Vom Mars zur Erde
Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß.
Sechstes Kapitel.
Ein tapferer Entschluß.
An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in
den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte sein
Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der Weisen
unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch der
deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach Erdenmaß.
Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung
ausgesprochen.
Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des
Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem ihn
mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden
Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit
Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für besser,
zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein Anliegen
vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten.
Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede
schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe, dahin
wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun seine
Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so unendlich
viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt: in seinem
engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller Übertreibung
ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der Weise zu lehren,
wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre zu werben und den
Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen Altruismus der
Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat mehr und mehr
einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer Lüge und rohen
Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch entgegentreten und gegen
sie kämpfen, damit den später geborenen Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des Frohmutes beschieden sein möge. Die
Menschlichkeit werde dann eine wirklich vollendete Tatsache, nicht mehr bloß
ein Begriff und nur in Gedanken vorhanden sein.
„Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den Weg
zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,“ fuhr Frommherz
fort. „Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die Handlungsweise meiner
Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich damals wähnte, daß sie eine
übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit begangen hätten. Eine späte
Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure Gesinnungen, eure hohe
Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer Rückkehr niemals zur
Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr meine Handlungsweise von
heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte in ernste Erwägung ziehen und
sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr nicht Unmöglichkeiten der
verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich nicht zu beurteilen vermag.“ Mit
diesen Worten schloß Fridolin Frommherz seine Rede, die von der Versammlung
mit großer Aufmerksamkeit angehört worden war.
„Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir wollen
sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen lassen, um dir
unsere Entscheidung mitzuteilen,“ bat Bentan freundlich.
Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als
er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur
Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie
ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen
Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen Freunden, im
Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale fortgegangen,
und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß er sich endlich
selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom Mars von sich
aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den Marsiten nichts mehr
von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die an ihm geübte großartige
Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat seiner Freunde erschien ihm heute
in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie wohl damals die Erde, die Heimat wieder
erreicht hatten, die Tapfern? Ob er sie wiedersehen würde?
In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut
gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die
Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz
nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei ihm
im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der technischen
Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß er an einem
richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte.
Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch
elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als er
gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die
wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang
seiner Sache hoffen.
„Mein lieber Freund und Bruder,“ begann Bentan zu sprechen. „Dein
Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise
tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat uns mehr
erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren, sahen voraus, daß
du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein Entschluß hat uns deshalb
besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du gleich deinen Gefährten, die bei
uns geweilt, derselbe wackere Mann und Schwabe bist, für den wir dich immer
hielten. Wir werden uns mit dem Stamme der Findigen und der Ernsten in
Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so bald wie möglich entsprochen
werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde des Lichtes gebracht werden in
ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu uns kamst. Und nun kann ich dir im
Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß wir beschlossen haben, dein Bild und
die Gedenktafel nach deiner Abreise an der Stelle dieses Saales anbringen zu
lassen, die hiefür schon so lange vorher bestimmt war.“ Ein feines Lächeln
huschte bei diesen Worten über Bentans geistvolles Gesicht. „Die sieben
Schwaben, die einzigen Erdensöhne, die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen
und auf ihm gelebt, sie sind dann im Bilde und in der Erinnerung für immer bei
uns harmonisch vereint. Von Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die
trauten Stätten deiner Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit
glücklich wiedersehen mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt
sich ungestraft aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die
festen Wurzeln seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja
auch an dir selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder
unten auf der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe
ihnen unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren
halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert
unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund!
Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir dir
stets bewahren werden.“
Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit erstaunlicher
Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das geringste eingebüßt
hatte.
„In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem
Luftschiffe angekommen,“ sprach er. „Von dort aus haben sie auch, bis auf Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine lieben
Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die Rückkehr
des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in Lumata aus
erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin ein, bei mir
wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.“
„Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,“ antwortete der
Gelehrte.
„Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und die
Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,“ entschied Bentan.
Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz zum letzten
Male mit Bentan auf der Terrasse von dessen Hause. Morgen wollte er Angola
verlassen, um mit Eran zusammen nach Lumata zu ziehen.
„Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr zur Erde
überrascht?“ fragte er seinen Gastgeber.
„Durchaus nicht!“ entgegnete Bentan ruhig. „Ich erwartete die Äußerung
dieses Wunsches und finde, daß du für ihn sehr geschickt den richtigen
Augenblick gewählt hast.“
„Ja, der Gedanke, den Lichtentsprossenen zu verlassen, hat unendlich lange
Zeit bei mir zum Reifen gebraucht,“ erwiderte Frommherz.
„Das wirklich Gute bedarf immer einer angemessenen Zeit zur Entwicklung.“
„Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen sollen?“
„Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur richtigen Zeit den
richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit hier ist vollendet. Du warst uns auch
nebenbei in den Jahren der Gefahr und Not ein schätzenswerter, fleißiger
Beistand. Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine Gegenleistungen von
jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit hast, konntest du deiner
Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen.“
„Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger Bentan.“
„Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst froh darüber, daß
ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen? Sieh, damals schon ahnte ich das,
was heute gekommen ist. Ich wies auf die Stunde hin, die möglicherweise
erscheinen könnte, in der du gern frei über deine Person verfügen möchtest.
Heute hat diese Stunde geschlagen.“
„Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke ich dir. Aber
trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals den Gedanken einer
Rückkehr gefaßt haben.“
„Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir, lieber
Fridolin,“ erwiderte Bentan lächelnd.
„Benta, mein Kind, komm zu uns,“ bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf
der Terrasse erschien, um nach dem Großvater zu sehen. „Bringe deine Harfe
und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund Fridolins
letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn noch durch Musik
und Gesang.“
Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des Weibes, entsprach sofort
der Bitte des Großvaters. Welch wunderbare Töne die Marsitin diesen Abend
ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte Frommherz
Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang! Welch eine
Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes und
unbestimmbaren Wehs löste er nicht im Empfinden des Sohnes der
schwäbischen Erde aus!
Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief ergriffen
mit Worten herzlichen Dankes die Hand. „Lebe wohl, Benta! Nie werde ich
deiner vergessen. Für immer wird mit der Erinnerung an meinen langen
Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein. Möge dir die
Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen, wie du es verdienst. Das
wünsche ich dir zum Abschiede.“
„Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,“ antwortete
Benta herzlich. „Wenn ich später Gattin und Mutter geworden bin, so werde ich
meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen
Erdensohne, erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen
Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit
dir! Reise glücklich!“ Nochmals ein inniger Händedruck, und Benta war
eilenden Schrittes im Hause verschwunden.
Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es öffnete, fand er in
ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas.
„Welch große Freude macht mir dieses Bild,“ rief Frommherz beglückt. „Ich
werde das kostbare Andenken zu schätzen wissen.“
„Daran zweifeln wir nicht,“ bemerkte Bentan. „Erlaube mir, daß der
Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.“ Mit diesen Worten übergab er seinem
Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde.
„Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner bleiben muß.“
„Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mögest du glücklich die
Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche für
dein Wohlergehen begleiten dich.“ Bentan umarmte den Erdensohn, küßte ihn
auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück.