Vom Mars zur Erde
Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars.
Erstes Kapitel.
Der Erdensohn auf dem Mars.
Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich
am nächtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum
Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von märchenhafter Pracht und
Schönheit. Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer
Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen?
Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die ihn
von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden in
Tübingen, der Stätte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im lieben
Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen
Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte ihn jetzt
in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tübinger Gelehrten
unternommene kühne Forschungsreise durch den Ätherraum, die Qualen des
monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres
kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im
Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick . . .
Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie
und Moralphilosophie an der Universität Tübingen, strich sich mit der Hand über
die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller Traum, der ihn
neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde, die ihrer Nähe wegen
so viel größer erschienen und in Wirklichkeit doch so viel kleiner waren als der
Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon ihre wunderbare Schönheit
staunend betrachtet und sich doch nicht satt daran gesehen. Und dort jener
besonders helle, rötlich strahlende Stern — das war die Erde, die ferne Heimat.
Fridolin Frommherz nickte dem Sterne zu.
„Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob
ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren. Hätte ich
mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders! Nein, wirklich, ich
konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir den Weg gefunden! Dachte
ich zurück an all das Erdenelend, die Lüge, den Eigennutz, den rohen Kampf
ums Dasein, — mir graute vor einer Rückkehr in so barbarische Verhältnisse,
nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren Höhe ich früher kaum geahnt
hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier auf dem Lichtentsprossenen, wie
die Marsbewohner ihren Planeten so schön nennen! Im Lichte will ich leben,
nicht im Erdendunkel!“
Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches nicht bemerkt,
daß sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf
seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: „Nun, mein
Freund, schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung?
Quält dich das Heimweh nach der Erde?“
„Nein, nein!“ beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. „Hier will ich
leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger Eran, ist das Paradies!“
„Nun,“ meinte der Alte mit feinem Lächeln, „etwas scheint dir doch im
Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses auffallende
Meiden deiner neuen Brüder? Wie gern weiltest du früher, als deine
Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem
Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe läßt.
Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?“
Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten, die beiden
eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene Greis im silberweißen Haar, mit
dem edel geformten Antlitz, und der kaum halb so alte Erdensohn mit den
weichen Zügen. Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem
Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide trugen das lange,
weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen Schrittes näherten sie sich
Lumata, der Stadt, der Eran als Ältester vorstand.
Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er beklommen: „Du
selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen, daß du mein Hierbleiben
nicht billigtest. Aus den Blicken deiner Genossen las ich dasselbe Urteil. ‚Ein
jeder gehört an den Platz, an dem er etwas zu leisten vermag,‘ sagt ihr. ‚Man lebt
nicht sich allein, sondern auch der Gesamtheit.‘ Ihr münztet diese Worte auf
mich und die Erde und fandet es unrecht, daß ich meine Freunde allein ziehen
ließ. Ich aber hatte nur den einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein
nützliches Glied eurer Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu helfen
wollte!“
„Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit, die dir fehlt,“
erwiderte der Greis. „Aber hast du uns denn bisher darum angegangen?“
„Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola, an den Hauptsitz
eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben zu berichten. Von dort aus
hoffte ich mein künftiges Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber
verflossen. Noch weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in euern
Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und dieses tatenlose
Dasein auf meiner Seele.“
„Die Antwort aus Angola ist eingetroffen. Um dir dies mitzuteilen, habe ich
dich aufgesucht.“
Mit einem Ruck blieb Fridolin Frommherz stehen. Lebhaft wandte er sich
dem Greise zu, als er fragte: „Und wie lautet diese Antwort?“
„Du möchtest nach Angola kommen.“
Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. „Ist das alles? Braucht man fünf
volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft zu senden?“ wollte er sagen, aber
er besann sich eines Bessern und schwieg. Wenn die ernsten, ehrwürdigen
Greise, die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der Alten, die
oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas taten, so war es
wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte kein Mäkeln. Zu deutlich aber
malte sich die Enttäuschung in seinen Zügen.
„Wir werden schon morgen früh reisen,“ sagte Eran freundlich.
„Du begleitest mich?“ fragte Fridolin Frommherz voll Freude.
„Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun aber
komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben bereits
Lumata wieder erreicht.“
In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser der Stadt vor den
nächtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern
vereinzelt inmitten wohlgepflegter Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden
Blumen und Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer
Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig und hatten
flache Dächer.
„Gute Nacht, Freund Fridolin!“ sagte Eran, als sie dessen Behausung erreicht
hatten und die breiten Marmorstufen zur säulengetragenen Vorhalle
emporstiegen. „Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist
weit.“
„Gute Nacht, Eran! Hab’ Dank!“
Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn
wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das quälende Unbehagen, das ihn in
den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer
wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher
gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren der Tübinger Universität. ‚Die sieben Schwaben‘ hatten sie sich oft im Scherze
genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen, ein Schwabe
hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch erst eine Reise
außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben waren als die Ersten
mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten als die ersten
Erdgeborenen den weiten Ätherraum durchfurcht und waren nach unendlicher
Mühsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten zwei Jahre
im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom Pflichtgefühl getrieben, die
Heimreise angetreten, einer hatte den Drückeberger gespielt, und dieser Eine war
er, war Fridolin Frommherz.
Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder
an demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich
unrecht getan? War es denn nicht verständlich, daß er solchen paradiesischen
Zuständen, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen, gefunden, die
Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig etwas an seinem
Herzen?
Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte, war Eran mit
den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den
scheidenden Erdensöhnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum
Abschied gedrückt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus
Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden. Erst als die Taue
gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente schwebte,
war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl zuzuwinken. War das
recht gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem Gedanken ins Gesicht
stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage.
Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen,
aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich, wie er
mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in
respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen
anzuschließen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des
Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war auch die Erkenntnis
in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung als einzelner Erdensohn zu den
Marsiten eine Änderung erfahren müsse, daß es nicht bleiben könne, wie es
früher gewesen war, als noch seine Gefährten hier oben wandelten. Aber welcher
Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte er sich keine Antwort darauf zu
geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten wieder freundlich und herzlich
entgegengetreten. Aber in den fünf Monaten, die zwischen damals und heute
lagen, war ihm doch allmählich der Unterschied gegen früher klar geworden: es
war nicht mehr dieselbe Achtung, die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte ihm jeden Genuß trotz der Freundlichkeit
und Güte, womit ihn Eran und die Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn
nie mehr lange im Hause. Planlos rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine
täglichen Ausflüge dehnte er immer weiter aus und ging den Marsiten so viel
wie möglich aus dem Wege, obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrübt
über seine seelische Verstimmung, die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht
aus Angola hatte er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach
Beschäftigung. War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die
Weiterführung der Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe. Mars brauchte zu
seiner Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also
etwas länger, noch länger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei
Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch nach
einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und seine Langweile
wurde dadurch in keiner Weise vermindert.
Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische
Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte?
Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich
fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Träumen
durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im pfeilschnell
durch den Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und Erde die
krausesten Dinge erleben ließen.