Vom Mars zur Erde

Albert Daiber · Kapitel 11 von 14

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Vom Mars zur Erde

Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde.

Neuntes Kapitel.

 

Eine Station auf dem Monde.

 

„Wir haben Glück,“ sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich die kühnen

Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde näherten, „denn der Mondtag neigt

sich seinem Ende zu.“

„Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu landen?“ fragte Fridolin

Frommherz.

„Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.“

„Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens oder mittags

angekommen wären?“

„Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages! Vierzehn Erdentage

bilden einen einzigen Tag auf dem Monde, vierzehn weitere Tage eine einzige

Mondnacht!“

Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten. Eine solche

überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß er geblendet die Augen

schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes Glas, und nun war es den Augen des

Erdensohnes möglich, hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte

strahlende Mondlandschaft, über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen hohe,

schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze

Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden Lichte doppelt schwarz

erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten ihm aus Riesenkratern entgegen,

aus deren Tiefe sich wiederum ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da türmten

sich Gipfel an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler, übergossen

vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz und mit

schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe ihresgleichen nicht hatten.

Vergeblich aber suchte das Auge nach einem Tropfen Wasser, nach einer Spur

von Grün.

Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit großer Sicherheit landete es auf einer weiten, sandigen Fläche. Zaran brachte sechs eigentümliche,

vollständig durchsichtige und doch äußerst feste, glockenartige

Kopfbedeckungen herbei. Fridolin Frommherz stülpte die seine, dem stummen

Beispiele der Marsiten folgend, über den ganzen Kopf bis zum Halse, wo sie fest

geschlossen wurde.

„Wozu das?“ wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt Zeit, ihm Auskunft zu

geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür und betrat als Erster den Boden, auf

dem noch kein Wesen geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen. Alle beteiligten

sich an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch schien es Fridolin

Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig sein. Immer wieder

prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte bald da bald dort. Auf dem

Lichtentsprossenen war es anders gewesen. Weder Landung noch Festlegen hatte

da bei Luftschiffahrten besondere Schwierigkeiten verursacht. Keiner der

Marsiten sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine Kette klirren, keinen

Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge, die doch in voller

Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte, eine Stille, die unheimlich

war und bedrückte. Der Erdensohn sah sich um. Da wölbte sich über ihm ein

dunkler Himmel, schwarz wie Tinte, wolkenlos, darin brannte eine Sonne, die er

selbst durch sein geschwärztes Glas kaum zu betrachten vermochte, und neben

der Sonne standen Tausende von glänzenden Sternen, die trotz Sonnenglanz am

schwarzen Himmel funkelten. Und ein großer, dunkler, von hellem Lichtrande

umgebener Körper hing am Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so

groß muß sie, vom Monde aus gesehen, sich ausnehmen wie der Vollmond, von

der Erde aus betrachtet!

„Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die Sterne am Tage

sichtbar!“ sagte Fridolin Frommherz zu den Marsiten, die endlich ihre Arbeit

vollendet zu haben schienen. Merkwürdig gedämpft klang ihm die eigene

Stimme entgegen. Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war Totenstille

rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte sich kein Lufthauch, da

plätscherte kein Bach, da schwirrte kein Vogel, da summte kein Käfer; lautlos

waren die Tritte der Menschen, die hier gingen. Die Sonne brannte, und nichts

milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der Boden eisig kalt, seine

Temperatur unter Null Grad.

„Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt ist?“ fragte der

Erdensohn.

Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt mit Messungen und

photographischen Aufnahmen beschäftigt waren, schienen seine Worte gar nicht

gehört zu haben. Keiner der sonst so freundlichen Männer wandte sich nach ihm

um. Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am Ärmel. Der Marsite wandte das

Gesicht dem Erdensohne zu und neigte sich so weit zu ihm, bis seine

glockenartige Kopfbedeckung die Fridolins berührte. Dann fragte er freundlich:

„Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen?“

„Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt

ist; aber keiner von euch antwortete mir.“

„Weil wir deine Frage nicht hören konnten,“ sagte Zaran lächelnd.

„Ihr konntet nicht?“

„Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine Atmosphäre hat, und

wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden.“

„Selbstverständlich!“ sagte Fridolin Frommherz; „das kam mir augenblicklich

gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.“

„O ja,“ lächelte Zaran, „durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich

langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich

meine Glocke mit der deinigen in Berührung bringe, trägt mir die darin

eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist aber

nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut über die

Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft

beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist, die die

Sonnenhitze zurückhält, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch Seltsames auf

dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem Mangel an Luft.“

Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der

Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben der

Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glühte die Sonne so heiß, waren

die Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein Tropfen Wasser

in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod überall.

Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu verstehen, daß man

den nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darüber.

Es war ein Riesenkegel, nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu

dreitausend Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen,

ohne Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat,

der höchstens noch für fünf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie

leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern, beschleunigter

Herztätigkeit, mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in kühnem Sprunge

genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne Atmosphärendruck;

das eigene Gewicht war so verringert, daß er die mächtigsten Felsen ohne Mühe

erklomm. Riesenblöcke hob er mit den Armen hoch wie kleine Holzstücke, und

als er seinen schweren goldenen Chronometer aus der Tasche zog, war die Uhr

leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so viele Schwierigkeiten hatte: es war

auf dem atmosphärenlosen Monde zu leicht.

Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen

Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da gab

es keine Feuersäule, keinen Aschenregen, keine flüssige Lava, keine

dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten

Außenkruste hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben!

Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Kälteschauer

durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von Wärme,

den der Mond während seines langen Tages aufgenommen, strahlte hinaus in den

eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher schon unter dem

Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum mehr zu stehen. Sirian

gab das Zeichen zu raschester Rückkehr. Fast plötzlich, ohne jede

Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang, war die

Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem Glanze

leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne zu sein

schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so wunderbar herrlich,

daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der Mondlandschaft mit hellem Glanze

übergossen schien.

Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende kleine

Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die Marsiten

atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung zwischen ihnen

und dem toten Monde immer größer wurde.

Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein —

ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit — als das Luftschiff der Marsiten so

langsam und vorsichtig wie nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat. Langsam?

Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch fünfundzwanzig

Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die Reibung beim Eintritt in die

Atmosphäre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die gehemmte

Bewegung setzte sich in Wärme um. Glücklicherweise ließen die

Isoliervorrichtungen nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige

Hitze strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen, dünnen

oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder

vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In einer

Höhe, wo die Luftdichtigkeit ungefähr der geringen Dichte der Marsatmosphäre

entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen, über welchem

Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner Heimat Schwaben,

womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen. Die Dunkelheit der

Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der Erdoberfläche unmöglich. Der grauende Morgen erst würde ein Umsehen gestatten. Die Luft war

unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das Luftschiff befand,

merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt das Fahrzeug von wilden

Schwankungen erfaßt, erst hin und her und dann mit einem heftigen Rucke tiefer

herabgerissen. Es war, als stieße es ringsum an schwere Gegenstände an.

„Was ist das?“ fragte Fridolin Frommherz erschrocken.

„Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie jetzt das unheimliche

Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in schwarzer

Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir Marsiten es noch

nie erlebt haben.“

Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes plötzlich,

von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt zuckte ein

rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein fürchterlicher

Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz erloschen war. Blitz

auf Blitz zerriß nun die Wolken, die sich in schweren Regen auflösten, so daß

die elektrischen Funken vom Wasser knisterten.

Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das marsitische Luftschiff,

fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn Sirian das Steuer

berührte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten über seine Hände.

Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen,

folgten die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen

Gewitters. Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Höhe, in die obersten

Luftschichten. Hoch über dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis der

Sturm sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen die Blitze

feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem

Feuermeere. Plötzlich aber war es über die Wetterwolken emporgekommen.

Unter ihm lagen die wildstürmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die Blitze

hinüber und herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel in

mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die

sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schöner kaum gedacht

werden konnte, und die Marsiten freuten sich über das Erlebnis.

„Sieh, mein Freund,“ sagte Sirian zu dem Erdensohne, „du hast in den

vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein einziges

wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen kommen wohl

auch in unserer dünnen, wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch was sind sie

im Vergleich mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese herrlichen

Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers bergen sie!

Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre! Ihr bißchen

Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und Schneefall — aber

hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen Regen und Schnee nicht

vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem zarten Nebel herab? Hätten wir

eure Wolken, wahrlich, wir hätten unser Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.“

Fridolin Frommherz nickte.

„Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft,

den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, — aber du hast recht, die Erde mit ihren

Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.“

„Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und es

wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es jetzt,

sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht nur der letzte

Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft verschwunden, und der starre

Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen. Und abermals schwinden die

Jahrmillionen, — dann seid auch ihr nicht mehr; andere Gestirne und andere

Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. — Doch nun laßt uns wieder zur

Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt! Lautlos und ruhig schwebt das

Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten Atmosphäre.“

Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen Stunden, beim

ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden.