Vom Mars zur Erde

Albert Daiber · Kapitel 6 von 14

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Vom Mars zur Erde

Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen.

Viertes Kapitel.

 

Getäuschte Hoffnungen.

 

In das Stilleben des Bentanschen Heimes brachte der Besuch eines jungen

Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine Abwechslung, die besonders von

Benta angenehm empfunden zu werden schien, wenigstens glaubte dies

Frommherz, nicht ohne eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman,

mit dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer

wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach langer

Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung

zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit am Zentralsitze der Weisen

wohnte er, einer Einladung Bentans folgend, bei diesem.

Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn der Schwabe im

geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug von Neid bezeichnete, war dem

alten Gaste des Hauses sofort mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen

Herzlichkeit entgegengetreten, die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt

eigen war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und klar. Er war ein

Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches Wissen, gepaart mit jener echten

Bescheidenheit, die nur das Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte Orman

besonders sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin Frommherz

vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta, die strahlend schöne

Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen wären. So aber empfand der

Erdensohn Ormans Anwesenheit als eine gewisse Gefahr für sich selbst.

Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so fiel die Prüfung

leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen von der geradezu

imponierenden Bildung des Marsiten. Das Schwabenalter hatte Fridolin

Frommherz seit kurzem glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim

gründen, so durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte erst

mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere Form

angenommen, und aus diesem Gedanken heraus wuchs noch ein zweiter: durch die Heirat mit einer Marsitin sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht auf

dem Lichtentsprossenen zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die Quere

kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts einwenden ließ!

So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und Orman beobachtete, er

konnte nicht das geringste entdecken, was seiner Eifersucht irgend welchen

Schimmer von Berechtigung hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich

verkehrten die jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen,

als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch um einen Ton wärmer,

herzlicher gehalten sei als gegen ihn: ein qualvoller Zustand für ihn, der zum

ersten Male in seinem Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden

war. Diese heimliche Liebe — denn daß es eine solche sei, wurde Frommherz

schließlich klar — machte ihn halb krank und raubte ihm die Lust zu jeglicher

ernsten Arbeit.

Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen Umständen tun

oder unternehmen solle. Aber kaum war eine Idee gefaßt, als eine andere neue

die alte erste wieder umstieß. Nur so viel stand für den Gelehrten fest: solange

Orman im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit dem

ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine Abweisung holen,

womit er ja möglicherweise auch zu rechnen hatte, nun wohl, so wollte er sie

erst nach Ormans Abreise einstecken. Er wollte sich wenigstens vor Orman nicht

lächerlich machen.

Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst der Zeit und seine

Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit. Frommherz atmete ordentlich

erleichtert auf. Nach und nach fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit

wieder und mit ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt

Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache zu suchen. Und

auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine passende Gelegenheit finden

lassen, die dem Erdensohne erlaubt hätte, mit Mut und Zuversicht seinen

Wünschen lauten Ausdruck zu verleihen.

Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden ungünstigen

Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans ganze Aufmerksamkeit in

Anspruch genommen und ihn auch den etwas veränderten Gemütszustand seines

Gastes während Ormans Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan

selbst viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen der

Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz in Angolas sonst so

stillen Straßen und Plätzen herrschte seit einiger Zeit ein regeres Leben als je. So

verschob Frommherz sein Anliegen von einer Woche zur andern und suchte

durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben.

Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte auf seine Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den Mut fand, in eigener Sache

handelnd vorzugehen. Eines Abends, nachdem schon Monate seit Ormans

Fortgang verflossen waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die

Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta im besonderen zu

reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Die beiden Männer

saßen allein auf der Terrasse des Hauses und genossen den herrlichen Abend mit

seinem klaren, milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus in die

Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder durch das reizvolle Spiel

ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem er sich nun schon länger als fünf Jahre

auf dem Mars befand.

„Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben die Nacht!“ rief

der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend.

„Ich weiß und kenne nichts anderes,“ entgegnete Bentan lächelnd.

„Aber ich!“ antwortete der Schwabe. „Unsere Mondnächte auf der Erde bieten

nicht diese eigenartige Schönheit.“

„Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte. Unser Verdienst

ist es nicht, daß wir deren zwei haben.“

„Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll Licht, ja sie ergänzen

es in harmonischer Form. Am Tage das strahlende Licht der Sonne, in der Nacht

der milde, versöhnende, zur Ruhe förmlich einladende Silberglanz der Monde,

alles hell, licht wie ihr selbst!“

„Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine Schatten und seine

Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß es so eingerichtet ist,“ erwiderte

Bentan. „Ein gewisser Kampf ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der

Existenz eines jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller Entwicklung

und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar zugleich. Dieser

Kampf ums Dasein wird bald unseres Volkes ganze Kraft in Anspruch nehmen.“

„Des Wassers wegen?“ fragte Herr Frommherz.

„Ja, wie du weißt.“

„Ich sehe aber deshalb noch keine drohende Gefahr.“

„Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst, Freund Fridolin. Für

Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen Zuflüssen zum See, noch nicht

so empfindlich geworden wie an andern Orten unseres Lichtentsprossenen.

Trotzdem aber ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich wahrnehmbar.“

„Was wollt ihr aber in dieser Sache unternehmen?“

„Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,“ antwortete Bentan so

ruhig, als ob es sich um die einfachste Angelegenheit handelte.

„Das ist ja eine Riesenarbeit!“ rief der Erdensohn in ehrlichem Erstaunen.

„Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß tritt alles zurück. Wir alle ohne Unterschied des Stammes werden im Dienste der Allgemeinheit die

große Aufgabe zu lösen suchen.“

„Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es vermag, fühle ich

mich doch eins mit euch,“ bemerkte Frommherz.

„Du sollst uns dabei willkommen sein,“ erwiderte Bentan herzlich.

„Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen das Bürgerrecht

hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,“ hub Frommherz nach längerer

Pause zu sprechen an. „Ich möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite

angesehen werden.“

„Wirst du denn anders als ein solcher behandelt?“ Diese Frage Bentans

brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung.

„Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im Gegenteil. Nur

möchte ich, — ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken? Ich möchte in allem als

euresgleichen gelten.“

„Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten dich daher auch

schon lange als Mitglied der großen Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese

Worte befriedigen,“ entgegnete Bentan freundlich.

„Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen Wünsche.“

„Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.“

„Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.“

„Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies ja auch gewiß schon

damals deine Absicht, für immer bei uns zu bleiben, als du deine Brüder ohne

dich von hier fortziehen ließest,“ entgegnete Bentan mit eigenartiger Betonung.

„Das alles ist nicht das, was ich will. Ein Heim mein eigen nennen, in

Generationen fortleben . . .“

„Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin,“ begann Bentan ruhig,

als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden, in seiner Rede stockte. „Du

möchtest heiraten. Ist es nicht so?“

„Getroffen!“ gestand der Gelehrte, ordentlich froh, von Bentan so rasch

begriffen worden zu sein.

„Zu jung dazu bist du nicht mehr,“ warf Bentan lächelnd ein.

„Nicht wahr? Das finde ich ebenfalls.“

„Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen läßt. Du bist

ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe zu ihr. Was Lichtentsprossen

ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem verbinden, nicht mit Fremdem. Von

einem Durchbrechen dieser Auffassung verspreche ich mir persönlich nichts

Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung nehmen zu wollen. Prüfe

dich nochmals, und dann handle. Du weißt, daß bei uns keine materiellen

Erwägungen bei der Eheschließung mitsprechen. Bei uns hat die Frau eine vornehme und hohe Stellung in der Kultur gerade deshalb, weil sie sich

bescheidet, die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie denjenigen Mann,

dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und wahrhaftig wahlverwandt ist.

Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen Stellung wirbt bei uns der Mann um das

Weib. Dadurch ist bei uns die Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit

geworden, die sich sehr scharf von den ehelichen Zuständen der Erde

unterscheidet, über die, wie ich mich noch genau erinnere, als deine Gefährten

noch bei uns weilten, ihr uns hier in Angola Vortrag gehalten habt.“

„Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines Wunsches

unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube es mir, edler Bentan,

manche glückliche Ehen, die nach denselben oder doch ähnlichen Grundsätzen

geschlossen worden sind wie hier oben.“

„Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen. In dieser

Richtung sind mir eure völlig miteinander übereinstimmenden und vernichtend

lautenden Urteile allein maßgebend. Deine Brüder waren viel zu ernste und

wahre Männer, als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen

werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich von deiner Absicht

halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen bewahren. Es steht dir völlig

frei, nach Gutdünken zu handeln.“

Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die Wendung, die das

Gespräch genommen, sehr niedergedrückt. Er hatte auf eine Ermunterung, nicht

auf eine Ablehnung gerechnet; denn darauf liefen Bentans Worte doch hinaus.

Aber er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu Benta

verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde zu einer definitiven

Klärung bringen.

„Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich schon sehr an den

Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner Familie durch das Band der

Verwandtschaft in innigste Beziehungen gebracht zu werden, kurz, Benta als

Gattin erringen zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung

empfinde.“

„Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich frei und

rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich dir antworten. Benta will,

solange ich noch lebe, überhaupt nicht heiraten. Sie will durch die Pflichten der

Ehe nicht von der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden. Diesen Entschluß

hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon gefaßt gehabt, bevor

du in unser Haus kamst.“

„Wie gern würde ich warten,“ warf der Gelehrte ein.

„Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman als Gatten

wählen.“

„Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen,“ seufzte Frommherz.

„Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst meinen Rat und

verzichtest auf eine Verbindung mit einer Tochter unseres Volkes. Vielleicht

kommt einst noch die Stunde, wo du froh darüber sein wirst, über deine Person

und deine Zukunft frei verfügen zu können.“

„Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich schmerzhaft,“

erwiderte Frommherz wehmütigen Tones.

„Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der Selbstbeherrschung

wirst du über das Gefühl des Schmerzes rasch hinwegkommen. Du bist mir

sympathisch. In unserem Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese

Sympathie wird dir auch ferner von mir gewahrt werden.“

„Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede nicht mit Benta über

das, was ich dir vorgebracht.“

„Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich möchte nicht den

harmlos schönen Verkehr zwischen dir und meiner Enkelin stören, sondern mich

auch fernerhin an ihm erfreuen.“

„Ich danke dir,“ erwiderte der Erdensohn, ergriffen von der schlichten Größe

des Alten. Einer Regung des Herzens folgend, streckte er ihm die Rechte

entgegen, die Bentan innig drückte.

Damit war Fridolin Frommherz’ Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner

ganzen Kraft der Selbstüberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen

geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der

Segen der Arbeit half ihm über seinen Kummer weg.