aufzusuchen, aber Herr von Knobelsdorff hatte es vorgezogen, nach
»Eremitage« zu kommen, und kam pünktlich, empfangen mit all der
Verbindlichkeit und Wärme, die Klaus Heinrich gegenüber dem betagten
Ratgeber seines Vaters und Bruders durch die Form als geboten erachtete. Jener
nüchterne kleine Salon, in welchem die drei schönen Empirefauteuils in
Mahagoni mit der bläulichen Lyrastickerei auf gelbem Grunde standen, war der
Schauplatz der Unterhaltung.
Wiewohl den Siebzig nicht mehr fern, war Exzellenz von Knobelsdorff rüstig
in körperlichem wie in geistigem Betracht. Sein Gehrock zeigte nicht eine
Greisenfalte, sondern umspannte prall und bestens ausgefüllt den gedrungenen
und freundlich gepolsterten Körper eines Mannes von glücklicher Gemütsart.
Sein voll erhaltenes, in der Mitte glattgescheiteltes Haupthaar war von reinem
Weiß wie der gestutzte Schnurrbart, sein Kinn durch einen Einschnitt, der als
Grübchen gelten konnte, sympathisch gespalten. Die fächerförmig angeordneten
Fältchen an seinen äußeren Augenwinkeln trieben ihr Spiel wie vorzeiten; ja, sie hatten mit den Jahren noch kleine Abzweigungen und Nebenlinien erhalten, so,
daß dies vielfache und rege Runzelwerk seinen blauen Augen den beständigen
Ausdruck launiger Verschlagenheit verlieh. – Klaus Heinrich war Herrn von
Knobelsdorff zugetan, ohne daß ein näheres Verhältnis zwischen ihnen
bestanden hätte. Der Staatsminister hatte zwar des Prinzen Lebensgang
überwacht und geleitet, hatte anfänglich den Schulrat Dröge zu seinem ersten
Lehrer bestimmt, dann das Fasanenkonvikt für ihn ins Leben gerufen, ihn später
mit Doktor Überbein auf die Universität geschickt, auch seinen scheinbaren
militärischen Dienst geregelt und ihm sogar Schloß »Eremitage« zur Wohnung
bestimmt – aber alles nur unmittelbar und bei seltener persönlicher Berührung;
ja, wenn Herr von Knobelsdorff in jenen Erziehungsjahren mit Klaus Heinrich
zusammengetroffen war, so hatte er sich wohl gar nach des Prinzen
Entschließungen und Zukunftsplänen untertänigst erkundigt, als wüßte er nichts
davon, und vielleicht war es gerade diese von beiden Seiten standhaft
aufrechterhaltene Fiktion, die den Verkehr durchaus in den Schranken des
Förmlichen gehalten hatte.
Herr von Knobelsdorff, der in bequemer und dennoch ehrerbietiger Haltung
die Führung des Gesprächs übernommen hatte, während Klaus Heinrich die
Absichten dieses Besuches zu erraten suchte, plauderte zunächst von der
vorgestrigen Hofjagd, tat einen behaglichen Rückblick auf die Strecke und
erwähnte dann von ungefähr seines vortrefflichen Kollegen von den Finanzen,
Dr. Krippenreuthers, der ebenfalls an dem Jagen teilgenommen und dessen
schlechtes Aussehen er beklagte. Herr Krippenreuther habe bei »Jägerpreis«
wahrhaftig nichts als Fehlschüsse getan. »Ja, Sorgen machen die Hand nicht
sicher«, bemerkte Herr von Knobelsdorff und legte so dem Prinzen das
Stichwort zu einer knappen Kennzeichnung dieser Sorgen in den Mund. Er
sprach von dem »nicht unerheblichen« Fehlbetrag des Hauptvoranschlages, von
des Ministers Mißhelligkeiten mit der Budgetkommission, der neuen
Vermögenssteuer, dem Steuerfuß von dreizehneinhalb und dem wütenden
Widerstande der städtischen Vertreter, von der vorsintflutlichen Fleischsteuer
und dem Hungerschrei der Beamten; und Klaus Heinrich, anfänglich befremdet
von soviel Sachlichkeit, hörte ihm mit ernstem und eifrigem Kopfnicken zu.
Die beiden Herren, der alte und der junge, saßen nebeneinander auf einer
schmächtigen und ein wenig harten Sofabank mit gelbem Tuchbezug und
kranzförmigen Messingbeschlägen, die, hinter dem Rundtisch, der schmalen
Glastür gegenüberstand, die auf die Terrasse führte und hinter welcher der
halbentblätterte Park mit dem Ententeich im Herbstnebel verschwamm. Der
niedrige, schlichtweiße Kachelofen, in dem ein Feuer knisterte, verbreitete in
dem streng und karg möblierten Zimmer eine linde Wärme, und Klaus Heinrich, nicht völlig imstande, den politischen Ausführungen zu folgen, doch stolz und
glücklich, von dem erfahrenen Würdenträger so ernst unterhalten zu werden,
fühlte sich mehr und mehr von einer dankbaren, vertrauensvollen Stimmung
umfangen. Herr von Knobelsdorff sprach angenehm über die unangenehmsten
Dinge, seine Stimme war wohltuend, das Gefüge seiner Rede gewandt und
einschmeichelnd – und plötzlich ward Klaus Heinrich gewahr, daß er das
wirtschaftliche Gebiet verlassen hatte und von den Sorgen Doktor
Krippenreuthers auf sein eigenes, Klaus Heinrichs, Befinden übergegangen war.
Täuschte sich Herr von Knobelsdorff? Seine Augen fingen an, ihn zuweilen im
Stiche zu lassen. Aber ihm wollte scheinen, als sei auch das Aussehen Seiner
Königlichen Hoheit schon besser, schon frischer, schon heiterer gewesen. Eine
Müdigkeit, ein Zug von Kummer sei unverkennbar … Herr von Knobelsdorff
fürchte zudringlich zu erscheinen; aber er müsse hoffen, daß diesen Anzeichen
keine ernstliche Beschwerde des Körpers oder Gemütes zugrunde liege?
Klaus Heinrich schaute in den Nebel hinaus. Noch war sein Blick
verschlossen; aber obgleich er in unnachlässig gesammelter und gegenwärtiger
Haltung wie immer, die Füße gekreuzt, die rechte Hand über der linken, den
Oberkörper Herrn von Knobelsdorff zugewandt auf dem harten Sofa saß, so
spannte seine innere Haltung sich doch ab in dieser Stunde, und ermattet wie er
war von seinen seltsam zarten und ergebnislosen Kämpfen, fehlte nicht viel, daß
seine Augen sich mit Tränen gefüllt hätten. Er war so sehr allein und unberaten.
Doktor Überbein hielt sich neuerdings fern von »Eremitage« … Klaus Heinrich
sagte noch: »Ach, Exzellenz, das würde zu weit führen.«
Aber Herr von Knobelsdorff antwortete: »Zu weit? Nein, fürchten Königliche
Hoheit nicht allzu ausführlich sein zu müssen. Ich bekenne, daß ich über Euerer
Königlichen Hoheit Erlebnisse unterrichteter bin, als ich mir eben den Anschein
gab. Königliche Hoheit werden mir, abgesehen von jenen Feinheiten und
Einzelheiten, die das Gerücht nicht aufzunehmen vermag, kaum etwas Neues
mitzuteilen haben. Aber wenn es Euerer Königlichen Hoheit wohltun könnte,
einem alten Diener, der Sie auf seinen Armen getragen, Ihr Herz auszuschütten
… vielleicht, daß ich nicht ganz und gar unfähig wäre, Euerer Königlichen
Hoheit mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.«
Da geschah's, daß alles in Klaus Heinrichs Brust sich löste und sich als
Bekenntnis gewaltig ergoß, daß er Herrn von Knobelsdorff das Ganze erzählte.
Er erzählte, wie man erzählt, wenn das Herz einem voll ist und alles auf einmal
sich über die Lippen drängt: nicht gerade sehr planmäßig, nicht sehr der Reihe
nach und bei Unwesentlichkeiten über Gebühr verweilend, aber höchst
eindringlich und mit jener Körperlichkeit, die das Erzeugnis leidenschaftlicher
Anschauung ist. Er fing in der Mitte an, sprang unversehens zum Anfang, hastete dem Ende zu (das nicht vorhanden war), überstürzte sich und rannte sich
mehr als einmal verzweifelt fest. Aber Herrn von Knobelsdorffs Vorkenntnisse
erleichterten ihm die Übersicht, sie setzten ihn instand, durch förderliche
Zwischenfragen das Schifflein wieder flottzumachen – und endlich lag das Bild
von Klaus Heinrichs Erlebnissen mit allen seinen Personen und Vorgängen, mit
den Gestalten Samuel Spoelmanns, der verwirrten Gräfin Löwenjoul, ja selbst
des edlen Collies Perceval und namentlich derjenigen Imma Spoelmanns in all
ihrer Schwierigkeit, vollendet und lückenlos zur Beratung vor. Sogar des Stückes
Guttaperchapapier war ausführlich Erwähnung getan, denn Herr von
Knobelsdorff schien Gewicht darauf zu legen, und nichts war ausgelassen
zwischen jenem so eindrucksvollen Auftritt bei der Ablösung der Schloßwache
und den letzten innigen und quälenden Kämpfen zu Pferd und zu Fuß. Klaus
Heinrich war stark erhitzt, als er fertig war, und seine stahlblauen, von den
volkstümlichen Wangenknochen bedrängten Augen standen in Tränen. Er hatte
die Sofabank verlassen, wodurch er Herrn von Knobelsdorff gezwungen hatte,
sich ebenfalls zu erheben, und wollte der Wärme wegen durchaus die Glastür zu
der kleinen Veranda öffnen, was aber Herr von Knobelsdorff mit dem Hinweis
auf die große Erkältungsgefahr verhinderte. Er richtete die untertänigste Bitte an
den Prinzen, sich wieder zu setzen, da Seine Königliche Hoheit sich der
Notwendigkeit einer ruhigen Erörterung der Sachlage nicht verschließen könne.
Und beide ließen sich wieder auf das wenig schwellende Polster nieder.
Herr von Knobelsdorff überlegte eine Weile, und sein Gesicht war so ernst,
wie es mit seinem gespaltenen Kinn und seinen spielenden Augenfältchen nur
immer zu sein vermochte. Sein Schweigen brechend, dankte er zunächst dem
Prinzen bewegten Herzens für die hohe Ehre, die er ihm durch sein Vertrauen
erwiesen habe. Und unmittelbar im Anschluß hieran war es, daß Herr von
Knobelsdorff, unter Betonung jedes einzelnen Wortes, die Erklärung abgab:
Welche Stellungnahme der Prinz nun auch immer in dieser Angelegenheit von
ihm, dem Herrn von Knobelsdorff, gewärtigt habe, so sei er, Herr von
Knobelsdorff, jedenfalls nicht der Mann, den Wünschen und Hoffnungen des
Prinzen entgegen zu sein, vielmehr durchaus gemeint, Seiner Königlichen
Hoheit die Wege zu dem ersehnten Ziel nach besten Kräften zu ebnen.
Langes Stillschweigen. Klaus Heinrich blickte Herrn von Knobelsdorff
entgeistert in die Augen mit den strahlenartig angeordneten Fältchen. Er hatte
also Wünsche und Hoffnungen? Es gab also ein Ziel? Er wußte nicht, was er
hörte. Er sagte: »Exzellenz sind so freundlich …«
Da fügte Herr von Knobelsdorff seiner großen Erklärung etwas von einer
Bedingung hinzu und sagte: Unter einer Bedingung freilich nur dürfe er, als
erster Beamter des Staats, seinen bescheidenen Einfluß im Sinne Seiner Königlichen Hoheit geltend machen …
Unter einer Bedingung?
»Unter der Bedingung, daß Euere Königliche Hoheit nicht in eigennütziger
und unbedeutender Weise nur auf Ihr eigenes Glück Bedacht nehmen, sondern,
wie Ihr hoher Beruf es von Ihnen fordert, Ihr persönliches Schicksal aus dem
Gesichtspunkt des großen Ganzen betrachten.«
Klaus Heinrich schwieg, und seine Augen waren schwer von Nachdenken.
»Genehmigen Königliche Hoheit,« fuhr Herr von Knobelsdorff nach einer
Pause fort, »daß wir diese delikate und noch ganz unübersehbare Angelegenheit
auf eine Weile verlassen und uns allgemeineren Gegenständen zuwenden! Dies
ist eine Stunde des Vertrauens und der gegenseitigen Verständigung … ich bitte
ehrerbietigst, sie nutzen zu dürfen. Königliche Hoheit sind durch Ihre erhabene
Bestimmung dem rauhen Getriebe der Wirklichkeit entrückt, durch schöne
Vorkehrungen davon geschieden. Ich werde nicht vergessen, daß dieses Getriebe
nicht – oder doch nur mittelbar – Euerer Königlichen Hoheit Sache ist. Dennoch
scheint mir der Augenblick gekommen, Euerer Königlichen Hoheit wenigstens
ein gewisses Gebiet dieser rauhen Welt, ganz um seiner selbst willen, zu
unmittelbarer Anschauung und Einsicht nahezubringen. Ich bitte im voraus um
gnädigste Verzeihung, wenn ich Euere Königliche Hoheit durch meine
Informationen innerlich hart berühren sollte …«
»Bitte, sprechen Sie, Exzellenz!« sagte Klaus Heinrich nicht ohne Bestürzung.
Unwillkürlich setzte er sich zurecht, wie man sich im Stuhle des Zahnarztes
zurechtsetzt und seine Natur gegen einen schmerzhaften Eingriff sammelt …
»Ungeteilte Aufmerksamkeit ist erforderlich«, sagte Herr von Knobelsdorff
beinahe streng. Und nun erfolgte, anknüpfend an die Mißhelligkeiten mit der
Budgetkommission, jener Vortrag, jene klare, gründliche und ungeschminkte,
mit Ziffern und eingeschobenen Erläuterungen der Grundverhältnisse und
Fachausdrücke wohlausgestattete Belehrung und Unterrichtsstunde über die
wirtschaftliche Lage des Landes, des Staates, die dem Prinzen unser ganzes
Leidwesen in unerbittlicher Deutlichkeit vor Augen rückte. Selbstverständlich
waren diese Dinge ihm nicht vollkommen neu und fremd; vielmehr hatten sie
ihm ja, seitdem er repräsentierte, als Anlaß und Stoff zu jenen förmlichen Fragen
gedient, die er an Bürgermeister, Ackerbürger, hohe Beamte zu richten pflegte
und worauf er Antworten entgegennahm, die um ihrer selbst und nicht um der
Dinge willen gegeben wurden, auch wohl von dem Lächeln begleitet waren, das
er von klein auf kannte und welches »Du Reiner, Du Feiner!« besagte. Aber
noch nie war all das in dieser massigen und nackten Sachlichkeit auf ihn
eingedrungen, um in vollem Ernst seine Denkkraft in Anspruch zu nehmen. Herr
von Knobelsdorff begnügte sich keineswegs mit Klaus Heinrichs gewohntem, eifrig ermunterndem Nicken; er nahm es genau, er überhörte den jungen Mann,
er ließ sich ganze Erläuterungen wiederholen, er hielt ihn unnachsichtig im
Banne des Gegenständlichen, und es war wie ein Zeigefinger, der, faltig von
trockener Haut, an dem einzelnen Punkte haftete und nicht eher von der Stelle
rückte, als bis man den Ausweis wirklichen Verständnisses erbracht hatte.
