Vom Mars zur Erde
Zweites Kapitel. Die Sühne.
Zweites Kapitel.
Die Sühne.
Bald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft, sich zur
Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden Bade fühlte sich Fridolin
Frommherz neu belebt. Er frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein bequemer
Wagen, der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen sollte.
Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten Wasserstraßen,
die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege. Sehr schnelle, durch
Elektrizität getriebene Schiffe verkehrten zwischen den einzelnen Orten. Fridolin
Frommherz hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt unternommen.
Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal hatte Eran einen
Motorwagen gewählt, der ihn mit dem Erdensohne möglichst rasch durch die
blühende Landschaft nach ihrem Ziele führen sollte. Die beiden Tagereisen
konnten dadurch um eine verringert werden. Sachte glitt der Wagen dahin. Kaum
merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz konnte diese Art
Motorwagen nicht genug im Vergleich mit denjenigen auf Erden rühmen. Wie
leicht sie gingen! Kaum wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine Spur üblen
Geruches. Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung.
„Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit zurück zu sein. Von
Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen wissen wir nichts. Wir haben uns
die elektrische Kraft in jeder Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze laßt ihr
brach liegen oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind sparsam
geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren gehen.
Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist als die unsrige. Aber auch ihre
Fülle nimmt merklich ab. Wir beobachten das schon seit Jahrhunderten durch
unsere Fernrohre. Hätten wir solche kolossale Schätze an aufgespeicherter
Energie, wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut besitzt, wahrlich, unsere
technischen Leistungen, die du so sehr bewunderst, wären noch weit
bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die uns unmöglich wären.“
Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt immer wieder auf
die gartenähnliche Landschaft. Da war überall die sorgsamste Bewässerung
durch kleine und kleinste Kanäle. Da war kein Fuß breit Landes unangepflanzt.
In üppigem Grün versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen
und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in laute Bewunderung
aus.
„Ja,“ sagte Eran, „du bewunderst mit Recht. Unsere Männer und Frauen aus
dem Stamme der Sorgenden haben da Herrliches geschaffen.“
„Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute?“ fragte der
Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll vor sich
hinblickenden Greis.
Dieser lächelte fein, als er erwiderte: „Gewiß ist auch bei uns mancher von
Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen, die alle im Wohle der Gesamtheit
gipfeln, lassen die niedern Triebe des Einzelnen nicht voll zur Entfaltung
kommen. Schon das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem großen
Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das Wohl der
Gesamtheit bedingt wird.“
„Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit verhindert, eine
gewisse Gleichförmigkeit erzielt?“
„Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung zwei Jahre mit
deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr allein unter uns. Du kennst uns jetzt
zur Genüge. Hast du gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden sind?“
„Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich zum Beispiel, so finde
ich bei dir die volle Individualität der Persönlichkeit gewahrt. Doch steht bei
euch die Masse auf einer Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde erst einige
wenige, besonders Vorgeschrittene vertreten.“
„Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei uns keiner in einen
Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen natürlichen Anlagen paßt. Frei für
jedermann ist die Schulung, die elementare wie die höhere, die
wissenschaftliche, technische, künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist das
einzige, dessen es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle Berufsarten
werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder Dienender aus dem
Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter aus dem Stamme der Ernsten, ein
Dichter, Maler oder Komponist aus dem Stamme der Heitern, ein Musiker oder
Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein Handelsmann aus dem
Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus dem Stamme der Findigen bist,
das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt daß du deinen selbstgewählten Beruf
richtig ausfüllst. Nicht w a s du bist, sondern w i e du es bist, bestimmt deinen
Wert.“
„Und wenn sich einer in der Berufswahl geirrt hat? Solches wird doch auch
bei euch zuweilen vorkommen.“
„Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen. Aber ein jeder hat
das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu machen und auf Grund einer abgelegten
Prüfung in einen andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie in gleichen
Ehren. Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die Ältesten und
Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen Stämmen, gewählt werden.
Sie sind die Hüter des Gesetzes.“
„Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen Gemeingut der
Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch unten auf der Erde aus!“
seufzte Fridolin Frommherz.
„Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender Bildung
und edelster Gesinnung,“ erwiderte Eran. „Denke nur an deinen ausgezeichneten
Freund Stiller, den Führer eurer kühnen Forschungsfahrt!“
Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem Erdensohne plötzlich
wieder recht beklommen zumute. Seine Schuld stand ihm wieder vor Augen,
und er erinnerte sich wieder an Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die
blühende Marslandschaft. Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er
wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause fragte er
schüchtern: „Würdiger Eran, weißt du nicht, was man in Angola mit mir
vorhat?“
„Nun,“ erwiderte dieser, „man wird dir wohl eine Art Sühne auferlegen dafür,
daß du ohne Einverständnis mit deinen Freunden hier zurückgeblieben bist.“
Fridolins Unbehagen wuchs. „Also eine Strafe?“ fragte er beklommen.
