Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Bernhard Kellermann · Kapitel 10 von 27

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Yester und Li, Die Geschichte einer Sehnsucht

Kapitel IX

 

Nachdem die ersten Wogen des Glückes zurückgeebbt waren, fand Ginstermann

die Kraft, sich zu fassen. Das vibrierende Wonnegefühl, das sein ganzes Wesen

durchzitterte, löste eine still-übermütige Stimmung in ihm aus.

Seine Seele hielt inne in dem ekstatischen Tanz und versank in einen Zustand

köstlicher Ruhe, durch die die Zuversicht auf etwas Herrliches schimmerte.

Er kam sich vor wie einer, der nach einer wahnsinnigen Jagd, gepeitscht von

der Furcht, sein Ziel zu verfehlen und in grausigen Wäldern zu verkommen, die

Zinnen der ersehnten Stadt in der Abendsonne zu seinen Füßen leuchten sieht.

Gemächlich ließ er sich vom Strom der Menschen treiben.

Es schien ihm, als sehe er mit neuen Augen, hörte er mit neuen Ohren, seien

alle seine Sinne verändert, wie die Sinne eines, der lange Zeit in einem stillen

Zimmer krank gelegen. Gewohnt täglich, in jeder Minute Nahrung zu sich zu

nehmen, stürzten sie sich heißhungrig auf alles, was sie umgab. Aber unterhalb

dieser Flucht von Eindrücken zogen unaufhörlich stille, sanftfarbene Bilder

durch sein Inneres, halb unbeachtet, und es kam vor, daß Menschen und Häuser

plötzlich ihre Körperhaftigkeit verloren, und er durch sie hindurch in ein

Traumland blickte.

Der Regen hatte mit einem Male aufgehört, nachdem er die Menschen den

ganzen Tag über gelangweilt hatte, und die Sonne schüttete noch im Sinken

Hände voll blitzender Funken über die Stadt. Eine ungewöhnlich gespenstische

Beleuchtung herrschte, gleich dem Leuchten auf dem Antlitze eines Sterbenden.

Die Leute gingen alle mit gelb-durchscheinenden Gesichtern, deren Wimpern

sprühten, einher, wie Wesen, die ein Zauber für einige Stunden dem Dasein

zurückgibt. Diese magische Lichterscheinung schien auf ihre Bewegungen, auf

ihre Stimmen zu wirken, und nur die stumpfen Nerven der Arbeiter und Greise

blieben unberührt von diesem Einflusse, dem sich selbst Pferde und Hunde nicht

entziehen konnten, mit ihrem alltäglichen Gebaren den Zauberspiegel in Stücke

schlagend.

In den Hauptstraßen gab es nahezu ein Gedränge, so viele Leute hatte das

Verlangen herausgetrieben, noch einen Schluck dieser kristallklaren, kräftigen

Luft zu erhaschen.

Die Wagen glitten pfeilschnell vorüber, und das Prasseln der Pferde, die stramm in den Zäumen gingen, verschwand ebenso unvermittelt, als es

auftauchte. Als wären sie auf Wiesengrund eingebogen. Die elektrischen Cars

schossen wie die losgekoppelten Wagen eines Zuges in Abständen

hintereinander her, den Strom des Verkehrs für Augenblicke in zwei Arme

teilend. In den Magazinen brannten die Lampen und zogen unwillkürlich den

Blick der Passanten auf die ausgebreiteten Herrlichkeiten. Blasse Gesichter mit

verblasenen Schatten unter den glänzenden Augen wanderten durch den

Lichtschein.

Aus dem Panoptikum tönte das atemlose Tschin-tschin des Automaten, laut,

seelenlos und jäh abbrechend, als habe man für einen Moment die Türe eines

Vergnügungslokales geöffnet.

Ginstermann lächelte in der Erinnerung daran, daß er vor drei Jahren an dieser

mit Plakaten beklebten Türe gestanden und den Vorbeieilenden mit

verbindlichem Lächeln die grellbunten Zettel in die Hand gedrückt habe.

Er trat in einen Laden, um sich eine Tüte Datteln zu kaufen. Das Fleisch der

süßen Früchte zwischen den Zähnen zerreibend, die Steine aufs Pflaster

schnellend, nahm er promenierend sein Abendbrot ein.