Herr von Knobelsdorff begann bei den Grundlagen und sprach von dem Lande
und seinen wenig entwickelten Verhältnissen in bezug auf Handel und Industrie,
von dem Volk, Klaus Heinrichs Volk, diesem sinnigen und biederen, gesunden
und rückständigen Menschenschlage. Er sprach von den mangelhaften
Staatseinnahmen, den schlecht rentierenden Eisenbahnen, den unzulänglichen
Kohlenlagern. Er kam auf die Forst-, Jagd- und Triftverwaltung, er sprach vom
Walde, von den Überfällungen, der übermäßigen Streuentnahme, den
Krüppelbeständen, der gesunkenen Forstrente. Dann ging er des näheren auf
unsere Geldwirtschaft ein, erörterte die natürliche Steueruntüchtigkeit des
Volkes, kennzeichnete die verwahrloste Finanzgebarung früherer Perioden. Und
hierauf rückte die Ziffer der Staatsschulden an, die zu wiederholen Herr von
Knobelsdorff den Prinzen mehrmals nötigte. Es waren sechshundert Millionen.
Der Unterricht erstreckte sich weiter auf das Obligationenwesen, auf Zins- und
Rückzahlungsbedingungen, er kehrte zu Doktor Krippenreuthers gegenwärtiger
Bedrängnis zurück und schilderte die schwere Ungunst des Augenblicks. An der
Hand der »Zeitschrift des Statistischen Bureaus«, die er plötzlich aus der Tasche
zog, machte Herr von Knobelsdorff seinen Schüler mit den Ernteergebnissen der
letzten Jahre bekannt, zählte die Unbilden auf, die den Mißwuchs gezeitigt
hatten, bezeichnete die Steuerausfälle, die er mit sich brachte, und erwähnte
sogar der unterernährten Gestalten auf dem Lande. Dann ging er zur Lage des
Geldmarktes im großen über, verbreitete sich über die Geldteuerung, die
allgemeine wirtschaftliche Verstimmung. Und Klaus Heinrich erfuhr von dem
Tiefstand des Kurses, der Unruhe der Gläubiger, dem Geldabfluß, den
Bankbrüchen; er sah unsern Kredit erschüttert, unsere Papiere entwertet und
begriff vollkommen, daß die Begebung einer neuen Anleihe beinahe unmöglich
war.
Die Dämmerung fiel ein, es war weit über fünf Uhr, als Herr von
Knobelsdorff seinen volkswirtschaftlichen Vortrag endigte. Um diese Zeit
pflegte Klaus Heinrich seinen Tee zu nehmen, aber er dachte nur ganz
vorübergehend daran, und von außen wagte niemand eine Unterredung zu
stören, deren Wichtigkeit sich in ihrer Zeitdauer zu erkennen gab. Klaus
Heinrich lauschte, lauschte. Er wußte noch kaum, wie sehr erschüttert er war.
Aber wie unterfing man sich eigentlich, ihm all das zu sagen? Nicht ein einziges
Mal hatte man ihn »Königliche Hoheit« genannt während dieses Unterrichts, hatte ihm gewissermaßen Gewalt angetan und seine Reinheit und Feinheit
gröblich verletzt. Und doch war es gut, es erwärmte innerlich, das alles zu hören
und sich um der Sache willen darein vertiefen zu müssen … Er vergaß, Licht
machen zu lassen, so sehr war seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen.
»Diese Umstände«, schloß Herr von Knobelsdorff, »waren es etwa, die ich im
Sinne hatte, als ich Euere Königliche Hoheit aufforderte, Ihr persönliches
Wünschen und Trachten stets im Lichte des Allgemeinen zu sehen. Königliche
Hoheit werden aus dieser Stunde und dem Inhalt, den ich ihr geben durfte,
Nutzen ziehen, ich zweifle nicht daran. Und in dieser Zuversicht lassen
Königliche Hoheit mich wieder auf Ihre engeren Angelegenheiten
zurückkommen.«
Herr von Knobelsdorff wartete, bis Klaus Heinrich mit der Hand ein Zeichen
seiner Zustimmung gegeben hatte, und fuhr dann fort: »Wenn dieser Sache
irgendwelche Zukunft beschieden sein soll, so ist es erforderlich, daß sie sich
nun zu einer neuen Entwicklungsstufe erhebt. Sie stagniert, sie steht formlos und
aussichtslos wie der Nebel draußen. Das ist unleidlich. Man muß ihr Gestalt
geben, muß sie verdichten, muß sie auch für die Augen der Welt bestimmter
umreißen …«
»Ganz so! Ganz so! Ihr Gestalt geben … sie verdichten … Das ist es! Das ist
unbedingt notwendig!« bestätigte Klaus Heinrich außer sich, wobei er
neuerdings das Sofa verließ und im Zimmer hin und her zu gehen begann: »Aber
wie? Sagen Exzellenz mir um Gottes willen, wie!«
»Der nächste äußere Fortschritt«, sagte Herr von Knobelsdorff und blieb
sitzen – so ungewöhnlich war die Stunde –, »muß dieser sein, daß man die
Spoelmanns bei Hofe sieht.«
Klaus Heinrich blieb stehen.
