Vom Mars zur Erde

Albert Daiber · Kapitel 12 von 14

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Vom Mars zur Erde

Zehntes Kapitel. Die drei Freunde.

Zehntes Kapitel.

 

Die drei Freunde.

 

Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres

Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grüner Bopserhöhe. Es waren

die Teilnehmer an jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum, die den

Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft feierten

sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren Welt und

tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige, idealschöne Leben, das

die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars hatten führen dürfen.

Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die

Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem

Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit abgewiesen

werden würden, damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur nicht durch

schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der Zurückgekehrten

wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, daß aus sehr durchsichtigen

Gründen die klugen Herren Professoren aus Tübingen sich für immer den

Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein merkwürdiges

Mißgeschick, das die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu bei, andern

kühnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte Experiment, über den

Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die hochentwickelte,

moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu tun, als fragwürdige

Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das Spiel des blinden,

launischen Zufalles war.

Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu blinzeln,

bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum noch der

heldenmütigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es ließ die

Erinnerung an die wichtige Großtat bei der Menge mehr und mehr verblassen.

Nur als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars ein Obelisk

auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthüllt worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren die gelehrten

„Weltensegler“ wieder einmal Gegenstand allgemeiner Huldigung.

Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise

der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat durch das trauliche, brüderliche

Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als ob sie nachgerade

die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger verstünden oder die Welt

sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die sie sich gaben, Marssches

Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung zu tragen.

In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit ihrer

Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch

nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwürdigen Reise

gestorben, und nur drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der

Astronom und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph,

und Parazelsus Piller, der Arzt.

In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei

Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses

beieinander. Von da aus genoß man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg bis

nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort waren die

dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so behaglicher ließ es

sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine tiefe Stille herrschte,

denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

„Was wohl Fridolin Frommherz macht?“ entfuhr es unwillkürlich den Lippen

Pillers, des Arztes, der im bequemen Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel

betrachtete.

„Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke,“ entgegnete Stiller

lächelnd.

„Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich nur gut,“ warf

Brummhuber ein.

„Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber nicht sagen, lieber

Brummhuber,“ erwiderte Stiller sanft.

„Was vermuten! Was nicht mit Bestimmtheit sagen!“ schrie Piller, dessen

Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr gereizt geworden war. „Ich sage

euch, der Knabe Fridolin hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen im

Paradiese der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich hervorragend

gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet? Mich interessiert auch

deshalb nicht, wie er sich befindet, nur was der Drückeberger treiben mag dort

oben auf dem Lichtentsprossenen.“

„Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen

Wörterbuche,“ lachte Brummhuber. „Weißt du noch, Stiller, wie Eran, der würdige Patriarch, von dieser Art der Bestrafung des Ausreißers sprach, als du

ihn der Nachsicht der Marsiten besonders empfahlst?“

Der Angeredete nickte lächelnd.

„Wohl bekomm’s ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen Fall ausgeführt,“

erwiderte Piller finstern Tones.

„Mühevoll ist sie, gewiß,“ bestätigte Stiller. „Fridolin wird aber ohne Zweifel

seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch erst nach Überwindung einer langen

Reihe von Schwierigkeiten verschiedenster Art.“

„Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,“ knurrte Piller.

„Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir nicht über diesen Punkt!

Darüber einigen wir uns zu meinem aufrichtigen Bedauern nie, wie mir scheint.“

„Piller neidet Frommherz eben den guten Marstropfen,“ spottete

Brummhuber.

„Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im übrigen, Stiller,

bringe eine Flasche des heimischen Nektars von Neckars Halden, Zuckerle

genannt. Ich habe eine sehr empfindliche Anwandlung von Schwäche.“

„Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,“ antwortete

Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer trat und den Befehl erteilte, den

gewünschten Wein herbeizubringen.

Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade die letzten Strahlen

der untergehenden Sonne durch dessen hohe und breite Fenster. Eine Fülle

goldenen Lichtes umspielte die hohe Gestalt des Gelehrten und seinen

feingeschnittenen Kopf.

„Eran, nur etwas verjüngt,“ rief Piller, als er seinen Freund in dieser

Beleuchtung erblickte.

„Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Eran,“

bestätigte Brummhuber.

„Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen Weisen

der Marsiten könnte mich nur ehren,“ entgegnete Stiller ernst:

„Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem Maße, seitdem du älter

geworden bist. Haar und Bart sind ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und fällt

das Licht auf dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit tatsächlich

frappierend. Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du könntest sofort an Stelle

Erans in den Stamm der Weisen in Angola eintreten.“

„Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild,“ fügte Piller bei.

„Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu werden an Adel der

Gesinnung und der Empfindung, und das Ideal meines Strebens hienieden wäre

der Erfüllung nahe,“ sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin.

„Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?“ polterte Piller.

„Nein,“ entgegnete Stiller ruhig, „dafür aber hier der gewünschte Wein,“ als

soeben die Türe aufging und der Bediente eintrat, auf einem silbernen

Präsentierbrett den Wein mit Gläsern tragend.

Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden Weine gefüllt

waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach: „Weihen wir den ersten Schluck der

Erinnerung an den heute zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des

Antrittes unserer Weltenreise.“

Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt des seinen mit einem

Schlucke geleert, füllte es sich von neuem wieder, räusperte sich und rief: „Der

zweite Schluck, er gelte dem Andenken unseres Lebens auf jenem Planeten voll

Licht und Freude.“ Wieder leerte sich Pillers Glas.

„Und ich bringe heute, erlaubt es mir, liebe Freunde, zum ersten Male mein

Glas dem Andenken an Fridolin Frommherz,“ sprach Brummhuber.

„Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz’ Sünde sei hiermit in Gnaden

verziehen,“ erwiderte Piller, indem er in andächtigem Zuge sein Glas austrank.

„Warum uns denn heute immer und immer wieder der Fridolin einfallen

muß?“ schimpfte Piller nach einer Weile und begann sich heftig zu schneuzen,

um sein gestörtes seelisches Empfinden wieder herzustellen.

„Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem Kopfe,“ versicherte

Brummhuber. „Wäre er nicht so unendlich weit von uns entfernt, jede

Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen, so würde ich glauben, daß er nach

dem bekannten Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.“

„Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?“ fragte Stiller.

„Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen, ebensogut oder womöglich

noch besser oder leichter dürften die Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur

Erde finden, wenn sie ernstlich wollten.“

„Ja, wenn sie wollten! Die werden es aber bleiben lassen, unserer Erde einen

Besuch abzustatten nach den schwarzen Bildern, die wir oben von ihr entworfen

haben,“ knurrte Piller.

„Ja, wir malten recht düster damals in Angola,“ warf Brummhuber ein.

„Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und Offenheit waren wir

den edlen Marsiten schuldig,“ bemerkte Stiller.

„O Angola!“ seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend. „Doch was nützt

die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei, vorbei für immer!“

„Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran, die dir geblieben

ist,“ verwies ihn Stiller.

„Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche zu, Freund

Siegfried,“ bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller.

„Immer derselbe!“ tadelte Brummhuber. „So treibst du es an jedem siebenten Dezember, seit wir wieder hier unten weilen.“

„Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal! Wie wenig

verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, kann auch

ich mit dem Dichter sagen.“

„Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen, Piller, und eine

neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein sogenanntes Leiden nur cum grano

salis gelten lassen,“ entgegnete Stiller mit freundlichem Lächeln und die Klingel

ziehend.

„Stiller, altes Haus, du verstehst mich immer wieder am besten,“ lobte Piller.

„Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!“

„Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt neue Labung. Mit

Wärme füllt der edle Wein mein ganzes Ich.“

„Das wissen wir schon lange, Piller. Es bedarf wahrlich keiner besonderen

Betonung mehr.“

„Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder vollkommen

würdig.“

„Hoffe es auch sonst immer zu sein.“

„Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.“

„Bleib mir damit vom Leibe, Piller, sonst werde ich wirklich brummig.“

„Friede, meine lieben Freunde, Friede!“ mahnte Stiller.

„Ich bin stets friedvoll gestimmt, und nichts liegt mir ferner, als diese hehre

Stunde des Zusammenseins durch Streit zu entweihen. Schon die Blume dieses

heimischen Nektars wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt

versöhnungsvoll,“ entgegnete Piller.