Plötzlich entstand über den Häuptern der Menschen ein kurzes Knistern und

Prasseln, die Bogenlampen sprühten auf. Eine ungeheuere Reihe leuchtender

Perlen hing aus dem düsterblauen Himmel herab, ein glitzerndes Gewebe von

Licht über Häuser und Menschen werfend.

Die Szenerie veränderte sich dadurch mit einem Schlage.

Die Gebäude schienen gewachsen zu sein, einige glichen Ruinen mit

mächtigen Breschen darin, andere wieder erweckten den Eindruck, als seien sie

aus ihrer Starrheit erwacht und machten Miene, die Straße hinabzuwandern.

Die Menschen, infolge des phantastischen Abendleuchtens in stille

Schwärmerei versunken, sprühten nun laute Fröhlichkeit. Sie lächelten alle,

selbst dann, wenn sie nicht lächelten. Sie gingen zu Paaren, in Gruppen, einig in

dem Vorsatze, den Abend lustig zu verbringen. Herren und Damen gingen Arm

in Arm einher, eifrig plaudernd. Sie sprachen zumeist von nichtigen Dingen,

aber es war ja wohl mehr die Freude des Sprechenden, zu diesen Ohren sprechen

zu können, und mehr die Freude des Lauschenden, diese geliebte Stimme zu

hören, als die nichtssagenden Dinge selbst, was diese Einmütigkeit hervorrief.

Sicherlich stand ihnen allen noch ein besonderes Glück in Aussicht, ein Kuß im

Hausflur, ein abendliches Zusammensein.

Die Leute sahen ganz anders aus als vor wenigen Minuten. Es war, als seien

sie rasch zu Hause gewesen, Toilette zu machen. Man sah überall frisch

gewaschene Gesichter, schneeweiße Kragen und Lackschuhe. Die Bewegungen

erschienen vornehmer, theatralisch nahezu bei aller Unbefangenheit.

Der Lärm der Wagen wurde sonderbar, Rufe, Schreie, Gepfeife geheimnisvoll.

Man bezog alles auf sich, wenngleich es weitab hörbar war.

Dazwischen bemerkte Ginstermann ein Gesicht, das ihn interessierte. Ein

originelles, stolzes Antlitz, in dem ein intensiver Denkprozeß, ein tiefes

Seelenleben so lange gearbeitet hatten, bis Vater und Mutter darin zurücktraten,

und ein neuer Mensch hervorkam, ein Adam sozusagen. Solche Leute hätte er

gerne angesprochen.

Eine Frau ging am Arme ihres Mannes vorüber, mit einem transparenten

Gesichtchen, blauen, hellgewaschenen Augen voll träumerischen Sinnens. Sie

war guter Hoffnung. Der Blick der beiden begegnete sich, und Ginstermann

erkannte, daß es wunderbar feine Menschen waren. Er wähnte ihre Seelen

klingen zu hören, als sie sich ansahen.

Heute hatte er die Fähigkeit, die Herzen der Menschen unter den Kleidern zu

sehen. Traum war es und Sehnsucht, Kampf und Liebe, was er darinnen sah. Er

erblickte sich selbst in ihnen. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erfüllte ihn,

wie nie zuvor. Wie ein Stückchen Holz unter anderen Spänen die Bewegung der

Welle, die sie trägt, mitmacht, schien er alle Bewegungen dieser tausend Seelen

mitzumachen. In der Einsamkeit seines Zimmers, der Abgeschiedenheit seiner

Gedankenwelt war dieser Kontakt gelockert worden und nun, da ein Erlebnis

sein einigermaßen vernachlässigtes Gefühlsleben befruchtet hatte, verstand er

die Sprache wieder, die dieser Spiegel zu ihm redete.

Im Begriffe, seiner Behausung zuzusteuern, bemerkte er ein kleines

Hündchen, dessen possierliche Art zu laufen ihm auffiel. Es lief wie ein kleines

Maschinchen, und man hätte glauben können, es bewege sich in drolliger

Absicht nicht schneller vom Platze, während es die Beinchen wie verrückt

bewegte.

Eine Dame ging neben ihm her. Es war Fräulein Scholl.

Ginstermann überschritt die Straße und rief sie an. Sie wandte sich mit einer

drehenden Bewegung um, als befände sie sich auf dem Eise. Sie entdeckte ihn

nicht sofort.

