Vom Mars zur Erde

Albert Daiber · Kapitel 14 von 14

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Vom Mars zur Erde

Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche.

Zwölftes Kapitel.

 

Fromme Wünsche.

 

Während die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz’ Rückkehr den

Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen Leitartikeln begrüßten und feierten, saßen

die Freunde in Stillers gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem Berichte

des Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch die Presse sollte

es leider nicht abgehen.

Das seit kurzer Zeit bestehende Organ „Der Volksmund“, das seine

Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles, was ihm nicht in den

Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen Artikel, der nicht nur gegen

Frommherz allein, sondern auch gegen die übrigen kühnen Marsbesucher

gerichtet war. „Warum,“ so fragte das Organ, „ist dieser Mann

zurückgekommen? Entweder hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist

selbst gegangen — was wir annehmen wollen — weil eben auf jenem Planeten

die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen seine Freunde einst vor

Jahren so viel Aufhebens machten. Schon damals war es zu verwundern

gewesen, daß die Herren ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen

Aussagen nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte. Ihre

Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und so mußte man sie

eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen annehmen.

Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde niedergestiegen, hat er

seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich eine höchst derbe Lektion

erteilt und sie durch seine Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein

vernünftiger Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das sogenannte

Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen, auch nicht freiwillig

aus dem Paradiese fortgegangen, noch weniger aber ziehen Männer, die, wie die

Weltreisenden, von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt sind, von einem Orte

weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland vorstellt. Da steckt anderes

dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen,“ schloß der Artikel.

Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden. Er würde es gar

nicht weiter beachtet haben, da aber der Artikel selbst mit dicken roten Strichen

umgeben war, so erregte dies Stillers Interesse. Er überflog den Inhalt kurz und

wandte sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu.

„Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung. Das

Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient allerdings keine besondere

Beachtung, das wäre gewissermaßen eine Ehrung, aber es zeigt doch, auf

welchem Tiefstand der Gesinnung sich noch manche Menschen bewegen, die

sich anmaßen, legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu sein.“

Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf. „Giftkröten, die man

zertreten sollte,“ schimpfte er.

„Leichtfertige Menschen dieser Art sind mehr zu bedauern als zu

verdammen,“ antwortete Stiller.

„Ach was bedauern,“ knurrte Piller. „Ausreißen muß man das Unkraut.“

„Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um wirklichen Auswurf

des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem Falle aber ist es tatsächlich

der Mangel an Einsicht, an wirklicher Bildung, dieser fundamentalen Grundlage

der vernünftigen Selbstkritik, der uns hier gegenübertritt, und das ist es, was ich

bedaure.“

„Ich stimme dir bei,“ sprach Frommherz. „Ein Mensch, der sich seiner Würde

als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig denken und handeln. Die Menschen

auf die Höhe des wahren Menschentums zu heben, an dieser Arbeit kräftig

mitzuwirken, war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.“

„Eine Sisyphusarbeit,“ rief Piller.

„Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr schließlich zum

Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen, nein, dazu bedarf es der Zeit von

Jahrhunderten, aber als Arbeiter im Dienste des Wahren, Guten und Schönen

müssen wir schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des Menschheitsideales

beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte fort, Fridolin,“ bat Stiller.

Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise folgenden Jahre

auf dem Mars mit der Bearbeitung des Wörterbuches vorübergegangen seien,

wie er im Hause Bentans in Angola gelebt und auch dort einen zarten

Liebestraum geträumt habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die

Entsagung, der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche ihm

zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe er den besten Trost und

Wiederaufrichtung gefunden und später Bentans ablehnende Haltung seinem

Herzenswunsche gegenüber als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle

dienend anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt.

Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde von dieser

gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten.

„Großartig, wirklich großartig!“ rief Piller, erregt vom Stuhle aufspringend

und mit hastigen Schritten das Zimmer messend. „Und denke dir, Fridolin,

Stiller hat das von hier aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor wenigen

Monaten, am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem selben Zimmer

davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte Kanalsystem auf

dem Mars durch das Teleskop.“

„Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?“ foppte Brummhuber.

„Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Huber mit dem vortrefflichen

Namen einmal beweisen, daß auch ich verzichten kann. Fridolin, fahre fort!“

Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die die gemeinsame

Arbeit mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen in den Jahren der Not in seinem

Denk- und Empfindungsvermögen nach und nach hervorgebracht, und wie

dadurch von ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes Stiller

begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der Entschluß in ihm gereift,

dem gegebenen Beispiele zu folgen und in gleichem Sinne wie Stiller auf der

Erde zu wirken. Nach Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle getreten, und in

der ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter Bentans Vorsitz habe er

sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten auf das günstigste

aufgenommen worden sei.

„Es war in demselben Saale des Palastes in Angola, in dem wir sieben einst

zum letzten Male zusammen waren,“ fuhr Frommherz fort. „Dort befinden sich

eure Bilder mit den nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem,

ehrendem Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten, besonders

aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch die innigsten Grüße und

die besten Wünsche für euer Wohlergehen mitgegeben. Und nun hat der Tod drei

von uns weggerafft, die ich nicht mehr sehen durfte.

Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male kam unser Fahrzeug

in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn; fast wären wir mit einem

Meteoriten von gewaltigen Dimensionen zusammengestoßen, und beim Eintritt

in die Erdatmosphäre drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das ich je

erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der Flug durch den

ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick auf Eros und ein Besuch auf dem

Monde bot eine Fülle des Interessanten, von dem ich euch einmal eingehend

berichten werde. In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die Erde. Von dort

nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern abend kamen wir über

Stuttgart an, das ich sofort trotz der bedeutenden Höhe, in der unser Luftschiff schwebte, an seiner eigenartigen Lage wiedererkannte. In aller Frühe wurde ich

gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem Wasen abgesetzt.“

Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche Erzählung

beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine und seiner Gefährten Rückkehr

zur Erde vor elf Jahren, den Empfang an den verschiedenen Orten der Welt und

schließlich den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem Tode der drei

Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr gestorben, nachdem er

lange gemütskrank gewesen. Dann sei Thudium ganz plötzlich, unvermittelt

eingegangen in das Schattenreich. Ihm sei Dubelmeier gefolgt, der an

Arterienverkalkung gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten lasse, sondern

behaupte, Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst vorzeitig in die Grube

gefahren.

Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet, der in Wort

und Schrift für das wahre Menschentum und die natürliche Moral eintrete und

den Kampf gegen alles Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge

aufgenommen habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die ehemaligen

Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden, um alten

Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem prächtigen Mars in ungestörter Weise

zu leben.

Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied in diesem engsten

Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar, aus dem Strome des ihn

umfließenden Lebens noch manchen andern edlen Kristall zur Angliederung

anziehen werde.

Während Frommherz’ und Stillers Berichten waren die Stunden in raschem

Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen wollten die Freunde einen kleinen

Spaziergang durch den Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von

zwei Herren meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen

wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel und Adolf

Blieder.

„So, so, die sind es, die Pfuscher am „Weltensegler“ von ehemals,“ bemerkte

Piller spöttisch, als er einen raschen Blick auf die Karten geworfen hatte.

„Ich kann sie nicht gut ablehnen,“ entgegnete Stiller. „Da ich aber vor euch

kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie mir in eurer Gegenwart sagen,

was sie von mir wollen.“

„Wird was Gescheites sein,“ brummte Piller. „Doch immerhin, laß sie

eintreten.“

Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem Wohlleben, körperlich

sehr gewichtige Männer geworden waren, betraten das Zimmer und begrüßten

Stiller freundlich.

„Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies hier ist Herr Frommherz,

der gestern vom Mars zurückkam und auf dem Wasen landete,“ stellte Stiller

vor.

„Seinetwegen kommen wir ja zu dir,“ trompetete Schnabel, sich vor

Frommherz verneigend, so gut es eben seine Körperfülle zuließ.

„Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr vor,“ bat Stiller. Die

Herren folgten der Einladung.

„Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand der Kommission für das

Denkmal gewählt wurden, das dir und deinen berühmten Herren Begleitern auf

deiner Marsreise zu Ehren gesetzt wurde.“

„Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und Freunden und nicht

auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen Marsreise, mein lieber Blieder,“

korrigierte Stiller.

„Nun ja, also . . . . hm, was wollte ich gleich sagen?“

„Das kann ich doch nicht wissen,“ antwortete Stiller lächelnd.

„Von dem Denkmal,“ kam Schnabel dem Verlegenen zu Hilfe.

„Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr des Herrn

Frommherz wegen rechte Sorgen.“

„Wieso?“ fragte Stiller erstaunt.

„Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine kostspielige

Sache.“

„Eine Änderung?“

„Ja,“ nahm jetzt Schnabel das Wort, „diese völlig unerwartete Rückkehr des

Herrn Frommherz stellt uns vor eine schwierige Entscheidung.“

„Deshalb kommt ihr zu mir, nicht wahr?“

„Ja!“

„Wo liegt denn diese Schwierigkeit?“ forschte Piller.

„In der Inschrift der vierten Seite,“ gestand Herr Blieder.

„Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,“ erwiderte Piller

nicht ohne Hohn.

„Gewiß,“ antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht bemerkend. „Es

handelt sich möglicherweise um eine Abtragung des ganzen Denkmals, denn die

einmal eingehauenen Worte lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach, wie

Sie vielleicht glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein verändertes

und unschönes Aussehen zu geben.“

„Was wissen denn Sie, was ich deshalb glaube?“ entgegnete Piller grob.

„An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees,“ fuhr Herr Schnabel fort,

„ist seit gestern die Aufgabe herangetreten, umgehend einen Vorschlag dem

Stadtrat einzureichen zwecks Änderung, und da befürchten wir recht lebhafte und unangenehme Debatten.“

„Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?“ meinte Stiller

lächelnd.

„Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg aus der Sache.“

„Eine verzweifelt dumme Geschichte,“ spottete Piller.

„Nicht wahr?“ klagte Herr Blieder in aufrichtiger Verlegenheit.

„Das will ich meinen,“ bestätigte Piller ernsten Tones.

Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch traurigen Gesichter

der beiden Besucher unwillkürlich lächeln. Stiller selbst schien in Gedanken

verloren.

„So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf der es sich um

Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln: Nach 14 ½ jähriger

Abwesenheit am 5. Mai . . . wieder vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht

gehen?“

„Das Ei des Columbus,“ rief Herr Schnabel voll Freude. „Du hast es

getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die Lösung, so daß es mir jetzt

schon ganz unbegreiflich erscheint, nicht von selbst darauf gekommen zu sein.“

„Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten Kopfzerbrechen

verursacht,“ erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen Schulgenossen mit

überlegenem Lächeln betrachtend. „Wir haben dies ebenfalls bei der

Konstruktion des ‚Weltenseglers‘ vor fünfzehn Jahren erlebt, nicht wahr?“

„Gewiß, gewiß,“ beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen.

„Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet, dank Columbus

Stiller,“ rief Piller.

Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten etwas verdutzt auf

Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten mit seinen scharfen Augen und dem

spöttischen Lächeln um die Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten

sie sich mit Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen.

„Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten anderer leben,“

äußerte sich Brummhuber, als die beiden das Zimmer verlassen hatten.

„Du hast recht,“ bestätigte Piller. „Mir sind Leute, die sich immer mit den

Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde der Seele zuwider.“

„Harmlose Strohköpfe,“ suchte sie Stiller zu entschuldigen.

„Nur bedingt harmlos, lieber Stiller,“ entgegnete Piller. „Die Dummheit paart

sich oft genug mit der Heimtücke, und von letzterer sind Schnabel und Blieder

nicht gänzlich frei.“

„Verlassen wir das Thema!“ bat Stiller. „Es lohnt sich wirklich nicht, darüber

weiter zu sprechen; denn die beiden sind tatsächlich zu unbedeutend für uns.“

Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen wollten und soeben aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes Autoelektrik vor. Ihm entstieg der Graf

von Neckartal.

„Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,“ rief er heiter. „Ich

sauste hier herauf, um unsern berühmten, der Heimat wiedergeschenkten

Professor Frommherz zu begrüßen. Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum

Willkomm drücken. Dem goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,“ erklärte

der Graf, Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren ins Haus

eintretend.

„Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen die in Extremen sich

bewegende Erde je wieder eintauschen würden!“ fuhr Herr von Neckartal fort,

als sich die Herren gesetzt hatten. „Wie eine Bombe schlug gestern die Nachricht

ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter hätten Sie sehen

sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender sei wieder auf schwäbischem

Boden erschienen. Einfach zum Heulen vor Vergnügen! Frommherz, ich will

gewiß kein Unkraut säen, aber mancher wünschte Sie im ersten Augenblicke

wieder dahin zurück, woher Sie kamen.“

„Kenn’ ich doch meine lieben Deutschen und kann’s mir also in etwas

vorstellen,“ warf Piller lachend ein. „Unser Freund kam eben gegen alle Regeln

der Gesellschaft unangemeldet zurück, ohne vorherige Erlaubnis.“

„Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde man schließlich noch

hingenommen haben, aber das blitzschnelle Verschwinden Ihres Luftschiffes von

hier wurde zuerst als eine grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden. Einige

Tage wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten Stuttgartern

schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit den Marsiten war man

allgemein gespannt, und die Enttäuschung, diese merkwürdigen Menschen nicht

gesehen zu haben, war groß.“

„Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,“ bemerkte Stiller. „Ich habe

doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt, daß die Bewohner des Mars

gewichtige Gründe hätten, den Verkehr mit uns abzulehnen.“

„Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen. Viel dazu trug

bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz mit der Polizei bekannt

wurde.“

„So etwas kann vorkommen,“ entschuldigte Frommherz.

„Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich. Aber jetzt komme

ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber Frommherz,“ fuhr der Graf fort. „Halten

Sie sich nicht fern von uns, sondern schenken Sie uns die Ehre Ihres baldigen

Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das, was Sie uns sagen wollen,

und möchten von Ihnen schon heute abend, falls Sie nicht zu müde sind, einige

Mitteilungen entgegennehmen. Ich wurde gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt, Sie darum zu bitten.“

„Ich werde Ihrem Wunsche in bescheidenem Umfange zu entsprechen

suchen,“ antwortete Frommherz. „Wann soll ich erscheinen?“

„Um acht Uhr in der Liederhalle.“

„Gut! Ihr kommt doch mit mir, meine Freunde?“

„Selbstverständlich,“ knurrte Piller, ehrlich zornig über die seinem Freunde

gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung.

„Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen und besten Dank für

Ihr Entsprechen!“ Damit verabschiedete sich der Graf von Neckartal.

„Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit dem es wahrlich keine

Eile gehabt hätte,“ polterte Piller, als der Graf gegangen war.

„Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,“ erwiderte Frommherz

lächelnd. „Ihr habt ja durch eure Publikationen über den Mars und seine

Bewohner, wie ihr mir gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen

gegeben. Somit bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären übrig.“

„Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann ich dir mit

entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen. Auch mein Diener Hans, ein

ehemaliger Haarkünstler, wird dir deine Marsitenmähne nach augenblicklicher

Erdenmode um- und zustutzen,“ sprach Stiller. „Und nun laßt uns noch ein

wenig den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur streifen!“

Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten die festlich

bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal führte Herrn

Frommherz in den großen Saal, der bis auf den letzten Platz von Stuttgarts

bestem Publikum besetzt war. Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen

empfing Frommherz, als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem

Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde Platz genommen.

Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß mit einer

scharfen Verurteilung des heutigen, im „Volksmund“ erschienenen Artikels. Nun

erhielt Frommherz das Wort.

„Verehrte Anwesende!“ hub er mit seiner klangvollen Stimme zu sprechen an.

„Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen Dank für den Willkomm, den Sie mir

geboten. Daß mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn Jahren

gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist nach dem, was Sie von

jenem Planeten durch meine Freunde gehört haben, nur zu leicht begreiflich. Es

werden Sie daher die Gründe besonders interessieren, die mich zur Rückkehr in

die alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei etwas weiter ausholen.

Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik an der Universität in

Tübingen, als ich diese Professur aufgab, um mit meinen Gefährten und treuen

Freunden die gewagte Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu unternehmen. Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in ethisch-

religiöser Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert unserer Kultur wie

auch an die der führenden Nationen der Mutter Erde in starkes Wanken gebracht.

Was sah ich in dieser Richtung überall hier unten? Eine Ablösung des Menschen

von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein künstliches Dasein mit

Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen Abhängigkeitsverhältnissen und

einer dadurch bedingten untergehenden individuellen Selbständigkeit.

Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der Kraft und des

Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger

wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge

wurde es mehr und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute

gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln.

Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten

Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit

für die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper und

Geist der Menschen gleich verderblich schädigten. Das Ich war der Götze, dem

auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur unserer so sehr

gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es wahrscheinlich auch noch heute

ist.

Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen

Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des

Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war

unsagbar glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter Form

vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rückkehr, und so

ließ ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren Willen, zurück.

Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip

des naturgemäßen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es

verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine gesunde,

frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten Menschlichkeit, die

nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt. Auf dem Mars ist jeder

einzelne von Jugend auf gewöhnt, sich geistig und körperlich zu beschäftigen. Er

findet daher keine Zeit, allzuviel an sich selbst zu denken, sein eigenes Ich in

den Vordergrund zu stellen, einem Subjektivismus zu frönen, der hier unten eine

so große und verderbliche Rolle spielt.

Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der

Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt von der Rücksicht auf das Wohl aller,

schafft bei den Marsiten als natürliche Folge jenes wunderbare Gleichgewicht

des Innern, das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem Mars bestehenden

Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende und Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich kräftig und gesund an

Körper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidarität die Haupttriebkraft seines

ganzen Handelns bildet.

Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist, habe ich oben auf

dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie war es, die mich aufrüttelte, die mir

meinen den Freunden gegenüber begangenen Fehler des eigenmächtigen,

egoistischen Zurückbleibens zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den

Wunsch reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So

entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder

vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu

arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich frage

danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir oben lebendig

geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens, der Nächstenliebe.

Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren

Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten. Der Menschheit

das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral auf

diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden, dem das

Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums am Herzen liegt.

So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund

mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den Rest

meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen.“ Mit leichter Neigung des

Kopfes gegen die Zuhörer verließ Frommherz das Podium.

Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die

Versammelten außerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche

Größe des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkürlich

achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen

Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet hatte,

so fühlte er sich für den Ausfall durch das, was Frommherz gesprochen, nicht

nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig merkwürdig bewegt. Es waren

diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden, die da und dort auf wirklich

fruchtbaren Boden fielen.

Anmerkungen zur Transkription

 

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende zum Anfang des Buches verschoben.

 

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

 

... „Die Dummheit part sich oft genug mit der Heimtücke, und von ...

... „Die Dummheit paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von ...

 

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License. You must require such a user to return or

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and discontinue all use of and all access to other copies of

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org

 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

Dr. Gregory B. Newby

Chief Executive and Director

gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

 

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For forty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

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