„Du bist und bleibst der Alte,“ erwiderte Stiller und klopfte ihm auf die

Schulter.

„Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang gut genug gewesen!“

„Und wirst es auch stets bleiben, lieber Freund,“ versicherte ihm Stiller.

„Auch mir,“ fügte Brummhuber fröhlich bei.

Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine leichten Schatten

zu werfen.

„Soll ich Licht machen?“ fragte Stiller seine Gäste.

„Nein, noch nicht!“ bat Brummhuber. „Es läßt sich in der Dämmerstunde so

hübsch träumen.“

„Und auch plaudern,“ warf Piller ein. „Ich bewundere immer von neuem

wieder dein schönes Heim, das du dir hier geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du

selbst.“

„Wie meinst du das?“

„Nun, gediegen, vornehm, ruhig und voll stillen Zaubers.“

„Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man sich beinahe so wohl

geborgen wie auf dem Mars,“ bemerkte Brummhuber.

„Für uns das Angola Schwabens,“ fügte Piller bei.

„Ihr übertreibt, beste Freunde,“ erwiderte Stiller heiter. „Und doch freuen

mich diese Vergleiche gerade von euch. Was wart ihr für nüchterne, poesielose

Menschen, bevor ihr nach dem Mars kamt, und welch große Umformung eures

ganzen Innern brachte der Aufenthalt dort oben mit sich!“

„Man macht nicht umsonst, ungestraft eine solche Exkursion,“ antwortete

Piller trocken.

„Nun, dieses Resultat will ich mir gern gefallen lassen,“ entgegnete Stiller.

„Und doch, es ist wahr: ungestraft waren wir nicht so lange auf dem

Lichtentsprossenen. Erinnerst du dich noch jenes letzten, herrlichen Abends in

dem Palaste der Weisen in Angola?“

„Ja, noch sehr gut,“ erwiderte Stiller leise.

„Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren wurden, wo wir

früher gelebt, gerungen, für unsere heiligste Überzeugung gestritten haben.

Diese mir unvergeßlich gebliebenen Worte sprachst du damals. O Stiller, wie

sehr hast du recht gehabt!“ Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei des

Schmerzes, diese Entgegnung Pillers.

„Mein lieber Freund, steht es so mit dir?“ Stiller war, überrascht durch diese

an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung, aufgestanden und auf ihn

zugetreten, ihm die Rechte auf die Schulter legend.

„Mein treuer Gefährte,“ sprach er sanft, „du leidest ja auch an Heimweh nach

dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst du es uns. Und dennoch! Wir

müssen es zurückdrängen um des Großen willen, das wir hier unten verfolgen.“

„In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit, Schwäche

und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu bohren, ist nahezu ein Ding der

Unmöglichkeit, sintemalen eine Maschine, die das fertig brächte, niemals

erfunden werden dürfte,“ antwortete Piller gereizt.

„Denn die Dummheit währet ewiglich,“ fügte Brummhuber hinzu.

„Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?“ fragte Stiller. „Dir,

Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit niemals völlig ausgerottet

werden kann, weil sie nichts anderes bedeutet als geistige Minderwertigkeit.

Minderwertige Menschen aber wird es immer geben.“

„Sehr wahr!“ warf Piller ein.

„Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit zu bewahren, sie

von verantwortungsvollen Posten auszuschließen, ist kein Ding der

Unmöglichkeit. Schon jetzt wird diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese,

bis zu einem gewissen Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die naturwissenschaftliche Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird sich

der Dumme breitmachen können.“

„Keine Frage. Wir sind aber leider noch sehr weit von deinem Ideale

entfernt.“

„Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin zurückzukommen,

so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels, den du sinnbildlich anführtest. So

schnell geht es mit dem Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der Bohrer

den Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste benötigt der

längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich auch der härteste Granit nur

allein durch äußere Einflüsse? Seht, meine lieben Freunde, so ist es auch mit

unserm Wirken. Wir müssen froh sein, wenn wir da und dort aus dem die

Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System alter, unnatürlicher

Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest verankerten Bau der unser

