Vom Mars zur Erde

Albert Daiber · Kapitel 8 von 14

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Vom Mars zur Erde

Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß.

Sechstes Kapitel.

 

Ein tapferer Entschluß.

 

An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in

den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte sein

Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der Weisen

unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch der

deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach Erdenmaß.

Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung

ausgesprochen.

Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des

Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem ihn

mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden

Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit

Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für besser,

zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein Anliegen

vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten.

Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede

schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe, dahin

wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun seine

Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so unendlich

viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt: in seinem

engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller Übertreibung

ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der Weise zu lehren,

wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre zu werben und den

Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen Altruismus der

Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat mehr und mehr

einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer Lüge und rohen

Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch entgegentreten und gegen

sie kämpfen, damit den später geborenen Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des Frohmutes beschieden sein möge. Die

Menschlichkeit werde dann eine wirklich vollendete Tatsache, nicht mehr bloß

ein Begriff und nur in Gedanken vorhanden sein.

„Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den Weg

zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,“ fuhr Frommherz

fort. „Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die Handlungsweise meiner

Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich damals wähnte, daß sie eine

übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit begangen hätten. Eine späte

Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure Gesinnungen, eure hohe

Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer Rückkehr niemals zur

Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr meine Handlungsweise von

heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte in ernste Erwägung ziehen und

sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr nicht Unmöglichkeiten der

verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich nicht zu beurteilen vermag.“ Mit

diesen Worten schloß Fridolin Frommherz seine Rede, die von der Versammlung

mit großer Aufmerksamkeit angehört worden war.

„Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir wollen

sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen lassen, um dir

unsere Entscheidung mitzuteilen,“ bat Bentan freundlich.

Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als

er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur

Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie

ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen

Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen Freunden, im

Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale fortgegangen,

und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß er sich endlich

selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom Mars von sich

aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den Marsiten nichts mehr

von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die an ihm geübte großartige

Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat seiner Freunde erschien ihm heute

in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie wohl damals die Erde, die Heimat wieder

erreicht hatten, die Tapfern? Ob er sie wiedersehen würde?

In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut

gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die

Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz

nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei ihm

im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der technischen

Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß er an einem

richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte.

Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch

elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als er

gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die

wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang

seiner Sache hoffen.

„Mein lieber Freund und Bruder,“ begann Bentan zu sprechen. „Dein

Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise

tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat uns mehr

erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren, sahen voraus, daß

du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein Entschluß hat uns deshalb

besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du gleich deinen Gefährten, die bei

uns geweilt, derselbe wackere Mann und Schwabe bist, für den wir dich immer

hielten. Wir werden uns mit dem Stamme der Findigen und der Ernsten in

Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so bald wie möglich entsprochen

werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde des Lichtes gebracht werden in

ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu uns kamst. Und nun kann ich dir im

Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß wir beschlossen haben, dein Bild und

die Gedenktafel nach deiner Abreise an der Stelle dieses Saales anbringen zu

lassen, die hiefür schon so lange vorher bestimmt war.“ Ein feines Lächeln

huschte bei diesen Worten über Bentans geistvolles Gesicht. „Die sieben

Schwaben, die einzigen Erdensöhne, die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen

und auf ihm gelebt, sie sind dann im Bilde und in der Erinnerung für immer bei

uns harmonisch vereint. Von Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die

trauten Stätten deiner Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit

glücklich wiedersehen mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt

sich ungestraft aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die

festen Wurzeln seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja

auch an dir selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder

unten auf der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe

ihnen unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren

halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert

unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund!

Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir dir

stets bewahren werden.“

Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit erstaunlicher

Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das geringste eingebüßt

hatte.

„In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem

Luftschiffe angekommen,“ sprach er. „Von dort aus haben sie auch, bis auf Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine lieben

Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die Rückkehr

des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in Lumata aus

erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin ein, bei mir

wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.“

„Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,“ antwortete der

Gelehrte.

„Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und die

Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,“ entschied Bentan.

Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz zum letzten

Male mit Bentan auf der Terrasse von dessen Hause. Morgen wollte er Angola

verlassen, um mit Eran zusammen nach Lumata zu ziehen.

„Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr zur Erde

überrascht?“ fragte er seinen Gastgeber.

„Durchaus nicht!“ entgegnete Bentan ruhig. „Ich erwartete die Äußerung

dieses Wunsches und finde, daß du für ihn sehr geschickt den richtigen

Augenblick gewählt hast.“

„Ja, der Gedanke, den Lichtentsprossenen zu verlassen, hat unendlich lange

Zeit bei mir zum Reifen gebraucht,“ erwiderte Frommherz.

„Das wirklich Gute bedarf immer einer angemessenen Zeit zur Entwicklung.“

„Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen sollen?“

„Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur richtigen Zeit den

richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit hier ist vollendet. Du warst uns auch

nebenbei in den Jahren der Gefahr und Not ein schätzenswerter, fleißiger

Beistand. Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine Gegenleistungen von

jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit hast, konntest du deiner

Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen.“

„Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger Bentan.“

„Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst froh darüber, daß

ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen? Sieh, damals schon ahnte ich das,

was heute gekommen ist. Ich wies auf die Stunde hin, die möglicherweise

erscheinen könnte, in der du gern frei über deine Person verfügen möchtest.

Heute hat diese Stunde geschlagen.“

„Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke ich dir. Aber

trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals den Gedanken einer

Rückkehr gefaßt haben.“

„Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir, lieber

Fridolin,“ erwiderte Bentan lächelnd.

„Benta, mein Kind, komm zu uns,“ bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf

der Terrasse erschien, um nach dem Großvater zu sehen. „Bringe deine Harfe

und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund Fridolins

letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn noch durch Musik

und Gesang.“

Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des Weibes, entsprach sofort

der Bitte des Großvaters. Welch wunderbare Töne die Marsitin diesen Abend

ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte Frommherz

Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang! Welch eine

Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes und

unbestimmbaren Wehs löste er nicht im Empfinden des Sohnes der

schwäbischen Erde aus!

Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief ergriffen

mit Worten herzlichen Dankes die Hand. „Lebe wohl, Benta! Nie werde ich

deiner vergessen. Für immer wird mit der Erinnerung an meinen langen

Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein. Möge dir die

Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen, wie du es verdienst. Das

wünsche ich dir zum Abschiede.“

„Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,“ antwortete

Benta herzlich. „Wenn ich später Gattin und Mutter geworden bin, so werde ich

meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen

Erdensohne, erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen

Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit

dir! Reise glücklich!“ Nochmals ein inniger Händedruck, und Benta war

eilenden Schrittes im Hause verschwunden.

Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es öffnete, fand er in

ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas.

„Welch große Freude macht mir dieses Bild,“ rief Frommherz beglückt. „Ich

werde das kostbare Andenken zu schätzen wissen.“

„Daran zweifeln wir nicht,“ bemerkte Bentan. „Erlaube mir, daß der

Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.“ Mit diesen Worten übergab er seinem

Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde.

„Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner bleiben muß.“

„Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mögest du glücklich die

Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche für

dein Wohlergehen begleiten dich.“ Bentan umarmte den Erdensohn, küßte ihn

auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück.