Vom Mars zur Erde
Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum.
Achtes Kapitel.
Auf der Fahrt im Weltraum.
Einen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf Fridolin
Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den Lichtentsprossenen, auf dem
er so viel Gutes genossen, wo sein ganzes inneres Wesen umgeformt worden
war. Den inhaltreichsten Abschnitt seines Lebens hatte er da verlebt. Nie würde
er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen Mutter wieder betreten. Wie
in flüssiges Gold getaucht flimmerten und funkelten da unten die langen
Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte bauen helfen. Es war, als wiche die
Landschaft da unten zu des Erdensohnes Füßen immer mehr zurück, als wäre sie
es, die sich fortbewegte, als stände das Luftschiff still, so sicher und ohne
Schwankung trug es seine Insassen in die Höhe. Schon waren die Freunde da
unten kaum noch als winzige Punkte sichtbar; Bäume und Bauten erschienen
wie kurze Striche. Und bald schwanden auch sie; es blieb nur das sonnige
Glitzern und Flimmern, das auf der vergoldeten Landschaft lag, bis auch dieses
erlosch und beim Verlassen der Marsatmosphäre die Nacht des Ätherraumes die
kühnen Luftschiffer umfing.
Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung waren in
Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in der Gondel bequem zu machen, die
fünf Marsiten natürlich nur, soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete.
Fridolin Frommherz, der einzige Passagier, aber richtete sich nach Geschmack
und Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen zur
Bedienung der Instrumente Verwendung finden; doch war er
naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult, um regelmäßigen Dienst
an verantwortungsreichen Posten tun zu können. So blieb ihm freie Zeit in Fülle.
Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn schon einmal
durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber verflossen waren, war die
Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt lebte sie allmählich kräftiger wieder auf.
Besonders lebhaft standen ihm zwei Dinge vor Augen: die Langeweile, die ihn und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht hatte, als die Reise
nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende nahm, als der Aufenthalt in der
engen Gondel unerträglich geworden, und die Sparsamkeit, die ihnen damals in
Bezug auf den Wasserverbrauch auferlegt gewesen war. Die Langeweile würde
sich diesmal bei Fridolin Frommherz weniger fühlbar machen, war er doch ein
anderer, ein geistig Höherstehender geworden, der diese letzten Wochen des
Verkehrs mit Marsiten wohl auszunutzen wissen würde; auch würde bei der
außerordentlich entwickelten Technik und bei der Geschicklichkeit der Marsiten
die festgesetzte Reisedauer von drei Monaten kaum überschritten werden.
Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin sah sich um. Das neben
seinem Bett befindliche und wie dieses aufklappbare Waschbecken schien ihm
größer als einst beim „Weltensegler“ zu sein. Durfte er daraus auf größere
Mengen mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht sein
mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete seinem suchenden Blick.
„Fehlt dir etwas, Fridolin?“ fragte er freundlich. „Gern erfüllen wir deine
Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern möglich ist.“
„Hab’ Dank, Zaran!“ erwiderte der Erdensohn. „Mir fehlt nichts. Ihr habt ja so
vortrefflich für alles gesorgt. Ich fragte mich bloß, wo ihr die für die lange Reise
notwendige Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter dort und die
wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl nicht genügen.“
„Komm mit!“ sagte der Marsite lachend und führte den Erdensohn zu einem
sehr kompliziert aussehenden Apparate, den er durch einen leichten Druck mit
der Hand in Tätigkeit setzte. Ein frischer Windhauch strich da plötzlich über
Fridolins Stirn. Er atmete mit Wonne die rasch sich erneuernde Luft. Nach
wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des Apparates sich kleine
Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem Zwecke vorhandenen
Behälter flossen.
„Woher kommt das Wasser?“ fragte er erstaunt.