Dasein beherrschenden Lügen einzelne Steine herausbröckeln, dem Prozesse der

weiteren Verwitterung die Wege öffnen. Unsere kleine Gemeinde von heute wird

sich morgen mehren. Was ist ein Jahrhundert Kulturarbeit? Ein Tropfen im

Ozean des Lebens! Diese Tatsache muß uns bescheiden machen, darf uns aber

nicht entmutigen. Einst muß eine Zeit kommen, — dies ist meine feste

Überzeugung! — die in ähnlicher Weise das Menschheitsideal verwirklicht, wie

wir es oben auf dem Mars kennen gelernt haben. Sie vorbereiten zu helfen, jeder

an seinem Platze und zu seiner Zeit, ist die Aufgabe dessen, der auf den

Ehrentitel eines wirklichen Menschen Anspruch erhebt.“

Stiller schwieg. Seine kleine Rede hatte ihre Wirkung auf die beiden Freunde

nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saßen sie da. Inzwischen war auch in

dem Zimmer die Dämmerung der Nacht gewichen.

„Glänzt dort drüben am südlichen Himmel nicht Mars?“ fragte Brummhuber,

der zufällig aus seinem tiefen Sinnen erwacht war und einen Blick durchs

Fenster geworfen hatte.

„Wahrhaftig, er scheint es wirklich zu sein,“ rief Piller, der dem Beispiele

Brummhubers gefolgt war.

„Ihr habt recht, liebe Freunde, es ist Mars, der nun wieder in die Nähe der

Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit mir hinüber in mein Observatorium

zu kommen und den Planeten durch das Teleskop näher zu betrachten.“

„Mit dem größten Vergnügen,“ erwiderten die Freunde wie aus einem Munde.

„So laßt uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu zeigen, das ich schon seit

einiger Zeit am Lichtentsprossenen beobachtete.“

Bald nachher befanden sich die Herren in dem Stillerschen Arbeitsraume. Das

große Teleskop wurde eingestellt, und die Betrachtung des fernen Weltkörpers

begann.

„Fällt dir nichts am Mars auf, Piller?“ fragte Stiller seinen Freund, nachdem

dieser lange den Planeten durch das Fernrohr angesehen.

„Täuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den uns ja persönlich

bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.“

„Sehr richtig. Und vielleicht sonst noch etwas?“

„Halt, ja, noch große, weiße, flächenartige Punkte, zu denen strahlenförmig

die dunkeln Linien hinführen. Was dies wohl alles zu bedeuten hat? Das

existierte doch noch nicht, als wir oben waren.“

„Nein. Ich will es dir nachher zu erklären suchen. Mein Kompliment aber für

dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermögen.“

Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelöst.

„Wirklich es ist so, wie Piller sagte. Mir kommt es auch noch vor, als ob die

Eismassen der polaren Zonen gegen früher ganz bedeutend zurückgegangen

wären,“ äußerte Brummhuber nach sorgfältiger Prüfung.

„Auch du siehst vollkommen richtig, Brummhuber. Wir wollen jetzt ins

warme Haus zurückkehren und nachher diese neuen, eigenartigen Erscheinungen

auf dem Mars besprechen.“

In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunächst ein bescheidenes

Abendessen ein. Dann zogen sie sich wieder in das Balkonzimmer zu

gemütlicher Plauderei zurück.

„So, Freund Stiller, erkläre uns nun das, was uns am Mars aufgefallen ist,“ bat

Piller, sich bequem in seinem Lehnstuhle ausstreckend.

„Auch ich bin außerordentlich gespannt darauf,“ bemerkte Brummhuber.

„Das, was ihr heute abend gesehen habt, entdeckte ich schon vor längerer

Zeit. Ja, ich darf ohne Übertreibung sagen, daß ich die euch ausgefallenen

Veränderungen gewissermaßen in ihrem Entwicklungsgange verfolgt habe.“

„Was du nicht sagst! Aber warum sprachst du uns niemals davon?“ warf Piller

überrascht ein.

„Weil ich das Ende erst abwarten, mir vor allem aber zuerst selbst eine

möglichst einwandfreie Erklärung dieser Veränderungen geben wollte.“

„Und hast du sie gefunden?“ fragte Brummhuber.