„Wenn du es so nennen willst,“ erwiderte der Greis mit seinem Lächeln.
„Als freier Mann konnte ich aber doch tun oder lassen, was ich wollte,“
meinte Frommherz etwas unsicher.
„Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was du da sagst. Es
gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich nicht in vorgeschriebene
Verordnungen fassen lassen. Zudem tadeln wir nicht dein Hierbleiben an sich,
sondern die Art und Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber durchgesetzt
hast.“
Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin.
Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: „Doch beruhige dich, mein Freund!
Ich kann dir schon jetzt die Art deiner sogenannten Strafe offenbaren, war ich es
doch, der sie bei Anan, unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und daß er
meinen Vorschlag annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit erwarten.“
„So sage mir, bitte, worin meine Strafe bestehen soll.“
„In einer wissenschaftlichen Arbeit,“ antwortete Eran lächelnd.
„Weiter nichts?“
„Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung eines
Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.“
„Nein, gewiß nicht!“ erwiderte der Erdensohn, wieder einmal fröhlich lachend
und plötzlich von allem Druck befreit. „Allerdings verstehe ich von der
Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich gesagt, nicht allzu viel, aber ich denke,
daß sich die Arbeit bei gutem Willen schon ausführen lassen dürfte. Aber wozu
braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein Wörterbuch der
deutschen Sprache?“
„Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine Brüder uns als
Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen zu können.“
„Ein famoser Gedanke, fürwahr!“ lobte Frommherz. „Nun habe ich doch
wieder ein Ziel vor Augen und — ernste Arbeit. Dafür danke ich dir von Herzen,
würdiger Eran. Es ist ein neuer Beweis deiner Güte.“
Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm sitzenden Greises und
drückte sie herzlich.
„Laß gut sein, lieber Fridolin!“ wehrte Eran ab.
Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen, sorgsam gepflegten
Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren es, die da, himmelanstrebend, mit
breiten Ästen und dichtem Gezweig Schatten spendeten. Erquickende Kühle
umfing die Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen den Feldern und
Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre des
Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem „ewigen Lichte“, wie die Marsiten
die Lebensspenderin benannten, trotz der im Vergleich zur Erde größeren
Entfernung eine äußerst intensive Bestrahlung. Zwar schien die Sonne, vom
Lichtentsprossenen aus betrachtet, eben dieser größeren Entfernung wegen —
sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen Kilometer mehr als von der
Erde aus — bedeutend kleiner; doch gab es da weder Dunst noch Wolken, die
den tief dunkelblauen Himmel verhüllten, und der Boden absorbierte
infolgedessen eine bedeutend größere Wärmemenge . . . Unter dem grünen
Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich Fridolin Frommherz sehr wohl.
„Wie hoch diese Bäume sind,“ sagte er bewundernd zu seinem Begleiter. „So
vieles ist groß und wunderbar auf eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich,
mir scheint, als hätte ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen,
wenigstens nicht beisammen, nicht als Waldbestand.“
„Das mag wohl sein,“ erwiderte Eran; „es scheint mir sogar in den ewigen
Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch eure irdische Vegetation nicht aus
eigener Anschauung, so habe ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der
unseren stets etwas niedriger vorgestellt als diese.“
„Warum?“ fragte der Schwabe erstaunt. „Sind doch die chemischen
Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen aufbauen, bei euch
dieselben wie bei uns! Und Luft und Wasser, Licht und Wärme, wirken sie nicht
auf dieselbe Weise hier wie dort?“
„Du vergißt Eines, lieber Freund,“ sagte der Marsite. „Die Schwere ist der
Punkt, in dem zwischen unserm Kinde des Lichts und dem euern der größte
Unterschied besteht, und ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto
drückender müsse auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto
kleiner müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein Freund, einen
bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres ewigen Lichtes, unserer Sonne,
vor. Denke dir lebende Wesen auf ihm, die seiner Größe entsprechen. Wie müßte
die Schwere ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich unter dem
furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten kriechende Wesen
bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe einem solchen Weltkörper
entsprechend wäre, würden sich die Äste nicht auszubreiten vermögen; sie
würden flach am Stamme niederhängen oder gar infolge der auf ihnen lastenden
ungeheuren Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein Wachstum in
bedeutendere Höhen möglich wäre.“
„Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,“ fügte der Erdensohn bei,
„seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten als wir. Ich habe daheim unter
meinen Landsleuten wie unter meinen Amtsgenossen für groß gegolten; du,
überhaupt die meisten eurer Männer, ihr überragt mich um Kopfeslänge. —
Doch was ist denn dort?“ fragte Fridolin Frommherz, sich unterbrechend und auf
eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die in kurzer Entfernung auftauchte.
„Das,“ erwiderte Eran, „ist eine Schule. Siehst du nicht dort inmitten der
Knaben den unterrichtenden Lehrer?“
„Eine Schule?“ rief der Erdensohn erstaunt. „Sehen bei euch die Schulen so
aus? Was macht denn der Lehrer hier im Walde?“
„Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen und Tiere, den
Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt ist, was sich in ihm
entwickelt, was auf ihm vorgeht, Natur und Menschenwerk.“
„Das ist viel,“ sagte Fridolin.
„Ja, es ist viel,“ erwiderte Eran. „Ich kenne Alan persönlich. Er ist einer
unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch weit von hier, nahe der Grenze unseres
Nordpolargebietes stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren Klimas die
Bodenproduktion eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir uns etwa auf dem
fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt Alan seine Zöglinge zuweilen
in unsere Gegend.“
Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht zu der Gruppe herangekommen und hielt. Eran begrüßte den Lehrer mit der den Marsiten
eigenen wohltuenden Herzlichkeit.
„Ich freue mich, dir hier zu begegnen,“ sagte er, Alan die Hand reichend.
„Gedeiht dein Werk?“
„Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,“ sagte der Angeredete, seine
schönen, warmen Augen auf den Greis richtend. „Doch bleibt noch vieles zu
tun.“
„Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!“
„Ja, die Arbeit macht froh!“
„Leb’ wohl, Alan! Werde ich dich bald einmal in Lumata sehen?“
„Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu können, würdiger
Eran!“
„Das wird mir Freude sein, junger Freund!“
Weiter rollte der Wagen.
„Was für schöne Augen dieser Mann hatte!“ sagte der Erdensohn bewundernd.
„Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,“ erwiderte der Greis. „Er
gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit setzt er an sein Werk. Da
wird keine Weisheit eingepaukt. Die Kinder lernen sehen und das Gesehene
verknüpfen. Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und dieser
leitet sie an, die Antwort selbst zu finden.“
„Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!“ meinte der
Schwabe.
Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise und Trank. Der
bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie sich wünschen konnten. Durch eine
sinnreiche Klappvorrichtung stand sogar auf einen Druck mit der Hand ein
zierliches Tischchen vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und Bestecke
verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der Vorderwand des
Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich geformten Gefäßen Speisen
und Getränke genau in der Temperatur, in der sie dem Wagen übergeben worden
waren. Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich an kühlen Getränken
genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu dem Eier gegessen wurden. Die
Eier waren weich gesotten, obgleich sie wohl eine halbe Stunde lang in
kochendem Wasser gelegen hatten. Da auf dem Lichtentsprossenen das Wasser
infolge des niedrigeren Luftdruckes schon bei 60° siedet, können die Eier nicht
hart werden. Daran war der Schwabe nun schon lange gewöhnt. Auch eine
Waschvorrichtung war an der einen Seite des Wagens angebracht. Es fehlte
wirklich gar nichts, was das Reisen angenehm und bequem machen konnte.
Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum erstenmal während
der ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich. Eine weite Fläche breitete sich da vor seinen Blicken aus: es war eine Landungsstelle für Luftschiffe. Kleinere und
größere Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen eisernen Ringen
verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen, Anfang und Endziel ihrer
Fahrt. Da die Witterung infolge der dünnen, wasserarmen Atmosphäre auf dem
Mars ziemlich gleichmäßig war, bedurfte es keiner besonderen Hallen zur
Bergung der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen zur Gasgewinnung und
Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges Leben und Treiben herrschte hier,
etwa wie auf einem Bahnhofe auf Erden, nur übertragen in marsitische
Gemessenheit. Es fiel Fridolin auf, daß die Luftschiffe der Marsiten wohl auch
nach dem starren System gebaut waren wie der „Weltensegler“, der einstmals
ihn und seine damaligen Gefährten von der Erde hinweg durch den Ätherraum
geführt hatte, aber die Ballons waren bedeutend kleiner und schienen doch, nach
den umfangreichen Gondeln zu schließen, eine bei weitem größere Tragkraft zu
besitzen. Da gab es nur zwei erklärende Möglichkeiten: entweder übertraf das
Metall, aus dem die marsitischen Luftschiffe gefügt waren, an Leichtigkeit alles
auf Erden Gekannte, oder das Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch
unendlich viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter
erfunden, und das dann zur Füllung des „Weltenseglers“ gedient hatte. Die
langgestreckte, zylindrische Form, vorn und hinten mit ogivalen Spitzen
versehen, schien sich auch hier am besten bewährt zu haben.
Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug kerzengerade,
ohne jede Schwankung in die Luft. Höher und immer höher stieg es. Wie weit
mußte der Horizont der darin Reisenden sein! Wie klein würden ihnen die
Brüder da unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen! Der Erdensohn
fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht würde sich ein anderes Mal
Gelegenheit dazu bieten.
„Du wirst noch manchmal hierher oder an einen andern Luftschiffhafen des
Lichtentsprossenen kommen,“ sagte Eran.
„Dann will auch ich,“ fügte Fridolin bei, „euer herrliches Land wieder einmal
von oben herab schauen.“
Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal, daß Fridolin
Frommherz seinen Fuß in das großartige Heim des Stammes der Weisen setzen
sollte. Zweimal war er in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen. Das
Herz klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die breiten
Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor einem halben Jahre war
dort die Abschiedsfeier für seine Freunde und auch für ihn, den Drückeberger,
abgehalten worden.
Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes, bewunderndes Ah!
entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden erblickte er die wunderbar gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten Bilder seiner Gefährten und darunter
Marmortafeln, die mit goldenen Inschriften voll Lob und Anerkennung die Taten
seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte sich wieder im Herzen des
Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von Gewissensbissen.
Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht, des
Heimwehs, als er, um die Bilder genauer zu betrachten, näher an sie herantrat.
Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die Freunde aus ihren Augen anzublicken.
Es war, als ob den Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn wo sich auch
Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus der Ferne auf sich
wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die Blicke der im Bilde Verewigten.
Nachgerade empfand er dies als unheimlich, um so mehr als er sich vergeblich
nach Eran umsah. Dieser schien nicht mit ihm eingetreten zu sein. Die feierliche
Stille des Saales verstärkte noch das Gefühl des Unbehagens. Daher war Fridolin
froh, als sich endlich eine der Türen öffnete und Anan hereintrat, gefolgt von
Eran und einigen andern alten Marsiten.
„Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings hier nicht mehr zu
sehen erwartet hatte,“ begrüßte Anan mit wohlwollender Freundlichkeit den
Erdensohn, ihm die Hand zum Willkomm reichend.
„Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen konnte, zur Erde
zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen zurückblieb,“ sprach
Fridolin.
„Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu verzeihen,“
entgegnete der ehrwürdige Greis. „Wir haben weder dich noch deine Brüder zum
Fortgehen gedrängt. Es stand euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Als wir hier
vernahmen, daß du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde einfach der
Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich auszuführen,
zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen wollten, beschlossen
wir, erst die Anfertigung der Bilder und Tafeln der uns so teuren, für immer nun
fernen Erdensöhne abzuwarten und sie hier in diesem Saale aufzustellen. Erst
nachdem wir dieser Ehrenpflicht genügt hatten, riefen wir dich.“
Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung Anans gelauscht.
Es lag eine feine Ironie in den Worten wie in der Handlungsweise des Marsiten.
Daß man ihn zuerst in den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte, empfand
er doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei. Darauf hinaus
lief im Grunde auch Anans Rede.
„Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein Freund?“ fragte Anan
nach kurzem Stillschweigen.
„Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,“ antwortete
Frommherz.
„Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch die Art, wie du dich
benahmst. Doch verlieren wir hierüber keine weiteren Worte mehr. Für uns ist
die Sache abgetan.“
„Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner Schuld,“ bemerkte
Frommherz.
„Nun ja,“ entgegnete der edle Anan. „Du weißt darum. Wir wollten dir hier in
Angola eine deiner würdige Beschäftigung zuweisen, durch die du uns nützlich
sein kannst, natürlich nur wenn du willst.“
„Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,“ beeilte sich Frommherz zu
antworten. „Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen hättet, würde ich
euch um irgend eine nützliche Arbeit gebeten haben.“
„So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches deiner
Muttersprache,“ entschied Anan. „Zieh mit Bentan, unserm wackern Bruder hier,
in sein nahes Heim. Dort kannst du dich in aller Ruhe an die Erledigung deiner
Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen, dich in diesem Hause
bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir in anregender Unterhaltung die
Erinnerung an deine ausgezeichneten Gefährten pflegen.“ Ein herzlicher
Händedruck, und Anan, der Älteste der Alten, zog sich zurück.
„Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich habe mir in der letzten
Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche Angst gemacht,“ murmelte
Frommherz vor sich hin.
„Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit, Fridolin?“
forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln.
„Gewiß, sehr,“ gestand Frommherz.
„Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber. Sein Heim wird für
lange Zeit wohl auch das deine sein.“