„Ach, Sie!“ rief sie dann mit vergnügtem Lachen, ihm die Hand

entgegenstreckend, viel höher, als es nötig gewesen wäre.

Ihr Puppengesichtchen strahlte, und sie schüttelte Ginstermanns Hand, als

seien sie langjährige Bekannte. Sie war braun in braun gekleidet. Brauner Hut,

braunes Kostüm, dazu kamen noch ihre mattbraunen Haare und ihre Augen von

altgoldener Farbe. Das sensitive Auge eines Malers schien diese Nüancen

zusammengestimmt zu haben.

Ginstermann erkundigte sich, wo sie denn die letzten Wochen gesteckt habe.

„Ich bin in Berlin gewesen,“ sagte sie, den Berliner Jargon nachahmend.

Das gab sofort Stoff zur Unterhaltung. Sie erzählte ihm von der Hin- und

Rückfahrt, von all den harmlosen Abenteuern und Erlebnissen eines jungen

Mädchens. Häufig lachte sie in der Erinnerung an diese Begebenheiten,

Ginstermann im Unklaren lassend, was ihre Heiterkeit derart erregte.

Er hörte ihr gerne zu. Ihre unvollständigen Sätze, ihr Lachen, die dazwischen

geworfenen Berliner Redensarten belustigten ihn. Es war komisch zu

beobachten, wie sie, mitten in ihrer Heiterkeit sich an die Würde erinnernd, die

eine junge Dame zu bewahren hat, plötzlich ihr Lachen dämpfte, ihre

Bewegungen überwachte und in korrekten Sätzen sprach.

Ihr Wesen war voll kindlicher Anmut und jener am Tage liegenden

Fröhlichkeit, wie sie Menschen besitzen, die das Leben nur von der sonnigen

Seite kennen und infolge ihrer optimistischen und wenig polemischen

Veranlagung auch nie dazu kommen, seine dunklen Seiten zu erfassen.

Allmählich verstand es Ginstermann, das Gesprächsthema auf ihn mehr

interessierende Gegenstände zu lenken.

Er fragte, ob sie ihre Freundin schon besucht habe.

„Natürlich doch,“ entgegnete sie, „gleich am Montag.“ Und ihn anblickend,

setzte sie hastig dazu: „Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Sie gesehen, Herr

Ginstermann.“

„Mich?“

„Ja, Sie standen am Siegestor und studierten die Skulpturen.“

„Nein, niemals. Montag? Da bin ich gar nicht hier gewesen, Fräulein.“

Sie lachte ungläubig und sagte, sie könne ihren Kopf wetten. Sie habe auch

geklingelt — sie war zu Rad — aber er habe nichts gehört.

Es wäre wirklich schade um ihren Kopf.

Aber, sie würde ihn auf keinen Fall verlieren.

Eine Weile stritten sie sich wie die Kinder.

Sie gingen die Ludwigsstraße hinunter, die noch länger aussah als am Tage.

Die elektrischen Lampen hingen in endloser Reihe, riesigen glühenden Tropfen

gleich, die an den Drähten entlang rollten.

Ginstermann brachte alles mögliche aufs Tapet, wofür sich seine Dame

interessieren konnte. Sie sprachen von Kleidern, Theater, Literatur. So gut er

konnte, paßte er sich ihrem Gedankengang an und vermied es, sie auf

irgendwelche Irrtümer aufmerksam zu machen, so unangenehm sie ihn auch

berühren mochten. Es wäre ihm als ein Verbrechen erschienen, diese

Mädchenseele durch Aufklärungen in Unruhe zu versetzen. In früheren Zeiten

hielt er dies für seine Pflicht. Sie fand alles wunderbar und entzückend, und nur

das wirklich Wertvolle, das fand sie langweilig und verrückt. Dazwischen

äußerte sie wiederum Anschauungen, die zu ihren früheren in direktem Widersprüche standen, Splitter aus dem Geistesleben anderer, die an der

Oberfläche ihres Geistes haften geblieben waren.

Hin und wieder warf er eine Frage ein, die sich auf Fräulein Schuhmacher

bezog. Er erhielt stets bereitwillig Auskunft. Schließlich machte er einen wahren

Sport daraus, von jedem nur immer geeigneten Punkte des Gespräches auf die

Freundin überzuspringen, sich und seiner Begleiterin ein wenig Komödie

vorspielend. Auf diese Weise erfuhr er, daß sich die Mädchen in Berlin kennen

gelernt hatten, daß Fräulein Schuhmacher aus Hamburg stammte, wo ihr Vater

eine große Möbelfabrik besaß, daß ihr Bruder Offizier in Berlin sei, daß sie bei

schönem Wetter alle Morgen nach Schleißheim radelten, und eine Menge

anderer Dinge. Es machte ihm Freude, von der Geliebten zu hören, andererseits

bereitete es ihm Vergnügen, zu sehen, daß die Harmlosigkeit seiner Begleiterin

seine Absicht nicht bemerkte, obschon er in seiner übermütigen Laune so weit

ging, jede Frage mit den Worten: was ich noch fragen wollte, einzuleiten.

Am Ziele angelangt, plauderten sie noch eine Weile im Hausflur.

Ihre Stimmen hallten leicht, als sprächen die Wände mit, und wenn Fräulein

Scholl in ihr herzliches Lachen ausbrach, so schien dieses Lachen nach geraumer

Zeit wieder durchs Stiegenhaus herabzukommen. Am Treppenpfosten brannte

eine elektrische Lampe, eine Laterne vorstellend, an der der bekannte

Savoyardenknabe lehnte, dieser Fratz mit seinem Glimmstengel im Munde. Die

Wände schmückten Stuckkartuschen, ausgefüllt mit Amoretten, die

Blumengirlanden hielten. Eine Putte in so unglücklicher Lage, daß man

befürchtete, sie könne jederzeit aus dem Rahmen fallen und sich den Kopf an der

Kante des Gesimses entzweischlagen.

„Zum Abschied“, sagte Ginstermann, „sollten Sie mich eigentlich noch Ihrem

Hündchen vorstellen, Fräulein Scholl.“

Sofort einverstanden damit, machte sie die Herrschaften mit tänzelnder Grazie

bekannt: „Herr Ginstermann — Fräulein Bijou.“

Ginstermann lüftete den Hut und machte seine Verbeugung.

Fräulein Bijou kläffte: wä! und machte Miene, auf Ginstermann loszufahren,

eifersüchtig und wütend über die lange Vernachlässigung.

Darüber lachten beide, daß das ganze Treppenhaus mitlachte.

Fräulein Bijou kläffte und umkreiste, auf drei Beinen hüpfend und mit dem

Schweife wedelnd, die Lachenden.

Seine Herrin nahm es auf den Arm und drückte es zärtlich gegen die Wange.

„Eine gescheite Dame“, sagte Ginstermann, „sehen Sie nur das Gesichtchen.

Ja, ein wirkliches Gesicht! Moderner Hund, neurasthenisch, das Geschlecht

gehört seit Jahrhunderten zur Aristokratie.“

Er nahm den Hut ab, um sich zu verabschieden.

„Ach, Sie wollen schon gehen?“

„Ich kompromittiere Sie ja.“

„Sie kompromittieren mich nicht im mindesten. Tante ist verreist, und mein

Bruder kommt nie vor 1 Uhr nach Hause. Er kneipt immer. Es würde ihm rasend

Spaß machen, Sie kennen zu lernen. Wollen Sie Ihren Tee bei mir nehmen, Herr

Ginstermann, ja?“

Dabei sah sie ihn bittend an.

In diesem Augenblick liebte er sie wirklich. Den Ausdruck des Erstaunens

über diese Einladung verbergend, erwiderte er: „Ich muß leider ablehnen. Danke.

Ich muß an meine Arbeit. Zu Hause bei mir sitzt einer, der es nicht erwarten

kann, seinen Kopf zu verlieren im dritten Akt.“

Sie setzte das Hündchen ab und reichte ihm die Hand.

„Nun denken Sie wohl schlimm von mir, weil ich Sie einlud, mit

heraufzukommen?“

„Da müßte ich in erster Linie schlimm von mir selbst denken.“

Sie verstand nicht sofort, dann sagte sie:

„Nun ja, wenn Sie arbeiten wollen —“

Sie blieb noch immer stehen, drehte den rechten Fuß auf dem Absatze und

stichelte mit der Schirmspitze nach der Fußspitze.