»Nie,« sagte er, »niemals, wie ich Herrn Spoelmann kenne, wird er zu
bewegen sein, zu Hofe zu gehen!«
»Was nicht ausschließt,« antwortete Herr von Knobelsdorff, »daß sein
Fräulein Tochter uns dieses Vergnügen machen wird. Wir sind nicht allzuweit
mehr vom Hofball entfernt – in Ihrer Hand liegt es, Königliche Hoheit, Fräulein
Spoelmann zur Teilnahme daran zu bestimmen. Ihre Gesellschaftsdame ist
Gräfin … sie soll nicht ohne Eigenheiten sein, aber sie ist Gräfin, und das
erleichtert die Sache. Wenn ich Euerer Königlichen Hoheit versichere, daß der
Hof es nicht an Entgegenkommen fehlen lassen wird, so spreche ich im
Einverständnis mit dem Herrn Oberzeremonienmeister von Bühl zu Bühl …«
Und nun behandelte das Gespräch noch drei Viertelstunden lang
Placementfragen und die zeremoniellen Bedingungen, unter denen die
Einführung, die Vorstellung, würde zu vollziehen sein. Unerläßlich blieb die
Kartenabgabe bei der Oberhofmeisterin der Prinzessin Katharina, einer
verwitweten Gräfin Trümmerhauff, die bei den Festlichkeiten im Alten Schlosse
der Damenwelt vorstand. Was aber den Akt der Vorstellung selbst betraf, so hatte
Herr von Knobelsdorff Zugeständnisse zu erwirken verstanden, die einen geflissentlichen, ja herausfordernden Charakter trugen. Es gab keinen
amerikanischen Geschäftsträger am Orte – kein Grund dafür, erklärte Herr von
Knobelsdorff, die Damen durch den erstbesten Kammerherrn präsentieren zu
lassen: nein, der Oberzeremonienmeister selbst bitte um die Ehre, sie dem
Großherzog vorstellen zu dürfen. Wann? An welchem Punkte der
vorgeschriebenen Reihenfolge? Nun, zweifellos, ungewöhnliche Umstände
erforderten ein Übriges. Zuerst also, an erster Stelle, vor allen Neueingeladenen
der verschiedenen Hofrangklassen – Klaus Heinrich möge das Fräulein dieser
außerordentlichen Maßregel versichern. Es werde Gerede geben, Aufsehen bei
Hofe und in der Stadt. Aber gleichviel und um so besser. Aufsehen war
keineswegs unerwünscht, Aufsehen war nützlich, war notwendig …
Herr von Knobelsdorff ging. Es war so dunkel geworden, als er sich
verabschiedete, daß man einander kaum noch sah. Klaus Heinrich, der dessen
erst jetzt gewahr wurde, entschuldigte sich in einiger Verwirrung, aber Herr von
Knobelsdorff erklärte es für ganz unwesentlich, in welcher Beleuchtung eine
solche Unterredung stattfinde. Er nahm Klaus Heinrichs Hand, die dieser ihm
bot, und umfaßte sie mit seinen beiden. »Nie,« sagte er warm – und dies waren
seine letzten Worte, bevor er sich zurückzog –, »nie war das Glück eines Fürsten
von dem seines Landes unzertrennlicher. Bei allem, was Euere Königliche
Hoheit erwägen und tun, wollen Sie sich gegenwärtig halten, daß Euerer
Königlichen Hoheit Glück durch Schicksalsfügung zur Bedingung der
öffentlichen Wohlfahrt geworden ist, daß aber auch Euere Königliche Hoheit
Ihrerseits in der Wohlfahrt des Landes die unerläßliche Bedingung und
Rechtfertigung Ihres Glücks zu erkennen haben.«
Heftig bewegt und noch außerstande, die Gedanken zu ordnen, die ihn
tausendfältig bestürmten, blieb Klaus Heinrich in seinen enthaltsamen
Empirestuben zurück.
Er verbrachte eine unruhvolle Nacht und machte am nächsten Vormittag trotz
unsichtigen und schleimigen Wetters einen einsamen, ausgedehnten Spazierritt.
Herr von Knobelsdorff hatte klar und reichlich geredet, hatte Tatsachen gegeben
und entgegengenommen; aber zur Verschmelzung, Gestaltung und inneren
Verarbeitung dieses vielfachen Rohstoffes hatte er nur kurze, spruchartige
Anleitungen gegeben, und es war schwere Gedankenarbeit, die Klaus Heinrich
zu leisten hatte, während er nächtlicherweile wach lag und später, als er auf
Florian spazierenritt.
Nach »Eremitage« zurückgekehrt, tat er etwas Merkwürdiges. Er schrieb mit
Bleistift auf ein Blättchen Papier eine Order, eine gewisse Bestellung, und
schickte den Kammerlakaien Neumann damit zur Stadt, zur Akademischen
Buchhandlung in der Universitätsstraße. Was Neumann, schwer schleppend, zurückbrachte, war ein Ballen Bücher, die Klaus Heinrich in seinem
Arbeitszimmer ausbreiten ließ, und mit deren Lektüre er sofort begann.
Es waren Werke von nüchternem und schulbuchmäßigem Aussehen, mit
Glanzpapierbacken, unschön geschmückten Lederrücken und rauhem Papier, auf
welchem der Inhalt peinlich nach Abschnitten, Hauptabteilungen,
Unterabteilungen und Paragraphen angeordnet war. Ihre Titel waren nicht heiter.