„Ich glaube, ja!“

„Wie interessant! Stiller, du bist und bleibst ein Kapitalmensch.“

„Danke für deine gute Meinung, Freund Piller. Die Reduktion, der Schluß

vom Allgemeinen auf das Besondere war aber im vorliegenden Falle keine allzu

große Schwierigkeit, zumal wir ja unsern schönsten Lebensabschnitt dort oben

verlebt und die eigenartigen Verhältnisse des Planeten aus eigener Anschauung

kennen gelernt haben.“

„Immer derselbe bescheidene Mann,“ brummte Piller. „Doch, bitte, fahre

fort.“

„Jene feinen Linien, die ihr längs den alten Kanälen gesehen habt, sind neue

Wasserstraßen, die flächenartigen Punkte erkläre ich mir als überdeckte

Sammelbecken oder Stauwerke riesigster Konstruktion, alles ausgeführt, um

einer drohenden Wassersnot zu begegnen. Daß eine solche auf dem Mars

tatsächlich vorhanden sein muß, beweist mir die starke Abnahme der Eismassen

an den beiden Polen. Eure Beobachtungen glaube ich somit mit wenigen Worten

ziemlich richtig gedeutet zu haben.“

„Alle Wetter, du magst recht haben,“ erwiderte Piller. „Ich empfinde

aufrichtiges Mitgefühl mit den Marsiten, die so schwer um die Grundbedingung

ihrer Existenz kämpfen müssen. Aber eine Frage! Ändert sich die Lage nicht

auch wieder einmal zum Guten da oben?“

„Diese Frage glaube ich bejahen zu dürfen nach dem, was ich auf dem Mars

selbst gehört habe,“ antwortete Stiller.

„Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung muß uns erfüllen, was wir

geschaut haben. Das neue Kanalsystem konnte gewiß nur durch die Arbeit aller

ausgeführt worden sein,“ äußerte sich Brummhuber.

„Ohne Zweifel. Dafür sind es eben die Marsiten. Nur ein solches Volk von

dieser hohen Kultur kann Bauten dieser gewaltigen Art für das allgemeine Wohl

ausführen.“

„So ist es, wie du sagst, Stiller,“ bestätigte Piller.

„Unser Fridolin wird da wohl auch mitgearbeitet haben,“ lachte Brummhuber. „Seine Paradiesesidylle hat dadurch einen bösen Stoß erhalten.“

„Wer weiß?“ entgegnete Stiller. „In der strengen Arbeit liegt der Segen. Sie

allein berechtigt uns, als Gegenwert eine gewisse Summe an Freuden und

Annehmlichkeiten vom Leben zu erwarten. Dies gilt auch für unsern

Frommherz. Gerade dieser Riesenkampf ums Dasein dort oben, den ich in den

stillen Stunden der Nacht von hier aus mit meinem Fernrohre verfolgen konnte,

machte auf mich, nachdem ich über seine Ursache endlich klar geworden war,

einen außerordentlich tiefen Eindruck. Ein Volk, dessen Solidaritätsgefühl eine

derartige Probe auf seine Echtheit auszuhalten vermag, muß aus aller Not und

Gefahr stets siegreich hervorgehen. Welch ein Vorbild für uns! Ob wir es wohl

jemals erreichen werden?“

Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes wieder kräftig

schneuzen. „Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,“ knurrte er.

„Hältst du dich vielleicht für einen?“ fragte Brummhuber spottend.

„Nimm dich in acht, Brummhuber! Fordere meinen Zorn nicht heraus!“

„Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung,“ bemerkte Stiller. „Das

Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du nicht bestreiten. Nimm es dir

selbst ab, Freund Piller. Jeder Fortschritt in der tieferen Erkenntnis der Wahrheit

bedeutet zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung unserer

menschlichen Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können wir des

Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den Aberglauben,

bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf der Leiter der sittlichen

Vervollkommnung.“

„Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort, so laß mir für heute

wenigstens den letzten Trunk!“

„Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett. Der morgige Tag ruft

uns wieder nach Tübingen, und es ist schon sehr spät geworden.“

„Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,“ lachte Piller fröhlich, als der Wein vor

ihm stand. „So läßt sich ein Schlummerschöpplein noch gemütlich schlürfen.

Prosit!“