„Aus der verbrauchten Luft,“ antwortete der Marsite, und als Fridolin
Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er fort: „Siehst du, lieber Freund,
das ist unser System der Sparsamkeit, das wir überall zu üben gewohnt sind. Es
darf in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser Apparat hier ist so
konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft erneuern, sondern auch in ihm die
verbrauchte Luft sammeln kann. Die letztere spaltet sich wieder in ihre
Elemente, die alsbald von neuem verwertet werden können. Was aber an
Wasserdampf in ihr vorhanden ist, das zwingen wir zum Niederschlag, zur
Sammlung in diesem Behälter.“
„Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!“ rief Fridolin froh erstaunt.
„Aber wird uns das so gewonnene Wasser auch genügen?“
„Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß zeigen, wie man
sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich beträchtlichen Menge natürlichen
Wassers auch alles zur künstlichen Wasserbereitung Notwendige mit uns. Sei
also ohne Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise keinen Mangel
leiden.“
Da winkte Sirian, der am Steuer stand, den Erdensohn zu sich heran.
„Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte werfen?“ fragte er.
„Die kleine hast du bereits im Gespräch mit Zaran verpaßt.“
Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster.
„Nein,“ sagte Sirian, „sieh hier hinaus!“ Dabei schob er eine am Boden der
Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter befand sich ein kleines,
festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger Substanz. Durch dieses bot sich
Fridolin Frommherz ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte gerade
mitten über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune Bergriesen
starrten zwischen weiten, öden Sandflächen empor. Alles kahl, leer, ausgebrannt,
aber bestrahlt von solch grellem Sonnenlichte, daß Fridolin Frommherz
geblendet die Augen schloß und sich vom Fenster abwandte. Als er die Augen
wieder öffnete, sah er Sirian in flinker Tätigkeit mit einem Apparate, der einem
Fernrohre glich und doch wieder eine Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst
nicht zu besitzen pflegt.
„Was macht Sirian da?“ fragte er leise, um den Arbeitenden nicht zu stören,
den ebenfalls herbeigekommenen Uschan.
„Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft,“ erwiderte dieser ebenso
leise. „Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung nach der Erde noch eine
Reihe wissenschaftlicher Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer bedeutendsten
Astronomen. Du wirst noch mehr als einmal zu staunen Gelegenheit haben.“
„Werdet ihr auch den Mond der Erde besichtigen?“ fragte Fridolin.
„Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten, die wir
übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon genau kennen, gelangen wir
eher wieder einmal, nach der Erde und deren Monde nicht wieder.“
„So werdet ihr euch wenigstens eine Zeitlang auf Erden aufhalten, euch
ausruhen, erholen und dabei ihre Einrichtungen studieren?“
„Nein, lieber Freund,“ erwiderte Uschan. „Wir haben die strikte Weisung
sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau von oben aus der Luft herab. Da
sehen wir zur Genüge, was die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat. Ihre
Einrichtungen kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere Kultur ist die
ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch nichts lernen. Das Ziel der
Menschenentwicklung aber liegt vorwärts, nicht rückwärts.“
Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf erwidern können? Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen Einrichtungen mußten Menschen
von so hoher Kultur, wie es die Marsiten waren, barbarisch erscheinen.
„Sage einmal, Freund Fridolin,“ wandte sich Sirian, der seine augenblickliche
Arbeit vollendet hatte, an den Erdensohn, „wie kamt ihr da unten auf der Erde
auf den Gedanken, unserm Lichtentsprossenen den Namen „Mars“ zu geben?“
Fridolin Frommherz überlegte eine Weile.
„Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung gewesen
sein,“ sagte er dann. „Es lebte auf Erden einmal ein starkes, kriegerisches Volk.
Dem galt Tüchtigkeit im Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in solchem
Maße als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges formte.
Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren seine Söhne.“
„Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen Gotte des
Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen Krieg, nur friedliche Schlichtung aller
Streitfragen. Einmal freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da Bruderblut
floß. Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit Jahrtausenden
schon sind sie überwunden.“
„Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen Kultur gewußt,“
sagte Fridolin, „man hätte euerm Planeten sicherlich einen würdigeren Namen
gegeben. So aber mahnte sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige
Fackel des Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.“
* *
*
Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und die fünf kühnen
Marsiten unterwegs. Störungen waren nicht eingetreten. Fast täglich waren
kleine Meteoriten, von der Größe des Luftschiffes angezogen, auf dieses
gestürzt, ohne ihm Schaden zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren
himmlischen Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen,
und Fridolin Frommherz fing es schon an etwas unheimlich zumute zu werden
— eine breite Narbe auf seiner Stirn legte Zeugnis ab von einer früheren
Begegnung mit einem Meteoritenschwarm — aber auch der ging diesmal
vorüber, ohne Schaden zu stiften.
Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit und
erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der fünf Marsiten, daß der
Erdensohn meist auf sich allein und die eigene Gesellschaft angewiesen war.
Trotzdem zeigte sich das Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was gab
es nicht alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das Tagebuch
einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das Luftschiff vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer sollte seine Länge,
Hunderttausende von Kilometern die Tiefe und die Breite betragen — wer
vermochte sich das vorzustellen?
Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf.
„Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,“ sagte er; „es ist mir
unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu verbinden.“
Da rief ihn Sirian an das Teleskop.
„Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen der König eines
jeden Meteoritenringes.“
Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen. Ein Komet! Ein
glänzender König inmitten seiner dunkeln Dienerschar. Es war ein Komet mit
wunderbar leuchtendem Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und
einem sich über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden
Schweife. Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein Stern, eine
Sonne, die noch millionenmal weiter entfernt war als der schöne Fremdling
inmitten des Meteoritenschwarmes. Und so wunderbar hell leuchtete der Stern,
als ob keine verschleiernde Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge
läge. Wie leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz eines
solchen Kometenschweifes sein mußte!
Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus weiter,
nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff auf seiner Fahrt die
Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes kreuzte. Dann trat Sirians
wundervolles Teleskop wieder in Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz
vor Augen führte und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete sich
ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang der
Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten Raume, im
schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen sah, wenn er leuchtende,
über ungeheure Räume des Himmels verteilte Nebelflecke durch das
Spektroskop als sehr verdünnte, glühende Gasmassen erkannte, wenn er an
andern Stellen die Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah —
Nebelflecke, die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von
ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs gewesen war, ehe
es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine Augen und seine Gedanken, die
Augen und die Gedanken eines kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes
Kreisen von wirbelnden, leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im
Universum jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer eigenen
Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen Gesetzen. Myriaden
von lodernden Sternen, werdenden und gewordenen Sonnen — welche Phantasie
wäre kühn genug, solches zu erfassen?
„Freund Fridolin,“ sagte Sirian eines Tages, nachdem er Uschan das Steuer
übergeben und sich’s an einem der auf- und abklappbaren Tische der Gondel
bequem gemacht, „wir werden in wenigen Stunden außerordentlich Interessantes
schauen.“
„Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf solch
außergewöhnlicher Reise!“ antwortete der Erdensohn fröhlich. „Doch sag mir,
Sirian, ist’s ein neuer Komet, dem wir begegnen werden? Oder wieder eine jener
wunderbar glänzenden Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen berechnet,
die mich schwindeln machen?“
„Diesmal ist’s keines von beiden,“ versetzte der Marsite. „Wir kommen sehr
nahe an einem der kleinsten Kinder des Lichts vorbei.“
„Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei?“ rief Fridolin Frommherz
erstaunt. „Wie ist das möglich? Nie habe ich gehört, daß zwischen Mars und
Erde die Bahn eines Planeten läge!“
„Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des Lichts, die ihr, wie
ich aus deinen Karten und Büchern sah, Planetoïden nennt.“
„Aber die liegen doch jenseits der Bahn des Lichtentsprossenen, zwischen
Mars und Jupiter,“ beharrte der Schwabe.