„Adieu,“ sagte sie dann schnell, in dem Wunsche, heiter zu erscheinen wie

vordem, und gab ihm nochmals die Hand, die er herzlich drückte.

Sie war rund und kurz, heiß.

„Adieu, Fräulein Scholl und nochmals Dank für Ihre liebe Einladung.“

Fräulein Scholl sprang rasch die Treppe hinauf.

Bijou rannte aus der Türe und kläffte Ginstermann nach. — — — — — — —

— — — — —

Ginstermann ging nach Hause, setzte sich an den Tisch und schrieb:

 

Das Herz.

 

Da war ein Mann, vor langer Zeit. Habuck hieß er, das ist: der Gestorbene. Er

war bleich, weiß wie Zucker sein Gesicht, seine Hände. Seine Augen waren

dunkel wie Kohlen, seine Lippen schmal, von bläulicher Farbe. Ein Lächeln

umkräuselte sie, scharf wie Gift. Sah er Kinder an, so begannen sie zu schreien,

blickte er junge lachende Mädchen an, so weinten sie und trauerten ihr ganzes

Leben. Er ging durch die Straßen und lächelte. Da wurden alle Menschen

stumm, als sei ihr Herz entzweigesprungen.

Sein Lächeln, das sagte: Weshalb lacht ihr?

Einmal kam er durch ein Dorf, da tanzten sie unter der Linde. Er ritt auf einem mageren, starken Pferde und ritt ganz langsam. Die Fiedel verstummte, und die

Paare standen erschrocken still. Niemand lachte mehr, niemand regte sich mehr,

sie standen wie gelähmt. Der Spielmann versuchte ein Liedchen anzustimmen,

da rissen die Saiten wie Zunder.

„Es ist Habuck!“ flüsterten die Mädchen und hüllten das Gesicht in die

Schürze.

Der Spielmann wackelte mit dem Kopfe und streckte die Zunge heraus. Man

kann ihn noch heute so sehen.

Habuck war ein Tyrann. Habuck wollte die Menschen knechten, wahnsinnige

Herrschsucht raste in seinem Gehirn. Seine Gesetze hingen gleich

zweischneidigen Schwertern zu Häupten des Volkes. Sein Stolz war so groß, daß

er sagte: Erdengöttlein, meine Schultern reichen bis an deinen Bart.

Er verbrachte die Nächte beim Wein und brütete, wie er das Lachen töten

könne, auf der ganzen Erde. Er schlief nie, er starb nie, er lebte ewig.

Oftmals raste er gegen sich selbst und nannte Gott einen Feigling, da er

unsichtbar mit ihm kämpfte. Dann warf er sich auf sein Pferd und durchritt die

Welt. Ohne Rast, ohne inne zu halten.

„Habuck kommt übers Feld,“ riefen die Leute und stürzten in ihre Häuser. Sie

krochen in die Betten und verstopften sich die Ohren, denn wer den Hufschlag

seines Pferdes hörte, in dem klang er fort, bis er irrsinnig wurde.

Eines Abends ritt Habuck über eine große Heide. Violett das Kraut, violett der

Himmel. Sturm ringsum und rasendes Wetter.

Am Waldesrand stand ein Weib, das auf ihn wartete.

Es stand mitten im Wege und wich nicht.

Habuck blickte es an, aber es wich nicht. Und sonderbar, sein Pferd blieb

stehen, als er über das Weib wegreiten wollte.

„Ich habe dir etwas zu geben,“ sagte das Weib.

Habuck fragte: „Was willst du?“

„Ich habe dir etwas zu geben,“ wiederholte das Weib und trat nahe an ihn

heran.

„Nimm es,“ sagte es, „ich habe es gefunden und bringe es dir. Du hast es

verloren, als du ein Knabe warst.“

Und als Habuck zögerte, warf sie es ihm in den Schoß und verschwand.

Er fand nichts in seinem Sattel und ritt weiter.

Der Sturm schwieg, das Wetter schwieg. Die Vögel begannen zu trillern im

Walde, es war spät in der Nacht.

Er kam an eine Schenke, stieg ab und trat ein.

„Wer bist du?“ fragten die Leute.

Niemand kannte Habuck mehr. —

Das schrieb Ginstermann. Es fiel ihm vorläufig nichts Besseres ein.