Liebesgedichte

Ricarda Huch · Kapitel 50 von 51

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Liebesgedichte

Wie eines Königs Hand Berührtes adelt

W IE eines Königs Hand Berührtes adelt

Und tilgt vom Henker selbst den Blutgeruch,

In Ehre wandelnd seines Amtes Fluch,

Daß köstlich wird, was man zumeist getadelt,

 

So, wenn du stürbest, würde Tod mir teuer,

Vor allen Göttern nun erflehter Gast,

Des Name wie des Teufels sonst verhaßt,

Mir Feind und Fratze war und Ungeheuer.

 

Das Leben, dem noch immer Früchte reifen,

Das noch zu Festen hoch die Fackel hält,

Ich hieß es schal, zum Possenspiel entartet,

 

Das schöne Leben! froh es abzustreifen,

Dem Purpur gleich, der unbeachtet fällt,

Wenn auf dem Hochzeitsbett die Liebe wartet.

D IE Erde, von des Himmels Macht umrundet,

Ein goldner Keim gesenkt in seinen Schoß,

Empfängt von ihm ihr heilges Sternenlos,

Von ihm gespeist, erwärmt, umwölkt, verwundet.

 

Mag er ihr zürnen, ihr Verschmachten stillen,

Mit Lorbeer sie bekränzen, Reb und Myrte,

Ob er mit eisgen Stacheln sie umgürte,

Sie hüllt sich innig ein in seinen Willen.

 

O du, in dessen Brust gesenkt ich liege,

Mein Schicksal nehm ich an von deiner Güte

Und segne Glück und Weh, das du verhängst.

 

Du warst, Geliebter, meines Lebens Wiege,

Du bist das Grab, wo ich mein Hoffen hüte,

Bis du mein Himmel wirst und mich umfängst.

U M diese Hügel, die dem Blick entgleiten,

Schwankt nun der Abend, müde, grau und feucht.

Still schwinden Haus und Baum und stehn verscheucht

Und gramvoll schwer in den Vergessenheiten.

 

Unendlich Weinen löst den Tag in Weh.

Der Schnitter rauschend Werk, die vollen Stunden,

Das Tanzen, Schwärmen, Lieb und Wahn und Wunden,

War's heute? War's vor Jahren? War es je?

 

Dies ist die Stunde, wo im fernen Land,

Wenn's ruhlos pocht aus deines Daches Röhre,

Und an den Uhren schnell die Zeiger summen,

 

Und das Begrabne lebt und huscht im Sand,

Du meinen Namen rufst und ich nicht höre.

Und hört ich's, müßt ich schaudern und verstummen.

S IEH mich, das Meer, das dir zu Füßen brandet,

Laß dich umschlingen, küssen, schmelzen, komm!

Wie Well um Welle stürmend dich erklomm,

Bist du ein Gott, in Element gewandet.

 

Laß deinen Leib von meinem Leib umgleiten!

Kein Flor, kein Hauch, kein Strahl mehr, der uns trennt.

Nur du, nur du, soweit der Blick erkennt,

Umbraust vom Mantel meiner Zärtlichkeiten.

 

Den Ozean, den ihre Glut durchdrungen,

Verläßt die Sonne, und mit Huld zerstörend

Tilgt ihre Schönheit die geballte Nacht.

 

Du laß die Welt in ewgen Dämmerungen!

Geduldger Andacht Ungestüm erhörend

Begrabe dich in meine Liebesmacht.

A N unsrer Seite geht Erinnerung

Und flicht des Weges Zier zu Kranzgewinden,

Wie Bienenflug um sommerliche Linden

Summt süß Musik von ihrer Füße Schwung.

 

Vom Schmelz der Dinge schimmern ihre Hände,

Sie hüten erd- und meerversunknen Hort.

Er hebt und rührt sich auf ihr weckend Wort

Und funkelt jung wie Tau in das Gelände.

 

Nicht Blumen sind's, was sie zum Kranz gelesen;

Sie sammelt Saat des Lebens, das verging.

Aus neuer Hoffnung, längst versiegten Zähren,

 

Verschmiedend glühend Heut und starr Gewesen,

Biegt unser goldnes Leben sie zum Ring,

Daß es unendlich kreist in ewgen Sphären.

LEBEN

 

H ELL strömt aus Schluchten der Vergangenheit

In unsre Becher, die wir schwärmend füllen,

Ambrosisch Blut, aus dessen Purpurhüllen

Verklärtes Leben funkelnd sich befreit:

 

Sehnsucht und Liebe, Tränen, Lächeln, Lust

Und Kampf und Fluch und siegende Gedanken

Der Toten, die wie wir den Festwein tranken,

Lenzlaub im Haare, unser nicht bewußt;

 

Und wir gewahren nicht, ins Heut versonnen,

Daß jeder Tropfen, den die Zeit ergießt,

Von unsrer Seele löst und so durchglutet

 

Herniederrinnt in einen dunklen Bronnen,

Der einst in andre Schalen überfließt

Berauschter Zecher, die der Tag umflutet.

W IE zwei Tote, die um Liebe starben,

– Duftend Feuer schmilzt sie nun zusammen –

Ruhn wir still, umblaut von Frühlingsflammen,

Satt in Wonne nach der Trennung Darben.

 

Hoch im Himmel mit geblähten Säumen

Drehn die Stunden sich in Sturmestänzen,

Ihre blanken Sohlen sehn wir glänzen,

Doch kein Ton fällt aus so fernen Räumen.

 

Aber langsam sinken die vergangnen

Tage, die das Herz in Qual belauschte,

Schwer hinunter in verhüllte Tiefen,

 

Wie wenn unterirdisch Goldestriefen

In des Felsens hohle Becken rauschte,

Jenseit von uns ewig dicht Umfangnen.

D A wo der frühen Falter gelbes Lodern

Um wild Gestrüpp am Bergeshange zückte,

Und Bäche quollen durch verjährtes Modern,

Verweilten wir, die Glückes Last erdrückte.

 

Wie von des Meisters Hand entfesselt Erz

Goß sich die Kraft der Sonne auf uns nieder,

Sie stürzte rot durch unser schlagend Herz

Und wuchs wie goldne Haut um unsre Glieder.

 

Nun ist mir so, als ob dort oben bliebe,

Den Elementen kund und zugesellt,

Unsterblich eins: das Strahlenbild der Liebe,

 

Indessen wir, Staub ohne Sinn und Dauer,

Der vor der Stunde blindem Schlag zerfällt,

Hinunterstiegen in das Tal der Trauer.

W IE lastet mir das Leben ohne dich!

Nun können wir's auf Fingerspitzen regen,

Ein goldnes Bällchen, wie die Gaukler pflegen,

Das an Gewicht noch eben Felsen glich.

Es tanzt und schimmert, dünnes Glasgewebe

Und unverletzlich doch wie Diamant,

Ein selges Wesen, Sternen anverwandt;

Ach, daß es unsern Händen nie entschwebe!

M USIK bewegt mich, daß ich dein gedenke,

So will auch Meer und Wolke, Berg und Stern,

Wie anderer Art als du, dir noch so fern,

Daß ich zu dir das Herz voll Andacht lenke.

Kein edles Bild, das nicht mein Auge zwinge

Von dir zu träumen, kein beseelter Reim,

Der nicht zu dir Erinnern führe heim –

Geschwister sind sich alle schönen Dinge.

U RALTER Worte kundig kommt die Nacht;

Sie löst den Dingen Rüstung ab und Bande,

Sie wechselt die Gestalten und Gewande

Und hüllt den Streit in gleiche braune Tracht.

 

Da rührt das steinerne Gebirg sich sacht

Und schwillt wie Meer hinüber in die Lande.

Der Abgrund kriecht verlangend bis zum Rande

Und trinkt der Sterne hingebeugte Pracht.

 

Ich halte dich und bin von dir umschlossen,

Erschöpfte Wandrer wiederum zu Haus;

So fühl ich dich in Fleisch und Blut gegossen,

 

Von deinem Leib und Leben meins umkleidet.

Die Seele ruht von langer Sehnsucht aus,

Die eins vom andern nicht mehr unterscheidet.

W IR wanderten von junger Liebe trunken

In dieses Friedhofs grün verhangnen Gängen,

Wo Immergrün und Efeu sich bedrängen,

Mit Toten in der Gräber Nacht versunken.

 

Der alten Weiden Schatten und der Birken

Schlug schirmend über unserm Haupt zusammen,

Gelassen duldend ungesühnte Flammen

Zu flüchtger Rast in heiligen Bezirken.

 

Von langer Irrfahrt sind wir nun zurück

Und suchen, die verwildert Kraut umspann,

Der Väter Kreuz, auf eingesunknen Stätten,

 

Still in vergangner Wonne, künftgem Glück.

Hier werden wir, wenn unsre Zeit verrann,

Nie mehr geschieden, nicht mehr zwei, uns betten.