Es waren Lehr- und Handbücher der Finanzwissenschaft, Ab- und Grundrisse
der Staatswirtschaft, systematische Darstellungen der politischen Ökonomie.
Und mit diesen Schriften schloß der Prinz sich in seinem Kabinett ein und gab
Weisung, daß er auf keinen Fall gestört zu werden wünsche.
Der Herbst war wässerig, und Klaus Heinrich fühlte sich wenig versucht, die
Eremitage zu verlassen. Am Sonnabend fuhr er ins Alte Schloß, um
Freiaudienzen zu gewähren; sonst war er diese Woche lang Herr seiner Zeit, und
er wußte Gebrauch davon zu machen. Angetan mit seiner Litewka, saß er in der
Wärme des niedrigen Kachelofens an seinem kleinen, altmodischen und wenig
benutzten Sekretär und las, die Schläfen in den Händen, in seinen
Finanzbüchern. Er las von den Staatsausgaben, und worin sie nur immer
bestanden, von den Einnahmen, und woher sie glücklichenfalls flossen; er
durchpflügte das ganze Steuerwesen in allen seinen Kapiteln; er vergrub sich in
die Lehre vom Finanzplan und Budget, von der Bilanz, dem Überschuß und
namentlich dem Defizit, er verweilte am längsten und gründlichsten bei der
Staatsschuld und ihren Arten, bei der Anleihe, dem Verhältnis von Zins und
Kapital und der Tilgung – und zuweilen erhob er den Kopf vom Buche und
träumte lächelnd von dem, was er gelesen, als sei es die bunteste Poesie.
Übrigens fand er, daß es nicht schwer war, das alles zu begreifen, wenn man
es darauf anlegte. Nein, diese ganze ernste Wirklichkeit, an der er nun teilnahm,
dies simple und plumpe Interessengefüge, dies Lehrgebäude platt folgerichtiger
Bedürfnisse und Notwendigkeiten, das zahllose gewöhnlich geborene junge
Leute in ihre lebenslustigen Köpfe zu nehmen hatten, um ihre Examina darüber
abzulegen – es war bei weitem so schwer nicht beherrschbar, wie er in seiner
Höhe geglaubt hatte. Repräsentieren, fand er, war schwerer. Und viel, viel
heikler und schwieriger waren seine Kämpfe mit Imma Spoelmann, zu Pferd und
zu Fuß. Doch machte es ihn warm und froh, sein Studium, und er fühlte, daß er
rote Backen bekam vor Eifer wie sein Schwager zu Ried-Hohenried von seinem
Torf.
Nachdem er so den Tatsachen, die er von Herrn von Knobelsdorff empfangen,
eine allgemeine und akademische Grundlage gegeben und auch sonst im
Knüpfen von inneren Beziehungen und im Abwägen von Möglichkeiten eine
bedeutende Gedankenarbeit verrichtet hatte, stellte er sich wieder um die Teestunde auf »Delphinenort« ein. Die Glühbirnen der löwenfüßigen
Schaftkandelaber und der großen Kristallüster brannten im Gartensalon. Die
Damen waren allein.
Nach den ersten Fragen und Antworten über Herrn Spoelmanns Befinden und
Immas überstandene Unpäßlichkeit – Klaus Heinrich machte ihr lebhafte
Vorwürfe über ihr seltsames Ungestüm, worauf sie mit vorgeschobenen Lippen
erwiderte, daß sie, soviel ihr bekannt, ihr eigener Herr sei und mit ihrer
Gesundheit nach Belieben schalten könne – kam das Gespräch auf den Herbst,
auf die nasse Witterung, die das Reiten verbiete, auf die vorgerückte Jahreszeit,
den nahen Winter, und Klaus Heinrich erwähnte von ungefähr des Hofballes,
wobei es ihm einfiel, zu fragen, ob denn die Damen – wenn leider Herr
Spoelmann schon durch seinen Gesundheitszustand verhindert sein würde –
nicht Lust hätten, sich diesmal daran zu beteiligen. Als aber Imma erwiderte:
Nein, wirklich, die Absicht einer Kränkung liege ihr fern, aber dazu habe sie
schlechterdings nicht die geringste Lust, drang er nicht in sie, sondern stellte die
Frage vorläufig gelassen zurück.
Was er getrieben habe die letzten Tage? – Oh, er sei beschäftigt gewesen, er
könne sagen, daß es Arbeit die Hülle und Fülle gegeben habe. – Arbeit? Ohne
Zweifel meine er die Hofjagd bei »Jägerpreis«. – Nun, die Hofjagd … Nein, er
sei wirklichen Studien nachgegangen, die er übrigens keineswegs schon
abgeschlossen habe; vielmehr stecke er noch tief in der betreffenden Materie …
Und Klaus Heinrich begann von seinen unschönen Büchern, seinen
finanzwissenschaftlichen Einsichten zu erzählen, und mit solcher Freude und
Hochachtung sprach er von dieser Disziplin, daß Imma Spoelmann ihn mit
großen Augen betrachtete. Als sie ihn aber – was auf fast schüchterne Weise
geschah – über den Anlaß und Beweggrund zu seiner Beschäftigung befragte,
antwortete er, daß es lebendige, nur allzu brennende Tagesfragen seien, die ihn
darauf hingeleitet hätten: Verhältnisse und Umstände, die sich leider für ein
heiteres Teegespräch recht wenig eigneten. Diese Redewendung kränkte Imma
Spoelmann ganz offenkundig. Auf welche Beobachtungen – fragte sie scharf und
wandte ihr Köpfchen hin und her – sich eigentlich seine Überzeugung gründe,
daß sie ausschließlich oder auch nur vorzugsweise heiteren Gesprächen
zugänglich sei? Und sie befahl ihm mehr, als sie bat, sich gefälligst über die
brennenden Tagesfragen zu äußern.
Da zeigte Klaus Heinrich, was er bei Herrn von Knobelsdorff gelernt hatte,
und sprach über das Land und die Lage. Er wußte Bescheid in jedem Punkte,
worauf der faltige Zeigefinger geruht hatte, er sprach von den natürlichen und
den verschuldeten, den allgemeinen und den engeren, den hingeschleppten und
den verschärfend hinzugetretenen Übelständen, er betonte namentlich die Ziffer der Staatsschulden und den Druck, den sie auf unsre Volkswirtschaft ausübten –
es waren sechshundert Millionen –, und er vergaß nicht einmal der
unterernährten Gestalten auf dem Lande.
Er sprach nicht zusammenhängend; Imma Spoelmann unterbrach ihn mit
Fragen und half ihm mit Fragen vorwärts, sie nahm es genau und ließ sich
erläutern, was sie nicht gleich verstand. In ihrem offenärmeligen Hauskleid aus
ziegelfarbener Rohseide mit breiter Bruststickerei, eine altspanische Ehrenkette
um den kindlichen Hals, saß sie, über den Teetisch gebückt, der von Kristall und
Silber und köstlichem Porzellane schimmerte, einen Ellenbogen aufgestützt, das
Kinn in die schmucklose und zartgliedrige Hand vergraben, und lauschte mit
ganzer Seele, indes ihre Augen, so übergroß, so dunkel glänzend, in seiner
Miene forschten. Aber während er sprach, von Imma mit Mund und Augen
befragt, sich mühte, sich ereiferte und sich ganz seinem Gegenstand hingab,
fühlte Gräfin Löwenjoul sich nicht länger zu nüchterner Klarheit angehalten
durch seine Gegenwart, sondern ließ sich gehen und erlaubte sich die Wohltat
des Irreschwatzens. An allem Elend, erklärte sie mit vornehmen Bewegungen
und seltsam gekniffenem Blicke, auch an der Mißernte, der Schuldenlast und der
Geldteuerung, seien die schamlosen Weiber schuld, von welchen es überall
wimmele, und die leider auch den Weg durch den Fußboden zu finden wüßten,
wie denn vergangene Nacht die Frau eines Feldwebels aus der
Leibfüsilierkaserne ihr die Brust zerkratzt und sie mit abscheulichen Gebärden
gemartert habe. Hierauf erwähnte sie ihre Schlösser in Burgund, in die es von
oben hineinregnete, und ging so weit, zu erzählen, daß sie einen Feldzug gegen
die Türken als Leutnant mitgemacht habe, wobei sie die einzige gewesen sei, die
»nicht den Kopf verloren habe«. Imma Spoelmann und Klaus Heinrich gaben hie
und da ein gutes Wort, versprachen gern, sie vorderhand Frau Meier zu nennen
und ließen sich übrigens von ihren Zwischenreden nicht stören.
Sie hatten beide heiße Gesichter, als Klaus Heinrich alles gesagt hatte, was er
wußte – ja, auch auf dem Imma Spoelmanns, sonst von der Blässe der Perlen,
war ein Hauch von Röte zu bemerken. Sie schwiegen dann, und auch die Gräfin
verstummte, den kleinen Kopf auf die Schulter geneigt, gekniffenen Blickes ins
Leere äugend. Klaus Heinrich spielte auf dem blitzend weißen und scharf
gefalteten Tischtuch mit dem Stengel einer Orchidee, die in einem Spitzgläschen
neben seinem Gedeck gestanden hatte; aber sobald er den Kopf erhob, begegnete
er Imma Spoelmanns Augen, die übergroß, flammend und unverwandt, über den
Tisch hinweg eine dunkelfließende Sprache führten.
»Es war hübsch heute«, sagte sie mit ihrer gebrochenen Stimme, als er für
diesmal Abschied nahm – und er fühlte, wie ihre schmale, zartknochige Hand
die seine mit kräftigem Druck umspannte. »Wenn Euere Hoheit wieder einmal unser unwürdiges Haus beehren, sollten Sie mir das eine oder andere von den
guten Büchern bringen, die Sie sich angeschafft haben.« – Sie konnte es nicht
ganz lassen, zu spotten, aber sie bat ihn um seine Finanzbücher, und er brachte
sie ihr.
Er brachte ihr zwei davon, die er für die lehrreichsten und übersichtlichsten
hielt, brachte sie einige Tage später in seinem Coupé durch den feuchten
Stadtgarten, und sie wußte ihm Dank dafür. Sobald sie den Tee genommen,
zogen sie sich in einen Winkel des Salons zurück, woselbst sie, während die
Gräfin in Abwesenheit am Teetisch verharrte, in thronartigen Armstühlen an
einem vergoldeten Tischchen sitzend, über das erste Blatt eines Lehrbuches
namens »Finanzwissenschaft« gebeugt, ihr gemeinsames Studium begannen.
Selbst die Vorworte zur ersten und zur sechsten Auflage lasen sie mit,
abwechselnd mit leiser Stimme jeder einen Satz; denn Imma Spoelmann hielt
dafür, daß man methodisch zu Werke gehen und mit dem Anfang beginnen
müsse.
Klaus Heinrich, wohlvorbereitet wie er war, machte den Führer durch die
Paragraphen, und niemand hätte behender und hellsinniger zu folgen vermocht
als Imma.
»Es ist leicht!« sagte sie und sah lachend auf. »Mich nimmt wunder, daß es im
Grunde so einfach ist. Algebra ist viel schwerer, Prinz …«
Aber da sie die Sache so gründlich betrieben, kamen sie demnach nicht weit in
einer Nachmittagsstunde und machten ein Zeichen ins Buch, wo sie das nächste
Mal fortfahren würden.
Das geschah; und fortan waren des Prinzen Besuche auf »Delphinenort« von
dem sachlichsten Inhalt erfüllt. Immer, wenn Herr Spoelmann nicht am Teetisch
erschienen war oder, sobald er seinen Krankenzwieback eingetaucht, sich mit
Doktor Watercloose zurückgezogen hatte, richteten Imma und Klaus Heinrich
sich mit ihren Büchern an dem goldenen Tischchen ein, um sich, Kopf an Kopf,
in die Geldwirtschaftskunde zu vertiefen. Aber im Vorwärtsschreiten verglichen
sie die abgezogene Lehre mit der Wirklichkeit, wandten, was sie lasen, auf die
Verhältnisse des Landes an, wie Klaus Heinrich sie dargelegt hatte, und
studierten mit Nutzen, obgleich es nicht selten geschah, daß ihr Forschen von
Betrachtungen persönlicher Art unterbrochen wurde.
»Dann kann also die Emission«, sagte Imma, »auf direktem oder indirektem
Wege erfolgen – ja, das leuchtet ein. Entweder der Staat wendet sich
geradeswegs an die Kapitalisten und eröffnet die Subskription … Ihre Hand ist
doppelt so breit wie meine«, sagte sie – »sehen Sie, Prinz!« Und nun schauten
sie lächelnd und glücklich betroffen von dem einfachen Anblick ihre Hände an,
seine rechte und ihre linke, die nebeneinander auf der goldenen Tischplatte lagen. »Oder«, fuhr Imma fort, »die Anleihe wird durch Negotiation begeben,
und es ist irgendein großes Bankhaus oder Konsortium von solchen, an das der
Staat seine Schuldscheine …« »Warten Sie!« sagte er leise. »Warten Sie, Imma,
und beantworten Sie mir eine Frage! Lassen Sie auch die Hauptsache nicht außer
acht? Geben Sie sich auch Mühe, und machen Sie Fortschritte? Wie ist es mit
der Ernüchterung und Befangenheit, liebe kleine Imma? Haben Sie nun ein
bißchen Vertrauen zu mir?« Seine Lippen fragten es nahe ihrem Haar, dem ein
kostbarer Duft entströmte, und sie hielt ihr schwarzbleiches Kindergesichtchen
still dabei über das Buch gebeugt, wenn sie auch seine Frage nicht unumwunden
beantwortete. »Aber muß es ein Bankhaus oder Konsortium sein?« überlegte sie.
»Es steht nichts davon da, aber mir scheint, daß es das praktischen Falles nicht
notwendig zu sein braucht …«
Sie sprach ernsthaft und ohne Anführungszeichen in dieser Zeit, denn auch sie
hatte ja, für ihr Teil, die Gedankenarbeit zu bewältigen, welche Klaus Heinrich
nach der Unterredung mit Herrn von Knobelsdorff verrichtet hatte. Und als er
einige Wochen später auf seine Frage zurückkam, ob sie nicht Lust habe, den
Hofball zu besuchen, und ihr die zeremoniellen Bedingungen mitteilte, die für
diesen Fall bewilligt waren, da geschah es, daß sie ihm antwortete, ja, sie habe
Lust und wolle morgen mit der Gräfin Löwenjoul bei der verwitweten Gräfin
Trümmerhauff vorfahren, um ihre Karten abzugeben.
Dieses Jahr fand der Hofball früher statt als sonst: schon Ende November –
eine Maßnahme, die, wie man hörte, auf Wünsche innerhalb des
Großherzoglichen Hauses zurückzuführen war. Herr von Bühl zu Bühl beklagte
bitter diese Überstürzung, welche ihn und seine Unterbeamten zwänge, die
Vorbereitungen zu der wichtigsten höfischen Festlichkeit über das Knie zu
brechen, namentlich die Ausbesserungen, deren die Festräume des Alten
Schlosses so dringend bedürftig waren. Aber der Wunsch des betreffenden
Mitgliedes der Allerhöchsten Familie hatte die Unterstützung des Herrn von
Knobelsdorff gehabt, und der Hofmarschall mußte sich fügen. So aber kam es,
daß die Gemüter kaum Zeit hatten, sich auf das, was eigentlich an dem Abend
Ereignis war, und wogegen der ungewöhnliche Zeitpunkt gleich nichts erschien,
genügend vorzubereiten: ja, als der »Eilbote« die Kunde von der Kartenabgabe