„Im allgemeinen hast du ganz recht,“ erwiderte Sirian, „deshalb sind diese
Planetoïden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser
gekannt als von euch. Ihr zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich sage
dir, daß ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein riesiger
Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine Trümmer in stark
exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines jener
Trümmerstücke, — Eros nennt ihr den Planetoïden auf euren Himmelskarten, —
dessen Bahn hält sich näher an der Sonne als die aller andern Planetoïden, und
so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne hinein, daß sie im Mittel
innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt. Eros kann der Erde fast um ein
Drittel, rund um vierzehn Millionen Kilometer näher kommen als unser
Lichtentsprossener, und Eros ist’s, den wir jetzt treffen werden.“
„Das ist ja eine herrliche Aussicht!“ rief der Erdensohn froh. „Aber sag mir,
Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr für uns?“
„Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich
halte es für möglich, daß wir uns Eros nähern können, ohne selbst Schaden zu
nehmen, ist er doch nicht größer als einer unserer kleinen Marsmonde. Wir
werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine Atmosphäre
eindringen.“
„Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?“ fragte Fridolin erstaunt. „Also
hat er doch etwas vor euren Monden voraus!“
„Ja,“ sagte Sirian, „durch das Spektroskop haben wir festgestellt, daß nicht
nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas größern Geschwister
Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der unsrigen, besitzen.
Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros nicht möglich. Jetzt aber
werden wir sehen, ob er Wasser und Festland, Berge und Täler und lebende
Wesen birgt, die uns ähnlich sind.“
Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das Luftschiff wirklich
wenige Stunden später Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhüllte den
Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine Oberfläche
für den Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre wurde das
Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß es wie ein
undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag.
„Seht ihr den Dunst und die Wolken?“ rief Sirian, der die Steuerung wieder
übernommen hatte. „Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die
Grundbedingung jedes organischen Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre
eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt!“
Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein
Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der
Anziehung des kleinen Weltkörpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs viel
hundertmal überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das Steuer
der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch die
Reibung mit der Erosatmosphäre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze einen
sehr hohen Grad. Glücklicherweise waren auch die oberen Luftschichten um
Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken öffneten,
etwelche Kühlung.
„Eine Bergspitze!“ rief Zaran plötzlich.
Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel eines
Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine Vegetation besaß der kleine Eros also
auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den Reisenden, Wald
und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so klein war der
ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes von ihrem hohen
Standpunkte aus Nord- und Südpol zugleich schauen konnten. Beide waren
auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, daß die
Oberfläche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die Oberfläche
eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein winziges
Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein! Während sich
Fridolin noch darüber wunderte, wurde es fast plötzlich Nacht.
„Wie schade,“ bedauerte der Erdensohn, „schon Nacht, und wir haben erst so
wenig gesehen!“
„Wir werden nach Osten fahren,“ sagte da Sirian, „der Sonne entgegen. Eros
dreht sich — nach Erdenzeit — in fünf Stunden und vierzehn Minuten um seine
Achse. Die Dauer seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden und
sieben Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für uns noch
um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.“
Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel, über einer ganz
neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne wieder auf. Wohl angebautes
Hügelland lag jetzt unter ihnen. Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide.
Nordwärts und südwärts zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren
Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit Wasser bedeckt,
drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere Berge waren auf der östlichen
Halbkugel nicht vorhanden.
Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken.
„Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die uns ähnlich sind,“
sagte er. „Deuten doch die bebauten Felder zur Genüge darauf hin, daß Eros
bewohnt ist.“
Alle Insassen des Luftschiffes schauten gespannt durch die Gondelluken
abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich zusammen, die Bewohner
dieses winzigen Weltkörpers. Wie abwehrend erhoben die einen die Arme,
andere ballten die Fäuste und schüttelten sie gegen das Luftschiff.
Verwünschungen, in einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen das
Ohr der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich konnte man
jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter der in grobe, aber bunte
Gewebe gehüllten Leute erkennen, Männer, Frauen und Kinder. Es waren große,
stattliche Gestalten, ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar, das den Männern
bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige im Nacken zu einem
Knoten geschlungen trugen.
„Wo sind denn ihre Wohnungen?“ fragte Fridolin. „Vergeblich schaue ich
nach Häusern aus.“
„Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene rechteckigen
Öffnungen?“ rief Uschan. „Offenbar sind das die Eingänge zu einer Art von
Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen den außerordentlich langen, strengen
Eroswinter errichtet.“
„Also bloß Höhlenbewohner,“ sagte Fridolin im Tone des Bedauerns.
„Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten in der Zeit
seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres Lichtentsprossenen liegt, daß
Eros den eisigen Weltraum zwischen Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn die
Sonnenstrahlen so schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht, ohne
wärmende Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen Temperaturen des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark exzentrischen Bahn, nach
Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr lang ausgesetzt. Wunderst du dich noch,
daß seine Bewohner lieber im Innern ihres Bodens Schutz und etwas Wärme
suchen, statt Häuser zu bauen?“
Fridolin wunderte sich nicht mehr. Sirian brachte jetzt das Luftschiff wieder
zum Steigen.
„Wir haben gesehen, was wir sehen wollten,“ sagte er, „und wollen diese
armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen zwar intelligent, aber im
Vergleiche mit uns noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung zu
stehen.“
„Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht, zur Höhe der
gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,“ rief Fridolin
Frommherz begeistert.
„Nein, lieber Freund,“ sagte Sirian, „du irrst dich; unsere Höhe werden die
Erositen nicht erklimmen.“
„Wie?“ fragte der Erdensohn erstaunt, „ist es möglich, daß du Wesen, die
schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die Fähigkeit der
Weiterentwicklung absprichst?“
„Das tue ich nicht,“ erwiderte Sirian; „ich denke nur, daß es unsern Erositen
an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen. Ihr kleiner Planet wird seine Atmosphäre
nicht festzuhalten vermögen. Vielleicht schon in tausend Jahren ist alles Leben
auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft, verdunstet sein Wasser; kalt und
starr und tot wie unsere Monde zieht dann Eros seine Bahn um das ewige Licht.“
Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden Blick auf die kleine
Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit zu einem vorzeitigen Absterben
verurteilt war, und es war doch so schön, zu wachsen und sich zu entwickeln!
Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des Eros und
schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume der Erde zu.
Eines Nachts — schon befanden sich die Reisenden in der Anziehungssphäre
der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch den tiefen, ungestörten Schlaf in
der absoluten Stille des Weltraumes — da wurden die Insassen der Gondel
plötzlich vom wachenden Uschan geweckt.
„Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,“ sagte er. „Zwar ist er
noch fern, aber grell sticht sein Glanz vom undurchdringlichen Dunkel des
Raumes ab. Er scheint unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden suchen.“
Noch ehe Uschan ausgesprochen, war Sirian an der vorderen Luke.
„Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen!“ rief er, mit aller Macht das
Steuer rückwärts drehend. „Wir müssen so rasch wie möglich aus seiner
gefährlichen Nähe, sonst sind wir verloren!“
Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen Anziehung
befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißigtausend
Kilometer in der Stunde entgegenstrebte, gehorchte es der steuernden Hand nicht
mehr unbedingt. Statt zu wenden oder seitwärts auszuweichen, verlangsamte
sich nur seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die Richtung blieb
dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom Lichtentsprossenen, daß den
kühnen Durchschiffern des Ätherraumes Gefahr in nächster Nähe drohte. Was
tun? Immer näher raste die gewaltige, glühende Kugel mit nicht zu
bestimmender Geschwindigkeit, wohl Tausende von Kilometern in einer
einzigen Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke nicht nur dem
Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß erfolgen.
Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller Kraft.
„Es wird nichts mehr nützen,“ murmelte er dabei, „selbst wenn jetzt das
Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen können, werden wir von
der vielleicht tausendmal größeren Masse des Meteoriten angezogen werden —
sein gluthauchender Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später
verschlingen.“
Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen des
marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit je erlebt hatte:
der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende von sich jagenden Teilen. In allen
Farben sprühten sie auf, stürzten auf einander, platzten von neuem in immer
neuem Farbenspiel; grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten den
nachtschwarzen Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und erloschen.
Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die kühnen Reisenden,
daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke höchster Gefahr, als selbst
marsitische Technik und Gewandtheit gegenüber den Allgewalten der Natur zu
versagen drohten.
Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem, was ihm begegnete,
mit wunderbarer Sicherheit von Sirians Führerhand direkt auf die Erde zu
gesteuert. Der Besuch auf dem Monde, das erste Verlassen der Gondel seit
nahezu drei Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor.