Vom Mars zur Erde
Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars.
Fünftes Kapitel.
Die Doppelkanäle auf dem Mars.
Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch
behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste erzählt
hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden. Zum ersten
Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender
Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen,
großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu
Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die Humanität
und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der menschlichen Tugenden,
ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und Blut eines sittlich und
körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind wie hier auf dem Mars.
Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen
Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für
das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die jedem
einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug dieser
im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle zusammen aber
auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste Prinzip, der
fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten, natürlichen Moral, im
Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu suchen und zu finden, zu
wissen, daß die blühende Menschheit allein das Paradies, eine verkümmerte aber
nichts anderes als die Hölle vorstelle, diese Grundsätze waren die organischen
Triebkräfte der Marsiten. Und sie bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der
Gefahr.
Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in
einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren,
körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der
Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen und
Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank der
Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen
Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von
Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den
bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig
ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der
Nähe der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um
Verlusten durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die
Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte
Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah.
In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen
enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den
neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der
Wasserbedarf wurde für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den
allgemeinen Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die
ausreichen mußte.
Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen
Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der „Berg des
Schweigens“, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen
schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und
Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers
sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei seiner
ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur Erde den
einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen. Jetzt
führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter ihnen Zaran,
ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle nördliche Gegend.
Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am
Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen
Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der
Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen ihnen
die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit seinen
weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt, sahen die
Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der Horizont. Die
große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige Wechsel von
Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen Gartenlandes,
eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von niederen Hügelreihen
durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der weitschauenden Höhe
herab ganz besonders auf.
Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone, die
auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die
Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald
rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die
Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber
getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens
nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung, kein
Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal — das idealste
aller Verkehrsmittel.
Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone
überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die
Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz der
ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes Augen
von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle Wälder, mehr
Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen und
schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste
Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter man
nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur weit
auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden Marsiten
erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne
Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch
immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage
grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand isoliert.
Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt.
„Sieh dort,“ sagte Zaran zu Fridolin, „den Berg des Schweigens, unser Ziel!“
Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf
zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf
einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht
ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem
Gruße sagte er: „Für Unterkunft ist so gut wie möglich gesorgt,“ und wies auf
einen langgestreckten Hüttenbau wenige Schritte von der Landungsstelle des
Luftschiffes. Die Ankömmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches, luftiges
Massenquartier zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit Erforderliche sowie
Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden. Von den übrigen
Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand gesehen. Wie wenig
neugierig doch die Leute hierzulande waren!
Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich. Bei Tagesgrauen
sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz
am Fuße des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur Talsohle ab. Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das Produkt
verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war gewiß nicht
leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mußte es noch sein,
die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu solch
schwindelnder Höhe hinaufzuschaffen!
„Komm, Freund,“ rief da Zaran dem Sinnenden zu, „das Luftschiff ist bereit!“
„Das Luftschiff?“ wiederholte Fridolin erstaunt.
„Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe befördern.“
Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin
gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher von
statten.
Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit ihnen und ebenso
der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrüßt hatte.
Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend grünes
Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in die Höhe.
Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose Stille lagerte auf
dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem Rechte zu tragen
schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal das Rauschen eines
auf dieser Seite zu Tale plätschernden Baches vernahm das lauschende Ohr.
Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der Eindruck, den die
schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder war es der Ernst der
bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt?
Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die Höhe des Berges
erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten — nun ließ es sich leicht und
sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen aus.
Da lag neben ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner, mit
Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden an, und keine Spur
von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Tätigkeit des Berges
noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte weiter, da
schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln.
Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren
Menschen und Maschinen in voller Tätigkeit. Es galt, dem Abfluß des Sees eine
neue, schmälere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so
kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine
Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das Verdunsten seines
warmen Wassers möglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der die neue
Arbeitskolonne hierhergebracht, aber während der ganzen Fahrt keine Silbe
gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut hatte, wies jetzt
jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art Trockenbagger, womit der
Boden in der bereits abgesteckten Linie für die neue Wasserrinne ausgehoben
werden sollte. Der Erdensohn, der als ehemaliger Theologe von
Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und an körperliche Arbeit nicht
gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm stehende große eiserne
Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte ihm der Marsite deren
Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und regulierte sich
bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante versehene Eimer
schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls automatisch, das
losgelöste Material hoch und ließen es auf die Ablagerungsflächen gleiten. Trotz
ihrer dauerhaften Konstruktion war die Maschine außerordentlich leicht
beweglich, was teils einer sinnreichen Vorrichtung, teils der geringeren Schwere
infolge des verminderten Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den
Erdensohn nicht allzu schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.
Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde. Solche
Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas Schönes um die
verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz außerordentlich dünnen Luft auf
solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine höhere Spannung der Blutgefäße
ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er selbst gedacht, an diese Erscheinungen.
Nur eins blieb ihm immer gleich sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen:
das war die bedeutend abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft,
daß sie den Schall nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der
wackern Männer nahm dem „Berge des Schweigens“ seinen Charakter nicht.
Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis
zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne gegraben,
den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße durchfurchten bald
solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen zusammenflossen und
sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der schweigsame Marsite
überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte er, ordnete er an, und ein
jeder fügte sich seinen Befehlen.
„Wer ist der seltsame Mann?“ hatte der Erdensohn schon am ersten Tage
gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte erzählt:
„Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres
Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern
Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das
allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die
Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den
Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere
Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe die
wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit unsere
Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe, die wir
kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit guter
Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner Familie
zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr ganzes Leben
fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch der, nach dem du mich
vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme der Findigen an. Ich
kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war. Doch war er in seiner
Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel auf sich selbst bedacht.
Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er so mangelhaft, daß er in die
Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier ist ein anderer aus ihm
geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und ihn so sehr von seiner
hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder, durchdrungen, daß er es ablehnte,
wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb im Lande der Vergessenen, an dem
Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus ihm gemacht. Er hat uns seither mit
den großartigsten Erfindungen auf technischem Gebiete überrascht. Wo es eine
besonders schwierige Aufgabe zu lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem
scharfen Verstande, seiner außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu
schwer. Die Maschine zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls
erfunden. Und du wirst noch viel Großes von ihm schauen.“
Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen
eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes, kluges
Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als „zu viel an sich
gedacht“. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er „zu viel an sich gedacht“, als er
seine Gefährten verlassen hatte und auf dem Lichtentsprossenen
zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße messen wollte, dann
müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest seiner Tage dem Dienste
der Menschheit weihen, die er eigenmächtig verlassen hatte.
Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der
Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner Wahl;
zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren Tagen ihres
Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der Gedanke an seine
Verpflichtungen gegen die Erde zurück.
Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit
seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber
aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster der
Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen Trabanten
gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort wieder auftauchend, in
ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in Marsnähe war, dann war sie nur
als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die Beobachtung ihrer Phasen war für
den Erdensohn besonders interessant. Schon mit bloßem Auge war ein
deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den außerordentlich scharfen
Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die Beleuchtungsverhältnisse,
waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die größeren Länder zu erkennen. Wie
oft grüßte der Schwabe vom Berge des Schweigens aus mit dem Auge die
deutsche Heimat! Eine eigentümliche Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der
Erde durch das Teleskop des öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der
Sonne auch noch nach solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie
eigentlich schon untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber.
„Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,“ meinte dieser. „Je dichter
die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen. Diese
Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu ein
Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop einmal
nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute schon zum
zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?“
„Nein,“ erwiderte Fridolin, „da fällt die Erscheinung ganz weg.“
„Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten
vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht
Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!“
„Die Erscheinung ist wieder da,“ rief Fridolin erfreut, „und zwar in noch
höherem Maße als bei der Erde.“
„Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.“
So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und
Interessante.
Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert.
Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der
Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit
sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge
nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und
Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche gemäßigte
oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge schaute, waren
bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern wie die viel
hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da aufgestellt, die der
Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch jedesmal bei genauem
Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial einfach und praktisch war
alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes vorwärts. Die Arbeit drängte,
stand doch der lange polare Winter vor der Tür. Vor seinem Eintritt sollte die
Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone vorgeschritten sein. Dort würde man
noch lange arbeiten können, wenn die arktischen Zonen schon in Eisesfesseln
lagen. Und hinderte der strenge Marswinter die Arbeit auch dort, dann
kanalisierte man den Tropengürtel, der kein Eis kannte.
Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie
alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der Erde. Es
kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem Verdunsten
ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich entgegengearbeitet werden.
Natürlich war das Wasser infolge seines geringeren spezifischen Gewichtes auch
minder tragfähig; aber das konnte hier nicht in Betracht kommen, standen doch
die Schiffe, die in raschem Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die
Arbeitenden mit allem Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der
geringeren Schwere. Charakteristisch für das Wasser auf dem
Lichtentsprossenen waren auch die gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf
dem großen Ozeane, der einen Teil der Südhalbkugel deckt, — das einzige
ausgedehnte Wasserbecken auf dem Mars, — sondern auch auf den kleineren
Seen der Nordhalbkugel beim geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur
Erde bei weitem leichteren Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung
der Masse ihres Weltkörpers und stiegen deshalb oft durch den einfachen
Vorgang der Wellenbildung ohne besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu
ganz außerordentlicher Höhe empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin
Frommherz ganz besonders gern.
Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug,
waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die Arbeiter
bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich früher der
Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so kurzer Zeit
durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden oft zehn,
fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von Kanälen in der
kurzen Zeit eines polaren Marssommers — doppelt so lang wie ein irdischer
Sommer in arktischem Gebiete — hergestellt worden; aber nicht nur
Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die Solidarität der
Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.
Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden
auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da und
dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst leichten
Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin, bald dorthin.
Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie bedeutende Grade
erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank, leicht zu ertragen, weil
die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf war. Auf ihren eisernen
Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das
aus einer Brigantine und einem Klüversegel bestand, gestattete die Benützung
jeder Windrichtung, und wenn es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem
Rückenwinde fahren konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges
staunenerregend. Es flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu
berühren.
Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten
erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk
fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war.
Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die
alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich die
segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen
Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach lagen, sie
wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die schon verödet
waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben.
Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die letzten
Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr altes,
glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem Werke des
Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben, mitgemauert und
mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und sonderbar vor, mit
der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der Beschäftigung. Und diese,
verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten aller Klassen, hatte nach und
nach in Frommherz eine große innere Umwandlung hervorgebracht. Hohe
Gedanken bewegten ihn.
Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben
geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen
Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen
erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf dem
Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich erreicht
war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der Liebe und
Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die Gewohnheit verstärkt
werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird, auch der Mensch in
den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile seiner Mitmenschen zu
würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch, unabhängig von den Gefühlen
der Freude oder des Schmerzes, die er einen Augenblick hindurch empfindet,
seinem Benehmen eine gewisse bestimmte Richtung zu geben.
So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner
Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und
wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten
früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit
geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der
gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden,
freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen
Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral und
des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem
Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu lernen
vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt hatte.
Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums auf der
Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst gewollt.
Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem Beispiele Siegfried
Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu folgen.
Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an
Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine
vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige
Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes der
Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft entschlafen. Ein
inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu natürlichem Abschlusse
gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola, um Anan die letzten Ehren
zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner Asche in Angolas Ehrenhalle zu
sein, dem Pantheon der Marsiten.
„Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem
Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!“ Diese Art der Bestattung war auf
dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als bester Trost
für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem Tode Anans, als die
untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten purpurfarbene Tinten an den
Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem Entschlafenen zur Feuerstätte
getragen. Dem flammenden Abendrote gleich, sollte auch Anan leuchtend
eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende Musik wechselte auf dem
Wege mit dem Gesange von Trauerliedern.
Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem
Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der
Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. „Den Geschiedenen zur
Ehre, den Lebenden zum Vorbild,“ das waren die Worte, die in goldenen Lettern
über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen Stätte ewigen
Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand sich ein kurzer Auszug
aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der Marsiten, von allen gesungen,
schloß die Feier.